Brentano

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Biografie

Seite 2

             10. Jänner 1834

Wo schlägt ein Herz das bleibend fühlt?
Wo Ruht ein Grund nicht stäts durchwühlt,
Wo strahlt ein See nicht stäts durchspült,
Mutterschoß, der nie erkühlt,
Ein Spiegel nicht für jedes Bild
Wo ist ein Grund, ein Dach, ein Schild,
Ein Himmel, der kein Wolkenflug
Ein Frühling, der kein Vögelzug,
Wo eine Spur, die ewig treu
Ein Gleis, das nicht stäts neu und neu,
Ach wo ist Bleibens auf der Welt,
Ein redlich ein gefriedet Feld,
Ein Blick der hin und her nicht schweift,
Und dies und das und nichts ergreift,
Ein Geist, der sammelt und erbaut,
Ach wo ist meiner Sehnsucht Braut;
Ich trage einen treuen Stern
Und pflanzt' ihn in den Himmel gern
Und find' kein Plätzchen tief und klar,
Und keinen Felsgrund zum Altar,
Hilf suchen, Süße, halt o halt!
Ein jeder Himmel leid't Gewalt.
                              Amen!
 

                 14. Juli 1834

Ich weiß wohl, was dich bannt in mir,
Die Lebensglut in meiner Brust,
Die süße zauberhafte Zier,
Der bangen tiefgeheimen Lust,
Die aus mir strahlet, ruft zu dir,
Schließ mich in einen Felsen ein,
Ruft doch arm Lind durch Mark und Bein:
Komm, lebe, liebe, stirb an mir,
Leg' dir diesen Fels auf deine Brust,
                   Du mußt, mußt.

 

 20. Jänner [1835] nach großen Leid

Ich darf wohl von den Sternen singen,
Mich hat die Blume angeblickt,
Und wird mein armes Lied gelingen,
Dann wird vom Stern mir zugenickt.
       O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
        
Im Garten stand die frühe Waise,
Und senkt den Blick zum Blumenfeld
Die Sonne sank im Purpurgleise,
Die Sterne spannen aus ihr Zelt.
        O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
        
Mit euch wohl wagt ein Kind zu sprechen,
Ihr kennet mich und bin ich stumm,
Weil mir das kranke Herz will brechen,
Bringt ihr mich nicht mit Fragen um.
         O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
        
Ihr lieben Blumen still und innig
Ein Tröpfchen Tau, ein Licht, ein Hauch,
Ihr lieben Sterne klar und sinnig
Ein Strahl, ein Blick, ein Blitz, ein Aug'.
         O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
       
Und wie die Sterne heller blinken
Beugt Schatten sich aufs Blumenfeld
Und auch des Kindes Augen sinken,
Der Traum sie in den Armen hält.
        O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
       
Ihr Engel steiget auf und nieder
Bringt Sternenlust, bringt Blumenschmerz,
Und küßt die unerschaffnen Lieder
Und legt sie schlafen auf ihr Herz.
        O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
       
Und wiegt die tauberauschte Rose,
Im Dornenbettchen bald zur Ruh',
Und schließt dem Veilchen in dem Moose,
Die frommen Augen segnend zu.
        O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
       
Die Blumen all, die farbig prangen,
Sie waren bald nicht mehr zu sehn,
Die Nacht nahm ihre Pracht gefangen
Nur eine Schar blieb betend stehn.
       O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
      
Sieh dorten um die süße Linde
Steht eine reine Lilienschar,
Der Engel zeigte sie dem Kinde,
Sie leuchteten ganz wunderbar.
        O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
      
Der Engel sprach: mein Kind, o sehe,
Die Lilie unter Dornen dort,
Das Licht wird Fleisch, horch: »Es geschehe
Der Magd des Herrn nach deinem Wort! «
       O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
      
Die Lilie spinnt nicht, doch es webet
Aus ihr das Wort sich einen Leib,
Zur Jungfrau ist das Licht geschwebet,
Und Mutter Gottes ward das Weib.
        O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
      
Und als der Geist sie überschattet
Deckt rings die Nacht das Blumenfeld,
Der Lilie nur das Licht sich gattet
Das auf den Leuchter wird gestellt.
        O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
         
Die Lilie, die nicht zieht nicht schweifet,
Nicht fallen läßt und wieder such 
Die sehnend still zum Lichte greifet,
Sie fand das Licht und trug die Frucht.
        O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
         
So sprach der Engel zu dem Kinde
Und führt es zu der Lilie Licht,
Da kniet es nieder an der Linde
Und fand im Traum die Worte nicht.
        O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
         
Da sprach zum Kind die reine Lilie,
Die nie vorher gesprochen hat,
Wach auf, wach auf zu mir Emilie,
Sing mit mir das Magnificat.
        O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.

Ob sie es sang, ich kann's nicht sagen
Sie hat mich träumend angeblickt,
Es hat ihr Herz bei mir geschlagen,
Es hat ihr Haupt mir zugenickt.
       O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
           
Das kalte Wissen war ermattet,
Das milde Fühlen war erwacht,
Die Blumen waren überschattet
Emilie hat mich angelacht.
        O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.
           
Geh armes Lied und sag der Lieben
Es hat ein Herz zum Tode krank
Mich unter Tränen aufgeschrieben,
Und zagt, ich sei dir nicht zu Dank!
       O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid, und Zeit und Ewigkeit.

              

        25. August 1817

Einsam will ich untergehn
Keiner soll mein Leiden wissen,
Wird der Stern, den ich gesehn
Von dem Himmel mir gerissen
Will ich einsam untergehn
Wie ein Pilger in der Wüste.
                
Einsam will ich untergehn
Wie ein Pilger in der Wüste,
Wenn der Stern, den ich gesehn
Mich zum letzten Male grüßte
Will ich einsam untergehn
Wie ein Bettler auf der Heide.
             
Einsam will ich untergehn
Wie ein Bettler auf der Heide,
Giebt der Stern, den ich gesehn,
Mir nicht weiter das Geleite
Will ich einsam untergehn
Wie der Tag im Abendgrauen.
             
Einsam will ich untergehn
Wie der Tag im Abendgrauen,
Will der Stern, den ich gesehn
Nicht mehr auf mich niederschauen,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Sklave an der Kette.
             
Einsam will ich untergehn
Wie der Sklave an der Kette,
Scheint der Stern, den ich gesehn
Nicht mehr auf mein Dornenbette
Will ich einsam untergehn
Wie ein Schwanenlied im Tode.
             
Einsam will ich untergehn
Wie ein Schwanenlied im Tode,
Ist der Stern, den ich gesehn
Mir nicht mehr ein Friedensbote
Will ich einsam untergehn
Wie ein Schiff in wüsten Meeren.
           
Einsam will ich untergehn
Wie ein Schiff in wüsten Meeren,
Wird der Stern, den ich gesehn
Jemals weg von mir sich kehren,
Will ich einsam untergehn
Wie der Trost in stummen Schmerzen.
           
Einsam will ich untergehn
Wie der Trost in stummen Schmerzen,
Soll den Stern, den ich gesehn
Jemals meine Schuld verscherzen,
Will ich einsam untergehn
Wie mein Herz in deinem Herzen.

 

Abends am 27. Oktober 1817

An des Hauses kleiner Türe,
Wo ich all mein Glück verliere,
Hast du lieb das Haupt gewendet,
Und so war der Tag geendet.
             
Alles, alles mögst du geben,
Und doch muß ich sterbend leben,
Armes Kind, du Herz der Güte
Ach zu geben nicht ermüde!
             
Ich will auch nicht müde werden,
Will im Grabe aus der Erden
Reine Blumen zu dir treiben,
Ach, die dürfen bei dir bleiben!
             
Aber ich muß heimwärts wanken
Einsam knieend, weinend danken,
Für die Freuden für die Schmerzen,
Für das Feuer auf dem Herzen.
             
Ach, das ich mit bittern Zähren
Einsam Tag und Nacht muß nähren
Und muß drin so ganz verbrennen,
Daß nur du mich kannst erkennen.

Wie du Tiere kennst fern irrend,
Vöglein schnell vornüber schwirrend,
Blumen, Beeren in der Wildnis,
Kenn' auch mich im bleichen Bildnis.
           
Wenn vorbei die andern gehen
Und so scheu nach mir hinsehen,
Wie man nach Gespenstern blicket,
Die den Grenzstein falsch gerücket,
           
Ach dann fliehe nicht mein Winken,
Reiche einmal mir zu trinken,
Und willst du nicht zu mir treten
Kniee, um für mich zu beten.
           
Wenn die andern längst mit Zagen
Den verloschnen Denkstein fragen,
Bist du auch ein Mensch gewesen,
Sollst du klar noch in mir lesen,
           
Daß ich dich mit Schuld betrübet,
Daß ich Buße schwer geübet,
Daß, Versühung zu erwerben,
Ich dich lieben muß zum Sterben.
          

Daß ich mich mit heißen Tränen
Ewiglich nach dir muß sehnen,
Läg' ich auch an deinen Herzen
Wie die Leiche zwischen Kerzen.
              
Weil das Gut, das ich verloren
Mir in dir ward neu geboren,
Weil mein Richter dir gegeben
Mein unschuld'ges tiefes Leben.
              
Daß die reine Himmelsgabe
Ewig ich vor Augen habe,
Daß das Gottesbild im Kinde
Zeige mir den Greul der Sünde.
              
Lies auch im zerbrochnen Herzen:
Habe Dank für alle Schmerzen,
Die du für mein böses Leben
Mir zur Buße mußtest geben.
              
Habe Dank, du blühnde Rute,
Unter der ich still verblute,
Ich verdiente zu verderben,
An dir soll ich ehrlich sterben.
              
Jedem ist ein Amt verliehen,
Richter sitzen, Sünder knieen,
Und ich muß zu deinen Füßen,
Für die schweren Schulden büßen,

Gnad' ist mir für Recht ergangen,
Ich darf deine Knie umfangen,
Darf in Tränen zu dir stammlen,
Laß, o laß mich Kräfte sammlen.

Kraft den Himmel zu umarmen,
Den mit rührendem Erbarmen,
Ich in deinen Blicken fühle,
Daß ich dieses Feuer kühle.

Kraft, die Blumen all zu sehen
Die da auf und untergehen,
Wenn du deine Seele rührest,
Und mich in dein Herz einführest.

Kraft, mich über sie zu bücken
Und doch keine zu erdrücken
Tränen, alle zu erfüllen,
Ach und Nacht, mich einzuhüllen.

Eine Nacht, wo ich alleine
Um das trübe Leben weine,
Ohne Mond, ohn' Sternenschimmer
Einsam mit dem Worte: Immer!

Wer euch nichts bringt, hat nichts von euch zu hoffen.
Dem Erzschenk habet ihr den Hals gebrochen,
Nur offner Hand stehn eure Ohren offen
 Und ohne Klingen hilft bei euch kein Pochen!
 
 Ein armer Krieger hat hier nichts zu holen,
 Ihr führet keinen Krieg, wo ihr nichts krieget,
 Und weil ihr blanken Klingen unterlieget,
 So ehrt ihr das Duell auf Goldpistolen.
 
 Die Poesie muß hier mit Armut leben;
 Sing' ich Sonette euch auch noch so nette:
 Ihr werdet nimmer Speise mir und Bette,
 Statt Geld für Verse Fersengeld nur geben.
 
 Gern gilt hier nichts, drum geh' ich gern von hinnen;
 Ungern beherbergt ihr, und höchstens Ungern
 Aus Kremnitz, doch Erlanger müssen hungern;
 Nur für Zechinen ist die Zeche drinnen.
 
 Ein Ducka ist mir lieb, doch mit Dukaten!
 Souvrainen pflege ich für Severinen -
 Baronen ohne Bares nie zu dienen -
 Und kann mit Ahnen keine Hahnen braten!
 
 So nackt und kahl geh' ich von eurer Schwelle,
 So nüchtern, bar und blank in voller Klarheit,
 Als wär' ich, die ich singe, - selbst die Wahrheit,
 Denn nur Reale sind bei euch's Reelle!

Mit Höhnen siehst du wie ich hier vergehe,
 Du Hofvolk, fressend Gold und Fleisch, wie Raben,
 Von dir ist nichts, du bist zum Narrn zu haben,
 Ich stand dein Narre hier, steh du, ich gehe!
 

Ach alles geht vorbei

Ach alles geht vorbei
Selbst dieser Unverstand
Den ich in einer wundersel'gen Stunde,
An einer Wand empfand
Hat nicht Bestand.
          
Ja alles geht vorbei,
Doch daß ich auferstand
Und wie ein Irrstern ewig sie umrunde,
Ein Geist den sie gebannt,
Das hat Bestand.
     
Ja alles geht vorbei,
Nur dieses mag'sche Band
Aus meines Wesens tiefstem Grunde
Zu ihrem Geist gespannt,
Das hat Bestand.
     
Ja alles geht vorbei
Doch ihrer Güte Pfand,
Jed Wort aus ihrem reinen lieben Munde
Folgt mir ins andre Land,
Und hat Bestand.
     
Ja alles geht vorbei,
Nur eines ist kein Tand,
Der Geist, der nur in diesem heil'gen Bunde
Vom Himmel ward gesandt,
Der hat Bestand.
     
Ja alles geht vorbei,
Doch Sie, die mich erkannt,
Den Harrenden, wildfremd an Ort und Stunde,
Gieng nicht vorbei, sie stand
 Reicht mir die Hand.
     
 Ja alles geht vorbei,
Doch diese liebe Hand
Die ich in dunkler freudenheller Stunde
An meinem Herzen fand,
Die hat Bestand.
          
Ja alles geht vorbei,
Nur dieser heiße Brand,
In meiner Brust die bittre süße Wunde.
Die ihre Hand verband,
Die hat Bestand!

                      

            Alhambra

Am Vorabend des Advents

Es saß ein Mägdlein an dem Wege,
Die Augen sahen klar ins Licht,
Die Händchen übers Herz geleget,
War's stille, stille, redet nicht.
        
Und rings ums Kind war süßer Frieden,
Und um des grünen Röckleins Saum
Schneeglöckchen lieblich nickend knieten,
Der Winter träumte Frühlingstraum.
        
Von allen Vöglein auf den Zweigen,
Da rührt sich keins, sie winkten sich,
Sie wollten alle stille schweigen,
Kein Lüftchen durch die Blätter strich.
        
Ein Pilger, der daneben ruhte,
Sprach leise: »Sag, du liebes Kind,
Wie ist dir's denn so still zu Mute,
Als wenn der Schlummer Träume spinnt,«
        
Da seufzt das Kind: »O daß ich läge
In einem Bettchen ausgestreckt,
Und nicht so einsam hier am Wege,
Die Mutter hätt' mich zugedeckt.
          
Und würde mich gar leise wiegen,
Bis mich ein Engeltraum beschlich,
Und würd' sich zu mir niederbiegen,
Und küssen mich, und segnen mich.
          
Mir ist's so stille jetzt im Herzen,
Ich fühle ganz mich wie ein Kind,
All meine Freuden, meine Schmerzen,
Sie spielen wie ein Blatt im Wind.
          
Ich sehe in Großvaters Zimmer,
Der lang schon tot - er liebte mich,
's ist Donnerstag, da komm' ich immer,
Und freue an den Bildern mich.
          
Die vielen Bilderbücher liegen
Dort auf dem Muschelmarmortisch,
Da bin ich jetzt so voll Vergnügen,
Als nur im Wasser je ein Fisch.
          
Ich und die Schwester still beschauen
Von Sadler das Einsiedlerbuch,
Und gleich wir uns ein Hüttchen bauen
Dort unterm Tisch, behängt mit Tuch.

Da sind wir still in unserm Hause,
Und schauen uns die Klausner an
In Wald, in Höhle, Fels und Klause,
Und was sie alles dort getan.
      
Und wenn Großvater disputieret
Mit einer Jungfrau fromm und klug,
Und Glaubenszweifel explizieret,
Bis sie ihn mit der Bibel schlug;
      
Da hören wir, was in dem Buche
Wir öfters abgebildet sehn,
Den Zweifel, daß er ihn versuche,
Zum alten Eremiten gehn.
      
Ach, wie ist's rings so voller Sachen,
Dort Männchen, Tierchen feingeschnitzt,
Und wenn das Schränkchen auf wir machen,
Die Steine, Muscheln, wie das blitzt!
      
Herrje, was ist das, ich erschrecke,
Die Katze mir zur Schulter springt,
Sie lauerte dort in der Ecke,
Und weh, der schöne Traum versinkt!«
      
Da sprach der Pilger: »Liebe Waise,
Ich war bei allem auch dabei,
Denn ewig bin ich auf der Reise,
Damit ich ewig bei dir sei.«
      
Das Mägdlein sprach nach kleiner Stille:
»Mich dünkt, daß ich ein Kätzchen wär',
Nichts fehlet, nichts, als nur mein Wille,
Ich lief' auf steilem Rand umher;
      
Ich könnt' von Ast zu Ast hinspringen,
Von Fels zu Fels, auch noch so steil,
Und mehr - ja durch die Luft hindringen,
Adje, fort bin ich - bin ein Pfeil!« -
      
Da sprach der Pilger: »Liebe Waise,
Gleich bin ich wieder auch dabei,
Dein Seelchen fliegt in meinem Gleise,
Ob's Kätzchen, ob ein Pfeil es sei.«
      
Das Mägdlein sprach nach kleiner Weile,
Indem ihm süß die Lippe blüht:
»Ich ruh' an einer feinen Säule,
Wie kühl ist's hier! die Sonne glüht!
      
O goldne Zier der Wunderhallen,
O linde Luft, wie süß, wie müd!
Der Springbrunn plätschert, und sein Lallen
Singt mir ein buntes Schlummerlied;

Ich ziehe leis durch die Alhambra,
Der Blumensäulen Traumpalast,
Ein Weihrauchwölkchen, süß wie Ambra,
Schweb' ich beim Märchen hier zu Gast.
      
Wer bin ich denn, bin ich die Wonne,
Die hier ihr Traumgezelt gespannt,
Bin ich ein Strahl der heißen Sonne,
Sich kühlend auf des Springquells Rand?
      
Bin ich ein Geist aus diesen Hallen?
Ein Vogel, der im Laub dort singt?
Bin ich dort aus dem Nest gefallen,
Ein Täubchen, das die Flügel schwingt?
      
O, heißer Duft der Pomeranzen
Komm, kühle dich in meinem Blut!
Ich möchte auf dem Springquell tanzen,
Mir ist's so leicht, so frei zu Mut!
      
Ich lass' mir einen Teppich bringen,
Lieg' auf dem Marmor hingestreckt,
Die Vögel blühn, die Blumen singen,
Ein Himmel hat mich zugedeckt.
      
Komm Sinnspruch, kommt ihr goldnen
Sterne, Komm Schicksal vom Lazur-Gezelt,
Komm nah und näher ew'ge Ferne,
Komm, küsse mich, du süße Welt!
     
Horch! Mitten inne pocht das kleine,
Das leicht bewegte Kinderherz,
So ganz allein, allein, alleine!
Und sehnt nach Freude sich und Schmerz!
     
Hier kann ich keine Zeitung lesen,
Noch philosoph'sche Abhandlung,
Ich bin ja hier ein andres Wesen,
O, welche süße Umwandlung!
     
Mein Schmetterling bricht durch die Larve,
Ein Blumensegel ihn entführt,
Mein Seelchen schwebt wie Klang der Harfe
Vom Kuß der milden Luft berührt.
     
Sprich, Traum der Wahrheit, kann ich lügen?
Kann mich, den Stolz der Pünktlichkeit,
Bezaubern müßiges Vergnügen?
Küßt hier der Rausch die Nüchternheit?
     
Verräterei, wer hat die Wonne,
Die sehnend mir im Blute sinnt,
Wer hat hier ausgeblümt zur Sonne,
Was tiefgeheim mein Seelchen spinnt?

O Sehnsucht, Schwalbe meines Geistes,
Die durch die Sonnenhallen schweift,
 Wie heiß das kleine Herz, du weißt es
Wenn leis dein Flug den Springquell streift.
       
O, Blumen blühend, keusche Lippen,
O, Bienen glühend, treuer Kuß,
O, Schmetterling, du flatternd Nippen,
Sagt nicht was ich verschweigen muß!
       
O, Dämmerlicht der bunten Säle,
Von Licht und Liedes Gold gesäumt,
Du bist der Schleier meiner Seele,
Die über ferner Liebe träumt.
       
So kühn und groß hier die Begierde
Im Blumenkelch den Rausch kredenzt,
So tief verwandt ist mir die Zierde,
Die hier den Helm mit Rosen kränzt.
       
Ich bin's, ich bin's, mit Kinderlallen,
Auf feinen Säulchen schlank und hold,
Durchkühlt von hüpfenden Kristallen,
Spannt gern mein Geist ein Netz von Gold.
       
Drin fang' ich mir die heiße Sonne,
Und flecht' ihr fein das goldne Haar,
Tauch' sie in kühlen Bades Wonne,
Da scheint sie mir nochmal so klar.
       
Kristallgespinst des Morgenfrostes,
Im Sonnenfeuer ausgeglüht,
Geheimnis des bewegten Mostes,
Wenn draus die Rebe wieder blüht!
       
Von mir gefühlt, von mir gesponnen,
Gewebt, erlebt! - du Zauberlust,
Die hier umschirmt den Löwenbronnen,
Lagst wie ein Kind an meiner Brust!
       
Berauscht vom Duft der Rosenhecken,
Wo kühn die Lust dem Dorn entschlüpft,
Trägt Löwen-Großmut Marmorbecken,
Vom Demanttropfen kühl durchhüpft.
       
O Halle der Abencerragen!
Die Blutspur klaget laut genug,
Die Wunden, die mir sind geschlagen,
Die Wunden, die ich andern schlug.
       
Dies Seufzen, Stöhnen, Flehen, Schwirren,
Die Geisterklage, die hier tönt,
Sie fleht zu mir - dies bange Girren!
Es fleht aus mir, ach seid versöhnt!

Ach fortgehn, fortgehn! bitte, bitte!
Ins Gärtchen dort ich gehen will,
Dort blüht's in des Palastes Mitte,
In sich gehüllt geheim und still.
         
Kleinod der süßen Lindachara,
Du der Alhambra Blumenstrauß,
Lieb' sprichst du süß, wie Dulcamara,
Mit Leid in einem Namen aus.
         
Beschloss'nes Gärtchen aller Wonne,
Wo keusch der Mond im Brunnen spielt,
Und sich der Strahl der Mittagssonne,
Im Schoß der vollen Rose kühlt.
         
Hier will ich im Bad erfrischen,
Von Ros' und Myrten dicht versteckt.
Von duftenden Zitronenbüschen
Und Goldorangen zugedeckt.
         
Du bist aus meinen Heiligtumen,
Du Gärtchen, dessen Inschrift spricht:
›O, stille Kerzen, Erdenblumen,
Entbrannt vom Himmels-Sternenlicht.‹
         
Was gleicht den Alabasterbronnen,
Aufwallend vom kristallnen Tau,
Als du, o Mond, voll Sehnsuchtswonnen
In wolkenloser Himmelsau.
      
Versteckt von kalter Marmorzinne
Bist du, o Gärtchen, nur mein Herz,
Drin blüht, und glüht und träumt die Minne,
Geheimnis decket Lust und Schmerz!
      
Mir ist, als ob an allen Ecken
Ich auf in tausend Blumen ging,
Mir ist, als ob an allen Hecken
Ich wie ein Flöckchen Wolle hing.
      
Ich bin der Vogel und das Nestchen,
Das Mütterchen und auch das Ei,
Ich brüte, zwitschre auf dem Ästchen.
Und trage Futter auch herbei.
      
Ich fühle mich gebaut, gemalet,
Geschnitzt, geblüht, in diesem Haus,
Und in dem Springquell ausgestrahlet,
Ich sag' es ja - bin jäh - bin kraus.
      
Wer hat mein Gürtelchen gelöset,
Wer streute meinen Blumenkranz,
Hier so von allem Schutz entblößet,
Bezaubernd aus im Sonnenglanz?

Horch! still! - ach! das sind Männerschritte!
Weh mir! - welch junges Heldenbild!
Nicht her! - nicht her! ach bitte, bitte!
- Er steht und deckt sich mit dem Schild!
      
Und spricht: ›Ich bin Gazul, vor Zeiten
Der süßer Lindachara Freund,
Ich muß in ihrem Gärtchen schreiten,
Bis hier ihr Ebenbild erscheint,
      
Das alle Sehnsucht meiner Träume
In seinem Kinderherzen stillt,
Und als den Zauber dieser Räume
Sich selbst erblickt in meinem Schild.
      
Da hörte ich dein keusch Verzagen,
Du Süße, in dich selbst versteckt,
Fühlst deinen Reiz vor deinen Tagen,
In der Alhambra aufgedeckt.
      
Dich bauten dieses Baues Meister!
Ach, lange eh' dein Herzchen schlug,
Begeisterte dein Geist die Geister,
Doch taten sie ihm nie genug!
      
Sie brachen deiner Sehnsucht Spiegel,
So daß du dich zerstreut beschaut
Doch du wirst ihres Werkes Siegel,
Zerstreutes ward in dir erbaut.
        
Denn alles Sehnen, alle Schmerzen,
Die einst bewegt in Kampf und Lust,
Die längst in Staub zerstreuten Herzen,
Sind eins und ganz in deiner Brust.
        
Nur du bist dieses Werkes Seele,
Bist dieser Zauberschale Kern,
Bist Lichtes Blitz in dem Juwele,
Bist dieses öden Himmels Stern;
        
In dir ich die Alhambra sehe,
Wie du in der Alhambra dich,
Es löst sich meiner Sehnsucht Wehe,
Zu Lindachara kehre ich!
        
Mein Herz wird gleich den Lilien munter.
Wenn sie der Sterne Licht betaut,
Blick in mein Schild, du liebes Wunder,
Sei deiner eignen Wonne Braut!
        
Dein Gürtel ist nicht mehr gelöset,
Nicht mehr zerstreut dein Blumenkranz,
Und Gazul taucht, durch dich erlöset,
Nun auf in Lindacharas Glanz!‹

So sprach Gazul, und auf sein Flehen
Hab' ich, von eignem Reiz entzückt,
Mein Bild in seinem Schild gesehen,
Und hab' gar süß mir zugenickt.
    
Da ist mir alles rings verschwunden,
Da ward ich wieder zäh und kraus,
Und alle Blumen sind gebunden
In den versteckten Blumenstrauß.
    
In mich zurück zog die Alhambra,
Ich bin allein, allein, allein!
Ich Weihrauchwölkchen, süß von Ambra,
Denk': Wo mag nun der Gazul sein!«
    
Nun schwieg das Kind! - Sein webend Sehnen
Zog durch des armen Pilgers Brust,
Und nieder tauten seine Tränen
In ihrer Träume Blumenlust.
    
Er sprach: »O Kind! in alles Scheinen,
Das sich um deine Seele legt,
Muß immer still ich niederweinen,
Bis sich ein Regenbogen schlägt.
    
O schwebe durch, du Friedenstaube,
Und bring ein grünes Ölblatt her,
Daß neu ich hoffe, liebe, glaube,
Mir ist die Welt so wüst, so leer! «
    
Da spricht das Kind: »Jetzt zieh' ich weiter,« -
Und zuckt, der Pilger fragt: »Es stach
Vielleicht dich ein Insekt, denn leider,
Sie trachten hier dem Blute nach!« -
    
Das Kind sprach: »Greulich sind mir Spinnen,
Ich fliehe ihre tück'sche List.«
Der Pilger sprach: »Du willst entrinnen,
Weil du ein tanzend Mückchen bist.«
    
 »Ich kann,« sprach sie mit edler Miene,
 »Nie glauben, daß der Herr erschuf
Die garst'gen Tiere - nur die Biene,
Die hat noch göttlichen Beruf.
    
Ich könnte selbst noch Schlangen leide
In meinem stillen Kämmerlein,
Doch seh' ich eine Spinne schreiten,
So muß ich fliehen, muß ich schrein.
    
Maikäfer, die gemeinen, dummen,
Ich dulde sie; wenn alles grün,
Hör' ich sie abends gerne summen.
Sie rennen an und fallen hin.

Die Flöhe hüpfen, kann sie fangen,
Hüpf' hintendrein, kleb' sie ans Licht,
Die Wanzen machen mich erbangen,
Von andern Tierchen spricht man nicht.
     
Ich war einmal bei armen Kindern,
Da kriegt' ich eine ganze Schar;
Gott steh mir bei, den reichen Sündern
Droht gleich den Armen die Gefahr.«
     
Der Pilger sprach: »Wie schaust du, Seele,
Aus der Alhambra Lustpalast,
In diese trübe, wüste Höhle,
In diesen Ekel und Morast?«
     
Sie sprach: »Ich möcht' ein Bild jetzt malen
Von dem verlornen Paradies,
Verwelkt sind alle Sonnenstrahlen,
Als Gott hinaus den Menschen stieß.
     
Ich armes Kind muß drauf verzichten,
Ich fühle, daß die Form mir fehlt,
Auch fehlt das Wort, sonst wollt' ich dichten,
Was tief mein Herz mit Lieb' beseelt.
     
Die Blumen und die Blätter weinen,
Die Vögel schmachten stumm und krank,
Kalt seufzt das Echo aus den Steinen,
Das Blut ergrimmt in Streit und Zank.
         
Der Himmel, bleiern, rufet Wehe,
Verhüllt sein Sternen-Antlitz sich,
Und liegend an der Erde sehe
Gefesselt einen Engel ich.« -
         
Der Pilger sprach nun zu ihr nieder:
»Du bist der Engel, armes Kind!
Noch zuckt zum Lichte dein Gefieder,
Ist gleich dein Auge sonnenblind.
         
Dich feinen Strahl aus Gottes Schimmer,
In dem verlornen Paradies,
Dich heil'gen Ebenbildes Trümmer,
Ans Herz ich niederweinend schließ'.«
         
Da weinten stille alle beide,
Sie lehnte gern an seiner Brust,
Sie litt es, daß er selig leide,
Und beide haben nichts gewußt!
         
Aus beiden greift ein tiefes Sehnen
Hinaus bis nach der Ewigkeit,
Und wie sie so zusammen lehnen,
 Da naht das Ewige der Zeit.

Der Pilger sprach: »Welch leises Schallen,
Sag, Kind! pocht denn dein Herzchen so?
 Ich sehe Licht aufs Haupt dir fallen,
Mir wird's so innig, wird's so froh!« -
       
Das Mägdlein blickte in die Ferne,
Die Wange glüht, die Lippe blüht,
Ihr Schauen glich dem Blick der Sterne,
Wenn Liebe durch den Himmel zieht.
       
Dann sprach sie: »Horch! still, bitte, bitte,
Dies ist nicht meiner Locken Licht,
Und dieses Schallen, das sind Schritte,
So pocht mein heimlich Herzchen nicht!«
       
Und durch die Nacht von Licht erfüllet
Führt her ein Mann sein Eselein,
Und auf dem Tier sitzt weit verhüllet
Ein lilienreines Jungfräulein.
       
Als diese sah den Engel liegen
Gefesselt an der Erde dort,
Ist sie vom Lasttier abgestiegen
Und sprach zu ihm mit süßem Wort:
       
 »In aller Lust wirst du nichts finden,
Als das verlorne Paradies,
Den Fesseln will dich jetzt entwinden
Der treue Gott, wie er verhieß.
      
Weil du ein armes Kind, ward Liebe
In mir nun auch ein armes Kind,
Daß dir auch gar kein Vorwand bliebe,
Komm mit, komm mit, süß Lieb', arm Lind!
      
Tu! wie du lang gepflegt zu tuen,
Halt an der Mutter Schurze dich,
Komm mit mir reisen, mit mir ruhen,
Denn deine Mutter bin auch ich!
      
Komm mit, sollst an der Krippe singen,
Ein Lied dem starken Brüderlein,
Der löst die Fesseln deiner Schwingen,
Trägt dich ins Paradies hinein.
      
Da bringt dir keine Spinne Grauen,
Berauschte kein Alhambra dich,
Da sollst du schönre Bilder schauen,
Als bei Großvater sicherlich!«
      
Das Kind sprach: »Mir ist Heil geschehen!
Dies ist die Wahrheit, ist kein Traum,
Sitz auf dein Eselein, wir gehen,
Ich fasse deiner Schürze Saum.«

Die Jungfrau sprach: »Willst nicht mitnehmen
Den armen Mann du, der dort lag.«
Das Kind sprach: »Ei, ich tu' mich schämen,
Er kömmt mir ohne dies schon nach!«
     
Da blickt es um - der Pilger hebet
Sein müdes Haupt, folgt ungetrennt,
Gen Betlehem der Zug hinschwebet,
Die erste Nacht war's im Advent.
     
Sankt Joseph und Maria heißen,
Die beiden mit dem Eselein,
Nach Betlehem sie jetzt hinreisen,
Sie kehren nachts bei Hirten ein.
     
Wer ist das Mägdlein dann gewesen,
Und dann der Pilger, stets dabei?
Das Mägdlein war der Sehnsucht Wesen,
Der Pilger war die Phantasei!

 

Alle Schmerzen fassen,

Alle Schmerzen fassen,
Alle Freuden meiden,
Alle Hoffnung lassen,
Soll ein liebend Herz voll Leiden.

Wenn die Sonne weggegangen,
Kömmt die Dunkelheit heran,
Abendrot hat goldne Wangen,
Und die Nacht hat Trauer an.
             
Seit die Liebe weggegangen,
Bin ich nun ein Mohrenkind,
Und die roten, frohen Wangen,
Dunkel und verloren sind.
             
Dunkelheit muß tief verschweigen,
Alles Wehe, alle Lust,
Aber Mond und Sterne zeigen,
Was ihr wohnet in der Brust.
             
Wenn die Lippen dir verschweigen
Meines Herzens stille Glut,
Müssen Blick und Tränen zeigen,
Wie die Liebe nimmer ruht.

 

Als ich in tiefen Leiden

Als ich in tiefen Leiden
Verzweilfend wollt' ermatten
Da sah ich deinen Schatten
Hin über meine Diele gleiten,
Da wußt' ich, was ich liebte,
Und was so schrecklich mich betrübte,
O Wunder aller Zierde,
Du feine ernste Myrte.

 

Am Charsamstag 1818

Warum er mich verlassen,
Mußt' ich zum Vater schrein,
Und du willst dich nicht fassen,
Willst niemals einsam sein.
Siehst du denn nicht die Kerzen
An meinem Grabe hier,
Was suchst du mich von Herzen,
Und weinest vor der Tür?
               
Tritt ein du wirst mich finden,
So weit dein Glaube reicht,
Bekenne deine Sünden,
So wird dein Hoffen leicht,
Und wollen deine Augen
Mich liebend dann nicht sehn,
Soll dir der Glaube taugen
Blind zu dem Tisch zu gehn.
               
Das ist die rechte Liebe,
Die alles Dunkels lacht,
Die die vorwitz'gen Triebe
Gehorsam glaubend macht
Dann werden alle Sinnen
In meinem Hiersein neu
Dann denkt man nicht von hinnen
Auf daß man heilig sei.
              
Will Glauben, Lieben, Loben
Und Hoffen noch verstehn
So wollen sie nach oben
Vorbei beim Heiland gehn.
Du brauchst nicht so zu schreien
Die Türe schließ' ich nicht,
Wenn tausend Teufel dräuen,
Sie löschen mir kein Licht.
              
Wer will dich mir begraben,
Die Braut, der ich vermählt,
Mit der kannst du mich haben,
Hast du mich recht erwählt,
Die Kirche, die sie schmähen,
Sie ist die Mutter dein,
Sie lehrt dich auferstehen
Sie lehrt dich selig sein.

 

Am Rheine schweb' ich her und hin

Am Rheine schweb' ich her und hin
Und such' den Frühling auf
So schwer mein Herz, so leicht mein Sinn
Wer wiegt sie beide auf.
            
Die Berge drängen sich heran,
Und lauschen meinem Sang,
Sirenen schwimmen um den Kahn,
Mir folget Echoklang.
            
O halle nicht, du Widerhall,
O Berge kehrt zurück,
Gefangen liegt so eng und bang
Im Herzen Liebesglück.
            
Sirenen tauchet in die Flut,
Mich fängt nicht Lust nicht Spiel,
Aus Wassers Kühle trink' ich Glut,
Und ringe froh zum Ziel.
            
O wähnend Lieben, Liebeswahn,
Allmächtiger Magnet,
Verstoße nicht des Sängers Kahn,
Der stets nach Süden geht.
            
O Liebesziel so nah so fern,
Ich hole dich noch ein,
Die Frommen fahrt der Morgenstern,
Ja all zum Krippelein.

Geweihtes Kind erlöse mich,
Gieb meine Freude los,
Süß Blümlein ich erkenne dich,
Du blühest mir mein Los,
           
In Frühlingsauen sah mein Traum
Dich Glockenblümlein stehn,
Vom blauen Kelch zum goldnen Saum
Hab' ich zu viel gesehn,
           
Du blauer Liebeskelch in dich,
Sank all mein Frühling hin,
Vergifte mich, umdüfte mich,
Weil ich dein eigen bin.
           
Und schließest du den Kelch mir zu
Wie Blumen abends tun,
So lasse mich die letzte Ruh',
Zu deinen Füßen ruhn.

An eine Feder 17. Jänner 1834

Danke, danke, süße Feder!
Liebchen ist es, die dich schnitte,
Solche Huld geschieht nicht jeder,
Denn sie hat nach Kindersitte
Dich mit ihrem Mund benetzet,
Ihre süße linde Lippe,
Die noch nie ein Kind verletzet,
Küßte lindernd deine Nippe,
Und du trankst auch eine Zähre,
Die um mich sie hat vergossen,
Federchen nicht mehr begehre,
Du hast Lust und Leid genossen,
Schwarz will ich dich nie betinten,
Tinte ist so herb und bitter
Und ein Linderkuß gleicht linden
Rosen um ein Perlengitter
Komm und schreib:
          Mit meinem Blute
Das die Linde hat versüßet,
O du Liebe, Süße, Gute!
Sei vom treusten Herz gegrüßet
Das an deinem Herzen ruhte
Und gerungen und gebüßet
Und geküßt die scharfe Rute
Wie ein Kind, als sie erblühte
Unter deinen linden Händen,
O du Überfluß der Güte
Willst du nicht dein Werk vollenden?
Lasse doch die Dornenhiebe
Rosen deiner Seele tragen,
Daß mein Blut sich Ruh' erschriebe:
Laß die linde Lippe sagen:
Ich vergebe, denn ich liebe.
 

         An S.

Wie war dein Leben
So voller Glanz,
Wie war dein Morgen
So kindlich Lächlen,
Wie haben sich alle
Um dich geliebt,
Wie kam dein Abend
So betend zu dir,
Und alle beteten
An deinem Abend.
                  
Wie bist du verstummt
In freundlichen Worten,
Und wie dein Aug' brach
In sehnenden Tränen,
Ach da schwiegen alle Worte
Und alle Tränen
Gingen mit ihr.
                  
Wohl ging ich einsam,
Wie ich jetzt gehe,
Und dachte deiner,
Mit Liebe und Treue -
Da warst du noch da
Und sprachst lächlend:
Sehne dich nimmer nach mir,
Da der Lenz noch so freudig ist
Und die Sonne noch scheint -
           
Am stillen Abend,
Wenn die Rosen nicht mehr glühen
Und die Töne stumm werden,
Will ich bei dir sein
In traulicher Liebe,
Und dir sagen,
Wie mir am Tage war.
           
Aber mich schmerzte tief,
Daß ich so einsam sei,
Und vieles im Herzen.
O warum bist du nicht bei mir!
Sprach ich, und siehst mich
Und liebst mich,
Denn mich haben manche verschmäht,
Und ich vergesse nimmer,
Wie sie falsch waren
Und ich so treu und ein Kind.
           
Da lächeltest du des Kindes
Im einsamen Wege,
Und sprachst: harre zum Abend,
Da bist du ruhig
Und ich bei dir in Ruhe.
           
Dein Herz wie war es da,
Daß du nicht trautest,
Viel Schmerzen waren in dir,
Aber du warest größer als Schmerzen,
Wie die Liebe, die süßer ist,
Als all ihr Schmerz.
           
Und die Armut, der du gabst,
War all dein Trost,
Und die Liebe, die du freundlich
Anderen pflegtest,
War all deine Liebe.
           
Einsam ging ich nicht mehr,
Du warst mir begegnet
Und blicktest mich an -
Scherzend war dein Aug'
Und deine Lippe so tröstend -
Dein Herz lag gereift
In der liebenden Brust.
           
Freundlich sprachst du:
Nun ist bald Abend,
Gehe, vollende,
Daß wir dann ruhen,
Und sprechen vom Tage.
             
Wie ich mich wendete -
Ach der Weg war so schwer!
Langsam schritt ich,
Und jeder Schritt wollte wurzeln,
Ich wollte werden wie ein Baum,
All meine Arme,
Blüten und Blätter,
Sehnend dir neigen.
             
Oft blickte ich rückwärts
Hin, wo du warst,
Da lagen noch Strahlen,
Da war noch Sonne
Und die hohen Bäume glänzten
Im ernsten Garten,
Wo du gingst.
             
Ach der Abend wird nicht kommen
Und die Ruhe nicht,
Auf Erden ist keine Ruhe.
             
Nun ist es Abend,
Aber wo bist du?
Daß ich dir sage,
Wie der Tag war.
                 
Warum hörtest du mich nicht,
Als du noch da warst?
Nun bin ich einsam,
Und denke deiner
Liebend und treu.
                 
Die Sonne scheint nicht,
Und die Rosen glühen nicht,
Stumm sind die Töne -
O! warum kömmst du nicht,
Willst du nicht halten,
Was du versprachst?
Willst du nicht hören,
Soll ich nicht hören,
Wie der Tag war?
                 
Wie war dein Leben,
So voller Glanz,
Wie war dein Morgen
So kindlich Lächlen,
Wie habe ich immer
Um dich mich geliebt,
Wie kömmt dein Abend
So betend zu mir,
Und wie bete ich
An deinem Abend.
            
Am Tage hörtest du mich nicht,
Denn du warst der Tag,
Du kamst nicht am Abend,
Denn du bist der Abend geworden.
            
Wie ist der Tag verstummt
In freundlichen Worten,
Wie ist sein Aug' gebrochen
In sehnenden Tränen,
Ach da schweigen alle meine Worte,
Und meine Sehnsucht zieht mit dir.
 

Auf einen grünen Zweig

Zur Fremde zog ein frommer Knabe
An Gold so arm, wie Gold so treu,
Er sang ein Lied um milde Gabe,
Sein Lied war alt, die Welt war neu.
         
Wie Freiheit singt in Liebesbanden,
So stieg das Lied aus seiner Brust;
Die Welt hat nicht sein Lied verstanden,
Er sang mit Schmerzen von der Lust.
         
Das Leben leichter zu erringen,
Tut er der eignen Lust Gewalt;
Will nimmer spielen, nimmer singen,
Geht Kräuter suchen in den Wald.
         
Die Füße muß er wund sich laufen
Zum heißen Fels, zum kühlen Bach,
Und muß um wenig Brot verkaufen,
Die Blume, deren Dorn ihn stach.
         
Und wie er durch die Wälder irret,
Ein seltsam Tönen zu ihm drang;
Durch wildes Singen rasselnd schwirret,
Ein schmerzlicher metallner Klang.

Der Knabe teilt die wilden Hecken,
Und vor ihm steht ein gift'ger Baum;
Die Zweige dürr hinaus sich strecken,
Mit Blech geziert und goldnem Schaum.
        
Und viel gemeine Vögel kreisen,
Rings um des Baumes schneidend Laub;
Und die von seinen Früchten speisen,
Sie sind des goldnen Giftes Raub.
        
Da rührt der Knabe seine Laute,
Er singt ein schmerzlich wildes Lied;
Und in dem Baum, zu dem er schaute,
Er einen bunten Vogel sieht.
        
Er sitzt betrübt, die bunten Schwingen
Senkt an der Silberbrust er hin,
Und kann nicht fliegen, kann nicht singen
Des Baumes Gifte fesseln ihn.
        
Dem Knaben regt sich's tief im Herzen,
Das Vöglein zieht ihn mächtig an,
Und seines Liedes kind'sche Schmerzen
Hört gern das kranke Vöglein an.
        
Und weil im Wind die Blätter klingen,
So kann es nicht das Lied verstehn;
Doch er hört nimmer auf zu singen,
Bleibt treu vor seiner Liebe stehn.
        
Und singt ihm vor zu tausendmalen
Von Liebeslust und Frühlingslust,
Von grünen Bergen, milden Talen
Und Ruhe an geliebter Brust.
        
Schon regt das Vöglein seine Schwingen,
Schaut freundlich zu dem Knaben hin;
Des Arme um den Baum sich schlingen,
Die Liebe machet mutig ihn.
        
 Er klimmet in den gift'gen Zweigen
Zerreißt mit Lust die Hände sich,
Das kranke Vöglein zu ersteigen,
Es spricht: Ach nimmer heilst du mich.
        
Und sinket stille zu ihm nieder,
An seinem Herzen hält er's warm;
Und ordnet sorglich sein Gefieder,
Und trägt's zur Sonne auf dem Arm.
        
Steigt auf die Berge, läßt es trinken
Des blauen Himmels freie Luft,
Und weiß zu blicken, weiß zu winken,
Bis er die Freude wieder ruft.

Die Freude kömmt, die bunten Schwingen,
Sie funkeln Liebesstrahlen gleich;
Das Vöglein weiß so süß zu singen,
Es singt den armen Knaben reich.
       
Wie auch zum Flug die Flüglein streben,
So bleibt es doch dem Treuen treu;
In Liebesfesseln will es schweben,
In Liebesfesseln ist es frei.
       
Und ich der ich dies Lied dir singe
Bin wohl dem treuen Knaben gleich,
Vertrau mir Vöglein, denn ich bringe
Dich noch auf einen grünen Zweig.