Brentano

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Inhalt

Biografie

Seite 4

Finkenlied, von neun Groschen Münze,
    Kamelgedanken und Überbeinen


Vom Gesange lust'ger Finken
Durch das Fenster aufgeweckt
Lasse ich den Schleier sinken,
Der mir meine Seele deckt.
        
Durch des alten Birnbaums Blüten
Schaut zwar trüber Himmel her
Doch in meiner Brust ist Frieden,
Ach wenn's doch der ew'ge wär'.
        
Nein, jetzt kann ich gar nicht trauen
Alles scheint mir lieb und gut,
Und mir wächst da überm Lauern
Auch ein Finkenliedermut.
        
Wie die kleinen Sänger schweben
Wie es sehnt und lockt und zirpt.
O wie herrlich klingt das Leben
Wenn's zu neuem Leben wirbt.
        
Keiner fällt ohn' Gottes Willen
Von dem Dach, vom Haupt kein Haar,
Und mein Schmerz läßt sich schon stillen,
Weil ich einst unschuldig war.
       
Und bin ich gleich abgefallen
Fiel ich doch in Gottes Schoß
Lieg' da mit den andern allen
Heil in seiner Gnade groß.
         
Munter, Herz, schwing dein Gefieder
Auf, wohl auf zum Kreuzesbaum
Täglich Sonne, täglich Lieder,
Alle Nacht ein frommer Traum!
         
Und ein Nest in seine Wunden
Meiner Leidensbrut ich bau',
Grün liegt seine Erde unten
Oben schwebt sein Himmel blau.
         
Und ich seh' auf grüner Aue
Eine fromme Magd hinziehn
Primlen bricht sie schwer vom Tal,
Bis der jüngste Tag erschien.
         
Bricht die Blumen, bricht die Blüte
Bricht ihr Herz, die Heilandsfrucht
Bietet es dem Gott der Güte
Der den dürren Baum verflucht.
         
Und sie spricht mit schwerem
Herzen Gestern war mein Leiden schwer,
Und ich fragte sie mit Schmerzen
Was ihr dann begegnet wär'.
            
Bange zagten meine Ohren,
Was sie wohl für Leid angiebt,
Weil neun Groschen ich verloren,
Sagt sie, bin ich so betrübt.
            
War's Courant? - Ei Gott behüte,
Münze war's, dem Herrn sei Dank! -
O du Spiegel aller Güte!
Machst du mich doch freudenkrank.
            
Denk, vom Dache fällt kein Sperling,
Ohne Gott, vom Haupt kein Haar,
Aus dem Beutel kein Pfund Sterling,
Oder auch neun Groschen bar.
            
Denk, was hatt' ich all verloren
Leib und Seel und Gut und Heil
Alles ward mir neu geboren
Und noch mehr ward mir zuteil.
            
Dich zu kennen, dich zu lieben,
Dir zu folgen treu und still,
Was mir wird, was mir geblieben,
Alles ich dir teilen will.
        
Leben, Kämpfen, Siegen, Sterben
Abendrot und Morgenrot,
Mitleid mit den armen Erben,
Ihnen bleibt die Erdennot.
           
Als die Magd mein Lied vernommen
Hat sie freundlich mir genickt,
Und der Nebel schien verschwommen,
Und ein bißchen Sonne blickt.
           
O lieb Herz! um Jesu willen
Fasse einen frischen Mut
Laß dich doch sein Herzblut stillen
Bist ja Pelikanenbrut.
           
Himmel, Himmel werd' doch heiter,
Ach, herrje! da regnet's gar!
Liebe Finklein, singt doch weiter,
Da versteckte sich die Schar.
           
Liebes, liebes Linum denke
An neun Groschen Münze nicht.
Doch sie spricht: zur Erde senke
Ich des Opfers Fruchtgewicht.
           
Doch es nimmt mit meinen Blüten
Ja mein Heiland schon vorlieb,
Apfel brauch' ich nicht zu hüten
Vor dem schlauen Apfeldieb.
            
Als ich sonst mit brünst'gen Ranke
Auch auf goldne Frucht gehofft
Hatte ich Kamelgedanken
Über mich wohl selber oft.
            
Arme Näherin mußt' lesen
Vom Kamel und Nadelöhr
Und gab dann dem eiteln Wesen
Nimmer wieder ein Gehör.
            
Bin jetzt eine arme Made,
Matte Fliege, Stäublein klein,
Bin ein Ekel, der aus Gnade
Höchstens trägt ein Überbein.
            
Wer giebt um solch schlechte Dinge
Wohl neun Groschen Münze hin
Drum mir mehr verloren gienge,
Als ich selber wert ja bin.
            
So' doch ist der armen Made
Keine Speise je zu gut,
Selbst für Jesu Leib nicht schade,
Schade nicht für Jesu Blut.
      
Ja ganz wohl! die matte Fliege
Sitzt auf Gottes Angesicht,
Wenn ein Engelsflügel schlüge,
Er vertriebe sie da nicht.
           
Stäublein klein! o ja! um nimmer
Abzutreten von dem Tanz,
Sonnenstäubchen tanzen immer
Ohn' zu sinken aus dem Glanz.
           
Ei du Ekel! ja ich eckle
Seit ich dich im Herzen trug
Vor der Welt, an allem mäckle
Ich, nur nie an mir genug.
           
Überbeines Gnaden zähle
Überige Gnaden ein
Überfleisch und Überseele,
Überhimmelsschlüsselbein.
           
Wer kann es dem Herrn verdenken
Daß er Milde an dir übt,
Dir, die ihm ihr Fleisch will schenken,
Dafür Überbeine giebt.
           
War doch Eva auch im Schlafe
Nur des Adams Überbein,
Eva umgekehrt ward Ave,
Mögst du auch gegrüßet sein.
       
Und weil ein Kameles Rücken
Nur ein großes Überbein,
Mag's drum, wenn die Schuh' dich drücken
Gotts Kamelgedanken sein.
       
Und so soll mein Mut nicht wanken
Wenn er deinen hinken sieht,
Also aus Kamelgedanken
Sang ich dir dies Finkenlied.

 

Frühlingsschrei eines Knechtes
              aus der Tiefe
 

1.
Meister, ohne dein Erbarmen
Muß im Abgrund ich verzagen,
Willst du nicht mit starken Armen
Wieder mich zum Lichte tragen.
             
2.
Jährlich greifet deine Güte,
 In die Erde, in die Herzen,
Jährlich weckest du die Blüte,
Weckst in mir die alten Schmerzen.
             
3.
Einmal nur zum Licht geboren,
Aber tausendmal gestorben,
Bin ich ohne dich verloren,
Ohne dich in mir verdorben.
             
4.
Wenn sich so die Erde reget,
Wenn die Luft so sonnig wehet,
Dann wird auch die Flut beweget,
Die in Todesbanden stehet.

5.
Und in meinem Herzen schauert
Ein betrübter bittrer Bronnen,
Wenn der Frühling draußen lauert,
Kömmt die Angstflut angeronnen.
          
6.
Weh! durch gift'ge Erdenlagen,
Wie die Zeit sie angeschwemmet,
Habe ich den Schacht geschlagen,
und er ist nur schwach verdämmet.
          
7.
Wenn nun rings die Quellen schwellen,
Wenn der Grund gebärend ringet,
Brechen her die gift'gen Wellen,
Die kein Fluch, kein Witz mir zwinget.
          
8.
Andern ruf' ich, schwimme, schwimme,
Mir kann solcher Ruf nicht taugen,
Denn in mir ja steigt die grimme
Sündflut, bricht aus meinen Augen.
          
9.
Und dann scheinen bös Gezüchte
Mir die bunten Lämmer alle,
Die ich grüßte, süße Früchte,
Die nur reiften, bittre Galle.
             
10.
Herr, erbarme du dich meiner,
Daß mein Herz neu blühend werde,
Mein erbarmte sich noch keiner
Von den Frühlingen der Erde.
             
11.
Meister, wenn dir alle Hände
Nahn mit süßerfüllten Schalen,
Kann ich mit der bittern Spende
Meine Schuld dir nimmer zahlen.
             
12.
Ach, wie ich auch tiefer wühle,
Wie ich schöpfe, wie ich weine,
Nimmer ich den Schwall erspüle
 Zum Kristallgrund fest und reine.
             
13.
Immer stürzen mir die Wände,
Jede Schicht hat mich belogen,
Und die arbeitblut'gen Hände
Brennen in den bittern Wogen.
                 
14.
Weh! der Raum wird immer enger,
Wilder, wüster stets die Wogen,
Herr, o Herr! ich treib's nicht länger,
Schlage deinen Regenbogen.
            
15.
Herr, ich mahne dich, verschone,
Herr! ich hört' in jungen Tagen,
Wunderbare Rettung wohne
Ach, in deinem Blute, sagen.
            
16.
Und so muß ich zu dir schreien,
Schreien aus der bittern Tiefe,
Könntest du auch nicht verzeihen,
Daß dein Knecht so kühnlich riefe!
            
17.
Daß des Lichtes Quelle wieder
Rein und heilig in mir flute,
Träufle einen Tropfen nieder,
Jesus, mir, von deinem Blute!

 

Der Gottheit hoher Tempel ist zerstöret...

Der Gottheit hoher Tempel ist zerstöret
Es ründen an der heil'gen Kuppel sich die Töne
Nicht mehr in schöne Worte des Gebetes,
Und teilen sich im Takte an den Säulen
Den' in den Kronen leichte Melodien
In lieblicher Verirrung schöner Locken
Auf ihre ernsten hohen Stirnen wallen.
Zertrümmert ist das herrliche Gebäude
Und mit dem Echo ist das Wort gestorben.
Vom weiten Himmel hallt kein Lied zurücke,
Denn schrecklich ist die Macht des großen Lebens
Und unermeßlich ist es hier zu beten.

 

Heil'ge Nacht, heil'ge Nacht!

Heil'ge Nacht, heil'ge Nacht!
Sterngeschloßner Himmelsfrieden!
Alles, was das Licht geschieden,
Ist verbunden,
Alle Wunden
Bluten süß im Abendrot!
              
Bjelbogs Speer, Bjelbogs Speer
Sinkt ins Herz der trunknen Erde,
Die mit seliger Geberde
Eine Rose
In dem Schoße
Dunkler Lüste niedertaucht.
              
Zücht'ge Braut, zücht'ge Braut!
Deine süße Schmach verhülle,
Wenn des Hochzeitbechers Fülle
Sich ergießet.
Also fließet
n die brünst'ge Nacht der Tag!

 

Hör’ es klagt die Flöte wieder...

     Fabiola
Hör', es klagt die Flöte wieder,
Und die kühlen Brunnen rauschen.
            
     Piast
Golden wehn die Töne nieder,
Stille, stille, laß uns lauschen!
            
     Fabiola
Holdes Bitten, mild Verlangen,
Wie es süß zum Herzen spricht!
            
     Piast
Durch die Nacht, die mich umfangen,
Blickt zu mir der Töne Licht.

 

Hörst du wie die Brunnen rauschen,

Hörst du wie die Brunnen rauschen,
Hörst du wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt.
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singe,
O wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Daß an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg', ich wecke
Bald Dich auf und bin beglückt.

 

Ich bin durch die Wüste gezogen...

Ich bin durch die Wüste gezogen,
Des Sandes glühende Wogen
Verbrannten mir den Fuß,
Es haben die Wolken gelogen,
Es kam kein Regenguß.
              
Die Sonne trank mir im Zorne
Das Wasser aus jeglichem Borne
An dem die Reise geruht,
Ich dürste, es leckten die Dorne
Meiner brennenden Wunden Blut.

Ich nahm den erschlagnen Kamelen
Das Wasser und Blut aus den Kehlen
Zu retten mein Weib und Kind,
Die Schätze an Gold und Juwelen
Begrub im Sande der Wind.
        
Da wühlt' ich mit glühendem Schwerde
Den Kindern manch Grab in die Erde
Erwühlte mir keinen Quell,
Ob Gott sie wohl finden werde,
Die Hyänen heulten grell.
        
Ein Kind unterm Mutterherzen
Brach mit ihm, in schreienden Schmerzen
Gebar sie es sterbend dem Tod,
Es goß gleich glühenden Erzen
Die Sonne mir Licht in die Not.
        
Gern hätte ich Tränen getrunken,
Die Augen weinten nur Funken,
Ich wühlt' noch ein Grab in den Sand,
Und bin in Verzweiflung gesunken,
Ach weil ich kein Wasser fand.
        
Da ward ich zur wandelnden Leiche,
Auf daß ich den Brunnen erreiche,
Den letzten auf glühender Bahn,
Und wie ich so lechzend hinschleiche.
Da brüllen die Tiger mich an.
         
Des Tages glühende Schwelle
Verbrannte, da kam ich zur Stelle,
Der Brunnen war trocken und tot
Es glühte zur Mitternacht helle
 Der Mond wie Kupfer so rot.
         
Der Tod flog auf aus der Wüste,
Und schauderte, da ich ihn grüßte,
Und floh, da rief ich ihm zu,
Daß einer hier sterben müßte,
Er schrie mir: Erst lebe du!
         
Denn sterben heißt Ruhe erwerben
Drum kannst du nicht leben nicht sterben
Der Durst ist unendlich in dir,
Dein Erbteil, das will ich nicht erben
So schrie er, und eilte von mir.
         
Und heulend flog der Geselle
Wüsteinwärts mit Pfeilesschnelle
Der Sand schlug rasselnd um ihm,
Da traf mich die glühende Welle
Ach, daß ich erblindet bin.

O Nacht ohn' Anfang und Ende!
Kein Stern, wohin ich mich wende,
Kein Bogen, kein Pfeil kein Ziel,
Da rang ich betend die Hände,
Bis die Decke mir niederfiel.
           
Da fühlt' ich das Ziel mir gekommen
Die glühende Leiter erklommen,
Ich schrie zu dem bitteren Stern
Der Herr hat gegeben, genommen
Gelobt sei der Wille des Herrn!
           
Da hört' ich ein Flügelpaar klingen
Da hört' ich ein Schwanenlied singen,
Und fühlte ein kühlendes Wehn
Und sah mit tauschweren Schwingen
Einen Engel in der Wüste gehn.
           
Und als ich ihn fragend begrüßte,
Sag an, du Engel der Wüste
Wie find' ich den Wasserquell?
Sprach er: wer treulich büßte,
Der steht an der Brunnenschwell'.
           
Sag an, du Engel der Wüste,
Und find' ich den Quell, da ich büßte.
Wo find' ich Jerusalem
Da sprach er: so ich das nicht wüßte.
Käm' ich nicht von Bethlehem.
            
So folge nun meinem Gleise,
Blind wandeltest du im Kreise,
Nach Jerusalem wolltest du,
Reich mir die Hand auf der Reise,
Du zogst nach Babylon zu.
            
Der Herr trieb tausend Meilen
Mich her um dich zu heilen,
Zu brechen mein Brot mit dir,
Den Becher mit dir auch zu teilen.
Wohlauf, nun folge du mir.
            
Und vor ihm kniete ich nieder,
Er legte sein tauicht Gefieder
Mir kühl um das glühende Haupt,
Und sang mir die Pilgerlieder
Da hab' ich geliebt und geglaubt.
            
Da sah ich den Himmel wohl offen,
Ach Gott! Kühl herniedergetroffen
Kam die Gnade, die Segensflut,
Da konnte ich endlich auch hoffen,
Auf meines Erlösers Blut.
           
Da sang ich, reich treulich die Hände,
Die Augen nicht vor meinem Ende,
O Schwesterlein von mir
Nur nimmer, nimmermehr wende,
Du, ich, wir sind nun ein Wir.
           
Ein Tempel sei wo wir knien,
Ein Glück sei, für das wir glühen
Ein Streit, ein Siegespanier
Ein Ort sei, wohin wir ziehen
Ein Himmel sei dir und mir.
           
So haben wir da wohl gesungen,
Und Hand in Hand da geschlungen
Und Flügel in Flügelpaar
Uns über die Wüste geschwungen,
Die ein Garten voll Segen war.
           
Dies war wohl ein innerlich Sehen
Ein innerlich Auferstehen
In mir selber erwachte der Geist
Die Wüste, das waren die Wehen
In denen mein Leben gekreißt.
           
All was ich verloren, begraben,
All was ich allein, um zu haben
In der heißen Wüste gesucht,
Das soll mich im Geiste nun laben,
In unverbotener Frucht.
        
O Schimmer, o Lichter, o Farben,
O alle ihr goldenen Garben,
In Duft, in Sonne, im Tau,
Ich schwelge, ich kann nicht mehr darben,
Gott grüß' dich mein geistlicher Pfau!
        
Ach alles, was je ich gewesen
Kann dir in dem Spiegel ich lesen
Kann vor dir in Tränen vergehn
Kann vor dir in Reue genesen,
Kann mit dir dann auferstehn.
        
Und will dieser Abend verglimmen
Laß höher und höher uns klimmen
Auf Golgatha sinkt keine Nacht,
Es singen da ewige Stimmen
Am Kreuze, nun hab' ich vollbracht.

 

Ich eile hin, und ewig flieht dem Blicke ...

Ich eile hin, und ewig flieht dem Blicke
Des Lebens Spiegel fort in wilder Flut,
Die Sehnsucht in die Ferne nimmer ruht,
Und weinend schaut Erinnerung zurücke
Da blickt aus einer Blume neu Geschicke.
Zwei blaue Kelche voll von Liebesglut
Erwecken in dem Flüchtling neuen Mut;
Daß er das Leben wieder jung erblicke.
Es hat der Sinn die Aussicht wiederfunden,
Er sieht im klaren Strome abgespiegelt,
Des Wechsel-Lebens zwiefach-lieblich Bild,
Die Fläche ruht und schwillt in tiefen Stunden,
Wenn Leidenschaft die Trunkenheit entzügelt,
Und Liebe sich dem Strome nackt enthüllt.

 

Ich kenn' ein Haus, ein Freudenhaus...

Ich kenn' ein Haus, ein Freudenhaus,
Es hat geschminkte Wangen,
Es hängt ein bunter Kranz heraus,
Drin liegt der Tod gefangen.
            
In meinem Mantel trag' ich hin
Biskuit und süße Weine,
Der Himmel weiß wohl, wer ich bin,
Die Welt schimpft, was ich scheine.
            
Die eine liest mir in der Hand
Sie will mein Unglück lesen,
Die andre malt mich an die Wand,
Und nennt mich holdes Wesen.
            
Die dritte weiß sich flink zu drehn
Es schwindeln mir die Sinne
Und jede dieser bösen Feen
Sucht, wie sie mich umspinne.
            
Doch dorten auf den Arm gelehnt
Sitzt eine stumm und weinet,
Sie hat sich längst mit Gott versöhnt,
Und sitzet doch und weinet.
            
Was will sie noch in diesem Haus,
Sie muß den Spott erleiden,
Es zischt der freche Chor sie aus,
Du kannst uns doch nicht meiden.
      
Sie schweigt und weint und trägt den Hohn
Den schweren Büßerorden.
Man zuckt die Achseln, kennt sie schon
Sie ist zur Närrin worden.
      
Doch ich berühr' um sie allein
Die himmelschreinde Schwelle,
Bei ihr, tret' ich zum Saal herein,
Ist meine feste Stelle.
      
Sie achtet's nicht, sie blickt nicht auf.
Wenn alle tanzend fliegen,
Seh' ich mit stetem Tränenlauf
Das bleiche Haupt sie wiegen,
      
So hundert Tage ohne Ruh'
Sah ich sie wanken, weinen
Und sprach, o Weib, welch Kind wiegst du?
Will denn kein Schlaf erscheinen?
      
Du hast dem Leid genug getan,
Gieb mir's, ich will dir's tragen.
Da schrie ihr Blick mich schneidend an,
Doch konnt ihr Mund nichts sagen,

Und neulich nachts, um Mitternacht,
Kam ich mit meiner Laute,
Die Pforte hat sie aufgemacht,
Die noch am Fenster schaute.
         
Sie zieht mich in den Garten fort,
Sitzt auf ein Hüglein nieder,
Giebt keinen Blick und giebt kein Wort,
Und weinet stille wieder.
         
Zu ihren Füßen saß ich hin,
Und ehrte ihren Kummer,
Da hat mir Gott ein Lied verliehn,
Ich sang sie in den Schlummer.
         
Ich sang so kindlich, sang so fromm,
Ach säng' ich je so wieder!
O Ruhe komm, ach Friede komm,
Küß ihre Augenlider!
         
Und da sie schlief, da stieg so hold
Ein Kindlein aus dem Hügel,
Trug einen Kranz von Flittergold
Und einen Taschenspiegel,
         
Und brach ein Zweiglein Rosmarin,
Das ihm am Herzen grünet,
Und legt' es auf die Mutter hin,
Und sprach: Gott ist versühnet.
          
Und wo den Rosmarin es brach.
Da bluteten zwei Wunden,
Und als es kaum die Worte sprach,
Ist es vor mir verschwunden.
          
Die Mutter ist nicht mehr erwacht
Noch schläft sie in dem Garten,
Ich steh' und sing' die ganze Nacht,
Kann wohl den Tag erwarten,
          
Da ruft mich Zucht und Ehr' und Pflicht
Aus diesem Haus der Sünde,
Doch von der Mutter lass' ich nicht
Ob ihrem armen Kinde.
          
Es winkt zurück, wenn ich will gehn,
Sitzt an des Hügels Schwelle,
Und kann nicht aus dem Spiegel sehn,
Sein Flitterkranz glänzt helle.
          
Es brach das Haus, der Kranz fiel ab,
Fiel auf den Sarg der Frauen,
Ich blieb getreu, tät bei dem Grab
Mir eine Hütte bauen.

Und daß die Schuld nicht mehr erwacht.
Will ich da ewig singen,
Bis Jesus richtend bricht die Nacht,
Bis die Posaunen klingen.
         
Oft mit dem Kind in Sturm und Wind,
Sing' ich auf meinen Knieen,
O Jesus! du gemordet Kind
Du hast ja auch verziehen!
         
Ein Tröpflein deines Blutes nur
Laß auf die Mutter fallen,
Das macht uns rein und klar und pur,
Daß wir zum Lichte wallen.

 

Ich träumte hinab in das dunkle Tal...

Ich träumte hinab in das dunkle Tal
Auf engen Felsenstufen
Und hab' mein Liebchen ohne Zahl
Bald hier, bald da gerufen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!

Mein lieber Hirt nun sage mir,
Hast du Treulieb gesehen,
Sie wollte zu den Lämmern hier,
Und dann zum Brunnen gehen,
Treulieb, Treulieb ist verloren!
  
Treulieb in meinem Schoße saß
Dort oben an den Klippen
Und weil die Wangen ihr so blaß,
So küßt' ich ihre Lippen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
  
Ich blies die Flöte, ich flocht den Kranz
Ich gieng ihr Blumen zu pflücken,
Ich wollte sie zum Abendtanz,
Als meine Buhle schmücken.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
  
Da hört sie ein schallendes Jägerhorn
Da tät sie die Öhrlein stellen
Und schwang sich hinüber durch Distel und Dorn
Und folgte dem Waldgesellen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
  
Ich träumte hinab in den dunklen Wald
Auf engen Felsenstufen
Und habe mein Liebchen, daß es schallt
Bald hier, bald da gerufen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
           
Mein lieber Jäger nun sage mir
Hast du mein Lieb gesehen,
Sie wollte in das Waldrevier
Zu Hirsch und Rehen gehen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
           
Treulieb lag heut in meinem Arm
Im Schatten kühler Eichen
Wir herzten uns, es ward ihr warm,
Sie gieng ins Bad zu steigen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
           
Der Mühlbursch hell ein Liedlein pfiff
Da tauchte Treulieb unter,
Und tauchte auf, sprang in sein Schiff,
Ohn' Hemd doch frisch und munter.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
           
Ich träume hin an Mühlbachs Rand
Auf engen Felsenstufen
Und habe in schallender Klippenwand
Mein Liebchen oft gerufen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!

Nun lieber Müller nun sage mir
Hase du mein Lieb gesehen
Ich gab ihr Korn sie wollte hier
Bei dir zur Mühle gehen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
        
Treulieb ist heut auf weichem Pfühl
In meinem Arm entschlafen,
Es klang die Schelle es klappte die Mühl',
Das Auffüllen hab' ich verschlafen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
        
Und als mich morgens die Reuter geweckt
Die hier vorbei gezogen
Hat sie der Trompeter in Mantel gesteckt
Und mich um sie betrogen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
        
Ich träumte hin auf der Reuter Zug
In Staub erkannt' ich die Hufen
Und wo das Herz mir lauter schlug
Hab' Treulieb ich gerufen. Treulieb,
Treulieb ist verloren!
        
Mein lieber Reuter willst du mir
Wo Liebchen ist wohl sagen,
Ich weiß sie hat geholfen dir
Dein Zeltlein aufzuschlagen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
            
Treulieb bei mir im Zelte lag,
Das Pulfer hat sie gerochen
Die ganze Nacht, doch früh am Tag
Da ist sie aufgebrochen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
            
Es zog der Bettelstudent vorbei
Und spielte auf der Leier
Sie guckt hinaus, was es wohl sei
Und folgt dem neuen Freier.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
            
Ich träumte, ich folg' der Leier Klang
Hinab viel Felsenstufen
Und habe auf dem bittren Gang,
Mein Liebchen noch oft gerufen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
            
Mein lieber Schüler sage mir
Hast du Treulieb gesehen
Sie wollt', ich weis es wohl, bei dir
 Zur Singeschule gehen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!

Treulieb fraß mit mir auf einmal
Wohl Bettelbrot zwei Pfunde
Den Wein den sie dem Reuter stahl
Trank ich aus ihrem Munde.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
     
Doch als ich an der Schmiede stand
Ums Abendbrot zu singen
Viel größre Freude sie empfand
An kräft'gem Hammerschwingen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
     
Mein lieber Meister wohlgestalt
Sprach sie zum ruß'gen Mohren
Beschlag mich lieber warm als kalt
Viel Eisen hab' ich verloren.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
     
Ich träumt' zur Schmiede den schwarzen Gang
Hinab so viele Stufen
Und lauter als der Hammer klang
Hab' ich Treulieb gerufen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
     
Der Meister sprach sie hat der Knecht
Der Knecht, sie hat der Bube
Der Bube wies mich dann zurecht,
Zu Todengräbers Stube.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
      
Ich träumt' hinab ins Totental
Wohl tausend dunkle Stufen
Und hab' mein Lieb wohl tausendmal
Mit bittrer Angst gerufen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
      
Mein Todengräber nun sage mir
Hast du mein Lieb gesehen
Auf ihrer Mutter Grab allhier
Wollt' sie die Blumen säen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
      
Treulieb lag bei mir manche Nacht
Und sang mir freche Lieder
Und wenn ich ein Fräulein zu Grab gebracht
Da stahl sie ihr den Mieder.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
      
Sie stiehlt der Braut den Jungfernkanz
Die schwarzen Todenschuhe
Die zieht sie an und gieng zum Tanz,
Und nimmt den Leichen die Ruhe.
Treulieb, Treulieb ist verloren!

Und als sie nach goldnen Ringen sucht
Und in den Sarg tät langen,
Der tote Jude der tief verflucht
Hat zärtlich sie umfangen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
        
Wo ist des toten Juden Grab,
Wo ruht der böse Bube
Der Totengräber zur Antwort gab
Geh nach der Schindergrube.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
        
Ich träumte zum dunklen Galgen hin
Hinauf viel tausend Stufen
Und hab' mein Lieb mit wildem Sinn
Wie Raben und Geier gerufen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
        
Nun toder Jude sage mir
Hast du Treulieb gesehen,
Sie wollte ganz allein zu dir
Um dich zu taufen gehen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
        
Sie lag bei mir zur zwölften Stund,
Und hat mir's nicht gedanket
Es heulte zum Mond des Schinders Hund
Der Gehenkte im Galgen schwanket.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
         
Da läßt sie die edle vertrauliche Gruft
Und stiehlt mir meine Geschmeider
Und steigt herauf zu dem luftigen Schuft,
Auf der dünnen Galgenleiter.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
         
Ich träumte hinauf ins leere Schloß
Wohl auf der Leiter Stufen
Und habe auf jeder Galgenspross'
Nach meinem Lieb gerufen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
         
Nun sag' mir mein gehenkter Schuft
Hast du Treulieb gesehen,
Sie schöpfte hier wohl frische Luft
Und wollte um sich sehen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
         
Sie hat mit mir im Mondenschein
Ein Stündchen sich geschaukelt,
Da hob sich Lärm und wildes Schrein
Da kam es heran gegaukelt.
Treulieb, Treulieb ist verloren!

Zuerst der Hexen Troß voran
Auf Gabeln und auf Besen,
Und dann der Meister Urian
Der hat sie sich erlesen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
        
Er faßt die Jungfer sich aufs Korn
Mit angenehmen Sitten
Sie faßt den Teufel bei dem Horn
Zum Blocksberg sie dann ritten.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
        
Ich träumte hinauf die steile Höh'
Auf engen Felsenstufen,
Und hab' mit Ach und hab' mit Weh
Nach meinem Liebchen gerufen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
        
Nun lieber Teufel sage mir
Hast du Treulieb gesehen
Sie kam allein herauf zu dir,
Dich kämpfend zu bestehen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
        
Treulieb sie küßte mich unterm Schwanz,
Ich war ihr wohlgewogen,
Doch hat sie mir beim wilden Tanz
Ein Ohr schier abgelogen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
              
Geh nimm sie wieder da sitzet sie,
Auf einem Katzendrecke,
Bist du Treulieb ich laut aufschrie,
Als ich das Luder entdecke.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
              
Mein lieb Treulieb, nun sage mir
Hast du Treulieb gesehen
Sie soll nun mir in dir allhier
Wahrhaftiglich bestehen.
Treulieb, Treulieb ist verloren!
              
Treulieb, Treulieb sie sitzt allhie
Auf mir dem falschen Schwure.
Treulieb ist Dichterphantasie
Und ich bin deine Hure.
Treulieb, Treulieb ist verloren!

 

Ich wohnte unter vielen vielen Leuten...

Ich wohnte unter vielen vielen Leuten
Und sah sie alle tot und stille stehn,
Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden
Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn;
So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden
Und jeden hab' ich einmal nur gesehn,
Denn nimmer hielt mich's, flüchtiges Geschicke
Trieb wild mich fort, sehnt' ich mich gleich zurücke.
 
Und manchem habe ich die Hand gedrücket,
Der freundlich meinem Schritt entgegensah,
Hab' in mir selbst die Kränze all gepflücket,
Denn keine Blume war, kein Frühling da,
Und hab' im Flug die Unschuld mit geschmücket,
War sie verlassen meinem Wege nah;
Doch ewig ewig trieb mich's schnell zu eilen,
Konnt' niemals nicht des Werkes Freude teilen.
 
Rund um mich war die Landschaft wild und öde,
Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein,
Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte,
Es grüßte mich kein Sänger in dem Hain;
Auch aus dem Tal schallt keines Hirten Flöte,
Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein.
Ich hörte in des Stromes wildem Brausen
Des eignen Fluges kühne Flügel sausen.

Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen,
Senkt' ich ins Herz mit Allgewalt den Blick;
Doch nimmer konnt' es eigne Ruhe finden,
Kehrt' trübe in die Außenwelt zurück,
Es sah wie Traum das Leben unten schwinden,
Las in den Sternen ewiges Geschick,
Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen:
»Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.«
  
Ich sah sie nicht die großen Süßigkeiten,
Vom Überfluß der Welt und ihrer Wahl
Mußt' ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten.
Hinabgedrückt von unerkannter Qual,
Konnt' nimmer ich den wahren Punkt erbeuten
Und zählte stumm der Flügelschläge Zahl,
Von ewigen unfühlbar mächt'gen Wogen
In weite weite Ferne hingezogen.

 

Ich wollt' ein Sträußlein binden,

Ich wollt' ein Sträußlein binden,
Da kam die dunkle Nacht,
Kein Blümlein war zu finden,
Sonst hätt' ich dir's gebracht.
                
Da flossen von den Wangen
Mir Tränen in den Klee,
Ein Blümlein aufgegangen
Ich nun im Garten seh'.

Das wollte ich dir brechen
Wohl in dem dunklen Klee,
Doch fing es an zu sprechen:
»Ach tue mir nicht weh!
                
Sei freundlich in dem Herzen,
Betracht' dein eigen Leid,
Und lasse mich in Schmerzen
Nicht sterben vor der Zeit.«
                
Und hätt's nicht so gesprochen,
Im Garten ganz allein,
So hätt' ich dir's gebrochen,
Nun aber darf's nicht sein.
                
Mein Schatz ist ausgeblieben,
Ich bin so ganz allein.
Im Lieben wohnt Betrüben,
Und kann nicht anders sein.

 

Im Wetter auf der Heimfahrt

Am Dienstagnacht des Winters von 1833-34 gegeben
17. Sept. 1834

O du lieber wilder Regen
O du lieber Sturm der Nacht,
Da der Finsternis entgegen
Ich mein Licht nach Haus gebracht.
         
Sturm du warst ein Bild des Lebens,
Licht du warst der Liebe Bild
Das im Drang des Widerstrebens
Leuchtet unter Jesu Schild.
         
Doch ich bebe, zieht so brausend
Spät der Sturm mir noch durchs Haar,
Treibt das welke Laub mir sausend
Noch im Kreis um den Altar.
         
Meine Lampe flackert, lecket,
Rußt die blanke Leuchte an,
Zuckend hin und her geschrecket
Zeigt ihr Schein mir irre Bahn.
         
Gleich' ich doch dem armen Schwimmer,
Der zum teuren Ziele ringt,
Den verführt von falschem Schimmer
Bald das wilde Meer verschlingt.
            
Alles hab' ich sinken lassen,
Sinken alle Lust der Welt,
Eines treu ans Herz zu fassen,
Was mich über Meer erhält.
            
Eine Gott gefallne Blüte
Trägt und hebt mein brennend Herz,
Treib o Woge die verglühte
Asche endlich heimatwärts.
            
Aber diese Blüte kühlet
Ewig mir die heiße Glut,
Nie verzehrt, die in mir wühlet,
Mich der Flamme irre Wut.
            
O ertränk' mich wilder Regen,
Schleudre mich du Sturm der Nacht
Einem scharfen Fels entgegen,
Daß mein schwerer Traum erwacht.
            
Wind und Wasser um mich zanken,
Auf den Bahnen wankt das Licht,
Schwarze Wolken der Gedanken
Stürzen vor das Weltgericht.
          
Soll ich fliehen, soll ich bleiben,
O unnennbar liebes Gut!
Wolle mich zum Ziele treiben,
Wo die ganze Hoffnung ruht.
          
Alles, was, im Sturm zu schiffen
Einst mein banger Arm umfaßt,
Treibt um mich, der selbst ergriffen
Schwebt ohn' Steuer und ohn' Mast.
          
Eines ist mir nur geblieben,
Eines, das ich nie verlor,
Ein unsterblich treues Lieben
Reißt mich überm Meer empor.
          
Heil dir, die des Sturmes Zügel
Mir mit Kinderhänden lenkt,
Und die reinen Himmelsflügel
Segelnd durch die Nacht hin schwenkt.
          
Immergrüne Dornenkrone
Die die Rosen seelwärts flicht,
Daß der Leib, aufschreit, o schone!
Und der Geist in Wonne bricht.

Ja ich trag' dich dicht am Herzen,
Du zerreißest mir die Brust,
Doch die Nesselglut der Schmerzen
Deckt mir eine heil'ge Lust.
          
Selig, gehst du treu zur Seiten,
Schweb' ich durch die Wetternacht,
Ist es doch ein süßes Leiden,
Wenn die fromme Lippe lacht.
          
O unnennbar lebend Sterben,
Himmelsbrot in Erdennot,
Lachen in uns selbst die Erben,
Macht der Tod die Wangen rot.
          
Tagsanbruch im Augenbrechen,
Glühnden Durst machst du zum Trank,
Dornen blühn, wenn Rosen stechen,
Erdenheil ist himmelskrank.
          
Wer bist du? mit müden Händen
Fasset dich ein letzter Traum,
Als die Nacht sich wollte wenden
Tratst du hell ihr auf den Saum.
          
Lichtes Sprosse - Himmelsleiter,
Flüßchen steig' allein nicht auf,
Öffne doch die Türe weiter,
Treibe meinen müden Lauf.
            
O süß Kind, Geliebte, Schwester,
Schatten, Leben, Leid und Lust,
Alle Vöglein haben Nester,
Und mein Herz hat eine Brust.
            
An der Türe angekommen
Sprachst du mir ein freundlich Wort,
Hättst mich gerne aufgenommen,
Doch mein Richter trieb mich fort.
            
Kann ich einst zu ruhn verdienen
Mit dir unter einem Dach,
Summen über uns die Bienen
Auferstehungsblumen wach.
            
Blumenaug' im Morgengrauen
Traumberauscht von Tränentau
Wirst du nach dem Bruder schauen
Perlen wiegend auf der Au.
            
Wirst süß duftend nicken, blicken
Flüstern zu des Gärtners Hand,
Sollst den Armen mit mir pflücken
Hab' zum Tod ihn treu erkannt.

Ja wenn ich erst kann verdienen,
Unter deinem Dach zu ruhn,
Ist der Morgen schon erschienen
Andres bleibt mir noch zu tun.
             
Muß noch einsam ringend steuern
Durch die wilde Wetternacht,
Bis zu allen Fegefeuern
Mir dein Flügel Kühlung facht.
             
O zu selig, daß ich Armer
Stehe in so edler Pein,
Daß ich ewig den Erbarmer
Seh' in des Gerichtes Schein.
             
Und so bin durch Wind und Wogen
Ich wie ein verlornes Kind
Durch die Blumen hingezogen,
Daß ich dir ein Sträußlein bind',
             
Und der Strauß den ich gepflücket
Ist das sturmverwirrte Lied,
Würd' er an dein Herz gedrücket,
Dann wär' er dem Herrn erblüht.
             
Als ich ihr dies Lied gelesen
Ward ich arm und todeskrank,
Ach und bin noch nicht genesen
Denn ich trank den Zaubertrank.

 

In dem Lichte wohnt das Heil...

In dem Lichte wohnt das Heil,
Doch der Pfad ist uns verloren
Oder unerklimmbar steil,
Wenn wir außer uns ihn steigen
Werden wir am Abgrund schwindeln
Aber in uns selbst, da zeigen
Klar und rein die Pfade sich Glauben,
Hoffen, Lieben, Schweigen,
Laß uns diese Pfade steigen,
Daß wir nicht am Abgrund schwindeln.
Wollte Gott herab sich neigen
Und uns seine Hände reichen,
Sieh den Gottessohn in Windeln!

 

In dir ringelt die Träne, auf dir lächelt das Mondlicht...

In dir ringelt die Träne, auf dir lächelt das Mondlicht,
Welle, bald Woge, bald Strom, wie dich das Ufer umkränzt,
Gifttrank und lieblicher Wein, wie dich die Schale umfaßt.
Lethe wird nimmer in dir, Psychen ein Spiegel wohl oft,
Aber es tauchet der Schwan ins heilignüchterne Wasser
Trunken das Haupt, und singt sterbend dem Sternbild den Gruß.

 

In Lieb'? - In Lust? - im Tod? Verschmachtet?  trunken?

Ob Odem von der süßen Lippe fließt,
Was ist's, das der gefallne Becher gießt?
Hat Gift, hat Wein, hat Tränen sie getrunken?
Kein Öl, die Lampe, oder keinen Funken?
Ob ihr ein Gott? ein Krampf? den Mund verschließt?
Ob rings nur Dorn, ob keine Rose sprießt,
Ist an ein Herz das andre hier gesunken,

Sag? diese Arme wollen Flügel werden -
Nein Falten sind es - Leichentuches Falten
Das liebe Haupt strahlt Gloria - zerraufte Haare!

Sink nieder, Nacht! Nein! Blitz strahl' zu der Erde
Deck' zu, erleucht' des Zweifels Peingestalten
Verhüll', enthüll' das Rosenbett, die Bahre.