Brentano

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Biografie

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Kaum hörst Du auf, so fang' ich an ...

Kaum hörst Du auf, so fang' ich an,
Dich erst recht zu vermissen,
Ich habe ein Gelübd' getan,
Kein andres Weib zu küssen.
             
Gewaltig, regt es sich in mir,
Zu leben und zu lieben,
O süße Frau wär' ich bei Dir,
Ich wollt' Dich nicht betrüben.

Du letzter Preis von Lieb' und Lust,
Wie konnte ich Dich quälen,
Ach hätt' ich jemals was gewußt,
Wie könnt' ich dann erzählen.
            
Die Lippe schließt der Liebe Kuß,
Ich hab' ihn nie empfangen,
Es rühmt sich nur der Überdruß,
Es seufzt nur das Verlangen.
            
Kaum hörst Du auf, so fang' ich an
Versäumnis muß ich büßen,
O wandelte die Lust mich an
Ein andres Weib zu küssen.
            
Mein Kuß ist jung, mein Kuß ist alt,
Ich küss' mit weisen Listen,
Es würde Liebe und Gewalt,
Die Untreu' Dir nicht fristen.
            
So lebe wohl, verzeihe Dir!
Die keusche Bahn zu wandlen,
Ich lebe wohl, verzeihe mir,
Im Traum Dich zu - mißhandlen.

 

Lieb' und Leid im leichten Leben

Lieb' und Leid im leichten Leben
Sich erheben, abwärts schweben,
Alles will das Herz umfangen
Nur verlangen, nie erlangen,

In den Spiegel all ihr Bilder
Blicket milder, blicket wilder
Jugend kann doch nichts versäumen
Fortzuträumen, fortzuschäumen.
            
Frühling muß mit süßen Blicken
Sie beglücken, sie berücken,
Sommer sie mit Frucht und Myrten,
Froh bewirten, froh umgürten.
            
Herbst muß ihr den Haushalt lehren,
Zu begehren, zu entbehren,
Winter, Winter lehr mich sterben
Mich verderben, Frühling erben.
            
Wasser fallen um zu springen.
Um zu klingen, um zu singen,
Muß ich schweigen. Wie und wo ?
Trüb und froh? nur so, so.

 

        Lureley

Singet leise, leise, leise,
Singt ein flüsternd Wiegenlied,
Von dem Monde lernt die Weise,
Der so still am Himmel zieht.
             
Denn es schlummern in dem Rheine
Jetzt die lieben Kindlein klein,
Ameleya wacht alleine
Weinend in dem Mondenschein.
             
Singt ein Lied so süß gelinde,
Wie die Quellen auf den Kieseln,
Wie die Bienen um die Linde
Summen, murmeln, flüstern, rieseln.
  
      Herzeleid
  
Wer nie sein Brot in Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Weinend auf seinem Bette saß,
Der kennt euch nicht, ihr himml'schen Mächte!
  
Wer einsam nie am Strome ging,
Wer nie wie die trauernde Weide
Sein Haupt zum Spiegel niederhing,
Der weiß noch nichts vom schweren Herzenleide.
  
     Chor
  
Sieh! wie wandelt der Mond so helle,
Horch! wie eilet die Quelle so schnelle,
Summ, summ, summ,
Kein Tröpflein kommt um.
  
     Liebesleid
  
Wer vor dem Fels die Hände ringt
Und eines Hirten Liedes fluchet,
Vom Brunn des Mondes nicht mehr trinkt,
Den hat das bittre Elend heimgesuchet.
  
Wer keine Blume brechen mag,
Sie lieber mitleidlos vernichtet
Mit seines Pilgerstabes Schlag,
Den hat der Liebe Leid wohl hingerichtet.
  
     Chor
  
Sieh! wie schlummern die Blumen so leise,
Horch auf der Nachtigall klagende Weise,
Summ, summ, summ,
Der Schmerz geht herum.
  
     Liebeseid
  
Wer glaubt, daß der Treue Schwur,
Den leicht die Lippe spricht in trunknen Stunden,
Ein leerer Schall des Rausches nur,
Des Ehre ist an einer Frauen Haar gebunden.
  
Und wer die Götter lachen hört,
Als er den Liebesmeineid ausgesprochen,
Von dem hat sich der gute Geist gekehrt,
Sein Herz wird mit dem Glückesrad gebrochen.
  
     Chor
Sieh! wie das Auge der Eule glüht,
Horch! wie die Fledermaus rauschend zieht,
Summ, summ, summ,
Der Meineid geht um.
  
     Liebesneid
  
Wer Steine wirft ins grüne Haus,
Wo treue Turteltauben girren
Und falsche Lichter stellet aus,
Den Schwimmer auf der Liebesfahrt zu irren;
  
Wer in dem Taue auf der Flur,
Um einer Hirtin Tugend anzuschwärzen,
Verrät der nächt'gen Liebe Spur,
Der nährt den Wurm des Neids in bösem Herzen.
  
     Chor
  
Sieh! wie ringelt zwischen Blumen die Schlange,
Horch! wie seufzet die Nachtigall bange,
Summ, summ, summ,
Der Neid geht herum.
  
     Reu und Leid
  
Wer vor der Sünden Strafe bebt
Und nicht vor ihrem innern Tod erschrecket,
Noch fremde Schuld in seine webt,
In dem ist noch die Buße nicht erwecket.
   
Wer seine Zeit und die Gebrechlichkeit
In seiner eignen Schuld wagt anzuklagen,
Dem hat die Reue und das bittre Leid
Noch nicht so recht ans kranke Herz geschlagen.
   
      Chor
   
Horch! wie der Wurm im Holz dort naget,
Horch! wie die Weid' im Teiche klaget,
Summ, summ, summ,
Die Reue geht um.
   
      Mildigkeit
   
Wer nie der Vöglein Brut gestört,
Wer auf der Schwalbe frühen Morgensegen
Mit süß erquickter Seele hört,
Der geht der Armut mildreich auch entgegen.
   
Wer die zerknickte Ähre gerne hebt
Und gern die Mücke aus dem Netz befreit,
Der Spinne schonend, die es sinnreich webt,
Des Herz ist voll von göttlichem Mitleid.
    
 Chor
    
Sieh! an den Dorn hängt das Lamm die Wolle,
Daß sich das Vöglein weich betten solle,
Summ, summ, summ,
Das Mitleid geht um.
    
       Liebesfreud
    
Wer lachend früh die Sonne grüßt
Und heiter an den Mittag blicket,
Und fromm im Abendsterne liest,
Zufrieden, wie die Nacht ihr Haus beschicket:
    
Der wird auch froh in Liebesaugen sehen
Und greifet in das falsche Rad dem Glücke,
Es muß vor seinem Frieden stille stehen,
Daß Liebesfreude gründlich ihn entzücke.
    
       Chor
    
Sieh! wie lächelt gen Morgen die Ferne,
Horch! wie grüßet die Lerche die Sterne,
Tireli, Tireli -
Der treue Müller ist hie.

 

Maria, wo bist zur Stube gewesen?

     Mutter
Maria, wo bist zur Stube gewesen?
Maria, mein einziges Kind!
         
     Kind
Ich bin bei meiner Großmutter gewesen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
         
     Mutter
Was hat sie dir dann zu essen gegeben?
Maria, mein einziges Kind!
     
     Kind
Sie hat mir gebackene Fischlein gegeben.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
 
     Mutter
Wo hat sie dir dann das Fischlein gefangen?
Maria, mein einziges Kind!
 
     Kind
Sie hat es in ihrem Krautgärtlein gefangen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
 
     Mutter
Womit hat sie denn das Fischlein gefangen?
Maria, mein einziges Kind!
 
     Kind
Sie hat es mit Stecken und Ruten gefangen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
 
     Mutter
Wo ist denn das Übrige vom Fischlein hinkommen?
Maria, mein einziges Kind!
 
     Kind
Sie hat's ihrem schwarzbraunen Hündlein gegeben.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

     Mutter
Wo ist denn das schwarzbraune Hündlein hinkommen?
Maria, mein einziges Kind!
      
     Kind
Es ist in tausend Stücke zersprungen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
      
     Mutter
Maria, wo soll ich dein Bettlein hinmachen?
Maria, mein einziges Kind!
      
     Kind
Du sollst mir's auf den Kirchhof machen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

 

Nach Sevilla, nach Sevilla...

Nach Sevilla, nach Sevilla,
Wo die hohen Prachtgebäude
In den breiten Straßen stehen,
Aus den Fenstern reiche Leute,
           
Schön geputzte Frauen sehn,
Dahin sehnt mein Herz sich nicht!
           
Nach Sevilla, nach Sevilla,
Wo die letzten Häuser stehen,
Sich die Nachbarn freundlich grüßen,
Mädchen aus dem Fenster sehn,
           
Ihre Blumen zu begießen,
Ach, da sehnt mein Herz sich hin!
           
In Sevilla, in Sevilla
Weiß ich wohl ein reines Stübchen,
Helle Küche, stille Kammer,
In dem Hause wohnt mein Liebchen,
Und am Pförtchen glänzt ein Hammer.
Poch' ich, macht die Jungfrau auf!
           
Guten Abend, guten Abend -
Lieber Vater, setzt euch nieder,
Ei, wo seid ihr dann gewesen?
Und dann singt sie schöne Lieder,
Kann so hübsch in Büchern lesen,
Ach! und ist mein einzig Kind.

 

Nachklänge Beethovenscher Musik

                    1.
Einsamkeit, du Geisterbronnen,
Mutter aller heil'gen Quellen,
Zauberspiegel innrer Sonnen,
Die berauschet überschwellen,
Seit ich durft' in deine Wonnen
Das betrübte Leben stellen,
Seit du ganz mich überronnen
Mit den dunklen Wunderwellen,
Haß' zu tönen ich begonnen,
und nun klingen all die hellen
Sternenchöre meiner Seele,
Deren Takt ein Gott mir zähle,
Alle Sonnen meines Herzens,
Die Planeten meiner Lust,
Die Kometen meines Schmerzens,
Klingen hoch in meiner Brust.
In dem Monde meiner Wehrnut,
 Alles Glanzes unbewußt,
Kann ich singen und in Demut
Vor den Schätzen meines Innern,
Vor der Armut meines Lebens,
Vor der Allmacht meines Strebens
Dein, o Ew'ger, mich erinnern!
Alles andre ist vergebens.

                    2.
Gott, dein Himmel faßt mich in den Haaren,
Deine Erde zieht mich in die Höhle,
Gott, wie soll ich doch mein Herz bewahren,
Daß ich deine Schätze sicherstelle,
Also fleht der Sänger und es fließen
Seine Klagen hin wie Feuerbronnen,
Die mit weiten Meeren ihn umschließen;
Doch inmitten hat er Grund gewonnen,
Und er wächst zum rätselvollen Riesen.
Memnons Bild, des Aufgangs erste Sonnen,
Ihre Strahlen dir zur Stirne schießen,
Klänge, die die alte Nacht ersonnen
Tönest du, den jüngsten Tag zu grüßen:
Auserwählt sind wen'ge, doch berufen
Alle, die da hören, an die Stufen. -

                    3.
Selig, wer ohne Sinne
Schwebt, wie ein Geist auf dem Wasser,
Nicht wie ein Schiff - die Flaggen
Wechslend der Zeit, und Segel
Blähend, wie heute der Wind weht,
Nein ohne Sinne, dem Gott gleich,
Selbst sich nur wissend und dichtend
Schafft er die Welt, die er selbst ist,
Und es sündigt der Mensch drauf,
Und es war nicht sein Wille!
Aber geteilet ist alles.
Keinem ward alles, denn jedes
Hat einen Herrn, nur der Herr nicht;
Einsam ist er und dient nicht,
So auch der Sänger!

                    4.
Nichts weiß ich von dir, o Wellington,
Aber die Welle
Tönt deinen Namen so brittisch.
Kleinod der Erde, England
Eiland, vom Meere gegürtet
Jungfräulich, Arche auf grünenden
Hügeln ruhend, der Sündflut
Bist du entrücket, dich lieb' ich,
Nicht um handelbequeme
Gestalt in mancher Vollendung,
Nein um dich nur, denn heilig
Sind wohl die Inseln. Die Sterne
Gürtet umsonst nicht das Blau,
Und die sehenden Augen,
Wunderinseln des Lichtes,
Schwimmen umsonst nicht im Glanz;
Was umarmt ist, ist Tempel,
Freistatt des Geistes, der die Welt trägt.
Wer möchte sonst leben?

                    5.
Wer hat die Schlacht geschlagen,
Wer hat die Schlacht getönt,
Wer hat den Sichelwagen,
Der über das Blutfeld dröhnt,
Harmonisch hinübergetragen,
Daß sich der Schmerz versöhne?
Wen hat in heißen Tagen
Ein solcher Kranz gekrönt,
Wer darf so herrlich ragen,
Von Sieg und Kunst verschönt.
Wellington in Tones Welle
Woget und wallet die Schlacht,
Wie eines Vulkanes Helle,
Durch die heilige Sternennacht.
Er spannt dir das Roß aus dem Wagen,
Und zieht dich mit Wunderakkorden
     Durch ewig tönende Pforten.
     Triumph, auf Klangen getragen!
     Wellington, Viktoria!
     Beethoven, Gloria!

 

Nun, gute Nacht! mein Leben...

Nun, gute Nacht! mein Leben,
Du alter, treuer Rhein,
Deine Wellen schweben
Schon im klaren Sternenschein;
Die Welt ist rings entschlafen,
Es singt den Wolkenschafen
Der Mond ein Lied.
              
Der Schiffer schläft im Nachen
Und träumet von dem Meer,
Du aber, du mußt wachen
Und trägst das Schiff einher.
Du führst ein freies Leben,
Durchtanzest bei den Reben
Die ernste Nacht.
              
Wer dich gesehn, lernt lachen;
Du bist so freudenreich,
Du labst das Herz der Schwachen
Und machst den Armen reich,
Du spiegelst hohe Schlösser,
Und füllest große Fässer
Mit edlem Wein.
              
Auch manchen lehrst du weinen,
Dem du sein Lieb entführt,
Gott wolle die vereinen,
Die solche Sehnsucht rührt.
Sie irren in den Hainen
Und von den Echosteinen
Erschallt ihr Weh.
               
Und manchen lehret beten
Dein tiefer Felsengrund,
Wer dich in Zorn betreten,
Den ziehst du in den Schlund.
Wo deine Strudel brausen,
Wo deine Wirbel sausen,
Da beten sie.
               
Mich aber lehrst du singen,
Wenn dich mein Aug' ersieht,
Ein freudenselig Klingen
Mir durch den Busen zieht.
Treib fromm nur meine Mühle,
Jetzt scheid' ich in der Kühle
Und schlummre ein.
               
Ihr lieben Sterne decket
Mir meinen Vater zu.
Bis mich die Sonne wecket,
Bis dahin mahle du.
Wird's gut, will ich dich preisen,
Dann sing' in höhern Weisen
Ich dir ein Lied.
               
Nun werf' ich dir zum Spiele
Den Kranz in deine Flut,
Trag' ihn zu seinem Ziele,
Wo dieser Tag auch ruht.
Und nun muß ich mich wenden
Und segnend dich vollenden
Den Abendsang.

 

O Mutter halte dein Kindlein warm...

O Mutter halte dein Kindlein warm,
Die Welt ist kalt und helle,
Und trag es fromm in deinem Arm
An deines Herzens Schwelle.

Leg' still es, wo dein Busen bebt,
Und leis herab gebücket
Harr' liebvoll, bis es die Äuglein hebt,
Zum Himmel selig blicket.
        
Und weck' ich dich mit Tränen nicht,
So weck' ich dich mit Küssen,
Aus deinem Aug' mein Tag anbricht,
Sonn, Mond dir weichen müssen,
        
O du unschuld'ger Himmel du!
Du lachst aus Kindesblicken,
O Engelsehen, o sel'ge Ruh',
In dich mich zu entzücken.
        
Ich schau' zu dir so Tag als Nacht,
Muß ewig zu dir schauen,
Und wenn mein Himmel träumend lacht,
Wächst Hoffnung und Vertrauen.
        
Komm her, komm her, trink meine Brust,
Leben von meinem Leben,
O könnt' ich alle fromme Lust
Aus meiner Brust dir geben.
        
Nur Lust, nur Lust, und gar kein Weh,
Ach du trinkst auch die Schmerzen,
So stärke Gott in Himmelshöh'
Dich Herz aus meinem Herzen.
        
Vater unser, der du im Himmel bist,
Unser täglich Brot gieb uns heute,
Getreuer Gott, Herr Jesus Christ,
Tränk' uns aus deiner Seite.
        
Du strahlender Augenhimmel du
Du taust aus Mutteraugen,
Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh',
An deinen Brüsten saugen.
        
Ich schau' zu dir so Tag als Nacht
Muß ewig zu dir schauen,
Du mußt mir, die mich zur Welt gebracht,
Auch nun die Wiege bauen.
        
Um meine Wiege laß Seide nicht,
Laß deinen Arm sich schlingen,
Und nur deiner milden Augen Licht
Laß zu mir niederdringen.
        
Und in deines keuschen Schoßes Hut
Sollst du deine Kindlein schaukeln,
Daß deine Kinder so lieb, so gut,
Wie Träume mich umgaukeln.

Da träumt mir, wie ich so ganz allein
Gewohnt dir unterm Herzen,
Da waren die Freuden, die Leiden dein
Mir Freuden auch und Schmerzen.
          
Und ward dir dein Herz ja allzu groß
Und hattest nicht, wem klagen,
Und weintest du still in deinen Schoß,
Half ich dein Herz dir tragen.
          
Da rief ich, komm, lieb' Mutter komm!
Kühl' dich in Liebeswogen,
Da fühltest du dich so still, so fromm
In dich hinabgezogen.
          
So mutterselig ganz allein
In deiner Lust berauschet,
Hab' ich die klare Seele dein
Du reines Herz belauschet.
          
Was heilig in dir zu aller Stund'
Das bin ich all gewesen,
Nun küß mich süßer Mund gesund,
Weil du an mir genesen.
          
O selig, selig ohne Schuld,
Wie konnt' ich mit dir beten,
O wunderbare Ungeduld,
Ans scharfe Licht zu treten.
     
O Mutter halte dein Kindlein warm,
Die Welt ist kalt und helle,
Und trag es fromm, bist du zu arm,
Hin an des Grabes Schwelle.
     
Leg' es in Linnen, die du gewebt,
Zu Blumen, die du gepflücket,
Stirb mit, daß wenn es die Äuglein hebt,
Im Himmel es dich erblicket.
     
So lallt zu dir ein frommes Herz,
Und nimmer lernt es sprechen,
Blickt ewig zu dir, blickt himmelwärts
Und will in Freuden brechen.
     
Bricht's nicht in Freud', bricht's doch in Leid,
Bricht es uns allen beiden.
Ach Wiedersehen geht fern und weit,
Und nahe geht das Scheiden!

 

O schweig nur Herz! Die rächende Sibille

O schweig nur Herz! Die rächende Sibille
Die über deiner Zukunft, Wehe! kreischt,
Den gier'gen Geier, der dich lang zerfleischt,
Bannt ein gottselig Kind, und deckt ganz stille
Die schreinde Wunde dir mit Taubenflügeln,
Weckt dir den Morgenstern auf stummen Hügeln.

O schweig nur Herz! Horch Klang von Engelschwingen
Was zuckst du so, du mußt fein leise tun,
Wo man dir singet, wie so sanft sie ruhn,
Die Seligen, dahin wird man dich bringen,
Sei still, was schreist du, einsam ist kein Leben,
Kein Grab, schlaf süß, die Liebste träumt daneben.

O schweig nur Herz! Du hast ja nichts besessen,
Du läßt ja nichts zurück, wem trauerst du?
Auch deines Himmels Augen fallen zu,
Doch seiner Liebe Licht strahlt ungemessen
Brichst du, bricht jenes Herz? Wer bleibt, wird sagen,
O schönre Lust, halb hier, halb dort zu schlagen!

O schweig mein Herz! Du magst wohl selig schweigen,
Was schreist du nur, dir fiel kein Sünderlos,
Dich wiegt die Unschuld ohne Graun im Schoß,
Aus frommen Augen blickt dein Himmelszeichen.
Sei ihr nicht schwer, sei selig, träume, schwebe,
Wein' um die Traube nicht, wein' mit der Rebe.
O schweig nur Herz! Sonst schimpft dich einen Raben

Die Liebste, die nur Tauben Futter giebt,
O werde rein und fromm, bis sie dich liebt
Werd' eine Taube, die nur will sie haben.
 O selig! ihr als Taube zu gehören,
So lange sie sich wird der Raben wehren.
   
O schweig nur Herz! Und lerne sel'ger schauen
Als andre in die Huld, die sie umgiebt,
Daß sie dir mehr als allen andern giebt,
Das zwinge sie dir einst noch zu vertrauen.
Schweig, dulde, glaube, hoffe, liebe, baue
Dein Elend fromm, daß sie dir ganz vertraue!

 

O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen ...

O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen,
Blau überspannt vom Zelte, Stern an Stern;
O Wüstenglut voll Tau, o Lieb' voll Tränen,
Weil sich unendlich Nahes ewig fern.
 
O Wüstentraum, wo Lieb' auf Herzschlag lauschet,
Wenn flücht'gen Wildes Huf die Wüste drischt,
O Traum, wo der Geliebten Schleier rauschet,
 Wenn Geierflug im Sandmeer Schlangen fischt.

O Wüstentraum, wo Liebe träumt zu fassen
Jetzt Josephs Mantelsaum mit durst'ger Hand,
Da geißelt wach, verhöhnt halb, ganz verlassen
Ihr Herz, der Wüste Geißel, glüher Sand.
 
O Liebe, Wüstentraum der Sehnsuchtspalme,
Die blütenlos Gezweig zum Himmel streckt,
Bis segnend in des höchsten Liedes Psalme
Der Engel sie mit heil'gem Fruchtstaub weckt.
 
O Wüste, Traum der Liebe, die verachtet
Vom Haus verstoßen mit der Hagar irrt,
Wo schläft der Quell? da Ismael verschmachtet,
Bis deine Brust ihm eine Amme wird.
 
O Wüstentraum der Liebe, die sich sehnet,
Steigt nie ein Weiherauch aus dir empor?
Geht duftend, auf den Bräutigam gelehnet,
Nie meine Seele heil aus dir hervor?
 
O Wüste, wo das Wort der ew'gen Liebe
Im unversehrten Dorn vor Moses flammt,
Ein Zeugnis, daß die Mutter Jungfrau bliebe,
Aus deren Schoß der Sohn der Gottheit stammt.
 
Lieb', Wüstentraum, so laut des Rufers Stimme,
»Bereit' den Weg des Herrn!« dir mahnend schallt,
Summt in des Löwen Schlund dir doch die Imme,
Die Süßes baut im Rachen der Gewalt.
 
O Durst der Liebe, Wüstentraum, wann spaltet
Der Herr den Fels, daß Wasser gibt der Stein,
Wann deckt in dir den Tisch, der gütig waltet,
Wann sammle ich das Himmelbrot mir ein?
 
Durst, Liebe, Wüstentraum, dort scheint am Hügel
Der Morgenstrahl, ein Hirtenfeuer weiß,
Wo Durst gewählt des Wasserfalles Spiegel
Fand Liebe ein Geschiebe Fraueneis.
 
O Liebe, Wüstentraum des Heimatkranken,
Ihr Paradiese, schimmernd in der Luft,
Ihr Sehnsuchtsströme, die durch Wiesen ranken.
Ihr Palmenhaine, lockend in dem Duft.
 
O Liebe, Wüstentraumquell, beim Erwachen
Rauscht dir kein Quell, es wirbelt glüher Sand,
Es saust das Haus der Schlangen und der Drachen
Und prasselt nieder an der Felsenwand.
 
O Wüstentraum, wo Sehnsucht Feuer trinket,
Und Liebe angehaucht vom gift'gen Smum,
Ohn' Trost und Hoffnung tot zur Erde sinket; -
O Tod ohn' Liebe, Hoffnung, Ehr' und Ruhm!

O Wüstentraum der Lieb'! in der Oase
Labt dich am Quell, der zwischen Palmen glänzt,
Ein schlankes Kind - die Schlange ist's im Grase,
Der Räuber Kundschaftrin, ein Truggespenst.
  
O Liebe, Wüstentraum, nach kurzem Gasten
Sprengt dich der Räuber gastfrei an mit Hohn:
»Mein Brüderchen! entlaste dich zum Fasten,
Wo denkest du hinaus, mein lieber Sohn?«
  
O Liebe, Wüstentraum, du mußt verbluten,
Beraubt, verwundet, trifft der Sonne Stich,
Der Wüste Speer dich, und in Sandesgluten
Begräbt der Wind dich, und Gott findet dich!

 

O Zorn, du Abgrund des Verderbens...

O Zorn, du Abgrund des Verderbens,
Du unbarmherziger Tyrann,
Du nagst und tötest ohne Sterben
Und brennest stets von neuem an,
Wer da gerät in deine Haft,
Bekömmt der Hölle Eigenschaft!
           
Wo ist, o Liebe, deine Tiefe,
Der Urgrund deiner Wunderkraft?
Herz, nur ein einz'ges Tröpflein prüfe
Von dieses Quelles Eigenschaft,
O, wer in diesem tiefen Meere
Gleich einem Tröpflein sich verlöre!

 

     Phantasie

(Für Flöte, Klarinette, Waldhorn und Fagott)

     Flöte
Stille Blumen,
In der Liebe Heiligtumen
Nicht entsprossen,
Welken nieder.
Süße Lieder,
Ohne Echo hingeflossen,
Kehren nimmer wieder.
             
     Klarinette
Doch zeiget der Spiegel im Quelle,
So freundlich und helle,
Das eigne Gebild;
Wie's flüchtig in rastloser Schnelle
Sich eilend geselle,
Und Welle an Welle
Dem Leben entquillt.
             
     Fagott
Wohnen nicht klar in mir
Des Geistes Gestalten;
Leben, so will ich Dir
Den Busen entfalten;
Wer den eignen Ton nicht hört,
Lausche, bis er wiederkehrt -
Widerschein
Blickt ins dunkle Herz herein.
 
     Waldhorn
Des Vorhangs leises Beben
Erschreckt mich nicht,
Und kann ich nicht erstreben
Das eigne Licht:
So wandl' ich schön und stille
Ein Kind dahin:
Mich grüßt durch fromme Hülle
Ein heil'ger Sinn.
  
     Alle
Es eilet jed Leben die eigene Bahn;
Es schauet der Spiegel den Menschen nicht an;
Es küsset die Welle die Welle so gerne,
Und reißet vom Ganzen nicht einer sich los;
Doch blüht einem jeden das Ganze im Schoß,
Und tief durch den Schleier, da weht es von ferne.
  
     Flöte
Helle Sterne
Blinken aus der weiten Ferne
Fremdes Licht -
Und die Tränen,
Die sich nach dem Freunde sehnen,
Siehst Du nicht.
         
     Waldhorn
Es wandelt voll Liebe im Leben
Die Sonn' und das Mondlicht herauf;
Doch, wenn wir das eigne nicht geben,
Schließt nimmer der Schatz sich uns auf.
         
     Fagott
Was wir suchen, ach, das wohnet,
Unerkannt
Uns im Herzen, unbelohnet;
Und die Hand
Haschet stets nach äußerm Schimmer.
Was wir nicht umfassen,
Das müssen wir lassen;
Denn wir fassen's sicher nimmer.
         
     Klarinette
Die ganze Welt
Umwölbet ein Zelt,
Über jeglicher Pforte
Stehn goldne Worte.
Das Aug' der Sonne glühet
Zur Blume, die aufsteht,
Den heißen Gruß;
Auf Mondeslippen blühet
Der Blume, die heimgeht,
Der stille Kuß.
Und wer mit beiden
Nicht kindlich spricht,
Dem leuchtet kein Licht,
Der findet den Ein- und den Ausgang nicht,
Der kann nicht kommen, nicht scheiden.
 
     Alle
Und wer sich mit Liebe nicht selber umarmt,
Für den ist das Leben zum Bettler verarmt.
In eigenem Busen muß alles erklingen,
Und daß der Sinn leicht finden es kann,
Hat's viele buntfarbige Kleider an,
Und Hülle und Geist sich zum Leben verschlingen.
 

Säusle liebe Mirte ...

Säusle liebe Mirte,
Wie still ist's in der Welt,
Der Mond, der Sternenhirte
Auf klarem Himmelsfeld,
Treibt schon die Wolkenschafe
Zum Born des Lichtes hin:
Schlaf, mein Freund, o schlafe,
Bis ich wieder bei Dir bin.
                
Säusle liebe Mirte
Und träum' im Sternenschein
Die Turteltaube girrte
Auch ihre Brut schon ein.
Still ziehn die Wolkenschafe
Zum Born des Lichtes hin,
Schlaf', mein Freund, o schlafe,
Bis ich wieder bei Dir bin.

 

Schwanenlied

Wenn die Augen brechen,
Wenn die Lippen nicht mehr sprechen,
Wenn das pochende Herz sich stillet
Und der warme Blutstrom nicht mehr quillet:
O dann sinke der Traum zum Spiegel nieder,
Und ich hör' der Engel Lieder wieder,
Die das Leben mir vorüber trugen,
Die so selig mit den Flügeln schlugen
Ans Geläut der keuschen Maiesglocken,
Daß sie all die Vöglein in den Tempel locken,
Die so süße wildentbrannte Psalmen sangen:
Daß die Liebe und die Lust so brünstig rangen,
Bis das Leben war gefangen und empfangen;
Bis die Blumen blühten;
Bis die Früchte glühten,
Und gereift zum Schoß der Erde fielen,
Rund und bunt zum Spielen;
Bis die goldnen Blätter an der Erde rauschten,
Und die Wintersterne sinnend lauschten,
Wo der stürmende Sämann hin sie säet,
Daß ein neuer Frühling schön erstehet.
Stille wird's, es glänzt der Schnee am Hügel
Und ich kühl' im Silberreif den schwülen Flügel,
Möcht' ihn hin nach neuem Frühling zücken,
Da erstarret mich ein kalt Entzücken -
Es erfriert mein Herz, ein See voll Wonne
Auf ihm gleitet still der Mond und sanft die Sonne
Unter den sinnenden, denkenden, klugen Sternen
Schau' ich mein Sternbild an in Himmelsfernen;
Alle Leiden sind Freuden, alle Schmerzen scherzen
Und das ganze Leben singt aus meinem Herzen:
Süßer Tod, süßer Tod
Zwischen dem Morgen- und Abendrot.

 

     Sprich aus der Ferne

   Sprich aus der Ferne
   Heimliche Welt,
   Die sich so gerne
   Zu mir gesellt.
    
Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze stilleuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:
         
   Wehet der Sterne
   Heiliger Sinn
   Leis durch die Ferne
   Bis zu mir hin.
    
Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.
         
   Glänzender Lieder
   Klingender Lauf
   Ringelt sich nieder,
   Wallet hinauf.
    
Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht,
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:
         
   Wandelt im Dunkeln
   Freundliches Spiel,
   Still Lichter funkeln
   Schimmerndes Ziel.
    
Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und traurend die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.
         
    Sprich aus der Ferne
    Heimliche Welt,
    Die sich so gerne
    Zu mir gesellt.

 

Trippel Trippel trap, trap, trap

Trippel Trippel trap, trap, trap
Heut schließ' ich die Tür' nicht ab
Wenn ich dich erst bei mir hab'
Küss' ich dich recht tüchtig ab.
        
Weck' mir nicht die Mutter auf
Nur nicht hust', nicht nies', nicht schnauf',
Nicht zu stolz renn' mir herauf,
Wer hoffärtig fällt leicht drauf.
        
Weck' mir nicht die Martinsgans,
Tritt dem Hund nicht auf den Schwanz,
Schleiche wie der Mondenglanz,
Wie ein Floh im Hochzeitskranz.
        
Stoß' mir nicht die Kübel um
Liebster Schatz, ich bitt' dich drum
Rumpelt er rumpidipum
Liebster Schatz, das wäre dumm.
        
Und vor allem ich dich bitt'
Auf der Treppe in der Mitt'
Mache einen großen Schritt
Von vier Stufen fehlt die dritt'.
        
In das Maul nimm deine Schuh'
Kömmt die Magd, so fahr' drauf zu
Dann glaubt sie, du seist Wu Wu
Kriecht ins Bett und läßt uns Ruh'.

Gehe links, ach geh nicht recht
Sonst kömmst du zum Oberknecht
Und da kriegst du ein Gefecht
Und der Jockel schmeißt nicht schlecht.
          
Steig auch nicht bis unters Dach
Kömmst du in das Taubenfach,
Da wird gleich mein Bruder wach,
Eilet schnell dem Marder nach.
          
Bist du vor der Kammertür
Klage deinen Jammer mir,
Dann schieb' ich die Klammer für
Schrei', wer ist, Potz Hammer, hier.
          
Und da wachet alles auf
Mutter, Bruder, Knecht im Lauf
Nahn, es wird 'ne Prügeltrauf
Besser als 'ne Kindertauf.
          
Doch es gieng 'nen andern Gang,
Mutter nach neun Monden sang
Mädel, 's wird mir angst und bang,
Sonst war ja dein Röckchen lang.

 

            Über eine Skizze

Verzweiflung an der Liebe in der Liebe

In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?
Ob Atem noch von ihren Lippen fließt?
Ob ihr der Krampf den kleinen Mund verschließt?
Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken,
  
Der Jüngling - betend? tot? in Liebe trunken?
Ob er der Jungfrau höchste Gunst genießt?
Was ist's, das der gefallne Becher gießt?
Hat Gift, hat Wein, hat Balsam sie getrunken.
  
Des Jünglings Arme, Engelsflügel werden -
Nein Mantelsfalten - Leichentuches Falten.
Um sie strahlt Heil'genschein - zerraufte Haare.
  
Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle zu der Erde
Brich der Verzweiflung rasende Gewalten,
Enthüll' - verhüll' - das Freudenbett - die Bahre.

 

Um die Harfe sind Kränze geschlungen ...

Um die Harfe sind Kränze geschlungen,
Schwebte Lieb' in der Saiten Klang:
Oft wohl hab' ich mir einsam gesungen,
Und wenn einsam und still ich sang,
Rauschten die Saiten im tönenden Spiel,
Bis aus dem Kranze, vom Klange durchschüttert,
Und von der Klage der Liebe durchzittert,
Sinkend die Blume herniederfiel.
  
Weinend sah ich zur Erde dann nieder,
Liegt die Blüte so still und tot;
Seh' die Kränz' an der Harfe nun wieder, -
Auch verschwunden des Lebens Rot,
Winken mir traurig wie schattiges Grab,
Wehen so kalt in den tönenden Saiten,
Wehen so bang und so traurig: Es gleiten
Brennende Tränen die Wang' herab.
  
Nie ertönt meine Stimme nun wieder,
Wenn nicht freundlich die Blüte winkt;
Ewig sterben und schweigen die Lieder,
Wenn die Blume nur nicht mehr sinkt.
Schon sind die meisten der holden entflohn;
Ach! wenn die Kränze die Harfe verlassen,
Dann will ich sterben; die Wangen erblassen,
Stumm ist die Lippe, verhallt der Ton.
  
Aber Wonn', es entsprosset zum Leben
Meiner Asche, so hell und schön,
Eine Blume. - Mit freudigem Beben
Seh' ich Tilie so freundlich stehn.
Und vor dem Bilde verschwindet mein Leid.
Herrlicher wird aus der Gruft sie ergehen -
Schöner und lieblicher seh' ich sie stehen,
Wie meinen Feinden sie mild verzeiht.