Brentano

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Vor dem ersten Aderlaß, am Tage vor dem Abendmahl

Was ich tue, was ich denke,
Alles, was mit mir geschieht,
Herr nach deinem Auge lenke
Das auf meine Wege sieht.
             
Herr, o wolle auf mein Flehen,
Wenn mein Blut zu Tage springt,
Heut mich wie ein Kind ansehen
Das sein erstes Opfer bringt.
             
Unter scharfen Marterruten,
Unter eines Richters Schwert,
Möcht' ich dir mein Heiland bluten.
Wär' ich deiner Kronen wert.
             
Aber, da mir nicht vergönnet
Solch ein heilender Erguß,
Geb' ich, weil die Fülle brennet,
Ach! nichts, als den Überfluß.
            
Alles doch hast du gegeben,
Gott der zu den Schmerzen kam,
Und im Blut hingab das Leben,
Daß den Tod er von uns nahm.
            
Meines fließt zu meinem Heile,
Fließt zu deinem Ruhme nicht
Herr mir deinen Schmerz mitteile,
Wenn der Stahl die Quelle bricht.
            
Gieb, daß deines Bluts ich denke,
Wenn das meine niederrinnt,
Und in deine Wunden senke
Dein ohnmächt'ges schwaches Kind!
            
Laß, was bös in meinen Sinnen.
Alle heiße Erdenglut,
Heut aus meinen Adern rinnen,
Morgen dann gieb mit dein Blut.
            
O wie hast du's gut bestellet,
Meine Seele faßt es kaum,
Daß dein Blut sich mir gesellet,
Macht das meine heut ihm Raum.

All dein Blut hast du vergossen
Mir zu tilgen das Gericht,
Und es ist für mich geflossen,
Aber ich, ich nahm es nicht.
             
Hast auch deinen Leib gegeben,
Für mich in des Richters Zorn,
Und ich zage für das Leben,
Trag' um dich auch keinen Dorn.
             
Und ich weiß doch, es giebt Seelen
Brennend so in reiner Glut,
Daß sie deine Wunden zählen
An sich selbst in Wunderflut.
             
Ach weil ich nicht diesen gleiche
Ist wohl böses Blut in mir,
Gieb daß alles es entweiche,
Jesus dann gefall' ich dir.
             
Und ersetz' es geistlich wieder
Morgen mir mit deinem Blut
Vor dir sink' ich rein dann nieder.
Wo die Büßerin geruht.
             
Herr, du weißt ich wollt' bekennen,
Was die Seele niederdrückt
Felsen von dem Quell mich trennen
Wo die Buße Gnade pflückt.
           
Ich hab' nicht den Zaun durchbrochen,
Herr vergieb uns unsre Schuld,
Wär' durch Dornen gern gekrochen
Heim in deiner Kirche Huld.
           
Und ließ ich denn meine Sünden,
Alle heut in meinem Blut,
Wolle mich in ihm entbinden,
Wie die Erd' in Sündenflut.
           
Mit dem Blute wird verschuldet,
Mit dem Blute wird versühnt,
Du Herr hast die Pein erduldet,
Ich, ich habe sie verdient.
           
Und so komm' ich dann im Glauben
Deines Blutes Gast zu sein,
Keiner soll mir dieses rauben,
Du warst mein, ach, mach mich dein.

 

Was mag dich nur betrüben?

Was mag dich nur betrüben?
Daß du so traurig denkst.
Du mußt wohl Buße üben,
Weil du die Blicke senkst.
    
Wie durch die stillen Wiesen
Die Bächlein murmelnd gehn,
Die Blumen, die dran sprießen,
Wie die hinuntersehn,

So seh' ich zu, so horch' ich zu,
Bin feundlich mit ihnen auf du und du,
Und wollt' daß es mein Liebchen wär',
Ei das begreift du wohl nimmermehr.

Was ist dir nur geschehen?
Daß du so ganz allein
Im dunkeln Wald magst gehen,
Du mußt wohl närrisch sein.
                
Wie grüne Büsche lauschen,
Und Echo widerklingt,
Was leis die Büsche rauschen,
Und froh das Vöglein singt.

So horch' ich zu, so ruf' ich zu,
Bin freundlich mit ihnen auf du und du,
Und wollt', daß es mein Liebchen wär',
Ei das begreifst du wohl nimmermehr.

Ich kann es wohl begreifen,
Sieh nicht so vor dich hin,
So wirst du wohl begreifen,
Daß ich dein Liebchen bin.
                   
So laß uns tanzen, springen
Im kühlen, grünen Wald,
Die Töne laß erklingen,
Daß alles freudig schallt,

Tur, lu, tu, tu, tur, lu tu, tu,
Wir leben und schweben auf du, und du,
Und wenn es nicht mein Liebchen wär'
Ei so begriff' ich's wohl nimmermehr.

 

Was reif in diesen Zeilen steht ...

Was reif in diesen Zeilen steht,
Was lächelnd winkt und sinnend fleht,
Das soll kein Kind betrüben,
Die Einfalt hat es ausgesäet,
Die Schwermut hat hindurchgeweht,
Die Sensucht hat's getrieben;
Und ist das Feld einst abgemäht,
Die Armut durch die Stoppeln geht,
Sucht Ähren, die geblieben,
Sucht Lieb', die für sie untergeht,
Sucht Lieb', die mit ihr aufersteht,
Sucht Lieb', die sie kann lieben,
Und hat sie einsam und verschmäht
Die Nacht durch dankend in Gebet
Die Körner ausgerieben,
Liest sie, als früh der Hahn gekräht,
Was Lieb' erhielt, was Leid verweht,
Ans Feldkreuz angeschrieben,
O Stern und Blume,
Geist und Kleid, Lieb',
Leid und Zeit und Ewigkeit!

 

Weit bin ich einhergezogen...

Weit bin ich einhergezogen
Über Berg und über Tal,
Der treue Himmelsbogen
Er umgibt mich überall.
           
Unter Eichen, unter Buchen,
An dem wilden Wasserfall
Muß ich nun die Herberg suchen
Bei der lieb Frau Nachtigall.
           
Die im brünst'gen Abendliede
Ihre Gäste wohl bedenkt,
Bis sich Schlaf und Traum und Friede
Auf die müde Seele senkt.
           
Und ich hör' dieselben Klagen
Und ich hör' dieselbe Lust
Und ich fühl' das Herz mir schlagen
Hier wie dort in meiner Brust.
           
Aus dem Fluß, der mir zu Füßen
Spielt mit freudigem Gebraus,
Mich dieselben Sterne grüßen
Und so bin ich hier zu Haus.
           
Echo nimm dir recht zu Herzen
Und erlern' die Melodie
Meiner Freuden, meiner Schmerzen:
Ameleya! Ameley!
Blühet stolz ihr Königskerzen,
Ameleya! Ameley!
            
Wunderinseln, sel'ge Augen,
Die ein liebes Antlitz sehn,
In dem Monde untertauchen,
In der Sonne auferstehn.
            
Sonn und Mond, ihr lichten Hügel,
Schließet ein die ird'sche Kluft
Und das Leben senkt den Flügel
In des Traumes Zaubergruft.
            
Wo die Tiefe sich entsiegelt,
Und die Liebe frank und frei
In der ganzen Seele spiegelt
Ameleya! Ameley!

 

Wenn der lahme Weber träumt, er webe...

Wenn der lahme Weber träumt, er webe,
Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe,
Träumt die stumme Nachtigall, sie singe,
Daß das Herz des Widerhalls zerspringe,
Träumt das blinde Huhn, es zähl' die Kerne,
Und der drei je zählte kaum, die Sterne,
Träumt das starre Erz, gar linde tau' es,
Und das Eisenherz, ein Kind vertrau' es,
Träumt die taube Nüchternheit, sie lausche,
Wie der Traube Schüchternheit berausche;
Kömmt dann Wahrheit mutternackt gelaufen,
Führt der hellen Töne Glanzgefunkel
Und der grellen Lichter Tanz durchs Dunkel,
Rennt den Traum sie schmerzlich übern Haufen,
Horch! die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schalmeien
Der erwachten Nacht ins Herz all schreien;
Weh, ohn' Opfer gehn die süßen Wunder,
Gehn die armen Herzen einsam unter!

 

Wenn der Sturm das Meer umschlinget ...

Wenn der Sturm das Meer umschlinget,
Schwarze Locken ihn umhüllen,
Beut sich kämpfend seinem Willen
Die allmächt'ge Braut und ringet,
Küsset ihn mit wilden Wellen,
Blitze blicken seine Augen,
Donner seine Seufzer hauchen,
Und das Schifflein muß zerschellen.
          
Wenn die Liebe aus den Sternen
Niederblicket auf die Erde,
Und dein Liebstes Lieb begehrte,
Muß dein Liebstes sich entfernen.
          
Denn der Tod kömmt still gegangen,
Küsset sie mit Geisterküssen,
hre Augen dir sich schließen,
Sind im Himmel aufgegangen.
            
Rufe, daß die Felsen beben,
Weine tausend bittre Zähren,
Ach, sie wird dich nie erhören,
Nimmermehr dir Antwort geben.
            
Frühling darf nur leise hauchen,
Stille Tränen niedertauen,
Komme, willst dein Lieb du schauen,
Blumen öffnen dir die Augen.
            
In des Baumes dichten Rinden,
In der Blumen Kelch versunken,
Schlummern helle Lebensfunken,
Werden bald den Wald entzünden.
            
In uns selbst sind wir verloren,
Bange Fesseln uns beengen,
Schloß und Riegel muß zersprengen,
Nur im Tode wird geboren.
            
In der Nächte Finsternissen
Muß der junge Tag ertrinken,
Abend muß herniedersinken,
Soll der Morgen dich begrüßen.

Wer rufet in die stumme Nacht ?
Wer kann mit Geistern sprechen?
Wer steiget in den dunkeln Schacht,
Des Lichtes Blum' zu brechen?
Kein Licht scheint aus der tiefen Gruft,
Kein Ton aus stillen Nächten ruft.
          
An Ufers Ferne wallt ein Licht,
Du möchtest jenseits landen;
Doch fasse Mut, verzage nicht,
Du mußt erst diesseits stranden.
Schau still hinab, in Todes Schoß
Blüht jedes Ziel, fällt dir dein Los.
          
So breche dann, du tote Wand,
Hinab mit allen Binden;
Ein Zweig erblühe meiner Hand,
Den Frieden zu verkünden.
Ich will kein Einzelner mehr sein,
Ich bin der Welt, die Welt ist mein.
          
Vergangen sei vergangen,
Und Zukunft ewig fern;
In Gegenwart gefangen
Verweilt die Liebe gern,
          
Und reicht nach allen Seiten
Die ew'gen Arme hin,
Mein Dasein zu erweiten,
Bis ich unendlich bin.
              
So tausendfach gestaltet,
Erblüh' ich überall,
Und meine Tugend waltet
Auf Berges Höh', im Tal.
              
Mein Wort hallt von den Klippen,
Mein Lied vom Himmel weht;
Es flüstern tausend Lippen
Im Haine mein Gebet.
              
Ich habe allem Leben
Mit jedem Abendrot
Den Abschiedskuß gegeben,
Und jeder Schlaf ist Tod.
              
Es sinkt der Morgen nieder,
Mit Fittichen so lind,
Weckt mich die Liebe wieder,
Ein neugeboren Kind.
              
Und wenn ich einsam weine,
Und wenn das Herz mir bricht,
So sieh im Sonnenscheine
Mein lächelnd Angesicht.
              
Muß ich am Stabe wanken,
Schwebt Winter um mein Haupt,
Wird nie doch dem Gedanken
Die Glut und Eil geraubt.
              
Ich sinke ewig unter,
Und steige ewig auf,
Und blühe stets gesunder
Aus Liebes-Schoß herauf.
              
Das Leben nie verschwindet,
Mit Liebesflamm' und Licht
Hat Gott sich selbst entzündet
In der Natur Gedicht.
              
Das Licht hat mich durchdrungen,
Und reißet mich hervor;
Mit tausend Flammenzungen
Glüh' ich zur Glut empor.
              
So kann ich nimmer sterben,
Kann nimmer mir entgehn;
Denn um mich zu verderben,
Müßt' Gott selbst untergehn.

 

Wenn die Sonne weggegangen...

Wenn die Sonne weggegangen,
Kömmt die Dunkelheit heran,
Abendrot hat goldne Wangen,
Und die Nacht hat Trauer an.
             
Seit die Liebe weggegangen,
Bin ich nun ein Mohrenkind,
Und die roten, frohen Wangen,
Dunkel und verloren sind.
             
Dunkelheit muß tief verschweigen,
Alles Wehe, alle Lust,
Aber Mond und Sterne zeigen,
Was ihr wohnet in der Brust.
             
Wenn die Lippen dir verschweigen
Meines Herzens stille Glut,
Müssen Blick und Tränen zeigen,
Wie die Liebe nimmer ruht.

 

Wenn ich ein Bettelmann wär'

Wenn ich ein Bettelmann wär'
Käm' ich zu Dir,
Säh' Dich gar bittend an
Was gäbst Du mir? -
                 
Der Pfennig hilft mir nicht
Nimm ihn zurück,
Goldner als golden glänzt
Allen Dein Blick;
                  
Und was Du allen giebst
Gebe nicht mir
Nur was mein Aug' begehrt
Will ich von Dir.
                  
Bettler wie helf' ich Dir? -
Sprächst Du nur so,
Dann wär' im Herzen ich
Glücklich und froh.
                  
Laufst auf Dein Kämmerlein
Holst ein Paar Schuh
Die sind mir viel zu klein,
Sieh einmal zu. -
                  
Sieh nur wie klein sie sind
Drücken mich sehr,
Jungfrau süß lächelst Du
O gieb mir mehr.

 

Wie klinget die Welle!

Wie klinget die Welle!
Wie wehet ein Wind!
O selige Schwelle!
Wo wir geboren sind.
                 
Du himmlische Bläue!
Du irdisches Grün!
Voll Lieb' und voll Treue,
Wie wird mein Herz so kühn!
                 
Wie Reben sich ranken
Mit innigem Trieb,
So meine Gedanken
Habt hier alles lieb.
                 
Da hebt sich kein Wehen,
Da regt sich kein Blatt,
Ich kann draus verstehen,
Wie lieb man mich hat.
                   
Ihr himmlischen Fernen!
Wie seid ihr mir nah;
Ich griff nach den Sternen
Hier aus der Wiege ja.
                   
Treib nieder und nieder
Du herrlicher Rhein!
Du kömmst mir ja wieder,
Läßt nie mich allein.
                   
Meine Mühle ist brochen,
Und klappert nicht mehr,
Mein Herz hör' ich pochen
Als wenn's die Mühle wär'.
                   
O Vater! wie bange
War mir es nach dir,
Horch meinem Gesange,
Dein Sohn ist wieder hier.
                   
Du spiegelst und gleitest
Im mondlichen Glanz,
Die Arme du breitest,
Empfange meinen Kranz.

 

Wie so leis die Blätter wehn ...

Wie so leis die Blätter wehn
In dem lieben stillen Hain,
Sonne will schon schlafen gehn,
Läßt ihr goldnes Hemdelein
Sinken auf den grünen Rasen
Wo die schlanken Hirsche grasen
In dem roten Abendschein.
Gute Nacht, Heiapopeia
Singt, Gockel, Hinkel und Gackeleia.
           
In der Quellen klarer Flut
Treibt kein Fischlein mehr sein Spiel,
Jedes sucht, wo es ruht,
Sein gewöhnlich Ort und Ziel
Und entschlummert überm Lauschen
Auf der Wellen leises Rauschen
Zwischen bunten Kieseln kühl.
Gute Nacht, Heiapopeia Singt,
Gockel, Hinkel und Gackeleia.
           
Schlank schaut auf der Felsenwand
Sich die Glockenblume um,
Denn verspätet über Land
Will ein Bienchen mit Gebrumm,
Sich zur Nachtherberge melden
In den zarten blauen Zelten,
Schlüpft hinein und wird ganz stumm.
Gute Nacht, Heiapopeia Singt,
Gockel, Hinkel und Gackeleia.
           
Vöglein, euer schwaches Nest
Ist das Abendlied vollbracht
Wird wie eine Burg so fest.
Fromme Vöglein schützt zur Nacht,
Gegen Katz und Marderkrallen,
Die im Schlaf sie überfallen,
Gott, der über alle wacht.
Gute Nacht, Heiapopeia Singt,
Gockel, Hinkel und Gackeleia.
             
Treuer Gott, du bist nicht weit,
Und so ziehn wir ohne Harm
In die wilde Einsamkeit,
Aus des Hofes eitelm Schwarm.
Du wirst uns die Hütte bauen,
Daß wir fromm und voll Vertrauen
Sicher ruhn in deinem Arm.
Gute Nacht, Heiapopeia Singt,
Gockel, Hinkel und Gackeleia.

 

Wohlan! so bin ich deiner los ...

Wohlan! so bin ich deiner los
Du freches lüderliches Weib!
Fluch über deinen sündenvollen Schoß
Fluch über deinen feilen geilen Leib,
Fluch über deine lüderlichen Brüste
Von Zucht und Wahrheit leer,
Von Schand' und Lügen schwer,
Ein schmutzig Kissen aller eklen Lüste.
Fluch über jede tote Stunde
Die ich an deinem lügenvollen Munde,
In ekelhafter Küsse Rausch vollbracht,
Fluch über jede gottvergeßne Nacht,
Die ich in deinem frechen Bett erhandelt,
Die ich in toller Liebe überwacht,
Wohl unter deinem Fenster hingewandelt,
Wenn du mit andern in dem Werk befangen,
Mit andrer Lüg' an anderm Mund gehangen.
Mein Gott, mein Gott, er will sich mein erbarmen,
Mein Herr hat mich befreit aus deinen Armen,
Wohin dein Gott, der Satan mich geführt;
Drum hab' ich nimmer dir dein Herz gerührt,
Und wie ich mochte bitten, mochte flehen,
Kein edles Wort hört' ich von dir erstehen,
Du drohst, du elend Weib, dich zu ermorden,
O könntest du's, es stürb' dein ganzer Orden,
Doch spar' die Mühe nur, denn du bist längstens tot,
Längst faulst du in dir selbst in Sünd' und Lügenkot.
Schneidst du den Hals dir ab
Und springst du in die Spree,
Du findest nie ein Grab
Die Spreu schwimmt in der Höh'.
Des Todes heiliger Traum
Wird nimmer dich erlösen
Es stirbt ein grüner Baum,
Doch nie ein dürrer Besen.
Zur eignen Rute wirst du noch an deinem Rücken,
Und höchstens reicht dein Leib dir einstens schlechte Krücken.
Wohlan, du elend Weib, nun sind wir auf der Stelle
Wo wir zuerst uns sahn, ich, du, und dein Geselle,
Ich mein' den Teufel, Weib, der deine Seele reitet,
Hör' wie sein Flügel rauscht, den über dir er breitet,
Ich hör' den dunklen Fluß, es tönt die dumpfe Welle,
Du Lügnerin leb wohl, leb schlecht, hier ist die Schwelle,
Wo sich mein reuig Herz, von dir du Hexe scheidet,
Verdorren mag der Fuß, der je dein Bett beschreitet,
Ich hab' dich nie gekannt, ich hab' dich nie gesehen,
Es war ein böser Traum, er muß hinuntergehen,
Das lüderliche Buch, um das du mich betrogen,
Aus dem du geile Brunst für andrer Lust gesogen,
Ich werfe es hinab in diese schmutz'gen Wogen,
Und mit ihm werf' ich hin, was ich für dich gefühlt,
Daß sich die böse Glut, die mir das Herz zerwühlt,
In dieses Flusses trüber Welle kühlt.
Nimm hin den Scheidekuß,
Ich geb' ihn ohn' Verdruß,
Von mir sei dir verziehn,
Wend' dich, zu Gott dahin,
Und fleh', daß er verzeih',
Dem Sünder steht es frei.
Er ist für dich, für mich, für alle uns gestorben,
Ich habe im Gebet mir Trost von ihm erworben.
Ich gab des Heilands Bild in deine schnöden Hände,
So bin durch dich ich auch zu einem Judas worden,
Den Herrn hab' ich verkauft, an die, die ihn ermorden,
Erbarm' dich meiner Seel', und zu dem Kreuz dich wende.
O mache, daß an dir dies Bild ein Wunder tut,
Und daß er dich erlöst mit seinem heiligen Blut,
So darf ich ruhig sein, daß ich so fromme Gabe
An dich, du elend Weib, so schnöd vergeudet habe,
Nun wend' ich mich von dir, ich will in Friede gehn,
Ich will unschuldig nun die Sterne wiedersehn,
Ich will zu Gott dem Herrn um Hülfe für dich flehn,
Daß dich die Gnade sein barmherzig mög' anwehn,
Daß einen Engel er, zu dir ermahnen sende,
Daß er dein elend Herz wie meines zu sich wende,
So gehet nicht mein Schmerz, doch Leid und Lieb' zu Ende.

 

            Loreley

Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schön und feine
Und riß viel Herzen hin.
               
Und brachte viel zu schanden
Der Männer rings umher,
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.
               
Der Bischof ließ sie laden
Vor geistliche Gewalt -
Und mußte sie begnaden,
So schön war ihr' Gestalt.
               
Er sprach zu ihr gerühret:
»Du arme Lore Lay!
Wer hat dich denn verführet
Zu böser Zauberei?«
               
»Herr Bischof laßt mich sterben,
Ich bin des Lebens müd,
Weil jeder muß verderben,
Der meine Augen sieht.
               
Die Augen sind zwei Flammen,
Mein Arm ein Zauberstab -
O legt mich in die Flammen!
O brechet mir den Stab!«
               
»Ich kann dich nicht verdammen,
Bis du mir erst bekennt,
Warum in diesen Flammen
Mein eigen Herz schon brennt.
               
Den Stab kann ich nicht brechen,
Du schöne Lore Lay!
Ich müßte dann zerbrechen
Mein eigen Herz entzwei.«
               
»Herr Bischof mit mir Armen
Treibt nicht so bösen Spott,
Und bittet um Erbarmen,
Für mich den lieben Gott.
               
Ich darf nicht länger leben,
Ich liebe keinen mehr -
Den Tod sollt Ihr mir geben,
Drum kam ich zu Euch her. -
               
Mein Schatz hat mich betrogen,
Hat sich von mir gewandt,
Ist fort von hier gezogen,
Fort in ein fremdes Land.
               
Die Augen sanft und wilde,
Die Wangen rot und weiß,
Die Worte still und milde
Das ist mein Zauberkreis.

Ich selbst muß drin verderben,
Das Herz tut mir so weh,
Vor Schmerzen möcht' ich sterben,
Wenn ich mein Bildnis seh'.
             
Drum laßt mein Recht mich finden,
Mich sterben, wie ein Christ,
Denn alles muß verschwinden,
Weil er nicht bei mir ist.«
             
Drei Ritter läßt er holen:
»Bringt sie ins Kloster hin,
Geh Lore! - Gott befohlen
Sei dein berückter Sinn.
             
Du sollst ein Nönnchen werden,
Ein Nönnchen schwarz und weiß,
Bereite dich auf Erden
Zu deines Todes Reis'.«
             
Zum Kloster sie nun ritten,
Die Ritter alle drei,
Und traurig in der Mitten
Die schöne Lore Lay.
             
»O Ritter laßt mich gehen,
Auf diesen Felsen groß,
Ich will noch einmal sehen
Nach meines Lieben Schloß.
                
Ich will noch einmal sehen
Wohl in den tiefen Rhein,
Und dann ins Kloster gehen
Und Gottes Jungfrau sein.«
                
Der Felsen ist so jähe,
So steil ist seine Wand,
Doch klimmt sie in die Höhe,
Bis daß sie oben stand.
                
Es binden die drei Ritter,
Die Rosse unten an,
Und klettern immer weiter,
Zum Felsen auch hinan.
                
Die Jungfrau sprach: »da gehet
Ein Schifflein auf dem Rhein,
Der in dem Schifflein stehet,
Der soll mein Liebster sein.
                
Mein Herz wird mir so munter,
Er muß mein Liebster sein! -«
Da lehnt sie sich hinunter
Und stürzet in den Rhein.

Die Ritter mußten sterben,
Sie konnten nicht hinab,
Sie mußten all verderben,
Ohn' Priester und ohn' Grab.
                  
Wer hat dies Lied gesungen?
Ein Schiffer auf dem Rhein,
Und immer hat's geklungen
Von dem drei Ritterstein:1

              Lore Lay
              Lore Lay
              Lore Lay

  Als wären es meiner drei.

 

  14 – 15. April 1834

Vogel halte, laß dich fragen
Hast du nicht mein Glück gesehn
Hast du's in dein Nest getragen,
Ei dein Glück, ei sage wen?

Eine feine zarte Rebe
Und zwei Träublein Feuerwein
Drüber Seidenwürmer Gewebe
Drunter süße Maulbeerlein.

Hier hab ich's im Arm gewieget
Hier am Herzen drückt ich's fest,
Lieblich hat sich's angeschwiegen.
Und du Vogel trugst's ins Nest.

Armer, Mann, dein Glück ich wette,
War ein Liebchen und kein Strauß
Ging aus deinem Arm zu Bette
Und du gingst allein zu Haus.

Meinst du? – Nun so sag mir Quelle
Hast du nicht mein Glück gesehn
Trug's ins Meer nicht deine Welle
Ei dein Glück, ei sage wen?

Eine tauberauschte Rose
Und zwei Rosentöchterlein
Frühlingsträume ihr im Schoße,
Wachten auf und schliefen ein.

Hier am Herzen hat's gehauchet,
Süßen Duft, Goldbienen schwer
Sind die Küsse eingetauchet.
Fort ist's – Ach du trugst's ins Meer.

Armer Mann, dein Glück ich wette,
Linder war dein Rosenlos
Ging aus deinem Arm zu Bette
Heim trugst du die Dornen bloß.

Meinst du, will ich Taube fragen,
Hast du nicht mein Glück gesehn
Nicht ins Felsennest getragen?
– Ei dein Glück! – ei sage wen?

Eine goldne Honigwabe,
Süßen Seim und Wachs so rein
Aller Küsse Blumengabe
Schlossen drin die Bienen ein.

Ach ich trug es an die Lippen
Duftend, schimmernd, süß und lind
Durft ein bißchen daran nippen
War doch ein verwöhntes Kind.

Armer Mann, dein Glück, ich wette,
Linder war's, als Honigseim,
Ging aus deinem Arm zu Bette,
Und du gingest einsam heim.

Meinst du? – will ich Echo fragen,
Hast du nicht mein Glück gesehn,
Und willst allen wieder sagen?
Ei dein Glück, ei sage wen?

Einer Stimme süßes Klagen
Locken, Flüstern, Wonn und Weh,
Nachtigallen Traumeszagen
Bitte, bitte, geh o geh!

Mir am Herzen hat's gewehet
Alle Wonnen, allen Schmerz,
Wie ein Kinderseelchen flehet
Unter süßem Mutterherz!

Armer Mann! dein Glück, ich wette,
War ein linder träumend Wort,
Fleht' aus deinem Arm zu Bette,
Du gingst einsam dichtend fort.

Meinst du. – Muß ich Rose fragen,
Hast du nicht mein Glück gesehn
Birgt dein Schoß nicht süßes Zagen.
Ei dein Glück: Ei sage wen!

Süßes Duften, wachend Träumen,
Hülle, Fülle, süß und warm
Bienenkuß an Rausches Säumen
Irrend, suchend, Rausches arm.

Hier am Herzen hat's geblühet,
Meine Seele süß umlaubt,
Liebe hat mein Blut durchglühet,
Hoffnung hat doch nicht geglaubt.

Armer Mann, dein Glück ich wette
Linder war's, als Trunkenheit
Ging aus deinem Arm zu Bette
Du gingst einsam, kühl, es schneit.

Meinst du, frage ich die Sterne,
Habt ihr nicht mein Glück gesehn?
Sterne sehn ja Augen gerne.
Ei dein Glück? ei sage wen?

Lockennacht an Himmelsstirne
Sinnend, minnend Doppellicht,
Augen blitzend Glücksgestirne,
Andern Sternen folg ich nicht.

Sah's von Tränen tief verschleiert
Sah's von Sehnen tief durchglüht
Sah's durchleuchtet, sah's durchfeuert
Sah's wie Liebe blüht und flieht.

Armer Mann, dein Glück ich wette
War ein linder Augenschein,
Ging aus deinem Arm zu Bette,
Durch die Nacht gingst du allein.

Meinst du, muß die Lilie fragen
Hast du nicht mein Glück gesehn
Reimt sich dir, doch darf's nicht sagen.
Ei dein Glück, ei sage wen?

Eine, eine, sag nicht welche,
Stand im Gärtchen nachts allein
Sah o Lilie! deine Kelche
Überströmt von Lichtesschein.

Hat von Lilien, Engeln, Sternen
Schon an meiner Brust geträumt,
Alle Nähen, alle Fernen
Mir mit Dichtergold gesäumt.

Sel'ger Mann, dein Glück, ich wette
Ist Emilie, fein und lieb
Ging aus deinem Arm zu Bette
Dir des Traumes Goldsaum blieb.

Meinst du, muß Emilien fragen,
Hast du wohl mein Glück gesehn
Hast du's in dein Bett getragen?
– Ei dein Glück, o sage wen?

Ein Süßlieb, schwarzlaubge Linde
Schwüle, kühle, süße Glut,
Feuermark in Eises Rinde
Hüpfend Kind in freudgem Blut.



               22. Juni 1834.
               Nach Karlsbad

Den ersten Tropfen dieser Leidensflut,
In der ich wehrlos, elend bin ertrunken,
Und auch von dieser grimmen Glut,
Die all mein Sein verzehrt, den ersten Funken,
Des Traumes Blumenrand, wo ich geruht,
Eh in des Schmerzes Abgrund ich gesunken.
Das erste Tröpflein von dem Feuerblut,
In das ich wagt, den Finger einzutunken,
Um wehe mir! mit irrer Wut
An Leib und Seele liebeszaubertrunken
Von mir zu schleudern, weh! mein letztes Gut,
Und weh! mit meinem Elend noch zu prunken
Vor meiner Seele, arger Übermut!
– Ich kenn das all, schiffbrüchig auf dem Meer
Schwimmt drohend es in Trümmern um mich her.
Weh! – der Syrene nackte Schulter blank,
An der gescheitert ich den Sinn verloren,
Zuckt dort empor und weh! – das Leibchen schlank,
Das kranke Herz, das mich zu Tod geboren,
Die Hand, die mich getauft, genährt mit Zaubertrank,
Sie hebt sich drohnd – es schallt zu meinen Ohren:
»Mein lieber armer Freund! wie krank! wie krank!
Horch! Schlummerlied vom Schicksal eines Toren,
Viel hättest du mir helfen, nützen können,
Nun muß die Flut, die uns umarmt, uns trennen,
Die Woge die mich kühlet, dich verbrennen!«
                     Auf wundenvoller Straße
Mußt du gespenstend gehen,
Wo dir mit allem Maße
Ich Quelle aller Wehen,
Ich Welle aller Wonnen,
Die Adern hab durchronnen.
Wo mich, die dir vertrauet,
Du schmählich hast verloren,
Wo, was du kaum erbauet –
O schon' des kranken Toren
Schlaf, schreiendes Gewissen! –
Du nieder hast gerissen!
O Platz der Promenade!
Haus, gelb mit zweien Pforten,
Da fandst du Recht für Gnade,
Bist hingerichtet worden,
Wo du dich hast verschuldet,
Hast du dein Recht erduldet.
Dein Geist hat keinen Frieden
Nach deinem Tod gefunden,
Er muß mit ewgem Sieden
Der Tränen mich umrunden,
Weil Flammen er erweckte,
Die kühle Woge deckte.
Weh Flammen, grüne Flammen,
Die nun mit blinden Trieben
Dem Holze neu entstammen,
Das er zur Glut gerieben,
Und wenn es wieder grünet,
Ist er noch nicht versühnet.
Und wenn es wieder blühet
Und weiß von Blüten kühlet,
Und heiß von Früchten glühet,
Ein Feuer dich durchwühlet,
Das Feuer meiner Triebe,
Das Feuer deiner Liebe.
O Herr, hör laut im Traume
Die arme Seele wimmern,
Ach laß dir aus dem Baume
Für sie ein Kreuz doch zimmern
Und richt es auf am Pfade,
Wo sie verlor die Gnade!
Schreib drauf, weil er erwühlet
Die Glut, die ich bedecket,
Er nun die Flammen fühlet,
Die selbst er hat erwecket,
Bis Glut von meinem Herde
Einst diese Glut verzehrte.
Und bis die Promenade
Ein Saatfeld goldner Körner
Ein Erntefeld der Gnade,
Und rings im Zaun nur Dörner,
Und bis dies Kreuz wird blühen,
Muß diese Seele glühen
Bis dahin betet alle
Für diese arme Seele,
Daß sie nicht tiefer falle
Und still die Tränen zähle,
Bis Herzblut der Syrenen
Heiß wird, wie Reuetränen.
Und als sie so gesungen
Ein bißchen süß gegaukelt,
Und sich herum geschwungen
Geschlungen und geschaukelt
Rief sie: Gut Nacht mein Brüderchen
Addio! schreib, mach Liederchen.
Nun streifet mein Gebieterchen
Schon ab das feine Miederchen
Und streckt die reinen Gliederchen,
O Engel seine Hüterchen,
Deckt sie mit dem Gefiederchen,
Und singt ihr kleine Liederchen,
Baut eure keuschen Nesterchen
Und legt ein englisch Pflästerchen
Ans Herz dem neuen Schwesterchen,
Daß es, was gut es eingeschnürt,
Nun aufgeschnürt nicht gleich verliert!



             7. Juni 1834
Aus einem Briefe nach Karlsbad

Was heiß aus meiner Seele fleht,
Und bang in diesen Zeilen steht
Das soll dich nicht betrüben
Die Liebe hat es ausgesäet
Die Liebe hat hindurchgeweht,
Die Liebe hat's getrieben
Und ist dies Feld einst abgemäht,
Arm Lindi durch die Stoppeln geht,
Sucht Ähren, die geblieben,
Sucht Lieb, die mit ihr untergeht,
Sucht Lieb, die mit ihr aufersteht,
Sucht Lieb, die ich mußt lieben!



         Abendständchen

Hör, es klagt die Flöte wieder,
und die kühlen Brunnen rauschen!
Golden weh'n die Töne nieder,
stille, stille, laß uns lauschen!
Holdes Bitten, mild Verlangen,
wie es süß zum Herzen spricht!
Durch die Nacht, die mich umfangen,
blickt zu mir der Töne Licht!



  Abschied dem Jahre 1834

Leb wohl du Jahr voll Tränen!
O lasse mich an deinem letzten Tag
Noch einmal selig wähnen,
Daß ich an einem Kinderherzen lag!

Geh hin du Jahr voll Tränen!
Tritt glaubend hin vor Gottes Thron,
Er wird um krankes Sehnen
Dich strenge richten, nimmer doch um Hohn!

O selig Jahr voll Tränen!
War dir auch früh das tiefre Wort geraubt,
So war der Strom der Tränen
Zu ihren Füßen oft dir doch erlaubt!

O liebes Jahr voll Tränen!
O dichte Saat, wie segnend reift dein Schmerz,
O hochbelohnt! mein Sehnen!
Ich fühlte jauchzend, ja! sie hat ein Herz!

O Jahr von heißen Tränen!
Geheimnisvoller, als sie weiß, berauscht,
Was all sie kann verschönen,
Du hast in Tränen sterbend es belauscht.

O Jahr voll bittrer Tränen!
Ist irgend Gottes Wahrheit offenbar,
Ist vieles hier nur Wähnen,
So opfre, weine darum am Altar!

O Jahr voll tiefer Tränen!
Du magst vertraut dein armes müdes Haupt
Ans Kreuz nur ruhig lehnen,
Du hast geliebet, hast gehofft, geglaubt.

O teures Jahr voll Tränen!
Du bist in bittrer Reue Flut getauft,
Der wird uns auch versöhnen,
Der uns mit seiner Weihe Blut erkauft.

Geh hin! du Jahr voll Tränen!
Geh, werfe dich zu ihren Füßen hin!
Und wasche sie mit Tränen
Sag ihr, daß ich ihr armer Bruder bin!

Ihr Bruder ganz in Tränen,
Ihr kranker Bruder, um die eigne Schuld,
Um fremde Schuld in Tränen,
Ihr Bruder weinend um der Väter Schuld!

O sterbe Jahr in Tränen
Weil unsrer Väter Schuld die Kinder trennt,
Und diesen scheint ein Wähnen
Was unsre Mutter ewge Wahrheit nennt.

Leb wohl du Jahr voll Tränen,
O lasse mich an deinem letzten Tag
Noch einmal selig wähnen,
Daß ich an einem Kinderherzen lag.



  Abschied vom Rhein

Nun gute Nacht! mein Leben,
Du alter, treuer Rhein.
Deine Wellen schweben
Klar im Sternenschein;
Die Welt ist rings entschlafen,
Es singt den Wolkenschafen
Der Mond ein Lied.

Der Schiffer schläft im Nachen
Und träumet von dem Meer;
Du aber, Du mußt wachen
Und trägst das Schiff einher.
Du führst ein freies Leben,
Durchtanzest bei den Reben
Die ernste Nacht.

Wer dich gesehen, lernt lachen;
Du bist so freudenreich,
Du labst das Herz der Schwachen
Und machst den Armen reich.
Du spiegelst hohe Schlösser
Und füllest große Fässer
Mit edlem Wein.

Auch manchen lehrst du weinen.
Dem du sein Lieb entführt;
Gott wolle die vereinen,
Die solche Sehnsucht rührt:
Sie irren in den Hainen,
Und von den Echosteinen
Erschallt ihr Weh.

Und manchen lehret beten
Dein tiefster Felsengrund;
Wer dich im Zorn betreten,
Den ziehst du in den Schlund:
Wo deine Strudel brausen,
Wo deine Wirbel sausen,
Da beten sie.

Mich aber lehrst du singen:
Wenn dich mein Aug ersieht,
eine freudeselig Klingen
Mir durch den Busen zieht;
Treib fromm mir meine Mühle,
Jetzt scheid ich in der Kühle
Und schlummre ein.

Ihr lieben Sterne, decket
Mir meinen Vater zu.
Bis mich die Sonne wecket,
Bis dahin mahle du:
Wirds gut, will ich dich preisen,
Dann sing in höhern Weisen
Ich dir ein Lied.

Nun werf ich dir zum Spiele
Den Kranz in deine Flut:
Trag ihn zu seinem Ziele,
Wo dieser Tag auch ruht.
Gut Nacht, ich muß  mich wenden,
Muß nun mein Singen enden,
Gut Nacht, mein Rhein!



Als hohe in sich selbst verwandte Mächte …

Als hohe in sich selbst verwandte Mächte
In heilger Ordnung bildend sich gereiht,
Entzündete im wechslenden Geschlechte
Die Liebe lebende Beweglichkeit,
Und ward im Beten tiefgeheimer Nächte,
Dem Menschen jene Fremde eingeweiht,
Ein stilles Heimweh ist mit dir geboren,
Hast du gleich früh den Wanderstab verloren.

Die Töne ziehn dich hin, in sanften Wellen,
Rauscht leis ihr Strom in Ufern von Kristall,
Sirenen buhlen mit der Fahrt Gesellen,
Aus Bergestiefen grüßt sie das Metall,
Der Donner betet, ihre Segel schwellen,
Aus Ferne rufet ernste Widerhall;
Die Wimpeln wehn in bunten Melodien,
O wolltest du mit in die Fremde ziehen.

Die Farben spannen Netze aus, und winken
Dir mit des Aufgangs lebenstrunknem Blick,
In ihren Strahlen Brüderschaft zu trinken.
Am Berge weilen sie, und sehn zurück –
Willst du nicht auch zur Heimat niedersinken?
Denn von den Sternen dämmert dein Geschick,
Die fremde Heimat, spricht es, zu ergründen,
Sollst du des Lichtes Söhnen dich verbünden,

Auch magst du leicht das Vaterland erringen,
Hast du der Felsen hartes Herz besiegt,
Der Marmor wird in süßem Schmerz erklingen,
Der tot und stumm in deinem Wege liegt:
Wenn deine Arme glühend ihn umschlingen,
Daß er sich deinem Bilde liebend schmiegt;
Dann führt dich gern zu jenen fremden Landen,
Dein Gott, du selbst, aus ihm und dir erstanden.

Dich schreckt so stiller Gang, so schwer Bemühen,
Du sehnest dich in alle Liebe hin,
Des Marmors kalte Lippe will nicht glühen,
Die Farbe spottet deiner Hände Sinn,
Die Töne singen Liebe dir und fliehen,
Gewinnst du nicht, so werde selbst Gewinn,
Entwickle dich in Form, und Licht, und Tönen,
So wird der Heimat Bürgerkranz dich krönen.

O freier Geist, du unerfaßlich Leben,
Gesang der Farbe, Formen-Harmonie,
Gestalt des Tons, du hell lebendig Weben,
In Nacht und Tod, in Stummheit Melodie,
In meines Busens Saiten tonlos Beben,
Ersteh' in meiner Seele Poesie:
Laß mich in ihrer Göttin Wort sie grüßen,
Daß sich der Heimat Tore mir erschließen.

Ein guter Bürger will ich Freiheit singen,
Der Liebe Freiheit, die in Fremde rang,
Will In der Schönheit Grenzen Kränze schlingen,
Um meinen Ruf, des Lebens tiefsten Klang,
Mir eignen, ihn mit Lied und Lieb erringen,
Bis brautlich ganz in Wonne mein Gesang,
Gelöst in Lust und Schmerz das Widerstreben,
Und eigner Schöpfung Leben niederschweben.



Am Tage vor dem Abendmahl

Was ich tue, was ich denke,
Alles, was mit mir geschieht,
Herr! nach deinem Auge lenke,
Das auf meine Wege sieht.



Am Ufer bin ich gangen …

Am Ufer bin ich gangen,
Sie schifften auf dem See,
Mein Herz war voll Verlangen,
Ich trug ein heimlich Weh;
Ein Weh, ein Wohl zu sein
So ganz allein, allein, allein!

Ich hab hinaus getragen
Mein Herz, und der es liebt,
Der muß zu Haus verzagen,
Der ist zum Tod betrübt,
Und hört die Turtel schreien
So ganz allein, allein, allein!

So ging ich wohl zwei Stunden,
Und ob ich sein gedacht
Nur wenige Sekunden,
Das hüll ich in die Nacht
Des stummen Herzens ein
So ganz allein, allein, allein!

Es stürmt, der See schlägt Wellen,
Unheimlich saust der Wind,
Nie will ich mich gesellen,
Ich wirres, irres Kind,
Dem, der mich liebt mit Pein
So ganz allein, allein, allein!

Und sollt er auch erblinden
In seiner Tränen Flut,
Nie will ich mich verbinden,
Dem ich am Herz geruht;
Stirbt er, grabt mir ihn ein
So ganz allein, allein, allein!

Schon zittern ihm die Schmerzen
Um das gebrochne Herz
Gleich stillen Totenkerzen;
Ich laß ihn, reißt der Schmerz
Ihm gleich durch Mark und Bein,
So ganz allein, allein, allein!

Es war sein ganzes Leben
Im bittern Weh verglüht,
Da hab ich ihn umgeben,
Da ist er neu erblüht;
Mein ist er, ich nicht sein
So ganz allein, allein, allein!

Wohin, wohin mich wenden?
Ich armes Waiselein,
Von allen Felsenwänden
Hör ich das Echo schrein,
Arm Kind, o du mußt sein
So ganz allein, allein, allein!

Die Wellen sind Gesellen,
Die Vöglein zwei und zwei,
In Ufern gehn die Quellen,
Sein Echo hat mein Schrei,
Und ruft vom Felsenstein
So ganz allein, allein, allein!

Viel bin ich umgezogen,
Hab redlich angeblickt,
War liebevoll gewogen,
Hab freundlich zugenickt!
Die Wahrheit ließ der Schein
So ganz allein, allein, allein!

Und wem ich bot zu trinken,
Der ward so schwer berauscht,
Er ließ den Becher sinken,
Und hat ihn leicht vertauscht,
Den Zauberbecher mein
So ganz allein, allein, allein!

Du einsam Kreuz am Pfade!
Scheu blicke ich hinan,
O süßer Herr der Gnade
Blick doch dein Schäflein an!
Treib treuer Hirt mich ein
Bald ganz allein, allein, allein!

Da spricht's: Tu keinem andern,
Was dir nicht soll geschehn,
Willst du nicht einsam wandern,
So laß nicht einsam stehn,
Laß nicht, willst du nicht sein
So ganz allein, allein, allein!

Will keiner mir begegnen
Auf diesem öden Pfad,
Soll ich die Welt gesegnen,
Verlassen am Gestad?
Da schallt ein Tritt – es naht
Wer ist's? – sein will ich sein
So ganz allein, allein, allein!

Sag liebrer Wandrer, bist du's,
So biete mir gut Zeit.
»Gelobt sei Jesus Christus!«
– In alle Ewigkeit.
Ach ja, wenn es soll sein
So ganz allein, allein, allein!

In Trauer begonnen,
In Reue vollendet
Zum Kreuz gewendet
Mit Tränen beronnen.



            An + + +

Ach! so fühlst du ihn denn auch
Diesen Glanz, so keusch und milde
Wie des Schöpfers Lebenshauch
Auf dem ersten Ebenbilde.

Also hob im ersten Tau,
Wie ein Kind im Heiligtume,
Auf des Paradieses Au
Still ihr Haupt die erste Blume.

Ach! dies ist kein irdscher Glanz,
Unerneuert, unverloren,
Ewig aus dem Lichte ganz
Vor der Sünde ausgeboren.

Dieses Weiß und dieses Rot
Ist noch nie gerichtet worden,
Keine Sünde und kein Tod
Kann je dieses Leben morden.

Nie erröten wird dies Weiß,
Dieses Rot wird nie erbleichen,
Denn in diesen Farbenkreis
Kann nicht Scham, nicht Schrecken reichen.

Aus dem Himmelgarten sind
Diese tiefen Blumenfarben,
Die zum Kranz das fromme Kind
Nahm aus reifer Ähren Garben.

Diese Anmut ist kein Schein,
Ist auch nicht der Glanz der Jugend;
Nichts vermag so schön zu sein,
Als der ewge Glanz der Tugend.



An dem Feuer saß das Kind …

An dem Feuer saß das Kind,
    Amor, Amor,
    Und war blind;
Mit dem kleinen Flügel fächelt
In die Flamme er und lächelt,
Fächle, lächle, schlaues Kind!

Ach, der Flügel brennt dem Kind,
    Amor, Amor
    Läuft geschwind!
»O, wie mich die Glut durchpeinet!«
Flügelschlagend laut er weinet,
In der Hirtin Schoß entrinnt
Hülfeschreind das schlaue Kind.

Und die Hirtin hilft dem Kind
    Amor, Amor,
    Bös und blind.
Hirtin, sieh, dein Herz entbrennet,
Hast den Schelm du nicht gekennet?
Sieh, die Flamme wächst geschwind,
Hüt dich vor dem schlauen Kind!



An eine schöne Erscheinung am Dreikönigstage

Nicht allen war der Himmel gleich geneigt,
Und jeglichem ist andre Pflicht gegeben,
Wie mancher betet an, wie manche Lippe schweigt,
Der andere darf nur die Blicke heben.
Der König Gold, der Weise Myrrhen reicht,
Und Weihrauchwolken läßt der Melchior schweben.
Der Kinder Lallen und der Liebe Stammeln,
Des Sängers Lied muß sich zum Dienste sammeln.

Es hat der Herr sich eine Welt erbaut,
Er hat sie mit der Schönheit ausgeschmücket,
Er hat sie dem Gesetze anvertraut,
Sein Siegel auf des Menschen Stirn gedrücket.
O selig, wer in solche Augen schaut,
Die solche Seligkeit der Welt entzücket,
Ihm ist der Herr, ihm ist das Reich erschienen,
Er weiß, er weiß, wo's lieblich ist zu dienen.

Wie gütig ist der Herr, der überall.
Da wo ich bin, da will er mir erscheinen,
Und wo ich sing, grüßt ihn der Silben Hall,
Und wo ich denke, kann ich ihn nur meinen,

Ihn lob ich lachend mit der Freude Schall,
Ihn ehrt der Trauer still bescheidnes Weinen.
Und was mich rührte, darf ich stolz auch singen,
Denn nur zu ihm erheben sich die Schwingen.

Mir ward ein Aug, was herrlich ist, zu sehen,
Ein Herz ward mir, was würdig ist, zu hegen,
Die Sonne will mir auf- und untergehen,
Der Anmut geh ich treu und fromm entgegen;
Vor dir, du schöner Mensch, mag gern ich stehen,
Dir, mir zulieb nicht, nein, nur Gottes wegen.
Sei irdisch Himmel mir, und himmlich Erde,
Daß Freundesdienst ein Gottesdienst mir werde.