Chamisso

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Biografie

Seite 2

               Das Riesenspielzeug

Burg Nideck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt,
die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand;
sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,
du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

Einst kam das Riesenfräulein aus jener Burg hervor,
erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Tor
und stieg hinab den Abhang bis in das Tal hinein,
neugierig zu erkunden, wie's unten möchte sein.

Mit wen'gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald,
erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald,
und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld
erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.

Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend niederschaut,
bemerkt sie einen Bauer, der seinen Acker baut;
es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar,
es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar
.

"Ei! artig Spielding!" ruft sie, "das nehm' ich mit nach Haus!"
Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus
und feget mit den Händen, was sich da alles regt,
zu Haufen in das Tüchlein, das sie zusammenschlägt,

und eilt mit freud'gen Sprüngen, man weiß, wie Kinder sind,
zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind:
“Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön!
So Allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höh'n."

Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein,
er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein:
“Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei?
Du hüpfest ja vor Freuden; laß sehen, was es sei."

Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,
den Bauer aufzustellen, den Pflug und das Gespann;
wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,
so klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.

Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:
“Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht!
Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin,
der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn?

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot;
denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot;
es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor,
der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor

Burg Nideck ist im Elsaß der Sage wohl bekannt,
die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand;
sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,
und fragst Du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.



     Das Schloß Bonkourt

Ich träum' als Kind mich zurücke
Und schüttle mein greises Haupt;
Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder,
Die lang' ich vergessen geglaubt?

Hoch ragt aus schatt'gen Gehegen
Ein schimmerndes Schloß hervor,
Ich kenne die Türme, die Zinnen,
Die steinerne Brücke, das Thor.

Es schauen vom Wappenschilde
Die Löwen so traulich mich an,
Ich grüße die alten Bekannten
Und eile den Burghof hinan.

Dort liegt die Sphinx am Brunnen
Dort grünt der Feigenbaum,
Dort, hinter diesen Fenstern,
Verträumt' ich den ersten Traum.

Ich tret' in die Burgkapelle
Und suche des Ahnherrn Grab
Dort ist's, dort hängt vom Pfeiler
Das alte Gewaffen herab.

Noch lesen umflort die Augen
Die Züge der Inschrift nicht,
Wie hell durch die bunten Scheiben
Das Licht darüber auch bricht.

So stehst du, o Schloß meiner Väter,
Mir treu und fest in dem Sinn
Und bist von der Erde verschwunden,
Der Pflug geht über dich hin.

Sei fruchtbar, o teurer Boden,
Ich segne dich mild und gerührt
Und segn' ihn zwiefach, wer immer
Den Pflug nun über dich führt.

Ich aber will auf mich raffen,
Mein Saitenspiel in der Hand,
Die Weiten der Erde durchschweifen
Und singen von Land zu Land.



     Der Bettler und sein Hund

»Drei Taler erlegen für meinen Hund!
So schlage das Wetter mich gleich in den Grund!
Was denken die Herrn von der Polizei?
Was soll nun wieder die Schinderei?

Ich bin ein alter, ein kranker Mann,
Der keinen Groschen verdienen kann;
Ich habe nicht Geld, ich habe nicht Brot,
Ich lebe ja nur von Hunger und Not.

Und wann ich erkrankt, und wann ich verarmt,
Wer hat sich da noch meiner erbarmt?
Wer hat, wann ich auf Gottes Welt
Allein mich fand, zu mir sich gesellt?

Wer hat mich geliebt, wann ich mich gehärmt?
Wer, wann ich fror, hat mich gewärmt?
Wer hat mit mir, wann ich hungrig gemurrt,
Getrost gehungert und nicht geknurrt?

Es geht zur Neige mit uns zwein;
Es muß, mein Tier, geschieden sein!
Du bist, wie ich, nun alt und krank;
Ich soll dich ersäufen, das ist der Dank!

Das ist der Dank, das ist der Lohn!
Dir geht's wie manchem Erdensohn.
Zum Teufel! ich war bei mancher Schlacht;
Den Henker hab ich noch nicht gemacht.

Das ist der Strick, das ist der Stein,
Das ist das Wasser, – es muß ja sein.
Komm her, du Köter, und sieh mich nicht an,
Noch nur ein Fußstoß, so ist es getan!«

Wie er in die Schlinge den Hals ihm gesteckt,
Hat wedelnd der Hund die Hand ihm geleckt;
Da zog er die Schlinge sogleich zurück
Und warf sie schnell um sein eigen Genick.

Und tat einen Fluch, gar schauderhaft,
Und raffte zusammen die letzte Kraft
Und stürzt' in die Flut sich, die tönend stieg,
Im Kreise sich zog und über ihm schwieg.

Wohl sprang der Hund zur Rettung hinzu,
Wohl heult' er die Schiffer aus ihrer Ruh,
Wohl zog er sie winselnd und zerrend her;
Wie sie ihn fanden, da war er nicht mehr.

Er ward verscharret in stiller Stund,
Es folgt' ihm winselnd nur der Hund;
Der hat, wo den Leib die Erde deckt,
Sich hingestreckt und ist da verreckt.



              Der Spielmann

Im Städtchen gibt es des Jubels viel,
Da halten sie Hochzeit mit Tanz und mit Spiel.
Dem Fröhlichen blinket der Wein so rot,
Die Braut nur gleicht dem getünchten Tod.

Ja tot für den, den nicht sie vergißt,
Der doch beim Fest nicht Bräutigam ist:
Da steht er immitten der Gäste im Krug,
Und streichelt die Geige lustig genug.

Er streichelt die Geige, sein Haar ergraut,
Es schwingen die Saiten gellend und laut,
Er drückt sie ans Herz und achtet es nicht,
Ob auch sie in tausend Stücke zerbricht.

Es ist gar grausig, wenn einer so stirbt,
Wenn jung sein Herz um Freude noch wirbt.
Ich mag und will nicht länger es sehn!
Das möchte den Kopf mir schwindelnd verdrehn!

Wer heißt euch mit Fingern zeigen auf mich?
O Gott - bewahr uns gnädiglich,
Daß keinen der Wahnsinn übermannt.
Bin selber ein armer Musikant.



        Der alte Sänger

Sang der sonderbare Greise
Auf den Märkten, Straßen, Gassen
Gellend, zürnend seine Weise:
    »Bin, der in die Wüste schreit.
Langsam, langsam und gelassen!
Nichts unzeitig! nichts gewaltsam!
Unablässig, unaufhaltsam,
    Allgewaltig naht die Zeit.

Torenwerk, ihr wilden Knaben,
An dem Baum der Zeit zu rütteln,
Seine Last ihm abzustreifen,
    Wann er erst mit Blüten prangt!
Laßt ihn seine Früchte reifen
Und den Wind die Äste schütteln!
Selber bringt er euch die Gaben,
    Die ihr ungestüm verlangt.«

Und die aufgeregte Menge
Zischt und schmäht den alten Sänger:
»Lohnt ihm seine Schmachgesänge!
    Tragt ihm seine Lieder nach!
Dulden wir den Knecht noch länger?
Werfet, werfet ihn mit Steinen!
Ausgestoßen von den Reinen,
    Treff ihn allerorten Schmach!«

Sang der sonderbare Greise
In den königlichen Hallen
Gellend, zürnend seine Weise:
    »Bin, der in die Wüste schreit.
Vorwärts! vorwärts! nimmer lässig!
Nimmer zaghaft! kühn vor allen!
Unaufhaltsam, unablässig,
    Allgewaltig drängt die Zeit.

Mit dem Strom und vor dem Winde!
Mache dir, dich stark zu zeigen,
Strom- und Windeskraft zu eigen!
    Wider beide gähnt dein Grab.
Steure kühn in grader Richtung!
Klippen dort? die Furt nur finde!
Umzulenken heischt Vernichtung,
    Treibst als Wrack du doch hinab.«

Einen sah man da erschrocken
Bald erröten, bald erblassen:
»Wer hat ihn hereingelassen,
    Dessen Stimme zu uns drang?
Wahnsinn spricht aus diesem Alten;
Soll er uns das Volk verlocken?
Sorgt, den Toren festzuhalten,
    Laßt verstummen den Gesang!«

Sang der sonderbare Greise
Immer noch im finstern Turme
Ruhig, heiter seine Weise:
    »Bin, der in die Wüste schreit.
Schreien mußt ich es dem Sturme;
Der Propheten Lohn erhalt ich!
Unablässig, allgewaltig,
    Unaufhaltsam naht die Zeit.«



     Der rechte Barbier

Und soll ich nach Philisterart
    Mir Kinn und Wange putzen,
So will ich meinen langen Bart
    Den letzten Tag noch nutzen.
Ja, ärgerlich, wie ich nun bin,
Vor meinem Groll, vor meinem Kinn
    Soll mancher noch erzittern!

»Holla! Herr Wirt, mein Pferd! macht fort!
    Ihm wird der Hafer frommen.
Habt Ihr Barbierer hier im Ort?
    Laßt gleich den rechten kommen.
Waldaus, waldein, verfluchtes Land!
Ich ritt die Kreuz und Quer und fand
    Doch nirgends noch den rechten.

Tritt her, Bartputzer, aufgeschaut!
    Du sollst den Bart mir kratzen;
Doch kitzlig sehr ist meine Haut,
    Ich biete hundert Batzen;
Nur, machst du nicht die Sache gut,
Und fließt ein einzges Tröpflein Blut, –
    Fährt dir mein Dolch ins Herze.«

Das spitze, kalte Eisen sah
    Man auf dem Tische blitzen,
Und dem verwünschten Ding gar nah
    Auf seinem Schemel sitzen
Den grimmgen, schwarzbehaarten Mann
Im schwarzen, kurzen Wams, woran
    Noch schwärzre Troddeln hingen.

Dem Meister wird's zu grausig fast;
    Er will die Messer wetzen;
Er sieht den Dolch; er sieht den Gast;
    Es packt ihn das Entsetzen;
Er zittert wie das Espenlaub,
Er macht sich plötzlich aus dem Staub
    Und sendet den Gesellen.

»Einhundert Batzen mein Gebot,
    Falls du die Kunst besitzest;
Doch, merk es dir, dich stech ich tot,
    So du die Haut mir ritzest.«
Und der Gesell: »Den Teufel auch!
Das ist des Landes nicht der Brauch.«
    Er läuft und schickt den Jungen.

»Bist du der Rechte, kleiner Molch?
    Frisch auf! fang an zu schaben;
Hier ist das Geld, hier ist der Dolch,
    Das beides ist zu haben!
Und schneidest, ritzest du mich bloß,
So geb ich dir den Gnadenstoß;
    Du wärest nicht der erste.«

Der Junge denkt der Batzen, druckst
    Nicht lang und ruft verwegen:
»Nur still gesessen! nicht gemuckst!
    Gott geb Euch seinen Segen!«
Er seift ihn ein ganz unverdutzt,
Er wetzt, er stutzt, er kratzt, er putzt:
    »Gottlob! nun seid Ihr fertig.«

»Nimm, kleiner Knirps, dein Geld nur hin;
    Du bist ein wahrer Teufel!
Kein andrer mochte den Gewinn,
    Du hegtest keinen Zweifel;
Es kam das Zittern dich nicht an,
Und wenn ein Tröpflein Blutes rann,
    So stach ich dich doch nieder.«

»Ei! guter Herr, so stand es nicht,
    Ich hielt Euch an der Kehle;
Verzucktet Ihr nur das Gesicht
    Und ging der Schnitt mir fehle,
So ließ ich Euch dazu nicht Zeit;
Entschlossen war ich und bereit,
    Die Kehl Euch abzuschneiden.« –

»So, so! ein ganz verwünschter Spaß!«
    Dem Herrn ward's unbehäglich;
Er wurd auf einmal leichenblaß
    Und zitterte nachträglich:
»So, so! das hatt ich nicht bedacht,
Doch hat es Gott noch gut gemacht;
    Ich will's mir aber merken.«


    Die Kartenlegerin

Schlief die Mutter endlich ein
Über ihrer Hauspostille?
Nadel, liege du nun stille,
Nähen, immer Nähen, nein,
Legen will ich mir die Karten,
Ei, was hab ich zu erwarten,
Ei, was wird das Ende sein?

Trüget mich die Ahnung nicht,
Zeigt sich einer, den ich meine,
Schön, da kommt er ja, der eine,
Coeur-Bub kannte seine Pflicht.
Eine reiche Witwe? Wehe.
Ja, er freit sie, ich vergehe,
O verruchter Bösewicht.

Herzeleid und viel Verdruß,
Eine Schul' und enge Mauern,
Karo-König, der bedauern
Und zuletzt mich trösten muß.
Ein Geschenk auf artge Weise,
Er entführt mich, eine Reise,
Geld und Lust im Überfluß.

Dieser Karo-König da
Muß ein Fürst sein oder König
Und es fehlt daran nur wenig,
Bin ich selber Fürstin ja.
Hier ein Feind, der mir zu schaden
Sich bemüht bei seiner Gnaden,
Und ein Blonder steht mir nah.

Ein Geheimnis kommt zu Tage,
Und ich flüchte noch beizeiten,
Fahret wohl, ihr Herrlichkeiten,
O, das war ein harter Schlag.
Hin ist einer, eine Menge
Bilden um mich ein Gedränge,
Daß ich sie kaum zählen mag.

Kommt das dumme Fraungesicht,
Kommt die Alte da mit Keuchen,
Lieb und Lust mir zu verscheuchen,
Eh, die Jugend mir gebricht?
Ach, die Mutter ist's, die aufwacht,
Und den Mund zu schelten aufmacht.
Nein, die Karten lügen nicht.



       Die Katzenkönigin

'Swar mal 'ne Katzenkönigin, Ja, ja!
die hegte edlen Katzensinn, Ja, ja!
verstunde gar wohl zu mausen,
liebt königlich zu schmausen, Ja, ja,
Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!

Die hatt 'nen schneeweißen Leib, Ja, ja!
so schlank, so zart, die Hände so weich, Ja, ja!
die Augen wie Karfunkeln,
Sie leuchten im Dunkeln, Ja, ja!
Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!

Ein Edelmausjüngling lebte zur Zeit, Ja, ja!
der sah die Königin wohl von weit, Ja, ja!
'ne ehrliche Haut von Mäuschen,
der kroch aus seinem H&aumchl;uschen, Ja, ja!
Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!

Der sprach: »In meinem Leben nicht, ja, ja!
hab' ich gesehn so süßes Gesicht, ja, ja!
die muß mich Mäuschen meinen,
sie thut so fromm erscheinen.« Ja, ja!
Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!

Der Maus: »Willst du mein Schätzchen sein? ja, ja!«
Die Katz: »Ich will dich sprechen allein. Ja, ja!«
»Heut' will ich bei dir schlafen«
»Heut' sollst du bei mir schlafen.« Ja, ja!
Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!

Der Maus, der fehlte nicht die Stund', ja, ja!
Die Katz', die lachte den Bauch sich rund, ja, ja!
»Dem Schatz, den ich erkoren,
dem zieh' ich's Fell über die Ohren.« Ja, ja!
Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!



                   Die Löwenbraut

Mit der Myrte geschmückt und dem Brautgeschmeid,
Des Wärters Tochter, die rosige Maid,
Tritt ein in den Zwinger des Löwen;
Er liegt der Herrin zu Füßen, vor der er sich schmiegt.

Der Gewaltige, wild und unbändig zuvor,
Schaut fromm und verständig zur Herrin empor;
Die Jungfrau, zart und wonnereich,
Liebestreichelt ihn sanft und weinet zugleich:

"Wir waren in Tagen, die nicht mehr sind,
Gar treue Gespielen wie Kind und Kind,
Und hatten uns lieb und hatten uns gern;
Die Tage der Kindheit, sie liegen uns fern.

Du schütest machtvoll, eh wir's geglaubt,
Dein mähnenumwogtes königlich Haupt;
Ich wuchs heran, du siehst es: ich bin, -
Ich bin das Kind nicht mehr mit kindischem Sinn.

O wär ich das Kind noch und bliebe bei dir,
Mein starkes getreues, mein redliches Tier!
Ich aber muß folgen, sie taten mir's an,
Hinaus in die Fremde dem fremden Mann.

Es fiel ihm ein, daß schön ich sei,
Ich wurde gefreit, es ist nun vorbei:
Der Kranz im Haar, mein guter Gesell,
Und vor Tränen nicht die Blicke mehr hell.

Verstehst du mich ganz? Schaust grimmig dazu,
Ich bin ja gefaßt, sei ruhig auch du;
Dort seh ich ihn kommen, dem folgen ich muß,
So geb ich denn, Freund, dir den letzten Kuß!"

Und wie ihn die Lippe des Mädchens berührt,
Da hat man den Zwinger erzittern gespürt,
Und wie er am Zwinger den Jüngling erschaut,
Erfaßt Entsetzen die bagenden Braut.

Er stellt an die Tür sich des Zwingers zur Wacht,
Er schwinget den Schweif, er brüllet mit Macht,
Sie flehend, gebietend und drohend begehrt
Hinaus; er im Zorn den Ausgang wehrt.

Und draußen erhebt sich verworren Geschrei.
Der Jüngling ruft: bring Waffen herbei,
Ich schieß ihn nieder, ich treff ihn gut.
Aufbrüllt der Gereizte schäumend vor Wut.

Die Unselige wagt's sich der Türe zu nahn,
Da fällt er verwandelt die Herrin an:
Die schöne Gestalt, ein gräßlicher Raub,
Liegt blutig zerrissen entstellt in dem Staub.

Und wie er vergossen das teure Blut,
Er legt sich zur Leiche mit finsterem Mut,
Er liegt so versunken in Trauer und Schmerz,
Bis tödlich die Kugel ihn trifft in das Herz.



Die Sonne bringt es an den Tag

Gemächlich in der Werkstatt saß
Zum Frühtrunk Meister Nikolas,
Die junge Hausfrau schenkt' ihm ein,
Es war im heitern Sonnenschein. -
Die Sonne bringt es an den Tag.

Die Sonne blinkt von der Schale Rand,
Malt zitternde Kringeln an die Wand,
Und wie den Schein er ins Auge faßt,
So spricht er für sich, indem er erblaßt :
"Du bringst es doch nicht an den Tag" -

"Wer nicht? was nicht?'. die Frau fragt gleich,
"Was stierst du so an? was wirst du so bleich?"
Und er darauf: "Sei still, nur still !
Ich's doch nicht sagen kann noch will.
Die Sonne bringt's nicht an den Tag."

Die Frau nur dringender forscht und fragt,
Mit Schmeicheln ihn und Hadern plagt,
Mit süßem und mit bitterm Wort;
Sie fragt und plagt ihn Ort und Ort :
"Was bringt die Sonne nicht an den Tag?"

"Nein nimmermehr!" - "Du sagst es mir noch."
"Ich sag es nicht." - "Du sagst es mir doch."
Da ward zuletzt er müd und schwach
Und gab der Ungestümen nach. -
Die Sonne bringt es an den Tag.

"Auf der Wanderschaft, 's sind zwanzig Jahr,
Da traf es mich einst gar sonderbar.
Ich hatt nicht Geld, nicht Ranzen, noch Schuh,
War hungrig und durstig und zornig dazu. -
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

Da kam mir just ein Jud in die Quer,
Ringsher war's still und menschenleer,
'Du hilfst mir, Hund, aus meiner Not!
Den Beutel her, sonst schlag ich dich tot!'
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

Und er: 'Vergieße nicht mein Blut,
Acht Pfennige sind mein ganzes Gut!'
Ich glaubt ihm nicht und fiel ihn an ;
Er war ein alter, schwacher Mann -
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

So rücklings lag er blutend da;
Sein brechendes Aug in die Sonne sah;
Noch hob er zuckend die Hand empor,
Noch schrie er röchelnd mir ins Ohr.
'Die Sonne bringt es an den Tag!'

Ich macht ihn schnell noch vollends stumm
Und kehrt ihm die Taschen um und um:
Acht Pfenn'ge, das war das ganze Geld.
Ich scharrt ihn ein auf selbigem Feld -
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

Dann zog ich weit und weiter hinaus,
Kam hier ins Land, bin jetzt zu Haus. -
Du weißt nun meine Heimlichkeit,
So halte den Mund und sei gescheit!
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

Wann aber sie so flimmernd scheint,
Ich merk es wohl, was sie da meint,
Wie sie sich müht und sich erbost, -
Du, schau nicht hin und sei getrost :
Sie bringt es doch nicht an den Tag."

So hatte die Sonn eine Zunge nun,
Der Frauen Zungen ja nimmer ruhn. -
"Gevatterin, um Jesus Christ!
Laßt Euch nicht merken, was Ihr nun wißt!" -
Nun bringt's die Sonne an den Tag.

Die Raben ziehen krächzend zumal
Nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl.
Wen flechten sie aufs Rad zur Stund?
Was hat er getan? wie ward es kund?
Die Sonne bracht es an den Tag.



           Die Weiber von Winsperg

Der erste Hohenstaufen, der König Konrad, lag
mit Heeresmacht vor Winsperg seit manchem langen Tag;
der Welfe war geschlagen, noch wehrte sich das Nest,
die unverzagten Städter, die hielten es noch fest.

Der Hunger kam, der Hunger! das ist ein scharfer Dorn;
nun suchten sie die Gnade, nun fanden sie den Zorn.
"Ihr habt mir hier erschlagen gar manchen Degen wert,
und öffnet ihr die Tore, so trifft euch doch das Schwert."

Da sind die Weiber kommen: "Und muß es also sein,
gewährt uns freien Abzug, wir sind vom Blute rein."
Da hat sich vor den Armen des Helden Zorn gekühlt,
da hat ein sanft Erbarmen im Herzen er gefühlt.

"Die Weiber mögen abziehn, und jede habe frei,
was sie vermag zu tragen und ihr das Liebste sei!
Laßt zieh'n mit ihrer Bürde sie ungehindert fort!"
Das ist des Königs Meinung, das ist des Königs Wort.

Und als der frühe Morgen im Osten kaum gegraut,
da hat ein selt'nes Schauspiel vom Lager man geschaut:
Es öffnet leise, leise sich das bedrängte Tor,
es schwankt ein Zug von Weibern mit schwerem Schritt hervor.

Tief beugt die Last sie nieder, die auf dem Nacken ruht,
sie tragen ihre Eh'herrn, das ist ihr liebstes Gut.
"Halt an die argen Weiber!" ruft drohend mancher Wicht;
Der Kanzler spricht bedeutsam: "Das war die Meinung nicht."

Da hat, wie er's vernommen, der fromme Herr gelacht:
"Und war es nicht die Meinung, sie haben's gut gemacht;
gesprochen ist gesprochen, das Königswort besteht,
und zwar von keinem Kanzler zerdeutelt und zerdreht."

So war das Gold der Krone wohl rein und unentweiht.
Die Sage schallt herüber aus halbvergess'ner Zeit.
Im Jahr elfhundertvierzig, wie ich's verzeichnet fand,
galt Königswort noch heilig im deutschen Vaterland.



       Die alte Waschfrau

Du siehst geschäftig bei den Linnen
Die Alte dort in weißem Haar,
Die rüstigste der Wäscherinnen
Im sechsundsiebenzigsten Jahr.
So hat sie stets mit saurem Schweiß
Ihr Brot in Ehr und Zucht gegessen
Und ausgefüllt mit treuem Fleiß
Den Kreis, den Gott ihr zugemessen.

Sie hat in ihren jungen Tagen
Geliebt, gehofft und sich vermählt;
Sie hat des Weibes Los getragen,
Die Sorgen haben nicht gefehlt;
Sie hat den kranken Mann gepflegt;
Sie hat drei Kinder ihm geboren;
Sie hat ihn in das Grab gelegt
Und Glaub und Hoffnung nicht verloren.

Da galt 's, die Kinder zu ernähren;
Sie griff es an mit heiterm Mut,
Sie zog sie auf in Zucht und Ehren,
Der Fleiß, die Ordnung sind ihr Gut.
Zu suchen ihren Unterhalt,
Entließ sie segnend ihre Lieben;
So stand sie nun allein und alt,
Ihr war ihr heitrer Mut geblieben.

Sie hat gespart und hat gesonnen
Und Flachs gekauft und nachts gewacht,
Den Flachs zu feinem Garn gesponnen,
Das Garn dem Weber hingebracht;
Der hat 's gewebt zu Leinewand;
Die Schere brauchte sie, die Nadel
Und nähte sich mit eigner Hand
Ihr Sterbehemde sonder Tadel.

Ihr Hemd, ihr Sterbehemd, sie schätzt es,
Verwahrt 's im Schrein am Ehrenplatz;
Es ist ihr Erstes und ihr Letztes,
Ihr Kleinod, ihr ersparter Schatz.
Sie legt es an, des Herren Wort
Am Sonntag früh sich einzuprägen,
Dann legt sie 's wohlgefällig fort,
Bis sie darin zur Ruh sie legen.

Und ich, an meinem Abend, wollte
Ich hätte, diesem Weibe gleich,
Erfüllt, was ich erfüllen sollte
In meinen Grenzen und Bereich;
Ich wollt, ich hätte so gewußt,
Am Kelch des Lebens mich zu laben,
Und könnt am Ende gleiche Lust
An meinem Sterbehemde haben.



Du Ring an meinem Finger ...

Du Ring an meinem Finger,
Mein goldenes Ringelein,
Ich drücke dich fromm an die Lippen,
Dich fromm an das Herze mein.

Ich hatt ihn ausgeträumet,
Der Kindheit friedlich schönen Traum,
Ich fand allein mich, verloren
Im öden, unendlichen Raum.

Du Ring an meinem Finger
Da hast du mich erst belehrt,
Hast meinem Blick erschlossen
Des Lebens unendlichen, tiefen Wert.

Ich will ihm dienen, ihm leben,
Ihm angehören ganz,
Hin selber mich geben und finden
Verklärt mich in seinem Glanz.

Du Ring an meinem Finger,
Mein goldenes Ringelein,
Ich drücke dich fromm an die Lippen
Dich fromm an das Herze mein.



       Ein Lied von der Weibertreue

S'il est un conte usé, commun et rebattu,
C'est celui qu'en ces vers j'accommode à ma guise.
                                                La Fontaine

Sie haben zwei Tote zur Ruhe gebracht;
Der Hauptmann fiel in rühmlicher Schlacht,
Mit Ehren ward er beigesetzt;
Und der, den jüngst er wacker gehetzt,
        Der Räuber hängt am Galgen.

Da hält die Wacht als Schildergast
Ein junger Landsknecht, verdrießlich fast;
Die Nacht ist kalt, er flucht und friert,
Und wird ihm geraubt, der den Galgen ziert,
        So muß für ihn er hangen.

Im Grabgewölb bei des Hauptmanns Leib
Verweilt verzweiflungsvoll sein Weib;
Sie hat geschworen in bittrer Not,
Für ihn zu sterben den Hungertod,
        Die Amme zur Gesellschaft.

Die Amme spricht: »Gebieterin!
Ich habe geschworen nach Eurem Sinn;
Beklagt und lobt den selgen Herrn!
Da stimm ich mit ein von Herzen gern;
        Doch plagt mich sehr der Hunger.

Er war, so alt er war, gar gut,
Nicht eifersüchtig, von sanftem Mut.
Ach, edle Frau, Ihr findet zwar
Den zweiten nicht, wie der erste war;
        Doch plagt mich sehr der Hunger.

Euch war's, es ist mir wohl bewußt,
Ein harter Schlag, ein großer Verlust;
Doch seid Ihr noch schön, doch seid Ihr noch jung
Und könntet noch haben der Freude genung;
        Es plagt mich sehr der Hunger.«

Die Amme so; und stumm beharrt
Die edle Frau, im Schmerz erstarrt;
Erloschen scheint der Augen Licht;
Sie klaget nicht, sie weinet nicht;
        Es plagt sie sehr der Hunger.

Und draußen bläst der Wind gar scharf;
Der Landsknecht läuft, so weit er darf,
Indem er sich zu erwärmen sucht;
Und wie er läuft, und wie er flucht,
        So sieht ein Licht er schimmern.

Von wannen mag der Schimmer sein?
Er schleicht hinzu, er tritt hinein:
»Gegrüßet mir, ihr edle Fraun;
Wie muß ich hier im Grabe schaun
        So hoher Schönheit Schimmer!«

So staunend er; und stumm beharrt
Die edle Frau, im Schmerz erstarrt;
Erloschen scheint der Augen Licht;
Sie klaget nicht, sie weinet nicht;
        Es plagt sie sehr der Hunger.

Die Amme drauf: »Das seht Ihr ja,
Wir trauern um den Toten da;
Wir haben geschworen in bittrer Not,
Für ihn zu sterben den Hungertod;
        Es plagt mich sehr der Hunger.«

Drauf er: »Das ist nicht wohlgetan
Und hilft zu nichts dem toten Mann.
So schön! so jung! ihr seid nicht klug,
Es hat die Welt der Freude genug;
        Entsetzlich nagt der Hunger!

Ich sage nur, ihr Frauen sollt
Mich essen sehn, dann tun, was ihr wollt.
Hier hab ich Brot, hier hab ich Wurst,
Hier eine Flasche für den Durst;
        Es plagt auch mich der Hunger.«

Und wie er tut, was er gesagt,
Und ihm so wohl das Essen behagt,
Da sinkt der Alten ganz der Mut:
»Ach! edle Frau, das schmeckt so gut!
        Und ach, mich plagt der Hunger!«

Drauf er: »So eßt, ich habe für zwei
Genug, und habe genug für drei;
Ich esse sonst allein für vier;
So eßt und trinkt getrost mit mir!
        Das hilft schon für den Hunger.«

Die Amme versucht auf gutes Glück
Ein Stückchen erst und dann ein Stück:
Sie sieht der Herrin ins Angesicht;
Sie klaget nicht, sie weinet nicht;
        Es plagt sie sehr der Hunger.

»Ach, edle Frau, das schmeckt so gut!
Ihr wißt schon, wie der Hunger tut;
Was hat davon Euer Herr Gemahl?
Es sei genug für dieses Mal!
        Entsetzlich nagt der Hunger.«

Er tritt zu ihr: »Versucht es nur!«
Sie aber spricht: »Mein Schwur! mein Schwur!«
Und stößt ihn dennoch nicht zurück;
Sie nimmt ein Stückchen und dann ein Stück;
        Das hilft denn für den Hunger.

Er fällt vor ihr auf seine Knie:
»Ich sah ein schöneres Weib noch nie,
Nur sollt Ihr hinfort mir klüger sein!
Nun muß ich gehen. Gedenket mein!
        Ich komme morgen wieder.

Nichts da von Lebensüberdruß!«
Er spricht's und raubt ihr einen Kuß
Und stürzt hinaus, er ist schon fort;
Die Alte ruft: »So halt auch Wort,
        Du lieber, lieber Landsknecht!«

Und ferner spricht sie zu der Frau:
»Bedenk ich, Herrin, die Sache genau,
Er hat es gar nicht schlecht gemacht
Und uns auf guten Weg gebracht,
        Der liebe, liebe Landsknecht!«

Sie sagt nicht nein, sie sagt nicht ja;
Sie steht betroffen, errötend da,
Gibt ihren Tränen freien Lauf
Und seufzet leis eratmend auf:
        »Du lieber, lieber Landsknecht!«

Der Landsknecht aber verwundert sich sehr;
Er steht vor dem Galgen, und der steht leer.
»Blitz Hagel! das war mein Henkersschmaus!
Den Platz da füll ich morgen noch aus,
        Ich armer, armer Landsknecht!«

Er läuft zurück: »Nun schafft auch Rat!
Sonst muß ich hangen, ich kam zu spat.«
Sie fragen ihn aus; wie er alles gesagt,
Da weint die edle Frau und klagt:
        »Du armer, lieber Landsknecht!«

Die Alte spricht: »Geduld! Geduld!
Ich wasch ihn rein von aller Schuld;
Er hat uns errettet, das wißt Ihr doch?
Versteht mich, Frau! Was zaudern wir noch?
        Du lieber, lieber Landsknecht!

Man hat ihm seinen Toten geraubt;
Wir haben auch einen; wenn Ihr es erlaubt,
Gebt ihm den unsern, gebt Euren Schatz!
Der füllt, wie einer, seinen Platz.
        Du lieber, lieber Landsknecht!

Und wer betrachtet's scharf genug,
Daß er entdecke den Betrug?
Frisch angefaßt und schnell ans Werk,
Daß keiner dort den Mangel merk!
        Du lieber, lieber Landsknecht!«

Wie er die Hand an den Toten legt,
Da ruft der Landsknecht tief bewegt:
»Mein Hauptmann! was? Du bist es fürwahr!
Nun bring ich dich an den Galgen gar!
        Du lieber, guter Hauptmann!«

Die Frau versetzt: »Was zauderst du?
Geschwind! sonst kommen noch Leute dazu;
Geschwind! ich helfe, was ich kann;
Geschwind! geschwind! du lieber Mann!
        Du lieber, lieber Landsknecht!«

Und er darauf: »Es geht nicht an;
Dem Räuber fehlt ein Vorderzahn.«
Da nimmt sie selber einen Stein
Und schlägt den Zahn dem Toten ein:
        Du lieber, lieber Landsknecht!

So schleifen hinaus ihn alle drei
Und hängen ihn an den Galgen frei;
Und streift nun der Wind die Heide entlang,
So geben die Knochen gar guten Klang
        Zum Lied von der Weibertreue.