Eichendorff

Seite 12

Inhalt

Biografie

    Die Hochzeitsnacht

Nachts durch die stille Runde
Rauschte des Rheines Lauf,
Ein Schifflein zog im Grunde,
Ein Ritter stand darauf.

Die Blicke irre schweifen
Von seines Schiffes Rand,
Ein blutigroter Streifen
Sich um das Haupt ihm wand.

Der sprach: "Da oben stehet
Ein Schlößlein überm Rhein,
Die an dem Fenster stehet:
Das ist die Liebste mein.

Sie hat mir Treu versprochen,
Bis ich gekommen sei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Und alles ist vorbei."

Viel Hochzeitleute drehen
Sich oben laut und bunt,
Sie bleibet einsam stehen,
Und lauschet in den Grund.

Und wie sie tanzen munter,
Und Schiff und Schiffer schwand,
Stieg sie vom Schloß herunter,
Bis sie im Garten stand.

Die Spielleut musizierten,
Sie sann gar mancherlei,
Die Töne sie so rührten,
Als müßt das Herz entzwei.

Da trat ihr Bräut'gam süße
Zu ihr aus stiller Nacht,
So freundlich er sie grüßte,
Daß ihr das Herze lacht.

Er sprach: "Was willst du weinen,
Weil alle fröhlich sein?
Die Stern so helle scheinen,
So lustig geht der Rhein.

Das Kränzlein in den Haaren
Steht dir so wunderfein
Wir wollen etwas fahren
Hinunter auf dem Rhein."

Zum Kahn folgt' sie behende,
Setzt' sich ganz vorne hin,
Er setzt' sich an das Ende
Und ließ das Schifflein ziehn.

Sie sprach: "Die Tone kommen
Verworren durch den Wind,
Die Fenster sind verglommen,
Wir fahren so geschwind.

Was sind das für so lange
Gebirge weit und breit?
Mir wird auf einmal bange
In dieser Einsamkeit!

Und fremde Leute stehen
Auf mancher Felsenwand,
Und stehen still und sehen
So schwindlig übern Rand." -

Der Bräut'gam schien so traurig
Und sprach kein einzig Wort,
Schaut in die Wellen schaurig
Und rudert immerfort.

Sie sprach: "Schon seh ich Streifen
So rot im Morgen stehn,
Und Stimmen hör ich schweifen,
Vom Ufer Hähne krähn.

Du siehst so still und wilde,
So bleich wird dein Gesicht,
Mir graut vor deinem Bilde -
Du bist mein Bräut'gam nicht!" -

Da stand er auf - das Sausen
Hielt an in Flut und Wald -
Es rührt mit Lust und Grausen
Das Herz ihr die Gestalt.

Und wie mit steinern'n Armen
Hob er sie auf voll Lust,
Drückt ihren schönen, warmen
Leib an die eis'ge Brust. -

Licht wurden Wald und Höhen,
Der Morgen schien blutrot,
Das Schifflein sah man gehen,
Die schöne Braut drin tot.



Von Engeln und von Bengeln

Im Frühling auf grünem Hügel
Da saßen viel Engelein,
Die putzten sich ihre Flügel
Und spielten im Sonnenschein.

Da kamen Störche gezogen,
Und jeder sich eines nahm,
Und ist damit fortgeflogen,
Bis daß er zu Menschen kam.

Und wo er anklopft' bescheiden
Der kluge Adebar,
Da war das Haus voller Freuden -
So geht es noch alle Jahr.

Die Engel weinten und lachten
Und wußten nicht, wie ihn'n geschehn. -
Die einen doch bald sich bedachten,
Und meinten: das wird wohl gehn!

Die machten bald wichtige Mienen
Und wurden erstaunlich klug,
Die Flügel gar unnütz ihn'n schienen,
Sie schämten sich deren genug.

Und mit dem Flügelkleide
Sie ließen den Flügelschnack,
Das war keine kleine Freude:
Nun stattlich in Hosen und Frack!

So wurden sie immer gescheuter
Und applizierten sich recht -
Das wurden ansehnliche Leute,
Befanden sich gar nicht schlecht.

Den andern war's, wenn die Aue
Noch dämmert' im Frühlingsschein,
Als zöge ein Engel durchs Blaue
Und rief' die Gesellen sein.

Die suchten den alten Hügel,
Der lag so hoch und weit -
Und dehnten sehnsüchtig die Flügel
Mit jeder Frühlingszeit.

Die Flügeldecken zersprangen,
Weit, morgenschön strahlt' die Welt,
Und übers Grün sie sich schwangen
Bis an das Himmelszelt.

Das fanden sie droben verschlossen,
Versäumten unten die Zeit -
So irrten die kühnen Genossen,
Verlassen in Lust und Leid. -

Und als es nun kam zum Sterben,
Gott Vater zur Erden trat,
Seine Kinder wieder zu werben,
Die der Storch vertragen hat.

Die einen konnten nicht fliegen,
So wohlleibig, träg und schwer,
Die mußt Er da lassen liegen,
Das tat ihm leid so sehr.

Die andern streckten die Schwingen
In den Morgenglanz hinaus,
Und hörten die Engel singen,
Und flogen jauchzend nach Haus!



             Valet

Ade nun, liebe Lieder,
Ade, du schöner Sang!
Nun sing ich wohl nicht wieder
Vielleicht mein Leben lang.

Einst blüht' von Gottes Odem
Die Welt so wunderreich,
Da in den grünen Boden
Senkt ich als Reiser euch.

Jetzt eure Wipfel schwanken
So kühle über mir,
Ich stehe in Gedanken
Gleichwie im Walde hier.

Da muß ich oft noch lauschen
In meiner Einsamkeit,
Und denk bei eurem Rauschen
Der schönen Jugendzeit.




VIII. Aus dem Spanischen

  Vom Strande


Ich rufe vom Ufer
Verlorenes Glück,
Die Ruder nur schallen
Zum Strande zurück.

Vom Strande, lieb Mutter,
Wo der Wellenschlag geht,
Da fahren die Schiffe,
Mein Liebster drauf steht.
Je mehr ich sie rufe,
Je schneller ihr Lauf,
Wenn ein Hauch sie entführet,
Wer hielte sie auf?
Der Hauch meiner Klagen
Die Segel nur schwellt,
Je mehr mein Verlangen
Zurücke sie hält!
Verhielt' ich die Klagen:
Es löst' sie der Schmerz,
Und Klagen und Schweigen
Zersprengt mir das Herz.
Ich rufe vom Ufer
Verlorenes Glück,
Die Ruder nur schallen
Zum Strande zurück.

So flüchtige Schlösser,
Wer könnt ihn'n vertraun
Und Liebe, die bliebe,
Mit Freuden drauf baun?
Wie Vögel im Fluge,
Wo ruhen sie aus?
So eilige Wandrer
Sie finden kein Haus,
Zertrümmern der Wogen
Grünen Kristall,
Und was sie berühren
Verwandelt sich all,
Es wandeln die Wellen
Und wandelt der Wind -
Meine Schmerzen im Herzen
Beständig nur sind.

Ich rufe vom Ufer
Verlorenes Glück,
Die Ruder nur schallen
Zum Strande zurück.



           Die Musikantin

Schwirrend Tamburin, dich schwing ich,
Doch mein Herz ist weit von hier.

Tamburin, ach könntst du's wissen,
Wie mein Herz von Schmerz zerrissen,
Deine Klänge würden müssen
Weinen um mein Leid mit mir.

Weil das Herz mir will zerspringen,
Laß ich hell die Schellen klingen,
Die Gedanken zu versingen
Aus des Herzens Grunde mir.

Schöne Herren, tief im Herzen
Fühl ich immer neu die Schmerzen,
Wie ein Angstruf ist mein Scherzen,
Denn mein Herz ist weit von hier.



 Turteltaube und Nachtigall

Bächlein, das so kühle rauschet,
Tröstest alle Vögelein,
Nur das Turteltäubchen trauert,
Weil's verwitwet und allein.

Nachtigallenmännchen draußen
Schmettert so verlockend drein:
"Mir vertraue, süße Fraue,
Will dein Lieb, dein Liebster sein!"

"Böser, laß die falschen Lieder!
Ruh auf keinem Zweig, der blüht,
Laß auf keiner Au mich nieder,
Die von schönen Blumen glüht.

Wo ich finde eine Quelle
Helle in dem grünen Haus,
Mit dem Schnabel erst die Welle
Trüb ich, eh ich trink daraus.

Einsam soll man mich begraben,
Laß mich trauernd hier allein,
Will nicht Trost, nicht Lust mehr haben,
Nicht dein Weib, noch Liebchen sein!"



 Graf Arnold und der Schiffer

Wem begegnet' je solch Wunder,
Als Graf Arnold ist geschehn,
Da er am Johannesmorgen
Wollt am Meere jagen gehn?

Auf dem Meer ein Schifflein fahren
Sah er, als ob's landen wollt,
Seiden seine Segel waren
Und das Tauwerk war von Gold.

Fing der Schiffer da zu singen,
Wunderbar zu singen an,
Daß die Wogen leiser gingen,
Wind hielt seinen Atem an;

Daß die Fische lauschend stiegen
Tief aus ihrem kühlen Haus,
Und die Vögel, die da fliegen,
Auf dem Maste ruhten aus:

"Durch die Einsamkeit der Wogen,
Schifflein, lenk dich Gottes Hand
An Gibraltars Felsenbogen,
An dem tück'schen Mohrenstrand.

Flandern gürten sand'ge Banken,
Bei Leon da steht ein Riff,
Wo schon viele Schiffe sanken,
Hüt dich Gott, mein schönes Schiff!"

"Schiffer!" rief der Graf am Strande,
"Schiffer, lehre mich dein Lied!" -
Doch der Schiffer lenkt' vom Lande:
"Lehr's nur den, der mit mir zieht."



      Der Hochzeitstanz

Wie so zierlich in dem Saale
Führt die Braut den Hochzeitsreihn,
Wie so mutig schaut Graf Martin
In die freud'gen Klänge drein!

Und sie im Vorüberschweifen
Flüstert: "Graf, was sinnet Ihr?
Sagt mir, schaut Ihr nach dem Tanze,
Oder blicket Ihr nach mir?"

"Hab schon manchen Tanz gesehen,
Und das war's nicht, was ich sann,
Eure Schönheit mich verblendet,
Eure Augen tun mir's an."

"Wenn so schöne meine Augen,
Führt mich hier vom Tanze heim,
Alt und grau schon ist mein Bräut'gam
Und er holt uns nimmer ein."



               Blanka

"Blanker seid Ihr, meine Herrin,
Blanker, als der Sonne Strahl!
Einmal sorglos möcht ich schlafen
Ohne Waffen diese Nacht,
Denn wohl sieben lange Jahre
Legt ich nicht die Rüstung ab,
Dunkler schon als ruß'ge Kohlen
Ist mein junger Leib vom Stahl."

"Ruhet diese Nacht nur, Ritter,
Schlaft entwaffnet ohne Arg,
Denn der Graf ist fern im Walde,
Jagend über Berg und Tal.
Wollt, der Sturm zerriss' die Hunde
Und der Adler ihm den Falk,
Und die Berg, im Grunde wankend,
Stürzten ihn vom Fels herab!"

Drauf, heimkehrend aus dem Walde,
Trat ins Zimmer ihr Gemahl:
"Was hier einsam sinnt Ihr, Dame?
Euer Stamm ist voll Verrat." -
"Herr, ich kämme meine Locken,
Kämme sie mit großem Gram,
Weil Ihr so allein mich lasset,
Draußen schweifend auf der Jagd. -"
"Diese Worte, schöne Blanka,
Haben einen falschen Klang,
Wessen ist das Roß im Hofe,
Dessen Wiehern dort erschallt?" -
"Meines Vaters Rößlein ist es,
Das er Euch geschickt zur Jagd." -
"Wessen sind die blanken Waffen,
Die ich leuchten sah im Gang?" -
"Herr, 's sind meines Bruders Waffen,
Euch hat er sie heut gesandt." -
"Wessen ist die fremde Lanze,
Die dort herblinkt von der Wand?" -
"Nehmt sie rasch und stoßt mich nieder,
Das verdien ich, guter Graf!"



 Die Jungfrau und der Ritter

Eine Jungfrau wandert' einsam
In dem wunderschönen Frankreich
Gen Paris sie wollte ziehen,
Wo die Eltern ihrer harrten;
Von den Ihren abgekommen,
Hatt sie sich verirrt im Walde,
Lehnte sich an eine Eiche
Andre Wandrer abzuwarten.

Kam ein Ritter da geritten,
Gleichfalls gen Paris er trabte.
"Wenn es Euch beliebt, Herr Ritter,
Nehmt mich mit aus diesem Walde. -"
"Herzlich gerne, schöne Herrin!"
Und, ihr höflich aufzuwarten,
Sprang der Ritter von dem Rosse,
Hob hinauf sie, in den Sattel
Drauf sich selber zu ihr schwingend.

Aber als sie so im Walde
Einsam ritten, da begann er
Ihr verliebt den Hof zu machen.
"Hüt dich, Ritter, sei nicht schändlich,
Ein Todkranker war mein Vater
Und verpestet meine Mutter,
Siech und elend müßt verschmachten,
Wer mich frevelhaft berührte. -"
Und der Ritter schwieg erblassend.
Aber in Paris am Tore
Still in sich die Jungfrau lachte.
"Warum lacht Ihr, schöne Herrin?" -
"Über den feigen Ritter lach ich,
Der sein Mädchen hat im Freien
Und nichts macht als Redensarten!"

Voller Scham sprach da der Ritter:
"Kehrt noch einmal um zum Walde,
Habe draußen was vergessen."
Doch die schlaue Jungfrau sagte:
"Nimmer kehr ich um, und tät ich's,
Keiner doch wagt's, mir zu nahen,
Denn ich bin die Tochter Frankreichs,
Und der König ist mein Vater,
Und wer meinen Leib berührte,
Müßt's mit seinem Kopf bezahlen."



       Herkules' Haus

König Rodrich in Toledo,
Seiner Krone Glanz zu mehren,
Ließ ein groß Turnier verkünden.
Hell schon die Trompeten schmettern,
Sechzigtausend Ritter kamen,
Die zu kämpfen dort begehrten.
Doch, bevor der Kampf begonnen
Zu ihm die Toleder treten
Bittend, daß er Tor und Riegel
Woll mit neuem Schloß versehen
An des Herkules Palaste,
Wie's bisher der Brauch gewesen.
Aber in dem alten Hause
Dacht er, reichen Schatz zu heben,
Ließ die Riegel all zerbrechen
Und des Tempels Tore sprengen.

Als er eintrat, war's so still drin,
Nur ein Spruch glänzt' ihm entgegen:
"Weh dir, Rodrich, denn der König,
Der betreten diese Schwelle,
Der gebrochen diese Stille,
Wird Hispanien versengen!"
Seitwärts hinter einem Pfeiler
War ein prächt'ger Schrank zu sehen,
Drinnen lagen fremde Banner
Mit Figuren zum Erschrecken,
Und Araber, hoch zu Rosse,
Funkelnd mit gezückten Schwertern,
Hielten an dem Schrein die Wache,
Lautlos, ohne sich zu regen. -
Rodrich wandt sich vor Entsetzen,
Wollt fortan nichts weiter sehen,
Und ein Blitzstrahl zuckt' vom Himmel
Und verbrannt den Zaubertempel.

Übers Meer wohl sandt er Kriegsvolk,
Sollten Afrika erwerben,
Wetter stiegen, wo sie fuhren,
Mußten all im Meer verderben.



        Donna Urraca

Schon in Trümmern lag Zamora,
Das der stolze Cid umzingelt,
Auf den Turm da trat Urraca,
Rief von den zerschoßnen Zinnen:
"Übermüt'ger Cid da drunten,
Solltest dich der Zeit erinnern,
Da am Altar von Sankt Jago,
Sie geschlagen dich zum Ritter!
An dem Tage gab mein Vater
Waffen dir zum Angebinde,
Meine Mutter gab dein Roß dir.
Wie so fein die Sporen klingen!
Ich hab dir sie umgebunden -
Damals schien's, wir schieden nimmer,
Anders wollten's meine Sünden,
Anders wandten's die Geschicke:
Mit Ximene von Lozano
Tauschtest treulos du die Ringe.
Schlecht gezielet, Don Rodrigo!
Höhres Ziel war dir beschieden,
Kron und Reich, die ich dir brachte,
Gabst du hin für Silberlinge
Und verlorst die Königstochter,
Um die Magd dir zu gewinnen!"

"Auf, mein Volk", rief da der Ritter,
"Auf und wendet euch von hinnen!
Denn ein Pfeil dort durch die Lüfte
Schwirrte von des Turmes Zinnen,
Ohne Eisen war die Spitze,
Hat mir doch das Herz zerrissen,
Und kein Heilkraut gibt's auf Erden,
Muß fortan nun trostlos irren!"



 Durandartes Abschied

"Durandarte, Durandarte,
Ritterlich in Lust und Streit,
Bitt dich, laß uns einmal plaudern
Wieder von der alten Zeit.

Denkst du noch der schönen Tage,
Wo du mir dein Herz geweiht,
Und in Sang und Ritterspielen
Vor der Welt um mich gefreit?

Wieviel Mohren warfst du nieder,
Rief ich zum Turniere dich!
Fast kenn ich dich jetzt nicht wieder,
Sag, warum vergaßt du mich?" -

"Schmeichelnd klingen solche Worte
Und verlockend ist die Huld,
Aber wenn mein Herz sich wandte,
Euer, Dame, ist die Schuld.

Wohl weiß ich's, für Gaiferos
Waret Ihr in Lieb entbrannt,
Als ich trostlos und geächtet
Irrte fern im fremden Land.

Drum, wenn Ihr von Lieb jetzt redet,
Habt Ihr's weislich nicht bedacht,
Denn um nicht die Schmach zu tragen,
Wend ich mich in Todesnacht."



     Durandartes Tod

"O Belerma, o Belerma,
Du geboren mir zum Unheil!
Sieben Jahr dient ich dir treulich,
Hab mir doch kein Lieb errungen,
Und jetzt, da du mich erhörtest,
Muß ich in der Schlacht verbluten.
Nicht die Todesstimmen fürcht ich,
Wenn sie auch so früh mich rufen,
Darum nur ist Tod so bitter,
Weil er mir dein Bild verdunkelt.
O mein Vetter Montesinos,
Wenn sich meine Seel entschwungen,
Bringt mein Herze zu Belerma,
Wollt ihr meinetwegen huld'gen,
Bitten, daß sie mein gedenke,
Der so treu um sie gerungen.
Gebt ihr alle meine Länder,
Die ich freudig einst bezwungen;
Da mein Lieb nun untergehet,
Sei all Gut mit ihr versunken! -
Montesinos, Montesinos,
Heiß brennt diese Lanzenwunde,
Müde schon ist meine Rechte,
Aus viel Quellen hier verblut ich,
's wird so kühl nun - ach die Augen,
Die uns ausziehen Ahn so mutig,
Sehn uns nimmermehr in Frankreich. -
Drückt noch einmal an die Brust mich,
Vetter, denn ich sprech verworren
Und vor meinen Augen dunkelt's,
Euch befehl ich all mein Sorgen
Und vertraue Eurem Schwure,
Denn der Herr, an den Ihr glaubet,
Höret uns in dieser Stunde,"

Tot nun ruhet Durandarte
In dem stillen Felsengrunde,
Weinend löst ihm Montesinos
Helm und seiner Rüstung Gurte,
Löst sein Herze für Belerma
Mit dem Dolche aus der Brust ihm
Und begrub ihn unterm Felsen,
Sprach dabei aus Herzensgrunde:
"O mein Vetter Durandarte,
Tapfrer Degen, Herzensbruder,
Was soll ich fortan auf Erden,
Da die Mohren dich erschlugen!"



       Donna Alda

In Paris saß Donna Alda,
Rolands Braut, im hohen Saal
Und mit ihr dreihundert Damen,
Ihrer Gespielinnen Schar;
Alle waren gleich beschuhet,
Alle trugen gleich Gewand,
Aßen rund um eine Tafel
Von demselben Brot zumal,
Donna Alda ausgenommen,
Weil sie ihre Herrin war.
Hundert spannen goldne Fäden,
Hundert woben Tepp'che zart,
Hundert aber musizierten,
Sie zu trösten mit Gesang.

Donna Alda war entschlummert
Bei der Instrumente Klang,
Plötzlich fuhr sie auf, laut schreiend,
Daß man's hört' bis in die Stadt.

Zu ihr sprachen da die Jungfraun:
"Wer tat Euch was Schlimmes an? -"
"Einen Traum hatt ich, ihr Mädchen,
Der mir großen Schrecken gab:
Einsam im Gebirge stand ich,
Durch die Öde flog ein Falk,
Hinterdrein ein junger Adler,
Drängend ihn in wilder Jagd,
So geängstigt stürzt der Falke
Flüchtend sich in mein Gewand,
Doch der Aar mit seinen Fängen
Hatt ihn zornig schon umkrallt,
Riß den Falken mir in Stücke,
Streut' die Federn übern Plan."

Drauf zu der erschrocknen Herrin
Eins der Kammerfräulein sprach:
"Diesen Traum will ich Euch deuten:
Euer Bräut'gam ist der Falk,
Der sich übers Meer verflogen,
Eure Schönheit ist der Aar,
Der den wilden Edelfalken
Sich im Flug gefangen hat,
Und das Hochgebirg die Kirche,
Wo man traut Euch am Altar. -"
"Reichlich wohl will ich dir's lohnen,
Liebes Mädchen, sprichst du wahr."

Kam ein Brief am andern Morgen,
Drin mit Blut geschrieben war,
Daß ihr Roland war gefallen
In der Schlacht von Roncesval.



     Das Waldfräulein

Falke war im Wald verflogen
Und die Hunde irrten weit,
Jagdmüd lehnt' an eine Eiche
Sich der Ritter im Gestein,
Eine Jungfrau da erschrocken
In des Wipfels Dunkelheit
Sah er stehen, ihre Locken
Rings umgaben Stamm und Zweig.
"Staune nicht und laß dein Graun,
Bin ein Königstöchterlein,
Sieben Zauberfraun mich haben
Auf der Amme Schoß gefeit,
Daß ich sieben Jahr muß wohnen
Hier in Waldeseinsamkeit.
Sieben Jahr sind heut verflossen
Oder morgen um die Zeit,
Bitte dich um Gottes willen,
Führ mich aus dem Walde heim,
Will als Ehefrau dir dienen,
Oder auch dein Liebchen sein."
"Fräulein, noch bis morgen frühe
Harret in dem Walde mein
Hab zu Haus 'ne weise Mutter,
Will erst fragen, was sie meint." -
Sie vom Baum rief: "Weh dem Ritter,
Der die Jungfrau läßt allein!"

Er ritt fort, sie blieb im Walde,
Mutter riet, er sollt sie frein.

Als er morgens kehrt' zurücke,
War's so stille im Gestein,
Konnt den Baum nicht wiederfinden
Aber weit, vom Walde weit
Sah er ziehn ein Fähnlein Reiter,
Führten fort das Waldfräulein;
Und er stürzt zu Boden nieder
In der grünen Einsamkeit:
"Schwer Gericht verdient der Ritter
Der verloren solche Maid!
Ich will selbst den Stab mir brechen,
Ich will selbst mein Richter sein,
Abhaun soll man mir die Rechte
Und mich schleifen durch die Heid!"



        Weh Valencia!

Eingeschlossen war Valencia,
Konnte kaum sich langer wahren
Weil sich die Almoraviden
Zögernd nicht zum Beistand wandten.
Da dies sah ein alter Maure:
Auf des höchsten Turmes Warte
Stieg er schweigend da, noch einmal
Zu beschauen Stadt und Lande.
Und wie sie herauf so leuchten,
Brach das Herz ihm bei dem Glanze;
Gramvoll mit prophet'schem Munde
Also von dem Turme sprach er:
"O Valencia, o Valencia,
Würd'ge Herrscherin der Lande,
Deine heitre Pracht muß sinken,
So sich Gott nicht dein erbarmet!
Die vier Felsen, drauf du thronest,
Würden, wenn sie könnten, klagen,
Deine festen Mauern seh ich
Von dem wilden Anlauf wanken,
Deine Türme, die so trostreich
Über Land und Völker ragen,
Werden unaufhaltsam stürzen,
Deine Zinnen, gleich Kristallen,
Ihren Wunderglanz verlöschen,
Und dein mächt'ger Guadalaviar
Wird aus seinen Ufern steigen,
Trüben jeden Bach im Lande.
In den trocknen Wasserkünsten
Funkeln nimmermehr die Strahlen,
Rings in deinen schönen Gärten,
Die fortan verwildernd ranken,
Werden Hirsche einsam grasen,
Alles fröhl'che Grün zernagend.
Keinen Duft mehr haucht die Luft her,
Wo vieltausend Blumen standen,
Muß das Glühen all verblühen;
Wo jetzt Schiffe kommen, fahren,
Liegt verödet Strand und Hafen,
Und vom weiten Bergeskranze,
Den du mächtig einst beherrschtest,
Schlagen blutrot auf die Flammen,
Daß das Qualmen dich erblindet
Rings von deiner Länder Brande,
Bis, als eine Todeswunde
Alles Volk dich hat verlassen. -
O Valencia, o Valencia,
Helf dir Gott in jenen Tagen!
Oft schon hab ich es verkündet
Was ich weinend jetzt beklage."