Eichendorff

Seite 4

Inhalt

Biografie

Seite 6

             Heimkehr

                 1810

Heimwärts kam ich spät gezogen
Nach dem väterlichen Haus,
Die Gedanken weit geflogen
Über Berg und Tal voraus.
"Nur noch hier aus diesem Walde!"
Sprach ich, streichelt sanft mein Roß,
"Goldnen Haber kriegst du balde,
Ruhn wir aus auf lichtem Schloß."

"Doch warum auf diesen Wegen
Sieht's so still und einsam aus?
Kommt denn keiner mir entgegen,
Bin ich nicht mehr Sohn vom Haus?
Kein' Hoboe hör ich schallen,
Keine bunte Truppe mehr
Seh ich froh den Burgpfad wallen -
Damals ging es lust'ger her."

Über die vergoldten Zinnen
Trat der Monden eben vor,
"Holla ho! ist niemand drinnen?
Fest verriegelt ist das Tor.
Wer will in der Nacht mich weisen,
Von des Vaters Hof und Haus!"
Mit dem Schwert hau ich die Eisen,
Und das Tor springt rasselnd auf.

Doch was seh ich! wüst, verfallen
Zimmer, Hof und Bogen sind,
Einsam meine Tritte hallen,
Durch die Fenster pfeift der Wind.
Alle Ahnenbilder lagen
Glanzlos in den Schutt verwühlt,
Und die Zither drauf, zerschlagen,
Auf der ich als Kind gespielt.

Und ich nahm die alte Zither,
Trat ans Fenster voller Gras,
Wo so ofte hinterm Gitter
Sonst die Mutter bei mir saß:
Gern mit Märlein mich erbaute,
Daß ich still saß, Abendrot,
Strom und Wälder fromm beschaute -
"Mutter, bist du auch schon tot?"

So war ich in' Hof gekommen -
Was ich da auf einmal sah,
Hat den Atem mir benommen,
Bleibt mir bis zum Tode nah
Aufrecht saßen meine Ahnen,
Und kein Laut im Hofe ging,
Eingehüllt in ihre Fahnen,
Da im ewig stillen Ring.

Und den Vater unter ihnen
Sah ich sitzen an der Wand,
Streng und steinern seine Mienen,
Doch in tiefster Brust bekannt;
Und in den gefaltnen Händen
Hielt er ernst ein blankes Schwert,
Tät die Blicke niemals wenden,
Ewig auf den Stahl gekehrt.

Da rief ich aus tiefsten Schmerzen:
"Vater, sprich ein einzig Wort,
Wälz den Fels von deinem Herzen,
Starre nicht so ewig fort!
Was das Schwert mit seinem Scheinen
Rede, was dein Schauen will;
Denn mir graust durch Mark und Beine,
Wie du so entsetzlich still." -

Morgenleuchten kam geflogen,
Und der Vater ward so bleich,
Adler hoch darüber zogen
Durch das klare Himmelreich,
Und der Väter stiller Orden
Sank zur Ruh in Ewigkeit,
Steine, wie es lichte worden,
Standen da im Hof zerstreut.

Nur der Degen blieb da droben
Einsam liegen überm Grab;
"Sei denn Hab und Gut zerstoben,
Wenn ich dich, du Schwert, nur hab!"
Und ich faßt es. - Leute wühlten
Übern Berg, hinab, hinauf,
Ob sie für verrückt mich hielten -
Mir ging hell die Sonne auf.



                 Gebet

                  1810

Was soll ich, auf Gott nur bauend
Schlechter sein, als all die andern,
Die, so wohlbehaglich schauend,
Froh dem eignen Nichts vertrauend,
Die gemeine Straße wandern?

Warum gabst du mir die Güte,
Die Gedanken himmelwärts,
Und ein ritterlich Gemüte,
Das die Treue heilig hüte
In der Zeit treulosem Scherz?

Was hast du mich blank gerüstet,
Wenn mein Volk mich nicht begehrt,
Keinen mehr nach Freiheit lüstet,
Daß mein Herz, betrübt, verwüstet,
Nur dem Grabe zugekehrt? -

Laß die Ketten mich zerschlagen,
Frei zum schönen Gottesstreit
Deine hellen Waffen tragen,
Fröhlich beten, herrlich wagen,
Gib zur Kraft die Freudigkeit!



                      Mahnung

                          1810

                             1

In Wind verfliegen sah ich, was wir klagen,
Erbärmlich Volk um falscher Götzen Thronen,
Wen'ger Gedanken, deutschen Landes Kronen,
Wie Felsen, aus dem Jammer einsam ragen.

Da mocht ich länger nicht nach euch mehr fragen,
Der Wald empfing, wie rauschend! den Entflohnen,
In Burgen alt, an Stromeskühle wohnen
Wollt ich auf Bergen bei den alten Sagen.

Da hört ich Strom und Wald dort so mich tadeln:
"Was willst, Lebend'ger du, hier überm Leben,
Einsam verwildernd in den eignen Tönen?

Es soll im Kampf der rechte Schmerz sich adeln,
Den deutschen Ruhm aus der Verwüstung heben,
Das will der alte Gott von seinen Söhnen!"

                               2

Wohl mancher, dem die wirbligen Geschichten
Der Zeit das ehrlich deutsche Herz zerschlagen,
Mag, wie Prinz Hamlet, zu sich selber sagen:
Weh! daß zur Welt ich kam, sie einzurichten!

Weich, aufgelegt zu Lust und fröhlichem Dichten,
Möcht er so gern sich mit der Welt vertragen,
Doch, Rache fordernd, aus den leichten Tagen
Sieht er der Väter Geist sich stets aufrichten.

Ruhlos und tödlich ist die falsche Gabe:
Des Großen Wink im tiefsten Marke spüren,
Gedanken rastlos - ohne Kraft zum Werke.

Entschließ dich, wie du kannst nun, doch das merke:
Wer in der Not nichts mag, als Lauten rühren,
Des Hand dereinst wächst mahnend aus dem Grabe.



   Der Tiroler Nachtwache

                 1810

In stiller Bucht, bei finstrer Nacht,
Schläft tief die Welt im Grunde,
Die Berge rings stehn auf der Wacht,
Der Himmel macht die Runde,
Geht um und um,
Ums Land herum
Mit seinen goldnen Scharen,
Die Frommen zu bewahren.

Kommt nur heran mit eurer List,
Mit Leitern, Strick und Banden,
Der Herr doch noch viel stärker ist,
Macht euren Witz zuschanden.
Wie wart ihr klug! -
Nun schwindelt Trug
Hinab vom Felsenrande -
Wie seid ihr dumm! o Schande!

Gleichwie die Stämme in dem Wald
Wolln wir zusammenhalten,
Ein' feste Burg, Trutz der Gewalt,
Verbleiben treu die alten.
Steig, Sonne, schön!
Wirf von den Höhn
Nacht und die mit ihr kamen,
Hinab in Gottes Namen.



                   An die Tiroler

                     Im Jahre 1810

Bei Waldesrauschen, kühnem Sturz der Wogen,
Wo Herden einsam läuten an den Klüften,
Habt ihr in eurer Berge heitern Lüften
Der Freiheit Lebensatem eingesogen.

Euch selbst die Retter, seid ihr ausgezogen,
Wie helle Bäche brechen aus den Klüften;
Hinunter schwindelt Tücke nach den Schlüften,
Der Freiheit Burg sind eure Felsenbogen.

Hochherzig Volk, Genosse größrer Zeiten!
Du sinkst nun in der eignen Häuser Brande,
Zum Himmel noch gestreckt die freien Hände.

O Herr! laß diese Lohen wehn, sich breiten
Auffordernd über alle deutschen Lande,
Und wer da fällt, dem schenk so glorreich Ende!



               An die meisten

                       1810

Ist denn alles ganz vergebens? Freiheit,
Ruhm und treue Sitte,
Ritterbild des alten Lebens,
Zog im Lied durch eure Mitte
Hohnverlacht als Don Quijote;
Euch deckt Schlaf mit plumper Pfote,
Und die Ehre ist euch Zote.

Ob sich Kampf erneut', vergliche,
Ob sich roh Gebirgsvolk raufe,
Sucht der Klügre Weg' und Schliche,
Wie er nur sein Haus erlaufe.
Ruhet, stützet nur und haltet!
Untersinkt, was ihr gestaltet,
Wenn der Mutterboden spaltet.

Wie so lustig, ihr Poeten,
An den blumenreichen Hagen
In dem Abendgold zu flöten,
Quellen, Nymphen nachzujagen!
Wenn erst mut'ge Schüsse fallen,
Von den schönen Widerhallen
Laßt ihr zart Sonette schallen.

Wohlfeil Ruhm sich zu erringen,
Jeder ängstlich schreibt und treibet;
Keinem möcht das Herz zerspringen,
Glaubt sich selbst nicht, was er schreibet.
Seid ihr Männer, seid ihr Christen?
Glaubt ihr, Gott zu überlisten,
So in Selbstsucht feig zu nisten?

Einen Wald doch kenn ich droben,
Rauschend mit den grünen Kronen,
Stämme brüderlich verwoben,
Wo das alte Recht mag wohnen.
Manche auf sein Rauschen merken,
Und ein neu Geschlecht wird stärken
Dieser Wald zu deutschen Werken.



      Der Jäger Abschied

Wer hat dich, du schöner Wald,
Aufgebaut so hoch da droben?
Wohl den Meister will ich loben,
Solang noch mein' Stimm' erschallt.
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!

Tief die Welt verworren schallt,
Oben einsam Rehe grasen,
Und wir ziehen fort und blasen,
Daß es tausendfach verhallt:
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!

Banner, der so kühle wallt!
Unter deinen grünen Wogen
Hast du treu uns auferzogen
Frommer Sagen Aufenthalt!
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!

Was wir still gelobt im Wald,
Wollen's draußen ehrlich halten,
Ewig bleiben treu die Alten:
Deutsch Panier, das rauschend wallt,
Lebe wohl!
Schirm dich Gott, du schöner Wald!



          Auf dem Rhein

Kühle auf dem schönen Rheine,
Fuhren wir vereinte Brüder,
Tranken von dem goldnen Weine,
Singend gute deutsche Lieder.
Was uns dort erfüllt die Brust,
Sollen wir halten,
Niemals erkalten
Und vollbringen treu mit Lust!
Und so wollen wir uns teilen,
Eines Fels verschiedne Quellen,
Bleiben so auf hundert Meilen
Ewig redliche Gesellen!



                Trost

Sag an, du helles Bächlein du,
Von Felsen eingeschlossen,
Du rauschst so munter immerzu,
Wo kommst du hergeflossen?

"Dort oben steht des Vaters Haus
Still in den klaren Lüften,
Da ruhn die alten Helden aus
In den kristallnen Klüften.

Ich sah den Morgen freudig stehn
Hoch auf der Felsenschwelle,
Die Adler ziehn und Ströme gehn,
Und sprang hinaus ins Helle."

Sag an, du königlicher Strom,
Was geht mein Herz mir auf,
Seh ich dich ziehn durch Waldesdom?
Wohin führt dich dein Lauf?

"Es treibt und rauscht der Eisenquell
Noch fort mir durch die Glieder;
Die Felsenluft, so kühl und hell,
Lockt zu mir alle Brüder."



                  Zeichen

So Wunderbares hat sich zugetragen:
Was aus uralten Sagen
Mit tief verworrener Gewalt oft sang
Von Liebe, Freiheit, was das Herz erlabe,
Mit heller Waffen Klang
Es richtet sich geharnischt auf vom Grabe,
Und an den alten Heerschild hat's geschlagen,
Daß Schauer jede Brust durchdrang.



              Unmut

O Herbst! betrübt verhüllst du
Strom, Wald und Blumenlust,
Erbleichte Flor, wie füllst du
Mit Sehnsucht nun die Brust!

Weit hinter diesen Höhen
Die hier mich eng umstellt,
Hör ich eratmend gehen
Den großen Strom der Welt.

In lichtem Glanze wandelt
Der Helden heil'ger Mut,
Es steigt das Land verwandelt
Aus seiner Söhne Blut.

Auch mich füllt' männlich Trauern,
Wie euch, bei Deutschlands Wehn -
Und muß in Sehnsuchtsschauern
Hier ruhmlos untergehn!



                   Entschluß

Gebannt im stillen Kreise sanfter Hügel,
Schlingt sich ein Strom von ewig gleichen Tagen,
Da mag die Brust nicht nach der Ferne fragen,
Und lächelnd senkt die Sehnsucht ihre Flügel.

Viel andre stehen kühn im Rossesbügel,
Des Lebens höchste Güter zu erjagen,
Und was sie wünschen, müssen sie erst wagen,
Ein strenger Geist regiert des Rosses Zügel. -

Was singt ihr lockend so, ihr stillen Matten
Du Heimat mit den Regenbogenbrücken,
Ihr heitern Bilder, harmlos bunte Spiele?

Mich faßt der Sturm, wild ringen Licht und Schatten,
Durch Wolkenriß bricht flammendes Entzücken -
Nur zu, mein Roß! wir finden noch zum Ziele!



        Abschiedstafel

So rückt denn in die Runde!
Es schleicht die Zeit im Dunkeln,
Sie soll uns rüstig finden
Und heiter, stark und gut!
Gar viel ist zu vollbringen,
Gar vieles muß mißlingen.
So mag die letzte Stunde
Nachleuchten uns und funkeln!
Wo unsre Pfad sich winden,
Wir sind in Gottes Hut.

Dem Bruder meines Lebens,
Der, fern, mit mir zusammen,
Sei denn aus Herzensgrunde
Das erste Glas gebracht!
Ich brauch ihn nicht zu nennen,
Er aber wird mich kennen.
Viel Land trennt uns vergebens,
Ihm soll dies Wort, die Stunde,
Durch alle Adern flammen,
Wie ich an ihn gedacht!

Zu dir nun, heitre Schöne,
Wend ich mich voll Gedanken.
Wie sie zu dir sich wenden,
Muß ich so fröhlich sein.
So weit Poeten wohnen,
So weit der Wälder Kronen,
So weit kunstreiche Töne
Die heiteren Gedanken
Und Himmelsgrüße senden:
Ist alles mein und dein.

Laß nie die Schmach mich sehen,
Daß auch dein Herz, der Lüge
Des andern Volks zum Raube,
Bereuend feig und hohl,
An Licht und Schmuck mag zagen!
Nicht wahr ist, was sie sagen:
Daß Lieb und Lust vergehen,
Nicht wahr, daß uns betrüge
Der schöne, freud'ge Glaube,
Und also lebe wohl!

Ihr aber, klug Gesellen,
Die mit hier in dem Kreise,
Wohl quält ihr mich seit Jahren
Mit weisem Rat und Wort. -
Stoßt an, es sei vergessen!
Im Meere, ungemessen,
Sind viele tausend Wellen
Und tausend Schiffe fahren,
Ein jedes seine Reise,
Komm jedes in seinen Port!

Vom Berg hinabgewendet,
Seh ich die Ströme, Zinnen,
Der Liebsten Schloß darunter -
Nun, Morgenlohe, hülle
In Glorie dein Reich!
Dir, tieflebend'ge Fülle,
Schleudr ich das Glas hinunter,
Mir schwindeln alle Sinnen,
So wend ich mich geblendet,
Gott segne dich und euch!



      An meinen Bruder 1813

Steig aufwärts, Morgenstunde!
Zerreiß die Nacht, daß ich in meinem Wehe
Den Himmel wiedersehe,
Wo ew'ger Frieden in dem blauen Grunde!
Will Licht die Welt erneuen,
Mag auch der Schmerz in Tränen sich befreien.

Mein lieber Herzensbruder!
Still war der Morgen - Ein Schiff trug uns beide,
Wie war die Welt voll Freude!
Du faßtest ritterlich das schwanke Ruder,
Uns beide treulich lenkend,
Auf froher Fahrt nur einen Stern bedenkend.

Mich irrte manches Schöne,
Viel reizte mich und viel mußt ich vermissen.
Von Lust und Schmerz zerrissen,
Was so mein Herz hinausgeströmt in Töne:
Es waren Widerspiele
Von deines Busens ewigem Gefühle.

Da ward die Welt so trübe,
Rings stiegen Wetter von der Berge Spitzen,
Der Himmel borst in Blitzen,
Daß neugestärkt sich Deutschland draus erhübe. -
Nun ist das Schiff zerschlagen,
Wie soll ich ohne dich die Flut ertragen! -

Auf einem Fels geboren,
Verteilen kühler rauschend sich zwei Quellen,
Die eigne Bahn zu schwellen.
Doch wie sie fern einander auch verloren:
Es treffen echte Brüder
Im ew'gen Meere doch zusammen wieder.

So wolle Gott du flehen,
Daß er mit meinem Blut und Leben schalte,
Die Seele nur erhalte,
Auf daß wir freudig einst uns wiedersehen,
Wenn nimmermehr hienieden:
So dort, wo Heimat, Licht und ew'ger Frieden!



               Aufbruch

Silbern Ströme ziehn herunter,
Blumen schwanken fern und nah,
Ringsum regt sich's bunt und bunter -
Lenz! bist du schon wieder da?

"Reiter sind's, die blitzend ziehen,
Wieviel glänz'ger Strome Lauf,
Fahnen, liliengleich, erblühen,
Lerchenwirbel, Trommelwirbel
Wecken rings den Frühling auf."

Horch! was hör ich draußen klingen
Wild verlockend wie zur Jagd?
Ach, das Herz möcht mir zerspringen,
Wie es jauchzt und weint und klagt.

"Und in Waldes grünen Hallen,
Tiefe Schauer in der Brust,
Lassen wir die Hörner schallen,
In das Blau die Stimmen hallen,
So zum Schrecken wie zur Lust."

Wehe! dunkle Wolken decken
Seh ich all die junge Pracht,
Feur'ge Todeszungen strecken
Durch die grimme Wetternacht.

"Wettern gleich blüht Kampfesfülle,
Blitze zieht das gute Schwert,
Mancher wird auf ewig stille -
Herr Gott, es gescheh Dein Wille!
Blast Trompeten! Frisch mein Pferd!"

Regenbogen seh ich steigen,
Wie von Tränen sprühn die Au,
Jenen sich erbarmend neigen
Über den verweinten Gau.

"Also über Graus und Wogen,
Hat der Vater gnadenreich
Ein Triumphtor still gezogen.
Wer da fällt, zieht durch den Bogen
Heim ins ew'ge Himmelreich."



                Tusch

Fängt die Sonne an zu stechen,
Tapfer schießen Gras und Kräuter
Und die Bäume schlagen aus:
Muß des Feinds Gewalt zerbrechen,
Nimmt der Winter schnell Reißaus,
Erd und Himmel glänzen heiter;
Und wir Musikanten fahren
Lustig auf dem Fluß hinunter,
Trommeln, pfeifen, blasen, geigen,
Und die Hörner klingen munter.



             Appell

Ich hört viel Dichter klagen
Von alter Ehre rein,
Doch wen'ge mochten's wagen
Und selber schlagen drein.

Mein Herz wollt mir zerspringen,
Sucht' mir ein ander Ziel,
Denn anders sein und singen,
Das ist ein dummes Spiel.

So stieg ich mit Auroren
Still ins Gebirg hinan,
Ich war wie neugeboren,
So kühle weht's mich an.

Und als ich, Bahn mir schaffend,
Zum Gipfel trat hinauf,
Da blitzten schon von Waffen
Ringsum die Länder auf.

Die Hörner hört ich laden,
Die Luft war streng und klar -
Ihr neuen Kameraden,
Wie singt ihr wunderbar!

Frisch auf, wir wollen uns schlagen,
So Gott will, übern Rhein
Und weiter im fröhlichen Jagen
Bis nach Paris hinein!



                Soldatenlied

Was zieht da für schreckliches Sausen,
Wie Pfeifen durch Sturmeswehn?
Das wendet das Herz recht vor Grausen,
Als sollte die Welt vergehn.

Das Fußvolk kommt da geschritten,
Die Trommeln wirbeln voran,
Die Fahne in ihrer Mitten
Weht über den grünen Plan,
Sie prangt in schneeweißem Kleide
Als wie eine milde Braut,
Die gibt dem hohe Freude,
Wen Gott ihr angetraut.
Sie haben sie recht umschlossen,
Dicht Mann an Mann gerückt,
So ziehen die Kriegsgenossen
Sreng, schweigend und ungeschmückt,
Wie Gottes dunkler Wille,
Wie ein Gewitter schwer,
Da wird es ringsum so stille,
Der Tod nur blitzt hin und her.

Wie seltsame Klänge schwingen
Sich dort von der Waldeshöh!
Ja, Hörner sind es, die singen
Wie rasend vor Lust und Weh.

Die jungen Jäger sich zeigen
Dort drüben im grünen Wald,
Bald schimmernd zwischen den Zweigen,
Bald lauernd im Hinterhalt.
Wohl sinkt da in ewiges Schweigen
Manch schlanke Rittergestalt,
Die anderen über ihn steigen,
Hurra! in dem schönen Wald,
Es funkelt das Blau durch die Bäume -
"Ach, Vater, ich komme bald!"

Trompeten nur hör ich werben
So hell durch die Frühlingsluft,
Zur Hochzeit oder zum Sterben
So übermächtig es ruft.

Das sind meine lieben Reiter,
Die rufen hinaus zur Schlacht,
Das sind meine lustigen Reiter,
Nun, Liebchen, gute Nacht!
Wie wird es da vorne so heiter,
Wie sprühet der Morgenwind,
In den Sieg, in den Tod und weiter,
Bis daß wir im Himmel sind!



   Die ernsthafte Fastnacht 1814

Wohl vor Wittenberg auf den Schanzen
Sind der edlen Werber viel,
Wollen da zur Fastnacht tanzen
Ein gar seltsam Ritterspiel.

Und die Stadt vom Felsen droben
Spiegelt sich im Sonnenschein,
Wie ein Jungfräulein erhoben -
Jeder will ihr Bräut'gam sein.

Jäger! laßt die Hörner klingen
Durch den Morgen kalt und blank!
Wohl, sie läßt sich noch bezwingen,
Hört sie alten deutschen Klang.

Drauf sie einen Reiter schnelle
Senden der so fröhlich schaut,
Der bläst seinen Gruß so helle
Wirbt da um die stolze Braut.

"Sieh, wir werben lang verstohlen
Schon um dich in Not und Tod,
Komm! sonst wollen wir dich holen,
Wann der Mond scheint blutig rot!"

Bleich schon fallen Abendlichter -
Und der Reiter bläst nur zu,
Nacht schon webt sich dicht und dichter -
Doch das Tor bleibt immer zu.

Nun so spielt denn, Musikanten,
Blast zum Tanz aus frischer Brust!
Herz und Sinne mir entbrannten,
O du schöne, wilde Lust!

Wer hat je so 'n Saal gesehen?
Strom und Wälder spielen auf,
Sterne auf und nieder gehen,
Stecken hoch die Lampen auf.

Ja der Herr leucht't selbst zum Tanze,
Frisch denn, Kameraden mein!
Funkelnd schön im Mondesglanze
Strenges Lieb, mußt unser sein! -

Und es kam der Morgen heiter,
Mancher Tänzer lag da tot,
Und Victoria blies der Reiter
Von dem Wall ins Morgenrot.

Schlesier wohl zu Ruhm und Preise
Haben sich dies Lieb gewonnen,
Und ein Schlesier diese Weise
Recht aus Herzenslust ersonnen.



       Auf der Feldwacht

Mein Gewehr im Arme steh ich
Hier verloren auf der Wacht,
Still nach jener Gegend seh ich,
Hab so oft dahin gedacht!

Fernher Abendglocken klingen
Durch die schöne Einsamkeit;
So, wenn wir zusammen gingen,
Hört ich's oft in alter Zeit.

Wolken da wie Türme prangen,
Als säh ich im Dust mein Wien,
Und die Donau hell ergangen
Zwischen Burgen durch das Grün.

Doch wie fern sind Strom und Türme!
Wer da wohnt, denkt mein noch kaum,
Herbstlich rauschen schon die Stürme,
Und ich stehe wie im Traum.



        Waffenstillstand der Nacht

Windsgleich kommt der wilde Krieg geritten,
Durch das Grün der Tod ihm nachgeschritten,
Manch Gespenst steht sinnend auf dem Feld,
Und der Sommer schüttelt sich vor Grausen,
Läßt die Blätter, schließt die grünen Klausen,
Ab sich wendend von der blut'gen Welt.

Prächtig war die Nacht nun aufgegangen,
Hatte alle mütterlich umfangen,
Freund und Feind mit leisem Friedenskuß,
Und, als wollt der Herr vom Himmel steigen,
Hört ich wieder durch das tiefe Schweigen
Rings der Wälder feierlichen Gruß.



   In C. S. . . Stammbuch

         Dezember 1814

In verhängnisschweren Stunden,
Streitend für das Vaterland,
Haben wir uns brüderlich gefunden,
In der Menge still erkannt.

Sieh! es ruhet nun der Degen
Und die hohe Brandung fällt,
Sich verlaufend auf den alten Wegen,
Und langweilig wird die Welt.

Doch der Ernst der heil'gen Stunden
Waltet fort in mancher Brust,
Und was sich wahrhaftig hat verbunden,
Bleibt gesellt in Not und Lust.

Unsichtbar geschwungne Brücken
Halten Lieb und Lieb vereint,
Und in allen hellen Lebensblicken
Grüß ich fern den lieben Freund.

Und so mag der Herr dich segnen!
Frische Fahrt durchs Leben wild,
Gleichen Sinn und freudiges Begegnen,
Wo es immer Hohes gilt!



          Der Friedensbote

Schlaf ein, mein Liebchen, schlaf ein,
Leis durch die Blumen am Gitter
Säuselt des Laubes Gezitter,
Rauschen die Quellen herein;
Gesenkt auf den schneeweißen Arm
Schlaf ein, mein Liebchen, schlaf ein,
Wie atmest du lieblich und warm!

Aus dem Kriege kommen wir heim;
In stürmischer Nacht und Regen,
Wenn ich auf der Lauer gelegen,
Wie dachte ich dorten dein!
Gott stand in der Not uns bei,
Nun droben, bei Mondenschein,
Schlaf ruhig, das Land ist ja frei!



    An meinen Bruder

              1815

Was Großes sich begeben,
Der Kön'ge Herrlichkeit,
Du sahst's mit freud'gem Beben,
Dir war's vergönnt, zu leben
In dieser Wunderzeit.

Und über diese Wogen
Kam hoch ein himmlisch Bild
Durchs stille Blau gezogen,
Traf mit dem Zauberbogen
Dein Herz so fest und mild.

O wunderbares Grauen,
Zur selben Stund den Herrn
Im Wetterleuchten schauen,
Und über den stummen Gauen
Schuldloser Liebe Stern!

Und hat nun ausgerungen
Mein Deutschland siegeswund:
Was damals Lieb gesungen,
Was Schwerter dir geklungen,
Klingt fort im Herzensgrund.

Laß bilden die Gewalten!
Was davon himmlisch war,
Kann nimmermehr veralten,
Wird in der Brust gestalten
Sich manches stille Jahr.

Die Fesseln müssen springen,
Ja, endlich macht sich's frei,
Und Großes wird gelingen
Durch Taten oder Singen,
Vor Gott ist's einerlei.



              An Philipp

(Nach einer Wiener Redoutenmelodie)

Kennst du noch den Zaubersaal,
Wo süß Melodien wehen
Zwischen Sternen ohne Zahl
Frauen auf und nieder gehen?

Kennst du noch den Strom von Tönen,
Der sich durch die bunten Reihen schlang,
Von noch unbekannten Schönen
Und von fernen, blauen Bergen sang?

Sieh! die lichte Pracht erneut
Fröhlich sich in allen Jahren,
Doch die Brüder sind zerstreut,
Die dort froh beisammen waren.

Und der Blick wird irre schweifen,
Einsam stehst du nun in Pracht und Scherz,
Und die alten Töne greifen
Dir mit tausend Schmerzen an das Herz.

Uhren schlagen durch die Nacht,
Drein verschlafne Geigen streichen,
Aus dem Saale, überwacht,
Sich die letzten Paare schleichen.

So ist unser Fest vergangen,
Und die lust'gen Kerzen löschen aus,
Doch die Sterne draußen prangen,
Und die führen mich und dich nach Haus.



            Hermanns Enkel

Altdeutsch! - Altdeutsch? - Nun, das ist,
Was man so in Büchern liest: -
Kluge Rosse - prächt'ge Decken,
Händel, Kruzifixe, Recken -
Oh, wie herrlich strahlt dies Leben!
Göttlich! - Doch mit Unterschied.
Es versteht sich, daß man's deute -
's wär doch gar zu unbequem,
Wenn man alles wörtlich nähm,
Wie's da durcheinander blüht! -
Diese Ritter - gute Leute,
Ehrlich, tapfer, brave Reiter -
Gegen uns doch Bärenhäuter!
Eigentlich sind wir wohl weiter.
Lehnstreu - Klöster - Barbarei -
Davon machen wir uns frei.
Fangen wir so an zu sichten:
Fürcht ich, bleibt es bei Gedichten
Nein doch! Eines, geht mir bei,
Eines bleibt doch: dies Vernichten
Aller Modesklaverei! -
Hohe Vaterländerei!
Schnittst du los nicht Hermanns Söhne
Von des Halstuchs schnöden Schlingen,
Worin, sonder Kraft und Schöne,
Unsre Väter schmählich hingen?
Gabst du nicht dem Löwen Mähne,
Die ihm frech die Zeit gestohlen?
Statt des wind'gen Fracks Geflatter
Der Litewka Schurz aus Polen,
Statt des Franzen knabenglatter
Schnauze: seinen Henri quatre? -
Bruder, ich sag's unverhohlen,
Und auch du wirst's nicht bestreiten:
Große Zeichen großer Zeiten! -
Wahrlich, säh ich nicht den Kragen
Übern schwarzen Rock geschlagen,
Schien' mir alles Ironie.
Doch wie sprech ich da? Ironisch -
Dieses Wort ist nicht teutonisch.
Undeutsch ist die falsche Freude:
Künsteln am wahrhaften Wort!
Ob auch feige Poesie
Sauere Gesichter schneide:
Durch den welschen Lügenwitz
Schreitet stramm der Deutsche fort
Hinter seiner Nasenspitz,
Aller Ehrlichkeiten Sitz,
Biderb immer gradeaus.
Alles Welsche wird mir Graus
Seit ich steck im deutschen Kleide:
Du auch, Liebchen, wähle gleich
Deine Tracht dir altdeutsch aus!
Wie's auf Bildern noch zu schauen:
Wedel von dem Schweif der Pfauen,
Dann von Spitzen, blumenreich,
Wie 'ne mittelmäß'ge Scheibe,
Eine steife Halsrotunde!
's ist so überm schlanken Leibe
Wie ein Regenschirm gespannt,
Obendrauf dann statt dem Knopf
Schwebt der holde Frauenkopf,
In das Blütenmeer von Kragen,
Ariadnen gleich, verschlagen.
Oh, und ein moral'scher Kragen!
Denn wer ist da so gewandt,
Flüsternd was ins Ohr zu sagen,
Was nicht gleich die andern wissen?
Und - unmöglich ist das Küssen!