Freiligrath

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Inhalt

Biografie

         Im Irrenhause

Nun noch in diese Kammer tritt -
Ein einzig Fenster gibt ihr Helle!
Starr, wie ein Steinbild von Granit,
Dasteht der Insaß dieser Zelle!
Dasteht er wie ein Toter schier -
Nichts, was ihn störte, was ihn weckte!
Sein gläsern Auge funkelt stier,
Wie Macbeths, als ihn Banquo schreckte!

Da jach kommt Leben in den Stein!
Er springt zurück - was muß er schauen?
Von wannen nur dringt auf ihn ein
Haarsträubend dieses wüste Grauen?
Er hält die Hände schirmend vor,
Als säh' er Schwerter oder Flammen;
Er schüttelt sich und heult empor
Und bricht mit Klagelaut zusammen!

Und ruft: "Hab' ich euch doch erdolcht!
Was braucht ihr fürder mich zu quälen?
Wer schickt euch, daß ihr mich verfolgt,
Blutrünstige Gedankenseelen?
Wer hat den Rückweg euch gebahnt
Aus eurem Nichts, ihr trotzigen Dinger,
Daß an die Schlachtzeit ihr mich mahnt,
Drin euch hineinwies dieser Finger?

Lautlos, wie Ähren, sankt ihr hin,
Legionenweis - ha, welch ein Mähen!
Nie kam mir damals in den Sinn,
Ihr könntet wieder auferstehen!
Hu - ob ihr's könnt! Im Palast hier
Erfuhr ich's, drin ich gern sonst wohne,
Seit ihn für treue Dienste mir
Anwies als Eigentum die Krone!

Ein prächt'ger Bau! Doch ganz und gar
Ein Spukhaus eben, will mich dünken!
Weh - eine zorn'ge Leichenschar,
Stürmt ihr heran, mein Blut zu trinken!
Anstürmt ihr, abgehetzt und bleich,
Doch auf den Stirnen Mut und Klarheit!
Zwei hohe Weiber führen euch -
Die Freiheit, glaub' ich, und die Wahrheit!

Ja doch, die sind's! - Für sie ja quollt
Aus Schädeln ihr, tollkühnen, frechen!
Dreist ihr Gesetz habt ihr entrollt -
Und jetzt wollt ihr den Hals mir brechen!
Hohnlachend jetzt den Todestoß
Nach meinem Herzen wollt ihr führen -
Fort, ihr Gesindel, laßt mich los!
Ich will mit euch kapitulieren!

Ja - aber wie? - der Teufel weiß!
Halt - hab' ich euch denn nicht verboten?
Was denn umsteht ihr mich im Kreis?
Ihr seid ja tot! Fort zu den Toten!
Fort - hier bin ich im Recht - erlaubt -
Bückt euch - ich will euch nur zertreten!
Weh mir, ihr schüttelt ernst das Haupt!
Ihr sagt: Der Geist läßt sich nicht töten!

Der Geist? - nicht töten? - Ach, ich Tor!
Mir gleich, was sie für Reden führen!
Und doch - wer raunt mir denn ins Ohr:
Nicht töten, aber wohl verlieren! -
Ja so - den Geist - so mein' ich's auch!
Wie ist mir denn? - ich steh' geschlagen!
Was kann ein armer Zensor auch
Dem Geiste nur vom Geiste sagen?

Ihr lacht, Gesindel? - Allesamt
Flugs in den Staub vor mir gesunken!
Hui da, was wollt ihr nur? - Verdammt!
Zu mächtig sind mir die Halunken!
Die Wahrheit schlägt mich ins Gesicht,
Die Freiheit bindet mir die Fäuste,
Anrasseln die Gedanken dicht.
Weh - wie geschieht mir - Fluch dem Geiste!

Nein, Gnade, Gnade! Los die Hand!
Los! O, wie viele waren härter
Als ich!" - Er fliegt hinan die Wand -
Da faßt den Rasenden der Wärter.
Gebändigt hat ihn Jack' und Schnur,
Auf seinem Lager sieh ihn kauern!
Komm nun - er war ein Werkzeug nur!
Laß uns nicht richten - nur bedauern!
                     St. Goar, Januar 1844.


             Kinderlied

Zum 6. Dezember (a. St.)

Weihnacht ist ein schönes Fest,
Schön für Hohe, schön für Niedre!
Keiner, den es traurig läßt,
Wie auch sonst die Welt ihn widre!
Doch beinah' noch größern Spaß
Macht uns jetzt Sankt Nikolas -
Nikolaus, ja, der Biedre!

Niklas ist ein braver Mann,
Herzensgut und mild von Sitten;
Niklas hat ein Renngespann
Und dahinter einen Schlitten.
Hoch im Norden steht sein Haus;
Reiche Gaben teilt er aus,
Wenn die Kinder hübsch ihn bitten.

Spielwerk hat er mancher Art,
Sterne, Bänder, goldne Krippchen!
Streicht ihm freundlich drum den Bart,
Seid drum artig, liebe Bübchen!
Wer ihn recht zu hätscheln weiß,
Eia, kriegt den besten Preis -
Eins von seinen Zuckerpüppchen!

Eia, sind sie doch wie Wachs -
Blond von Haaren, glatt von Wangen!
In den Tiefen seines Sacks
Schmunzelnd hält er sie gefangen,
Putzt sie aus mit Zobelschur,
Und in Juchten, denkt euch nur,
Läßt er ihre Füßchen prangen!

Mit der nächsten Schlittenbahn
Kommt er angerutscht aus Norden;
Offen liegt vor ihm der Plan,
Denn der Pol' ist matt geworden.
Der mit Säbel und mit Spieß
Mürrisch sonst zurück ihn wies,
Kniet jetzt auf der Weichsel Borden.

Und so ist er bald denn da,
Wie auch Elb' und Oder flute!
Kinderchen, seid artig ja,
Denn - auch strafen kann der Gute!
Ja, seid brav, sonst gibt er euch -
Eia, wer erschrickt denn gleich? -
Mein' ich doch ja nur; die - Rute!

Wohl den Kindern weit und breit,
Die den Wackern liebend ehren!
Die zu dieser bösen Zeit
Ganz als Kinder ihm gehören!
Die als Onkel und Papa
Zu dir aufschaun, Nikola -
Ihnen wirst den Sack du leeren!

Drum gebückt euch und geschmiegt,
Recht mit kindlichem Gemüte,
Bis es rings nach Juchten riecht,
Wie im Mai nach Äpfelblüte!
Bis in echtem Zobelhaar
Überall und immerdar
Wir uns freuen seiner Güte!

Weihnacht ist ein schönes Fest,
Schön für Hohe, schön für Niedre!
Keiner, den es traurig läßt,
Wie auch sonst die Welt ihn widre!
Doch den allermeisten Spaß
Macht uns jetzt Sankt Nikolas -
Nikolaus, ja, der Biedre!
          St. Goar, Februar 1844.


               Wallenstein

Ei, wie man doch in unsern Tagen
Nachahmt den Wallenstein!
Der konnte, sagt man, nicht vertragen
Des Hahnes mutig Schrein!
Der Sterne grollend Strahlenwerfen
Kaltblütig mocht' er schaun;
Allein - es kam wohl von den Nerven! -
Ein Krähen macht' ihm Graun!

Die Furcht des Hahnen, wie wir sehen,
Ward heuer allgemein:
Man bebt vor einem dreisten Krähen,
Ganz wie der Wallenstein!
Ich meine nicht den roten Hahnen,
Auch den von Frankreich nicht -
Ich meine den nur, dessen Mahnen
Sagt, daß der Tag anbricht!
St. Goar, Februar 1844.


England an Deutschland

  Nach Thomas Campbell

Meerüber ruft Britannia
Der Schwester Deutschland zu:
"Wach' auf, o Alemannia,
Brich deine Ketten du!
Beim Blut, das uns zu Brüdern macht,
Alemannen, auf, erwacht!
Und dreimal geheiligt sei
Unsrer Herzen heilig Band,
Wenn uns zujauchzt endlich frei
Euer Land - euer Land!

Britannia durch die Meere
Schwingt der Freiheit Banner hoch:
Euer 'breiter Stein der Ehre'
Ist ein Sklavenzwinger noch!
O Schmach! des alten Ruhms gedacht!
Alemannen, auf, erwacht!
Und die jetzt euch fesselt: - bleich
Flüchten wird die Tyrannei,
Wenn sich aufrafft euer Reich
Groß und frei - groß und frei.

Dem Mars habt ihr erfunden
Den Donerkeil der Schlacht,
Doch die Kett' um eure Wunden
Hat kein Donner noch zerkracht!
Land des Gedankens! soll dein Herz
Reiben stets der Fessel Erz?
Nein, die Schlaguhr, hell von Schall,
Die ihr sinnend euch gebaut,
Schlage der Unterdrücker Fall
Dreist und laut - dreist und laut!

Der Presse Zaubersegen,
Durch ihn gab euer Land -
Doch darf sie sich denn regen
Auf dem Grund, der sie erfand?
Wohlan denn, schmettern muß das Horn,
Fühlen muß das Roß den Sporn!
Ernst herab auf ihr Geschlecht
Sieht der Väter stolze Reih',
Ruft und winkt euch: Ins Gefecht!
Werdet frei - werdet frei!"
                St. Goar, Januar 1843.


                  Feldmusik

Der frische Nord fegt übern Rhein,
Die Flocken und die Schloßen treiben,
Vom Dache klirrt herab der Stein,
Und zitternd rühren sich die Scheiben.
Nun ist es Zeit, nun ans Klavier!
Vor dir am Flügel will ich knien -
Du aber sende lächelnd mir
All deine mut'gen Melodien!

Laß brausen sie heran im Takt
Die Klänge all, von denen jeder
Den Arm mir wie ein Werber packt,
Und auf den Hut mir steckt die Feder;
Ein Schwert mir in die Rechte preßt,
Ein blitzend Schwert, und lauten Schalles
In sein Gebraus mich jubelnd läßt:
Deutschland und Freiheit über alles!

Musik, Musik! - o schmettre fort!
Frisch auf, Musik von deutschen Meistern!
Auch wer ins Feld zieht mit dem Wort,
Läßt sich von Tönen gern begeistern!
Drum immerzu! - Noch ein Gedicht
Von deinem göttlichen Beethoven!
Laß ich auch Banner fliegen nicht,
Laß ich doch fliegen zorn'ge Strophen!

Das ist die rechte Feldmusik,
Geht ein Poet der Welt zu Leibe:
Am eignen Herd ein mutig Stück,
Gespielt von seinem lieben Weibe!
Füllt kühnes Klingen ihm das Haus,
Dann singt er doppelt freud'gen Schalles
In Wetter und in Sturm hinaus:
Deutschland und Freiheit über alles!
                 St. Goar, Februar 1844.


         Vom Harze

Wahre Geschichte. 1843

O stille, graue Frühe!
Die Blätter flüstern sacht;
Der Hirsch hat seine Kühe
Zum Waldrand schon gebracht.
Zum Waldrand in die Saaten!
Da steht und stampft er schon!
Im Busch ruhn die Kossaten,
Der Vater und sein Sohn.

Der Alte wiegt in Händen
Den rost'gen Flintenlauf.
"Ein Hirsch von vierzehn Enden!
Kerl, Schwerenot, halt drauf!"
Der Junge drückt - ein Knallen!
Das heiß' ich gute Pirsch!
Sie sehn zur Erde fallen
Den vierzehnd'gen Hirsch!

Fortstieben rings die Kühe -
Der Alte ruft: "O Glück!"
Stürzt vor und stemmt die Knie
Auf das erlegte Stück.
"Ei, Bursch, du zieltest wacker!
Sieh selber - grad' aufs Blatt!
Gott segn' es unserm Acker -
Der frißt sich nicht mehr satt!

Dem ist kein Korn mehr nütze,
Der biegt kein Hälmlein mehr,
Der - nun, was gaffst du, Fritze?
Rasch! gib die Stricke her!
So - Fuß an Fuß gebunden!
Fühl' doch, er wird schon kalt!" -
Da tritt mit Volk und Hunden
Der Förster aus dem Wald.

Hilf Gott, der kennt die Schliche!
Nun gilt's! Aufspringt das Paar,
Reißt aus und läßt im Stiche
Die Doppelläufe gar!
Der Förster bleibt nicht hinten,
Nachruft er: "Steh, Gezücht!
Was helfen mir die Flinten,
Hab' ich die Schützen nicht?"

Umsonst! - Da rasch zur Wange
Hebr er der Büchse Wucht!
Zielt - kalt und fest und lange!
Was - Menschen? - Auf der Flucht?
Gleichviel! Er drückt - ein Knallen!
Hallo, das heiß' ich Glück!
Den Alten sieht er fallen -
Er traf ihn ins Genick!

In seiner eignen Gerste
Daliegt der knochige Mann;
Als ob das Herz ihm berste,
Auffstöhnt er dann und wann!
Sein Blut, dem Wams entquollen,
Rinnt ab in Furch' und Spur;
Warm sickert's durch die Schollen -
Was denkt die Lerche nur?

Sie sitzt im stillen Neste -
Da schießt das Blut herein!
Aufschwirrt sie gleich zur Feste,
Blut an den Flügelein!
Sie läßt vor Gott es blitzen
Im ersten Sonnenblick,
Sprengt auf die Halmenspitzen
Es schmetternd dann zurück!

Das ist ein kräftiger Regen,
Das ist ein kostbar Sprühn!
Das ist einLerchensegen,
Der macht die Saaten grün!
Der tropft auch auf den Jungen,
Der hinrast übers Feld
Und heulend dann umschlungen
Den toten Vater hält!

Fort, Bursch! Was noch umklammern
Die starre Mannsgestalt!
Fort nun, und laß dein Jammern -
"Fühl' doch, er wird schon kalt!"
Zurück vom blauen Munde
Mit deinem roten! - Sieh,
Ankeuchen schon die Hunde -
Herr Gott, zum "Halali!"

Stracks ruhn auf einem Karren
Der Hirsch und auch der Mann!
Zum Not- und Schwarzwildscharren
Fortgeht es durch den Tann!
Fortgeht's in einer Hetze -
Der Förster pfeift und lacht!
Warum nicht? - Die Gesetze
Vollstreckt er nur der Jagd!

Drum macht ihm keine Trauer
Des Jungen wild Geknirsch' -
Vergessen wird der Bauer,
Gegessen wird der Hirsch!
Ihm selbst wird die Medaille -
Ja so, das fehlte noch! -
Den Fritzen, die Kanaille,
Wirft man ins Hundeloch!

Da starrt er trüb durchs Gitter;
Ein Leirer steht am Tor,
Der singt zu seiner Zither
Ein Lied den Leuten vor:
"Es lebe, was auf Erden
Stolziert in grüner Tracht,
Die Wälder und die Felder,
Der Jäger und die Jagd!"
    St. Goar, Februar 1844.


                Eine Seele

Flog zum Himmel eine junge Seele,
Leisen Fluges hob sie sich empor;
Fast ein Kind noch, rein und ohne Fehle,
Trat sie schüchtern durch das goldne Tor.

Und: "Sieh da, das Kind des Patrioten!"
Irrt' ein Murmeln hier und dort im Nu.
Standen auf die besten deutschen Toten,
Schritten hastig auf die Tote zu.

Kam heran der edle starre Seume,
Mann der Freiheit und der Poesie;
Eilte Schiller durch die lichten Räume.
Hutten, Schubart - alle kamen sie.

Sahn sie an mit unverstellter Klage;
Boten Gruß ihr, warm und fest und schlicht;
Blickten stumm und ängstlich eine Frage
In das schmerzlich lächelnde Gesicht.

Ach, senkt' es, sah zur Erde nieder;
Zitternd stand sie, zitternd und geknickt:
Heiße Tränen sprangen durch die Lider,
Die des Vaters Hand - nicht zugedrückt!

Sieh, da zuckt' es in der Faust dem Seume;
Schubarts dunkle, breite Stirne schwoll;
"Freiheit ist nur in dem Reich der Träume",
Sagte Schiller bittern Zornes voll.

Aber Seume: "Mädchen, sei zufrieden!
Auch der Tod, du weißt es, kann befrein!
Laß die Schlösser, laß sie Ketten schmieden -
Frei mit Freien wird dein Vater sein!

Frei zu mir und diesen wird er treten,
Auch ein Toter für das Vaterland!
Auch ein Licht, zu dem in Sturmesnöten
Deutsche Männer heben Herz und Hand!

O, wie stolz dann wird der Müde rasten!
Freilich - dann erst! Bete, da´er stirbt!
Bete, Kind! ich kenne die Dynasten,
Deren Willkühr seine Kraft zermürbt!

Ihn ins Enge, mich vordem ins Weite
Trieb derselbe finstre Herrscherstamm;
Sagten dir nicht eher schon die Leute,
Daß der Seume nach Neuschottland schwamm?

Drum so fleh', daß bald mit grünen Spitzen
Gras der Lahn um einen Hügel kost!
Neben Hutten soll dein Vater sitzen -
Tochter Jordans, bet' und sei getrost!"
                         St. Goar, Februar 1844.


            Der Baum auf Rivelin

Nach Ebenezer Elliott, dem Korngesetzdichter

Der Blitz, ein Araber, durchritt
Den Mond auf seiner Flucht,
Und über Rivelin zuckt' und stritt
Sternschein und Wolkenwucht.
Wild um sich mit den Ästen stieß
Die Eich' auf Rivelins Wall;
O! wer, da solch ein Sturmwind blies,
Konnt' hören ihren Fall?
Doch nun, o sieh: der Himmel blaut,
Die zorn'gen Wellen ruhn,
Und auf den Felsen Moos und Kraut
Flüstern verächtlich nun:
Daß Rivelins Berghaupt öd und bloß,
Daß sein Tyrann geschwächt!
Hab' acht, o Macht - denn Gott ist groß!
O Schuld - Gott ist gerecht!
Und beug' dich, Stolz, der sicher wohnt
Im goldbeschlagnen Turm:
Der Sturm, der deinen Herd nur schont,
Ist nicht der Zukunft Sturm!
Die Sterne zittern blöd und bleich,
Sich schüttelnd steht die Saat,
Der Wurm verkriecht sich im Gesträuch,
Wenn Gott im Zorne naht.
Doch will der Upas fallen nicht,
Wenn ihn der Herr durchfährt,
Dann kommt ein Säuseln, das zerbricht,
Was nicht der Sturm versehrt!
                    St. Goar, Februar 1844.


           Hohes Wasser

Hallo, nun drücke sich, wer zagt!
Austritt der Rheinstrom mit Gebrause,
Schießt in die Gassen ungefragt
Und macht sich breit vor jedem Hause!
Pocht an die Türen, stürmt den Herd -
Da hilft kein Dämmen und kein Stauen!
Er will dem Städtchen, das er nährt,
Auch einmal in die Stunden schauen!

Die braune Bergwand allerwärts
Schickt ihm ihr dunkelgelb Gerinnsel:
Komm, tritt ans Fenster, liebes Herz -
Sieh, unser Haus auch ward zur Insel!
Doch guten Muts! Ob hier und dort
Die Flut auch auf die Treppen springe:
Zu hoch am Fels doch liegt der Ort,
Als daß es uns ans Leben ginge!

Sieh, an der Mauer dort das Merk:
Nicht, Lieb, du kannst den Strich gewahren?
Dort hemmte sein Zerstörungswerk
Der alte Rhein vor sechzig Jahren!
Da, wahrlich, übt' er strengern Brauch,
Wie hoch der Schaum auch diesmal fliege!
Da riß er meine Mutter auch
Mit sich als Kind in ihrer Wiege!

Doch da sogar, sieh nur den Strich,
Blieb unser Stand hier ungefährdet!
Drum auf, lieb Herz, und fasse dich,
Wie auch die Schneeflut sich gebärdet!
Drum guten Muts! Gib mir die Hand!
Glaub' mir, der Strom wird uns verschonen!
Gott schütze nur das Niederland,
Und die in seiner Fläche wohnen!

Du stimmst mir bei, du bist getrost!
Und doch - aufs neue siehst du trübe!
Nicht mehr die Flut, die uns umtost -
Ich weiß, was sonst dich ängstigt, Liebe!
Dir ahnt, daß eine andreFlut
Bald unsre Herdstatt überschwemme -
Ich selber ja mit dreistem Mut
Öffn' ihr die Schleusen und die Dämme!

Das offne Wort, das kühn und frei
Aufriefe gern zu offnen Taten;
Das ehrlich zürnt und ohne Scheu -
Das sticht sie durch mit keckem Spaten.
Das gibt Gewalt dem breiten Strahl,
Aus diesen liebgewordnen Räumen,
Aus diesem ganzen prächt'gen Tal
Auf und von dannen uns zu schäumen!

Wohin? - noch weiß es Gott allein -
Doch bin ich freudig und ergeben!
Und du auch, Liebe, sollst es sein:
Auch solche Springflut hört zum Leben!
Sie jagt es auf, sie frischt es an,
Sie hütet es vor dumpfem Stocken -
Drum ohne Bangen in den Kahn,
Und gib dem Sturme deine Locken!

So recht! - Am Steuer steh' ich dreist,
Und lasse kühl die Welle branden!
Ob hier und dort ein Strick auch reißt -
Wir werden landen und nicht stranden!
Hell offen liegt vor uns die Welt,
Ich bin gerecht in vielen Sätteln:
Solange Faust und Schädel hält,
Du Liebe, brauch' ich nicht zu betteln!

Und halten werden beide mir,
Wär' es auch nur um deinetwillen!
Um deinetwillen für und für
Wird günst'ger Wind mein Segel füllen!
Wie Schiffe sanken, weil ihr Bord
Zuflucht gewährte einem Schlechten:
So weht das meine heil zum Port,
Dir zu Gefallen, der Gerechten!

Drum laß mich schaffen frank und flott,
Was ernst die Seele mir gebietet!
Frisch auf, noch lebt der alte Gott,
Wie auch die Welle steigt und wütet!
Recht so: dein Auge strahlt voll Mut!
Komm an mein Herz - Gott mit uns allen!
Und - sieh hinaus doch nach der Flut!
Ist sie nicht wirklich schon am Fallen?
                    St. Goar, Februar 1844.


    Aus dem Schlesischen Gebirge

"Nun werden grün die Brombeerhecken;
Hier schon ein Veilchen - welch ein Fest!
Die Amsel sucht sich dürre Stecken,
Und auch der Buchfink baut sein Nest.
Der Schnee ist überall gewichen,
Die Koppe nur sieht weiß ins Tal;
Ich habe mich von Haus geschlichen,
Hier ist der Ort - ich wag's ein einmal:
Rübezahl!

Hört' er's? ich seh' ihm dreist entgegen!
Er ist nicht bös! Auf diesen Block
Will ich mein Leinwandpäckchen legen -
Es ist ein richt'ges volles Schock!
Und fein! Ja, dafür kann ich stehen!
Kein beßres wird geweht im Tal -
Er läßt sich immer noch nicht sehen!
Drum frischen Mutes noch einmal:
Rübezahl!

Kein Laut! - Ich bin ins Holz gegangen,
Daß er uns hilft in unsrer Not!
O, meiner Mutter blasse Wangen -
Im ganzen Haus kein Stückchen Brot!
Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen -
Fänd' er auch Käufer nur einmal!
Ich will's mit Rübezahl versuchen -
Wo bleibt er nur? Zum drittenmal:
Rübezahl!

Er half so vielen schon vorzeiten -
Großmutter hat mir's oft erzählt!
Ja, er ist gut den armen Leuten,
Die unverschuldet Elend quält!
So bin ich froh denn hergelaufen
Mit meiner richt'gen Ellenzahl!
Ich will nicht betteln, will verkaufen!
O, daß er käme! Rübezahl!
Rübezahl!

Wenn dieses Päckchen ihm gefiele,
Vielleicht gar bät' er mehr sich aus!
Das wär' mir recht! Ach, gar zu viele,
Gleich schöne liegen noch zu Haus!
Die nähm' er alle bis zum letzten!
Ach, fiel auf dies doch seine Wahl!
Da löst' ich ein selbst die versetzten -
Das wär' ein Jubel! Rübezahl!
Rübezahl!

Dann trät' ich froh ins kleine Zimmer,
Und riefe: Vater, Geld genug!
Dann flucht' er nicht, dann sagt' er nimmer:
Ich web' euch nur ein Hungertuch!
Dann lächelte die Mutter wieder,
Und tischt' uns auf ein reichlich Mahl;
Dann jauchzten meine kleinen Brüder -
O käm', o käm' er! Rübezahl!
Rübezahl!"

So rief der dreizehnjähr'ge Knabe;
So stand und rief er, matt und bleich.
Umsonst! Nur dann und wann ein Rabe
Flog durch des Gnomen altes Reich.
So stand und paßt' er Stund' auf Stunde,
Bis daß es dunkel ward im Tal,
Und er halblaut mit zuckendem Munde
Ausrief durch Tränen noch einmal:
Rübezahl!

Dann ließ er still das buschige Fleckchen,
Und zitterte und sagte: Hu!
Und schritt mit seinem Leinwandpäckchen
Dem Jammer seiner Heimat zu.
Oft ruht' er aus auf moos'gen Steinen,
Matt von der Bürde, die er trug.
Ich glaub', sein Vater webt dem Kleinen
Zum Hunger- bald das Leichentuch!
- Rübezahl?!
                        St. Goar, März 1844.


Auch ein Walpurgisnachtstraum

            Kein Intermezzo

GESTIEFELTER KATER:
Gesandt vom Grafen Carabas,
Den Herrn zu amüsieren,
Erschein' ich, diesen Hexenspaß
Submiß zu arrangieren!

ERSTER KAPELLMEISTER:
Die Szene du, ich die Musik,
So hilft man auf dem Staate!
Vollendet hab' cih just zum Glück
Mein Opus, die Kantate!

ZWEITER KAPELLMEISTER:
Mir einerlei! Indes, gib Raum!
Ich hüben und du drüben!
Hab' ich zu jenem Elfentraum
Das Vorspiel doch geschrieben!

ERDGEIST:
Still doch! Alle seid ihr gleich,
Von einer Tafel schmausend!
Zu gleichen Teilen schürf' ich euch
Die goldnen Achtzehntausend!

ZETTEL:
Achtzehntausend, sagst du, Zwerg?
Hilf Gott, das ist kein Bettel!
Hilf Gott, ich bin von Schmiedeberg
Der arme Weber Zettel!

GESTIEFELTER KATER:
In die Kulisse, guter Klaus!
Was flennt Er durch die Eichen?
Fliegt doch ein Tröstevogel aus
Für Ihn und seinesgleichen!

HEROLD:
Platz! ein vierhundertjähr'ger Schwan!
Platz, ihm und seinen Rittern!

MALKONTENTE:
Warum nur nicht ein Pelikan
Ausflattert, uns zu füttern?

ERSTER KAPELLMEISTER:
Leis erhebt sich Stern um Stern,
Kein Lüftchen regt die Wipfel,
Das Publikum von nah und fern
Harrt auf des Berges Gipfel.

ZWEITER KAPELLMEISTER:
Drum angefangen! Strahl auf Strahl
Steig auf, o Born de Schönen,
Not der Zeit und Alltagsqual
Sublim zu übertönen!

GESTIEFELTER KATER:
Nord und Süd, und alt und neu,
Zum Tanz und laßt nicht warten!
Ich misch' und spiel' euch, eins, zwei, drei,
Als wärt ihr ein Spiel Karten!

ANTIGONE:
Daß ich umsonst nicht spuken geh'
So stählt an mir die Herzen:
Beschämt doch mein antikes Weh
All eure jüngsten Schmerzen!

PUCK:
Mamsell, ich folg' Ihr auf dem Fuß;
Will meinen Arm Sie haben?
Sie Sache scheint mir zwar konfus,
Jedennoch sehr erhaben!

GESTIEFELTER KATER:
Nun Elfenschnack und Schabernack!
Hof des Theseus, glänze!
Und du ergötz' ihn, Lumpenpack
Der Zettel und der Squenze!

SCHATTEN VOLTAIRES:
Ein Wort! Was uns zu sondern scheint,
Sind wir auch beide Lacher:
Ich war der Lehrer, guter Freund -
Du bist der Lustigmacher!

BEIDE KAPELLMEISTER:
In den Wald und aus dem Wald!
Zum Tanz und schlingt den Reigen!
Pfeifen gellt und Hörner schallt,
Hoboen tönt und Geigen!

BROCKENWIRT:
Herr, steh mir bei! So wirr und toll
Trieb's lange nicht der Böse!
Der ganze liebe Brocken voll!
Gut' Nacht - ich heiße Nehse!

TOTE FRÖSCHE, in der Tiefe:
Koax! Ein einsam Wiesental!
Kein Ton, als Quellgekicher!
Koax! Man ist doch auch einmal
Gern seines Todes sicher!

WISSBEGIERIGER:
Was will die Quakerei des Viehs?

HISTORIOGRAPH:
Sie wurden misanthropisch,
Seit sie galvanisch zucken ließ
Vor aller Welt Herr Kopisch!

CAPTIVI:
Endlich entfesselt! Dreimal hoch,
Wer Licht und Luft uns gönnte!

MALKONTENTE:
Warum dur die? 's gibt andre noch,
Die man befreien könnte!

GESTIEFELTER KATER:
Lärm und Toben und Gesumm!
Kein Ohr mehr, das mich höre!
Ich glaube gar, das mich höre!
Ich glaube gar, das Publikum
Versteigt sich zum Akteure!

MALKONTENTE:
Ringsum Hexen! Welch Gewühl!
Die Alte dort gezüchtigt!
Aufhebt sie ihren Besenstiel -
Hilf Himmel, sie "berichtigt!"

WISSBEGIERIGER:
Was huscht vorüber dort im Nu,
Verlegen und beklommen?

HISTORIOGRAPH:
Es ist nur ein vertraulich Du,
Das nicht an Mann gekommen!

WISSBEGIERIGER:
Und was dort um die Ecke bog,
Von Eulenschwarm umflogen -?

HISTORIOGRAPH:
Ei nun, ist ein ersticktes Hoch
Auf einen Demagogen!

RHEINISCHER LANDRAT:
Dummes Zeug, was ich hier seh',
Und wahrlich nicht zum Lachen!
Wär's ein Narrenkomitee,
Ich würd' es überwachen!

EIN ANDERER:
Was Hinz und Kunz in meinem Kreis
Vom Landtagsabschied halten,
Bracht' ich auf allerhöchst Geheiß
In diese zwanzig Spalten.

JUSTIZKOMISSARE:
Heda, wie die Fiedel tönt!
Wir treten auf mit Sitten!
Der Mainzer Tag ist uns verpönt,
Hier sind wie wohlgelitten!

EIN GESETZBUCH:
Uf! eine schnelle Prozedor!
Vergönnet mir, in Hasten
Auf sehr beschleunigter Retour
Ein Weilchen hier zu rasten!

EICHHORN auf dem Baume:
Manch harte Nuß weht ohne Scham
Der Wind mir in die Backen;
Zum Teufel mit dem harten Kram -
Kann ich ihn doch nicht knacken!

FEUERDRACHE:
Ich zische, wo's Gedanken gibt;
Drum hütet Maul und Feder!
Die Leute nennen mich Reskript,
Ich fahr' in die Katheder.

STUDENTEN:
Nasen, Relegat und haft,
Consilium abeundi!
O Wartburgfest und Burschenschaft -
Sic transit gloria mundi!

GUSTAV-ADOLF-VEREIN:
Voll Zartgefühls erschein' ich hier
Für Luthertum und Bibel.

KÜRASSIERE:
Zur selben Zeit erhalten wir
Die Gustav-Adolf-Stiebel.

HISTORIOGRAPH:
O Reiterei, dies heißt dein Tun
Höchst gnädig doch belohnen:
Du trägst gewissermaßen nun
Kanonische Kanonen!

EIN KOLLEGIUM:
Laßt leben unsern Obermann,
Den Rächer der Zensierten!
Nach seinem Namen nennt fortan
Die Welt uns die Bornierten!

ALP:
Ich bin der allgemeine Alp;
Mein Amt ist, daß ich drücke!
So vieles ist anjetzo halb -
Ich bin aus ganzem Stücke!

POET:
Noch mehr - nein, das ist toll!
Wozu noch realisieren?
Ich schliee still mein Protokoll -
Wer will, mag's weiter führen!

MORGENWIND:
Lustig fahr' ich durch den Raum;
Hersaus' ich von der Ilsen.
Die Knospen küss' ich auf im Traum,
Reiß' ab die alten Hülsen!

SONNE, geht auf:
Wehtest wacker mir voraus,
Die Nebel zu zerstreuen!
Wie hell und frisch auf all den Graus
Der erste Tag des Maien!
                    St. Goar, März 1844.

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