Freiligrath

Seite 8

Inhalt

Biografie

             Meine Stoffe

Ihr sagt: "Was drückst du wiederum
Den Turban auf die schwarzen Haare?
Was hängst du wieder ernst und stumm
Im weidnen Korb am Dromedare?

Du hast so manchmal schon dein Zelt
In Ammons Flächen aufgeschlagen,
Daß es uns länger nicht gefällt,
Dir seine Pfähle nachzutragen.

Du wandelst, wie ein Mann, der träumt!
Sieh, wehnder Sand füllt deinen Köcher;
Der Taumelmohn des Ostens schäumt
In deines Liedes goldnem Becher!

O, geuß ihn aus! - Dann aber späh'
Und lechz' umher mit regen Sinnen,
Ob keine Bronnen in der Näh',
Daraus du schöpfen mögest, rinnen!

Sei wach den Stimmen deiner Zeit!
Horch' auf in deines Volkes Grenzen;
Die eigne Lust, das eigne Leid
Woll' uns in deinem Kelch kredenzen!

Laß tönend deiner Zähren Naß
An die metallne Wölbung klopfen,
Und über ihr verbluten laß
Dein Herz sich bis zum letzten Tropfen!

Wovon dein Kelch auch schäumt, mit Gier
Wolln seine Gaben wir empfangen!
Mit durst'gen Lippen wollen wir
An seinen blut'gen Ränden hangen!

Nur heute noch den Orient
Vertausche mit des Abends Landen;
Die Sonne sticht, die Wüste brennt!
O, lasse nicht dein Lied versanden!"

O, könnt' ich folgen eurem Rat!
Doch düster durch versengte Halme
Wall' ich der Wüste dürren Pfad: -
Wächst in der Wüste nicht die Palme?


                                      Löwenritt

Wüstenkönig ist der Löwe; will er sein Gebiet durchfliegen,
Wandelt er nach der Lagune, in dem hohen Schilf zu liegen,
Wo Gazellen und Giraffen trinken, kauert er im Rohre;
Zitternd über dem Gewalt'gen rauscht das Laub der Sykomore.

Abends, wenn die hellen Feuer glühn im Hottentottenkrale,
Wenn des jähen Tafelberges bunte, wechselnde Signale
Nicht mehr glänzen, wenn der Kaffer einsam schweift durch die Karroo,
Wenn im Busch die Antilope schlummert, und am Strom das Gnu:

Sieh, dann schreitet majestätisch durch die Wüste die Giraffe,
Daß mit der Lagune trüben Fluten sie die heiße, schlaffe
Zunge kühle; lechzend eilt sie durch der Wüste nackte Strecken,
Kniend schlürft sie langen Halses aus dem schlammgefüllten Becken.

Plötzlich regt es sich im Rohre; mit Gebrüll auf ihren Nacken
Springt der Löwe; welch ein Reitpferd! Sah man reichere Schabracken
In den Marstallkammern einer königlichen Hofburg liegen,
Als das bunte Fell des Renners, den der Tiere Fürst bestiegen?

In die Muskeln des Genickes schlägt er gierig seine Zähne;
Um den Bug des Riesenpferdes weht des Reiters gelbe Mähne.
Mit dem dumpfen Schrei des Schmerzes springt es auf und flieht gepeinigt:
Sieh, wie Schnelle des Kameles es mit Pardelhaut vereinigt!

Sieh, die mondbestrahlte Fläche schlägt es mit den leichten Füßen!
Starr aus ihrer Höhlung treten seine Augen; rieselnd fließen
Und dem braungefleckten Halse nieder schwarzen Blutes Tropfen,
Und das Herz des flücht'gen Tieres hört die stille Wüste klopfen.

Gleich der Wolke, deren Leuchten Israel im Lande Yemen
Führte, wie ein Geist der Wüste, wie ein fahler, luft'ger Schemen,
Eine sandgeformte Trombe in der Wüste sand'gem Meer,
Wirbelt eine gelbe Säule Sandes hinter ihnen her.

Ihrem Zuge folgt der Geier; krächzend schwirrt er durch die Lüfte;
Ihrer Spur folgt die Hyäne, die Entweiherin der Grüfte;
Folgt der Panther, der des Kaplands Hürden räuberisch verheerte;
Blut und Schweiß bezeichnen ihres Königs grausenvolle Fährte.

Zagend auf lebend'gem Throne sehn sie den Gebieter sitzen,
Und mit scharfer Klaue seines Sitzes bunte Polster ritzen.
Rastlos, bis die Kraft ihr schwindet, muß ihn die Giraffe tragen;
Gegen einen solchen Reiter hilft kein Bäumen und
kein Schlagen.

Taumelnd an der Wüste Saume stürzt sie hin und röchelt leise.
Tot, bedeckt mit Staub und Schaume, wird das Roß des Reiters Speise.
Über Madagaskar, fern im Osten, sieht man Frühlicht glänzen; -
So durchsprengt der Tiere König nächtlich seines Reiches Grenzen.


                        Gesicht des Reisenden

Mitten in der Wüste war es, wo wir nachts am Boden ruhten;
Meine Beduinen schliefen bei den abgezäumten Stuten.
In der Ferne lag das Mondlicht auf der Nilgebirge Jochen;
Rings im Flugsand umgekommner Dromedare weiße Knochen!

Schlaflos lag ich; statt des Pfühles diente mir mein leichter Sattel,
Dem ich unterschob den Beutel mit der dürren Frucht der Dattel;
Meinen Kaftan ausgebreitet hatt' ich über Brust und Füße;
Neben mir mein bloßer Säbel, mein Gewehr und meine Spieße.

Tiefe Stille, nur zuweilen knistert das gesunkne Feuer;
Nur zuweilen kreischt verspätet ein vom Horst verirrter Geier;
Nur zuweilen stampft im Schlafe eins der angebundnen Rosse;
Nur zuweilen fährt ein Reiter träumend nach dem Wurfgeschosse.

Da auf einmal bebt die Erde; auf den Mondschein folgen trüber
Dämmrung Schatten: Wüstentiere jagen aufgeschreckt vorüber.
Schnaubend bäumen sich die Pferde; unser Führer greift zur Fahne;
Sie entsinkt ihm, und er murmelt: Herr, die Geisterkarawane! -

Ja, sie kommt! Vor den Kamelen schweben die gespenst'schen Treiber,
Üppig in den hohen Sätteln lehnen schleierlose Weiber;
Neben ihnen wandeln Mädchen, Krüge tragend wie Rebekka
Einst am Brunnen; Reiter folgen - sausend sprengen sie nach Mekka.

Mehr noch! - Nimmt der Zug kein Ende? - Immer mehr! Wer kann sie zählen?
Weh, auch die zerstreuten Knochen werden wieder zu Kamelen,
Und der braune Sand, der wirbelnd sich erhebt in dunkeln Massen,
Wandelt sich zu braunen Männern, die der Tiere Zügel fassen.

Denn dies ist die Nacht, wo alle, die das Sandmeer schon verschlungen,
Deren sturmverwehte Asche heut vielleicht an unsern Zungen
Klebte, deren mürbe Schädel unsrer Rosse Huf zertreten,
Sich erheben und sich scharen, in der heil'gen Stadt zu beten.

Immer mehr! - Noch sind die letzten nicht an uns vorbeigezogen,
Und schon kommen dort die ersten schlaffen Zaums zurückgeflogen;
Von dem grünen Vorgebirge nach der Babelmandeb-Enge
Sausten sie, eh' noch mein Reitpferd lösen konnte seine Stränge.

Haltet aus, die Rosse schlagen! Jeder Mann zu seinem Pferde!
Zittert nicht, wie vor dem Löwen die verirrte Widderherde!
Laßt sie immer euch berühren mit den wallenden Talaren!
Rufet: Allah! - und vorüber ziehn sie mit den Dromedaren.

Harret, bis im Morgenwinde eure Turbanfedern flattern!
Morgenwind und Morgenröte werden ihnen zu Bestattern.
Mit dem Tage wieder Asche werden diese nächt'gen Zieher! -
Seht, er dämmert schon! Ermut'gend grüßt ihn meines Tiers Gewieher.


                               Leviathan

  Du zertrennest das Meer durch deine Kraft und
  zerbrichst die Köpfe der Drachen im Wasser.
  Du zerschlägest die Köpfe der Walfische und gibst
  sie zur Speise dem Volk in der Einöde.
                                                             Psalm 74

An einem Tag im frühen Herbst ging ich entlang den Meeresstrand,
Das Haupt entblößt, den Blick gesenkt, die Lieder Davids in der Hand.
Die See ging hoch, die Brandung schwoll, der frische Wind aus Osten pfiff,
Am Horizont nach Westen flog mit weißem Segelwerk ein Schiff.

Und als ich in dem Liederbuch des Königs über Israel,
Bald um mich schauend, blätternd bald, gekommen war bis an die Stell',
Die über diesem Lied ihr lest, da naheten dem öden Strand,
Die grauen Segel eingerefft, drei Fischerboote, wohlbemannt.

Und hinter ihnen, aus der Flut, der weißen, tauchend schwärzlich-grau,
Schwamm riesengroß ein Ungetüm; sie schleppten es an einem Tau.
Die Brandung grollt, laut kracht der Mast, den Anker wirft der Harpunier -
Am Ufer auf dem Trocknen ruhn die Fischerboote samt dem Tier!

Und jetzt in Zügen auf den Ruf der Gatten und der Brüder naht
Der Öde Volk, das jubelnde, aus seinen Hütten am Gestad'.
Sie sehn den Sohn des Ozeans, den Leib vom Eisen aufgeschlitzt;
Zerschmettert sehen sie das Haupt, das fortan keine Strahlen spritzt.

Vor wenig Jahren erst gebar den Triefenden der kalte Pol;
Ein Neuling noch, verirrt' er sich zu dieser seichten Küste wohl,
Untief' und Bank versperrten ihm den Rückweg in das hohe Meer;
Des jungen Riesen Kopf zerbrach der Herr durch eines Fischers Speer. -

Und jene tanzten jauchzend um den Blutenden; mir aber war,
Als glotzt' er halbgeschloßnen Augs verächtlich auf die rohe Schar.
Mir war, als rauschte zürnend mir sein purpurrot verrieselnd Blut;
Als murrt' er röchelnd in den Sturm: "O miserable Menschenbrut!

O Zwerge, die den Riesen ihr bezwungen habt durch schnöde List!
O Zappler auf dem Trocknen ihr, die mein Gebiet ihr meiden müßt!
Schwächlinge, die das Meer ihr nur in hohlem Boot befahren könnt,
Dem jämmerlichen Schaltier gleich, das nie sich von der Muschel trennt!

O kahler Strand, o nüchterner! o kahl und nüchtern Treiben drauf!
O nüchtern Volk, wie bebten sie, da sie vernahmen mein Geschnauf'!
Wie trostlos auf der Dün' ihr Dorf mit seinen dumpfen Hütten steht!
Und - bist du besser denn als sie, der du mich sterben siehst, Poet?

Ich wollt', ich wäre, wo das Meer und wo die Welt ein Ende nimmt!
Wo krachend in der Finsternis der Eispalast des Winters schwimmt.
Ich wollt', ein Schwertfisch wetzte dort am Eis sein Schwert und stieße mir
Das jäh gezuckte durch die Brust; so stürb' ich wenigstens nicht hier!"

Es war ein Tag im frühen Herbst; die See ging hoch, der Ostwind pfiff,
Am Horizont nach Westen flog mit weißem Segelwerk ein Schiff.
Ich aber wandte meinen Schritt; ich warf mich nieder auf die Dün'.
Der Herr zerbrach des Walfischs Haupt und gab dem Volk der Öde ihn.


                                       Mirage

Mein Auge mustert unruhvoll des Hafens wimpelreich Revier,
Doch deines richtet lächelnd sich auf meines Hutes Federzier:
"Von deinen Wüsten hör' ich gern in einer meerumrauschten Jacht;
Ein Bild aus dem Gebiete drum, das diesen Schmuck hervorgebracht!"

Wohlan! ich lege meine Stirn ins Hohle meiner rechten Hand!
Die Wimper fällt, die Schläfe fliegt - sieh da, der Öde glühnder Sand!
Die Lagerplätze grüßen dich des Volks, dem ich entsprossen bin;
In ihrer brand'gen Witwentracht tritt die Sahara vor dich hin.

Wer trabte durch das Löwenland? Von Klaun und Hufen zeugt der Kies.
Timbuktus Karawanenzug! - am Horizonte blitzt der Spieß!
Die Banner wehn, im Staube schwimmt des Emirs purpurn Ehrenkleid,
Und des Kameles Haupt entragt dem Knäul mit ernster Stattlichkeit.

Sie reiten im gedrängten Troß, wo sich vermengen Sand und Luft;
Sieh da, verschlungen hat sie schon der Ferne schwefelfarbner Duft!
Allein verfolgen ohne Müh' kannst du der Flücht'gen breite Spur:
Was sie verloren, Mal an Mal durchschimmert es die Körnerflur.

Das erste - wie zum Meilenstein daliegt's: ein totes Dromedar!
Auf dem gestürzten, federlos die Hälse, sitzt ein Geierpaar;
Sie ziehn das lang entbehrte Mahl dem prächt'gen Turban drüben vor,
Den in des Rittes wilder Hast ein junger Araber verlor.

Und nun: Schabrackenstoff umfliegt der Tamariske dorn'gen Strauch;
Daneben, staubig und geleert, ein jäh geborstner Wasserschlauch; -
Wer ist es, der den klaffenden wahnsinn'gen Blicks mit Füßen tritt?
Es ist der dunkelhaar'ge Scheik des Landes Biledulgerid.

Die Nachhut schließend, fiel sein Roß; er blieb zurück, er ward versprengt.
Verlechzend hat sein Lieblingsweib an seinen Gürtel sich gehängt.
Wie blitzte jüngst ihr Auge noch, als er sie vor sich hob aufs Pferd!
Nun schleift er durch die Wüste sie, wie man am Gurte schleift ein Schwert.

Der heiße Sand, den nächtens nur der zottige Schweif des Löwen schlägt,
Er wird vom flutenden Gelock der Regungslosen nun gefegt!
Er fängt sich in der Haare Schwall, er sengt der Lippe würz'gen Tau;
Mit seinen Kieseln rötet er die Knöchel der erschöpften Frau.

Und auch der Emir wankt; das Blut in seinen Pulsen quillt und kocht,
Sein Auge strotzt, und seiner Stirn blau schimmerndes Geäder pocht.
Mit einem letzten brennenden Kuß erweckt er die Fezzanerin,
Und plötzlich dann mit wildem Fluch ins Unwirtbare stürzt er hin.

Sie aber sieht sich wundernd um. - Ha, was ist das? - "Du schläfst, Gemahl?
Der Himmel, der von Erze schien - sieh da, er kleidet sich in Stahl!
Wo blieb der Wüste lodernd Gelb? - Wohin ich schaue, blendend Licht!
Es ist ein Schimmern, wie des Meers, das sich an Algiers Küste bricht!

Es blitzt und brandet wie ein Strom; es leckt herüber feucht und kühl!
Ein ries'ger Spiegel funkelt es; - wach' auf, es ist vielleicht der Nil!
Doch nein, wir zogen südwärts ja; - so ist es wohl der Senegal?
Wie, oder wär' es gar das Meer mit seiner Wasser sprühndem Schwall?

Gleichviel! 's ist Wasser ja! Wach' auf! Am Boden schon liegt mein Gewand.
Wach' auf, o Herr, und laß uns ziehn und löschen unsrer Leiber Brand!
Ein frischer Trunk, ein stärkend Bad, und uns durchsiedet neue Kraft!
Die Feste drüben, hochgetürmt, beschließe bald die Wanderschaft!

Um ihre grauen Tore fliegt scharlachner Fahnen trotzig Wehn;
Von Lanzen starrt ihr schart'ger Rand, und ihre Mitte von Moskeen;
Auf ihrer Reede tummelt sich hochmast'ger Schiffe stolze Reih',
Und jene Pilger füllen ihr Basar und Karawanserei.

Geliebter, meine Zunge lechzt! Wach' auf, schon naht die Dämmerung!" -
Noch einmal hob er seinen Blick; dann sagt' er dumpf: "Die Spiegelung!
Ein Blendwerk, ärger als der Smum! Bösart'ger Geister Zeitvertreib" -
Er schwieg - das Meteor verschwand - auf seine Leiche sank das Weib.

Im Hafen von Venedig so von seiner Heimat sprach der Mohr;
Des Feldherrn Rede strömte süß in Desdemonens gierig Ohr.
Auffuhr sie, als das Fahrzeug nun ans Ufer stieß mit jähem Stoß -
Er führte schweigend zum Palast das einz'ge Kind Brabantios.


                   Bei Grabbes Tod

Dämmrung! - das Lager! - Dumpf herüber schon
Vom Zelt des Feldherrn donnerte der Ton
Der abendlichen Lärmkanonen;
Dann Zapfenstreich, Querpfeifen, Trommelschlag,
Zusammenflutend die Musik danach
Von zweiundzwanzig Bataillonen!

Sie betete: "Nun danket alle Gott!"
Sie ließ nicht mehr zu Sturmschritt und zu Trott
Die Büchse fällen und den Zaum verhängen;
Sie rief die Krieger bittend zum Gebet,
Von den Gezelten kam sie hergeweht
Mit vollen, feierlichen Klängen.

Der Mond ging auf. Mild überlief sein Strahl
Die Leinwand rings, der nackten Schwerter Stahl
Und die Musketenpyramiden.
Ruf durch die Rotten jetzo: "Tschako ab!"
Und nun kein Laut mehr! Stille, wie im Grab -
Es war im Krieg ein tiefer Frieden.

Doch anders ging es auf des Lagers Saum
Im Weinschank her; - da flog Champagnerschaum,
Da hielt die Bowle dampfend uns gefangen!
Da um die Wette blitzten Epaulett
Und Friedrichsdor; da scholl's am Knöchelbrett;
"Wer hält?" und Harfenmädchen sangen.

Zuweilen nur in dieses wüsten Saals
Getöse stahl ein Ton sich des Chorals,
Mischte der Mondschein sich dem Schein der Lichter.
Ich saß und sann - "Nun danket -" "Qui en veut?"
Geklirr der Würfel - da auf einmal seh'
Aus meiner alten Heimat ich Gesichter.

"Was, du?" - "Wer sonst?" - Nun Fragen hin und her.
"Wie geht's? von wannen? was denn jetzt treibt der?"
Auf hundert Fragen mußt' ich Antwort haben. -
"Wie" - "Nun, mach' schnell, ich muß zu Schwarz und Rot!"
"Gleich! nur ein Wort noch: Grabbe?" - "Der ist tot;
Gut' Nacht! wir haben Freitag ihn begraben!"

Es rieselte mir kalt durch Mark und Bein!
Sie senkten ihn vergangnen Freitag ein,
Mit Lorbeern und mit Immortellen
Den Sarg des toten Dichters schmückten sie -
Der du die hundert Tage schufst, so früh! -
Ich fühlte krampfhaft mir die Brust erschwellen.

Ich trat hinaus, ich gab der Nacht mein Haar;
Dann auf die Streu, die mir bereitet war
In einem Kriegerzelt, warf ich mich nieder.
Mein flatternd Obdach war der Winde Spiel:
Doch darum nicht floh meinen Halmenpfühl
Der Schlaf - nicht darum bebten meine Glieder.

Nein, um den Toten war's, daß ich gewacht:
Ich sah ihn neben mir die ganze Nacht
Inmitten meiner Leinwandwände.
Erzitternd auf des Hohen prächt'ge Stirn
Legt' ich die Hand: "Du loderndes Gehirn,
So sind jetzt Asche deine Brände?

Wachtfeuer sie, an deren sprühnder Glut
Der Hohenstaufen Heeresvolk geruht,
Des Korsen Volk und des Karthagers;
Jetzt mild wie Mondschein leuchtend durch die Nacht,
Und jetzo wild zu greller Brunst entfacht -
Den Lichtern ähnlich dieses Lagers!

So ist's! wie Würfelklirren und Choral,
Wie Kerzenflackern und wie Mondenstrahl
Vorhin gekämpft um diese Hütten,
So wohl in dieses mächt'gen Schädels Raum,
Du jäh Verstummter, wie ein wüster Traum
Hat sich Befeindetes bestritten.

Sei's! diesen Mantel werf' ich drüber hin!
Du warst ein Dichter! - Kennt ihr auch den Sinn
Des Wortes, ihr, die kalt ihr richtet?
Dies Haus bewohnten Don Juan und Faust;
Der Geist, der unter dieser Stirn gehaust,
Zerbrach die Form - laßt ihn! Er hat gedichtet!

Der Dichtung Flamm' ist allezeit ein Fluch!
Wer, als ein Leuchter, durch die Welt sie trug,
Wohl läßt sie hehr den durch die Zeiten brennen;
Die Tausende, die unterm Leinen hier
In Waffen ruhn - was sind sie neben dir?
Wird ihrer einen, so wie dich, man nennen?

Doch sie verzehrt; - ich sprech' es aus mit Graun!
Ich habe dich gekannt als Jüngling; braun
Und kräftig gingst dem Knaben du vorüber.
Nach Jahren drauf erschaut' ich dich als Mann;
Da warst du bleich, die hohe Stirne sann,
Und deine Schläfen pochten wie im Fieber.

Und Male brennt sie; - durch die Mitwelt geht
Einsam mit flammender Stirne der Poet;
Das Mal der Dichtung ist ein Kainsstempel!
Es flieht und richtet nüchtern ihn die Welt!" -
Und ich entschlief zuletzt; in einem Zelt
Träumt' ich von einem eingestürzten Tempel.


                         Ein Lied Memnons

Vergangen ist die Nacht! Weiß dampft es auf dem Nile;
Aufrafft sich Pharao von seinem Purpurpfühle;
Schlaftrunknes Murmeln füllt die Hekatompylos.
Wie Fackeln, licht und schlank dastehnd im dunkeln Tale,
Blutrot im ersten Sonnenstrahle,
Glühn Obeliskus und Koloß.

Nach Westen weithin fällt ihr ungeschlachter Schatten;
Die Sphinxe werden wach auf ihren Marmorplatten,
Und schauen träg empor an Turm und Säulenknauf.
Der Ibis schickt sich an, um ihre Stirn zu schweben;
Sie aber recken sich und geben
Sich gähnend ihre Rätsel auf.

Der Geier flattert schwer nach ihren Fußgestellen;
Gleichwie ein Tempelwart, von ihren glatten Fellen
Streift mit dem Fittich er der Wüste nächt'gen Staub.
Leis flüsternd grüßen sich die dorn'gen Palmenbäume;
Sich zu erzählen ihre Träume
Bewegen sie der Kronen Laub.

Und laut und lauter wird's in Thebens alten Mauern,
Auf deren Zinnen ernst gegoßne Löwen kauern;
Vom Schall des Morgens dröhnt mein einstig Königshaus.
Das Herz Ägyptens pocht in seiner ehrnen Hülle,
Und rieselt seines Blutes Fülle
Nach allen seinen Gliedern aus.

Es sprudelt und es gärt und sprengt die hundert Pforten;
Es bricht sich brausend Bahn und flutet allerorten,
Wo sich die Wüste dehnt, und wo die Nilflut rollt.
Das nenn' ich heißes Blut: Kriegsheere, Karawanen!
Es pulst einher in sand'gen Bahnen
Und schwemmt zurücke Ruhm und Gold.

So grüßt Ägyptenland, du Strahlender, dein Kommen!
Bald übern Strom schon ist dein Spiegelbild geschwommen;
Die Wüste fährt empor, dich jubelnd zu empfahn.
Und ich auch, der ich nur ein Wächter bin im Sande,
Ertöne, seh' ich dich am Rande
Des Felsgebirgs im Osten nahn.

Denn wie ein Kriegesfürst im Lande der Araben,
So lässest du einher die mut'gen Rosse traben,
Die flackerndes Gestrahl aus ihren Nüstern sprühn.
Dein Herold Morgenwind führt eine Golddrommete;
Dein Frühzelt ist die Morgenröte,
Dein Abendzelt des Westens Glühn.

Und wie ein Emir auch kannst du die Feinde drängen!
Wenn du zu Wagen steigst, den Himmel zu durchsprengen,
Mit ihren Schatten dann entweicht die dunkle Nacht.
So schier weiß Pharao ein Mohrenheer zu jagen,
Wenn er auf goldnem Sichelwagen
Einherbraust übers Feld der Schlacht.

Und wie sein Arm befreit die Völker und die Lande,
Und wie sein blutig Schwert sich öffnen heißt die Bande,
In die des Feindes Grimm die Kriegsgefangnen schlug:
So auch zerschmetterst du, anspornend deine Pferde,
Die Fesseln, deren Wucht die Erde
Auf das Geheiß des Dunkels trug.

Sieh da, sie öffnen sich! Sie springen und sie schmelzen!
Die Erde war ein Grab; - doch du, den Stein zu wälzen
Von seiner Türe, nahst! - Hinfällt er und zerbricht.
Ich aber grüße dich in deiner Kraft und Schöne;
Vernimm die Summe meiner Töne
In einem einz'gen Worte: Licht!


O lieb', solang du lieben kannst!

O lieb', solang du lieben kannst!
O lieb', solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Und sorge, daß dein Herze glüht
Und Liebe hegt und Liebe trägt,
Solang ihm noch ein ander Herz
In Liebe warm entgegenschlägt!

Und wer dir seine Brust erschließt,
O tu ihm, was du kannst, zulieb'!
Und mach' ihm jede Stunde froh,
Und mach' ihm keine Stunde trüb!

Und hüte deine Zunge wohl,
Bald ist ein böses Wort gesagt!
O Gott, es war nicht bös gemeint, -
Der andre aber geht und klagt.

O lieb', solang du lieben kannst!
O lieb', solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Dann kniest du nieder an der Gruft
Und birgst die Augen, trüb und naß,
- Sie sehn den andern nimmermehr -
Ins lange, feuchte Kirchhofsgras.

Und sprichst: O schau' auf mich herab,
Der hier an deinem Grabe weint!
Vergib, daß ich gekränkt dich hab'!
O Gott, es war nicht bös gemeint!

Er aber sieht und hört dich nicht,
Kommt nicht, daß du ihn froh umfängst;
Der Mund, der oft dich küßte, spricht
Nie wieder: Ich vergab dir längst!

Er tat's, vergab dir lange schon,
Doch manche heiße Träne fiel
Um dich und um dein herbes Wort -
Doch still - er ruht, er ist am Ziel!

O lieb', solang du lieben kannst!
O lieb', solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!


     Ruhe in der Geliebten

So laß mich sitzen ohne Ende,
So laß mich sitzen für und für!
Leg' deine beiden frommen Hände
Auf die erhitzte Stirne mir!
Auf meinen Knien, zu deinen Füßen,
Da laß mich ruhn in trunkner Lust;
Laß mich das Auge selig schließen
In deinem Arm, an deiner Brust!

Laß es mich öffnen nur dem Schimmer,
Der deines wunderbar erhellt;
In dem ich raste nun für immer,
O du mein Leben, meine Welt!
Laß es mich öffnen nur der Träne,
Die brennend heiß sich ihm entringt;
Die hell und lustig, eh' ich's wähne,
Durch die geschloßne Wimper springt!

So bin ich fromm, so bin ich stille,
So bin ich sanft, so bin ich gut!
Ich habe dich - das ist die Fülle!
Ich habe dich - mein Wünschen ruht!
Dein Arm ist meiner Unrast Wiege,
Vom Mohn der Liebe süß umglüht;
Und jeder deiner Atemzüge
Haucht mir ins Herz ein Schlummerlied!

Und jeder ist für mich ein Leben! -
Ha, so zu rasten Tag für Tag!
Zu lauschen so mit sel'gem Beben
Auf unsrer Herzen Wechselschlag!
In unsrer Liebe Nacht versunken,
Sind wir entflohn aus Welt und Zeit:
Wir ruhn und träumen, wir sind trunken
In seliger Verschollenheit!


        Februar 1870

Für den Basar zum Besten des Berliner Asylvereins für Obdachlose

Der Winter kommt gefahren,
Er treibt die Welt zu Paaren,
Der Ostwind ist sein Speer,
Der Schneesturm sein Gewehr.

Mit eisbehangner Schleppe,
Ein Beutefürst der Steppe,
Fällt er bei Nordlichtschein
In unsre Hürden ein.

Und richtet seine Zelte,
Und schlägt das Land mit Kälte,
Und legt ihm, der Tyrann,
Wildstarre Fesseln an.

Derweil bei Tag die Sonne
Strahlt herrlich und in Wonne,
Und nächtens ruhig brennt
Und blitzt das Firmament.

Venus mit prächt'gem Scheine,
Beinah' wie eine kleine
Mondsichel anzusehn,
Flammt nieder, ernst und schön.

Und o, des duftumwallten,
Des knisternden, des kalten
Frührots! Der Wolke stiebt! -
Weh, daß es Arme gibt!

Weh, daß es gibt, die darben,
Weh, daß aus Nordlichtgarben
Zu frohem Erntefest
Kein Korn sich schwingen läßt!

Weh, daß, der Not zu steuern,
An jenen ew'gen Feuern
Kein obdachloser Mann
Die Hand sich wärmen kann.

Weh, daß dies glühnde, blanke
Gewölb' für tausend Kranke
Und Hungernde zur Frist
Das einz'ge Obdach ist!

Daß Kinder, Weiber, Greise,
Ärmer als Rab' und Meise,
Nicht wissen, wo zu Nacht
Das Bett für sie gemacht.

Und alles das inmitten
Der Wagen und der Schlitten,
Bei Börse, Bank und Ball
Und stolzem Waffenschall!

Weh, all der alten Wunden
Der Menschheit, oft verbunden,
Und immer noch nicht heil! -
Auf, wirk' auch du dein Teil!

Auf, rühr' auch du die Schwinge,
Flieg aus, mein Lied und singe!
Flieg aus! in Reif und Schnee
Nach warmen Herzen späh'!

Flieg aus! O sieh, schon feuchten
Sich Augen! Augen leuchten!
Sieh, Hände weit und breit
In Liebe hilfbereit.

Das ist das Wort! Ja: Liebe!
Sing immer: Liebe! Liebe!
Die Liebe hegt und hält,
Die Liebe heilt die Welt.


      Hurra, Germania!

          25. Juli 1870

Hurra, du stolzes schönes Weib,
Hurra, Germania!
Wie kühn mit vorgebeugtem Leib
Am Rheine stehst du da!
Im vollen Brand der Juliglut,
Wie ziehst du risch dein Schwert!
Wie tritts du zornig frohgemut
Zum Schutz vor deinen Herd!
Hurra, hurra, hurra!
Hurra, Germania!

Du dachtest nicht an Kampf und Streit:
In Fried' und Freud' und Ruh'
Auf deinen Feldern, weit und breit,
Die Ernte schnittest du.
Bei Sichelklang im Ährenkranz
Die Garben fuhrst du ein:
Da plötzlich, horch, ein andrer Tanz!
Das Kriegshorn überm Rhein!
Hurra, hurra, hurra!
Hurra, Germania!

Da warfst die Sichel du ins Korn,
Den Ährenkranz dazu;
Da fuhrst du auf in hellem Zorn,
Tief atmend auf im Nu;
Schlugst jauchzend in die Hände dann:
Willst du's, so mag es sein!
Auf, meine Kinder, alle Mann!
Zum Rhein! zum Rhein! zum Rhein!
Hurra, hurra, hurra!
Hurra, Germania!

Da rauscht das Haff, da rauscht der Belt,
Da rauscht das deutsche Meer;
Da rückt die Oder dreist ins Feld,
Die Elbe greift zur Wehr.
Neckar und Weser stürmen an,
Sogar die Flut des Mains!
Vergessen ist der alte Span:
Das deutsche Volk ist eins!
Hurra, hurra, hurra!
Hurra, Germania!

Schwaben und Preußen Hand in Hand;
Der Nord, der Süd ein Heer!
Was ist des Deutschen Vaterland, -
Wir fragen's heut nicht mehr!
Ein Geist, ein Arm, ein einz'ger Leib,
Ein Wille sind wir heut!
Hurra, Germania, stolzes Weib!
Hurra, du große Zeit!
Hurra, hurra, hurra!
Hurra, Germania!

Mag kommen nun, was kommen mag:
Fest steht Germania!
Dies ist All-Deutschlands Ehrentag:
Nun weh dir, Gallia!
Weh, daß ein Räuber dir das Schwert
Frech in die Hand gedrückt!
Fluch ihm! Und nun für Heim und Herd
Das deutsche Schwert gezückt!
Hurra, hurra, hurra!
Hurra, Germania!

Für Heim und Herd, für Weib und Kind,
Für jedes teure Gut,
Dem wir bestellt zu Hütern sind
Vor fremden Frevelmut!
Für deutsches Recht, für deutsches Wort,
Für deutsche Sitt' und Art, -
Für jeden heil'gen deutschen Hort,
Hurra! zur Kriegesfahrt!
Hurra, hurra, hurra!
Hurra, Germania!

Auf, Deutschland, auf, und Gott mit dir!
Ins Feld! der Würfel klirrt!
Wohl schnürt's die Brust uns, denken wir
Des Bluts, das fließen wird!
Dennoch das Auge kühn empor!
Denn siegen wirst du ja:
Groß, herrlich, frei, wie nie zuvor!
Hurra, Germania!
Hurra, Viktoria!
Hurra, Germania!


   Die Trompete von Gravelotte

Sie haben Tod und Verderben gespien:
Wir haben es nicht gelitten.
Zwei Kolonnen Fußvolk, zwei Batterien,
Wir haben sie niedergeritten.

Die Säbel geschwungen, die Zäume verhängt,
Tief die Lanzen und hoch die Fahnen,
So haben wir sie zusammengesprengt, -
Kürassiere wir und Ulanen.

Doch ein Blutritt war es, ein Todesritt;
Wohl wichen sie unsern Hieben,
Doch von zwei Regimentern, was ritt und was stritt,
Unser zweiter Mann ist geblieben.

Die Brust durchschossen, die Stirn zerklafft,
So lagen sie bleich auf dem Rasen,
In der Kraft, in der Jugend dahingerafft, -
Nun, Trompeter, zum Sammeln geblasen!

Und er nahm die Trompet', und er hauchte hinein;
Da, - die mutig mit schmetterndem Grimme
Uns geführt in den herrlichen Kampf hinein,
Der Trompete versagte die Stimme.

Nur ein klanglos Wimmern, ein Schrei voll Schmerz,
Entquoll dem metallenen Munde;
Eine Kugel hatte durchlöchert ihr Erz, -
Um die Toten klagte die wunde!

Um die Tapfern, die Treuen, die Wacht am Rhein,
Um die Brüder, die heut gefallen, -
Um sie alle, es ging uns durch Mark und Bein,
Erhub sie gebrochenes Lallen.

Und nun kam die Nacht, und wir ritten hindann,
Rundum die Wachtfeuer lohten;
Die Rosse schnoben, der Regen rann, -
Und wir dachten der Toten, der Toten!


         An Deutschland

Nun grüß' dich Gott, du wunde,
Du bleiche Siegerin!
Ich tret' in ernster Stunde,
Du Herrliche, vor dich hin.
Wohl seh' ich freudig glänzen
Das Schwert in deiner Hand;
Wohl gehst du einher in Kränzen, -
Doch schwarz ist dein Gewand.

Und zorn'ge Tränen springen
Durch deine Wimpern heiß;
Obsiegtest du im Ringen, -
Doch teuer war der Preis.
Umsonst mit eisernen Tritten
Für den frech bedrohten Herd
Bist du westwärts nicht geschritten,
Hast ein Reich du nicht zerstört.

Vieltausend Männer und Knaben,
Vieltausend, Schar bei Schar,
Begraben, begraben, begraben
An Mosel, Maas und Saar!
O, der Witwen und der Waisen,
O, der armen Eltern nun!
Und immer noch darf das Eisen,
Das blutige, nicht ruhn.

Noch muß es leuchten und klingen
Durch Feindesland weithin;
Muß noch zum Frieden zwingen
Die trotzige Nachbarin:
Zum Frieden, dem echten, rechten,
Dem dauernden fortan,
Daß die Welt nach allem Fechten
Aufatmen endlich kann.

Daß aufs Geklirr der Waffen
Ein langer goldner Tag
Für der Freiheit fröhliches Schaffen
Den Völkern glänzen mag;
Daß, thronend in aller Mitte,
Du walten magst in Ruh
Des Rechts, des Lichts, der Sitte,
Freieiniges Deutschland du!

Gescheh' es bald, du Hohe!
Heut hältst du noch Gericht;
Heut rötet noch die Lohe
Des Krieges dein Gesicht;
Heut noch um Babels Zinnen
Rüstest du kalt das Erz, -
Kalt außen, doch tief innen
Den heil'gen großen Schmerz.

Den Schmerz um deine Kinder,
Die gefordert schon der Sieg;
Den Schmerz um sie nicht minder,
Die dich zwingen noch zum Krieg;
Den Schmerz um jede Wunde,
Die du schlägst auf deiner Bahn, -
Deutschland, und in der Stunde
Tret' ich an dich heran!

Du trägst, du wägst in Händen
Eine Welt und ihr Geschick -
Was kann ich dir sagen und spenden
In solchem Augenblick?
Ich kann am Weg nur stehen,
Von Glück, von Stolz durchbebt,
Daß dieses Weltsturms Wehen
Auch ich, auch ich erlebt!

Und des zum armen Zeichen,
Empor zu deinem Flug
Laß diese Blätter mich reichen, -
Meines Lebens Liederbuch!
Manch rund, manch rauhgestammelt,
Manch still, manch wild Gedicht:
Längst lag's für dich gesammelt, -
Da ist's! Verschmäh' es nicht!

Mit sechzehn Jahren begann ich,
Mit sechzig sing' ich heut:
O, lange träumt' ich und sann ich, -
Doch deucht mich kurz die Zeit!
Rasch ist verrauscht mein Leben,
Rasch fällt des Alters Schnee, -
O, könnt' ich dir Beßres geben,
Nun fast am Ziel ich steh'!

Wie arm scheint, wie geringe,
Wie wenig deiner wert,
Was zagend ich dir bringe,
Zu schmücken deinen Herd!
Die alten "Liederkerzen",
Wie eigen heut ihr Strahl!
Wie fremd greift an die Herzen
Manch Lied von dazumal!

Du aber hast in allen
Die Liebe zu dir erkannt:
Drum haben sie dir gefallen,
Drum gabst du mir treu die Hand!
Drum hab' ich seit frühen Jahren,
Als Jüngling und als Mann,
Auch Liebe von dir erfahren, -
Mehr, als ich danken kann!

So laß dir denn angehören
Dies Werk, - es ist für dich!
Nimm's an im Jahr der Ehren,
Im Jahre Siebenzig!
Rasch nun, - fliegt aus, ihr Blätter!
Schon tönt heran im West
Trompeten- und Horngeschmetter!
Fliegt aus, - zum Friedensfest!
                            Oktober 1870.