Herder

Inhalt

Biografie

         Annchen von Tharau
Das samländische Original wurde übertragen von Johann Gottfried Herder

Annchen von Tharau ist, die mir gefällt,
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Annchen von Tharau hat wieder ihr Herz
Auf mich gerichtet in Lieb' und in Schmerz.
Annchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut,
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!
Käm' alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,
Wir sind gesinnet bei einander zu stahn.
Krankheit, Verfolgung, Betrübniß und Pein
Soll unsrer Liebe Verknotigung seyn.
Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,
Je mehr ihn Hagel und Regen anficht;
So wird die Lieb' in uns mächtig und groß
Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Noth.
Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
Lebtest, da wo man die Sonne kaum kennt;
Ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer,
Durch Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer.
Annchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn,
Mein Leben schließ' ich um deines herum.
Was ich gebiete, wird von dir gethan,
Was ich verbiete, das läßt du mir stahn.
Was hat die Liebe doch für ein Bestand,
Wo nicht Ein Herz ist, Ein Mund, Eine Hand?
Wo man sich peiniget, zanket und schlägt,
Und gleich den Hunden und katzen beträgt?
Annchen von Tharau, das woll'n wir nicht thun;
Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn.
Was ich begehre, ist lieb dir und gut;
Ich laß den Rock dir, du läßt mir den Hut!
Dies ist uns Annchen die süsseste Ruh,
Ein Leib und Seele wird aus Ich und Du.
Dies macht das Leben zum himmlischen Reich,
Durch Zanken wird es der Hölle gleich.
 


Dein Schwert, wie ist's von Blut so rot ...

Dein Schwert, wie ist's von Blut so rot?
Edward, Edward!
Dein Schwert, wie ist's von Blut so rot?
Und gehst so traurig da? O!
Ich hab geschlagen meinen Geier tot,
Mutter, Mutter!
Ich hab geschlagen meinen Geier tot,
Und das, das geht mir nah. O!
Deines Geiers Blut ist nicht so rot,
Edward, Edward!
Deines Geiers Blut ist nicht so rot,
Mein Sohn, bekenn mir frei. O!
Ich hab geschlagen mein Rotroß tot,
Mutter, Mutter!
Ich hab geschlagen mein Rotroß tot,
Und's war so stolz und treu. O!
Dein Roß war alt und hast's nicht not,
Edward, Edward!
Dein Roß war alt und hast's nicht not,
Dich drückt ein andrer Schmerz. O!
Ich hab geschlagen meinen Vater tot!
Mutter, Mutter!
Ich hab geschlagen meinen Vater tot,
Und das, das quält mein Herz! O!
Und was wirst du nun an dir tun,
Edward, Edward?
Und was wirst du nun an dir tun,
Mein Sohn, das sage mir! O!
Auf Erden soll mein Fuß nicht ruhn!
Mutter, Mutter!
Auf Erden soll mein Fuß nicht ruhn!
Will wandern übers Meer! O!
Und was soll werden dein Hof und Hall,
Edward, Edward?
Und was soll werden dein Hof und Hall,
So herrlich sonst, so schön? O!
Ach immer steh's und sink und fall!
Mutter, Mutter!
Ach immer steh's und sink und fall,
Ich werd es nimmer sehn! O!
Und was soll werden aus Weib und Kind,
Edward, Edward?
Und was soll werden aus Weib und Kind,
Wann du gehst übers Meer? O!
Die Welt ist groß, laß sie betteln drin,
Mutter, Mutter!
Die Welt ist groß, laß sie betteln drin,
Ich seh sie nimmermehr! O!
Und was soll deine Mutter tun,
Edward, Edward?
Und was soll deine Mutter tun,
Mein Sohn, das sage mir? O!
Der Fluch der Hölle soll auf euch ruhn,
Mutter, Mutter!
Der Fluch der Hölle soll auf euch ruhn,
Denn ihr, ihr rietet's mir! O!
 


              Der Mond

Und grämt dich, Edler, noch ein Wort
Der kleinen Neidgesellen?
Der hohe Mond, er leuchtet dort,
Und läßt die Hunde bellen
Und schweigt und wandelt ruhig fort,
Was Nacht ist, aufzuhellen.
 


    Die Fahrt zur Geliebten
              Lappländisch

Sonne, wirf den hellesten Strahl auf den Orra-See!
Ich möchte steigen auf jeden Fichtengipfel,
Wüßt ich nur, ich sähe den Orra-See.
Ich stieg auf ihn und blickte nach meiner Lieben,
Wo unter Blumen sie itzo sei.
Ich schnitt ihm ab die Zweige, die jungen frischen Zweige,
Alle Ästchen schnitt ich ihm ab, die grünen Ästchen.
Hätt ich Flügel, zu dir zu fliegen, Krähenflügel,
Dem Lauf der Wolken folgt‘ ich, ziehend zum Orra-See.
Aber mir fehlen die Flügel, Entenflügel,
Füße, rudernde Füße der Gänse, die hin mich trugen zu dir.
Lange genug hast du gewartet, so viele Tage,
Deine schönsten Tage,
Mit deinen lieblichen Augen, mit deinem freundlichen Herzen.
Und wolltest du mir auch weit entfliehn,
Ich holte dich schnell ein.
Was ist stärker und fester als Eisenketten, als gewunden Flechten,
So flicht die Lieb uns unsern Sinn um,
Und ändert Will und Gedanken.
Knabenwille ist Windeswille,
Jünglings Gedanken lange Gedanken.
Wollt ich alle sie hören, alle ?
Ich irrte ab vom Wege, dem rechten Wege.
Einen Schluß hab ich, dem will ich folgen,
So weiß ich, ich finde den rechten Weg.
 


                      Edward
                     Schottisch
Dein Schwert, wie ist's von Blut so rot?
        Edward, Edward!
Dein Schwert, wie ist's von Blut so rot,
        Und gehst so traurig her? – O!
O ich hab geschlagen meinen Geier tot,
        Mutter, Mutter!
O ich hab geschlagen meinen Geier tot,
        Und keinen hab ich wie Er – O!
Dein's Geiers Blut ist nicht so rot,
        Edward, Edward!
Dein's Geiers Blut ist nicht so rot,
        Mein Sohn, bekenn mir frei – O!
O ich hab geschlagen mein Rotroß tot,
        Mutter, Mutter!
O ich hab geschlagen mein Rotroß tot.
        Und 's war so stolz und treu – O!
Dein Roß war alt und hast's nicht not,
        Edward, Edward!
Dein Roß war alt und hast's nicht not,
        Dich drückt ein ander Schmerz – O!
O ich hab geschlagen meinen Vater tot,
        Mutter, Mutter!
O ich hab geschlagen meinen Vater tot,
        Und weh, weh ist mein Herz – O!
Und was für Buße willt du nun tun?
        Edward, Edward!
Und was für Buße willt du nun tun?
        Mein Sohn bekenn mir mehr – O!
Auf Erden soll mein Fuß nicht ruhn,
        Mutter, Mutter!
Auf Erden soll mein Fuß nicht ruhn,
        Will gehn fern übers Meer – O!
Und was soll werden dein Hof und Hall?
        Edward, Edward!
Und was soll werden dein Hof und Hall?
        So herrlich sonst und schön – O!
Ich laß es stehn, bis es sink und fall,
        Mutter, Mutter!
Ich laß es stehn, bis es sink und fall,
        Mag nie es wieder sehn – O!
Und was soll werden dein Weib und Kind?
        Edward, Edward!
Und was soll werden dein Weib und Kind,
        Wann du gehst über Meer? – O!
Die Welt ist groß, laß sie bettlen drin,
        Mutter, Mutter!
Die Welt ist groß, laß sie bettlen drin,
        Ich seh sie nimmermehr – O!
Und was willt du lassen deiner Mutter teur?
        Edward, Edward!
Und was willt du lassen deiner Mutter teur?
        Mein Sohn, das sage mir – O!
Fluch will ich Euch lassen und höllisch Feur,
        Mutter, Mutter!
Fluch will ich Euch lassen und höllisch Feur,
        Denn Ihr, Ihr rietet's mir! – O!
 


       Erlkönigs Tochter

Herr Oluf reitet spät und weit,
Zu bieten auf seine Hochzeitsleut;

Da tanzen die Elfen auf grünem Land,
Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.

»Willkommen, Herr Oluf! Was eilst von hier?
Tritt her in den Reihen und tanz mit mir.«

»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeittag.«

»Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Zwei güldne Sporne schenk ich dir.

Ein Hemd von Seide so weiß und fein,
Meine Mutter bleicht's mit Mondenschein.«

»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeitstag.«

»Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Einen Haufen Goldes schenk ich dir.«

»Einen Haufen Goldes nähm ich wohl;
Doch tanzen ich nicht darf noch soll.«

»Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir,
Soll Seuch und Krankheit folgen dir.«

Sie tät einen Schalg ihm auf sein Herz,
Noch nimmer fühlt er solchen Schmerz.

Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd.
»Reit heim nun zu deine'm Fräulein wert.«

Und als er kam vor Hauses Tür,
Seine Mutter zitternd stand dafür.

»Hör an, mein Sohn, sag an mir gleich,
Wie ist dein' Farbe blaß und bleich?«

»Und sollt sie nicht sein blaß und bleich,
Ich traf in Erlenkönigs Reich.«

»Hör an, mein Sohn, so lieb und traut,
Was soll ich nun sagen deiner Braut?«

»Sagt ihr, ich sei im Wald zur Stund,
Zu proben da mein Pferd und Hund.«

Frühmorgen und als es Tag kaum war,
Da kam die Braut mit der Hochzeitschar.

»Sie schenkten Met, sie schenkten Wein;
Wo ist Herr Oluf, der Bräutigam mein?«

»Herr Oluf, er ritt in Wald zur Stund,
Er probt allda sein Pferd und Hund.«

Die Braut hob auf den Scharlach rot,
Da lag Herr Oluf, und er war tot.
 


               Herr Oluf

Herr Oluf reitet spät und weit,
Zu bieten auf seine Hochzeitleut'.
Du tanzen die Elfen auf grünem Strand,
Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand:
"Willkommen, Herr Oluf, komm tanzen mit mir,
Zwei göldene Sporen schenke ich dir."
"Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Denn morgen is mein Hochzeittag."
"Tritt näher, Herr Oluf, komm tanzen mit mir,
Ein Hemd von Seiden schenke ich dir,
Ein Hemd von Seiden so weiß und fein,
Meine Mutter bleicht's mit Mondenschein!"
"Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Denn morgen ist mein Hochzeittag."
"Tritt näher, Herr Oluf, komm tanzen mit mir,
Einen Haufen Goldes schenke ich dir."
"Einen Haufen Goldes nähme ich wohl,
Doch tanzen ich nicht darf noch soll."
"Und willst du, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir,
Soll Seuch' und Krankheit folgen dir!"
Sie tät ihm geben einen Schlag aufs Herz,
Sein Lebtag fühlt' er nicht solchen Schmerz.
Drauf tät sie ihn heben auf sein Pferd:
"Reit' heim zu deinem Fräulein wert!"
Und als er kam vor Hauses Tür,
Seine Mutter zitternd stand dafür:
"Sag an, mein Sohn, und sag mir gleich,
Wovon du bist so blaß und bleich?"
"Und sollt ich nicht sein blaß und bleich?
Ich kam in Erlenkönigs Reich."
"Sag an, mein Sohn, so lieb und traut,
Was soll ich sagen deiner Braut?"
"Sagt ihr, ich ritt in den Wald zur Stund,
Zu proben allda mein Roß und Hund."
Früh Morgens als der Tag kaum war,
Da kam die Braut mit der Hochzeitschar.
Sie schenkten Met, sie schenkten Wein:
"Wo ist Herr Oluf, der Bräutigam mein?"
"Herr Oluf ritt in den Wald zur Stund,
Zu proben allda sein Roß und Hund."
Die Braut hob auf den Scharlach rot,
Da lag Herr Oluf und war tot.
 


          In Mitte der Ewigkeit
Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wegen schweben
und schwinden wir.
Und messen unsre trägen Tritte
nach Raum und Zeit;
und sind (und wissen's nicht) in Mitte
der Ewigkeit . . .



            Verklärung
Lebensfunke, vom Himmel entglüht,
Der sich loszuwinden müht!
Zitternd, kühn, vor Sehnen leidend,
Gern und doch mit Schmerzen scheidend!
End', o end' den Kampf, Natur!
Sanft ins Leben
Aufwärts schweben,
Sanft hinschwinden laß mich nur.
Horch!, mir lispeln Geister zu:
»Schwester-Seele, komm zur Ruh!«
Ziehet was mich sanft von hinnen?
Was ist's, was mir meine Sinnen,
Mir den Hauch zu rauben droht?
Seele, sprich, ist das der Tod?
Die Welt entweicht!
Sie ist nicht mehr!
Engel-Einklang um mich her!
Ich schweb' im Morgenrot!
Leiht, o leiht mir eure Schwingen;
Ihr Brüder-Geister, helft mir singen:
»O Grab, wo ist dein Sieg?
Wo ist dein Pfeil, o Tod?«