Herwegh

Seite 1

Inhalt

Biografie

Seite 3

      Der Freiheit eine Gasse!

                    1841

Vorm Feinde stand in Reih' und Glied
Das Volk um seine Fahnen,
Da rief Herr Struthahn Winkelried:
"Ich will den Weg euch bahnen!
Dir, Gott, befehl' ich Weib und Kind,
Die ich auf Erden lasse -"
Und also sprengt' er pfeilgeschwind
Der Freiheit eine Gasse.

Das war ein Ritter noch mit Fug,
Der wie ein heiß Gewitter
Die Knechte vor sich niederschlug -
O wär' ich solch ein Ritter,
Auf stolzem Roß von schnellem Huf,
In schimmerndem Kürasse,
Zu sterben mit dem Donnerruf:
Der Freiheit eine Gasse!

Doch zittert nicht! Ich bin allein,
Allein mit meinem Grimme;
Wie könnt' ich euch gefährlich sein
Mit meiner schwachen Stimme?
Dem Herrscher bildet sein Spalier,
Wie sonst, des Volkes Masse,
Und niemand, niemand ruft mit mir:
Der Freiheit eine Gasse!

Ihr Deutschen ebnet Berg und Tal
Für eure Feuerwagen,
Man sieht auf Straßen ohne Zahl
Euch durch die Länder jagen;
Auch dieser Dampf ist Opferdampf -
Glaubt nicht, daß ich ihn hasse -
Doch bahnet erst in Streit und Kampf
Der Freiheit eine Gasse!

Wenn alle Welt den Mut verlor,
Die Fehde zu beginnen,
Tritt du, mein Volk, den Völkern vor,
Laß du dein Herzblut rinnen!
Gib uns den Mann, der das Panier
Der neuen Zeit erfasse,
Und durch Europa brechen wir
Der Freiheit eine Gasse!


                    Vive le Roi!

      (Frei nach Hégésippe Moreau.)

                         1840

Vive le roi!... Wie haben Trugpropheten
Mit diesem Lügenwunsch ihn doch berauscht!
Wie gierig haben stets bei seinen Fêten
Furcht, Interesse, Eitelkeit gelauscht!
Ich mag den Herren ihre Kreuze gönnen,
Wenn ich sie so zu Hofe traben seh',
Und steh' beiseit', um rufen noch zu können:
Vive la liberté!

Vive le roi!... So hatten Höflings-Weise
Dem Hochmut eines Erdengotts gefrönt;
Wie ward ihr lauter Jubel doch so leise,
Als drauf der Leoniden Ruf ertönt!
O heil'ger Ruf, der noch in unsern Tagen
So prächtig klingt, wie bei Thermopylä!
Auch unsre Fahne soll als Wahlspruch tragen:
Vive la liberté!

Vive le roi!... Wie oft mußt' das erschallen
Von unsern Burgen, wenn am eignen Herd
In ihres Fürsten Namen die Vasallen
Erwürgte unsrer gnäd'gen Herren Schwert!
Noch heben nächtlich sie beim Mondenschimmer
Die blut'gen Klingen fluchend in die Höh',
Doch lächelnd schreibt der Wandrer auf die Trümmer:
Vive la liberté!

Vive le roi!... Ha! so erstickt der Sklave
Der Rache Ruf im eitelen Refrain;
Daß ja das ew'ge Kind recht ruhig schlafe,
Seht ihr, so wiegt man einen Fürsten ein!
Doch bricht das Wetter aus, so lang beschworen,
Ist er verlassen, ohne Schmeichler - Weh!
Dann donnert ihm vernichtend in die Ohren:
Vive la liberté!


       Vive la République!

  Beim Alpenglühen gedichtet

                   1840

Berg an Berg und Brand an Brand
Lodern hier zusammen;
Welch ein Glühen! - ha! so stand
Ilion einst in Flammen.
Ein versinkend Königshaus
Raucht vor meinem Blicke,
Und ich ruf' ins Land hinaus:
Vive la république!

Heil'ge Gluten, reiner Schnee,
Golden Freiheitkissen,
Abendglanzumstrahlter See,
Schluchten, wild zerrissen -
Daß im Schweizerlandrevier
Sich kein Nacken bücke!
Kaiser ist der Bürger hier;
Vive la république!

Eine Phalanx stehet fest,
Fest und ohne Wanken,
Und an euren Alpen meßt
Euere Gedanken!
Eurer Berge Kette nur
Ward euch vom Geschicke;
Auf die Kette schrieb Natur:
Vive la république!

Blumen um die Schläfe her
Steigen eure Höhen,
Frisch, wie Venus aus dem Meer,
Auf aus euren Seen;
Daß aus deinem Jungfernkranz
Man kein Röschen knicke,
Schweizerin, hüt' ihn wohl beim Tanz!
Vive la république!

Auf die Felsen wollte Gott
Seine Kirchen bauen;
Vor dem Felsen soll dem Spott
Seiner Feinde grauen!
Zwischen hier und zwischen dort
Gibt's nur eine Brücke:
Freiheit, o du Felsenwort!
Vive la république!


     Dem deutschen Volk

                 1841

Deutschland, o zerrissen Herz,
Das zu Ende bald geschlagen,
Nur um dich noch will ich klagen,
Und in einer Brust von Erz
Schweigend meinen kleinen Schmerz,
Meinen kleinen Jammer tragen,
Vaterland, um dich nur klagen.

Lustig grünt dein Nadelholz,
Lustig rauschen deine Eichen;
In den neununddreißig Reichen
Fehlt ein einzig Körnchen Golds:
Freier Bürger hoher Stolz
Fehlt im Lande sondergleichen,
In den neununddreißig Reichen.

Wenn ein Sänger für dich focht,
Wenn ein Mann ein Schwert geschwungen,
Hast du scheu nur mitgesungen,
Hast du schüchtern mitgepocht;
Und man hat dich unterjocht,
Hat dich in den Staub gezwungen,
Weil du gar so still gesungen.

Ihr beweinet's und bereut's -
Und das nennt ihr deutsche Treue?
Laßt die Tränen, laßt die Reue,
Soll nicht einst der Enkel Teuts
Sterben an der Zwietracht Kreuz,
Kämpf' und handle, Volk, aufs neue,
Denn der Teufel ist die Reue!

Tritt in deiner Fürsten Reihn!
Sprich: die neununddreißig Lappen
Sollen wieder besser klappen
Und ein Heldenpurpur sein;
Ein Reich, wie ein Sonnenschein!
Ein Herz, ein Volk und ein Wappen!
Helf' uns Gott - so soll es klappen!


         Das Lied vom Hasse

                     1841

Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluß
Dem Morgenrot entgegen,
Dem treuen Weib den letzten Kuß,
Und dann zum treuen Degen!
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!

Die Liebe kann uns helfen nicht,
Die Liebe nicht erretten;
Halt du, o Haß, dein jüngst Gericht,
Brich du, o Haß, die Ketten!
Und wo es noch Tyrannen gibt,
Die laßt uns keck erfassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!

Wer noch ein Herz besitzt, dem soll's
Im Hasse nur sich rühren;
Allüberall ist dürres Holz,
Um unsre Glut zu schüren.
Die ihr der Freiheit noch verbliebt,
Singt durch die deutschen Straßen:
"Ihr habet lang genug geliebt,
O lernet endlich hassen!"

Bekämpfet sie ohn' Unterlaß,
Die Tyrannei auf Erden,
Und heiliger wird unser Haß,
Als unsre Liebe, werden.
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!


           Gesang der Jungen

   bei der Amnestierung der Alten

                      1841

Wie Wogendonner vom fernen Meer,
Wie Wetter und Sturm im Lenze,
So brauset der Tag, der junge, daher,
Und die alten Kerker, sie werden leer -
Kredenze, mein Liebchen, kredenze! -
Doch weiß ich noch manch einen wackeren Mann,
Der drein mit Ehren kommen kann.
Gott schütze dich, Liebchen!

Ihr habt die Erlösung so nahe gedacht,
Ihr Brüder, ihr lustigen Zecher;
Ihr glaubtet zu fallen in blutiger Schlacht;
In den Kerkern wird uns Quartier gemacht -
Den Becher, mein Liebchen, den Becher! -
Die Alten heraus und die Jungen hinein!
Wie sollte der Weltlauf anders sein?
Gott schütze dich, Liebchen!

Es gehet auf Erden wieder um
Der Teufel mit wildem Gebrülle;
Die deutsche Lippe bleibet nicht stumm,
Der Deutsche schützet sein Heiligtum -
O fülle, mein Liebchen, o fülle! -
Der Himmel will's und das Herz gebeut's:
Wir sprechen wie Männer und tragen das Kreuz.
Gott schütze dich, Liebchen!

Vom hohen Turme schauet ein Aar -
Denk mein, Feinliebchen, o denke! -
Dort ruhet mein Arm, dort bleichet mein Haar;
Doch über drei Tage und über ein Jahr -
Schenk' ein, mein Liebchen, o schenke! -
Da läuten die Völker zum heiligen Sturm,
Wir leeren die Gläser und steigen vom Turm!
Gott grüße dich, Liebchen!


       An die deutschen Dichter

                      1840

Seid stolz! es klingt kein Gold der Welt
Wie eurer Saiten Gold;
Es ist kein Fürst so hoch gestellt,
Daß ihr ihm dienen sollt!
Trotz Erz und Marmor stürb' er doch,
Wenn ihr ihn sterben ließet;
Der schönste Purpur ist annoch
Das Blut, das ihr als Lied vergießet!

Der Ruhm der Herrscher wird verweht -
Lobpreis' ihn, wer da will!
Man jagt und spornt ihn, doch er steht
Mit ihrem Herzen still.
O laßt sie donnern fort und fort!
An ihrem Grab verhallt es.
Ihr Dichter, sprecht ein grollend Wort,
Und zu dem ew'gen Gotte schallt es!

Es hat dem Vogel in dem Nest
Der Himmel nie gewankt;
Er dünkt die Mächtigen nur fest,
Solang der Thron nicht schwankt!
Palast und Purpur hin und her,
Ob Glanz sie überschütte -
Seid stolz, seid stolz, ihr seid ja mehr;
Seid ihr nicht Könige der Hütte?

Blitzt ewig nicht der Tau im Feld
Gleich wie der Diamant?
Ist nicht ob dieser ganzen Welt
Ein Baldachin gespannt?
Wiegt nicht die Rebe, die hinauf
An einem Strohdach gleitet,
Den unfruchtbaren Efeu auf,
Der sich um Zwingherrnburgen breitet?

Hoch, Sänger, schlage euer Herz,
Wie Lerchen in der Luft!
Es ruht sich besser allerwärts,
Als in der Fürstengruft.
Ein Liebchen, das die Treue bricht,
Ist überall zu finden;
Verschmähet mir die Ringe nicht,
Doch laßt euch nie an Ketten binden!

Dem Volke nur seid zugetan,
Jauchzt ihm voran zur Schlacht,
Und liegt's verwundet auf dem Plan,
So pfleget sein und wacht!
Und so man ihm den letzten Rest
Der Freiheit will verkümmern,
So haltet nur am Schwerte fest,
Und laßt die Harfen uns zertrümmern!


                                          Anastasius Grün

(Wien, 13. Februar 1840. Anastasius Grün befindet sich seit einigen Tagen hier, um sich um den Kammerherrnschlüssel zu bewerben, da seine Frau, geborene Gräfin Attems, Sternkreuzordensdame wurde und doch nicht allein zu Hofe gehen kann. Der Graf soll dem Poeten völlig entsagt haben. Leipz. Allg. Z.)

                         1840

Ein heiß Gebet, befremdend wohl und neu,
Sei, Todesengel, heut an dich gerichtet:
Tritt in die Hütte, an die harte Streu,
In den Palast, und horch, wo einer dichtet!
Solang er sich und seinem Schmerze treu,
Bei seinem schönsten Lied werd' er vernichtet!
Für tausend Tote will ich Tränen haben;
Doch Lebende lernt' ich noch nicht begraben!

Ein Fähndrich warf das Banner hin und floh,
Und hat sein Heer, halb siegreich schon, verlassen.
Ich aber frage angsterfüllet: Wo,
Wo darf ich ferner lieben oder hassen?
Ein Lied, begeistert, traurig oder froh -
Am Ende wird's ein Spottlied auf den Gassen!
Das wie ein Held gepanzert vorwärts drang,
Dein Lied, auch deines, wär' der Lüge Klang?

O, sage: Nein! O, sage jenen Flachen,
Daß ewig deiner Seele sie nicht wert!
Die Freiheit träumte jüngst noch vom Erwachen,
Als du ein "neues Ostern" uns beschert -
Behalt das Ruder! steure fort den Nachen,
Blitz' durch die Finsternis mit deinem Schwert!
Du wolltest in dem Rat der Spötter stehen?
Ich will dich lieber auf dem Munkatsch sehen!

Was gibt es wohl, das unverdorben bliebe,
Wo jene schwere Luft des Dünkels weht?
Zum Hasse wird im Herzen dort die Liebe,
Vergiftet auf der Lippe das Gebet!
Kein Stern so schön, daß er nicht bald zerstiebe,
Wenn er am Ordenssternenhimmel geht!
Und alles um ein Weib? Soll ich es glauben?
Ein Weib darf dich dir selbst - doch uns nicht rauben!

Darf man den Tempel um ein Weib entweihn?
Mit einem Weib um goldne Götzen tanzen?
Du willst nicht mehr so frei sein, frei zu sein?
Dein Schwert als Kreuzlein auf die Brust dir pflanzen?
Ich such' den Dichter nur in unsern Reihn -
Leb' wohl! Leb' wohl! Ich lass' dich deinen Schranzen!
Schon hör' ich dich: "Herz, Herz - nicht mehr so warm!
Wir gehn zu Hofe - Gräfin - Ihren Arm!"


                            Béranger

                                1840

Frühling! Frühling! Die Feder wird zur Schwinge,
Und jedes Elend eine Seligkeit!
Frühling! Frühling! Der Griffel wird zur Klinge,
Die mutig die verjüngte Welt befreit!
Ein Lied mein Morgen- und mein Abendsegen,
Ein Lied für jeden Jubel, jedes Weh, -
Doch meiner Kränze schönsten laßt mich legen
Ums Silberhaar heut meinem Béranger!

Er küßte jede Freiheit in der Wiege,
Er weinte jeder in die Grube nach;
Er war der zweite Held bei jedem Siege;
Er rief den Donner für Tyrannen wach;
Es wurde zur erschütternden Lawine
Des holden Hauptes leichter Flockenschnee;
Der Freiheit ewig unerschöpfte Mine,
Es ist das Herz von meinem Béranger!

Die von der Heimat Boden sich verbannten,
Wo freier Seelen Opfer nichts mehr nützt,
Und ihr, des Zaren reinste Diamanten,
Die er vor Dieben in Sibirien schützt,
Auf deinen Bergen, kühner Suliote,
Du, Türk', in deiner luftigen Moschee,
Teilt heute zwischen ihm und eurem Gotte,
Teilt zwischen Gott und meinem Béranger!

Wer lag am Boden, den er nicht erhoben?
Und wessen Herz ist seinem Lied zu klein?
Wo ist die Hütte, drum er nicht gewoben
Hätt' einen Paradieses-Heil'genschein?
Du "Alter Vagabund", den ich dem Grabe
So grollend dort entgegenschleichen seh', -
Heil, dreifach Heil dem morschen Bettelstabe,
Dem Aaronstab von meinem Béranger!

Frühling! die Gärten wollen Rosen tragen,
Die ersten flugs hier meinem Mann ums Haupt!
Die Nachtigall, die für die Freiheit hat geschlagen,
Hat an die Liebe glühend auch geglaubt,
Doch wollt' er einzig von der Liebe singen,
Daß auch die Liebe bei der Freiheit steh', -
Ein Schwert mit Rosen wollen wir ihm bringen,
Ein Schwert mit Rosen meinem Béranger!


        Der Gang um Mitternacht

                           1840

Ich schreite mit dem Geist der Mitternacht
Die weiten stillen Straßen auf und nieder -
Wie hastig ward geweint hier und gelacht
Vor einer Stunde noch!... Nun träumt man wieder.
Die Lust ist, einer Blume gleich, verdorrt,
Die tollsten Becher hörten auf zu schäumen,
Es zog der Kummer mit der Sonne fort,
Die Welt ist müde - laßt sie, laßt sie träumen!

Wie all mein Haß und Groll in Scherben bricht,
Wenn ausgerungen eines Tages Wetter,
Der Mond ergießet sein versöhnend Licht,
Und wär's auch über welke Rosenblätter!
Leicht wie ein Ton, unhörbar wie ein Stern,
Fliegt meine Seele um in diesen Räumen;
Wie in sich selbst, versenkte sie sich gern
In aller Menschen tiefgeheimstes Träumen!

Mein Schatten schleicht mir nach wie ein Spion,
Ich stehe still vor eines Kerkers Gitter.
O Vaterland, dein zu getreuer Sohn,
Er büßte seine Liebe bitter, bitter!
Er schläft, - und fühlt er, was man ihm geraubt?
Träumt er vielleicht von seinen Eichenbäumen?
Träumt er sich einen Siegerkranz ums Haupt? -
O Gott der Freiheit, laß ihn weiter träumen!

Gigantisch türmt sich vor mir ein Palast,
Ich schaue durch die purpurnen Gardinen,
Wie man im Schlaf nach einem Schwerte faßt,
Mit sündigen, mit angstverwirrten Mienen.
Gelb, wie die Krone, ist sein Angesicht,
Er läßt zur Flucht sich tausend Rosse zäumen,
Er stürzt zur Erde, und die Erde bricht -
O Gott der Rache, laß ihn weiter träumen!

Das Häuschen dort am Bach - ein schmaler Raum!
Unschuld und Hunger teilen drin das Bette.
Doch gab der Herr dem Landmann seinen Traum,
Daß ihn der Traum aus wachen Ängsten rette;
Mit jedem Korn, das Morpheus' Hand entfällt,
Sieht er ein Saatenland sich golden säumen,
Die enge Hütte weitet sich zur Welt -
O Gott der Armut, laß die Armen träumen!

Beim letzten Hause, auf der Bank von Stein,
Will segenflehend ich noch kurz verweilen;
Treu lieb' ich dich, mein Kind, doch nicht allein,
Du wirst mich ewig mit der Freiheit teilen.
Dich wiegt in goldner Luft ein Taubenpaar,
Ich sehe wilde Rosse nur sich bäumen;
Du träumst von Schmetterlingen, ich vom Aar -
O Gott der Liebe, laß mein Mädchen träumen!

Du Stern, der, wie das Glück, aus Wolken bricht!
Du Nacht, mit deinen tiefen stillen Blauen,
Laßt der erwachten Welt zu frühe nicht
Mich in das gramentstellte Antlitz schauen!
Auf Tränen fällt der erste Sonnenstrahl,
Die Freiheit muß das Feld dem Tage räumen,
Die Tyrannei schleift wieder dann den Stahl -
O Gott der Träume, laß uns alle träumen!


            Schlechter Trost

                     1840

Du wirst ein schöner Leben schauen,
Und ewig, ewig bleibt es dein;
Man wird dir goldne Schlösser bauen,
Nur - mußt du erst gestorben sein!

Du wirst bis zu den Sternen dringen
Und stellen dich in ihre Reihn,
Von Welten dich zu Welten schwingen,
Nur - mußt du erst gestorben sein.

Du wirst, ein freier Brutus, wallen
Mit Brutussen noch im Verein,
All deine Ketten werden fallen,
Nur - mußt du erst gestorben sein.

Wenn Sünder in der Hölle braten,
So gehest du zum Himmel ein;
Du wirst geküßt und nicht verraten,
Nur - mußt du erst gestorben sein.

Ob ihm der Ost die Segel blähe,
Was hilft's dem morschen, lecken Kahn
Was hilft dem Fink die Sonnennähe,
Den tot ein Adler trägt hinan?


       Strophen aus der Fremde


                      1839

                         I.

              Auf dem Berge

Da wären sie, der Erde höchste Spitzen!
Doch wo ist der, der einst an sie geglaubt?
Das Auge sieht die Sonne näher blitzen,
Doch arm und sonnenlos ist dieses Haupt.

Ich sehe die granitnen Säulen ragen,
Und endlos wölbt das Blau sich drüber hin;
Doch will das Herz mir tief beklommen schlagen,
Wie unter einem Königsbaldachin.

Hier wollte ich als frommer Parse beten,
Hier singen nach der Sterne reinem Takt,
Hier mit der Donnerstimme des Propheten
Gotttrunken jauchzen in den Katarakt.

Ich wollte - ja, ich habe mich vermessen -
In diesen Bergen suchen mir mein Glück;
Ich wollte, ach! und konnte nicht vergessen
Die Welt, die ich im Tale ließ zurück.

O, wie verlangt mich nach dem Staub der Straßen,
Dem Druck der Not da unten allzumal!
Wie nach den Feinden selbst, die ich verlassen,
Und nach der Menschheit vollster, tiefster Qual!

Ihr glänzt umsonst, ihr Purpurwolkenstreifen,
Und ladet mich, gleich sel'gen Engeln, ein;
Ich kann den Himmel hier mit Händen greifen
Und möcht' doch lieber auf der Erde sein.

                           II.

Ich möchte hingehn wie das Abendrot
Und wie der Tag in seinen letzten Gluten -
O leichter, sanfter, ungefühlter Tod!
Mich in den Schoß des Ewigen verbluten.

Ich möchte hingehn wie der heitre Stern,
Im vollsten Glanz, in ungeschwächtem Blinken;
So stille und so schmerzlos möchte gern
Ich in des Himmels blaue Tiefen sinken.

Ich möchte hingehn wie der Blume Duft,
Der freudig sich dem schönen Kelch entringet
Und auf dem Fittich blütenschwangrer Luft
Als Weihrauch auf des Herren Altar schwinget.

Ich möchte hingehn wie der Tau im Tal,
Wenn durstig ihm des Morgens Feuer winken;
O wollte Gott, wie ihn der Sonnenstrahl,
Auch meine lebensmüde Seele trinken!

Ich möchte hingehn wie der bange Ton,
Der aus den Saiten einer Harfe dringet,
Und, kaum dem irdischen Metall entflohn,
Ein Wohllaut in des Schöpfers Brust erklinget.

Du wirst nicht hingehn wie das Abendrot,
Du wirst nicht stille wie der Stern versinken,
Du stirbst nicht einer Blume leichten Tod,
Kein Morgenstrahl wird deine Seele trinken.

Wohl wirst du hingehn, hingehn ohne Spur,
Doch wird das Elend deine Kraft erst schwächen,
Sanft stirbt es einzig sich in der Natur,
Das arme Menschenherz muß stückweis brechen.


            Ufnau und St. Helena

                        1841.

                           I.

Laut mit dem Schwall der Wogen ringend,
Durchzieht den See der stolze Dämpfer,
Und braust, das Schweizerbanner schwingend,
Dahin, ein zornentbrannter Kämpfer.

"Wenn wir an Ulrich Huttens Grabe,
Dort bei des Sees größter Breitung,
Dann rufe mich, mein Schifferknabe!"
Und weiter träumt' ich in der Zeitung.

Die Zeit, wie sich gebührt, in Ehren,
Kann mich die Zeitung nie erfreuen;
Doch mag der Teufel sie entbehren,
Der Mensch will nun einmal vom Neuen!

Frankreich! Ha - was wird dort verhandelt?
Gift? Dolch? Emeuten? Karbonaris?
Die Szene wiederum verwandelt?
Das Stück heißt Helena und Paris!

Sie haben ihren Unvergeßnen
Geraubt dem Schoß kristallner Wogen,
Den Helden aus dem Unermeßnen
In ihres Babels Kot gezogen.

Sie kamen über ihn im Schlafe,
Wie über Simson die Philister;
Es triumphiert der große Sklave,
Und pfiffig lächelt sein Minister.

Was Albion heilig, wird man lesen,
Das hat der Franken Volk vernichtet;
England ließ ruhig ihn verwesen,
Wo ihn der Weltgeist hingedichtet;

Wo ihn des Meeres Flut umschäumte,
Wo mit dem All er im Vereine
Wohl oft von jenem Goten träumte,
Des Grab doch sichrer als das seine.

O Spott! es schleppt in ihre Mauern
Ein Hänfling dieses Adlers Leiche;
Nicht Jubelschall, nur banges Trauern
Sollt' herrschen in der Franken Reiche.

Das eigne Volk saß zu Gerichte,
Des Kaisers Zauber ist geschieden;
Es schläft die fränkische Geschichte
Mit ihm im Dom der Invaliden!

                        II.

Ufnau! Hier modert unser Heiland,
Fürs deutsche Volk ans Kreuz geschlagen;
Ein deutsches Mekka wär' dies Eiland,
Hätt' ihn kein deutsches Weib getragen.

Der Hutten ist's und ihn erkür' ich
Zu meines Herzens erstem Helden;
Mein Weltmeer sei dein See, o Zürich!
Von seinen Mären laßt mich melden.

Der Hutten ist's, ob den Despoten
Verachtet ihr des Volkes Festen;
Ihr buhlet täglich mit den Toten,
Ach! und vergesset eure Besten.

Ihr weintet jener Hieroglyphe
Im Ozean manch verlorne Träne,
Und ahntet nicht die Wundertiefe
Der reinen deutschen Hippokrene.

Der Hutten ist's, ihr Männer tretet
Heran zum Hügel des Verbannten!
Der Hutten ist's, ihr Männer betet,
Und lernt ihn kennen, den Verkannten.

Die Freiheit schwanket zwischen Klippen
Umher auf steuerlosem Boote,
Schon nahn sich ihr mit ekeln Lippen
Zum Kusse die Ischariote.

Wir brauchen einen großen Schatten,
Des Geist um unsre Waffen schwebe,
Der, wenn im Kampfe wir ermatten,
Uns Blut von seinem Blute gebe.

O glaubet nicht, daß ihr ihn fändet
Auf jenem Fels im fernen Meere;
Hier ist ein Grab, noch ungeschändet
Hier ist der Stein der deutschen Ehre!

Wie zitterte manch stolzer Giebel,
Als donnernd einst in böser Stunde,
Gleich Schwerterklang zu Luthers Bibel,
Das Wort erscholl aus Huttens Munde!

Das Wort, das, als die Welt geknechtet,
Als finstrer Wahn sie unterjochte,
So kühn für alle Welt gerechtet,
So einsam an den Himmel pochte.

Ließ er sich von den Kutten meucheln,
Und hat er darum sterben müssen,
Daß nun die Enkel sonder Heucheln
Den Mantel von Marengo küssen?

Wie lang mit Lorbeern überschütten
Wollt ihr die korsische Standarte?
Wann hängt einmal in deutschen Hütten
Der Hutten statt des Bonaparte?


              Jacta alea est!


                     1841

Wiewohl mein' fromme Mutter weint,
Da ich die Sach' hätt' g'fangen an:
Gott woll' sie trösten, es muß gahn,
Und sollt' es brechen auch vorm End',
Will's Gott, so mag's nit werden g'wend't,
Darum will brauchen Füß' und Händ'.
Ich hab's gewagt.
U. Hutten

Ich hab's gewagt! und meine Fehde,
Sie währe fort;
Ich hab's gewagt! so steh' ich Rede
Für Manneswort.
Und vor des Thrones Stufen,
Wenn ihr nach meinem Rechte fragt,
Will ich mit Hutten rufen:
Ich hab's gewagt!

Von gestern ist mein Brief und Siegel,
Mein Pergament;
Ich weiß, daß außer meinem Spiegel
Mich niemand kennt.
Ihr laßt die Dämmrung gelten,
Bevor der helle Morgen tagt -
Wohlan - wer will mich schelten?
Ich hab's gewagt!

Ja, gibt der greise Knecht die Zölle
Dem Laster frei,
Dann sei der Jugend Glut die Hölle
Der Tyrannei.
Schaut her, die ihr am Alten
Euch euer Leben müde tragt,
Werft euer Haupt in Falten:
Ich hab's gewagt!

Ich sah in manch gepriesnem Tempel
Die Unnatur,
Auf manch erlauchter Stirn den Stempel
Des Kain nur;
Und ich ward ungeduldig,
Daß alles zagt und niemand klagt,
Ich donnerte ein: "Schuldig!"
Ich hab's gewagt!

Ich sah viel feige Riesen strecken
Zu Boden sich,
Manch übermütig Zwerglein recken
Sich fürchterlich;
Ich lacht' und sprach: O Zwerge,
Ob ihr auch aus dem Kote ragt,
Ihr seid drum keine Berge!
Ich hab's gewagt!

Ich sah im Hohepriesterkleide
Die Unvernunft,
Gleich Rohr zerbrechen ihre Eide
Die Henkerzunft;
Ich sah von schnöden Hunden
Der Freiheit Edelwild gejagt,
Und wusch ihm still die Wunden:
Ich hab's gewagt!

Dürft' ich an einer Marmorsäule
Ein Simson stehn,
In meiner Faust Herakles' Keule
Zum Schwunge drehn,
Wenn die Paläste brechen -
O Gott, was hast du mir's versagt? -
Zu den Despoten sprechen:
Ich hab's gewagt!


        An die Zahmen

                1841

Die ihr im Abendsäuseln schon
Des Herren Spur gewahrt,
Und denen er im Kräuseln schon
Der See sich offenbart -
O freut euch eurer Lose,
Und dankt und laßt mich gehn!
Im wilden Sturmgetose,
Im Feuer nur, wie Mose,
Mag ich den Herren sehn!

So einer glücklich, sonn' er sich
In Frieden vor dem Haus;
Ich lobe mir den Donner, ich,
Des Sinai Gebraus'.
Ich fühl's durch alle Nerven,
Durch alle Adern sprühn:
Ich möchte Speere werfen,
Ich möchte Klingen schärfen,
Und tatlos nicht verglühn.

Nicht mehr an Blumenhügeln möcht'
Ich liegen auf der Wacht,
In eines Streithengsts Bügeln möcht'
Ich wiegen mich zur Schlacht,
Nicht mehr im Mondschein wandeln,
Nicht länger schreiben mehr,
Ich möcht' nun einmal sandeln,
Ich möcht' nun einmal handeln -
Auf! bringt mir Fahnen her!

Laßt endlich das Geleier sein
Und rührt die Trommel nur!
Der Deutsche muß erst freier sein,
Dann sei er Troubadour.
Im Freiheitsfeuertranke
Werd' unser Reich erfrischt,
Ihr ewiger Gedanke
Führ' unser Schwert, das blanke,
Wenn's in die Feinde zischt!


              Gegen Rom

                     1841

Noch einen Fluch schlepp' ich herbei:
Fluch über dich, o Petri Sohn!
Fluch über deine Klerisei!
Fluch über deinen Sündenthron!
Nur Gift und Galle war, o Papst,
Was du vom Pol bis zu den Tropen
Der Welt mit deinem Zepter gabst,
Mit deinem Zepter von Ysopen.

Weh dir! Europas Kanaan,
Das einen Brutus einst gezeugt
Und jetzt sich vor dem Vatikan
Mit feigem Sklavengruße beugt;
Im Fleisch der Menschheit ward zum Pfahl
Die Wiege des Rienzi Cola,
Seit Luthern traf des Bannes Strahl
Und seit loyal dort nur Loyola.

Der Boden, der von Honig troff,
Nur Tränen bringt er noch hervor,
Seit Heinrich in des Pfaffen Hof,
Ein Knecht im Büßerhemde, fror;
Sein Weihrauch ist ein Grabgeruch,
Das Eden wurde zur Sahara,
Und zu Italiens Leichentuch
Die farbenglühende Tiara.

Doch spreiz' dich nicht, du stolzes Rom,
Dir ist ein baldig Ziel gesetzt;
Du bist ein längst versiegter Strom,
Der keines Kindes Mund mehr letzt;
Du bist ein tief gefallen Land,
Du bist das auferstandne Babel,
Der Trug ist deine rechte Hand,
Dein Schwert das Märchen und die Fabel.

Und ob du Diener dir erkürst
In aller Welt, du mußt vergehn;
Es kann wohl ohne Kirchenfürst
Der Geist, der heilige, bestehn.
Du Autokrat im Höllenpfuhl,
Empfange noch mein letztes Zeter!
Du Herrscher auf St. Petri Stuhl,
Fürwahr! du gleichest jenem Peter -

Dem keine Glut ins Antlitz flammt,
Wenn man ob Göttern hält Gericht,
Der, wenn man sie zum Kreuz verdammt,
Noch ruft: "Ich kenn' die Menschen nicht!"
Der, wenn die Erde selbst sich härmt
Und tief in sich zusammenschaudert,
Am Feuer seine Hände wärmt
Und mit des Richters Mägden plaudert.

Du bist kein Fels, wie Petrus war,
Du bist nur feig und schwach, wie er;
Ein Morgenhauch bringt dir Gefahr
Und streut dein Reich wie Sand umher!
Du wirst erliegen, Lügenhirt,
Empören werden sich die Denker,
Das Brausen des Jahrhunderts wird
Zertrümmern seine letzten Henker!