Herwegh

Seite 2

Inhalt

Biografie

Seite 4

  An den König von Preußen

Einst hat ein beßrer Mann gewagt,
Mit seinem Lied vor dich zu treten;
Du kennst ihn, der so unverzagt
Die Tyrannei bei dir verklagt
Und dich um deinen Schutz gebeten;
Um Schutz für jenes arme Land,
Das blutend vor dem Himmel stand
Und keine, keine Hilfe fand,
Als die Verzweiflung der Poeten.

O lebt' er noch, er würde heut
Dich aus dem süßen Schlummer stören,
Ob alle Welt dir Weihrauch streut
Und jeden Siegerkranz dir beut,
Sein stolzes Herz würd' sich empören.
Er spräch' dem falschen Jubel Hohn
Und nahte zornig deinem Thron;
Tot ist der Vater, und der Sohn,
Der Mächtige, er müßt' ihn hören.

Doch Platen schläft am fernen Meer,
Und Polen ist durch uns verloren;
In Ehrfurcht tret' ich zu dir her,
Wirf nach dem Dichter nicht den Speer,
Weil eine Hütte ihn geboren,
Weil er vor dir, dem Fürst, den Mut
Zu flehn hat für dein eigen Gut,
Zu flehen für dein eigen Blut,
Fürs deutsche Volk, dem du geschworen!

Sieh, wie die Jugend sich verzehrt
In Gluten eines Meleager,
Wie sie nach Kampf und Tat begehrt -
O drück' in ihre Hand ein Schwert,
Führ' aus den Städten sie ins Lager!
Und frage nicht, wo Feinde sind;
Die Feinde kommen mit dem Wind:
Behüt' uns vor dem Frankenkind
Und vor dem Zaren, deinem Schwager!

Die Sehnsucht Deutschlands steht nach dir,
Fest, wie nach Norden blickt die Nadel;
O Fürst, entfalte dein Panier;
Noch ist es Zeit, noch folgen wir,
Noch soll verstummen jeder Tadel!
Fürwahr, fürwahr, du tust nicht recht,
Wenn du ein moderndes Geschlecht,
Wenn du zu Würden hebst den Knecht;
Nur wer ein Adler, sei von Adel!

Laß, was den Würmern längst verfiel,
In Frieden bei den Würmern liegen;
Dir ward ein weiter, höher Ziel,
Dir ward ein schöner Ritterspiel,
Als krumme Lanzen grad' zu biegen.
Sei in des Herren Hand ein Blitz,
Schlag in der Feinde schnöden Witz,
Schon tagt ein neues Austerlitz,
Mögst du in seiner Sonne siegen!

Das ratlos auseinander irrt,
Mein Volk soll dir entgegenflammen;
Steh auf und sprich: "Ich bin der Hirt,
Der eine Hirt, der eine Wirt,
Und Herz und Haupt, sie sind beisammen!"
Das West und Ost, das Nord und Süd -
Wir sind der vielen Worte müd;
Du weißt, wonach der Deutsche glüht, -
Wirst du auch lächeln und verdammen?

Der Fischer Petrus breitet aus
Aufs neue seine falschen Netze;
Wohlan, beginn mit ihm den Strauß,
Damit nicht einst im deutschen Haus
Noch gelten römische Gesetze!
Bei jenem großen Friedrich! nein,
Das soll doch nun und nimmer sein.
Dem Pfaffen bleibe nicht der Stein,
An dem er seine Dolche wetze.

Noch ist es Zeit, noch kannst du stehn
Dem hohen Ahnen an der Seite,
Noch kannst du treue Herzen sehn,
Die gern mit dir zum Tode gehn,
Zum Tod und Sieg im heil'gen Streite.
Du bist der Stern, auf den man schaut,
Der letzte Fürst, auf den man baut;
O eil' dich! eh' der Morgen graut,
Sind schon die Freunde in der Weite.

Nun schweig, du ehernes Gedicht!
Des Fürsten Mund wird bitter schmollen.
Ich weiß, man hört die Sänger nicht,
Man stellt die Freien vor Gericht
Und wirft sie in die Schar der Tollen.
Gleichviel - wie er auch immer schmollt,
Ich hab' getan, was ich gesollt;
Und wer, wie ich, mit Gott gegrollt,
Darf auch mit einem König grollen.


                 Zuruf

                 1841

Schaut der Sonne Auferstehn!
Strahlend blickt sie in die Runde,
Strahlend, wie zur ersten Stunde,
Und hat vieler Jahre Leid gesehn.

Wie's auch stürme, haltet stand,
Junge Herzen, unverdrossen!
Der ihn einstens ausgegossen,
Hat den Geist uns abermals gesandt.

Bald erschallt in Ost und West
Jubel, millionentönig;
Freiheit heißt der letzte König,
Und sein Reich bleibt ewig felsenfest.

Nimmer schwingt in unsrem Haus
Der Kosake seine Knute,
Unsre deutsche Zauberrute
Schlägt noch manchen goldnen Frühling aus.

Junge Herzen, unverzagt!
Bald erscheint der neue Täufer,
Der Messias, der die Käufer
Und Verkäufer aus dem Tempel jagt.

Und die Götter nicht allein,
Schon der Mensch wird heilig leben,
Priester nur wird's fürder geben,
Und kein Laie mehr auf Erden sein.

Doch wie Donner ist sein Gang,
Und er naht nicht unter Psalmen,
Und man streut ihm keine Palmen,
Der Messias kommt mit Schwerterklang.

Darum legt die Harfen ab!
Laßt darin die Windsbraut spielen!
Unser warten Thermopylen,
Perser - und im Schatten manch ein Grab.


Sonette

                     Herbst 1840

 Aus einer größeren Sammlung "Dissonanzen"

                             I.

Was schmerzlich oft die Seele mir durchwühlte
Und drin in stillen Nächten sich bewegte,
Wie meine Mutter mich, die Zeit, erregte,
Was ich für sie, was ihr zum Trotz ich fühlte -

Hier ist es, wie ich's aus der Brust mir spülte,
Wie ich's in scharfgeschliffne Formen legte,
Vor roher Hand mit einem Zaun umhegte,
Beglückt, daß ich das Herz mir endlich kühlte.

Doch schaudert mich, so wild sind meine Musen,
Ein toll Geschlecht, gleich jener Rotte Kora,
Abscheuliche, versteinernde Medusen -

Allein nur zu - periculum in mora -
Fort mit den Ungeheuern aus dem Busen,
Und aufgetan die Büchse der Pandora!


                        II.

Ja, ich bekenn's, die Stimme Gottes ist
Des Volkes Stimme! und wer ihr vertraut,
Der hat sein Haus auf Felsen sich gebaut,
Indes der Zorn des Herrn die Frevler frißt.

Dem Sänger Heil, der ihrer nie vergißt,
Dem nur des Volkes Schmerz vom Auge taut,
Der nicht im eignen Jammer sich beschaut
Und selbstgefällig seine Sünden mißt!

Doch sollt' er drum nur Waffenträger sein,
Der dienend hinter seinem Heere steht
Und, wenn es not tut, reicht ein Schwert hinein?

Der nicht voran, ein Feuerzeichen, geht,
Und Seher ist wie sonst? Ich rufe: Nein!
Und dreimal: Nein! und stimme für Prophet!


                               III.

Der Gott des Friedens will uns nimmer segnen,
Den Ölzweig weinend auf die Seite legen;
Vom Nil zum Tajo höret man schon regen
Die Kriegsdämonen sich, die wildverwegnen.

Und mancher sieht im Geist nur Helden regnen,
Die sollen auf den Spitzen ihrer Degen
Der Völker künftige Geschichte wägen,
Und so dem Sturme stürmisch auch begegnen.

Der Dichter aber denkt man nicht, der stillen,
Wenn blutig weithin sich die Felder röten
Und Unheil alle finstern Mächte brauen.

Und doch - nur sie verstehn der Gottheit Willen,
Jetzt, eben jetzt sind Seher uns vonnöten,
Den Flug der Adler wieder zu beschauen!


                             IV.

An A.A.L. Follen in Zürich, als er nach Deutschland übersiedeln wollte

Manch böser Geist haust in Helvetiens Schlünden,
Manch schlimmer Pfaffe keucht den Berg hinan,
Der Teufel bricht sich mit dem Kreuze Bahn,
Der Teufel in den frommen Talesgründen.

Doch lieb' ich sie mit allen ihren Sünden.
Ha! klebt nicht Winkelriedens Blut daran?
Hier ist die Wüste und das Kanaan,
Um, ein Prophet, der Welt das Heil zu künden.

Hier fliegen noch die Adler, mein Follen -
Hier rauschen sie noch über deinem Haupte -
Was willst du tot sie und gefangen sehn?

O laß den Traum, an den der Jüngling glaubte,
Vergiß, wo frische Alpenrosen stehn,
Der deutschen Freiheit Rose, die bestaubte!


                           V.

Wer etwas auf dem Herzen hat, der eile
Es noch beizeiten vor sein Volk zu bringen;
Schon rührt der Hader seine schwarzen Schwingen,
Schon liegt das Haupt des Friedens unterm Beile.

Der Henker harrt, daß er's vom Rumpfe teile,
Bald wird der Blutstrahl in die Lüfte dringen,
Verharschte Wunden werden wieder springen,
Und fehlen wird der Arzt dann, der sie heile.

Schon hör' ich ferne die Kanonen brummen,
Die Säbel klirren und die Trommel schallen,
Kein Vogel will im Wald sein Lied mehr summen.

Noch eine Nacht - die Würfel müssen fallen;
Dann gibt's ein trübes, trauriges Verstummen,
Des Hahnen Ruf verscheucht die Nachtigallen.


                         VI.

Ich zähle gerne mit bei guten Christen
Und streite ritterlich und ohne Wanken,
Wenn sie uns wollen das Gemüt abdanken,
Die unausstehlich pfiffigen Sophisten.

Doch hass' ich das Gemüt der Pietisten,
Das, frech getreten aus des Anstands Schranken,
Uns möcht' die reinsten himmlischen Gedanken
Mit seinen Nebelworten überlisten.

Auch mir hat sich das Aug' schon oft genetzt,
Sah ich das Herz mißhandelt und zerschlagen
Und von den Rüden des Verstands gehetzt.

Es darf das Herz wohl auch ein Wörtchen sagen;
Doch ward es weislich in die Brust gesetzt,
Daß man's so hoch nicht wie den Kopf soll tragen.


                            VII.

Nie wurden noch die Silben mehr gemessen,
Und glaubt man unserm kritischen Gelichter,
So wäre schier der dritte Mann ein Dichter
Von Thule bis zum Lande der Tscherkessen.

Und alle nur auf eitel Ruhm versessen,
Ein jeglicher Poet begehret, spricht er
Zwei Verse nur, gleich Publikum und Richter,
Und würd' sein Pfeifen anders bald vergessen.

Doch mir deucht nur ein Dichter, der noch sänge,
Der seinen Wohllaut noch verströmen müßte,
Wo keines Menschen Stimme zu ihm dränge:

Im stillen Meer an unwirtbarer Küste -
Zuhörer nur die wilden Felsenhänge -
Und in Arabiens grauenvoller Wüste.


                        VIII.

Von Büchern liegt vor mir ein Perserheer,
Doch keins kann mir den Unmut ganz verwischen;
Der will den Geist auf Reisen sich erfrischen,
Der holt sich seinen Helden über Meer.

Unwillig schwingt der Kritiker den Speer:
Warum die fremde Kost auf unsern Tischen?
Warum nach Gold in fremden Flüssen fischen?
Ist unsre Heimat, unser Herz so leer?

Geh wieder in dein Kämmerlein und dichte!
Brauchst keinen Turban, keine welschen Blusen;
Zünd' deinen Zunder an am eignen Lichte!

Greif, Sänger, wieder in den eignen Busen,
In deines eignen teuren Volks Geschichte!
Da, oder nirgends wohnen deine Musen.


                          IX.

              Den Naturdichtern

Titan und Zwerg, das Große, wie das Kleine,
Ist Poesie, und Poesie im Halme,
Wie in des Orientes stolzer Palme,
Und Poesie noch in der Weisen Steine;

Und Poesie die Mück' im Sonnenscheine,
Und Poesie in eines Dampfschiffs Qualme,
Und Poesie auf einer Schweizeralme,
Und Poesie vor allem auch im Weine.

Wo euch des Himmels heil'ge Luft umweht,
Da rauscht die Poesie mit ihren Schwingen;
Sie fehlet nie, oft fehlt nur der Poet.

Wie Gott, ist sie zuletzt in allen Dingen:
Doch wenn einmal ein Löwe vor euch steht,
Sollt ihr nicht das Insekt auf ihm besingen.


                            X.

Ein Glück, ihr Götter, oder nur ein Leiden,
Ein himmlisch würdig Leiden eurem Sohne!
Im Grunde ist es doch die Dornenkrone,
Um die wir eure Lieblinge beneiden.

Ich kann das Glück mit stummem Lächeln meiden -
Naht' ich mich je, ein Sklave, seinem Throne? -
Nur eines wünsch' ich, daß ich einst nicht ohne
Des Unglücks Weihe mög' von hinnen scheiden.

Ich bin entsagend gern zurückgeblieben,
Wenn blühendrot das Volk sich auf den Straßen,
Mit seinen Dirnen schäkernd, umgetrieben;

Doch manch ein stilles Antlitz von den blassen,
War's auch nur um ein unglückselig Lieben,
Es mußte sich von mir beneiden lassen.


                                XI.

                            Shelley

Um seinen Gott sich doppelt schmerzlich mühend,
War er ihm, selbsterrungen, doppelt teuer,
Dem Ewigen war keine Seele treuer,
Kein Glaube je so ungeschwächt und blühend.

Mit allen Pulsen für die Menschheit glühend,
Saß immer mit der Hoffnung er am Steuer;
Wenn er auch zürnte, seines Zornes Feuer
Nur gegen Sklaven und Tyrannen sprühend.

Ein Elfengeist in einem Menschenleibe,
Von der Natur Altar ein reiner Funken,
Und drum für Englands Pöbelsinn die Scheibe;

Ein Herz, vom süßen Duft des Himmels trunken,
Verflucht vom Vater und geliebt vom Weibe,
Zuletzt ein Stern im wilden Meer versunken.


                               XII.

Die ihr voll Mut zu schleudern euch nicht scheutet
Ein blitzend Wort in unsers Lebens Schwüle,
O Glück, wenn ihr euch auf dem Sterbepfühle
Vom Neid zerstückter Kränze noch erfreutet!

Wie haben Ruhm in Scheffeln sich erbeutet;
Die ruhig trabten ihren Weg zur Mühle
Und immer hübsch die trunkensten Gefühle
Gleich tauben Blüten aus dem Korn gereutet!

Brauch' deine Hand, die ist der Welt genug,
Und Kopf und Herz sind beide überflüssig;
Man will den Flaum vom Vogel, nicht den Flug.

Kannst du nur dichten, gehe lieber müßig;
Die Welt, die stets das Ungereimte trug,
Ist des Gereimten schnell sehr überdrüssig.


                           XIII.

O lobt euch nur des Westes Schmeichelwehen,
Wenn kräuselnd er ob blauen Flächen zittert
Und kaum dem Schilf ein welkes Blatt zerknittert -
Ihr stillen Seelen, mög's euch wohlergehen!

Ich aber muß das Meer im Sturme sehen,
Wenn Segel reißen, wenn der Mast zersplittert,
Wenn's in mir, um mich, über mir gewittert,
Wenn Luft und Wasser hell im Brande stehen.

Ihr mögt ein ungleich größer Glück erfahren,
Daß eure Gluten lange schon verlodert,
Eh' euer Leib im Schoß der Erde modert.

Ich werd' nun einmal wilder mit den Jahren,
Die Leidenschaft ist mein Eliaswagen,
Und Feuer nur kann mich zum Himmel tragen.


                           XIV.

Auch ich wär' nach der süßen Ruhe lüstern,
Auch ich möcht' unter Blütenbäumen liegen,
Ein treues Liebchen in den Armen wiegen,
Statt also mir das Leben zu verdüstern!

Ließ' nur, wie sonst, der Lorbeer sich erflüstern,
Ließ' nur, wie sonst, die Palme sich ersiegen;
Das Musenpferd muß jetzt zum Ziele fliegen
Mit wildrem Hufschlag, flammensprühnden Nüstern.

Die große Zeit zertrümmerte die Flöte,
Sie braucht Posaunen und den tiefsten Basso,
Und schwarze Nacht statt milder Abendröte.

Die Losung ist nun Dante, und nicht Tasso.
Was sollen uns noch Schiller oder Goethe?
Was soll uns gar der Pascha Semilasso?


                          XV.

Wie blinkend sie von eurem Ruder triefe,
Die Perle stammt doch oft aus dunkler Quelle;
Klar scheint in flacher Hand so manche Welle,
Die doch geschöpft aus grauenvoller Tiefe.

Schließt, wie's auch einer Welt zuwiderliefe,
Aufs Heiligtum nie von der blanken Schwelle,
Das Einzelwort mag faßlich sein und helle,
Der ganze Geist bleibt eine Hieroglyphe.

O denket immer bei des Dichters Pracht,
Bei allen seinen funkelnden Gesteinen,
Daß ihre Mutter ist die heil'ge Nacht!

Sein Rauschen mögt ihr zu verstehen meinen;
Er selbst birgt sich ein See im Felsenschacht,
Der ewig sieht des Himmels Sterne scheinen.


                         XVI.

Ich kann oft stundenlang am Strome stehen,
Wenn ich entflohen aus der Menschen Bann;
Er plaudert hier, wie ein erfahrner Mann,
Der in der Welt sich tüchtig umgesehen.

Da schildert er mir seiner Jugend Wehen,
Wie er den Weg durch Klippen erst gewann,
Ermattet drauf im Sande schier verrann,
Und jedes Wort fühl' ich zum Herzen gehen.

Wie wallt er doch so sicher seine Bahn!
Bei allem Plänkeln, Hin- und Wiederstreifen
Vergißt er nie: "Ich muß zum Ozean!"

Du, Seele, nur willst in der Irre schweifen?
O tritt, ein Kind, doch zur Natur heran
Und lern' die Weisheit aus den Wassern greifen!


                           XVII.

Die uns als wilde, rohe Zweifler hassen,
Und drob manch derben Fluch uns schon gespendet,
Die frommen Leute - wie sind sie verblendet;
Der Glauben ist's, von dem wir nimmer lassen.

Zieht erst der Frühling jubelnd durch die Straßen,
Wie wird des Herzens eitler Trotz gewendet,
Daß sich's mit jedem Strauch nach oben wendet,
Ein Stück des schönen Himmels zu erfassen!

Ja, naht des Jahres Fürst mit seinem Hof,
Und jauchzt der Lenz in Bergen und in Klüften,
Wo klagend kaum der Nebel niedertrof -

Schlief' auch sein Glaube dann in Todesgrüften,
Der ew'ge Faust, der stolze Philosoph,
Er hascht ihn wieder aus den blauen Lüften.


                           XVIII.

Der Tod, ihr Freunde, ja der Tod soll leben!
Ich hab' ein glühend Lied in tiefster Nacht
Dem treusten Freund der Erde angefacht;
Die Toten will ich und den Tod erheben!

Wir sind nur Kinder, die mit Widerstreben,
Gleich Tropfen von dem Meer, sich losgemacht,
Und die vom Tode werden heimgebracht
Und liebend an das All zurückgegeben.

Vernichtung dünkt euch eine herbe Pille?
Doch - heischt' das Element nicht diesen Zoll,
Das Sterben würde unser eigner Wille.

Das Sterben macht das Leben ganz und voll;
Erst sei das Herz in unsrem Busen stille,
Wenn's in der Brust der Menschheit schlagen soll.


                           XIX.

Von Hermelin den Mantel umgeschlagen,
Das trunkne Haupt weit über mir im Blauen,
Die Alpen - wie so stolz darein sie schauen,
Als wüßten sie, daß sie den Himmel tragen!

Gleich leichtbeschwingten Liebesboten jagen
Die Silberströme hin durch Nacht und Grauen,
Dem Ozeane von den hohen Frauen
Manch einen sehnsuchtsvollen Gruß zu sagen.

Die Herden läuten und die Adler fliegen,
Das ist ein ewig Rauschen, ewig Rinnen,
Als könnt' das Leben nimmer hier versiegen.

Läßt sich ein schöner, schöner Bild ersinnen?
Und doch hab' ich das schönste noch verschwiegen:
Den frommen, stillen Friedhof mitten drinnen!


                            XX.

Der Freiheit Priester, der Vasall des Schönen,
So wird der Dichter in die Welt gesandt;
Ein Troubadour zieh' er von Land zu Land,
Das Herrlichste mit seinem Lied zu krönen.

Die Heldentat gewinn' in seinen Tönen
Für alle Zeiten sicheren Bestand,
Den eignen Kummer schreib' er in den Sand,
Des eignen Herzens mög' er sich entwöhnen.

Ein Gärtner, dem der Garten nur gegeben,
Für fremde Busen Blumen draus zu pflücken,
Ein Winzer, der für Fremde baut die Reben -

Sei all sein Trost, nur andre zu beglücken;
Dem armen Taucher gleich, wag' er das Leben,
Mit seltnen Perlen seine Zeit zu schmücken.


                            XXI.

O Freiheit, Freiheit! Nicht wo Hymnen schallen,
In reichgeschmückten fürstlichen Arkaden -
Freiheit! Du wohnst an einsamen Gestaden,
Und liebst die Stille, wie die Nachtigallen.

Du fliehest das Geräusch der Marmorhallen,
Wo trunkne Schlemmer sich im Weine baden,
Du läßt in Hütten dich zu Gaste laden,
Wo Tränen in die leeren Becher fallen.

Ein Engel nahst du bei verschloßnen Türen,
Stellst lächelnd dich an deiner Treuen Bette,
Und horchst der himmlischen Musik der Kette.

Nicht stolze Tempel wollen dir gebühren,
Drin wir als Opfer unsern Stolz dir bieten -
Wärst du die Freiheit, wenn wir vor dir knieten?


                          XXII.

                   Die Geschäftigen

Nicht einen Hauch vergeuden sie, nicht einen,
Nein, alles wird gleich für den Markt geboren,
Kein Herzensschlag geht ohne Zins verloren,
Die Herren machen Brot aus ihren Steinen.

Sie machen Brot aus Lachen und aus Weinen -
Ich hab' mir die Beschaulichkeit erkoren,
Und niemals streng gerechnet mit den Horen,
Ich denke fromm: "Gott gibt's im Schlaf den Seinen!"

Ich kann des Lebens banggeschäftig Rauschen,
Dies laute Tun und Treiben nicht verstehn,
Und möcht' mein einsam Glück nicht drum vertauschen.

Laß mich die stillen Pfade weiter gehn,
Der Wolken und der Sterne Zug belauschen,
Und schönen Kindern in die Augen sehn!


                       XXIII.

Sei mir gesegnet, frommes Volk der Alten,
Dem unglückselig sein hieß: selig sein,
Das jedes Haus, in das der Blitz schlug ein,
Für ein dem Zeus geweihetes gehalten!

Du fühltest wohl, des Himmels heimlich Walten
Enthüll' sich den Geschlagenen allein,
Und da leucht' erst der Wahrheit voller Schein,
Wo sich das Herz, der Wolke gleich, gespalten.

O sprecht, war's nicht zumeist des Unglücks Stunde,
Die euch hinan zum Ewigen gehoben,
Der Himmelsoffenbarung klang vom Munde?

Der Frieden nicht, der Sturm trägt uns nach oben,
Die höchsten Freuden sind auf dunklem Grunde,
Gleichwie des Äthers Sterne, eingewoben.


                           XXIV.

Nimm nicht als Himmel an die Wolkenschichte,
Erprobe selbst dein jugendlich Gefieder,
Wirf mutig in die schwanken Schalen nieder
Des Zweifels deine eigenen Gewichte!

Erwärm' den Geist am selbstgeschaffnen Lichte,
Und forsche heut und forsche morgen wieder,
Senk' nie zufrieden deine Augenlider,
Ruf deinen Glauben täglich zu Gerichte!

Doch was du immer wagest, o beschönig's
Nie vor den Menschen durch ein zaghaft Schweigen,
Bekenn' es mit dem Freimut eines Königs!

Ob sie dir flammend auch den Holzstoß zeigen;
Mit Flammen tauft der Ewige den Phönix,
Der stolz soll über ihre Wasser steigen.


                             XXV.

Am schönsten Tag um einen Wunsch betrogen,
Und eine Niete jede, jede Karte,
An meinem Schwerte Scharte nur an Scharte,
Wenn einmal aus der Scheide ich's gezogen.

Doch halt' ich mutig über allen Wogen
Die Poesie, die leuchtende Standarte,
Durch sie versöhn' ich mein Geschick, das harte,
Den rauhsten Sturm mit ihrem Regenbogen.

Nie tönte meine Leier Tod und Fluch,
Nie schnitt ich aus des Hyperioniden
Purpur ein traurig-düstres Leichentuch;

Der Herr hat mir ein frommes Herz beschieden,
Die Welt ist mir ein heilig, heilig Buch,
Drin alle Blätter flüstern: Frieden! Frieden!


                         XXVI.

Wir haben, was auch eine Sage schreibe,
Den Funken des Prometheus nicht gepachtet;
So tief wir unter uns das Weib geachtet,
Die reinste Flamme wohnt in seinem Leibe.

Und wer dem selbstisch frostigen Getreibe,
Das ihm des Herzens liebste Kinder schlachtet,
Wer dieser Kälte zu entrinnen trachtet,
Wo flöh' er hin, als zu dem treuen Weibe?

Ein Felsen ist der Mann, der nur erglüht,
Wenn trotzig er gen Himmel sich erhoben,
Zurück ihm schleudernd seiner Sonne Strahlen;

Ein stiller See des Weibes weich Gemüt,
Das fromm in sich empfängt das Licht von oben,
Drin sich die Himmel himmlischer noch malen.


                             XXVII.

Tot ist die Freundschaft! Wer mag sie noch singen?
Mit manchen Göttern ward in unsern Tagen
Auch diese Göttin von dem Volk erschlagen,
Und niemand will ihr mehr ein Opfer bringen.

Allein mußt du entfalten deine Schwingen,
Allein nach deinen Idealen jagen,
Allein dich auf die See des Lebens wagen,
Allein, allein nach deinem Himmel ringen.

Der Alten denkt man wohl in manchen Stunden,
Und auch ihr Geist, so gern man sich's verhehlte,
Ist aus der Jugend noch nicht ganz verschwunden;

Doch hin das Herrlichste, was sie beseelte;
Würd' ein Aristogiton heut gefunden,
Ich glaube, daß ihm der Harmodius fehlte.


                         XXVIII.

                  Einer Schriftstellerin

Du willst den Lorbeer auf die Locken drücken,
Nicht einsam mehr in stillen Nächten beten,
Hin auf den Markt mit deinen Tränen treten,
Ein müßig Volk mit deinem Schmerz beglücken?

Nur Rosen sollten dir die Stirne schmücken,
Und nicht die Martyrkrone des Poeten,
Das ist fürwahr der Mund nicht zum Propheten,
Und würd' mit Küssen leichter uns entzücken.

Daß meine Nachtigall im Dunkeln bliebe!
Schwer wird die Höh', nach der du strebst, erklommen,
Wär's auch, daß dich ein starker Genius triebe.

Nur Hekatomben werden angenommen
Auf dem Altar des Ruhms, auf dem der Liebe -
- O liebe! - ist ein Scherflein auch willkommen


                         XXIX.

Tief, tief im Meere sprach einst eine Welle:
Wie glücklich müssen meine Schwestern leben,
Die droben strahlend auf und nieder schweben;
O dürft' ich einmal an des Tages Helle!

Wie sie gebeten, so geschah ihr schnelle,
Sie durfte aus dem dunkeln Schoß sich heben;
Doch kaum war ihr ein Sonnenstrahl gegeben,
Lag sie schon sterbend an des Ufers Schwelle.

O mögen alle doch ihr Schicksal loben,
Die still geheim des Lebens Kreis beschreiben
Und nie die Wut der offnen See erproben.

O mögen sie in tiefer Nacht verbleiben,
Und ihrer keiner streben je nach oben,
Um mit den Winden auf den Sand zu treiben.


                           XXX.

                       Freiligrath

Der Himmel fing von neuem an zu blauen,
Der Winter sich zum Abmarsch anzuschicken,
Die Erde sich mit jungem Grün zu sticken, -
Ich nahm dein Buch, recht tief darein zu schauen.

Und mich erfaßt ein heimlich lüstern Grauen;
Ich seh' die alten Straußenfedern nicken,
Und glaub' in Tausend eine Nacht zu blicken -
Hier, denk' ich, wären so für mich die Frauen!

Da bringt mein Mädchen mir die ersten Veilchen;
Im blauen Schal, im leichten Rosakleide,
Die weiche Hand das einzige von Seide.

Dein Orient ruht wieder auf ein Weilchen,
Mein Herz, kaum nach der Fremde so begehrlich,
Bleibt gern im Lande nun und nährt sich ehrlich


                         XXXI.

                Unsern Künstlern

Das Leben hat am Ende doch gewonnen,
Und all die überhimmlischen Gestalten,
Verklärten Leiber und verklärten Falten,
Die schattenhaft durchsichtigen Madonnen,

Aus Ätherduft und Veilchenblau gesponnen,
Die nur auf Rosen und auf Lilien wallten, -
Sie konnten sich nicht mehr zusammenhalten,
Und sind in Andacht gottvollst nun zerronnen.

Doch, liebe Künstler, drum kein Klaggestöhn!
Die Erde mag noch viel des Guten treiben,
Verlasset nur die schroffen, kühlen Höhn;

Sucht wieder Gott der Welt einzuverleiben!
Das Heilige gelingt so selten schön,
Das Schöne nur wird ewig heilig bleiben.


                        XXXII.

Wie Jakob hab' ich oft mit Gott gerungen,
Oft fühlt' ich meinen Glauben zweifelnd stocken,
Und oftmals haben eure Kirchenglocken,
Ich leugn' es nicht, verdrießlich mir geklungen.

Ich habe gern mein eigen Lied gesungen,
Gesponnen gern von meinem eignen Rocken,
Bin nie nach eines Priesters schmalen Brocken,
Ein hungeriger Zionsheld, gesprungen.

Doch scheint auch ihr mir nicht vom besten Stempel,
Und so verschmerz' ich euer pfäffisch Schnauben
Und euere für mich verschloßnen Tempel.

Wär' ich wie Schlangen klug und fromm wie Tauben,
Würd' ich ein Heiliger gar zum Exempel -
Ihr steinigtet mich wohl um meinen Glauben!


                    XXXIII.

                 Russophobie

Die einen:

Wie gehet ihr nur so verkehrte Bahnen!
Ihr hättet besser ewig sie gemieden,
Euch gänzlich von der Politik geschieden,
Ihr Geisterseher, ihr Baschkiromanen!

Ihr möchtet gern Europas Zukunft ahnen?
Ich sag' euch, unsre Freiheit wird hienieden
Kein Zar an seinen Kaukasus je schmieden,
Ihr Geisterseher, ihr Baschkiromanen!

Die andern:

Ihr werdet sie zu frühe nur verlieren,
Und euer Spott wird in sich selbst zunichte,
Denn alles, alles deutet auf Baschkiren.

Reißt man sich nicht um russische Gedichte?
Wird Raupach wohl umsonst dramatisieren
Schon jetzt die ganze russische Geschichte?


                       XXXIV.

              Pferdeausfuhrverbot

Wir müssen uns beizeiten tüchtig rühren,
Und können drum, trotz manchem schönen Gulden,
Getreue Untertanen, nimmer dulden,
Daß Franken eure Pferde uns entführen.

Wir wollen nicht zu früh das Feuer schüren,
Wir tun nur, was wir unsern Liebden schulden.
Beschlossen demgemäß in allen Hulden,
Also zu steuern solchen Ungebühren:

Habt uns ein Aug' auf jede Mäklerschar,
Daß sie uns keinen Huf kontrebandieren,
Vom Karrengaule bis zum Bairaktar!

Doch naht sich eins von unsern Flügeltieren,
Die sind zum Kriegsdienst völlig unbrauchbar -
Laßt sie die Grenzen immerhin passieren!


                      XXXV.

    Franz Dingelstedts Jordanslied

Die Nachtigall hat für den Aar gesungen,
Der, fortgeflogen aus dem Alpenlande,
Verschmachtend lag in unsrem deutschen Sande,
Weil er sich hat zu hoch hinangeschwungen.

Wem wäre nicht ihr Lied ans Herz gedrungen,
Ihr grollend, rührend Lied von unsrer Schande?
Doch sprecht, wann sind bei uns der Freien Bande
Von eines Sängers Liede je gesprungen?

Du sankest, schier ein Knecht, am Throne nieder,
Damit der Freie bälder auferstände;
Geh hin, mein Freund, und frag' nach Jahren wieder!

Statt seiner Alpen bleiben ihm vier Wände;
Die Macht, sie lächelt über deine Lieder,
Und wäscht noch, ein Pilatus, sich die Hände.


                        XXXVI.

                  Ludwig Uhland

Nur selten noch, fast graut's mir, es zu sagen,
Nehm' ich der Freiheit Evangelium,
Den Schatz von Minne und von Rittertum
Zur Hand in unsern hartbedrängten Tagen.

Wie hab' ich einst so heiß dafür geschlagen!
Wie hastig dreht' ich Blatt um Blatt herum!
Ich kann nicht mehr - ich kann nicht - sei es drum!
Es soll doch niemand mich zu schelten wagen.

Ein ander Hassen und ein ander Lieben
Ist in die Welt gekommen, und von allen
Sind wenig Herzen nur sich gleich geblieben.

So sind auch deine Lieder mir entfallen;
Ein einziges steht fest in mir geschrieben;
Kennst du das Lied: "Weh euch, ihr stolzen Hallen!"


                    XXXVII.

  Deutsche und französische Dichter

Gemälde, Spiegel, Uhren und Tapeten,
Und rings, wie bei dem türkischen Sultane,
Von Samt und Seide strotzende Diwane,
Auch Kruzifixe, nie davor zu beten.

So lieben's überm Rheine die Poeten;
Ums Haupt gewunden farbige Turbane,
Durch Wolken Weihrauchs rauschend im Kaftane -
Sind das noch Dichter, noch Anachoreten?

Hoch über meinem Volk, in der Mansarde,
Umduftet von des Gartens blühndem Flieder,
Am Hut von Rosen eine Festkokarde,

Indes die jungen Spatzen auf und nieder
Vorm Fenster schildern, eine Ehrengarde -
So schreib' ich für mein deutsches Mädchen Lieder.


                    XXXVIII.

O hätten sie mir doch ihr Ohr geliehen
In jenen ersten unglücksel'gen Stunden,
Da ich die Spur der Herrlichen gefunden,
Und sprach: "Ihr Freunde, laßt mich weiterziehen!"

Sie lachten aber meiner nur und schrieen:
Pah! ein paar kleine, leichte Liebeswunden?
Der Vogel ist nun einmal festgebunden
Und soll sobald nicht wieder uns entfliehen.

Jetzt wollen alle die Gefahr erkennen;
Sie führen mir den Engel aus dem Haus,
Da mir die Kraft versagt, um mich zu trennen.

Läuft darauf alle Weisheit denn hinaus?
Ihr laßt den Schmetterling getrost verbrennen,
Und löscht voll Mitleid dann die Kerzen aus!