Herwegh

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Biografie

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                       XXXIX.

O heiß mich nicht von deinem Antlitz fliehn,
Auf dem der Liebe heilige Gedanken
Gleich goldnen Sternen auf und nieder schwanken,
Die still und furchenlos am Himmel ziehn!

Hier ist mein Tempel und hier will ich knien,
Um diesen Altar meine Arme ranken,
In diesen Armen meinen Göttern danken,
Daß sie mir ihre Seligkeit verliehn!

Bist du, mein Herz, selbst wider dich im Bunde?
Was soll der volle, schäumende Pokal,
Was die Unendlichkeit dem Mann der Stunde?

Begehre nicht die Herrlichkeit zumal!
Bitt' um ein Wort nur aus dem lieben Munde,
Ein halbes Lächeln, einen Sonnenstrahl!


                    XL.

Ob die Locken eine Glorie quellen
Und dein Antlitz und du himmlisch mild
Auf mich blickst, ein stumm Marienbild,
Das zwei blaue Sterne fromm erhellen;

Ob dein Haar in ungebundnen Wellen
Um den Nacken flutet, stolz und wild,
Und dein Aug' ein harter Demantschild,
Dran die kühnsten Wünsche jach zerschellen;

Ob ich sehe mit dem Heil'genscheine
Dich, ob mit des Unmuts düstrer Falte,
Ewig, ewig fleh' ich nur das eine:

Daß dein schöner Mund doch nie erkalte,
Daß dein schönes Auge niemals weine,
Und mir Gott dein schönes Herz erhalte.


                          XLI.

"Eins-zwei-drei-vier-nun, eine hübsche Schar!
Mein guter Freund, Ihr treibt das Ding ins Große;
Heut ist es diese, morgen jene Rose:
Mit Eurem Herzen steht es sonderbar."

Der Dichter ist der Sultan Scheriar,
Und liebt, wie dieser Herr, das Grandiose;
Der ruht' auch zweimal nie im selben Schoße,
Bis er Scheherezaden ward gewahr.

Ich sah wohl manch ein schönes Angesicht,
Das ich besungen und belobt; nur schade,
Das, was ich suchte, war es immer nicht.

Und alles, alles mord' ich ohne Gnade,
Was meinem Ideale widerspricht:
Wann kommst du endlich, o Scheherezade?


                     XLII.

Ich tue jedermänniglich zu wissen,
Daß ich den finstern Unmut sehr bereue
Und mich von Herzen meines Lebens freue,
Daß ich erlöst von allen Kümmernissen.

Mein liebes Fischchen hat nun angebissen
Und schwört mir über alle Maßen Treue,
Es herzt und herzt und herzt mich stets aufs neue,
Und drückt mich schmeichelnd in die Sofakissen.

Ich lad' euch, meine Freunde, sämtlich ein,
Mir eine frohe Stunde mal zu schenken;
Doch laßt mir dann die tolle Frage sein:

"Wann wir uns wohl zu ehlichen gedenken?"
Solange noch der ganze Himmel mein,
Will ich mich nicht auf Haus und Hof beschränken.


                      XLIII.

Ich stand auf einem Berg, da hört' ich singen
Zur Linken plötzlich ernste, trübe Lieder;
Ein Opfer war es für die Erde wieder,
Ich kannte wohl der Glocke dumpfes Klingen.

Zur Rechten sah ich einen Säugling bringen;
Wie eines Schmetterlinges bunt Gefieder,
Viel lust'ge Bänder wehten auf und nieder,
Ein Glöckchen wollt' vor Freude schier zerspringen.

Die Andacht wagt' kein Wesen rings zu stören:
Die Herden hielten still auf ihren Weiden,
Wie fromme Beter flüsterten die Föhren.

Als ob die Glocken sich umarmt, die beiden,
Konnt' ich bald einen süßen Klang nur hören
Und Tod und Leben nicht mehr unterscheiden.


                           XLIV.

Erreichbar nur dem Sturm und Sonnenbrand,
Von keines Wandrers Fuße umgebogen,
In scheuen Kreisen nur vom Aar umflogen,
Wie ein Johannes in der Wüste, stand

Ein Blümchen einst auf kahler Alpenwand;
Der Himmel hatte, doppelt ihm gewogen,
Es seinem Herzen näher auferzogen,
Doch nur mit Klagen schaut' es in das Land.

"Warum, o Gott, in eines Felsen Schoß?
Warum, o Gott, mir solch ein einsam Los?
Was sterb' ich nicht in holder Schwestern Mitten?"

Still, meine Blume, still! Was klagst du noch?
Wohl bist du einsam, aber sicher doch
Vor Menschenhänden und vor Menschentritten.


                           XLV.

                   Der Gefangene

Der uns die Freiheit einst so kühn gelehret
Hört ihr ihn hinter jenem Gitter wohl,
Dran spottend noch des Glaubens rauh Symbol,
Manch eisern Kreuz, das ihm die Flucht verwehret?

Das also ist der Lohn, der ihm bescheret
Ward von dem angebeteten Idol?
Die Wangen blaß, die Augen trüb und hohl,
Die Augen, die er - nicht zum Himmel kehret.

Seit Jahren sah er keine Wolken schweben,
Seit Jahren kein Gestirn in blauer Ferne
Die goldne, taubeglänzte Schwinge heben.

Die Erde - ach! er ließ' sie euch so gerne;
Doch sprecht, ihr Herrn, wer hat euch Macht gegeben,
Die Hand zu legen auf des Himmels Sterne?


                         XLVI.

              Einem Schauspieler

Ja, ich will Kugeln gießen aus den Lettern,
Hör' ich die Stunde der Erlösung schlagen,
Und du auch wirst in solchen großen Tagen
Die Welt nicht suchen mehr auf deinen Brettern.

Gilt es, der Erde Götzen zu zerschmettern,
Ich kenne dich, du wirst dein Leben wagen.
Wer unsers Friedens drückend Joch getragen,
Dem graut auch wahrlich nicht vor Sturm und Wettern

Bis dahin aber opfere dem Schönen
So treu, wie jetzt, und heiße nicht despotisch
Dein Herz zu früh desselben sich entwöhnen.

So manche macht die Freiheit jetzt zelotisch,
Daß sie, Barbaren gleich, die Kunst verhöhnen;
Sei lieber goethisch, teurer Freund, als gotisch!


                        XLVII.

Nach langem Ringen ist der Tag gewichen;
Ein reizend Weib im leichten Silberflor,
Tritt Luna hinter dem Gebirge vor,
Der Ostwind ist ihr neckend nachgestrichen.

Und eine bunte Schar von wunderlichen
Gestalten taucht vor meinem Blick empor,
Sie kommen zaghaft, wie ein Mädchenchor,
Und wie auf Zehen zu mir angeschlichen.

Ein Rauschen naht von tausend, tausend Schwingen,
Ich fühl', wie Geister meine Stirne küssen
Und mir die Hände legen auf das Haupt.

Ich hör' die Sterne aus den Lüften singen:
"Wohl dem, den wir noch wachen Augs begrüßen,
Der an die Nacht, die heilige, noch glaubt!"


                         XLVIII.

                         Hölderlin

Den Klugen leiten sicher stets die Horen,
Nur mit dem Genius spielen oft die Winde;
Daß er, so Glück wie Unglück, früher finde,
Wird er mit Schwingen in die Welt geboren.

Doch bleibt ihm treu die Gottheit zugeschworen;
Sie legt am bösen Tag dem armen Kinde
Mit weicher Hand ums Aug' des Wahnsinns Binde,
Daß es nie sehe, was das Herz verloren.

Die Götter haben freundlich dein gedacht,
Die du so fromm gehalten einst in Ehren,
Und lebend schon dich aus der Welt gebracht.

Nichts Irdisches kann fürder dich versehren,
Und reiner, denn ein Stern zum Schoß der Nacht,
Wirst du zurück zur großen Mutter kehren.


                           XLIX.

Trüg' ich ein Schwert als Krieger um die Lenden,
Ging' ich als Landmann hinter einem Pfluge,
Dann säß' ich abends froh bei meinem Kruge,
Um mit dem Tag mein Tagewerk zu enden.

So aber, wenn sie sich zur Ruhe wenden,
Schweift mein Geist noch auf irrem Wanderzuge,
Und meine Seele kreist in stetem Fluge,
Ihr will kein Abend seinen Frieden spenden.

Dem Himmlischen erbaun wir keine Schranken,
Es folgt uns nach ins laute Weltgetriebe
Und wird im Schlummer auch nicht von uns wanken.

Kein Ort - daß ich vor ihnen sicher bliebe!
Gleich Blitzen zucken um mich Gedanken
Und treffen mich selbst in dem Arm der Liebe.


                             L.

So redet nur! Ihr sollt mich nicht bekehren.
Er ist in eurer Hütte nie gestanden,
War euch nie weihend, segnend nie zu Handen,
Mein Genius - er gab euch niemals Lehren.

Was man nicht kennt, das mag man leicht entbehren.
Doch mir geht ohne ihn mein Werk zuschanden,
Indes die Nüchternen in allen Landen,
Die Gottentfremdeten, die Schätze mehren.

Behagt euch wohl im friedlichen Genuß,
Das bißchen Witz, es bleib' euch unbenommen,
Das auf die Frone wie ein Sklave muß.

Mir aber mag nur Zeus, der Donnrer, frommen,
Zu meinem Werke muß ein Himmelsgruß,
Ein heil'ger Sturm mein Herz erst überkommen.


                          LI.

          Byrons Sonett an Chillon

    (Bekanntlich haßte B. das Sonett.)

Dein himmlisch Lied - es hat schon manche Labe
In schwarzen, düstern Stunden mir bereitet,
Und wie den Jüngling treulich du begleitet,
So freute dein sich schon der wilde Knabe.

Die Besten haben über deinem Grabe
Wetteifernd Lorbeerkränze hingebreitet;
Ach, wo ein Lob das andre niederstreitet,
Wie wenig ist's, was ich zu bieten habe!

Wenn ich mich zu Sonettendichtern wende,
Die auch die Reime sträubend nur verschlungen,
Seh' ich vor allem Goethes kleine Spende;

Doch hat er nicht, wie du, den Groll bezwungen,
Der seines Liebens Anfang noch und Ende,
Der noch die Freiheit im Sonett besungen.


                            LII.

                      Grabschrift

Sein oder Nichtsein ist hier keine Frage;
Ich bin gewesen, was ich konnte sein:
Kein Schelm und Schuft, bei Gott! ein Narr allein,
Der auch sein Lämpchen brannt' am hellen Tage.

Kein Turner, aber doch von deutschem Schlage;
Und wär' mein Vers, wie meine Hände, rein,
So ruhete dies dichterlich Gebein
Dereinst in einem stolzen Sarkophage.

Ich nahm das Leben für ein Würfelspiel,
Das keinem seine stete Gunst geschworen,
Doch oft hatt' ich der Augen noch zuviel;

Ich trieb's, ein Tor, wie tausend andre Toren,
Und, glücklicher als weiland Freund Schlemihl,
Hab' niemals meinen Schatten ich verloren.


Zum Andenken an Georg Büchner, den Verfasser von "Dantons Tod"

             Zürich, im Februar 1841

Die Guten sterben jung,
Und deren Herzen trocken, wie der Staub
Des Sommers, brennen bis zum letzten Stumpf.

                           I.

So hat ein Purpur wieder fallen müssen!
Hast eine Krone wiederum geraubt!
Du schonst die Schlangen zwischen deinen Füßen
Und trittst den jungen Adlern auf das Haupt!
Du läßt die Sterne von dem Himmel sinken
Und Flittergold an deinem Mantel blinken!
Sprich, Schicksal, sprich, was hast du diesen Tempel
So früh in Schutt und Asche hingelegt?
So rein und frisch war dieser Münze Stempel -
Was hast du heute sie schon umgeprägt?
O teurer, als im goldenen Pokale
Einst jene Perle der Kleopatra,
Lag eine Perle in dem Haupte da;
Der Mörder Tod schlich nächtlich sich ins Haus,
Der rohe Knecht zerbrach die zarte Schale
Und goß den hellen Geist als Opfer aus. -

Mein Büchner tot! Ihr habt mein Herz begraben!
Mein Büchner tot, als seine Hand schon offen,
Und als ein Volk schon harrete der Gaben,
Da wird der Fürst von jähem Schlag getroffen;
Der Jugend fehlt ein Führer in der Schlacht,
Um einen Frühling ist die Welt gebracht;
Die Glocke, die im Sturm so rein geklungen,
Ist, da sie Frieden läuten wollt', zersprungen.
Wer weint mit mir? - Nein, ihr begreift es nicht,
Wie zehnfach stets das Herz des Dichters bricht,
Wie blutend, gleich der Sonne, nur sich reißt
Von dieser Erde - stets ein Dichtergeist,
Wie immer, wo er von dem Leib sich löste;
Sein eigner Schmerz beim Scheiden war der größte.

Ein Zepter kann man ruhig fallen sehn,
Wenn einmal nur mit ihm die Hand gespielt,
Von einem Weibe kann man lächelnd gehn,
Wenn man's nur einmal in den Armen hielt;
Der Todesstunde Qual sind jene Schemen,
Die wir mit uns in unsre Grube nehmen,
Die Geister, die am Sterbebette stehn,
Und uns um Leben und Gestaltung flehn,
Die schon die junge Morgenröte wittern,
Und ihrem Werden bang entgegenzittern,
Des Dichters Qual die ungeborne Welt,
Der Keim, der mit der reifen Garbe fällt.

Ich will euch an ein Dichterlager bringen.
Seht mit dem Tod ihn um die Zukunft ringen,
Seht seines Auges letzten Fieberstrahl,
Seht, wie es trunken in die Leere schaut
Und drein noch sterbend Paradiese baut!
Die Hand zuckt nach der Stirne noch einmal,
Das Herz pocht wilder an die schwachen Rippen,
Das Zauberwort schwebt auf den blassen Lippen -
Noch ein Geheimnis möcht' er uns entdecken,
Den letzten, größten Traum ins Dasein wecken. -
O Herr des Himmels, sei ihm jetzt nicht taub!
Noch eine Stunde gönn' ihm, o Geschick!
Verlösche uns nicht des Propheten Blick!
Umsonst - es bricht die müde Brust in Staub,
Und mit ihr wieder eine Freiheitsstütze,
Aufs stille Herz fällt die gelähmte Hand,
Daß sie im Tod noch vor der Welt es schütze!
Und die so reich vor seinem Geiste stand,
Er darf die Zukunft nicht zur Blüte treiben,
Und seine Träume müssen Träume bleiben;
Ein unvollendet Lied sinkt er ins Grab,
Der Verse schönsten nimmt er mit hinab.

Du flammst nun wieder, nach durchbrochner Schranke,
In Gottes Haupt ein leuchtender Gedanke;
Am kalten Herde sitzen wir allein,
Und weinen in die Asche still hinein.
O, mein Jahrhundert, sammle sie geschwind! -
Er war ein Held, und mehr: Er war dein Kind!
An deiner Brust hast du ihn aufgesäugt,
Dein Banner einzig hat er ja geschwenkt;
Vor dir allein hat er sein Knie gebeugt,
Vor dir, vor dir allein sein Schwert gesenkt;
Für dich und mit dir hat er kühn gestritten,
Für dich und mit dir hat er treu gelitten;
Um deinetwillen stieß sein Vaterland
Ihn aus, gleich wie der Mutterborn die Welle,
Daß sie am fremden, freudenlosen Strand
Mit allen Himmeln in der Brust zerschelle.
An fremdem, freudenlosem Strande, ja!
Denn wessen Herz stand hier dem seinen nah?
Wo scheu der Mensch den Fuß vom Boden hebt
Und Fels und Stein allein nach oben strebt?
Wo doppelt, doppelt schön der Äther blaut
Und doppelt tief der Mensch zur Erde schaut,
Wo stolze Adler ihre Heimat haben,
Und wo am Ruder sitzen doch die Raben.
Der Alpen Kind, wie ist dein Ruf verhallt!
Einst groß, wie sie, und jetzt, wie sie, nur kalt!
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                            II.

Gleich Rosenhauch auf einer Jungfrau Wangen
Seh' ich den Abend im Gebirge prangen;
Im zarten Dufte glühen sie vor mir,
Die Gletscher, denen treu die Sonne hier
Ihr erstes und ihr letztes Lächeln zeigt,
Und aus den Flammen wie ein Phönix steigt
Der Mond mit silberstrahlendem Gefieder,
In jede Woge taucht sein Bildnis nieder,
Ob stumm sie ruht, ob leuchtend sie sich bricht,
Sie wird verklärt, und er vergißt sie nicht;
So mag der Geist der Welt in unser Denken,
In jede Blüte, jede Brust sich senken.
Dem Mond streut still mit schmeichelnder Gebärde
Goldwölkchen auf die Bahn des Abends Wehn -
Gleich Blumen, doch nicht Blumen dieser Erde,
Die welken müssen, ehe sie vergehn.
Dort in den Nachen wirft mit kalter Hand
Sein letztes Gold das herbstlich gelbe Land,
Und meine Seele sieht in süßer Ruh'
Der Perlen Träufeln von den Rudern zu,
Wie sie von Ringen hin zu Ringen tönen,
Ein fließendes Symbol der Ewigkeit,
Und endlich sich, von jeder Form befreit,
Gestaltlos mit dem Element versöhnen.
O Geist, der über diesen Wassern lebt,
Der hier aus diesen kühlen Gründen taut,
Der aus der Tiefe Himmel widerblaut,
Du Geist des Friedens, der mich jetzt umschwebt,
Der sich den Äther maßlos läßt entfalten,
Der Erde stillen Drang zum Lenz gestalten -
So liebend beut die Luft des Vogels Schwingen
Der Harfe Ton, um drin sich auszuklingen -
Was hast du uns um diesen Stern betrogen,
Und, eh' es tagen wollte, uns entzogen
Den Genius, der dir so rein verwandt,
Sich in dein All, wie Hauch in Hauch empfand,
Drein, wie in einer Blume Kelch sich senkte,
Und draus ein Herz, so gottesdurstig, tränkte?
Du hast ein Auge der Natur genommen,
Das ihr in ihre tiefste Seele sah,
Um einen Beter bist du selbst gekommen -
Um einen Beter? ei, so staunet, ja!
Um keinen Beter, ruhig, sicher, still, -
Die Flamme bebt, wenn sie nach oben will!
Um keinen Beter - nein, um keinen Wurm -
Es tobt das Meer und lobt den Herrn im Sturm!
Der Blumen schönste brauchet einen Dorn,
Ein edles Herz zu Schutz und Trutz den Zorn;
Manch heiß Gebet hüllt sich in einen Fluch,
Wie unsre Hoffnung in das Leichentuch.

                      III.

Was er geschaffen, ist ein Edelstein,
Drin blitzen Strahlen für die Ewigkeit;
Doch hätt' er uns ein Leitstern sollen sein
In dieser halben, irrgewordnen Zeit,
In dieser Zeit, so wetterschwül und bang,
Die noch im Ohr der Kindheit Glockenklang.
Und mit der Hand schon nach dem Schwerte zittert,
Zur Hälfte tot, zur Hälfte neugeboren,
Gleich einer Pflanze, die den Frühling wittert
Und ihre alten Blätter nicht verloren.
Er hätte - aber gönnt ihm seine Ruh'!
Die Augen fielen einem Müden zu!
Doch hat er, funkelnd in Begeisterung,
Vom Himmelslichte trunken, sie geschlossen,
Der Dichtung Quelle hat sich voll und jung
Noch in den stillen Ozean ergossen.
Und eine Braut nahm ihn der andern ab;
Vor der verhaucht' er friedlich sanft sein Leben,
Die Freiheit trug den Jünger in das Grab,
Und legt sich bis zum jüngsten Tag daneben.
Auch nicht allein ist er dahingegangen,
Zwei Pfeiler unsrer Kirche stürzten ein;
Erst als den freisten Mann die Gruft empfangen,
Senkt man auch Büchner in den Totenschrein,
Büchner und Börne! - Deutsche Dioskuren,
Weh, daß der Lorbeer nicht auf deutschen Fluren
Für solch geweihte Häupter wachsen darf!
Der Wind im Norden weht noch rauh und scharf,
Der Lorbeer will im Treibhaus nur gedeihen,
Ein freier Mann holt sich ihn aus dem Freien!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

O bleibe, Freund, bei deinem Danton liegen!
's ist besser, als mit unsern Adlern fliegen. -
Der Frühling kommt, da will ich Blumen brechen
Auf deinem Grab und zu den Deutschen sprechen:
"Kein Held noch, noch kein Ziska oder Tell?
Und eure Trommel noch das alte Fell?"


        Schlußlied

            1841

Was soll der Becher,
Ihr tobenden Zecher,
Was soll die funkelnde Flasche
In eurer Hand?
Es trauert in Sack und Asche
Das Vaterland.

Was soll, ihr Bräute,
Das Jubelgeläute?
O, heißt die Rosen erblassen
Am deutschen Strand!
Vom Bräutigam ist verlassen
Das Vaterland.

Was soll, ihr Fürsten,
Nach Kronen das Dürsten?
Zerreißt die goldenen Schnüre,
Das Prunkgewand!
Es frieret vor eurer Türe
Das Vaterland.

Was macht, ihr Pfaffen,
Euch also zu schaffen?
Was soll uns jetzo das Beten?
O eitler Tand,
So lang in den Staub getreten
Das Vaterland.

Weh euch, ihr Reichen,
Die nicht zu erweichen!
Ihr zählt die Rubel, die runden,
Im Sonnenbrand
Der Lazarus seine Wunden,
Das Vaterland.

Weh euch, ihr Armen!
Was heischt ihr Erbarmen?
Es liegen viel Edelsteine
Vor euch im Sand,
Auch meine Tränen, auch meine,
Ums Vaterland.

Doch du, o Dichter,
Bist nimmer der Richter!
Gebeut der fertigen Zungen,
Gebeut ihr Stand!
Dein Schwanenlied ist gesungen
Dem Vaterland.


Avis in betreff etwaiger Druckfehler

Voll von Fehlern ist dies Buch;
Freiheit steht auf jeder Seite;
Gleichviel - gebt ihm euern Fluch
Oder Segen zum Geleite!
Für das Sündenregister
Sorge der deutsche Philister.



Zweiter Teil

             An die deutsche Jugend

Bei Gelegenheit der Verbannung von Robert Prutz

Ihr spottet unser, stolze Würdenträger?
Baut nicht zu viel auf euer Ahnenschild!
Vielleicht noch einen Tag die wilden Jäger,
Vielleicht schon morgen das gejagte Wild!
Mit manchem Worte wollt' er euch bedeuten,
Mit manchem Wort zu Frommen euch und Nutz:
Ihr aber zwangt den Dichter, Sturm zu läuten -
Nimm, deutsche Jugend, nimm sein Lied in Schutz!

Ich spielte freilich nur auf einer Saite,
Die euch, erlauchte Herren, stets mißfällt:
Doch rief nicht ich, bei Gott! nicht ich zum Streite,
Zum Streite ruft der neue Geist der Welt!
Und jauchzt das Volk und schwingt es seine Mützen,
Wollt ihr den Leiermann drum ächten? Tut's!
Der Adler weiß die Nachtigall zu schützen -
Nimm, deutsche Jugend, unser Lied in Schutz!

Leicht können wir der Fürsten Gunst entbehren
Für eines Bettlers Herz, das wir gerührt!
Sie soll mich auch in Zukunft singen lehren,
Die mir die Hand zum ersten Lied geführt.
All meine Schätze leg' ich ihr zu Füßen:
Die Freiheit ist ein Weib und liebt den Putz.
Jawohl! ich werd' ihr Sklave bleiben müssen, -
Nimm, deutsche Jugend, nimm mein Lied in Schutz!

Sie, die kein Wetter aus dem Schlafe rüttelt,
Die Treibhauspflanzen, die ein Mädchen hegt,
Indes der Sturm die Brüder draußen schüttelt:
Die Dichter haben nie dein Herz bewegt;
Du lächelst ob der Demut unsrer Alten,
Und willst nur Zorn und kühner Worte Trutz;
Zwar hinkt mein Vers, doch ist er ohne Falten, -
Nimm, deutsche Jugend, nimm mein Lied in Schutz!

Gleichwie die Lerche grüßt den ersten Funken,
Der aus dem Aug' des jungen Tages bricht:
So macht ein Strahl von Hoffnung schon mich trunken,
Ich brauch' die Sonne der Erfüllung nicht.
"Es muß geschehn, und darum wird's geschehen!"
Schriebst du nicht also, mein geliebter Prutz?
Kein Korn der Freiheit darf verloren gehen -
Nimm, deutsche Jugend, unser Lied in Schutz!


                  Morgenruf

Die Lerche war's, nicht die Nachtigall,
Die eben am Himmel geschlagen:
Schon schwingt er sich auf, der Sonnenball,
Vom Winde des Morgens getragen.
Der Tag, der Tag ist erwacht!
Die Nacht,
Die Nacht soll blutig verenden. -
Heraus, wer ans ewige Licht noch glaubt!
Ihr Schläfer, die Rosen der Liebe vom Haupt,
Und ein flammendes Schwert um die Lenden!

Die Lerche war's, nicht die Nachtigall:
Erhebt euch vom Schlummer der Sünden!
Schon wollen die Feuer sich überall,
Die heiligen Feuer entzünden.
Frisch auf und die Waffen gefeit!
Der Streit,
Der Gottesstreit soll beginnen.
Hinweg aus des Liebchens rosigem Arm
Und hinein in der Feinde gepanzerten Schwarm
Und auf fliegenden Rossen von hinnen!

Die Lerche war's, nicht die Nachtigall:
Kein Küssen gilt es und Kosen,
Sie singt von nahendem Donnerhall,
Sie singt von des Schlachtfelds Rosen,
Den Rosen, damit in Todeslust
Die Brust,
Die Brust der Helden sich schmücket.
Drum auf und wohlan: bis frei die Welt,
Sei der Himmel ein einig Kriegergezelt
Und der Dolch der Rache gezücket!

Die Lerche war's, nicht die Nachtigall:
So laß, o Jugend, dein Träumen!
Und wie von den Bergen mit Jubelschall
Die mutigen Wasser entschäumen,
Und wie sie jagen ins tiefste Tal
Den Strahl,
Den silbernen Strahl durchs Gelände:
So gib ihr dein Blut, so gib ihr dein Wort,
Daß die Erde nicht ganz und gar verdorrt,
So gib ihr dein Herz und die Hände!

Die Lerche war's, nicht die Nachtigall:
Die kecke Gespielin der Wolke
Fliegt jauchzend hinter dem Sonnenball,
Hoch über dem staunenden Volke;
Und unter dem Scheffel bleibt auch nicht
Das Licht,
Das Licht der Freiheit verborgen;
Viel tausend Herzen sind angefacht,
Und preiset die Liebe die Sterne der Nacht:
Die Völker, sie preisen den Morgen.


         Im Frühjahr

Lustig auf! die Erde glänzt,
Ein gefüllter Freudenbecher,
Und der trunkne Himmel kränzt
Sich sein Haupt, ein froher Zecher.

Üppig hat ein Blütenleib
Um die Bäume sich ergossen
Gleich als hielt' ein junges Weib
Jeder in den Arm geschlossen.

Sternenauf und sternenab
Tausend leuchtende Gefieder,
Rosen trägt das finstre Grab
Und die Kreuze sinken nieder.

Duft und Klang und Vogelflug,
Balsam, wo die Blicke weilen,
Und doch alles nicht genug,
Um - ein krankes Volk zu heilen.


                Husarenlied

Es flammt mein Herz, es schwillt mein Mut,
Ich schwinge meinen Stahl,
Und hätt' ich einen Federhut,
So wär' ich General!

Wie klingen die Trompeten hell
Des Morgens um die Vier!
Der Tambour schlägt sein Eselsfell,
Die Esel schlagen wir.

Zur Seite blitzt uns das Gewehr,
Der Tod aus unsrer Hand;
Wir reiten hin, wir reiten her,
Wir reiten ums Vaterland.

Und ob sich auch manch schönes Kind
Die Äuglein schier zerweint,
Husaren sausen wie der Wind
Vorüber in den Feind.

Das ist ein Leben auf der Wacht,
So lustig und so frei!
Das geht so leicht in heißer Schlacht
Vorüber und vorbei!

Der Himmel wird uns aufgetan
Wie ein Juwelenschrein;
Husarensäbel klopfen dran
Und drinnen ruft's: Herein!


               Champagnerlied

            Epernay, Herbst 1841

Wir griffen jüngst, den Weltbrand anzufachen,
Ihr Brüder, nach dem Schwert;
Doch diese Welt, so laßt uns drüber lachen!
Ist unsres Ernsts nicht wert.
Juchhe, die Narrenschelle!
Die Jugend ist ein Glas Champagnerwein:
Drum will sie schnelle, schnelle,
Gleich frisch an ihrer Quelle,
Getrunken sein.
Schenkt ein! Schenkt ein!

Was kümmern uns die Kronen und die Fürsten?
Gott segne unsern Herrn!
Wir wollen was zu trinken, wenn wir dürsten,
Wir zechen all so gern.
Laßt uns die Hände reichen
Zu trautem, frischem, fröhlichem Verein!
Die Reben, nicht die Eichen,
Die sollen unser Zeichen,
Ja, Zeichen sein.
Schenkt ein! Schenkt ein!

Die Sündflut drohte einstens zu verwaschen
Des Herren liebsten Sohn:
Da barg er flugs den Witz in einer Flaschen,
Der grausen Flut zum Hohn.
Wir haben sie gefangen!
Heraus den Witz, die Weisheit heut hinein!
Der Witz soll heute prangen,
Die Weisheit soll gefangen,
Gefangen sein.
Schenkt ein! Schenkt ein!

Laßt den Philister mit dem Leben sparen -
Er ist ein armer Mann.
Soll ich zu Wasser in den Himmel fahren,
Wenn ich's im Feuer kann?
Juhe, die Narrenschelle!
Die Jugend ist ein Glas Champagnerwein:
Drum will sie schnelle, schnelle,
Gleich frisch an ihrer Quelle,
Getrunken sein.
Schenkt ein! Schenkt ein!


  Die Epigonen von 1830

       Paris, Nov. 1841

                   I.

Geschworen hatt' ich in der Stille:
Nein, keine Verse in Paris!
Doch dies die Wiege der Camille?
Und Mirabeaus Tribüne dies?

Und dies die Stadt, drin sich geschlagen
Ein Volk im Julisonnenbrand?
Und dies das Grab, draus nach drei Tagen
Der Christ der Freiheit auferstand?

Die Täuschung ward mir schnell benommen,
Sie fällt vom Auge Stück für Stück;
Ich bin so durstig hergekommen,
Und kehre ohne Trunk zurück.

Gern auf die Knie wär' ich gesunken -
Sind eure Buden ein Altar?
Nicht eine Flamme, nicht ein Funken,
Wo des Jahrhunderts Krater war!

Geschändet selbst die kalte Lave,
In die so heilig Blut getaut,
Daß ihr nun, wie Neapels Sklave,
Drauf eurer Wollust Reben baut!

O nehmt sie fort, die Trikolore,
Die eurer Väter Taten sah,
Und schreibet warnend an die Tore:
"Hier ist der Freiheit Kapua!"

                       II.

Kaum haben sie noch Mondenscheine
Vor ihrem Gas und Kerzenlicht,
Die Tränen selbst sind falsche Steine
Und lohnen ihre Fassung nicht.

Gemalt sind ihre schönsten Rosen,
Und kaum die Dornen echt daran -
So stürmen sie, die Ruhelosen,
Auf ihrer ausgetretnen Bahn.

Das ist ein Schachern, ein Erwerben,
Ein Räderrasseln Tag und Nacht -
Ich möcht' in dieser Stadt nicht sterben,
Die auf den Gräbern Hochzeit macht.

Welch Glück, daß ihr in dem Getriebe
Mein deutsches Spinnrad nicht vermißt,
Daß ihr nicht ahnt, was deutsche Liebe,
Nicht ahnt, was deutsche Narrheit ist!


          Die drei Zeichen

                   1842

Drei Zeichen hat uns Gott bestellt,
Daß wir die Herren dieser Welt:
Das ist der goldne Wein,
Das ist durchs Land der grüne Strom,
Das ist der hohe heil'ge Dom,
Der Dom zu Köln am Rhein.

O. Traubenblut, o adlig Blut!
Wer schafft wie du so kühnen Mut,
So frisch und froh Gedeihn?
Der Meister, der den Plan gemacht,
Hat sicher ihn beim Wein erdacht,
Den Dom zu Köln am Rhein.

Dir, deutscher Strom, den zweiten Gruß!
Von freien Alpen kommt der Fluß,
Um deutsches Land zu frein;
Kann ich sein Rauschen verstehn,
So heißt's: Ich will ihn fertig sehn,
Den Dom zu Köln am Rhein.

Ja, wie der Meister dich erschaut,
Bis zu den Sternen auferbaut
Sollst du, o Tempel, sein!
Damit man einst am jüngsten Tag
Noch singen und noch sagen mag
Vom Dom zu Köln am Rhein.

Was will des Teufels Witz und Spott?
Es kehret schon der rechte Gott
Auch bei den Deutschen ein;
Nur frisch, Gesellen, frisch zur Hand!
Macht Platz fürs ganze Vaterland
Im Dom zu Köln am Rhein.