Herwegh

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Inhalt

Biografie

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               Parabel

Erlaubt mir, daß ich 'mal berichte
Euch eine alberne Geschichte:
Sie kommt mir eben in den Sinn,
Geduld ist deutsch, drum nehmt sie hin.

War eine brave, brave Frau,
Die nahm's im Dienste wohl genau,
Und macht', so brav sie auch gewesen,
Doch niemals vieles Federlesen.

Die Frau hatt' einen muntern Hahn,
Der kräht' ihr stets den Morgen an,
Und war nach seiner Hahn-Natur
Für sie die allerbeste Uhr.

Sobald den Tag er angesagt,
Da weckt' die Frau die faule Magd,
Was unsre Magd gar schwer verdroß,
Daß sie im Grimme einst beschloß,

Dem Vogel zu stutzen seine Schwingen
Und, meld' ich's kurz, ihn umzubringen.
Es war gedacht, es war getan,
Die Götter bekamen einen Hahn.

Was aber hat die Magd gewonnen?
Die sonst geweckt ward mit der Sonnen,
Ward nun geweckt um Mitternacht,
Nachdem den Hahn sie umgebracht.

Ach! sprach die Magd, die schwer Betörte,
Wenn ich den Hahn doch krähen hörte!
Sein Krähen hat so schön geklungen,
Als hätt' eine Nachtigall gesungen.

"Und nun der Witz? wir bitten dich!"
Ihr kennt die Frau so gut wie ich;
Sie ist die schönste weit und breit,
Ihr Anblick die volle Seligkeit.

Ihr kennt wohl auch des Nachbars Hahn,
Dem ihr soviel zuleid getan;
Und wenn ihr mich nach dem Dritten fragt:
"Du, deutsches Volk, du bist die Magd!"

Doch wenn ihr den Hahn auch mordet, ihr Sklaven,
So denkt darum nicht länger zu schlafen,
Erst weckt' euch die Frau nach dem Hahnenschrei,
Nun ist's mit dem Schlummer auf ewig vorbei.

Die Freiheit kommt wie ein Dieb in der Nacht
Und ruft euch zu: "Erwacht! erwacht!"


       Den Einbastillierten

Das war ein Sprengen aller Bande
Und durch die Welt ein froher Klang!
Doch überm Rhein am Frankenstrande
Entschlief der Vogel, der da sang.
Ein Krämer hält dort Ährenlese,
Im Staube knirscht ein tapfres Heer:
Das ist das alte Land nicht mehr,
Das Vaterland der Marseillaise!

Verstopftet ist des Ruhmes Quelle,
Die doch noch Männer euch gebar,
Damit ein Regiment der Elle
Die Bude wandle zum Altar?
Ihr macht aus eurer Trikolore
Ein schillerndes Chamäleon,
Und Frankreichs Krone, bittrer Hohn!
Sitzt fest auf einem Midas-Ohre.

Ihr seid gebunden und gekettet,
Gleich wilden Tieren eingehegt;
O glaubt die Freiheit nicht gerettet,
Wenn euer Aar die Flügel schlägt.
Für euch ist draußen nichts zu finden,
Im eignen Hause zeigt den Mut:
Stillt eurer eignen Wunde Blut,
Wir wollen unsre selbst verbinden.

Drei Tage hoher Himmelswonne,
Da in die Lilien schlug der Blitz -
Vergeßt doch die Dezember-Sonne
Von eures Kaisers Austerlitz!
Denn keine Schlacht wird mehr geschlagen,
Damit ein Volk, ein Held sich kränzt:
In jeder Hütte wird kredenzt
Der Wein, den jetzt die Reben tragen.


                     Die Rute

Kaum geht im deutschen Land ein Riegel,
Ein Schloß und eine Kette los:
So steckt man hinter unsres Rheines Spiegel
Geschwind als Rute den Franzos!

Und du, mein Volk, du glaubst den Mären,
Und dein Verstand ergreift die Flucht,
Du rupfst den Hahn, und denkst nicht an den Bären,
Den man dir aufzubinden sucht!

Du rupfst den Hahn, indes der Geier
Dir tief in deine Leber frißt:
Du träumst von Einheit, und du glaubst dich freier,
Wenn dein Gefängnis größer ist.

Du nähst dir an die weiße Mütze
Die Schellen der Philosophie
Und folgst dem Irrlicht klingelnd in die Pfütze
Der Obskuranten-Kompanie!

O "Eckstein aller Nationen!"
Drum................ dich an -
O göttlich Volk von XL Millionen,
Das 30 Menschen untertan!


             Wiegenlied

   "Schlafe, was willst du mehr?"
                                   Goethe

Deutschland - auf weichem Pfühle
Mach' dir den Kopf nicht schwer!
Im irdischen Gewühle
Schlafe, was willst du mehr?

Laß jede Freiheit dir rauben,
Setze dich nicht zur Wehr,
Du behältst ja den christlichen Glauben:
Schlafe, was willst du mehr?

Und ob man dir alles verböte,
Doch gräme dich nicht zu sehr,
Du hast ja Schiller und Goethe:
Schlafe, was willst du mehr?

Dein König beschützt die Kamele
Und macht sie pensionär,
Dreihundert Taler die Seele:
Schlafe, was willst du mehr?

Es fechten dreihundert Blätter
Im Schatten, ein Sparterheer;
Und täglich erfährst du das Wetter:
Schlafe, was willst du mehr?

Kein Kind läuft ohne Höschen
Am Rhein, dem freien, umher:
Mein Deutschland, mein Dornröschen,
Schlafe, was willst du mehr? -


          Den Deutschen

               Eine Vision

Ich hatt' ein seltsam Traumgesicht:
Da saß Gott Vater zu Gericht
Und rief jedwede Nation
Herbei vor seinen Sternenthron.

Die Völker kamen in dichten Haufen,
Just wie sie waren, angelaufen:
Die Briten, Russen und Franzosen,
Die letzten, wie immer, ohne Hosen;

Selbst China und die Mongolei,
Auch ein Stück Polen war dabei.
Und als der Herr die Völker zählte -
Ei, sieh! das Deutsche Reich noch fehlte.

"Wo bleiben denn meine Deutschen wieder?
Recken sie noch die faulen Glieder?
Sie könnten, seit ich sie begraben,
Doch endlich ausgeschlafen haben!"

Drauf hieß er 'nen Engel zur Erde springen,
Die Siebenschläfer heraufzubringen.
Der Engel lief in Deutschland herum,
War alles still, war alles stumm.

"Ihr Deutschen, wollt ihr nicht aufstahn?
Die Ewigkeit geht eben an!"
Der Engel blies in lichtem Zorn,
Wie toll, in sein himmlisch Jägerhorn;

Doch eh' sich die Deutschen zusammengefunden,
War längst der Jüngste Tag verschwunden,
Hatt' alles seinen Lohn empfangen -
Den Deutschen ist Himmel und Höll' entgangen!


Xenien

                    I.

Wem es gelingt, in seine Brust
Nur eine stille Nacht zu schauen:
Der hat wohl fürder keine Lust,
Sein Haus auf euern Sand zu bauen.

Drum laßt mich meiner Wege gehen!
Nicht Sturm, nicht Klippe soll mich schrecken:
Die Welt, die ich im Traum gesehen,
Will ich, der Welt zum Trotz, entdecken.


                                       II.

                              Hundscourage

Winken nur leise die Herren einmal mit dem drohenden Finger:
Puh! wie wächst dann im Nu ihren Lakaien das Herz.


                                     III.

                                 Concedo!

"Don Quixote, Don Quixote!" rufen alle Zeitungsschreiber.
Nur zu wahr! Für Paladine hielt auch ich die Eseltreiber.


                                      IV.

                              Entpuppung

Deserteur? - "Mit Stolz. Ich habe des Königes Fahne,
Die mich gepreßt, mit des Volks soldlosem Banner vertauscht."


                       V.

               Dem Zensor

Unseliger Eunuche du,
Der unsres Geistes Hauch bewacht,
Und sich für seines Sultans Ruh'
Zum gottverfluchten Knechte macht!

Du hast mein bloßes Wort verdammt,
Weil's nicht in eure Küche paßt: -
Hat minder drum dies Herz geflammt
Und minder dich und ihn gehaßt?

O glaub' den Geist nicht unterjocht,
Wenn du vom Leib ein Glied getrennt!
Du Sklave putzest nur den Docht,
Damit das Licht noch heller brennt.


                                    VI.

                     A baculo ad angulum?

Meint ihr, es solle der Mann das Licht aus Ärger verbannen,
Weil sich den Fittich ein paar schwärmende Mücken versengt?


                                    VII.

                                   Frage.

Sage mir, Freund: wann erscheint sie, die Prachtausgabe von Deutschland?
Subskribierten doch schon unsere Väter darauf.
Längst ist's unter der Press' im Notenverlage zu Frankfurt:
Aber ich wünschte, die Herrn gäben es endlich heraus!

                                 Antwort.

St! - es erscheint - doch erst in russische Juchten gebunden:
Also bekommen's dereinst unsere Kinder beschert.


                          VIII.

            Zeitgemäßer Fortschritt

Aus Judas' Strick ward nun ein Bändchen,
Das man auf einen Lumpen näht,
Der um die dreißig Vaterländchen
Das deutsche Vaterland verrät.


                                 IX.

        Alles für das Volk, nichts durch das Volk

Volk! dein goldenes Vlies nur zieht in der Wage des Fürsten:
Und er veredelt das Schaf, wenn ihm die Wolle zu schlecht.


                                 X.

                         An das Volk

Seht mir am Ruder die Herrn! Dir überläßt man das Steuern -
Nun, wer das Steuern versteht, dächt' ich, regier' auch das Schiff!


                                   XI.

                               An Dito

                    (Zum Dombau-Album.)

Richtig, du bist ein Riese. - Das war auch jener Philister,
Dem ein winziger Knirps stopfte mit Steinen das Maul!


                     XII.

                   X. für U.

Baut Dome oder Pyramiden,
Das stellt nicht Rhein noch Nil zufrieden!
Sie dienen ja beide nur dem Tod:
Doch das Leben begehrt lebendig Brot.


                XIII.

          Unsres Wegs!

Preist nur mit bezahlter Lippe,
Preist die Gnaden eures Herrn;
Sicher führt zu einer Krippe
Uns auch des Jahrhunderts Stern!


                                     XIV.

                      Andre Zeiten, andre Sitten

Wenn der Erlöser erscheint, wohl grüßen ihn wieder die Hirten:
Aber es bleiben gewiß diesmal die Könige aus!


                                    XV.

                 Zwei Fliegen mit einer Klappe

Franklin entriß dem Himmel den Blitz, den Tyrannen den Zepter:
Glaubt mir, das war von je ein und dasselbe Geschäft!


                                   XVI.

                        Die Unerlauchten

Nur der Blitz, der sie trifft, kann unsere Herren erleuchten,
Gute philosophi, steckt eure Laternchen doch ein!


                                    XVII.

                          Unglückliche Liebe

Nicht an den Königen liegt's - die Könige lieben die Freiheit:
Aber die Freiheit liebt leider die Könige nicht!


                                    XVIII.

                               Hausordnung

"Negatives Geschlecht!" Nur Geduld: erst hält man die Aerndte,
Dann aus dem frischeren Korn backen die Söhne das Brot:
Und zwar besseres Brot als jüngst uns Becker gebacken,
Das den Germanen auf lang wieder den Magen verdarb.


                                     XIX.

                    Die (alte) "Kölnische Zeitung"

Aus der Küche unsres Hofes kommt die Farce des Gedärmes:
Und die Wurst wird fabrizieret von Herrn Johann Jakob Hermes.


                                    XX.

                     Hermes Psychopompos

Hermes, Hermes, Schattenführer, großer Toten-General!
Gott der Diebe, Gott der Krämer, Gott der Deutschen allzumal;
Immer bist du noch beflügelt wie in der antiken Welt:
Doch die Schwingen an den Füßen deuten jetzt auf Fersengeld.


                               XXI.

                      Die "Allgemeine"

Daß dich, alte Sünderin, doch! nun lernt sie noch beten -
Freilich, so haben es stets alle Gemeinen gemacht.


                              XXII.

                      Herr von Cotta

"Preßfreiheit! so, so? - Was hilft mir ein Fittich im Garten?
Nur in dem Käfige, wißt, kauft man den Vogel mir ab."


              XXIII.

               Dito

"Euer Wissen ist nur Dunst,
Und so lernt von mir, dem Alten:
Ich allein versteh' die Kunst,
Blätter ohne Stiel zu halten."


                                 XXIV.

        Zurücktritt der "Oberdeutschen Zeitung"

Zwar der Deutsche ist geduldig, aber alle Tage Rüben - -
Nein! da wär' der ärmste Teufel länger nicht dein Gast geblieben.


                                  XXV.

                    Dieselbe als Wöchnerin

Alle Tage viel verheißen, alle Tage groß gesprochen:
Aber erst nach achtzehn Monden kommt das Fräulein in die Wochen!


                                 XXVI.

                      Derselbigen Grabschrift

Die den Appetit mit Runkeln sich und uns schon längst verdorben:
Ist an unverdautem Haber endlich gänzlich abgestorben.


                                        XXVII.

                      Die "Jahrbücher der Gegenwart"

Wie sie sich ärgern, die Schwaben, daß wieder das Rad der Geschichte
Weiter zu gehn sich erlaubt ohne den Tübinger Stift!


                                 XVIII.

                               O Weimar!

Immer noch trinken sie abends den Tee und plaudern zusammen
Über den Strumpf, den die Hahn oder die Paalzow gestrickt:
Doch, statt Spiritus, reicht man die abgeblasene Milch jetzt,
Die ein Gewitter vor zehn Jahren schon sauer gemacht.


                                  XXIX.

                              Hahn-Hahn

"Lauter echte Vollblut-Küchlein zog ich in den letzten Wintern:
Zum Beweise tragen alle noch die Eierschal' am Hintern."


                                XXX.

                              Rückert

"Blume vom Ganges, die jüngst an die Spree Kunstgärtner verpflanzten,
Wo mich im Glashaus jetzt Damen und Kinder besehn."


                             XXXI.

                             Uhland

Uhland schweigt in der tatlosen Zeit. Es entsagen die Besten
Um das verlorne Geschlecht einer verlorenen Müh'.
Männer erzog er sich nicht zu dem Hochwuchs seiner Gedanken,
Und für die müßige Welt sang er Romanzen genug.


                                XXXII.

                                 Lenau

Andere singen, du schlägst, o melancholischer Sprosser!
Schlägst in verzweifeltem Kampf, selber verzweifelnd, mit uns.


                               XXXIII.

                                Platen

Kalt und stolz, ein Gletscher, erhebst du dich über die Fläche,
Die das gemütliche Vieh unsrer Poeten begrast:
Selten gewahrt ein Wandrer den Kranz hochglühender Rosen,
Den du vor frevelnder Hand unter dem Schnee verbirgst.


                    XXXIV.

           Ludwig Feuerbach

Wie muß des Denkers scharfes Schwert
In eure Hasenseelen fahren!
Hört doch: "Das Beste ist nicht wert,
In Ewigkeit es aufzusparen;
Was einmal die Natur erschuf,
Kann sie auch noch einmal erschaffen."
Allein vergebens ist sein Ruf
An Kinder und an Laffen.
Es stellt vergebens ihr Symbol
Der kühne Adler an den Pranger:
Jedwede Puppe, noch so hohl,
Fühlt sich mit einem Falter schwanger.
Vergeblich läuft der Genius Sturm,
Die Burg des Unsinns zu bezwingen:
Es will's nun einmal jeder Wurm
Zum Schmetterlinge bringen.


                 XXXV.

          Bestiale Poesie

Was erlebt man doch Geschichten!
Tolle Zeiten, tolle Moden!
Denkt doch: deutsche Hasen dichten
Jetzund auf die Löwen Oden.


                            XXXVI.

                     Kommentatoren

Auch der Parnaß ist gebahnt, und wer nicht gerne zu Fuß geht
Findet in Leipzig ein Heer trefflicher Esel bereit.


                                XXXVII.

                          Pegasus im Joche

"Muß ich", sprach mein Pegasus, "meiner Freiheit denn entsagen:
Zieh' ich lieber doch am Pflug, als selbacht am großen Wagen;
Fress' ich lieber doch mein Heu aus des letzten Bauern Raufe,
Als ich aus der Marmorgrippe mit dem Vieh des Hofes saufe."


                                 XXXVIII.

                            Opera posthuma

"Nichts als Schreiben!" - Ja, zum Henker! Doch was rechtet ihr mit mir?
Machtet ihr nicht so viel Lumpen, hätt' ich nicht so viel Papier.
Aber, streichen wir die Hälfte - "Mit dem Rest, was willst du machen?"
Nichts, ihr Herrn! es macht mein Knabe einst daraus noch - einen Drachen.


                  XXXIX.

          Dauer im Wechsel

Da ist nichts unten, ist nichts oben,
Die Pfaffen haben es längst verschoben,
Mit Augenverdrehn, mit Phrasenschwalle -
Krummacher sind und bleiben sie alle!


                                XL.

             Was man nicht lassen kann

Ob sie katholisch geschoren, ob protestantisch gescheitelt,
Gleichviel: immer gerät man den Gesellen ins Haar.


                                XLI.

                         Bauer-Krieg

Tröste dich, Heilige Schar! denn die tapfere Garde von Potsdam
Fliegt in gestrecktem Galopp gegen die Bauer herbei.


                    XLII.

       Der neueste Sündenfall

Du arme Menschheit! wie mir graut
Vor deinem bösen Gestirne:
Kaum hast du den alten Apfel verdaut,
So beißest du in die Birne!


                              XLIII.

                 Guten Morgen, Nachbar!

Krähe nur, gallischer Hahn! daß endlich die deutschen Gespenster
Vor dem erwachenden Licht kriechen ins Dunkel zurück.


                              XLIV.

Ein deutscher Mann mag keinen Franzmann leiden,
Doch seine Weine trinkt er gern.
                                                        Goethe.

Franken, o Franken, wie wart ihr so blind! ihr tanztet wie Wilde
Um die geheiligte Glut, ach! und die Suppe verdarb.
Deutsche Begeisterung, seht, das fromme Familienfeuer,
Kochte die Rübchen indes, die ihr den Fürsten geschabt.


                                   XLV.

                      Panem, non Circenses!

"Brot!" so rufet das Volk, und ihr? ihr gebet ihm Steine:
Sagt mir, Pfaffen, doch an: heißt ihr das christlich gedacht?
"Brot!" so rufet das Volk: da forschen und suchen die Weisen,
Suchen nur wieder den Stein, des uns so wenig gebricht.
"Brot!" so rufet das Volk, und die Herrschenden treten zusammen
Und rings fliegen daher wiederum Steine - zum Dom.


                                XLVI.

                       Die Kommunisten

Spottet des Völkleins nicht! es hat ja den römischen Adler
Eine geringere Zahl solcher Apostel gestürzt.


                               XLVII.

                    Neuchristliche Malerei

Für dein heilig Gepinsel empfang die Palme des Jenseits!
Doch diesseitigen Kranz hat dir die Muse versagt:
Denn du spucktest ins Antlitz der Göttlichen, setzest im Knechtssinn
Ihr selbstleuchtend Gestirn frech zum Trabanten herab!


                           XLVIII.

                         Metternich

Weinbau und Politik sind dir verwandte Geschäfte:
Denn du ziehest am Stock Völker und Reben herauf.


                  XLIX.

                  Ça ira!

"E pur si muove" sei 's Panier,
Sie dreht sich eben doch herum!
Da hilft euch weder bayrisch Bier,
Noch preußisch Christentum.


                                     L.

                       Der Kunstprotektor

"Alles kann ein Pinsel adlen, Alles macht ein Pinsel eben,
Einen Satyr kann ein deutscher Pinsel zum Apoll erheben.
Darum, nur mit Andacht trete man vor meine Pinsel hin:
Aber vor dem allergrößten sollen meine Bauern knien.
Sie gewinnen, wenn des Landes Vater für die Pinsel brennt:
Denn die Schweine müssen steigen durch solch borstig Regiment."


                                   LI.

                    Griechische Revolution

"Hopfen und Malz, o Herr, ist an diesen Athenern verloren!"
Also berichteten jüngst bayrische Bräuer nach Haus.


                                   LII.

                      Partielle Auferstehung

Zweifelt hinfüro mir nicht an der Auferstehung der Toten:
Hab' ich doch selbst in Berlin Hunderte neulich gesehn!
Sind sie auch nicht mit Fleisch und Blut, gleich Menschen, bekleidet:
Hört man doch fernhin schon klappern das dürre Gebein.
Zwar die Ehre wird nur - den Schriftgelehrten, dem Adel:
Denn an den Lazarus hat nie noch ein König gedacht.


                                 LIII.

             Das Reskript an Willibald Alexis

Unser gnädigster Herr, seht, welch ein Freund des Pikanten:
Mit höchsteigener Hand salzt er die Häringe ein.


                                    LIV.

                    Antigone in Spree-Athen

"Tut desgleichen wie ich: lernt euere Toten begraben!
Einziger Rat, den ich euch, Deutsche, zu geben vermag."


                                    LV.

                 Seydelmann auf dem Todbette

"Hätt' ich wie Cäsar gedacht, ich wär' in Schwaben der Mimen
Erster geblieben, anstatt Numero II. in Berlin."


                   LVI.

              Sanssouci

                  Arie

Deutschland ist nun außer Not:
Windmühl' hat den Don Quixote!
Und du scheinst mir ein bekanntes
Hauptkapitel aus Cervantes.


                               LVII.

                       Die Dekorierten

Nur Anmerkungen sind sie, die Herrn, zum Text der Geschichte:
Darum hat man sie auch alle mit *** versehn.


                               LVIII.

                 Verschiedene Auffassung

"Citoyens! zur Guillotine, zur Laterne mit dem Adel!"
Gott behüte! die Insekten spieß' ich nur mit meiner Nadel.


                                LIX.

                         Zahn um Zahn!

"Lange genug erhob ich zum Adel eueren Abschaum:
Nehmt jetzt, Bürger, dafür adligen Kehricht zurück!"
- Anders erzählt die Geschichte vom florentinischen Volke,
Das mit dem Adelsdiplom seine Verbrecher bestraft.


                                  LX.

                            Prärogative

Seid ihr wirklich bessern Blutes als das bürgerliche Pack:
Hütet euch doch vor den Flöhen, denn die haben drin Geschmack!
Sollten's meine Flöhe merken, meine Sans-culotten-Flöhe,
Diese kleinen Epigramme: weh' dem deutschen Adel, wehe!


                      LXI.

               Der rote Adler

"Als Preußen einst - dank jener Knute!
Beim großen Raube mitgeerbt:
Da haben sie in Polens Blute
Auch meine Schwingen rotgefärbt.
An goldner Kette schmacht' ich hier
Und bin der Bote ihrer Witze:
O Zeus, nimm deinen Aar zu dir.
Und gib ihm wieder deine Blitze!"


                                      LXII.

                      Rot: I. II. III. IV. - Schwarz

Adler! ihr klassischen Adler, ihr ordentlich roten und schwarzen! -
Wo nur immer ein Aas, sammeln die Adler sich schnell.


                               LXIII.

                   "Quid novi ex Africa?"

                             An J. Fr.

"Wanderer, steh! und sage mir an, in welcher Verfassung
Ihr das gepriesene Volk jener Borussen verließt?
Sind die Poeten noch nicht im Preise gestiegen, und haben
Immer die Fähndriche noch doppelten Dichtergehalt?
Junkert man immer noch viel und schätzt die Menschen noch immer
Nur nach der Größe des Wurms, der sich im Fleische verbirgt?
Mehrt die Canaille sich stark, seit jüngst in Gnaden geruht ward,
Daß ein adliger Lump werde zum Bürger gemacht?
Wieviel Pfaffen, o sprich, wieviel Trompeter des Glaubens,
Wieviel Heilige stehn bei den Ministern in Gunst?
Hat sich der Himmel gebührlich bedankt schon wegen des Sonntags
Besserer Feier, die ihm seine Getreuen votiert?
Dann von der Staatszeitung zweideutigem Rufe verkünd' uns:
Wer doch erfreut nunmehr ihrer Umarmungen sich?
Zählt sie noch immer, o Glanz! drei Leser auf einen Redaktor?
Schmiert sie dem russischen Bär immer noch Honig ins Maul?
Seit sich der Fürsten Romantiker jüngst mit dem Fürst der Romantik
Enge verbunden, wie ist's um das Theater bestellt?
Liest er noch immer so hübsch, der Tieck? Was machen die Alten?
Welche Komödie wird eben bei Hofe studiert?
Ist Reineke der Fuchs bei seinem erhabenen Schwager,
Oder sein Schwager, der Petz, wieder einmal in Berlin?"


                   LXIV.

                  Eichhorn

Aus einem Bilderbuche für kleine Kinder

Viel Nüsse knackt es schwerlich,
Sein Maul ist alt und steif,
Sein Kopf gar ungefährlich,
Doch riesenhaft - sein Schweif.


                    LXV.

        Was klein, ist niedlich.

Als ihm der Schön zu groß geworden,
Schickt' er ihn fort, mit einem Orden;
Doch, um bei der Familie zu bleiben,
Ließ er ein Schön-lein sich verschreiben.


                                     LXVI.

                         Practica est multiplex.

"Wie? du verschmähst die Mixturen, die deinem Vater geholfen?
Topp! Ich trinke mit dir; einer doch bleibt auf dem Platz."


                                   LXVII.

                            Simile claudicat.

Mehr nicht, als was Diogenes bat von dem Held Alexander,
Bat ich, o Fürst! von dir; aber vergib den Vergleich:
Eins nur hast du gemein mit dem Mann; - doch im übrigen merkt man,
Daß ihr bis jetzt nicht viel Griechisch aus Sophokles lernt.


                                   LXVIII.

         Das neueste rheinpreußische Strafgesetzbuch

                  (Ephes. VI. 14. nach Luther.)

"Ziehet den Krebs der Gerechtigkeit an!" so steht es geschrieben;
Nun, ich dächte, dies Buch hätte doch Ordre pariert!


                                 LXIX.

                          Die Verwerfung

Wie sie ungebärdig werden! wie sie ihre Fackeln schwingen!
Nun, er wußt' es: nur mit Prügeln ist sein Volk vom Fleck zu bringen.


                                LXX.

"Ständ'sche Verfassung" - das heißt: man hat dem Sklaven die Kette
Jetzo mit einiger Scham unter den Mantel versteckt.


                 LXXI.

            Wind, Wind

Gebt euren Sand für Felsen aus
Und baut papierne Mauern;
Im Wind zerstiebt das Kartenhaus
Von Königen und Bauern!


                               LXXII.

                          Kabinettsordre

"An mein Volk" - - Lest's nicht! das ist ja die alte Geschichte:
Wenn sich die Völker geregt, haben die Fürsten geruht.


                  LXXIII.

           Zur Farbenlehre

Pocht nicht auf eurer Lehre Reinheit!
Denn, wär' der Fürst des Staates Einheit
Und Weiß und Schwarz der Staat, o schau:
Da wär' der Fürst bedenklich grau.


                      LXXIV.

"Ich wünsche Ihnen von Herzen einen Tag von
Damaskus, und Sie werden Ungeheures wirken."
Friedrich Wilhelm

Auf dem Wege von Damasko
Machte Saulus einst Fiasko:
Doch, das ihn bekehrt, das Licht,
- Ein Berliner war es nicht!


                             LXXV.

                 Christlich-Germanisch

Im Anfang war das Wort, beim Worte wird es bleiben:
Der König, unser Herr, wird reden und wir - schreiben.


Vom armen Jakob und von der kranken Lise


- - - Weh dem Geschlecht
Der Zwerglein, die sich brüsten, und die thronen!
Im Finstern wimmelt's ohne Brot und Recht
Von Millionen.
                                                     Fr. Sallet

  (Stehlchen aus einer großen Musterkarte.)

                Der arme Jakob

Der alte Jakob starb heut nacht -
Da haben sie am frühen Morgen
Sechs Brettchen ihm zurechtgemacht
Und drin den Schatz geborgen.

Ein schmucklos Haus! Man gibt ins Grab
Dem Feldherrn doch den Feldherrndegen -
Warum nicht auch den Bettelstab
Auf diese Bahre legen?

Den Degen, den er treu geführt,
Der in die Scheide nie gekommen,
Bis ihn der letzte Schlag gerührt
Und von der Welt genommen.

Er war der Welt, sie seiner satt -
Zu zwölfen in der engen Stube! -
Weh' ihm ein überflüssig Blatt,
O Lenz, in seine Grube!

Als hätt' er Großes nie getan,
Ist rasch der Glückliche vergessen,
Kein Dichter stimmt ihm Psalmen an,
Kein Pfaffe liest ihm Messen.

Die Heller, die man in den Sand
Ihm warf aus schimmernden Karossen,
Sind alles, was vom Vaterland
Der arme Mann genossen.

Just die vom Himmel ihm geprahlt,
Sahn diese Erde zwiefach gerne:
So wird die Schuld ans Volk bezahlt
Mit Wechseln auf die Sterne.

Und kaum ist uns genug am Joch
Der Armut auf gekrümmten Rücken:
Man will der Knechtschaft Stempel noch
Ihr auf die Stirne drücken.

Schlaf wohl in deinem Sarkophag,
Drin sie dich ohne Hemd begraben:
Es wird kein Fürst am Jüngsten Tag
Noch reine Wäsche haben!


         Die kranke Lise

Weihnacht! die kranke Lise schreitet
Durch's Faubourg hin in banger Flucht,
Sie hat zu Haus kein Bett bereitet
Für ihres Leibes erste Frucht.
Wohl manches prunkt im Fürstensaale,
Den stolzer Kerzen Glanz erhellt -
Marsch, Lise, weiter, zum Spitale!
Dort kommt das Volk zur Welt.

"Mein armer Weber mag nur zetteln,
Sein Fleiß und Schweiß - was helfen sie?
Das Volk muß Sarg und Wiege betteln;
Allons, enfant de la patrie!
Kind, dem sie unter meinem Herzen
Die Lust am Leben schon vergällt,
Geduld, bis wir im Haus der Schmerzen!
Dort kommt das Volk zur Welt.

Sie feiern heut dem Gott der Armen,
Die reichen Herrn, ein Freudenfest:
Doch glaubt nicht, daß sich das Erbarmen
An ihrem Tische sehen läßt,
Daß je in ihre Festpokale
Der Schimmer einer Träne fällt -
Marsch, Lise, weiter, zum Spitale!
Dort kommt das Volk zur Welt.

Du machst mir wahrlich viel Beschwerden,
Der Liebe Kind, ich dacht' es nie;
Das wird ein wilder Junge werden:
Allons, enfant de la patrie!
Für eurer Prinzen zarte Nerven
Ist Daun' auf Daune hoch geschwellt:
Ich muß in einer Grube werfen -
So kommt das Volk zur Welt.

Kläng' noch die Trommel unserm Ohre
Und wär' noch eine Fahne rein:
Der Lappen einer Trikolore,
Er sollte deine Windel sein;
Du wärst getauft, eh' seine Schale
Ein Pfaffe dir zu Häupten hält -
Marsch, Lise, weiter, zum Spitale!
Dort kommt das Volk zur Welt.

Wer wird so ungestüm sich melden?
Mein kleines Herz, was suchst du hie?
Nur noch zum Grabe jener Helden!
Allons, enfant de la patrie!
Dort seh' ich in des Frührots Helle
Die Julisäule aufgestellt -"
Und nieder sank sie auf der Schwelle; -
So kommt das Volk zur Welt!