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Biografie

Seite 2

A. Buch der Zeit

               Widmungsepistel

        Seinem lieben Freunde
                    Emil Richter
                    der Verfasser.

Dir, den ich freudig meinen Bruder nenne,
Sei dieses Büchelchen hier dedicirt,
Zu dessen Autorschaft ich mich bekenne,
Obgleich es streng genommen mich genirt;
Denn sieh, es ist zu frei in seinem Tone
Und hier und da vermiss ich die Schablone.
Doch sei's! Bespucken mich auch links und rechts
Die alten Weiber beiderlei Geschlechts,
Du weisst ja selbst, ich sag es unverfroren;
An meiner Wenigkeit ist nichts verloren!

Als Motto über meine Weltkarriere
Setz ich vergnügt per Gummitopf und Scheere
Den Schluss des Beranger'schen Scherzgedichts:
Als Gott mich schuf, da sprach er: Werde nichts!
Wozu sich auch dies winzge Spännlein Zeit
Auf diesem Erdstaubkörnlein noch verkürzen,
Anstatt mit ungestümer Freudigkeit
Dem süssen Leben heiss ans Herz zu stürzen?
Ich trug noch nie, vom Sturm umhergetrieben,
Warum im Zorn mich die Natur erschuf;
Die Götzen hassen und die Götter lieben
Dünkt mir der einzig menschliche Beruf.
In allen Himmeln weil ich weltvergessen
Und immer höher nehm ich meinen Flug,
Und mit Papier verkleb ich unterdessen
Die Fensterscheiben, die der Wind zerschlug!
Ein grimmer Todfeind aller Jeremiaden,
Missbrauch ich Tinte, Feder und Papier
Als Dichterling von meinen eignen Gnaden
Und unverbesserlicher Verspolier.

Nach Amt und Titel seh ich tausend schnappen,
Im Golde wühlt der jüdische Banquier,
Ich aber kuck vergnügt durch all die Lappen
Der Welt bis in ihr tiefstes Negligee.
Und wird es auch tagtäglich immer bunter,
In meinem Reich geht nie die Sonne unter!
Denn alle Wunder dieser Welt sind mein:
Der Chimborasso und der Drachenstein,
Timbuctu, die Ruinen von Palmyra
Und Memnons steingeformte Sonnenlyra.
Die alten Völker und die alten Zeiten
Stehn leuchtend auf, wenn sie mein Lied beschwor
Und hört es gar die Griechengötter schreiten,
Dann wird mein Herz gross wie ein Tempelthor!
Ein Luftschloss baut mir jedes Körnchen Sand
Von Heliopolis bis Niniveh,
Auch wohnt ein Freund von mir in Samarkand,
Am Südpol und am Titikakasee!
Vertraut ist mir die Weisheit des Confuz
Wie die des Mannes aus dem Lande Uz,
Und Altchaldäas graue Zeichendeuter
Sind mir verständlich wie ein Band Fritz Reuter!
Selbst was die Isispriester in Aegypten
Einst klug versenkt ins Pyramidengrab,
Auf mein Geheiss entsteigt es seinen Krypten,
Und wirlt den tausendjährigen Moder ab!

Doch greift zumeist ans Herz der Kreatur
Die süsse Schönheit dieser Allnatur.
Was soll der Himmel dem und seine Pracht,
Den sie zurückstösst in die alte Nacht?
O, lieber sündhaft und von Fleisch und Bein,
Als transcendent und wie die Engel sein!

Mein goldner Liebling ist die Morgenröthe,
Die freudig aufsteigt überm dunklen Tann,
Und, wenn ich's will, stimmt, weich wie eine Flöte,
Die Sommernacht ihr dunkles Waldlied an!
Die Sterne kreisen, bis mein guter Wille
Sein winzig Tintenscepterlein verlor,
Und seine goldgefasste Rosenbrille
Lieh mir der alte Weltkauz Gott Humor!
Der Wald steht wie ein beinernes Gerippe
Vor Kälte klappernd im Novemberwind,
Doch nur ein einzig Lied von meiner Lippe
Und siehe, all sein Wintereis verrinnt!

Die Quelle, die begraben unter Gletschern,
Denkt wieder silbern an ihr süsses Plätschern,
Und tausend wundergrüne Blättlein singen
Wie Aeolsharfen, die im Lenzwind klingen ....
Das wilde Meer und seine wilden Riffe
Sind mir vertraut wie nur ein Hälmchen Gras,
Und mehr als Ein Mal liess ich meine Schiffe
Erbarmungslos zerschellen wie ein Glas.
Was sollte mir wohl auch ein Schock Matrosen,
Wo eine Welt mir licht zu Füssen lag,
Und neugeschaffen jeder neue Tag
Mich überschüttete mit rothen Rosen?

Drum lächle ich, wenn meine Herrn Collegen
Sich tragisch vor den grossen Spiegel stellen,
Dort ihren Missmuth wie ein Aeffchen hegen
Und sich ihr bischen Leben selbst vergällen.
Zuwider sind mir jene faden Possen
Von einem ewigen Pessimistenleid,
Denn ich bin jung und noch zu tief verschossen
In Gottfried Kellers "grüne Erdenzeit!"
Ich trinke ihre Luft in vollen Zügen
Mit Wipfelwehen, Licht und Adlerschrei,
Und kein Talarmensch soll mich fromm belügen,
Dass diese junge Liebe "sündhaft" sei!
Lasst nur die ewig biblischen Asketen
Sich selbst in die Kameelshaartoga zwängen
Und nicht uns junge, lachende Poeten,
Die sich den Himmel noch voll Geigen hängen!
Zwar hab ich dann und wann "verrückte Touren",
Doch zieh ich niemals vor mir selbst den Hut
Und braue meine lyrischen Mixturen
Aus Zuckerwasser und Tyrannenblut!
Auch bin ich Heide und als solcher cynisch
Und hasse nichts so wie die Prüderei,
Steh nicht zum Besten mit der Polizei
Und bin vor allem Eins nicht: misogynisch!

Ja, ich geb's zu: Ein Weltkind bin auch ich
Und mag es leiden, "wenn der Becher schäumt",
Und weiss trotz Don Juan wie süss es sich
An einem schönen Weiberherzen träumt!
Drum würgen möcht ich jene schwarzen Heuchler,
Die auf den Kanzeln jesuitisch flennen
Und hinterrücks als feige Unschuldsmeuchler
Die denkbar schlüpfrigsten Finessen kennen!
Ein Narr, wer heut sich nicht zu helfen weiss:
Erst schielt dies christlich frömmelnde Geschmeiss
Nach vollen Brüstchen und nach drallen Wädchen
Und dann - schreibt's Andachtsbücher und Traktätchen!

Doch dies und Andres auszusprechen,
Ist heut ein Majestätsverbrechen;
Denn "echt" kann man als Dichter sein
Nur harmlos wie Hans Huckebein!

Zwar glaub auch ich, dass unsre Ahnen Affen,
Doch will ich heut mal mythologisch sein
Und sage, Gott hat Eva nackt geschaffen,
Das Feigenblättchen kam erst hinterdrein!
Doch, Ihr verzeiht! Ich wollte ja dies Thema
Als all zu spitz nicht länger mehr tractiren,
Auch nöthigt mich zudem mein dummes Schema
Mich schleunigst in ein Andres zu verlieren!
Da sind vor allem jene Glaubenseifrer,
Die Finsterlinge und die Weltbegeifrer,
Die überall, wo sie noch Herzblut wittern,
Uns unser Leben demuthsvoll verbittern!
Zwar immer opfert noch der Riese Wahn
Dem alten Vicegott im Vatikan
Und immer schneidern sich noch die Germanen
Aus Christi Windeln bunte Kirchenfahnen:
Doch ob er manchmal auch ihr Glück zerfrisst,
Der beste Freund der kranken Menschheit ist
Vom Oelberg bis zur - Reim her! - hohen Eifel
Der alte Weltprofessor Doctor Zweifel!
Vermorscht ist endlich in sich selbst die Zeit
Der hohlen Köpfe und der leeren Worte
Und ihrem sichern Untergang geweiht
Sankt Peters kahlgeschorne Schmutzcohorte!

Doch glaub nicht, dass man als "Tendenz"-Poet
Die "Segnungen der Kirche" nicht versteht!
In manchem Münster nistete die Taube,
Vor der Legende bog die Welt ihr Knie;
Des Mittelalters frommer Köhlerglaube,
Ich weiss es wohl, auch er war Poesie!
Im Klostergarten wehten grün die Eiben
Und man vergass so gern den grellen Tag,
Wenn zitternd durch die buntbemalten Scheiben
Das Mondlicht silbern auf den Fliesen lag!
Doch jene Welt gebiert sich nimmer wieder,
Denn unsre Zeit nennt sich die Zeit des Lichts
Und andre Menschen wollen andre Lieder
Und für's Gewesne - giebt der Jude nichts!
Man glaubt nicht mehr an "himmlische Gesichte"
Und flüchtet skeptisch sich ins Voltairethum:
"Der grösste Schwindel dieser Weltgeschichte,
Der grösste Humbug ist das Christenthum!"
Noch war, seit es die "Heiden" sich geduckt,
Kein Tag, an dem es nicht sein Blut geschluckt!
Und wagt sich frömmelnd pfäffische Sophistik
An die Behauptung, dass mein Vorwurf hinkt,
Dann schlagt nur nach die grause Blutstatistik,
Die wie ein Schandpfuhl wüst zum Himmel stinkt!

Millionen hörte die Geschichte jammern
Auf Scheiterhaufen und in Folterkammern,
Denn jenes Kreuzbild schreckte Mann und Weib,
Ja, selbst den Embryo im Mutterleib!
Von ihrer "Bruder"-Liebe sprach sie viel,
Der ewige Friede war ihr köstlich Ziel,
Doch wenn sie fromm in Köln die Juden hetzte
Und ihren Fuss in die Sevennen setzte,
Dann war die Kirche, dieses Schlangennest,
Erbarmungsloser als die schwarze Pest!
Doch enden wird auch dieser grause Fluch,
Denn jung ist unsre Zeit und wenig zahm
Und unterschrieb in ihrem Wörterbuch
Das alte Wuthwort: Écrasez l'Infâme!
Ja: erst wenn abgethan sammt Stab und Stola
Die alte Lügenmutter des Loyola,
Erst dann wird uns geheiligt Brod und Wein
Und jedes Mahl ein Mahl der Liebe sein!

Es ist die Welt mit ihren grünen Landen
Ein braves Wohnhaus und kein Lazareth,
Und Niemand hat sie ärger missverstanden,
Als jener Zimmrerssohn aus Nazareth.
Das heisst, nur jener, den die Pfaffen lehren,
Nicht jener, den wir heut noch selber ehren!
Für mich ist jener Rabbi Jesus Christ
Nichts weiter, als - der erste Sozialist!
Auch sag ich, nützlicher als alle Bibeln
Sind momentan uns unsre Volksschulfibeln!
Denn nur ein Narr beugt heut noch seinen Nacken
Vor Göttern, die - aus Weizenmehl gebacken!

Mein Lieblingsbuch betitl' ich Don Quixote
Und bin in Glaubenssachen Sansculotte.
Doch pfeif ich auch auf alles Jenseitsheil,
So bin ich darum noch kein Gottverächter,
Nur glaub ich stramm, der Menschheit bestes Theil
Ist jenes althomerische Gelächter!
Vorzüglich, wenn, umspickt von Bayonetten,
Ihr noch energisch die Geduld nicht riss
In einer Aera der Papiermanschetten,
Des Lustmords und der Syphilis!

Doch dies und andres auszusprechen
Ist heut ein Majestätsverbrechen;
Denn "echt" kann man als Dichter sein
Nur harmlos wie Hans Huckebein!

Ging ich schon wieder blindlings in die Falle,
Die mir mein eigner harter Kopf gestellt?
Ja, sie hat Recht die alte Dame Welt:
In meiner Tinte gährt ein wenig Galle!
Doch wer wird heute noch die Hände falten,
Wer ballt sie lieber nicht zur grimmen Faust,
Wenn ihm in hundert wechselnden Gestalten
Die p.p. Peitsche um die Ohren saust?
Wer wird zum Rosenkranz Gebete plappern,
Wenn er verhungernd hinterm Eckstein hockt,
Wenn ihm vor Winterfrost die Zähne klappern,
Wenn ihm das Blut in allen Adern stockt?
Die "dummen" Völker sind es endlich satt,
Die Hände ihrer Henker fromm zu küssen,
Schon rollt ihr Zorn in bleigeschmolznen Flüssen
Von Land zu Land hin über Dorf und Stadt!
Schon reckt gespenstisch die soziale Frage
Aus Nacht und Noth ihr rothes Drachenhaupt,
Der Baum des Friedens trauert nackt entlaubt
Und alles Glück ward eine fromme Sage!

Die Legion der Armen dieser Welt
Hat roth in eine Phalanx sich gestellt,
Und wild ihr Wuthschrei durch die Lüfte zieht:
Gebt uns nicht Brod, nein, gebt uns Dynamit!
Wir sind es müd, uns wie das Vieh zu placken,
Wir harren brünstig auf den grossen Rächer;
Der wird Euch herrlich an die Gurgel packen
Und an die Kreuze nageln alle Schächer!
Ins Nichts zerstreun wird seine rothe Wuth
Die alte Zeit des Zopfs und der Kamaschen,
In einem ungeheuren Meer von Blut
Wird er der Neuwelt ihre Windeln waschen!

Bethörtes Volk! Du wirst es schwer vergelten,
Was sie dir eingebrockt in ihrem Spleen!
Noch niemals rollte durch das All der Welten
Die Sonne, die das Paradies beschien!
Der Formen und der Farben "heitre Fülle"
Schwingt ewig kreisend sich durch Zeit und Raum,
Der Zukunft märchenfarbne Glücksidylle
Ist nur der Menschheit schönster Fiebertraum!

Doch, wehe! wenn sie fröstelnd draus erwacht
Und lächelnd vor dem neuen Tantaliden
Das ewge Glück mit seinen ewgen Frieden
Zurücksinkt in die alte Nacht - - -

Du armes Volk! Als ob ein Paradies
Mit Blut und Thränen sich erschachern lies!
Mit wie viel Elend wirst du diesen Tag,
Mit wie viel wehen Wunden dir erkaufen,
Und wie verwüstet seh ich schon den Hag,
Wenn sich die Wasser wiederum verlaufen!
Dann werden, was Jahrzehnte wüst zerschmettert,
Jahrhunderte von Neuem auferbauen,
Bis wieder mit dem neuen Morgengrauen
Die alte Sündfluth neu vom Himmel wettert!
So gährt von Aberwitz und Aberwahn
Die Welt wie ein verriegelter Vulkan
Und immer häufiger hört man sie sprechen
Das grimme Wörtlein: Biegen oder Brechen!

Doch unterdessen warf sich unsre Zeit
Aufs Phrasenfaulbett der Bequemlichkeit.
Denn immer regnen noch wie reife Birnen
Titanenkronen auf Pygmäenstirnen,
Noch immer zehrt von seinem alten Ruhm
Das lächerliche Gottesgnadenthum!
So geht es "Oben". "Unten" geht's noch trister,
Dort räkelt sich der fettige Philister,
Braut bairisch Bier, backt Knödel, klebt am Staube
Und liest Romane aus der Gartenlaube!

Nur wenig, bitterwenig sind erwählt,
Das Gros der Hämmel ist gar schwer gezählt;
Man hätschelt eben seine Eiterbeulen
Und lernt vortrefflich mit den Wölfen heulen!
Auch betet man als ein gemachter Mann
Nur Einen Gott, den Gott der Thaler an
Und fühlt als Kind der grossen Corruption
Sich nur noch ausnahmsweise mal chokiert,
Wenn unglücksschwanger unser Telephon
Den neusten Börsenkrach uns avisirt.
Doch Wahrheit bleibt's, auf beiden Hemigloben,
Man soll die Nacht nicht vor dem Morgen loben!

Doch dies und andres auszusprechen,
Ist wieder Majestätsverbrechen;
Denn "echt" kann man als Dichter sein
Nur harmlos wie Hans Huckebein!

O dass ich endlich doch ein Thema fände,
Das, seicht wie ein modernes Theegeschwätz,
Das, platt wie eines alten Tempels Wände,
Mich nicht verhaspelt mit dem Pressgesetz!
Doch unser Zeitgeist ist ein Fragegeist,
Der lauernd wie ein Geier uns umkreist
Und eine Beute, die er einmal fässt,
Nicht leichten Kaufes wieder fallen lässt!

Wir haben blutend uns hinabgerungen,
Wir sind der Welt bis tief ins Herz gedrungen,
Doch die Natur, die wir entschleiern wollten,
Hat unsre Liebe bitterbös vergolten.
Die Taschen voll von ihren goldnen Schätzen,
So stehn wir da mit frühergrauten Haaren
Und sind am Ende ärmer, als wir waren,
Denn statt des Herzens schlägt uns nur ein Fetzen!
Ein Fetzen Fleisch, den roh und materiell
Uns blosgelegt das kritische Skalpell!

Verbittern muss uns jeden Bissen
Der grosse Hunger nach dem grossen Wissen,
Und niemals, niemals wird es Friede
In unsres Hirns Gedankenschmiede! ...

Denn Einen ist, vermengt aus Kann und Muss,
Der liebe Gott ein Metaphysikus,
Der andre wieder leugnet gar sein Sein
Und lebt fidel in seinen Tag hinein,
Der eine faselt viel von Weltenleid,
Der andre wieder von Unsterblichkeit,
Der eine - doch die Sache wird zu heiter,
Es geht so lustig ad absurdum weiter!

Wer je die Wahrheit nur von fern geschaut,
Weiss, jeder Tempel ist aus Staub gebaut!
Drum hüte, hüte deine Menschenzunge
Und bete zu dir selber, armer Junge!
Wie bissig wir uns auch dagegen steifen,
Die Wahrheit ist: dass wir sie nie begreifen!
Das ist der Menschenweisheit letzter Schluss,
Und - ewig rollt der Stein des Sysiphus!

Doch, Teufel ja! was hab ich angerichtet?
Dies ist ein Zickzacknichts und kein Poem!
Das kommt davon, wenn so ein Klos aus Lehm
Aufs hohe Pferd sich setzen will und "dichtet!"
Erst geht das Rösslein stillvergnügt im Trab,
Dann will es stolz den Araber markiren,
Legt störrisch wiehernd sich aufs Kourbettiren
Und wirft dann schliesslich seinen Reiter ab!

Doch wenn dies Ding hier, das ich leicht gerundet,
Auch Deinem Gaumen nicht besonders mundet -
O, das verursacht weiter keine Trübung,
Es ist nur eine leichte Fingerübung!
Ich schrieb es nieder, als zur Sommerszeit
Mich ferienweis die lange Weile zwickte,
Wenn goldumschleiert in die Einsamkeit
Die Abendsonne mir durchs Fenster blickte.
Bunt auf dem Tischlein warf ein Blumenstrauss
In meine Zeilen seinen Rosenschein,
Und sah ich träumend dann und wann hinaus,
Dann sah ich meilenweit ins Land hinein,
Dass da an "Arbeit" nicht zu denken war,
Ist Dir als Praktikus natürlich klar.

Drum nimm vorlieb mit dem, was Dir mein Wille,
Der immer gut ist, launig dediziert,
Sei auf den Reimfex nicht zu sehr pikiert
Und declamier mit ihm: "Beatus ille!"


      [Buch der Zeit]

Ihr kriegt mich nicht nieder,
Ohnmächtige Tröpfe,
Ich kehre wieder und wieder,
Und meine steigenden Lieder
Wachsen begrabend Euch über die Köpfe!
                                              Lenau.


             Zum Eingang

Die Zeit ist die Madonna der Poeten,
Die Mater dolorosa, die gebären
Den Heiland soll; drum halt die Zeit in Ehren,
Du kannst nichts Höheres denn sie vertreten.
                                       Georg Herwegh

Noch sprosst der Bart mir nicht ums Kinn,
Auch weiss ich, hört mich, ihr Teutonen,
Dass unter allen Epigonen
Just ich der allerletzte bin!

Doch lasst's mich trotzdem euch gestehn:
Ihr jammert mich, ihr armen Dichter,
Ihr Groschen- und ihr Dreierlichter,
Von denen zwölf aufs Dutzend gehn.

Ihr stöhnt verzweifelt: Der Bien muss!
Und ampelt krampfhaft an der Leiter,
Doch ach, ihr kommt und kommt nicht weiter,
Wie weiland Fausti Famulus!

Seht, das ist eure Quintessenz,
Ihr fliedersüssen Lenzrhapsoden:
Ihr macht mit Hymnen und mit Oden
Den Nachtigallen Concurrenz!

Ihr glaubt verblendet, Poesie
Sei Lenznacht nur und Blüthenschimmer,
Ihr glaubt's verblendet und singt immer
Ein und dieselbe Melodie!

Ihr dichtet jeden dritten Tag
Ein hohes Lied auf eure Liebe,
Reimt selbstverständlich darauf "Triebe"
Und gebt's dann schleunigst in Verlag.

Zwar, seid ihr noch kein "grosses Thier",
Müsst ihr auf alle Fälle "zahlen",
Doch dann wird's auch mit Initialen
Gedruckt auf fein Velinpapier.

Und wird's dann gratis noch versandt
An so und so viel Kritikaster,
Dann lobt man euern schlechten Knaster
Und schimpft den Kieselstein Demant.

Und wenn ihr fleissig schmiert und salbt,
Sorgt auch die Clique für Verbreitung,
- Denn wozu hat man sonst die Zeitung? -
Herr X hat wieder mal gekalbt!

Ein Liederbuch ist's dieses Mal
In rothem Maroquin gebunden
Und überdies sehr warm empfunden
Und wunderbar original!

Und kauft man sich dann das Idol,
Dann sind's die alten tauben Nüsse,
Die längst genossenen Genüsse,
Der aufgewärmte Sauerkohl.

Von Wein und Wandern, Stern und Mond,
Vom "Rauschebächlein", vom "Blauveilchen",
Von "Küssmichmal" und "Warteinweilchen",
Von "Liebe, die auf Wolken thront"!

Und will der Dichter hoch hinaus,
Dann streicht er die Rubrik: "Erotisch!"
Und hängt die Tafel: "Patriotisch!"
Als Firmenzeichen vor sein Haus.

Doch Blech bleibt Blech, und ob es auch
Der Jude oft als Gold verschachert ...
Der Ruhm, den ihr zusammenprachert,
Ist eitel Moder, Dunst und Rauch!

Denn kräht auch dreist zu eurem Wisch
Die heutige Kritik ihr Amen,
Und legt man ihn auch jungen Damen
Alljährlich auf den Weihnachtstisch:

Und labt sich auch aus eurem Quell
Der Leutnant und der Ladenschwengel,
Und nippt aus ihm auch jeder Engel,
Die Gräfin und die Nähmamsell:

Lasst über euch und euer Wort
Ein einzig Menschenalter rollen,
Und was ihr singt, ist längst verschollen,
Und was ihr pflanzt, ist längst verdorrt!

Ich aber mag nicht, lass wie ihr,
Das Pfund, das Gott mir gab, verwalten,
Ich will hoch über mir entfalten
Der Neuzeit junges Lenzpanier.

Ich lache, wollt ihr blöden Blicks
Verjährten Tand modern staffiren
Und himmelbläulich phantasiren
Vom Waldgnom und vom Wassernix.

Ich lache, zählt ihr eins, zwei, drei
Die Kugeln, die ihr nie verschossen,
Die Thränen, die ihr nie vergossen,
Ein jeder Zoll ein Papagei.

Ich lache, doch mein Zorn hält Wacht,
Denn der St. Veitstanz wird zur Mode;
Ich weiss, ihr tanzt nur aus Methode,
Weil ein Narr viele Narren macht.

Doch tollt nur euren tollen Schwank,
Nur zu, je toller, desto besser:
Ich biet euch Kampf, Kampf bis aufs Messer,
Und gehe meinen eignen Gang!

Den Gang, den lichtumstrahlt die Kunst
Sieghaft zu wandeln mir geboten;
Und Herz an Herz mit ihren Todten,
Veracht ich euch und eure Gunst!

Denn mir schlägt nicht das Wort den Takt
Zum Reigen selbstischer Gedanken,
Ein Löwe, hat es seine Pranken
Tief in mein Herzfleisch eingehackt.

Nur, dass es mich nicht jäh zerfleischt,
Such ich's mit Liedern zu beschwören,
Doch nicht beim Rauschen alter Föhren,
Die Nachts ein schwarzer Aar umkreischt.

Auch nicht ins Grab der Lorelei
Verirrt sich mehr mein schwankes Steuer;
Die Zeit verliebter Abenteuer,
Für mich ist sie schon längst vorbei!

Nein, mitten nur im Volksgewühl,
Beim Ausblick auf die grossen Städte,
Beim Klang der Telegraphendrähte
Ergiesst ins Wort sich mein Gefühl.

Dann glaubt mein Ohr, es hört den Tritt
Von vorwärts rückenden Kolonnen,
Und eine Schlacht seh ich gewonnen,
Wie sie kein Feldherr noch erstritt.

Doch gilt sie keiner Dynastie,
Auch kämpft sie nicht mit Schwert und Keule -
Galvanis Draht und Voltas Säule
Lenkt funkensprühend das Genie.

Und um sich sammelt es ein Heer
Von himmelstürmenden Ideen,
Gedanken blitzen und verwehen
Unzählig, wie der Sand am Meer.

Doch mehr als einer wird zur That
Und lenkt das Schicksal der Geschlechter,
Und als des Ideals Verfechter
Streut er der Zukunft goldne Saat.

Und auf flammt dann ein neues Licht,
Ein neuer Welttag für die Erde,
Denn auch die Menschheit hat ihr "Werde!"
Und sinnlos ist kein Traumgesicht.

Der ewge Friede baut sein Zelt,
Und ob die Zeit sie auch verdamme,
Der Freiheit goldne Oriflamme
Weht leuchtend über alle Welt.

Und wenn dann Lied auf Lied sich ringt
In immer höhre Regionen
Und alle Völker, alle Zonen
Ein einzig grosser Bund umschlingt:

Dann ist's mir oft, als ob die Zeit,
Verlästert viel und viel bewundert,
Als ob das kommende Jahrhundert
Zu seinem Täufer mich geweiht

Als müsst ich stossen in die Brust,
Ein Winkelried, mir eure Speere:
Hie Wahrheit, Freiheit und hie Ehre!
O Kampf der Liebe, Kampf der Lust!!

Drum dir, die schmerzvoll mich gebar,
Dir, junge Zeit aus Blut und Eisen,
Leg ich mein Herz und seine Weisen
Nun stumm auf deinen Hochaltar!

Schaust du doch auch ins Morgenroth
Und träumst von unentdeckten Welten;
Wirst du die Liebe mir vergelten,
Die tief für dich mein Herz durchloht?

Doch ob auch Dampf und Kohlendunst
Die Züge dieser Schrift verwaschen;
Kein flüchtig Glück will ich erhaschen,
Ich liebe dich, nicht deine Gunst!

Mir schwillt die Brust, mir schlägt das Herz
Und mir ins Auge schiesst der Tropfen,
Hör ich dein Hämmern und dein Klopfen
Auf Stahl und Eisen, Stein und Erz.

Denn süss klingt mir die Melodie
Aus diesen zukunftsschwangern Tönen;
Die Hämmer senken sich und dröhnen:
Schau her, auch dies ist Poesie!

Sie kehrt nicht nur auf ihrem Gang
In Wälder ein und Wirthshausstuben,
Sie steigt auch in die Kohlengruben
Und setzt sich auf die Hobelbank.

Auch harft sie nicht als Abendwind
Nur in zerbröckelten Ruinen,
Sie treibt auch singend die Maschinen
Und pocht und hämmert, näht und spinnt.

Sie schaukelt sich als schwanker Kahn
Im blauen schilfumkränzten Weiher,
Sie schlingt den Dampf ums Haupt als Schleier
Und saust dahin als Eisenbahn.

Von nie geahnter Kraft geschwellt,
Verwarf sie ihre alten Krücken,
Sie mauert Tunnels, zimmert Brücken
Und pfeift als Dampfschiff um die Welt.

Ja, Wunder thut sie sonder Zahl,
Sie lindert jegliches Verhängniss,
Sie setzt den Fuss selbst ins Gefängniss
Und speisst die Armuth im Spital.

Wohl war's der Himmel, der sie schuf,
Doch heimisch ward sie längst auf Erden;
Drauf immer heimischer zu werden,
Ist ihr ureigenster Beruf!

So klingt das Lied, das hohe Lied,
Dass dumpfauf mir die Hämmer dröhnen;
Euch aber, euch, die es verhöhnen,
Euch fordr' ich kühn in Reih und Glied!

Rückt an! Mit offenem Visir
Und harter Faust will ich euch weisen:
Ich und mein Lied, wir sind von Eisen -
Ihr oder ich, ich oder ihr!

Denn nicht soll einst in später Zeit
Mit selbstgefälligem Behagen
Ein später Enkel von uns sagen,
Was roth wie Blut zum Himmel schreit:

Poeten ohne Poesie,
Und keiner rief das Wörtchen: Rette!
Sie blökten allsammt um die Wette,
Wie eine Heerde Hammelvieh!

Nein, nein und nein und aber nein!
Ein Schuft sein will ich, wenn's so endet!
Das Blatt hat endlich sich gewendet!
Dies Buch soll dess ein Zeichen sein!

Soll sagen, was ihr nie gewollt:
Der Singsang hat sich ausgetutet -
Auch durch das junge Lied noch fluthet
Das alte Nibelungengold!

Drum ihr, ihr Männer, die ihr's seid,
Zertrümmert eure Trugidole
Und gebt sie weiter, die Parole:
Glückauf, glückauf, du junge Zeit!

                               26 IV. 1884.


                    Ein Bild

Zwei Racen giebt's, die eine wird mit Sporen,...

Aus Sandstein ist das gelbliche Portal,
Die rothen Säulen aus Granit gehauen,
Und seitwärts in ein weisses Piedestal
Vergräbt ein Löwe seine Marmorklauen.
Doch schwarz verhängt sind alle Fenster heut
Und Lichter brennen nur im Erdgeschosse,
Der Strassendamm ist hoch mit Stroh bestreut
Und lautlos drüberhin rollt die Karosse.

Das Treppenhaus vertheidigt der Portier
Und schüttelt grimmig seine graue Mähne,
Und naht gar Einer aus der Haute volée,
Dann fletscht er cerberusgleich seine Zähne.
Im Prunksaal trauern hinter Flor und Taft
Die bunten Inderstoffe aus Lahore,
Auch schleicht die goldbetresste Dienerschaft
Nur auf Spitzzehen durch die Corridore.

Der hochgeborne Hausherr, Excellenz,
Schwankt wie ein Rohr umher auf bleicher Düne,
Die erste Redekraft des Parlaments
Fehlt heute abermals auf der Tribüne.
Zwar trat man gestern erst in den Etat,
Doch hat sein Fehlen diesmal gute Gründe:
Schon viermal war der greise Hausarzt da
Und meinte, dafs es sehr bedenklich stünde.

Nach Eis und Himbeer wird gar oft geschellt,
Doch mäuschenstill ist es im Krankenzimmer,
Und seine düstre Teppichpracht erhellt
Nur einer Ampel röthliches Geflimmer.
Weit offen steht die Thür zum Vestibul
Und wie im Traum nur plätschert die Fontäne,
Die Luft umher ist wie gewitterschwül,
Denn ach, die gnädge Frau hat heut - Migräne!


                   Ein Andres

...Mit Sätteln wird die andere geboren!
                                      Karl Kösting.

Fünf wurmzernagte Stiegen geht's hinauf
Ins letzte Stockwerk einer Miethskaserne;
Hier hält der Nordwind sich am liebsten auf
Und durch das Dachwerk schaun des Himmels Sterne.
Was sie erspähn, o, es ist grad genug,
Um mit dem Elend brüderlich zu weinen:
Ein Stückchen Schwarzbrod und ein Wasserkrug,
Ein Werktisch und ein Schemel mit drei Beinen.

Das Fenster ist vernagelt durch ein Brett
Und doch durchpfeift der Wind es hin und wieder,
Und dort auf jenem strohgestopften Bett
Liegt fieberkrank ein junges Weib darnieder.
Drei kleine Kinder stehn um sie herum,
Die stieren Blicks an ihren Zügen hangen,
Vor vielem Weinen ward ihr Mündlein stumm
Und keine Thräne mehr netzt ihre Wangen.

Ein Stümpfchen Talglicht giebt nur trüben Schein,
Doch horch, es klopft, was mag das nur bedeuten?
Es klopft und durch die Thür tritt nun herein
Ein junger Herr, geführt von Nachbarsleuten.
Der Armenhilfsarzt ist's aus dem Revier,
Den sie geholt aus Mitleid mit der Kranken,
Indess ihr Mann in Branntwein und in Bier
Sich selbst betäubt und seine Wuthgedanken.

Der junge Doctor aber nimmt das Licht
Und tritt mit ihm ans Bett des armen Weibes,
Doch gelb wie Wachs und spitz ist ihr Gesicht
Und kalt und starr die Glieder ihres Leibes.
Da schluchzt sein Herz,
indess das Licht verkohlt,
Von nie gekannter Wehmuth überschlichen:
Weint, Kinder, weint! ich bin zu spät geholt,
Denn eure Mutter ist bereits - verblichen!


                                      Frühling

Empfangt mich, heilige Schatten, ihr Wohnungen süsser Entzückung,
Ihr hohen Gewölbe voll Laub und Dunkel schlafender Lüste,
Die ihr oft einsamen Dichtern der Zukunft Vorhang zerrissen, Oft ihnen des heitern Olymps azurne Thore geöffnet.
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Gestreckt im Schatten will ich in goldne Saiten die Freude,
Die in euch wohnet, besingen! - Reizt und begeistert die Sinnen!
Dass meine Töne die Gegend wie Zephyrs Lispeln erfüllen,
Der jetzt durchs Veilchenthal fleucht, und wie die riefelnden Bäche!
Ewald Chr. v. Kleist

Wohl haben sie dich alle schon besungen
Und singen dich noch immer an, o Lenz,
Doch da dein Zauber nun auch mich bezwungen,
Meld ich mich auch zur grossen Concurrenz.
Doch fürcht ich fast, ich bin dir zu prosaisch,
Aus meinen Versen sprüht kein Fünkchen Geist;
Und denk ich gar an deinen Dichter Kleist,
Klingt meine Sprache mir fast wie Havaïsch.

Kein Veilchenduft versetzt mich in Extase,
Denn ach, ich bin ein Epigone nur;
Nie trank ich Wein aus einem Wasserglase
Und nüchtern bin ich bis zur Unnatur.
Der Tonfall meiner lyrischen Collegen
Ist mir ein unverstandner Dialect,
Denn meinen Reim hat die Kultur beleckt
Und meine Muse wallt auf andern Wegen.

Ins Waldversteck verirrt sie sich nur selten,
Die blaue Blume ist ihr längst verblüht;
Doch zieht die Ahnung neugeborner Welten
Ihr süsser als ein Märchen durchs Gemüth.
Zur Armuth tritt sie hin und zählt die Groschen,
Ihr rothes Banner pflanzt sie in den Streit,
An ihr Herz schlägt das grosse Herz der Zeit
Und aller Weltschmerz scheint ihr abgedroschen.

Doch heute singt sie, was ihr längst verboten,
Mir scheint, dein Lächeln hat sie mir behext,
Und unter deine altbekannten Noten
Schreibt sie begeistert einen neuen Text.
Die Flur ergrünt und bläulich blüht der Flieder,
Ich aber leire meine Lenzmusik
Und lachend schon vernehm ich die Kritik:
Das denkt und singt ja wie ein Seifensieder!

Schon blökt ins Feld die erste Hammelheerde,
Der Hof hielt seine letzte Soiree,
Und grasgrün überdeckt die alte Erde
Kokett ihr weisses Winternegligee.
Der Wald rauscht wieder seine Lenzgeschichten
Und mir im Schädel rasselt kreuz und quer
Ein ganzer Rattenkönig von Gedichten,
Ein Reim- und Rythmenungethüm umher.

Wie Gold in meine ärmliche Mansarde
Durchs offne Fenster fällt der Sonnenschein,
Und graubefrackt lärmt eine Spatzengarde:
Ich schnitt es gern in alle Rinden ein!
Die Luft weht lau und eine Linde spreitet
Grün übers Dach ihr junges Laubpanier,
Und vor mir auf dem Tisch liegt ausgebreitet
Fein säuberlich ein Bogen Schreibpapier.

O lang ist's her,
dass mir's im Hirne blitzte!
Im Winterschnee erfror die Phantasie;
Erst heute war's, dass ich den Bleistift spitzte,
Erst heut in dieser Frühlingsscenerie.
Weh, mein Talent versickert schon im Sande,
Des eitlen Nichtsthuns bin ich endlich satt;
Drum da ich ihn noch nie sah auf dem Lande,
Besing ich nun den Frühling in der Stadt.

Denn nicht am Waldrand bin ich aufgewachsen
Und kein Naturkind gab mir das Geleit,
Ich seh die Welt sich drehn um ihre Achsen
Als Kind der Grossstadt und der neuen Zeit.
Tagaus, tagein umrollt vom Qualm der Essen,
War's oft mein Herz, das lautauf schlug und schrie,
Und dennoch, dennoch hab ich nie vergessen
Das goldne Wort: Auch dies ist Poesie!

O wie so anders, als die Herren singen,
Stellt sich der Lenz hier in der Grossstadt ein,
Er weiss sich auch noch anders zu verdingen,
Als nur als Vogelsang und Vollmondschein.
Er heult als Südwind um die morschen Dächer
Und wimmert wie ein kranker Komödiant,
Bis licht die Sonne ihren goldnen Fächer
Durch Wolken lächelnd auseinanderspannt.

Und Frühling! Frühling! schallt's aus allen Kehlen,
Der Bettler hört's und weint des Nachts am Quai;
Ein süsser Schauer rinnt durch alle Seelen
Und durch die Strassen der geschmolzne Schnee.
Die Damen tragen wieder lange Schleppen,
Zum Schneider eilt nun, wer sich's "leisten" kann,
Die Kinder spielen lärmend auf den Treppen
Und auf den Höfen - singt der Leiermann.

Schon legt der Bäcker sich auf Osterkringel
Und seine Fenster putzt der Photograph,
Der blaue Milchmann mit der gelben Klingel
Stört uns tagtäglich nun den Morgenschlaf.
Mit Kupfern illustrirt die Frauenzeitung
Die neusten Frühjahrsmoden aus Paris,
Ihr Feuilleton bringt zur Geschmacksverbreitung
Den neusten Schundroman von Dumas fils.

Es tritt der Strohhut und der Sonnenknicker
Nun wieder in sein angestammtes Recht
Und kokettirend mit dem Nasenzwicker
Durchstreift den Park der Promenadenhecht.
Das ist so recht die Schmachtzeit für Blondinen
Und ach, so mancher wird das Herzlein schwer,
Ein Duft von Veilchen und von Apfelsinen
Schwingt wie ein Traum sich übers Häusermeer.

Am Arm das Körbchen mit den weissen Glöckchen,
Das blonde Haar zerweht vom Frühlingswind,
Lehnt bleich und zitternd im verschossnen Röckchen
Am Prunkpalast das Proletarierkind.
Geschminkte Dämchen und gezierte Stutzer,
Doch niemand, der ihm schenkt ein freundlich Wort;
Und naht sich Abends der Laternenputzer,
Dann schleicht es weinend sich ins Dunkel fort.

Verfolgt vom blutgen Schwarm der Manichäer,
Umirrt nun Bruder Studio wie gehetzt;
Bis er sich endlich rettet zum Hebräer
Und seinen Winterpaletot versetzt.
Der Hypochonder sinnt auf Frühjahrskuren
Und wettert auf die Stickluft der Salons,
Der Italiano formt sich Gypsfiguren
Und zieht vors Thor mit seinen Luftballons.

Nun geht die Welt kopfüber und kopfunter,
Auf Sommerwohnung zieht schon der Rentier,
Die Anschlagssäulen werden immer bunter
Und nächtlich wimmert oft das Portemonnaie.
Der Schornsteinfeger klettert auf die Leiter
Und grinst uns an als Vogelperspecteur,
Vor Klingeln kommt die Pferdebahn nicht weiter
Und Alles brüllt: He, schneller, Conducteur!

Das Militär wirft sich in Drillichhosen
Und übt sich schwitzend im Paradeschritt,
Als ging's kopfüber gegen die Franzosen,
Und krampfhaft schleppt es die Tornister mit.
Und blitzt der Exercierplatz dann exotisch
Wie ein gemaltes Farbenmosaik,
Dann wird die Schusterjugend patriotisch
Und lautauf spielt die Regimentsmusik.

Schon dampft der Kaffee hie und da im Garten,
Der Schoosshund bellt, er kreischt der Papagei,
Papa studirt die kolorirten Karten
Von Zoppot, Heringsdorf und Norderney.
In den geschlossenen Theatern trauern
Die weichen Polstersitze des Parquets
Und rothe Zettel predgen an den Mauern
Die goldne Aera der Retourbillets.

An eine Spritztour denkt manch armer Schlucker,
Doch dreht sie leider sich ums Wörtchen "wenn";
Am gelben Gurt den schwarzen Operngucker,
Stelzt durchs Museum nun der Englishman.
Die Provinzialen aber schneiden Fratzen,
Dank ihrer anerzognen Prüderie,
Und unbemerkt nur schleichen sie wie Katzen
Um unsre liebe Frau von Medici.

Doch drauss vorm Stadtthor rauscht es in den Bäumen,
Dort tummelt sich die fashionable Welt,
Und junge Dichter wandeln dort und träumen
Von ewgem Ruhm, Unsterblichkeit - und Geld.
Rings um die wieder weissen Marmormäler
Spielt laut ein Kinderschwarm nun Blindekuh
Und heimlich gibt der Backfisch dem Pennäler
Am Goldfischteich das erste Rendevous.

Und macht die Nacht dann ihre stille Runde
Und blitzt es licht durchs dunkle Firmament,
Dann ist's dieselbe Lenznacht, die zur Stunde
Sich lagert um den Busen von Sorrent!
Dann ist's derselbe Mond, der rings das Pflaster
Sacht überdeckt mit seinem goldnen Vliess,
Den vor Jahrtausenden schon Zoroaster
Als ewgen Herold aller Lenze pries!

O Frühling! Frühling, dem die Welt entlodert,
Du führst im Schild ein Röslein ohne Dorn;
Dass uns das Herz nicht ganz vermorscht und modert,
Stösst du noch immer in dein Wunderhorn.
Noch immer lässt du deine Nachtigallen
Ins Frühroth schlagen, wie zur Zeit Homers,
Und hebst empor die Engel, die gefallen,
Die kranken Söhne Fausts und Ahasvers.

Ob du vor Zeiten einst als junge Sonne
Glorreich emporstiegst über Salamis,
Indess Diogenes in seiner Tonne
Sich philosophisch in die Nägel biss;
Und ob dir heute noch im fernsten Norden
Ein Opfer bringt der fromme Eskimo,
Wie weiland an des Südmeers blauen Borden
Der alte Mythenkönig Pharao:

Du bist und bleibst der einzig wahre Heiland,
Dein schöner Wahlspruch jauchzt: "Empor! Empor!"
Was soll uns noch ein waldumrauschtes Eiland?
Du wandelst um den Stadtwall auch durchs Thor!
Du bist nicht scheu wie deine Waldgespenster,
Du setzt auch in die Grossstadt deinen Fuss
Und wehst tagtäglich durch das offne Fenster
Mir in das Stübchen deinen Morgengruss.

Und jetzt, wo schon der Abend seine Lichter
Rothgolden über alle Dächer strahlt,
Krönst du mich lächelnd nun zu deinem Dichter
Und hast mir rhythmisch das Papier bemalt.
Ich aber gebe dieses Blatt den Winden,
Die Fangball spielen um den Kirchthurmknauf,
Und wenn's noch heut die Strassenkehrer finden,
Was kümmert's mich? Flieg auf, mein Lied, flieg auf!

Doch fällst du einem schönen Kind zu Füssen,
Das dich erröthend in den Busen steckt,
Dann sprich zu ihm: "Der Frühling lässt dich grüssen!"
Bis sie mit Küssen das Papier bedeckt.
Doch hascht ein Graukopf dich auf deinen Bahnen,
So ein vergilbter Langohr-Recensent,
Dann sprich zu ihm: "Respect vor meinen Ahnen!
Mein Urtext steht im Sanskrit und im Zend!"