Holz

Seite 9

Inhalt

Biografie

Seite 11

            Meine Freunde

Der eine irrt mit Pinsel und Pallette
Als Maler jetzt in Minnesota rum,
Ist stets verliebt, schreibt englische Billette
Und pfeift als Motto lustig: Homo sum!
Der andre wieder weihte sein Genie
Der urmodernen Eisenindustrie
Und harmonirt als rother Jakobiner
Aufs prächtigste mit seinem Mediziner!
Das ist kein staubgenährter Dutzendgeist,
Das ist ein Mensch, wie man ihn gerne leidet,
Und manchmal, wenn er trockne Witze reisst,
Ein Kerl, um den man selber sich beneidet!
Doch hat zum Lächeln bitterwenig Zeit
Die eselsgraue Rechtsgelehrsamkeit,
Ochst Justinian und hilft mir Verse klügeln
Und wird wohl nächstens ihren Lehrer prügeln.
Bescheidner schon ist jener Chemikus,
Der, schwarz bepinselt mit Retortenruss,
Die üblen Folgen geistiger Diät
Nur im historischen Roman entlädt.
Doch unbekümmert um die ganze Blase,
In einem Nichts die einzige Oase,
Denkt still die Gottgelahrtheit nur: Pfui Deibel!
Und schreibt ein Büchlein über - E. von Geibel!


               Kater

Hinterm Ofen hängt verstummt
Meine sogenannte Leier,
Und mein armer Schädel brummt
Wie nach einer Kirchweihfeier;
Wie nach einer Kirchweihfeier
Mir mein armer Schädel brummt
Und auf ewig scheint verstummt
Meine sogenannte Leier!


   Die Kritik als Epilog

Dies schrieb ein Antihofpoet,
Halb Kakerlake, halb Prophet.
Er sang zu wenig mir piano
Und roch verteufelt nach Guano.
Zwar mancher wird ihm Beifall hageln,
Doch darf's mir nicht das Hirn vernageln,
Denn seht, sein ganzer Singsang hinkte:
Er appellirte an die hässlichen Instinkte!


Phantasus

Ihm mit Staunen blickt ich nach;
Doch, wenn mir die Kraft gebrach,
Um ihm nachzuringen,
Dacht' ich bang: genug! genug!
Brechen müssen bei dem Flug
Endlich seine Schwingen.

Und es kam, wie ich gedacht:
Um sein frühes Grab bei Nacht
Flattert die Phaläne;
Wo so oft er bei mir sass,
Blieb ich einsam, und ins Glas
Rieselt eine Thräne.
Adolf Friedrich Graf von Schack

                                           Have anima candida!

Armer Freund!
Nicht hinter jedem Tempelvorhang verbirgt sich eine nackte Venus: dein Herz war mehr als gross, dein Herz war rein!
O, dass jetzt der Todtenwurm um dein leuchtendes Lockenhaupt sein widriges Netz spinnt!
Du starbst!
Doch du starbst im Frühling und über dein frischgeschaufeltes Grab hin klagte die Nachtigall der Rose
ihre ewige Sehnsucht ....
Nein, der Frühling ist kein Kind!
Die frommen Maler, die ihm zärtliche Schmetterlingsflügel an die Schultern logen, haben ihn nie auf seinem feuerschnaubenden Sturmross Nachts durch die Lüfte taumeln gesehn! Hat er nicht oft schon, droben im Bergwald, trotzige Wettertannen entwurzelt? Und schleudert der Thau, der vom Mantel ihm tropft, nicht Felsblöcke zu Thal? Felsblöcke, so gross wie Kirchthürme?
Nein, der Frühling ist kein Kind!
Ein Gigant ist der Frühling und seine Thaten sind Legion!
Aber seine grösste war's doch, dass er dir das Herz brach! Denn ich weiss, du bist sein Liebling gewesen.
Doch ich klage nicht!
Was solltest du auch hier auf dieser närrischen Kugel?
Das goldene Elend deiner Mitwürmer machte dich melancholisch und wenn ein Hammer auf seinen Ambos sauste, fuhr's dir durchs Herz wie ein Stich, denn die Zeit des dritten Testaments ist noch fern.
Armer Freund!
Wäre deine Seele, deine unsterbliche Seele, nicht von Krystall gewesen, sie wäre nicht zersprungen. Sie wäre nicht zersprungen und du selbst wärst jetzt glücklich. Glücklich, wie wir brutalen Kieselsteinseelen es eben sein können.
Doch ich will nicht glücklich sein! Ich will nicht wie ein Thier sein und das Schwein zum Schwager haben! Ich pfeife auf ihre spiessbürgerliche Verdauungsmoral!
Mein stilles Leben wird fortab ein Kampf sein. Und mein Lied ein Racheschrei. Ein wilder, blutrünstiger Aufschrei um dich und deine todten Hoffnungen, die hingemordeten Kinder deines Herzens!
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O, wie dunkel es ist!
Lang, lang ist dem Schlaflosen die Nacht und Träume umgaukeln nur Kinder und Thoren!
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Wann, o ihr Brüder, wird uns das Frühroth, das ewige Frühroth, Erlösung ins Herz blitzen? Liegen wir knirschend und staubbesät nicht schmählich am Boden? Knirschend und staubbesät, wie gefesselte Titanen?
Doch verzagen lasst uns nicht inmitten dieser blöden Bestien und falschen Schlangen! Wenn der Gebetriemen reisst, thut der Fluch seine Pflicht. Löwen weinen nicht, Löwen brüllen! Und der Weg zur Wahrheit führt durch den Kerker!
Drum schaart euch zusammen, ihr Söhne des Ormuzd, lasst eure Banner sich mit Herzblut bespritzen und taucht sie golden ins Licht der Zukunft!
Tod der Lüge!
Mich aber lasst euern Winkelried sein, denn der Tod ist mein Freund und ich habe mehr zu rechten und zu richten als ihr!
Seht ihr sie dort heranschleichen, die Enkel der Ahriman, die Priester des Moloch - vipernzüngig und katzenäugig? Wacht auf, ihr Götter in goldner Hochburg, denn euer Mord ist ihre Parole und ihr Feldgeschrei der Verrath! Ihre Waffen sind nicht assyrische Sichelwagen und indische Elephanten. Ihre Waffen sind vergiftete Pfeile und nur Wenige beseelt der Muth des Nahkampfs.
Erst, wenn ihr Speerwald die Brust mir durchbohrt, wird mir wohl sein!
Und so brech ich denn los: Tod der Lüge!
Den Stahl in der Faust und im Herzen - eine Thräne.
Armer Freund!


                         1.

Ihr Dach stiess fast bis an die Sterne,
Vom Hof her stampfte die Fabrik,
Es war die richtge Miethskaserne
Mit Flur- und Leiermannsmusik!
Im Keller nistete die Ratte,
Parterre gab's Branntwein, Grogk und Bier,
Und bis ins fünfte Stockwerk hatte
Das Vorstadtelend sein Quartier.

Dort sass er nachts vor seinem Lichte
- Duck nieder, nieder, wilder Hohn! -
Und fieberte und schrieb Gedichte,
Ein Träumer, ein verlorner Sohn!
Sein Stübchen konnte grade fassen
Ein Tischchen und ein schmales Bett;
Er war so arm und so verlassen,
Wie jener Gott aus Nazareth!

Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,
Die Welt, ihn aus: Er ist verrückt!
Ihm hatte leuchtend auf die Stirne
Der Genius seinen Kuss gedrückt.
Und wenn vom holden Wahnsinn trunken,
Er zitternd Vers an Vers gereiht,
Dann schien auf ewig ihm versunken
Die Welt und ihre Nüchternheit.

In Fetzen hing ihm seine Blouse,
Sein Nachbar lieh ihm trocknes Brod,
Er aber stammelte: O Muse!
Und wusste nichts von seiner Noth.
Er sass nur still vor seinem Lichte,
Allnächtlich, wenn der Tag entflohn,
Und fieberte und schrieb Gedichte,
Ein Träumer, ein verlorner Sohn!


                   2.

Durch eine unverdiente Gnade
Die Sinne wunderbar erhellt,
So wandl' ich sinnend diese Pfade,
Mein Reich ist nicht von dieser Welt.
Kein Erdenweib, vor dem ich kniete,
Nein, schöner ist mein Herz entbrannt:
Mich liebt die Göttin Aphrodite,
Die Königin von Griechenland!

Die goldne Traumwelt der Hellenen,
In mir ward sie zur Melodie;
Die ewge Schönheit ist mein Sehnen,
Mein Flügelross die Phantasie.
Kein Sänger drum, vor dem ich kniete,
Mein Lied, es blitzt wie ein Demant:
Mich liebt die Göttin Aphrodite,
Die Königin von Griechenland!

Seit unvordenklichen Aeonen
War sie's schon, die das Scepter schwang,
Und dienstbar sind ihr die Nationen
Vom Aufgang bis zum Niedergang.
Kein König drum, vor dem ich kniete,
Denn purpurn wallt auch mein Gewand:
Mich liebt die Göttin Aphrodite,
Die Königin von Griechenland!

Der Jnder nennt die Gottheit Brahma,
Doch ach, schon anders der Buddhist;
Ich bin mein eigner Dalai Lama,
Ich bin mein eigner Jesus Christ!
Kein Tempel drum, in dem ich kniete,
Die ganze Welt ist mir ein Tand:
Mich liebt die Göttin Aphrodite,
Die Königin von Griechenland!


                          3.

Die Nacht verrinnt, der Morgen dämmert,
Vom Hof her poltert die Fabrik
Und walkt und stampft und pocht und hämmert,
Ein hirnzermarterndes Gequik!
Die Nacht verrinnt, der Traumgott ruht nun,
Die Welt geht wieder ihren Lauf,
Zum Himmel spritzt der Tag sein Blut nun,
Die Nacht verrinnt und seufzend thut nun
Das Elend seine Augen auf!

Die Schläfen zittern mir und zucken,
Denk ich, o Volk, an deine Noth,
Wie du dich winden musst und ducken,
Dich ducken um ein Stückchen Brod!
Du wälzst verthiert dich in der Gosse
Und baust dir selbst dein Blutgerüst,
Indess in goldener Karosse,
Vor seinem sandsteingelben Schlosse
Der Dandy seine Dirne küsst!

Die Ritter von der engen Taille,
Das sind die schlimmsten aus dem Corps,
Sie schimpfen hündisch dich Kanaille!
Und haun dich schamlos übers Ohr.
Was kümmert sie's, wenn Millionen
Verreckt sind hinterm Hungerzaun?
Noch giebt's ja lachende Dublonen,
Kasernen, Kirchen und Kanonen
Und - köstlich mundet ein Kapaun!

O sprich, wie lang noch soll es dauern,
Das alte Reich der Barbarei!
Noch stützen tausend dunkle Mauern
Die feste Burg der Tyrannei.
Doch ach, dein Herz ward zur Ruine,
Du lächelst nur und nickst dazu!
Denn auch der Mensch wird zur Maschine,
Wenn er mit hungerbleicher Miene
Das alte Tretrad schwingt wie du!


                      4.

An seiner Kettenkugel schleppe,
Wen nie sein Sclaventhum verdross,
Doch mich trägt wiehernd durch die Steppe
Arabiens weissgestirntes Ross.
Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir,
Von Seide knittert mein Gewand,
Und jeder Muselmensch hier glaubt mir,
Ich wär der Fürst von Samarkand!

Das Land, das ewig norddurchwehte,
Ich sprach mich grollend von ihm los,
Ein Perser bin ich nun und bete
Allah il Allah, Gott ist gross.
Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir,
Von Seide knittert mein Gewand,
Und jeder Muselmensch hier glaubt mir,
Ich wär der Fürst von Samarkand!

Im Schatten einer Tamariske
Winkt gastlich mir ein weisses Zelt
Und drin die schönste Odaliske,
Die allerschönste von der Welt.
Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir,
Von Seide knittert mein Gewand,
Und jeder Muselmensch hier glaubt mir,
Ich wär der Fürst von Samarkand!

Beim Nektar der verbotnen Rebe
Fällt mir wohl manch ein Skolion ein,
Doch da ich Lieder eben lebe,
Lass ich sie ungesungen sein.
Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir,
Von Seide knittert mein Gewand,
Und jeder Muselmensch hier glaubt mir,
Ich wär der Fürst von Samarkand!


                         5.

Und wieder hat das Rad der Stunde
Sich zwölfmal um sich selbst gedreht,
Und wieder fühlst du deine Wunde
Und ächzst und stöhnst wie Philoktet!
Denn dir, auch dir rollt's durch die Adern
Und durchs Gehirn wie heisses Blei;
Gigantisch thürmst du deine Quadern,
Mit Gott im Himmel willst du hadern
Und deine Seele ringt im Schrei!

Dein Herz steht wie die Welt in Blüthe,
Gehüllt in silbergrauen Dunst,
Und mächtig fühlst du's im Gemüthe:
Du bist ein Priester deiner Kunst!
Des Lebens goldne Kronen winken,
Die Rosen stehen weiss und roth;
Du fühlst sie duften, siehst sie blinken,
Doch scheu musst du vorüberhinken,
Denn ach, dir fehlt dein täglich Brod!

Beneidenswerth in Forst und Fluren
Das Schwein um seine Eichelmast!
Die ärmste aller Kreaturen
Ist doch ein dichtender Phantast!
Der Bettler dort an seiner Krücke,
Er ist nicht halb so arm wie du ...
Dir brach dein Himmel wüst in Stücke,
Er aber träumt von seinem Glücke -
O Gott, nur zu, nur immer zu!

Du Licht, das mir ins Hirn gelodert,
Wozu die alte Litanei?
Ist doch so viel hier schon vermodert,
O, wärst auch du, auch du vorbei!
Dann wär der alte, blinde Lärmer
Ein dunkelbraunes Klümpchen Lehm;
Dann wär die Welt um einen Schwärmer,
Um einen Hirnverrückten ärmer
Und rollte weiter, wie vordem!


                     6.

Ein Königreich für eine Leier!
Zwar eine Krone trug ich nie,
Doch ihren bunten Majaschleier
Wand mir um's Haupt die Poesie.
Die dunkle Nacht, die mich geboren,
Hat sie als Sternbild süss erhellt;
Sie sprach: Sei du der Thor der Thoren,
Denn dein Herz ist das Herz der Welt!

Wer träumt so straflos unter Palmen,
Wie wir, mein Liebling, ich und du?
Der Urwald rauscht mir seine Psalmen,
Das Weltmeer seine Hymnen zu.
Ich höre Nachts, wenn fern im Fernen
Ein Schakal in das Mondlicht bellt,
Und spiele Fangball mit den Sternen,
Denn mein Herz ist das Herz der Welt!

Als Tod mit Stundenglas und Hippe
Schlich ich um manchen morschen Thurm,
Der Aar gehört in meine Sippe
Und Bruder nenn ich jeden Wurm!
Selbst jene Sonne, die seit Newton
Sich rhytmisch um sich selber schnellt,
Mit meinem Hirn muss sie verbluten,
Denn mein Herz ist das Herz der Welt!

Von Capland, Mexiko bis Medien,
Gefunden ist der Weisheit Stein!
Von allen Bergen will ich's pred'gen,
In alle Herzen will ich's schrein!
Und ist das All auch nur ein Plunder,
Der lachend einst in nichts zerfällt:
Ich bin das Wunder aller Wunder,
Denn mein Herz ist das Herz der Welt!


                       7.

Die Nacht liegt in den letzten Zügen,
Der Regen tropft, der Nebel spinnt ...
O, dass die Märchen immer lügen,
Die Märchen, die die Jugend sinnt!
Wie lieblich hat sich einst getrunken
Der Hoffnung goldner Feuerwein!
Und jetzt? Erbarmungslos versunken
In dieses Elend der Spelunken -
O Sonnenschein! O Sonnenschein!

Nur einmal, einmal noch im Traume
Lasst mich hinaus, o Gott, hinaus!
Denn süss rauscht's nachts im Lindenbaume
Vor meines Vaters Försterhaus.
Der Mond lugt golden um den Giebel,
Der Vater träumt von Mars-la-Tour,
Lieb Mütterchen studirt die Bibel,
Ihr Nestling colorirt die Fibel
Und leise, leise tickt die Uhr!

O goldne Lenznacht der Jasminen,
O wär ich niemals dir entrückt!
Das ewge Rädern der Maschinen
Hat mir das Hirn zerpflückt, zerstückt!
Einst schlich ich aus dem Haus der Väter
Nachts in die Welt mich wie ein Dieb,
Und heut - drei kurze Jährchen später! -
Wie ein geschlagner Missethäter,
Schluchz ich: Vergieb, o Gott, vergieb!

Wozu dein armes Hirn zerwühlen?
Du grübelst und die Weltlust lacht!
Denn von Gedanken, von Gefühlen,
Hat noch kein Mensch sich satt gemacht!
Ja, Recht hat, o du süsse Mutter,
Dein Spruch, vor dem's mir stets gegraust:
Was soll uns Shakespeare, Kant und Luther?
Dem Elend dünkt ein Stückchen Butter
Erhabner als der ganze Faust!


                        8.

O, lasst mir meine Himmelsleiter!
Und fragt mich nicht: Woher - wohin?
Nur weiter, weiter, immer weiter ...
Ihr wisst ja doch nicht, wer ich bin!
Ich bin ein Adler und ich fliege,
Die Ewigkeit ist mein Gewand,
Das Herz der Welt ist meine Wiege,
Die Menschheit ist mein Vaterland!

Noch grub kein leuchtender Gedanke
Sich tief in eines Denkers Stirn,
Der nicht schon, stolz auf seine Schranke,
Gelodert hier durch dies Gehirn!
Ich bin ein Adler und ich fliege,
Die Ewigkeit ist mein Gewand,
Das Herz der Welt ist meine Wiege,
Die Menschheit ist mein Vaterland!

Die Länder mein und mein die Meere,
So weit die Sonne sie bescheint,
Und ich bin's, dem die Bajadere
Im Tanz noch blutge Thränen weint.
Ich bin ein Adler und ich fliege,
Die Ewigkeit ist mein Gewand,
Das Herz der Welt ist meine Wiege,
Die Menschheit ist mein Vaterland!

Wohl frass die Zeit mit ihren Zähnen
Schon manchen goldnen Heilgenschein,
Ich aber schüttle meine Mähnen
Und war und bin und werde sein.
Ich bin ein Adler und ich fliege,
Die Ewigkeit ist mein Gewand,
Das Herz der Welt ist meine Wiege,
Die Menschheit ist mein Vaterland!


                            9.

Der Mond blitzt durch die Fensterscherben
Ums dunkle Dachwerk pfeift der Wind,
Und Nachbars Lieschen liegt im Sterben
Und ihre Mutter weint sich blind.
Das Haar gebleicht von tausend Sorgen,
Im dünnen Kleidchen von Kattun,
Erwartet sehnlich sie den Morgen,
Der Apotheker will nicht borgen,
Der Doktor hat "zu viel zu thun"!

Der Märznacht goldne Sterne scheinen,
Ihr Himmel deckt uns alle zu:
Hör auf, du Mütterchen, mit Weinen,
Dein Kind ist besser dran, als du!
Es braucht nicht nähend mehr zu sputen
Sich spät bis in die Nacht hinein,
Und wenn die Lüfte sie umfluthen
Und roth die Rosen wieder bluten,
Spielt um sein Grab der Sonnenschein!

Die Noth im löchrigen Gewande
Zertritt die Perle der Moral;
Das Loos der Armuth ist die Schande,
Das Loos der Schande das Spital!
Ja, jede Grossstadt ist ein Zwinger,
Der roth von Blut und Thränen dampft;
Drum hütet euch, ihr armen Dinger,
Denn diese Welt hat schmutzge Finger -
Weh, wem sie sie ins Herzfleisch krampft!

Da horch! ein langgezognes Stöhnen
Und jetzt ein wilder, geller Schrei!
Was thut's? Man muss sich dran gewöhnen!
Hier hiess es wieder mal: Vorbei!
Schon übermorgen karrt der Racker
Das arme Mädchen vor die Stadt,
Und niemand kennt den Todtenacker,
Darauf beim öden Sterngeflacker
Ein Herz sein Glück gefunden hat!


                      10.

Ich schwamm auf purpurner Galeere
Durchs dunkelblaue Griechenmeer,
Da auf der Insel der Cythere
Traf ich den Juden Ahasver.
Und weiter fuhren die Gefährten,
Er aber ward mein Weggenoss
Und sprach: Nun zeig ich dir die Gärten,
Die Gärten des Okeanos!

Die Welt, ich habe sie durchmessen,
Doch farblos schien mir Luft und Land;
Nur ein Bild hab ich nie vergessen,
Nur eins ist werth, dass es entstand:
Das ist die Zukunft der Verklärten,
Das ist des Meergotts grünes Schloss,
Das sind die wunderbaren Gärten,
Die Gärten des Okeanos!

Ich weiss, du bist ein deutscher Dichter,
Und ewig ruhlos bist du auch,
Wir sind zwei ähnliche Gesichter
Und um uns weht der gleiche Hauch.
Doch komm, der Kummer, den wir nährten,
Wankt wie ein thönerner Koloss,
Wenn wir uns tummeln durch die Gärten,
Die Gärten des Okeanos!

Er sprach's, wir thaten's und die Jahre
Sie rollten tönend drüber her,
Doch immer ist mir's noch, ich fahre
Durchs dunkelblaue Griechenmeer.
O, dass die Götter mir gewährten,
Dereinst, wenn sich mein Leben schloss,
Ein selig Ende in den Gärten,
Den Gärten des Okeanos!


                     11.

Nun hat der Morgen seine Thore
Phantastisch wieder aufgethan,
Und seine goldne Tricolore
Weht hoch aus jedem Wolkenkahn.
Nur hier in diesen dumpfen Mauern
Zum Fluch wird er dem Proletar,
In allen Ecken seh ich lauern,
In allen Winkeln seh ich kauern,
Dämonen, die die Nacht gebar!

Mein letztes Licht ist längst erloschen
Und fahl durchs Fenster lugt die Noth,
Denn dies hier ist der letzte Groschen
Und dies das letzte Stückchen Brod!
Verlacht, verludert und verloren,
Das alte: Weder Glück noch Stern!
Fürwahr, ich bin der Thor der Thoren!
O Mutter, wär ich nie geboren!
O schöne Zeit, wie liegst du fern!

Auf wilder, meerverschlagner Planke,
Ein Schiffer bin ich, der versinkt;
Mein letzter Stern ist ein Gedanke,
Der leuchtend mir vom Himmel blinkt.
Ein fernes Eiland seh ich ragen,
Doch wirft die Fluth mich stets zurück;
O, will's denn immer noch nicht tagen?
Noch gilt's zu wetten und zu wagen,
Denn jenes Eiland wiegt mein Glück!

Schon thut mir, wie wenn Glocken klingen,
Die Zukunft ihre Wunder kund -
Ein Stammeln nur ist jetzt mein Singen,
Ein Stammeln wie aus Kindermund!
Du Schöpfer aller Harmonieen,
O, gieb mir Luft, o gieb mir Licht!
Im Staube sieh mich vor Dir knieen,
Denn eine Welt von Melodieen
Geht unter, wenn dies Herz zerbricht!


                         12.

Schlag zu, mein Herz, die Flocken treiben
Nicht wie im Winter mehr ums Dach!
Der Frühling pocht an meine Scheiben
Und tausend Wunder werden wach!
Das Licht führt seine goldnen Funken
Tagtäglich wieder nun ins Feld,
Und mir im Herzen jubelt's trunken:
O Gott, wie schön ist Deine Welt!

Wie lieblich nur durchs offne Fenster
Der Maiwind mir die Schläfen kühlt!
Lebt wohl, ihr grübelnden Gespenster,
Die winterlang mein Hirn durchwühlt!
Als wär ich gestern erst genesen
Das Herz ist mir so süss erhellt -
So wohl ist mir noch nie gewesen:
O Gott, wie schön ist Deine Welt!

Hervor, hervor aus deiner Hülle,
Du liebes Bildchen meiner Fee!
O, dieser Locken goldne Fülle!
O, dieses Busens weisser Schnee!
Und wölbt sich über deiner Krone
Auch purpurroth ein Throngezelt,
Dein Herz schlägt doch dem Liedersohne -
O Gott, wie schön ist Deine Welt!

Doch still, mein Herz, was soll dein Pochen?
O Tod, du kommst zur rechten Zeit!
Das Schwert der Trübsal liegt zerbrochen ...
Sei mir gegrüsst, o Ewigkeit!
Beim Frühling hab ich tausendkehlig
Ein Lerchengrablied mir bestellt:
So sterb ich jubelnd, sterb ich selig -
O Gott, wie schön war Deine Welt!


                     13.

Und als der Morgen um die Dächer
Sein silbergraues Zwielicht spann,
Da war der arme, bleiche Schächer
Ein stummer und ein stiller Mann.
In seines Mantels grauen Falten,
So lag er da, kalt und entstellt -
Führwahr, er hatte Recht behalten,
Sein Reich war nicht von dieser Welt!

Ein goldnes Sonnenstäubchen tippte
Ihm auf die Stirn von ungefähr
Und seine lieben Manuscripte
Verschloss der Armencommissär.
Sein Freund, der Doctor, aber zierte
Brutal sich durch das Kämmerlein
Und schneuzte sich und constatirte
Verhungert! auf dem Todtenschein.

Drei Frühlingstage später karrten
Ihn Armenklepper vor das Thor!
Ich sah's noch, wie sie ihn verscharrten -
Die Sonne lachte, doch mich fror!
Mich fror, und meine Hände suchten
Umsonst zu würgen meinen Schmerz
Und meine bleichen Lippen fluchten ...
O Gott, mein Herz, mein armes Herz!

So stand ich und vermaledeite
Die Welt bis in ihr Nichts hinab;
Der goldne Frühling aber schneite
Ihm lächelnd Rosen übers Grab.
Schon nahten unsichtbaren Zuges
Die grossen Geister alter Zeit,
Und drüber schwebte leisen Fluges
Der Genius der Unsterblichkeit!


         Ein Abschied

Ich sah nach jedem Giebeldach,
Mir war's, als riefen sie mir nach:
Fahr wohl, Gesell, fahr wohl!
Und mit dem Abschied war's vorbei,
Nun ist mir Alles einerlei,
Wohin ich wandern soll!
Otto Roquette

Sein Freund, der Thürmer, war noch wach,
Wie Silber gleisste das Rathhausdach,
Und drüber stand der Mond.

Er wusste kaum, wie schwer er litt,
Doch schlug ihm das Herz bei jedem Schritt,
Und das Ränzel drückte ihn.

Die Gasse war so lang, so lang,
Und dazu noch die Stimme, die über ihm sang:
Wann's Mailüfterl weht!

Jetzt bog sich ein Fliederstrauch über den Zaun,
Und die Mutter Gottes, aus Stein gehaun,
Stand weiss vor dem Domportal.

Hier stand er eine Weile still
Und hörte, wie eine Dohle schrill
Hoch oben ums Thurmkreuz pfiff.

Dann löschte links in dem kleinen Haus
Der Löwenwirth seine Lichter aus,
Und die Domuhr schlug langsam zehn.

Die Brunnen rauschten wie im Traum,
Die Nachtigall schlug im Lindenbaum,
Und Alles war wie sonst!

Da riss er die Rose sich aus dem Rock
Und stiess sie ins Pflaster mit seinem Stock,
Dass die Funken stoben, und ging.

Das Lämpchen flackerte roth überm Thor,
Und der Wald, in den sich sein Weg verlor,
Stand schwarz im Mondlicht da ...

Erst droben auf dem Heiligenstein
Fiel ihm noch einmal Alles ein,
Als der Weg um die Buche bog.

Die Blätter rauschten, er stand und stand
Und sah hinunter unverwandt,
Wo die Dächer funkelten!

Dort stand der Garten und dort das Haus,
Und jetzt war das aus, und jetzt war das aus,
Und - die Dächer funkelten!

Sein Herz schlug wild, sein Herz schlug nicht fromm:
Wann i komm, wann i komm, wann i wiederkomm!
Doch er kam nie wieder.


               Zum Ausgang

O bleicher Tod, o wolle mir nicht nahn,
Eh ich für mein Geschlecht etwas gethan,
Ich bete auf zu meinem Gott und Herrn:
Für eine schöne Sache stürb ich gern.

Fürs Recht der Menschheit und der neuen Zeit,
Wie wär es schön, zu fallen in dem Streit;
Bei dem gebrochnen Erz der Tyrannei,
Wie stürb es sich im Felde froh und frei!

O, läg ich dann wie heut in selger Pein
Auf einem grünen Bühl im Abendschein
Und dürfte sprechen, auf der Brust die Hand:
Du kennst dein Kind, mein schönes Vaterland!
Alfred Meissner

Ein Stück von meinem Selbst ist dieses Buch
Und roth von meinem Herzblut jedes Lied;
Mit ihm stell ich mich kühn in Reih und Glied -
Der Dichtkunst Segen ward in mir zum Fluch!

Doch sei's, ich trag's. Nicht wär ich ein Poet,
Wollt ich mich anders geben, als ich bin;
Auch liegt ein Wort, ein altes, mir im Sinn:
Oft hilft ein Fluch uns mehr als ein Gebet!

Und wahrlich, diese Zeit gleicht jener nicht,
Die uns das Alterthum als goldne pries,
Denn jeder Lüge lacht ein Paradies
Und jeder Wahrheit droht ein Hochgericht!

Schon küsst die Welt ein bleiches Abendroth,
Die alte Griechensonne des Homer
Hat sich ertränkt ins teifundunkle Meer,
Und seine Sense schärft der schwarze Tod.

Kein Stern, der farbig durch die Wolken bricht,
Kein Traum, der kühlend um die Schläfen weht,
Kein Lied, das Wunder thut wie ein Gebet,
Kein Herz, das heimlich mit sich selber spricht!

Doch tappt sich hüstelnd durch die dunkle Nacht
Ein böses Ding und pocht an deine Thür
Und zischt wie eine Viper: "Komm herfür,
Ich bin das Herz, womit die Sünde lacht!

Ich weiss, auch du bist nur ein Kind der Zeit,
Das mit der Welt und mit sich selber grollt:
Ich aber wate bis ans Knie in Gold
Und höre, wie dein Herz nach Wollust schreit.

Komm mit, in meinem Lusthaus wohnt das Glück:
Du trittst hinein, und singend drehn um dich
Vielhundert weisse Dirnenleiber sich
Und schlank wirft sie mein Spiegel dir zurück.

In dunkler Nische küsst es sich so schön!
Und folgst du, süsser Junge, mir, dann klingt,
Wenn einst dein Herzschlag müde wird und hinkt,
Dein Todesröcheln noch wie Lustgestöhn!"

So bläst es frech dir nachts durchs Schlüsselloch,
Der Regen rinnt, ums Dachwerk heult der Sturm,
Dir aber war's, als ob ein feister Wurm
Dir todtkalt übers warme Herz hin kroch.

Und zornig springst du auf und schlägst dir Licht
Und prallst zurück, geekelt und enfsetzt,
Denn vor dir steht, triefäugig und zerfetzt,
Ein altes Weib und grinst dir ins Gesicht.

Dann schreist du auf, denn dumpf hast du gefühlt,
Wie dir ein Etwas kalt die Kehle presst:
"Heb dich hinweg von mir, du bist die Pest!
Du bist die Pest, die sich in Leichen wühlt!"

Sie aber höhnt: "Pardon, Herr Optimist!
Das ist die Frau von meinem Schwiegersohn!
Nein, ich bin mehr, ich bin die Corruption!
Die Corruption, die dich lebendig frisst!

Was hat man doch nicht alles schon verdaut!
Recht! Wahrheit! Ehre! Freiheit und so fort!
Doch ist gesetzlich mein Metier, der Mord,
Denn jeder König nennt mich "süsse Braut"!

Doch bist du klug, dann geize nach Applaus
Und gieb's nicht weiter, was ich dir entdeckt,
Sonst wirst du sans façon ins Loch gesteckt
Und deine liebe Mitwelt lacht dich aus.

Im härenen Gewand seh ich dich stehn,
Dein Wappen ist ein weisses Todtenbein -
Du Thor, willst du denn einzig Büsser sein,
Indess die Andern sich im Taumel drehn?

Zerbrich den Fetisch, den du selbst geschnitzt!
Die Welt ist eine grosse Illusion,
Drum küsse lachend dich auf ihren Thron,
Auf dem das Glück, die goldne Metze, sitzt!

Das bunte Traumbild deiner Phantasie,
Ich will ihm Fleisch und Blut und Leben leihn,
Nur stammle einmal: Mutter, ich bin dein!
Und wirf dich betend vor mir auf dein Knie!"

So wälzt von deiner Brust sie Stein um Stein,
Sie schnitzt sich Pfeile und sie weiss, sie trifft,
Und immer tiefer tropft sie dir ihr Gift
Durchs offne Ohr ins offne Herz hinein.

Du aber stehst und brütest vor dich hin
Und fühlst, wie dir das Blut zu Eis gefriert,
Und ehe noch der Hahn kräht, triumphirt
Die dreimal zischelnde Versucherin.

Vergessen hast du nun den alten Schwur,
Den deine Jugend einst zum Himmel that,
Durch deine Adern wühlt der Selbstverrath
Und dir im Herzen thront die Unnatur.

Todt ist es, todt! Dein Bauch ist dein Idol
Und dein Gewissen wie dein Goldgeld rund,
Du liegst im Staub und wedelst wie ein Hund
Und Lüge, Lüge lacht dein Weltsymbol.

Du streichst dein Kinn und zupfst an deinem Bart
Und siehst im Spiegel lächelnd dein Gesicht
Und räusperst dich und merkst es selber nicht,
Dass jeder Zoll an dir zum Schurken ward.

Du bist ein Schuft, den nicht sein Handwerk reut,
Ein Schuft, der's "gut" meint mit der "bösen" Welt,
Ein Schuft, der sich für furchtbar ehrlich hält,
Und so wie du, sind's Millionen heut!!

Ihr lebt ja alle, alle nur vom Schein
Und heult und winselt: Recht hat nur die Macht!
Und Euch soll dieses Buch ein Anker sein,
Ein Hoffnungsanker, der den Sturm verlacht?!

Ich Thor! dass ich, gerührt vom Schrei der Noth,
Mein warmes Herzblut in mein Lied verspritzt!
Dass ich nicht donnerte, dass ich geblitzt!
Dass ich euch Kampf bot, Kampf bis in den Tod!

Nun wird dies Buch, verlästert und verkannt,
Von Herz zu Herz um Liebe betteln gehn,
Vor vielen Thüren wird es trauernd stehn,
Nur hie und da drückt's eine Freundeshand.

Und doch, was fasl' ich da? Ihr habt ja Recht!
Es ist zu wenig à la mode-Kost,
Es ist kein nachgemachter Talmimost,
Und seine Thränen sind mitunter echt!

Ich weiss, dass heut Begeistrung schnell verdampft,
Vielleicht ist's schon mit diesem Ding vorbei,
Ist's doch kein alter Mythologenbrei,
Scenifizirt und in Musik gestampft!

Und doch: wenn diese Blätter auch verwehn,
Die Frühlingsthatkraft, die sie werden liess,
Die Gottidee, die sie erstarken hiess,
Sie kann und darf und wird nicht untergehn!

Schon wirft sie leuchtend durch den Zeitengraus
Fern in die Zukunft ihren Feuerschein -
Ihr will ich jubelnd mich zum Priester weihn,
Ihr giess ich trunken dieses Opfer aus!