Holz

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Biografie

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              Samstagsidyll

Lasst uns auch so ein Schauspiel geben!
Greift nur hinein ins volle Menschenleben!
Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt,
                                                Goethe

Es war ein Tag wie's ihrer viele giebt,
Wenn falb der Sommer in den Herbst zerstiebt;
Verstummt schon schien der Vögel buntes Völkchen
Und grau am Himmel standen kleine Wölkchen.
Nur ab und zu schwamm's fernher durch die Luft
Noch weich wie ein verirrter Rosenduft,
Und wie ein Lenzlockruf, nur herbstlich stiller,
Klang hie und da ein später Vogeltriller.
Auf lauen Windes Flügeln kam's und schwand
Und reichte wiederkehrend sich die Hand,
Wie wenn zwei Herzen durch ein letztes Grüssen
Sich noch des Scheidens bittres Weh versüssen.

Doch also war's nur draussen fern im Hag,
Durch die Fabrikstadt schlich der Werkeltag.
Das schwarzberusste Schurzfell um die Lenden,
War er bemüht die Woche zu beenden;
Er liess das Eisen wie ein Licht erglühn
Und mehr als hundert Essen Funken sprühn,
Und, unbekümmert um den eignen Jammer,
Schwang er den centnerschweren Schmiedehammer.
Hier war's ein Eisenwagen, dort ein Schiff,
Der Schornstein rauchte und der Dampfhahn pfiff,
Die Räder rollten ewig um im Kreise
Und alles drehte sich im alten Gleise.

Nur du und ich, wir beide waren frei
Und wussten nichts von Werktagssclaverei;
Wir jauchzten auf, die Noth in uns begrabend,
Und machten schon Nachmittags Feierabend.
Denn hatte jeder nicht mit Lust und Kraft
Die Woche über pflichtgetreu geschafft?
Die Nähmaschine hattest du getrieben
Und ich gedacht, gedichtet und geschrieben.
Doch nun war ich des "trocknen Tones satt"
Und schrieb energisch: "Punkt!" aufs letzte Blatt
Und stieg dann flink, mir selber zur Belohnung,
In deine zierliche Mansardenwohnung.
Ich klopfte an - ein neckisches: Herein!
Und durch das Fenster brach der Sonnenschein;
Ein Lichtmeer war's, drin Welle schwamm auf Welle,
Ich aber stand geblendet auf der Schwelle.

O immer, trat ich in dein trautes Heim,
Schrieb's mir ins Herz sich wie ein neuer Reim;
Doch war's mit seinen farbigen Gardinen
So hell und freundlich mir noch nie erschienen.
Zum Schmaus gedeckt war schon dein kleiner Tisch,
Grau hinterm Spiegel stak ein Flederwisch.
Doch, unbekümmert um die neuste Mode,
Stand dicht dabei die ältliche Kommode
Und unter einem Kreuz von Elfenbein
Das Bild von deinem todten Mütterlein.
Wie tief im Traum sah lächelnd es hernieder
Auf ein zerlesnes Buch: "das Buch der Lieder"!
Vom Blumenbrett, das sich um Fenster bog,
Um alles das ein süsses Duften flog.
Und dort ja hingen auch die beiden Schilder,
Verzeih! ich meine deine Landschaftsbilder!
Denn du hast Recht: die reine Phantasie
Und farbenschillernd wie ein Kolibri!
Rechts hing der Watzmann, links der Gamsgarkogel
Und zwischen beiden ein Kanarienvogel.
Du selber aber, häubchenüberdeckt,
Ein weisses Schürzchen vor die Brust gesteckt,
Du schobst nun grad mit hausfraulicher Miene
Den Spiritus in deine Kochmaschine.
Ein kurzer Aufblick dann, ein leiser Schrei,
Und eins und eins, wie immer, waren zwei!

Drauf, wie ich mich schon oft liess unterjochen,
Sollt ich auch heute mit dir Kaffee kochen.
Ich lärmte, doch was half mir mein Protest?
Ein kussersticktes Lachen war der Rest!
Und als ein vielgewandter junger Dichter
Hielt ich galant dir nun den Kaffeetrichter.
Natürlich ging das "noch einmal so gut",
Sieh hier das Lied: "Was man aus Liebe thut!"
Wir schmeckten, wechselnd prüfend, mit den Zungen
Und endlich war der grosse Wurf gelungen.
Zwar war das Tischzeug nur von grobem Zwilch,
Doch fehlte weder Zucker drauf noch Milch
Und dampfend füllten nun die braunen Massen
Die goldumränderten Geburtstagstassen.
Des Tränkleins Wirkung aber kommt und geht,
Bis sich das Zünglein wie ein Mühlrad dreht:
Was Stift und Tinte, Häkelzeug und Maschen!
Wir waren heut zwei rechte Plaudertaschen!
Du schwärmtest von dem neusten Ausverkauf,
Ich aber schlug ein kleines Büchlein auf
Und las dir Lieder vor von Lingg und Keller
Und übersah auch nicht den Kuchenteller.

So sassen wir, zwei grosse Kinder, da,
Bis roth der Abend durch die Scheiben sah
Und tappten dann hinab die dunklen Stiegen,
Um noch ein Stündlein vor das Thor zu fliegen.

Dort, wo das Wasser sich am Stadtwall bricht,
Lag bunt der Park im letzten Abendlicht
Und liess die Wipfel sich in Purpur tränken
Und Kinder spielten auf den Rasenbänken.
Vom nahen Thorthurm kam das Spätgeläut,
Mir schien's, es klang noch nie so schön wie heut;
Wir lugten lauschend durch die Laubverhänge
Und schritten flüsternd durch die Buchengänge.
Zu Füssen knirschte uns der gelbe Kies
Und alles schien uns wie im Paradies;
Doch als die Glocken dann gemach verklangen,
Kam leisen Schritts die Dämmrung angegangen.

Da hieltst du still und hauchtest mir ins Ohr:
"O, weisst du noch, dort drüben vor dem Thor?"
Ob ich es weiss! Wie Lenz will's mich umwehen,
Dort war's ja, wo wir uns zuerst gesehen!
Und hier, wo waldversteckt das Wasser rauscht,
Hier haben wir den ersten Kuss getauscht!
O Maitag, Sonnenschein und Blüthenregnen,
Noch heut muss ich euch tausendfältig segnen!
Es war doch eine schöne, schöne Zeit,
Und denk ich dran, so wird das Herz mir weit!
Man fühlt's, auch ohne dass man's gleich bedichtet:
Der liebe Gott hat's doch gut eingerichtet!
Doch still! Was brauchts schon der Erinnerung?
Wir sind ja beide noch so jung, so jung!
Es lacht das Glück aus deinem rothen Munde:
"Uns winkt ja noch so manche goldne Stunde!"

"Gewiss!" fielst du hier lächelnd ein, "und wie?
Zum Beispiel morgen eine Landpartie!
Erinnerst du dich noch, wie du vor Wochen
Mir einen Ausflug ins Gebirg versprochen?
Mein Onkel dort, der Wirth zum weissen Schwan,
Wohnt ja ganz nahe an der Eisenbahn!
Ich weiss, er freut sich, wenn wir ihn besuchen,
Und Tantchen gar backt einen Extrakuchen!
Und dann - o Gott - die wunderschöne Luft,
Wald, Wiese, Sonnenschein und Kräuterduft,
Und über sich nichts, nichts als Himmelsbläue -
Nein, nein! du weisst nicht, wie ich mich schon freue!"
Da sprach ich: "Topp, du kleiner Niegenug!
Wir fahren morgen mit dem ersten Zug.
Als Musikant mach ich eins gern mal Pause ...
Doch es wird kühl hier, komm, wir gehn nach Hause!"

Und wieder thorwärts wandten wir uns um
Und wurden still und wussten nicht warum.
Im Fluss das Wasser rann nur noch von ferne
Und durch das Laubdach blitzten schon die Sterne.
Ein feuchter Nachtwind durch die Wipfel strich,
Du aber schmiegtest fester dich an mich,
Und wie das Schlusswort einer schönen Dichtung
That sich nun wieder vor uns auf die Lichtung.

Dort hob die Stadt sich schwarz und ungewiss
Vom Horizont ab wie ein Schattenriss,
Nur hie und da warf fernher aus dem Dunkel
Ein Fenster noch sein rothes Lichtgefunkel.
Es war so schön, so wunderschön zu sehn,
Und schweigend blieben wir noch einmal stehn,
Denn nun trat auch der Mond aus seinen Hallen
Und liess sein Silber auf die Dächer fallen,
Und drüben von der Vorstadt her erklang
Noch windverweht ein frommer Nachtgesang.

Du sahst mich an und wusstest nichts zu sagen,
Doch fühlt ich dein Herz warm an mein Herz schlagen
Und sprach zu dir und war bewegt wie nie:
"Nun weisst auch du, mein Herz, was Poesie!
Sie speist die Armen und sie stärkt die Schwachen,
Sie kann die Erde uns zum Himmel machen,
Sie kost im Zephyr und sie harft im Föhn -
Nicht wahr, mein Herz, das Leben ist doch schön?"


     En miniature

Was der bunte Vogel pfiff,
Fühle und begreif ich,
Liebe ist der Inbegriff,
Auf das Andre pfeif ich!
Wilhelm Busch

Farbenfunkelnd in ihr Goldhaar hatte
Ein Libellenweibchen sich verirrt.

Eins - zwei - drei Sekunden liess es dort
Zierlich seine Flügelchen vibrieren,
Klappte sie dann schillernd wieder auf
Und?
Fragt das Schilfrohr, wo es dann geblieben!

Lächelnd über das naive Thierchen,
Das Frisuren noch für Blumen hielt,
Band sie jetzt ihr kugelrundes Sträusschen
Regelrecht mit einem Halm zusammen.

Blank aus ihrem kleinen Goldreif blitzte
In die schwarzen Augen ihr die Sonne,
Und auf ihrem weissen Nacken liess
Blau der Flieder seine Blüthen zittern.

So, jetzt noch dies Bündelchen Reseda,
Jetzt dies Veilchen, jetzt dies Tausendschönchen,
Und - der alte Gärtnerjakob soll sich wundern!
Sich ihr Morgenröckchen sorglich schürzend,
Dass der Thau nicht seinen Saum zernässe,
Strich sie sich noch einmal übers Schürzchen,
Stippte dann die Blumen in den Springquell,
Den der Löwenkopf ins Becken spie,
Und die beiden kleinen Atlasschühchen,
Knallroth wie zwei Herrgottskäferchen,
Trippelten, tripp-trapp, um die Bosketts
Durch das sonnige Kastanienwäldchen
Auf das alte, graue Schlossthor zu.

Doch der Weg bis dahin ist noch weit.

So weit, dass das weisse Thürmchen dort
Nur noch wie ein Punkt durch die Allee blitzt.

Und sie spitzt ihr kirschrothrundes Mäulchen,
Dreht dem Faun, der marmorn sie durchs Buschwerk
Kollegialisch wie ein Nymphlein angrinst,
Resolut ein aufgewipptes Näschen,
Lacht laut auf und fängt ein altes Liedchen,
Das vielleicht mal ihrer Amme einfiel,
Als der Mondschein sie nicht schlafen liess,
Und das heut ihr wieder wie ein Schwälblein
Neckisch durch den kleinen, krausen Sinn schiesst,
Leise vor sich hinzusummen an:

"Ach wenn ich es doch nur wüsste, wüsste,
Wie ein Liebster seine Liebste küsste!"
"Wölklein, das dort um das Tännlein flattert,
Vöglein, das dort um das Nestlein girrt,
Und du Bäumlein, das so weiss dort blüht,
Sag mir doch, wo schlägt das Herz des Frühlings?

Flötet es die Nachtigall ins Mondlicht,
Wiegt's der Apfelbaum in seinen Blüthen,
Oder jauchzt's mir in der eignen Brust?

Ach, wenn ich es doch nur wüsste, wüsste,
Wie ein Liebster seine ...." doch das Liedlein
Blieb erschreckt in ihrem Hälslein stecken!

Lachend bog er eben um die Linde,
Die so schrecklich indiskret und breit ist,
Nahm sie fest in seine beiden Arme,
Dass die Blumen kichernd aus dem Körbchen
Und das Körbchen in die Blumen fiel,
Und - sie wussten, wo des Frühlings Herz schlägt!


Literarische Liebenswürdigkeiten

Judenjungen, deren Bildung im Schweinefleischessen besteht, spreitzen sich auf den kritischen Richterstühlen, und erheben nicht nur Armseeligkeitskrämer zu den Sternen, sondern injuriiren sogar ehrenwerthe Männer mit ihren Lobsprüchen, - Reimschmiede, die so dumm sind, dass jedesmal, wenn ein Blatt von ihnen ins Publikum kommt, die Esel im Preise aufschlagen, heissen ausgezeichnete Dichter, - Schauspieler, die so langweilig sind, dass natürlich alles vor Freuden klatscht, wenn sie endlich einmal abgehn, heissen denkende Künstler, - Vetteln, deren Stimmen so scharf sind, dass man ein Stück Brod damit abschneiden könnte, titulirt man ächt dramatische Sängerinnen! - Die Muse der Tragödie ist zur Gassenhure geworden, denn jeder deutsche Schlingel nothzüchtigt sie und zeugt mit ihr fünfbeinige Mondkälber, welche so abscheulich sind, dass ich den Hund bedaure, der sie anpisst! Die Wörter: "genial, sinnig, gemüthlich, trefflich" werden so ungeheuer gemissbraucht, dass ich schon die Zeit sehe, wo man, um einen entsprungenen, über jeden Begriff erbärmlichen Zuchthauskandidaten vor dem ganzen Lande auf das unauslöschlichste zu infamiren, an den Galgen schlägt: N.N. ist sinnig, gemüthlich, trefflich und genial! - O, stände doch endlich ein gewaltiger Genius auf, der, mit göttlicher Stärke von Haupt zu Fuss gepanzert, sich des deutschen Parnasses annähme und das Gesindel in die Sümpfe zurücktriebe, aus welchen es hervorgekrochen ist!
                                                                                       Christian Dietrich Grabbe


                      1.
                Ballade

Kennt ihr das Lied, das alte Lied
Vom heilgen Hain zu Singapur?
Dort sitzt ein alter Eremit
Und kaut an seiner Nabelschnur.

Er kaut tagaus, er kaut tagein
Und nährt sich kärglich nur und knapp,
Denn ach, er ist ein grosses Schwein
Und nie fault ihm sein Luder ab!

Rings um ihn wie das liebe Vieh
Wälzt sich zerknirscht ganz Singapur
Und "Gott erhalte", singen sie,
"Noch lange seine Nabelschnur!"

Denn also geht im Volk die Mähr
Und also lehrt auch dies Gedicht:
Wenn jene Nabelschnur nicht wär,
Dann wär auch manches Andre nicht.

Dann hätte beispielsweise Lingg
Nie völkerwandernd sich verrannt
Und Wagners Nibelungenring
Wär stellweis nicht so hirnverbrannt.

Uns hätte nie Professor Dahn
Urdeutsch dozirt von A bis Z
Und kein ägyptischer Roman
Verzierte unser Bücherbrett.

Wolffs Heijerleispoeterei,
Kein Baumbach wär ihr nachgetatscht,
Und Mirzas Reimklangklingelei
Summa cum laude ausgeklatscht.

Dann schlüge endlich unsrer Zeit
Das Herz ans Herz der Poesie,
Das Rütli schwüre seinen Eid
Und unser Tell wär das Genie.

So aber so - frei, fromm und frisch
Kaut weiter jener Nimmersatt;
Sein eigner Schmerbauch ist sein Tisch,
Sein -wisch ein Bananenblatt.

Und um ihn wie das liebe Vieh
Wälzt sich zerknirscht ganz Singapur
Und "Gott erhalte", singen sie,
"Noch lange seine Nabelschnur!"


                      2.
             Stoßseufzer!

Heut misst man die Bücher mit Ellen
Ein wahrer Papier-Ocean!
Tagtäglich drei neue Novellen,
Tagtäglich ein neuer Roman!

In süsslicher Selbstpanegyrik
Entwässert in jedes Journal
Die unvermeidliche Lyrik
Ihre Thränenkübelmoral.

Die Welt ist nimmer die alte,
Sie stinkt wie ein Limburger Käs
Und bringt in jeder Spalte
Sechs Tohuwabohuessays.

Der Zeitgeist diktirt seinem Kater
Eine gallige Selbstparodie
Und krank liegt das deutsche Theater
An chronischer Selbstmordmanie.

Die Kunst war einst unwiderstehlich,
Wie die Lurlei hoch über dem Rhein,
Doch heute denkt jeder: O selig,
Ein Wiederkäuer zu sein!

Dort liegen Herrn Hartmanns Schriften,
Weiss Teufel, der Kerl hat Recht -
Ich möchte die Welt vergiften
Mit meinem Stiefelknecht!


                  3.
        Anathema sit!

Viele Wörter sind auf is
Masculini generis,
Viele stehn im Daniel Sanders,
Viele stehn auch noch wo anders,
Doch verhasst vor allen sind
Diese mir, mein liebes Kind:
Weihrauchfässer und Crucifixe,
Tinte, Schwefel und Stiefelwichse,
Englische Peers und russische Knuten,
Türkische Paschahs und deutsche Rekruten,
Throne, Kasernen und Schweinekofen,
Parvenüs und Naturphilosophen,
Enten, Seeschlangen, Juden und Zwiebeln,
Alte Jungfern und enge Stiebeln,
Weisse Handschuh und schwarze Fräcke,
Krinolinen und Chapeau cläque,
Schnupftabaksdosen und Mädchen für Alles
Und - last not least- ein unsterblicher Dalles!
Sympathisch zwar und angenehm
Ist meiner Treu mir keins von dem;
Doch bei vernünftiger Beschauung
Stört mich auch keins in der Verdauung.
So leb ich lustig comme il faut
Wie jener Mops im Paletot.
Nur Eins macht stets mich tapfer weichen
Und lässt mich kreideweiss erbleichen ....
O Gott, mir wird das Herz so schwer:
Nachbarin, euer Fläschchen her!
Das Wort bleibt mir im Halse stecken,
So oft ich auch daran gedacht -
Das ist der schrecklichste der Schrecken:
Ein Schöngeist, der in Versen macht!


                          4.
      Einem Glacédemokraten

Komm, Freund, dass ich die Hand dir fasse,
Du bist wie ich ein jeune garçon
Und führst das Elend aus der Gasse
Durch deine Lieder in den Salon.
Du hüllst sie in Gold und Purpur ein,
Nun wird die Armuth unsterblich sein.

Ich weiss, du liebst es hoch zu Rosse
Zu schütteln den Speer deiner Poesie,
Drum duftet sie auch nie nach der Gosse
Und stinkt beträchlich nach Patchouli.
Famos! schon wird vor Bewundrung stumm
Das höhere Töchterpublikum.

Vergnüglich hockst du hinterm Ofen,
Des Fortschritts Ziel hast du entdeckt
Und so zu sagen mit deinen Strophen
Den weissen Mohren schwarz geleckt.
Kein Lied, das die rothe Rache preist,
Kein Aufschrei, der uns das Herz zerreisst!

Ich würde dir gern ein Krönchen kleistern,
Du weist, ich bin kein Nihilist;
Doch kann ich mich nicht recht begeistern;
Dieweil es mir mitunter ist:
Als lachte durch jedes Hungergedicht
Dein wohlgenährtes Prostmahlzeitsgesicht!


                    5.
            Tagtäglich

Tagtäglich wispert die Kritik:
"O wirf ihn fort den Hungerknochen!
Es hat die leidige Politik
Schon Manchem hier den Hals gebrochen.

Auch meine Galle schwimmt in Groll,
Doch wozu ihn versificiren?
Die Welt ist heute prosatoll
Und wird ihn schwerlich honoriren.

Such lieber hohe Protection,
Dein Sozialismus ist uns schnuppe,
Denn schliesslich wärmst du nur, mein Sohn,
Die achtundvierzger Bettelsuppe.

Drum still, du Sturm im Wasserglas,
Und reime fortab nur auf "Triebe" -
Du säst wie Lucifer nur Hass,
Das Herz der Kunst heisst aber Liebe!"

Ich hör's und fluche: Sapprement!
Zwar lieblich locken die Moneten,
Doch fehlt mir leider das Talent
Zum schwarzweissrothen Hofpoeten.

Ich pfeif auf euern Fahneneid,
Ich pfeif auf eure feigen Possen!
Ins schwarze Schuldbuch unsrer Zeit
Sind meine Verse rothe Glossen!

Drum bitte, mir drei Schritt vom Leib
Mit euern Tombackpoesieen
Und zischt nicht wie ein feiles Weib:
Tritt ein in unsre Koterieen!

Thät ich's, ich wär ein Halb-Poet,
So aber ruf ich durch die Gassen:
Die Welt, die sich um Liebe dreht,
Weiss auch das Hungertuch zu hassen!


                       6.
                   F. v. B.

Ein Quentchen Herz, ein Quentchen Hirn,
Die schlanke Nase kühn gekurvt
Und die gedankenhohle Stirn
Gedankenvoll "gefaltenwurft":
So seh ich ihn, verblichnen Airs,
Den alten, goldbebrillten Knaben -
O, F.v.B., das Beste wär's,
Du liessest endlich Dich begraben!

Begnadge Feder und Papier
Und ziehe endlich die Moral,
Du siehst, ich mein es gut mit Dir
Und bin wie immer radikal.
Was hast Du um die Zeit der Noth
Auch heut in dieser Welt zu suchen?
Wir Dichter schrein nur noch nach Brot
Und nicht wie Du nach Kaffeekuchen!

Kein Mensch ist mehr zuleikatoll,
Dein Bülbülschwindel ist verkracht,
Und ein entsetzlich tiefer Groll
Ist jählings mit uns aufgewacht.
Drum gecke weiter, alter Geck,
Und schwärme vom Medschidscheorden,
Wir - schreiten über Dich hinweg,
Denn anders ist die Welt geworden!

Sie schwelgt nicht mehr "an Baches Strand"
Und sucht verzückt das Blümlein "Blau",
Sie hat sich endlich selbst erkannt
Und plant den grossen Zukunftsbau.
Zum Factum macht sie die Idee
Und lacht der Schwärmer hinterm Ofen -
Was sollen ihr nun, F.v.B.,
Was sollen ihr nun Deine Strophen?

Ein Musterstück für Versdressur,
Ein farblos Nichts, das bunt lackirt,
Vergleichbar einer Kinderuhr,
Die "fingerdick mit Gold beschmiert" -
So ungefähr als Mann von Fach
Würd ich den Mischmasch kritisiren;
Doch nein, auch das ist noch zu schwach,
Dein Witz ist ledern zum Crepiren!

Drum noch einmal: Streu Sand aufs Blatt
Und schreibe endlich Punktum drauf!
Wir sind den alten Krimskrams satt
Und athmen täglich freier auf.
Wir wünschen Dir, weil Du ergraut,
Auch schliesslich noch ein langes Leben;
Nur darfst Du nie, was Du verdaut,
In Versen wieder von Dir geben!

Denn traurig ist's mit anzuschaun,
Wenn ein zerbrochner Hampelmann
Noch immer thun will wie ein Faun
Und doch nicht kann, o Gott, nicht kann!
Dann zuckt's mir durch das Herz: Er weint!
Gespenstisch däucht mir seine Glatze,
Und wenn die Sonne drüber scheint,
Verklärt sie golden - eine Fratze!


                     7.
            Wie es kam

Sie sassen in Walhall und tranken,
Die Kukukuhr schlug Eins,
Patagonier, Inder und Franken,
Confuzius, Kant und Prinz Heinz.

Sie sassen und tranken und Plato
-Der Windhund sass neben Silen! -
Silentium, rief er, bis Dato
Geht nichts mir über Athen!

Athen mit seiner Athene
Und Phidias, dem griechischen Kiss,
Athen und notabene
Seine Akropolis!

Virgil zerschlug seinen Humpen
Und brüllte: Rom, Hund, Rom!
Auch sein Nebenmann liess sich nicht lumpen:
O Stadt am Gangastrom!

Teut Michel pries keusch Buxtehude
Und machte dazu: Hem Hem!
Und Salomo, der Jude,
Plädirte: Jerusalem!

Napoli vedi e mori!
Ein Kerl im Frack hat's geschnalzt,
Bis meuchlings ein frecher Mahori
Ihm gründlich die Suppe versalzt.

Da erhub sich vom goldenen Stuhle,
Das Trinkhorn in der Hand,
Der alte König von Thule
Und küsste sein Burschenband.

Es blitzte sein Schläger im Weine,
Es klang so voll, so weich:
Alt Heidelberg, du Feine,
Du Stadt an Ehren reich!

Alt Heidelberg, du Feine -
Wie das ins Herz ihm schnitt!
Er sang es nicht mehr alleine,
Zehntausend sangen es mit!

Es sang es der ganze Chorus,
Childe Harold brummte: All right!
Und selbst der König Porus
Rief: Wetter, das Ding hat Schneid!

Derweilen, draussen vorm Thore,
Stand lauschend ein deutscher Scholar,
Der eben seiner Lore
Lachend entlaufen war.

Der hatte kein Wörtlein verloren,
Der fing einen Sonnenstrahl
Und gab ihm verträumt die Sporen
Und ritt ins Neckarthal.

Und heute, im Abendscheine,
Jeder Vogel singt es vom Blatt:
Alt Heidelberg, du Feine,
Alt Heidelberg, du Stadt!


                     8.
               So ist's!

Auf diesem schönsten der Planeten
Erheben furchtbar ihr Geschrei
Die theegepäppelten Poeten
Der Höhern-Töchterclerisei:

"Schon wieder Einer, der revoltert,
Schon wieder Einer, der nur schreit:
Der Menschheit Herz habt ihr gefoltert,
Ich bin der Geist der neuen Zeit!

Was will der Lump? Was? Räsonniren?
Der Kerl, scheint's, hat den grossen Floh!
So jung noch und schon kritisiren!
O tempora! sagt Cicero.

Hm! Jedenfalls sitzt er im Dalles,
Doch, Teufel ja, wie dem auch sei!
Wir dulden alles, alles, alles,
Nur nicht Tendenzenreiterei!

Die Poesie ist keine Pfütze,
Sie brennt nicht wie ein Lampendocht,
Und nichts gilt uns ein Kopf voll Grütze,
Wenn sie das Herz nicht weich gekocht!"

Schon gut! So hört doch auf mit Schelten
Und schlagt mir nicht die Fenster ein!
Gewiss, ihr Herrn, ich lass es gelten:
Der Mensch lebt nicht von Brot allein!

Die Lerchen jubeln noch und klettern
An ihren Liedern in die Luft
Und dunkle Hochgewitter wettern
Noch nächtlich über Wald und Kluft.

Noch immer blüht im Lenz der Flieder,
Im Sommer duftet der Jasmin,
Die Nachtigall singt ihre Lieder
Und jeder Ton ein Blutrubin.

Und macht der Herbst dann seine Runde,
Umkreist das Adlerweib den Horst,
Dann wandert um die Mittagsstunde
Die Sonne golden durch den Forst.

Dann lieg ich träumerisch im Grase
Und freu mich, dass die Erde rund,
Und oft versetzt mich in Extase
Ein heisser, rother Frauenmund.

Und doch - o heilige Hippokrene! -
Wenn ihr das Ding so süss bereimt,
In Goldschnitt "gb." notabene
Und roth mit Callico beleimt:

Fällt mir der Nürnberger Trichter
Und Geibels schöner Wahrspruch ein:
Man kann ein guter lyrischer Dichter
Und doch ein dummer Teufel sein!


                      9.
Die deutschen Denker an die deutschen Dichter

Wohl reiht ihr Reim an Reime
Und fügt zum Wort das Wort,
Doch eurer Saaten Keime
Uns dünken sie verdorrt -
Verdorrt, noch eh die Sichel
Der Zeit sie jäh durchkracht
Und so dem deutschen Michel
Die Arbeit leichter macht.

Denn ach, euch ging verloren
Der Dinge Gang und Grund,
Ihr hört mit tauben Ohren
Und sprecht mit stummem Mund.
Doch wehe eurer Scheitel
Am Tage des Gerichts,
Denn was ihr singt ist eitel,
Und was ihr sagt ist nichts!

Und doch, ging je vor Zeiten
Der Sänger mit dem Sieg,
Dann gilt es heut zu streiten
In einem heilgen Krieg.
Denn nicht um Hof und Heerde
Schlägt unser Herz und schwillt:
Heut ist's die ganze Erde,
Der unser Sterben gilt!

Seit Urbeginn schon gährte
Es tief im Schooss der Zeit
Und jede Stunde nährte
Den grausen Widerstreit.
Doch heute erst entrauchte
Die Lohe ihrem Schacht
Und blutig überhauchte
Sie das Gewölk der Nacht.

Und weh, das Glück zerschellte,
Was ganz war, brach entzwei,
Und durch die Lande gellte
Ein einzig lauter Schrei.
Mit Mehlthau übernetzte
Das Feld sich weit und breit
Und es begann der letzte,
Der Bürgerkrieg der Zeit.

Nun rast er durch die Auen
Und spielt sein wildes Spiel
Und uns durchrinnt ein Grauen,
Bedenken wir sein Ziel.
Die Tafel der Gesetze
Zerbarst wie sprödes Glas,
Die Tugend ward zur Metze,
Die Liebe ward zum Hass.

Die Wahrheit liegt im Staube,
Die Hoffnung sitzt und weint,
Gestorben ist der Glaube
Und ach, das Herz versteint!
Des Wahnsinns Schlangen zischen
Und Alp thürmt sich auf Alp
Und wüst erschallt dazwischen
Der Tanz ums goldne Kalb.

Doch nahn schon Gottes Boten
Und ihre Stimme spricht:
Lebendig sind die Todten
Und nahe das Gericht!
Der Erdball wankt und zittert,
Des Himmels Wolken drohn
Und durch die Lande wittert
Der Hauch des Todes schon.

Ihr aber, die zu Wächtern
Des Heiligthums bestellt,
Ihr habt euch den Verächtern
Des Himmels zugesellt;
Denn wenn der Donner rollte,
Verschlosst ihr euer Ohr,
Und wenn die Brandung grollte,
Wer war's, der sie beschwor?

Ihr stammelt wie die Kinder,
Dass niemand euch versteht,
Und jeder Reimverbinder
Ist heute ein: Poet!
Sich selbst singt er im Liede
Und macht es sich bequem,
Als wäre der ewige Friede
Schon mehr als ein Problem!

Doch nun genug der Schande,
Auf, auf! und greift zur Wehr
Und wandert durch die Lande
Und rudert übers Meer!
Streift ab die blumigen Ketten
Und folgt uns in den Krieg,
Denn noch sind sie zu retten
Die Ehre und der Sieg!

Und dräut auch manche Wolke
Euch schwarz am Horizont,
O haltet treu zum Volke,
Ihr habt's noch nie gekonnt!
Nach ihm streckt seine Krallen
Siebenfach die Noth;
Der schrecklichste von allen
Ist doch der Kampf ums Brot!

Zerknechtet und zerknetet,
Es kennt sich selber nicht;
Drum singt und wacht und betet:
Mehr Licht, o Gott, mehr Licht!
Und kehrt der Friede wieder
Dereinst nach Kampf und Streit,
Dann singt: Das Lied der Lieder,
Das ist das Lied der Zeit!


  Den Franzosenfressern

O Land der blauäugigen Menschen!
.........................................................
Der Rhein bot dir Gold,
Bernstein das baltische Meer!
Musik ist dein Odem,
Deine Seele
Harmonie und Weihrauch;
Sie lässt in mächtigen Hymnen
Den Schrei des Adlers
Mit dem Gesange
Der Lerche wechseln!
.........................................................
Keine Nation ist gerechter als du!
Zur Zeit, als die ganze Erde
Noch ein Ort des Schreckens war,
Warst du unter den starken Völkern
Das gerechte Volk!
.........................................................
So lange, wie die Eiche
Dem Epheu ihre Arme bietet,
Warst du die Kämpferin
Für das alte
Recht der Besiegten!
Viktor Hugo

Ich bin ein deutscher Patriot
Und schwarz-weiss-roth sind meine Verse,
Denn treu dem Volk bis in den Tod
Schwör ich auf Werther, Faust und Lerse.
Manch goldbeschlagnes Auerhorn
Hab ich aufs Deutschthum schon getrunken
Und bin als Kerl von Schrot und Korn
Noch niemals untern Tisch gesunken.
Doch trotzdem ruf ich: Vive la France!
Honi soit, qui mal y pense!

O, nicht stets für sich selbst geschwärmt!
Aus tausend Schriften lässt sich's lesen:
Die Gluth, die mir das Herz durchwärmt,
Sie loht auch jenseits der Vogesen.
Das Volk der Rousseaus und St. Pierres,
Man mag's begeifern, mag's beneiden:
Mir ist's so lieb, wie das Homers,
Und kein Phantast soll's mir verleiden!
Drum ruf ich lautauf: Vive la France!
Honi soit, qui mal y pense!

O wer, als einst wie nie zuvor
Die Welt ein Haupt voll Blut und Wunden,
Sang ihr das "Lied im höhern Chor",
Daran wir heute noch gesunden?
Rouget de L'Isle war's, der Franzos,
Die Seine rauscht's und die Garonne,
Und aus der Knechtschaft dunklem Schooss
Rang sich die Freiheit in die Sonne.
Drum juble, Seele: Vive la France!
Honi soit, qui mal y pense!

Wohl weiss ich's, krass war jene Zeit
Und ward von Tag zu Tag noch krasser,
Doch jede grosse Wahrheit schreit
Nach Blut und nicht nach Zuckerwasser!
Wem sie ihr Herz geoffenbart,
Der schrickt zusammen und bewundert's;
O, jener Schwur im Ballhaus ward
Zur ersten Grossthat des Jahrhunderts!
Drum juble, Seele: Vive la France!
Honi soit, qui mal y pense!

Wohl steht noch heut, Gewehr bei Fuss,
Ein Cerberus an jeder Grenze,
Doch schon umweht's mich wie ein Gruss
Aus ferner Zukunft fernem Lenze.
Dann schlägt kein Tambour mehr Allarm,
Dann steht die Welt voll goldner Halme
Und Frankreich ringt dann Arm in Arm
Mit Deutschland um dieselbe Palme.
Drum juble, juble: Vive la France!
Honi soit, qui mal y pense!

Doch ihr ... verhöhnt mich immer nur,
Ihr biedern Knopflochpatrioten;
Ich weiss, ihr schwärmt nur für Dressur,
Für Kalbsfilet und Schweinepoten.
Ihr sammelt Lumpen, sammelt Geld
Und träumt von längst verschollnen Tagen;
Was kümmert's euch, wenn durch die Welt
Der Zukunft Nachtigallen schlagen?
Ich aber rufe: Vive la France!
Honi soit, qui mal y pense!


               Noch Eins!

Mit dem Volke soll der Dichter gehen,
Also les' ich meinen Schiller heut!
                     Ferdinand Freiligrath

Beim Leibe des Brots und beim Blute des Weins!
Merkt auf, ihr Herren im Frack!
Ihr hohen Herrn! denn ich pfeif euch noch Eins,
Noch Eins auf dem Dudelsack!
Und ob ihr auch flucht und mich niederschreit,
Mir Alles einerlei!
Die Porzellan- und Reifrockzeit
Ist Gottseidank vorbei!

Vor dem Drei-Stern, den unsere Zeit gebar,
Verschliesst St Peter die Thür:
Garibaldi heisst er und Bolivar
Und Toussaint L'Ouverture.
Es wandelt der neue Jesus Christ
Still durch die Völker schon:
O glaubt mir, unser Jahrhundert ist
Das Jahrhundert der Revolution!

Schaut hin, schon hat's an den Nagel gehängt
Purpur und Hermelin
Und sitzt am Studirtisch tief versenkt
In die heilige Schrift des Darwin.
Ja, die biblische Spottgeburt aus Lehm
Besann sich auf ihre Kraft,
Und die Wahrheit entschleiert ihr Weltsystem
Vor der Köngin der Wissenschaft!

Ihr aber thut, als wäre die Welt
Noch die Welt, die sie ehmals war;
Ihr bucht eure Titel und zählt euer Geld
Und faselt von Thron und Altar!
Ihr faselt im Wachen, ihr faselt im Traum,
Und im Frühling genirt euch der Wind,
Und keiner merkt, wie im Freiheitsbaum
Schon die Knospen gesprungen sind!

Ihr spreizt euch und bläht euch und nörgelt und mault
Trotz Hunger und Dynamit
Und seid doch an Körper und Geist verfault,
Verfault bis ins hundertste Glied!
Ihr hasst das Licht wie die Pestilenz,
Und der Schuftigste brüllt: Ich riskir's!
Und schneuzt sich und schwört auf die Intelligenz
Der hinterpommerschen Peers!

Doch ein braver Fluch ist auch ein Gebet
Und die Marseillaise ein Lied,
Drum wenn das noch lange so weitergeht,
Dann weiss ich, was geschieht!
Dann ruft das Volk: Vermaledeit!
He, Pulver her und Blei!
Die Porzellan- und Reifrockzeit
Ist Gottseidank vorbei!


    Religionsphilosophie

Und Ich will einen Bund mit dir machen!
                                     Jeohova

O Herr, aus tiefer Noth
Schrei ich zu Dir hinauf:
Gieb mir mein täglich Brod
Und etwas Butter drauf!
Ein Stückchen Leberwurst
Wär schliesslich auch nicht ohne;
Du weisst, mein Teufelsdurst
Ist Deiner Schöpfung Krone!

Wär nur mein alter Hut
Nicht so entsetzlich schief;
Du weisst nicht, wie das thut,
Doch hier, hier brennt es tief!
Mein Flaus hält nur soso,
Ich wollt, er wäre wärmer;
Ein Winterpaletot
Macht Dich doch auch nicht ärmer!

Du siehst, mir fehlt noch viel,
Und meine Seele schreit,
Ich finde keinen Stil
Vor lauter Frömmigkeit!
Doch sei's. Ich bin ein Mann
Und will mich nicht erdreisten,
Nur musst Du dann und wann
Mir auch was Extra's leisten!

Für Klärchen einen Zopf,
Ein Cul für meine Frau
Und Sonntags in den Topf
Womöglich eine Sau!
Und lässt Du einmal, geht's,
Mich Calculator werden,
Dann will ich Dir auch stets
Erkenntlich sein auf Erden!

Dann halt ich hübsch den Mund
Bei andrer Spott und Hohn
Und gründe einen Bund
Für innere Mission.
Mein Fritz muss fürchterlich
Theologie studiren
Und schliesslich lass ich mich
Zum Kirchenrath creiren!

Doch, wenn Du filzig bist,
Dann dank ich für die Kur;
Dann werd ich Atheist
Und wähle bebel'sch nur!
Dann mag Altar und Thron
Nur dreist zusammenbrechen,
Dann werd ich Deinen Lohn
In Gold und Blut Dir blechen!

Doch, wie man's treibt, so geht's.
Mein Loos wägt Deine Hand,
Und eine wäscht ja stets
Die andre hier zu Land.
So nimm mein Herz denn hin,
Ich will's Dir ja nicht schenken;
Dass ich Geschäftsmann bin,
Wirst Du mir nicht verdenken!

Drum, Herr, aus tiefer Noth
Schrei ich zu Dir hinauf:
Gieb mir mein täglich Brod
Und etwas Butter drauf!
Ein Stückchen Leberwurst
Wär schliesslich auch nicht ohne,
Du weisst, mein Teufelsdurst
Ist Deiner Schöpfung Krone!