Holz

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Biografie

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              Eichendorff

Mein Gott, Dir sag ich Dank,
Dass Du die Jugend mir bis über alle Wipfel
In Morgenroth getaucht und Klang
Und auf des Lebens Gipfel
Vom Herzen unbewacht
Den falschen Glanz gewendet,
Dass ich nicht taumle ruhmgeblendet,
Da nun herein die Nacht
Dunkelt in ernster Pracht.
Eichendorff

Ferndrüben hinter den Bäumen
Ist eben ein Glöcklein verhallt,
Nun will ich hier liegen und träumen
Den Mittag im stillen Wald.

Hoch über mir rauschen die Wipfel
Und kühl herweht's aus der Kluft,
Und fernhin verschwimmen die Gipfel
Der Berge in bläulichem Duft.

Verschlafen zwitschern und nicken
Die Vögel im grünen Tann,
Und wie verzaubert blicken
Die wilden Rosen mich an.

Nun wird mir vor Weh und vor Wonne
Das Herz so weit, so weit!
Und ich denk an die goldene Sonne
Der schönen Jugendzeit.

Da sang ich so lustige Weisen
Und ward es doch nimmer müd,
Denn herrlich ist es zu reisen,
Zu reisen im sonnigen Süd!

Dort raunen die Brunnen und rauschen
Verschlafen die ganze Nacht,
Und Marmorbilder lauschen,
Wenn die Sternlein am Himmel erwacht.

Dann singen die Mandolinen
Das alte Lied von den Zwei'n,
Und in sinkende Tempelruinen
Spinnt silbern der Mond sich ein.

Von einer Vigne zur andern,
Dahin über Thäler und Höhn,
Wie träumend sang ich im Wandern:
O Welschland, wie bist du doch schön!

Doch, Herz, hör auf zu träumen,
Denn dahin ist die alte Zeit,
Und über dir rauscht in den Bäumen
Die grüne Einsamkeit.

So manche seiner Flocken
Blies mir der Winter aufs Haupt,
Und meine braunen Locken
Sind alle schon grau verstaubt.

Nur du, mein Herz, bliebst das alte
Und schlägst noch so süss, so süss -
O, dass dich dein Herrgott erhalte:
Gott grüss dich, mein Herz, Gott grüss!


            Ein Heroldsruf!

Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen!
                                      Goethe

Ich stand als Kaisers Ehrenhold
Voreinst in Friedrich Rothbarts Sold
Und schaute noch die Herrlichkeit
Der goldnen Hohenstaufenzeit.
Herr Du mein Gott! das war ein Leben,
Wenn hoch ihr Schlachtpanier gerauscht
Und wir den kargen Kranz der Reben
Um einen Lorbeer eingetauscht!
Da schien die ganze, weite Welt
Nur aufs Germanenthum gestellt,
Und deutsche That und deutsches Wort
Gebot im Süd und galt im Nord;
Gesühnt war Tribur und Kanossa,
Denn unser Held hiess Barbarossa!
O, wie doch dieses Namens Hauch
Noch immer mir das Herz erfreut,
Als ob ein blühender Rosenstrauch
Mir alle seine Düfte streut!
Wir dienten ihm im Heeresbann
So an die hunderttausend Mann,
Doch hätte Jeder wohl sein Leben
Mit Freuden für ihn hingegeben!
Ich bin so manches liebe Mal
Ins Welschland vor ihm hergeritten,
Wenn über uns ins Alpenthal
Vom Felsgrat die Lawinen glitten.
Der Pfad war eng, von rechts und links
Umzischten uns die welschen Speere,
Doch mitten durch die Feinde gings
Zu seiner und zu unsrer Ehre.
Dann sprengte er wohl siegbewusst
Dicht neben mir auf seinem Rappen,
Ich aber jauchzte auf vor Lust
Und hoch hielt ich das Kaiserwappen.
So kämpften wir uns wacker durch
Und stürmten manche Felsenburg,
Bis endlich wir in welschen Landen
Die köstlichste Belohnung fanden.

Wohl sind sie schön, Germaniens Gauen
Und sagenraunend rauscht der Rhein
Und lieblich ist's, in ihn zu schauen
Beim Sonnen- wie beim Mondenschein;
Denn rückgespiegelt siehst Du blinken
In ihm der Burgen schlanken Bau
Und tausend goldne Sterne sinken
Des Nachts in seinem Wellenthau:
Doch wem des Südlands Wunderdüfte
Nur einmal Haupt umspielt und Brust,
Dem dünken rauh die deutschen Lüfte
Und sehnend lockt ihn seine Lust,
Dahin zu ziehn auf schnellen Füssen,
Wo hoch der Alpen Firne glühn,
Und wandernd mit Gesang zu grüssen
Das Land, wo die Orangen blühn.
Italiens sonnige Gefilde
Sind ihm der Sel'gen sel'ges Land,
Darüber sich in sanfter Milde
Ein ewig blauer Himmel spannt.
Vergessen mit dem deutschen Harme
Hat er das Lied der Lorelei
Und wirft sich jauchzend in die Arme
Der sonnbeglänzten Lombardei!

So ist es Jedem noch ergangen,
Der einst mit Kaiser Rothbart stritt;
Auch ich hab mich nach Südlands Prangen
Gesehnt, wenn ich ins Nordland ritt.
Doch wenn dann nach den sieben Hügeln
Sich wieder unser Tross gewandt,
Dann war's, als schwebten wir auf Flügeln,
So schnell durchflogen wird das Land.
Venetiens schimmernde Paläste
Verschwammen kaum im Morgenduft,
Da grüsste schon die deutschen Gäste
Der Thurm Bolognas durch die Luft.

Doch weiter ging's; und immer milder
Umfloss uns Luft und Licht und Lenz,
Bis wir das schönste aller Bilder
Erschaut, das göttliche Florenz.
Doch ach, so schnell wie es erschienen,
So schnell war es auch schon versunken,
Und weiter zogen schönheitstrunken
Wir längs des Hangs der Apenninen.
Durch alter Tempel Säulenreste
Ging lachend unser Siegeslauf
Und mehr als eine welsche Veste
Nahm uns in ihre Mauern auf.
Im Pinien- und Olivenhain,
In manches Klosters stiller Zelle,
Siener- und Orvietowein,
Wir probten ihn an seiner Quelle.
Durch Ufergrün und Blüthenschnee
Ging's rund um den Bolsenersee
Und weiter mit Triumphgesang
Den gelben Tiberstrom entlang,
Bis endlich auf den sieben Hügeln
Die Stadt der Städte sich erhob,
Und jauchzend, mit verhängten Zügeln,
Ging's thalwärts, dass es Funken stob!
O Wonne, wenn nach langem Ritt
Durch Säulensturz und Tempelbogen
Als Sieger wir in Schritt und Tritt
Durch Roms bekränzte Gassen zogen!
Quartier nahm Jeder, wo er wollte,
Der Becher klang, der Würfel rollte,
Und ans Gesims hing sein Gewaffen
Beim Fürsten der und der beim Pfaffen.
Dann ging erst unser Leben an,
Trotz Weh und Ach, trotz Papst und Bann.
Juchhei, das war ein flottes Schreiten,
Den langen Flammberg an der Seiten,
Die Strassen auf, die Strassen ab,
Und oft, den Schmucksten zu belohnen,
Fiel hoch von marmornen Balkonen
Ein rother Rosenstrauss herab.
Und überall, wohin wir schauten,
Noch nie von uns erblickte Bauten;
Das war ein Blinken, Glitzern, Gleissen:
Statüen, Obelisken, Hermen,
Theater, Circusse und Thermen
Und wie die Wunder alle heissen!

Ja, es ist schön das ewge Rom
Mit seinen Kirchen, Tempeln, Brücken;
Ein farbenschillerndes Phantom
Wird es dir Herz und Sinn berücken
Doch schöner noch dünkt mich Byzanz,
Die goldne Stadt am goldnen Horn;
Ein nie erschöpfter Wunderborn,
Strahlt sie in märchenhaftem Glanz.
Denn dort, auch dorthin kamen wir
Auf unsern vielverschlungnen Wegen
Und trugen kühn das Kreuzpanier
Dem Sultan Saladin entgegen.

Das war ein Kampf! Oft gell und schrill,
Mit Durst und Hunger, Pest und Seuchen,
Und oft auch wieder todtenstill,
Man hörte nur die Pferde keuchen.
Wir aber wankten wie im Traum,
Die Zunge klebte uns am Gaum,
Der Sand stieg schier bis übers Knie
und seufzend klang's: Hilf, Sanct Marie!
Nur Einer, Einer für uns wachte
Und sprach uns Muth und Hoffnung ein,
Bis wieder uns das Kriegsglück lachte
Im Palmenthal beim Cyperwein,
Der Rothbart war's, der greise Held,
Dem silbern schon die Locke wallte,
Der stets als Erster trat vors Zelt,
So oft das All il Allah hallte.
Und wenn das Sarazenenheer
Dann rund um unser Lager sauste,
Dann war es wieder er, nur er,
Vor dem's den wilden Heiden grauste.
Er war ein Schild uns, war der Stern,
Der ins gelobte Land uns wies,
Und den das Heer als seinen Herrn,
Als seinen Hort und Hirten pries.
Und wär zum Glück der gelben Horden
Er uns nicht jäh entrissen worden,
Es hätte binnen wenig Wochen,
Anstatt vom Wüstenhauch umweht,
Des Kaisers Pater sein Gebet
Am heilgen Grabe selbst gesprochen.
Doch als des Salephs falsche Wogen
Ins feuchte Nixengrab ihn zogen,
Da war es aus mit unserm Hoffen,
Und jäh vom Todespfeil getroffen
Zerfiel sein schwarzes Flügelpaar
Germaniens nie bezwungner Aar.

Schwer war der Schlag und gross das Leid
Und an brach eine trübe Zeit,
Die Sonne stach, die Wunde rann
Und hingerafft ward Mann um Mann.
Und wem die Sarazenenklinge,
Wem Durst und Hunger gnädig waren,
Den schlug die schlimmste der Gefahren,
Den fing die Pest in ihrer Schlinge.
Da war's denn wohl kein grosses Wunder,
Wenn Jeder, der noch aufwärts blickte,
Den ganzen Sarazenenplunder
Ergrimmt zu allen Teufeln schickte!
Zu weit war uns der Weg, zu krumm,
Und ach, noch fern lag Christi Grab;
Da kehrte mehr als Einer um -
Auch ich nahm mir das Kreuzlein ab!
Auf einer griechischen Triere,
Vorbei der Insel der Cythere,
Fuhr ich meerüber nach Korinth;
Ein Leben, voll von Aventiuren,
Ein Wanderleben, wollt ich führen,
Unstät und frei, frei wie der Wind.
In Korfu, wo San Markos Fahnen
Von Thürmen wehten und Altanen,
Trat ich ins Heer der Republik;
Ich kämpfte auf Venedigs Meeren
Und purpurn schwammen die Galeeren
Beim Klang der maurischen Musik.
Auf dunkelblauem Meerespfade,
Entlang die schimmernden Gestade,
Ging pfeilschnell unser Siegeslauf;
Auf Capri pflückten wir uns Myrten
Und lauerten im Schutz der Syrten
Den lybischen Korsaren auf.
Beim Sterngeflimmer der Plejaden
Durchruderten wir die Cycladen
Und Gold, nur Gold war unsre Fracht;
Und wieder von der Insel Paros
Ging's südwärts, wo der Leuchtthurm Pharos
Die Ptolemäerstadt bewacht.
Das Wunderland der Pyramiden,
Die Zauberwelt der Abbassiden,
Selbst sie, sie schlossen sich uns auf:
So, ewig wechselnd, manches Jährchen
Schwamm ich, mir selbst ein buntes Märchen,
Das Mittelmeer hinab, hinauf!
Doch ob auch noch so blau die Wogen,
Nach Deutschland fühlt ich mich gezogen,
Nach Deutschland kehrt ich auch zurück:
Ich fuhr den Rhein hinab bei Bingen
Und tief im Herzen fühlt ich's klingen:
Nur in der Heimat wohnt das Glück!
Und ostwärts dann im Morgengrauen
Zog ich durch Frankens goldne Auen,
Vorbei an Dörfern, Weilern, Seen;
Und oft sang ich auf grüner Haide,
Wie Walther von der Vogelweide:
Der Lande hab ich viel gesehn!
Doch was gilt Frankreich mir, was Spanien,
Was Gräcien gegen dich, Germanien,
O du mein liebes Vaterland!
Auf Jahre warst du mir verloren,
Doch heut fühl ich mich neu geboren:
Heil mir, dass ich dich wiederfand!

So, über Thäler, über Hügel,
Ward mir gemach die Ferne nah,
Und meine Sehnsucht lieh mir Flügel,
Bis endlich ich die Wartburg sah.
Ich sah sie hoch vom Berg mir winken,
Den steilen Pfad klomm ich hinauf,
Und mir im Auge fühlt ich's blinken,
Und mir im Herzen klang's: Glückauf!
Ja, alles war noch wie vor Zeiten,
Die Brücke dort und dort der Thurm,
Drin ich beim Loh'n von eichnen Scheiten
So oft verträumt den Wintersturm
Umkrächzt von Dohlen und von Raben,
Hat er, vom nahen Wald umrauscht,
Des alten Burgwarts jungen Knaben
Gar oft bei seinem Spiel belauscht.
In dieses Gras bin ich gesunken,
Von diesem Baum sang ich mein Lied,
Aus jenem Born hab ich getrunken,
Vor jenem Kreuz hab ich gekniet.
Ich habe mir unter dieser Rüster
Die ersten Sporen umgeschnallt,
Und dort steht auch noch grau und düster
Die alte Steinwand aus Basalt!
Ach, jene weinumrankte Mauer
War oftmals meiner Sehnsucht Ziel,
Wenn Nachts ein dunkler Regenschauer
Lautplätschernd auf die Dächer fiel!
Blauschwärzlich um die blanke Rüstung
Den Reitermantel, den ich trug,
Lehnt ich mich träumend an die Brüstung
Und fühlte, wie das Herz mir schlug.
Denn über mir schwang sich ein Gaden
Phantastisch in die Wetternacht
Und golden hinterm Fensterladen
War noch ein Lichtlein angefacht.
Dort sass sie fleissig hinterm Rocken
Und spann und sang und sang und spann,
Indess das Seidenweich der Locken
Ihr golden um die Schläfen rann.
Ich hörte, wie die Spindel surrend
Sich rythmisch um sich selber schwang
Und, felldurchwärmt, schlich leise schnurrend
Ihr Kätzlein um die Ofenbank.
O stillverschwiegne Kemenate,
Noch heute schwellt sich mir die Brust,
Noch heute pocht's in ihr: "Renate!"
Ob sie's gewusst? Ob sie's gewusst?
Ich weiss, ich hab Dich nie vergessen,
Und oft hab ich an Dich gedacht,
Wenn ich am Lagersaum gesessen
In Syriens blauer Sommernacht;
Wenn ich mich wild im Tanz geschwungen
Auf Maltas braunem Felsenriff
Und übers Enterbrett gesprungen
Aufjauchzend ins Piratenschiff!
Du bist als Traum zu mir gekommen
Ums Morgen- und ums Abendroth
Und schluchzend hab ich einst vernommen,
Dass Du schon lange, lange todt!
Dass sich im Schatten jener Linde
Um Dich ein schwarzes Kreuz erhub,
Aus jenem Holz, in dessen Rinde
Ich einst vielleicht "Renate!" grub! ...
O Gott, wie lang, wie bitterlange,
Hab ich die Heimat nicht gesehn!
Doch still, mein Herz, nun sei nicht bange,
Nun sollst du wieder auferstehn!
Zwar hegt dich keines Sängers Busen,
Doch hold sind ja auch mir die Musen,
Und Landgraf Hermann ist bekannt
Als edler Fürst im ganzen Land!
Und ein trat ich durchs Bogenthor,
Ich traf ihn grad bei seiner Linde
Und trug, umringt vom Burggesinde,
Bescheiden meine Bitte vor.
Und siehe da, er war mir hold
Und nahm mich auf in seinen Sold!
Und nun ging mir ein Leben an
In holder Frauen holdem Bann,
In edler Sänger edlem Kreis,
Dass ich es kaum zu schildern weiss.
Von Falknern und von Bogenspannern,
Von Kranzgewinden und von Bannern
War das ein farbenprächtig Wogen,
Und allenthalben kam gezogen
Durch Winterschnee und Sommerstaub,
Durch Herbstblattfall und Frühlingslaub
Ein Heer von ritterlichen Sängern,
Von Fahrenden und Herzensfängern.
Von Harfenklang und Speerwurf klang's
Im Burgpallas tagaus, tagein
Und edle Herzen werbend drang's
Bis weit ins deutsche Land hinein;
Denn nichts stand höher in der Gunst
Des Burgherrn als die Sangeskunst.
Und wahrlich, nicht vergebens hielt,
Vom Hauch der Poesie umspielt,
Der Landgraf Hermann für und für
Den Sängern offen Thor und Thür.
Denn prächtig war die Tafelrunde
In seinem goldnen Prunkgemach
Und wohl der Edelste im Bunde
War Wolferam von Eschinbach;
Auch Walther von der Vogelweide,
Wer dess vergäss, der thät mir leide,
Herr Hartmann von der güldnen Aue,
Der Waidmann Biterolf, der Schlaue,
Und auch der Schreck der alten Weiber,
Heinrich, der tugendhafte Schreiber!
Und wenn Turnier und Sangesfehden
Den edlen Herrn Ergötzung schufen,
Dann war's mein Amt, mit Heroldsreden
Im Prunksaal und im grünen Gras
Des Tages Sieger auszurufen,
Und hei! wie gerne that ich das!
Denn klingen Wort und That wie Erz,
Dann freut's ein braves Reiterherz.
Nur einmal schlug es Weh und Ach,
Als Wolferam von Eschinbach
Nach wildverzweiflungsvollem Ringen
Den armen Heinz von Ofterdingen
Durch seiner Lieder Kraft bezwungen
Und schmählich in den Staub gerungen.
Noch heute lebt im Volk die Sage
Von jenem alten Sängerkrieg
Und preisen wird man Wolframs Sieg
Bis an das Ende aller Tage!
Denn als schon grinsend Meister Hans
Sein Richtschwert prüfte mit dem Finger,
Nahm Wolfram seinen goldnen Kranz
Und reichte ihn - dem Ofterdinger!
Hei, wie da Männerherzen klopften
Und blaue Frauenaugen tropften,
Als nun versöhnlich die Genossen
Sich stumm in ihre Arme schlössen!
Dann aber bogen sie ihr Knie,
Der Fürst stieg von des Thrones Stufen
Und lieber hab ich wohl noch nie,
Was meines Amts war, ausgerufen!
Die ganze Wartburg schwamm in Jubel,
Der Becher nur, kein Schwert erklang,
Zum Reigentanz ward bald der Trubel,
Das Leid zur Lust, die Lust Gesang.

So schwanden wechselnd mir die Tage,
Ein Jahr ums andre sacht verrann,
Und schon blies mich des Alters Plage,
Des Alters schleichend Siechthum an.
Nun ward Erinnrung mein Genosse,
Erinnrung sang mir Tag und Nacht
Von jener Zeit, da ich zu Rosse
Dem Kaiser vorritt in die Schlacht.
Doch todt der Held! Nur sein Gedächtniss
Klang noch im Volke rings umher,
Doch seine Krone, sein Vermächtniss,
Mit jedem Tag zerfiel sie mehr.
Geschändet war die deutsche Ehre
Durch Fürstenmord und Pfaffentrug
Und nicht wie sonst von Meer zu Meere
Hielt Deutschlands Aar mehr seinen Flug.
Doch sank das Reich auch ins Verderben,
Noch einmal, eh ich ging zu sterben,
Wollt ich mir seine sieben Gauen
Im Glanz der Frühlingspracht beschauen.

Drum wieder, als der Schnee geschmolzen,
Gab ich mein Amt dem Burgherrn ab
Und ritt mit Armbrust, Schwert und Bolzen
Getrost durchs Thor ins Thal hinab.
Durch Wäldergrün um Dorf und Weiler
Ritt ich fürbass beim Blättersäuseln
Und oft sah ich den Rauch der Meiler
Still träumend in die Luft sich kräuseln.
Durch mancher Burg zerfallne Häuser
Ging's weiter dann ins Land hinein
Und einst kam ich im Abendschein
Auch an den alten Berg Kyffhäuser.
Der Herr war müd, sein Rösslein auch,
Ich band es los und liess es grasen
Und lagerte mich in den Rasen
Tief unter einem Hollerstrauch.

Dem Schicksal Deutschlands sann ich nach,
Dem Schicksal meines Vaterlands,
Bis mir vom Abendsonnenglanz
Das Salz durch beide Wimpern brach.
Des Reiches Herrlichkeit verhandelt!
Und wann, wann wird sie auferstehn?
O Zeit, wie hast du dich verwandelt!
O Herz, nun darfst du sterben gehn!
Wie Kaiser Rothbart möcht ich nun
Tief, tief im Schooss der Erde ruhn!

Und wie ich also sass und sann,
Da that sich auf des Berges Thor
Und schimmernd trat ein Rittersmann
In goldner Rüstung draus hervor.
Er war von königlicher Art,
Wie Silber wallten seine Locken,
Doch roth wie Feuer war sein Bart -
Und nieder kniet ich froh erschrocken;
Ein Zauber war's, der mich nun bannte,
Denn Rothbart war's, den ich erkannte.

"Hab Dank," so hub er an zu sprechen,
"Für deine Treue, Ehrenhold;
Ich weiss, es will das Herz dir brechen,
Weil es mit seinem Volke grollt.
Doch sei getrost; denn meine Krone,
Nicht spurlos soll sie untergehn;
Einst wird auf neuerstandnem Throne
Ein neuer Herrscher auferstehn,
Ein neuer Kaiser, der gewaltig
Des Reiches goldnes Scepter schwingt,
Indess der Purpurmantel faltig
Die eherne Gestalt umschlingt.
Dann wird das deutsche Banner prächtig
Gen Himmel wehn im Morgenschein
Und wieder dann Alldeutschland mächtig
Ein einig Volk von Brüdern sein!
Indessen, bis auf deutschem Herde
Die Aschenglut aufs neu erglommen,
Will tief ich hier im Schooss der Erde
Der Zeiten harren, die da kommen.
Gewappnet und im Kreis der Ritter
Will helfen ich das Reich erstreiten,
Und eines Sängers goldne Zither
Soll meine That im Lied begleiten.
Doch dich, den treusten meiner Knappen,
Dich nehm ich wiederum in Sold;
Da, hier mein Schild und hier mein Wappen,
Nimm's hin und sei mein Ehrenhold;
Nimm's hin und halt im Bergesschacht
Für unser Volk die heilge Wacht!"

Er schwieg und bot mir seine Hand
Und freudebebend schlug ich ein
Und dann - noch einen Blick ins Land
Und dann - ging's in den Berg hinein!
Ein goldig grüner Schimmer blinkte
Auf uns herab aus dem Gestein
Und tief im Hintergrunde winkte
Uns fernher rother Ampeln Schein.
Dann that, umrauscht vom Tropfenfalle,
Sich prächtig eine weite Halle
Vor den erstaunten Augen auf;
Und horch, ein Sänger schlug die Zither
Und um ihn drängten sich die Ritter,
Am Gurt das Schwert, die Hand am Knauf.
Die Panzer schmückten Eichenreiser
Und nieder setzte sich der Kaiser
An seinen Tisch von Marmelstein,
Die Häupter sah man rings sich neigen,
Und plötzlich dann ein grosses Schweigen
Und wach blieb nur der Schlaf allein.
Da stand ich mit gelähmten Händen,
Das Wasser tropfte von den Wänden
Und dunkel brach die Nacht herein,
Und über uns auf grüner Erde
Schlug wild die Zeit auf ihre Pferde,
Die rollenden Jahrzehnte, ein.
Die "kaiserlose" Zeit vertollte
Und auf Neapels Marktplatz rollte
Das blonde Haupt des Konradin;
Die Hansa baute ihre Flotten,
Die Frau Scholastik fing sich Motten
Und Strassburgs Münster schuf Erwin.
Dann aus des Mittelalters Wettern
Schoss seine Blitze, seine Lettern,
Der brave Hans von Guttenberg
Und Dr. Martin griff zum Besen
Und prügelte mit seinen Thesen
Den Papst durch, Romas Riesenzwerg,
Drauf Kaiser Max, "der letzte Ritter",
Und weiter jenes Hochgewitter,
Der wilde dreissigjährge Krieg;
Zuerst ein wüstes Hälsebrechen,
Dann Pudern und Französischsprechen
Und endlich wieder mal ein Sieg!
Der alte Fritz nahm seine Krücke
Und schlug die Reichsarmee in Stücke
Und straffer zog sich jedes Glied;
Die Schlacht von Rossbach war geschlagen,
Ein neuer Morgen schien zu tagen
Und Goethe sang sein erstes Lied!
Wir aber, tief im Schooss der Erde,
Lauschten vergeblich auf das: "Werde!"
Denn knöchern schlich um uns der Tod,
Und leis nur klirrten die Schwerterspitzen:
Wann wirst du endlich uns umblitzen,
O Morgenroth! O Morgenroth!

Doch sprecht, was soll ich euch in Bildern
Hier unsre Leidensnacht noch schildern;
Ihr kennt die alten Sagen ja;
Ihr wisst, wie je nach hundert Jahren
Der Kaiser aus dem Schlaf gefahren
Und ich die Raben fliegen sah;
Bis endlich ich mit Horngeschmetter
Nach sechs Jahrhunderten den Retter,
Den Retter Deutschlands, froh begrüsst,
Indess, den Erbfeind zu bekriegen,
Sein Heer von Siegen flog zu Siegen,
Bis Frankreich seine Schuld gebüsst!

Und wieder nun von Fels zu Meer
Reicht Deutschlands Wacht, reicht Deutschlands Wehr,
Und leuchtender als je vordem
Erglänzt des Kaisers Diadem.
Und fragt ein Sänger noch im Liede:
"Wo wohnt auf Erden wohl der Friede?"
Dann heisst's: Er wohnt auf Deutschlands Flur.
Gelöst hat Rothbart seinen Schwur!
Ach, heimgekehrt zu seinen Ahnen
Schläft er den ewgen Schlummer nun,
Indess die Völker der Germanen
Im Schatten ihrer Lorbeern ruhn.

Nur ich darf nicht mein Theil ergreifen
Da mich die Ewigkeit verstösst,
Und durch die Lande muss ich schweifen
Und suchen den, der mich erlöst.
Denn wohl erstand uns jener Ritter,
Der kühn des Reiches Banner schwingt,
Doch fehlt der Sänger mit der Zither,
Der würdig seine Thaten singt!
und eh'r nicht, eh'r nicht darf ich sterben,
Nicht eh'r bricht dieser Leib in Scherben,
Eh ich ins Aug ihm nicht gesehn;
Erst, wenn sein hohes Lied erklungen,
Dann, dann erst hab ich ausgerungen,
Dann, dann erst kann ich sterben gehn!

Drum hört mich ihr, ihr deutschen Sänger,
Ihr Sänger süsser Harmonien,
O sprecht, sprecht, soll ich denn noch länger
Ruhlos das deutsche Land durchziehn?
Jetzt, wo des deutschen Volks Geschichte
Zum welterschütternden Gedichte
Schon selbst sich aneinanderreiht,
Will Keiner, Keiner denn es wagen,
Sein goldnes Harfenspiel zu schlagen
Zum ewgen Ruhme seiner Zeit?
O denkt zurück, woher wir kamen,
Denkt an die Teutoburger Schlacht,
Und zählt die Thaten, zählt die Namen -
Sie sind gestorben, ruft: Erwacht!
Ja, denkt zurück an all die Hohen
und lasst den Tand, der blinkt und gleisst:
Nicht nur die griechischen Heroen
Sind werth, dass sie der Dichter preist!
Nicht mehr exotische Gedichte
Ersinne heute das Genie,
Nein, unsre herrliche Geschichte
Ist auch ein gut Stück Poesie!
O, ist denn deutsch zu sein so schwer?
Und lebt nur einmal ein Homer?

Schaut her! die ich in Händen wiege,
Die kranzverzierte Harfe hier,
Wer ist so kühn und nimmt sie mir
Und singt von unserm heilgen Kriege?
O schaut nur, wie der Sonne Gold
Ihr glitzernd durch die Saiten rollt!
Sie schlug mit kunstgeübtem Finger
Herr Heinrich einst, der Ofterdinger,
Der schneidig uns wie Schwertesschwang
Das Lied der Nibelungen sang.
Glück auf! Wer will sein Epigone,
Nein, wer sein Herr, sein Meister sein?
Da, hier die Harfe, hier die Krone,
Und meine Hand hier ... wer schlägt ein?
Schon grollt's von fernen Klanggewittern,
Schon durch die Saiten fühl ich's zittern
Und mein Erlösungstag ist nah!
O haltet eure Herzen offen
Und lasst mich nicht vergeblich hoffen -
Heil Dir und mir Germania!


         Zum 2. September

Vieltausend Männer und Knaben,
Vieltausend, Schaar bei Schaar,
Begraben, begraben, begraben
An Mosel, Maas und Saar!
O, der Wittwen und der Waisen
O, der armen Eltern nun!
Und immer noch darf das Eisen
Das blutige, nicht ruhn.
Ferdinand Freiligrath

O Tag, an dem in leuchtender Wehr
Noch immer schwarzweissroth
Die deutsche Flagge von Fels zu Meer
Nord-, ost- und westwärts loht:
In Einigkeit verbunden
Durch die heilige Schaar, die an Dir verblich,
O Tag voll Blut und Wunden,
Wir grüssen Dich! Wir grüssen Dich!

Denn oft noch wird Dein Morgenwind
Durch die Reiser an unsern Helmen wehn
Und manche Mutter mit ihrem Kind
Lautweinend am Wegrand stehn.
Nur Waffen hört man schmieden
Vom Bodensee bis an den Belt;
Den Traum vom ewigen Frieden,
Lügen straft ihn die heutige Welt!

Die Zeit, die Eisen und Blut verschweisst,
Wir ahnen sie längst vor den Thüren stehn:
Die Trommel, die wirbelnd die Luft zerreisst,
Kann schon morgen durch unsere Reihen gehn.
Dann werden auf deutschem Herde
Die alten Gluten noch einmal glühn
Und roth auf französischer Erde
Um junge Gräber Rosen blühn.

Nicht die Welt zu knechten ist unsre Begier,
Brandfackeln zu werfen in fremdes Glück:
Ein schwäbischer Bauer ist kein Baschkir
Und ein pommerscher Landwehrmann kein Kalmück!
Was thut's, wenn der Ruhm unsre Siege
Auf seine thönernen Tafeln schreibt?
Sie gelten dem Weib an der Wiege
Und dem Schäfer, der seine Schafe treibt!

Doch weh, wenn die Kraft, die einst Kronen zerbrach,
Nicht länger mehr unsre Schwerter umsprüht
Und die alte Zeit der alten Schmach
In unsre Stirnen ihr Schandmahl glüht!
Wenn Franzosen, Russen und Czechen
Ihre Fangarme um unser Land gekrallt -
Doch schon zu denken daran, ist Verbrechen,
Nach blitzt ja die Wacht auf dem Niederwald!

Drum, Du Tag, an dem in leuchtender Wehr
Noch immer schwarzweissroth
Die deutsche Flagge von Fels zu Meer
Nord-, ost- und westwärts loht:
In Einigkeit verbunden
Durch die heilige Schaar, die an Dir verblich,
O Tag voll Blut und Wunden,
Wir grüssen Dich! Wir grüssen Dich!


                                                   Weltgeschichte

Sicherlich die bedeutsamste Errungenschaft jener neuen Anschauung der Dinge, die auch das Leben und seine Entwickelung unter der Herrschaft der allgemeinen Naturgesetze betrachtet, bildet die Reklamation des Menschen als unzertrennlichen Bestandtheil der Natur und als Gegenstand der Forschung in seinen Beziehungen zu derselben. Wie einst die Erde durch Copernikus aus dem geträumten Mittelpunkt der Welt hinausgeschleudert wurde, so fand sich nunmehr der Mensch selbst, der bisher ausserhalb und über der Natur zu stehen schien, mitten in dieselbe hineingezogen, als ein Glied der grossen Kette der Wesen anerkannt, und damit seiner Ausnahmsstellung mit einem Schlage enthoben. Aber wir dürfen behaupten, dass ihm mit dieser endlichen Anerkennung seiner Erdenbürgerschaft auch nicht ein Titelchen seiner Würden, nicht der kleinste Strahl seines Glorienscheins geraubt worden ist. Im Gegentheil, erst jetzt, nachdem er erkennen konnte, aus wie tiefen Anfängen sich sein Geschlecht emporringen musste, wird er seine Würde mit dem vollen Bewusstsein, wirklich das oberste Glied und die Krone der Schöpfung darzustellen, tragen.
                                                                                                      Carus Sterne

Heimlich durchwandert die Nacht den Tann,
Duftend im Vollmond schwanken die Gräser;
Alles schläft! Nur ein steinalter Mann
Putzt sich geschäftig die Brillengläser.
Nimmt sich ein Prieschen und sagt: Hätschi!
Ich bin der achte der sieben Weisen!
Ach, und er merkt es nicht einmal, wie
Ueber ihm leuchtend die Sterne kreisen!

Sehnsüchtig harft durch die Zweige der Wind,
Blüthen erschliessen sich, Knospen schwellen;
Alles still! Nur der Nachtthau rinnt
Und von den Bergen her rauschen die Quellen.
Raune nur traumhaft, Du dunkle Natur,
Raune das Räthsel der Elemente,
Hat doch der alte Graukopf nur
Sinn für Bücher und Pergamente!

Wenn er nur schnüffeln und büffeln kann,
Mag dreist dies Sonnensystem erkalten;
Ihm ist's schon recht, denn was geht es ihn an,
Dass sich die Welten wie Blumen entfalten?
Festgeleimt an den Stuhl das Gesäss,
Fängt er sich Grillen und mästet sich Motten,
Hüstelt und schreibt gelehrte Essays
Ueber Assyrer und Hottentotten.

Tintenfässer bilden Spalier,
Goldstreusand und Radiermesser blinken,
Ganze Ballen von Schreibpapier
Liegen bekritzelt ihm schon zur Linken.
Säuberlich hat er drin aufnotirt
Jede Schlacht und jedes Gemetzel,
Neben Napoleon figurirt
Kaiser Tiber und der Hunnenchah Etzel

Ekelerregend mit jedem Band
Schwillt das Gemengsel von Blut, Fleisch und Knochen;
Leute wie Sokrates, Shakesspeare und Kant
Werden nur so nebenbei besprochen.
Weltharmonie und Sphärenmusik
Können ihm vollends gestohlen bleiben;
Interessanter ist schon die Rubrik,
Wie sich die Kaiser von China entleiben!

Also sitzt er und schmiert und schmiert
Todte Zahlen und trockne Berichte,
Bis er dann endlich "Schluss" drunter kliert
Und auf das Titelblatt: "Weltgeschichte".
Weltgeschichte! O blutiger Hohn!
Uralter Hymnus auf die Bornirtheit!
Wann, o wann kommt des Menschen Sohn,
Der Dich erlöst aus Deiner Verthiertheit?

Immer noch brütet die alte Nacht
Grauenvoll über den Völkern der Erde,
Aber schon seh ich rothlodernd entfacht
Flammen des Geistes auf ewigem Herde,
Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit
Jubelt die neugeborene Trias!
Freu Dich, mein Herz, denn die goldene Zeit
Dämmert und predigen wird der Messias:

Lebt in Frieden und baut euer Zelt,
Viel, ach, müsst ihr noch lehren und lernen;
Ein Herz schlägt durch die ganze Welt,
Ein Geist fluthet von Sternen zu Sternen.
Ruft drum als Loosung von Land zu Land:
Eins sei die Menschheit von Zone zu Zone
Erst wenn sie staunend sich selbst erkannt,
Dann erst ist sie der Schöpfung Krone!


                     Von Ewigkeit zu Ewigkeit

Nimm hin mich, Leben, ich bin dein! Wie hoch die Fluth auch gehe,
Ich zage nicht vor deinen Mühn und nicht vor deinem Wehe;
Du führst die Menschheit an ihr Ziel durch alle Wandelungen,
Und dem nur winkt der Siegespreis, der tapfer mitgerungen;
Doch eine Stunde jedes Tags dem drängenden Gewühle,
Das rastlos um uns tobt und braust, wie eine Riesenmühle,
Ja, eine will ich ihm entfliehn, dass ich in stiller Weihe
Der grossen Hymne der Natur das Ohr voll Andacht leihe!
                                       Adolf Friedrich Graf von Schack

Der Schöpfung nie begriffne Herrlichkeit
Entfacht noch stündlich den Prometheusfunken
Und doch ist ihre goldne Blüthezeit
Schon längst ins Grab der Ewigkeit gesunken.
Denn jene Welt der Sagenpoesie
Ist nicht nur Traum, ist Wirklichkeit gewesen,
Und wem das Schicksal Seherkraft verlieh,
Kann das noch heute aus den Sternen lesen.

Wer zählt die Sprossen, die zertrümmert sind
Aus jener gotterbauten Himmelsleiter?
Die Sonne glüht und kühlend weht der Wind
Und unaufhaltsam rollt das Rad sich weiter.
Die leuchtend kreisen durch das dunkle All,
Erhaben gross ist noch die Zahl der Welten;
Und kommt allnächtlich eine auch zum Fall,
Was kann dem Meere wohl ein Tropfen gelten?

Doch wem sich das Geheimniss der Natur
Nicht unterm Sternenzelt mag offenbaren,
Der wandle mit mir durch die Erdenflur,
So wie sie war vor hunderttausend Jahren.
Noch stritt kein Jason um das goldne Vliess,
Die Menschheit knechtete kein Triumphator,
Doch endlos dehnte sich ein Paradies
Vom Nordpol bis hinunter zum Aequator.

Wo heute sich durch eisumstarrten Belt
Die Walfischfahrer ihre Strasse bahnen,
Erhub sich ehmals eine Inselwelt,
Beblüht von üppig wuchernden Bananen.
Und lächelnd kränzte sich die Meeresfee
Mit bunten Perlenmuscheln und Korallen,
Wo längst verweht vom Wüstenkörnerschnee
Die Isistempel in sich selbst zerfallen.

Nicht trübte schon den funkelnden Azur
Der Riesenschlote schmutzigfeuchter Brodem,
Denn unentweiht noch träumte die Natur
Und jeder Windhauch war ein Gottesodem.
Kein Erdgeborner fühlte sich entbrannt
Nach fremden Wundern einer fremden Zone
Und brach mit seiner frevlen Menschenhand
Sich Stein auf Stein aus Gottes Schöpfungskrone.

Doch jede Zeit singt sich ihr eignes Lied
Und jenes Lied ist lange schon verklungen;
Die Melodie, die heut die Welt durchzieht,
Verhöhnt die alten Ueberlieferungen.
Die Menschheit hat sich zum Titanenkampf
Mit ihrer Mutter, der Natur, gerüstet
Und denkt nur noch mit Eisen, Blut und Dampf,
Weil sie's dem Schöpfer gleich zu thun gelüset.

Erloschen ist der kindlichfromme Zug
Aus ihres Angesichts versteinten Mienen,
Und unbekümmert um den alten Fluch,
Zwingt sie die Elemente ihr zu dienen.
Im Bergschooss gräbt nach Schätzen sie umher
Und macht den Feuergeist sich zum Vertrauten,
Die Weltumsegler schickt sie übers Meer
Und in die Luft die kühnen Aeronauten.

Ja, bis gen Himmel, den der Herr sich schuf,
Auf dass er würdig seine Schöpfung kröne,
Erhebt sich schon der schicksalsschwangre Ruf
Der staubentsprossenen Gigantensöhne.
Denn hier auf diesem engen Erdenkreis
Ist kaum ein Fels noch für sie zu verschieben,
Der Steppensand nur und das Gletschereis
Ist unentweiht vor ihrer Wuth geblieben.

Doch drückt sie auch das auferlegte Joch
Und seufzt sie auch um Tage, die verwehten,
Ein Prachtjuwel blieb unsre Erde doch
Im Kronendiademe der Planeten!
Denn unbekümmert um die Weltenuhr
Lässt sie die tausendfältgen Kräfte sprühen
Und nach dem heilgen Rathschluss der Natur
Die Quellen springen und die Blumen blühen.

Wie herrlich steigt der erste Frühlingstag
Doch immer noch vom Himmel zu ihr nieder!
Und schreitet erst der Sommer durch den Haag,
Dann fühlt sie ihre ganze Jugend wieder.
Und stehst du dann, umwallt von all dem Duft,
Dann lacht die Flur und ihre Ströme blitzen
Und fernher schimmern durch die blaue Luft
Die ewig eisgezackten Gletscherspitzen.

Da horch! Ein leiser Hauch im Blätterdach,
Und durch die Wipfel geht ein seltsam Rauschen;
Wie Stimmen flüstert's durch das Laubgemach,
Und andachtsvoll musst du den Tönen lauschen.
Das ist der Wind, der ruhlos durch die Welt
Dahinrollt auf den nie erschauten Gleisen,
Der nun im Bergwald seinen Einzug hält
Und dir erzählt von seinen weiten Reisen.

Erst ist, vergleichbar einem wilden Schwan,
Er majestätisch durch die Luff gezogen
Und stieg dann nieder in den Ocean
Und spielte mit den grüngewellten Wogen.
Doch bald verlockte ihn der nahe Strand
Und hinter sich liess er das Meergebrause
Und ging mit Riesenschritten übers Land
Und hielt dann Rast in einer Felsenklause.

Da lag denn nun tief unter ihm die Welt
Idyllisch da im Sommersonnengolde
Und athmete gen Himmel, duftgeschwellt,
Wie eine farbenprächtge Blüthendolde.
Und Meereswellenschaum und Gottesluft,
Dazu die paradiesischen Gefilde,
Verwoben lieblich sich im Sonnenduft
Zu einem nie geschauten Wunderbilde.

Dir aber schwillt das Herz vor hoher Lust
Bei solcher windgetragnen Himmelskunde,
Und das Gefühl der übervollen Brust
Gestaltet sich zum Wort in deinem Munde.
Du preist Natur und ihre Herrlichkeit,
Die Gott in seinen eignen Werken loben,
Und lächelst über den Pygmäenstreit,
Den wider ihn die Sterblichen erhoben.

Die eitle Selbstsucht menschlicher Kultur
Vermag nur eben das, was ihr von Nöthen,
Sie weiss die Herrlichkeit der Gottnatur
Zu untergraben wohl, doch nie zu tödten.
Und ist auch ihre goldne Blüthezeit
Schon längst ins Grab der Ewigkeit gesunken,
Der Schöpfung nie begriffne Herrlichkeit
Entfacht noch stündlich den Prometheusfunken!