Holz

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Inhalt

Biografie

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Berliner Schnitzel

Ich bin ein armer Reiter,
Auch beisst und schlägt mein Gaul,
Ich bin ein grober Streiter
Und führ ein grobes Maul.
                  Gottfried Keller

                        Initiale

Die deutsche Sprache war einst in alter Zeit
Ein blondes Vollweib, das durch die Wälder strich;
Doch heut ist längst ihr schlotternder Busen
Platt wie ein Plättbrett!

Das gute Frauchen hat zu viel Thee geschluckt
Und leidet nun an Husten und Heiserkeit;
Ich aber frage, wann wird sie wieder
Saugrob wie Luther?


             Programm

Kein rückwärts schauender Prophet,
Geblendet durch unfassliche Idole,
Modern sei der Poet,
Modern vom Scheitel bis zur Sohle!


     Die deutsche Dichtkunst

Die deutsche Dichtkunst schrieb notorisch
Sich selber den Uriasbrief,
Seit das Gefühl ihr obligatorisch
Und der Verstand nur facultativ.


               Suum Cuique

Ich weiss, ich bin euch zu polemisch;
Doch die Dichteritis ist heut epidemisch.
Und kann ich ihr nicht das Maul verriegeln,
So will ich ihr doch den Hintern striegeln!


            Die Simpeldichter

Die Simpeldichter hör ich ewig flennen,
Sie tuten alle in dasselbe Horn
Und nie packt sie der dreimal heilge Zorn,
Weil sie das Elend nur aus Büchern kennen.


         Chorus der Lyriker

O Mainacht, Mond und Mandoline!
Wer schwärmte früher für Lassalle?
Heut gellt der Pfiff der Dampfmaschine
Ins Hohelied der Nachtigall!

Man schimpft uns "ewge Sekundaner",
Doch falsch ist ihre Strategie:
Wir sind die letzten Mohikaner
Der deutschen Stimmungspoesie.

Wir klopfen an die leere Tonne
Und rufen: Wein her, rothen Wein!
Auch uns erfreut das Licht der Sonne,
Nur darf es nicht elektrisch sein.

Lasst uns die Henkelkrüge schwingen:
Ju Evoë, Anakreon!
Was geht die Zeit uns an? Wir singen
Vom Mammuth und vom Mastodon!


             Donner und Doria!

Das ist so heute der Herren Manier:
Man setzt sich ans Schreibpult wie an ein Klavier;
Vor sich drei Bogen gelbes Concept
Und kommt sich vor wie ein alter Adept.

Dann taucht man ins schwarze Gallelement
Sein Selbstberäucherungsinstrument;
Träumt sich nach Memphis, Korinth und Walhall
Und gebiert einen mächtigen Phrasenschwall.

Daneben spuckt man nach Recht und Pflicht
Der neuen Zeit in ihr Prosagesicht;
Und hat man sich dick mit Gefühlen beschwert,
Wird drüber der Thränenkübel geleert.

Dann druckt es der Drucker auf fein Velin,
Der Buchbinder bindet's in Maroquin
Und schliesslich schimpft's die Kritik: "Poesie" -
Blasphemie!!!


      An unsre Modedichter

Noch ehe die Zukunft euch richtet,
Verfallt ihr der ewigen Nacht
Weil ihr zu viel gedichtet
Und weil ihr zu wenig gedacht!


              Traurig aber wahr

Die deutsche Muse - hört's, ihr Patrioten! -
Warf ihre Flinte lachend längst ins Korn;
Mit Heinrich Heine riss sie freche Zoten
Und rülpst nun Verse à la Klappenhorn.


                  Theorie

Was mir im Hirn als Wissen glüht,
Gilt noch nicht eine dieser Strophen.
Der Tiefsinn, den die Rose blüht,
Verlacht den Schweiss der Philosophen.


                  Recept

Nicht wahr, du bist ein grosses Thier?
So sprich, was ist zum Dichten nütze?
Eine Perryfeder, ein Bogen Papier,
Ein Tintfass - und ein Schädel voll Grütze!


            Stossgebet!

Eins ist Noth, ach Herr, dies Eine
Lehre mich vollbringen hier,
Und mein Schutzpatron, der Heine,
Schärfe meine Klingen mir;
Gürt mein Herz mit Siegfriedsleder,
Giess ins Hirn mir tausend Lichter
Und befiehl in meine Feder
Unsre sogenannten Dichter;
Dichter, deren ganzer Codex
Essen, Trinken, Trinken, Essen,
Dichter, die sich in den Podex
Hämorrhoiden eingesessen!
Grüss Gott, ihr Folianten,
Hurrah in den Tod!
Spielt auf, Musikanten,
Das Eine thut Noth!


              Offener Brief

Lasst euch begraben, ihr Philologen,
Bei mir habt ihr den Kürzern gezogen!

Drei winzige Jährchen erst ist es her,
Da habt ihr geflucht die Kreuz und Quer:

Der Kerl, der hat zu lange Ohren,
An dem ist Hopfen und Malz verloren!

Und heute? Donner und Doria!
Grenzt das nicht schamlos an einen Eclat!

Zwar, was er weiss, ist nur autodidaktisch,
Aber das Faktum ist eben faktisch:

Er capirte die deutsche Poesie
Auch ohne die griechischen Verba auf mi!


   An Neunundneunzig von Hundert

Ihr schwatzt befrackt hoch vom Katheder
Von alter und von neuer Kunst,
Von Fleischgenuss und Sinnenbrunst,
Und gerbt nur Leder, altes Leder!

Ihr lasst um jede Attitüde
Ein weissgewaschnes Hemdchen wehn,
Denn um die Schönheit nackt zu sehn,
Sind eure Seelen viel zu prüde!


          Als Wegzehrung

Gott weiss, du bist ein braver Junge,
Noch neune solcher machen zehn,
Dein Herz ist rein wie deine Zunge
Und schwerlich wirst du untergehn.

Du wogst noch niemals eine Lanze
Und singst von Liebe nur und Lenz -
So geh denn hin, mein Freund, und tanze
Den Eiertanz der Convenienz!


          Bibelbiereifrig!

Hier Genie und dort Talent!
Jeder Mensch hat sein Pläsirchen -
So ein armer Recensent
Ist das ärmste aller Thierchen.

Wenn es pfaucht und wenn es zischt,
Lass es, lass es sich nur schinden,
Denn dem Ochsen, der da drischt,
Sollst du nicht das Maul verbinden!


              An meine Freunde

Noch immer, ihr Freunde, florirt der Leim,
An dem die Dummen sich leimen;
Die Dichter reimen und reimen
Und noch immer erscheint das "Dichterheim"!

Drum schaart euch zusammen nun Mann an Mann
Und wetzt eure Schwerter und sagt mir an:
Wann werden wir endlich zu Boden treten
Das lyrische Kruppzeug der Afterpoeten?


         Das kommt davon!

Mit achtzehn Jahren schrieb er Verse
Und frug die Welt nach ihrem Preis,
Tragödien schmierte er diverse
Und Epen vollends dutzendweis.

Doch jede Schuld auf Erden rächt sich!
Schon Goethe war's, den das verdross.
Heut ist er circa fünfundsechzig
Und - Kritiker der Tante Voss!


      An mich selbst

Lass die Rosen ihren Duft
Amseln streun und Finken,
Dürsten sollst du nach der Luft,
Draus die Adler trinken!

Blut ist Blut nur wenn es rollt,
Glück lässt sich erhaschen,
Wolkenblau und Sonnengold
Pfropft man nicht in Flaschen!


         An die Conventionellen

Ihr habt genug mein armes Hirn gebüttelt,
Ich käu nicht wieder wie das liebe Vieh;
Längst hab ich von den Schuhen ihn geschüttelt,
Den grauen Schulstaub eurer Poesie!

Ich hab mich umgesehn in meinem Volke
Und meiner Zeit bis tief ins Herz geschaut
Und nächtlich ist aus dunkler Wetterwolke
Ein heilig Feuer in mein Lied gethaut.

Nun ruf ich zu des Himmels goldnen Kronen:
Dreimal verflucht sei jegliche Dressur!
Zum Teufel eure kindischen Schablonen!
Ich bin ein Mensch, ich bin ein Stück Natur!


                      En passant

Was soll uns heut lyrisches Mondscheingewimmer?
So seid doch endlich still davon!
Ihr ändert's ja doch nicht, die Zeit ist noch immer
Die alte Hure von Babylon!

Das Eisen der Kraft hat sie spielend zerbrochen,
Sie schnitzt sich Heroen aus jedem Wicht
Und saugt uns das Mark aus unsern Knochen
Mit ihrem weissen Sirenengesicht.

Die Flammen der Freiheit sind lange vergluthet,
Die Herzen schlagen, die Herzen schrein -
Eh der neue Messias sich verblutet,
O heilige Sintfluth, brich herein!


        An die Autoritätsklauber

Schon immer hat uns der Magen gebellt,
Auch ohne den modischen Materialismus,
So alt wie diese alte Welt
Ist ergo auch Zolas Zolaismus.

Drum poltert nur, poltert: Bezuckerter Mist!
Er fürchtet nicht eure kritischen Besen,
Ist doch der erste "Naturalist"
Schon der alte Vater Homer gewesen!


              An gewisse Quidams

Ich weiss, ihr wünscht mir die Pest an den Hals,
Ihr geberdet euch täglich entzückter;
Drum flucht nur, er ist uns nichts weiter, als
Ein verrückt gewordner Verrückter!

Doch verlästert mich nicht. Denn dann seid ihr verratzt
Und der Teufel kommt gleich, euch zu holen,
Denn ich habe noch nie eine Jungfer beschwatzt
Und silberne Löffel gestohlen!


        Die achte Todsünde

Ein Dichter darf mit seinen Sachen,
Uns wüthend, darf uns rasend machen,
Wir stecken's schliesslich ruhig ein,
Wer wird denn immer: "Kreuzigt!" schrein?
Nur Eins wird man ihm nie verknusen,
Und gäb's statt neun selbst neunzig Musen:
Wenn er in Reimen wässrig thränt,
Indess sein armer Leser gähnt.
Drum, wer uns langweilt oder ledert,
Verdient, dass man ihn theert und federt!


                      Pro Domo

Weh, unser Zeitgeist liegt noch in den Windeln:
Die Juden schachern und die Pfaffen schwindeln!
Den Freund erschiesst man im Duell
Und sucht die Liebe im Bordell.
Die deutsche Sprache wird gefälscht,
Gekauder- und salongewälscht
Und wässrig thront auf dem Parnass
Die aurea mediocritas.
Drum schimpft nur weidlich: "Pamphletist",
Ich bin nur Stimmungspessimist!


                   Dito

Ich bin mein eigner Kritikus,
Drum spart euch eure klugen Reden,
Sagt doch ein alter Pfiffikus:
Nicht jede Formel passt auf Jeden.

Mir hätt es so, mir so behagt,
Schon gut, schon gut, ihr lieben Leute;
Ihr wisst ja, was das Sprichwort sagt,
Der Jäger pfeift, es bellt die Meute!

Doch dass ihr auch der Weisheit Schluss,
Der Wahrheit Wahrheit mögt erfahren,
Sagt jener selbe Pfiffikus:
Die Thorheit wächst oft mit den Jahren!


              Selbstporträt

Nur Wenigen bin ich sympathisch,
Denn ach, mein Blut rollt demokratisch
Und meine Flagge wallt und weht:
Ich bin nur ein Tendenzpoet!

Auf Reime bin ich wie versessen,
Drum lob ich plötzlich die Tscherkessen
Und wüst durch mein Gehirn scherwenzen
Verrückt gewordene Sentenzen.

Mein Blut rollt schwarz, mein Herz schlägt matt,
Mein Hirn hat noch nicht ausgegoren,
Denn meine gute Mutter hat
Mich hundert Jahr zu früh geboren!


       An mehrere Kritiker

Ja, diese Welt starrt voller Klippen,
Ein Jeder sehe, wie er's treibt;
Denn glattrasirt wie eure Lippen,
Sind auch die Worte, die ihr schreibt!

Auch seid ihr durch und durch "aesthetisch"
Und fast so prüde wie John Bull,
Und so beweist ihr arithmetisch,
Dass mein Talent so gut wie Null.

O, wühlt nur um mit euern Poten,
Den alten Philologenjux -
Die Nachtigall singt nicht nach Noten,
Sie singt, wie ihr der Schnabel wuchs!


                     Leider!

Die Welt ist heute verteufelt praktisch,
Verteufelt praktisch mit Mann und Maus,
Und selbst die neun Musen sehen didaktisch
Wie englische Gouvernanten aus!

Die Rosen verblühn und der Wein versauert,
Und Keiner lacht, wenn die Sonne scheint,
Denn die Jugend ist skeptisch verschopenhauert,
Und das Alter leider schon längst versteint.

Uns stürzt in tausend dunkle Miséren
Das alte, verfluchte Warum und Wie,
Und keiner, keiner kann sie entbehren
Die Bettelpfennge der Philosophie!


        Verschiedenen Collegen

Ihr armen Dichter, die ihr "Philomele"
In jedem Lenz noch rythmisch angeschwärmt,
O, wenn ihr wüsstet, wie sich meine Seele
Um ihre gottverlassnen Schwestern härmt!

Dreht ihr auch noch so ernsthaft eure Phrase,
Der Teufel setzt sie lustig in Musik,
Denn eine ungeheuer lange Nase
Hat seine Grossmama, die Frau Kritik.


                    Dreierlei

Ich bin ein Dichter und kein Papagei
Und lieb es drum, in unsre Zeit zu schauen,
Und doch missfällt an ihr mir dreierlei,
Und dieses Factum kann ich schwer verdauen:

Die jungen Damen werden nie mehr "blind",
Die jungen Herrn sind meistens eitle Schöpse
Und - last not least - die echten Thränen sind
Noch seltner heute als die echten Möpse!


        Das beste Wappen

Das beste Wappen auf der Welt,
Das ist: Ein Pflug im Ackerfeld.


                Stimmt!

Das Einmaleins und das Abc
Ist nichts als die Weisheit im Negligee.



             Einem Kritiker

Das grösste Maul und das kleinste Hirn
Wohnen meist unter derselben Stirn.


              Collega Collegæ

Dein Lied ist ein schreiendes Transparent,
Dahinter dein Hirn wie ein Talglicht brennt.


                Kritiksucht

Wenn die Kritiksucht unsre Kunst,
En masse schablonenhaft verhunzt,
Fällt mir der Vers ein, der famose:
Du stinkst, sprach einst das Schwein zur Rose.


         An meine Kritiker

Noch niemals hab ich mich geduckt,
So oft ihr auch gegen mich aufgemuckt;
Das macht, ihr seid total entnervt:
Ihr donnert, eh ihr Blitze werft!


        Einem "Freunde"

Nur selten hab ich mich ereifert,
Wenn du mich hinterrücks begeifert;
Dein Grund ist jedenfalls sehr triftig,
Auch kleine Kröten sind ja giftig!


                Einem Pseudonym

Zwar deine Reime sind nur selten weibliche,
Doch was sie meinen ist das Ewig-Leibliche;
Lass ab, du lockst uns doch nicht in den Sumpf,
Durch deine Phrasen lugt der blaue Strumpf!


    Einem abgeblitzten Collegen

Von Kritikern ein ganzes Rudel
Sprang dir wie Wölfe bissig ins Genick;
Und schön begossen wie ein Pudel,
Senkst du nun schamhaft vor der Welt den Blick.

O dieses alberne Gelichter!
Wann endlich wird es endlich sich denn klar:
Noch niemals gab es einen Dichter,
Der dümmer noch als seine Verse war!


      Unser Wortschatz

Die Philologen, die sich stritten,
Rechneten Wort für Wort zurück
Und sahn: der Schatz des grossen Britten,
Umfasste fünfzehntausend Stück!

Doch heut im neunzehnten Jahrhundert
Die Dinger wie der Wind verwehn:
Ein Droschkenkutscher braucht fünfhundert,
Ein lyrischer Dichter nur circa zehn!


    Einem Fortschrittsleugner

Dein Hypothesenungeheuer
Hat mich noch niemals recht erbaut.
Der Weltgeist ist ein Wiederkäuer,
Der ewig frisst und nie verdaut?
Still, still, mein Lieber; also spricht
Nur Einer, den der Haber sticht,
Denn könnt' ich, hoch im Himmel hausend,
Nur um ein lumpiges Zehnjahrtausend
Dein Hirn nach rückwärtshin verrenken,
Du würdest anders drüber denken!


                  Schon gut!

Schon gut! Du weisst schon, wie ich's meine.
Lügen haben kurze Beine.
Wahrheiten aber - Mensch sei helle! -
Beträchtlich breite Hinterkastelle.


                 Et altera pars!

Schon Joseph Viktor von Scheffel sagt: Lass
Von Klassen-, Rassen- und Massenhass!
Doch bitte, zähme auch deine Triebe
In Klassen-, Rassen- und Massenliebe!


                 Sansara

Das Nichts, das nie und nirgendwo,
Suchst du vergeblich zu beweisen;
Es ist und bleibt nun einmal so:
Du grübelst und die Sterne kreisen!


             Abfertigung

Wohl machst du mir für mein Talent
Ein ungeheures Compliment,
Doch schone, Freundchen, deine Lunge,
Denn wo das Herz spricht, schweigt die Zunge.


                 Trotzalledem!

Die sieben Farben und die sieben Töne,
Der Welt Gestaltung und der Menschheit Treiben,
Das Ewigwahre und das Ewigschöne
Wird ewigwahr und ewigschön verbleiben.


                           Urewig

Urewig ist des grossen Welterhalters Güte,
Urewig wechselt Herbstblattfall und Frühlingsblüthe,
Urewig rollt der Klangstrom lyrischer Gedichte,
Denn jedes Herz hat seine eigne Weltgeschichte.


                 Es bleibt sich gleich!

Es bleibt sich gleich!
Ob du ein sogenannter Glückspilz bist,
Der bunte Wäsche trägt, Coupons abschneidet
Und nur Havannahs zu fünf Mark das Stück raucht,
Ob du am Rand der staubigen Chausee
Blödsinnig niederkniest und Steine klopfst,
Es bleibt sich gleich! Nur deine Brille thut's.
Der hohle Zahn, der dem Idioten weh thut,
Schmerzt auch den besten Mathematiker.
Und die Carriere, die der Leutnant X macht,
Ist grad so glänzend und verführerisch,
Wie die von seinem Putzer Y;
Am Ende kommt der Todtengräber Z,
Macht: Papperlapapp, genehmigt sich ein Nordlicht
Und pfeift auf Beide ...


                   Der Ruhm?

Der Ruhm?
Ein Ding, das unter sogenannten Brüdern
Fast so reel wie eine Seifenblase?
Geh, lass dir deine Nase putzen, Junge!
Ein Rollmops, den die Mitwelt mit mir theilt,
Wird mir unendlich schmeichelhafter sein,
Als tausend stilgerechte Mausoleen.
Die enthusiastisch mir die Nachwelt baut.
Auch ist es Lüge, dass die Liebe sich
Mitunter auf ein Rosenblatt verirrt.
Auf dieses Monstrum hab ich Jagd gemacht
Wie ein Professor, der Botanik liest,
Vom Brocken bis zum Popokatepetl.
Doch, was die Dichter mir auch vorgefaselt,
Ich fand sie all mein Lebtag nur im Kuhdreck!


                  Sei ein Philister!

Sei ein Philister, der sich stillvergnügt
Die Marseillaise auf den Bierbauch trommelt,
Doch beiss dir deine Finger ab, mein Junge,
Wenn du Talent zu einem Herrgott hast!
Auch sieh dich vor, dass du um Mitternacht,
Wenn dir der Vollmond schneeweis ins Gesicht scheint,
Nicht einmal unversehns pathetisch wirst,
Mit dem Revolver vor den Spiegel tappst,
Ihn deinem Doppelgänger vor die Brust setzt
Und theatralisch à la Hamlet fragst,
Wozu denn eigentlich der ganze Schwindel?
Frag lieber, wenn du's durchaus nöthig hast,
Warum den Blocksberg keine Flöhe beissen,
Wie oft sich Robespierre wohl rasiren liess,
Was zalmi dupi deutsch heisst, kurz etc.!
Das Beste freilich, doch - wozu noch reden?
Addire nichts und nichts, und du thust das,
Was Gott thut, als er diese Welt erschuf.


                  "Adam Mensch"

Ob eine Wurst, die nachts im Rauchfang hängt
Sich noch Gedanken über einen Stern macht,
Der golden über Ihrem Zipfel brennt?
In dies Problem sich wie ein Maulwurf grübelnd,
Bepinselte er seine Nase sich
Vor seinem Spiegel kunstvoll mit Zinober,
Schrie Kikriki, frass siebzehn saure Gurken,
Soff dann diverse Kübel Buttermilch
Und starb zuletzt als - Sultan von Marokko.


         Einem "Tondichter"

Du bist, ein Jeder nimmt drauf Gift,
Das Theekind aller alten Vetteln
Und auch, was deine Kunst betrifft,
Gerecht in allen Modesätteln.

Uns fascinirt nicht nur dein Name,
Du spielst wahrhaftig mit Talent -
Zumal dein Lieblingsinstrument,
Das goldne Kalbfell der Reclame!


  Richard Wagner als "Dichter"

Das urigste Poetastergenie,
Das unser Jahrhundert geboren;
Schon beim Anhören seiner Hotthüpoesie
Verlängern sich unsre Ohren!

Der deutschen Sprache spie dreist ins Gesicht
Seines Stabreims Eiapopeia -
Ein demokratischer Krebs, der Verse verbricht:
Wigala Wagala Weia!


      An Gottfried Keller

Die Weisheit lieh dir ihre Huld,
Die Schönheit steht in deiner Schuld.
Durch deine Verse blitzt und rollt
Goethe'sches Gold!

Ich möchte dich bis in den Himmel heben,
Doch ach, du glaubst ja nicht an ihn,
Denn nur die Erde trägt dir Reben,
Rothe Rosen und weissen Jasmin.

Du bist mir auf hundert von Meilen entrückt,
Doch hab ich dir oft schon die Hand gedrückt
Und jauchz dir nun zu durch Nebel und Dunst
Das alte Sprüchlein: Gott grüss die Kunst!


             An die Wölfflinge

Noch immer währt die Aventiurenplage -
Allwöchentlich ein Buch von zwanzig Bogen!
Wir aber thun stets unsre alte Frage:
Habt ihr euch immer noch nicht ausgelogen?

Seht, eure Herzen wickelt ihr in Watte
Und malt drauf zierlich: Vorsicht! Porzellan!
Und ist auch manches "Vater, Mensch und Gatte",
Sein Lumpenpack ist jedenfalls im Thran.

O, werft ins Feuer euer Flickenkleid,
Am nächsten Stein zertrümmert euern Psalter,
Den uns "Modernen" liegt die Bronzezeit
Wahrhaftig näher als das Mittelalter!


        An Albert Träger

Du überschwemmst das ganze Land
Als Mutterliederfabrikant
Und bist, soviel du auch geschrieben,
Immer ein kleines Kind geblieben.


             An Max Kretzer

Du bist das wahre Urgenie
Der Hintertreppenpoesie;
Damit sie wirkt, versetzst du deine Schrift
Mit Brausepulver und mit Rattengift!


   An Joseph Victor von Scheffel

Du schwankst als Urbild hin und her
Eines süffelnden Philosophen,
Im Magen liegen uns centnerschwer
Deine vorsintfluthlichen Strophen.

Jahrzehntelang lagen sie uns zur Last,
Deine altdeutsch jodelnden Leute,
Doch dass du den Ekkhart geschrieben hast,
Das danken wir dir noch heute!



                     Felix Dahn

Lyrisch hat er geasathort
Schon als ein Jüngling mit lockigen Haaren;
Achtung, in seinem Schädel rumort
Ledern die Weisheit von tausend Jahren!

Aber, verbrach er auch manchen Quark,
Unser Volk wird ihn ewig lieben,
Hat er doch einst, die Knochen voll Mark,
Herrlich den "Kampf um Rom" beschrieben!


        Einem Gartenlaubendichter

Ach, lieber Emil, hab Erbarmen,
Pust aus dein kleines Dreierlicht!
Denn die schwarzweissrothen Gelegenheitscarmen
Haben wir endlich dick gekriegt.

Du bist und bleibst ein blosser Reimer,
Kein echter Sohn des Vater Rhein,
Und schenkst deinen Lesern, statt Rüdesheimer,
Nur versificirten Dreimännerwein.


        An Rudolf Baumbach

Mondschein, Zuckerwasser und Flieder
Waren dir schon von je zuwider;
Besser blinkender Sonnenschein,
Rauschende Tannen und alter Wein!

Ja, das ist deine ganze Devise,
Du unter Zwergen der einzige Riese!
Bist uns so plötzlich hereingeschneit,
Du und die alte Zigeunerzeit!

Zwar unsre Sphinx wirst du schwerlich errathen,
Aber ein Wort von dir gilt uns Dukaten;
Und deine Weltweisheit lacht uns ins Herz,
Wie ein Shakespearscher Falstaffscherz:

Pfeif auf die Weisen, pfeif auf die Thoren,
Schlage die Welt dir forsch um die Ohren
Habe das Herz auf dem rechten Fleck,
Alles andre - ist ein Dreck!


        An Adolf Friedrich von Schack

O Gott, wie ledern respective blechern
Ist doch der Quark von all den Versverbrechern,
Die heut mit selbstgefälligem Behagen
Das Tretrad schwingen und das Tamtam schlagen!

Nur du schwingst nicht das Weihrauchfass der Mode
Und beugst vor deinem Publikum das Knie,
Du weihst dich als begeisterter Rhapsode
Dem Hohenpriesterdienst der Poesie!

Die Zeit ist eisern, eisern ihr Beruf,
O, dass sie endlich ihres Sohns gedächte,
Des Sohns, der ihr die "Weihgesänge" schuf,
Sie und des Orients wundervolle "Nächte"!

Seit mir die Muse lächelnd zugenickt,
Hab ich mit Staunen zu dir aufgeblickt
Und winde dir nun in dein Kranzgeflecht:
"Ich danke dir!" Das kommende Geschlecht.


            An Friedrich Rückert

Du warst im Leben Unterthan und Christ,
Und mehr als einmal auch ein Erzphilister,
Drum trauern, dass du schon gestorben bist,
Noch heute alle Unterrichtsminister.

Denn lebtest du noch, dich ernannten sie,
Ich schwör's bei allen abgehaunen Zöpfen,
Zum Mandarin der deutschen Poesie,
Zum Mandarin mit dreizehn Knöpfen!


             Unsre Zeit

Ja, unsre Zeit ist eine Dirne,
Die sich als "Mistress" produzirt,
Mit Simpelfransen vor der Stirne
Und schauderhaft decolletirt.

Sie raubt uns alle Illusionen,
Sie turnt Trapez und paukt Klavier
Und macht aus Fensterglas Kanonen
Und Kronjuwelen aus Papier!


                Ein "garstig" Lied!

Ein garstig Lied, pfui ein politisch Lied!
So schrieb einst der Geheimrath, Herr von Goethe,
Und wenn mein Grips nicht um die Ecke sieht,
Tanzt auch die Welt noch heut nach dieser Flöte.

Ich aber denke, heilige Dressur!
Und folgre daraus dieses Eine nur:
Dass Prügel für gewisse Kreise
Auch heut noch eine Lieblingsspeise!


              Einstweilen!

Die alte Welt ist ein altes Haus
Und furchtbar ungemüthlich,
Der Nordwind pustet die Lichter aus -
Ich wollte, wir lägen mehr südlich!

Ich wollte .... Puh Teufel, wie das zieht!
Der Hagel prallt an die Scheiben,
Drum singt nur einstweilen das tröstliche Lied:
Es kann ja nicht immer so bleiben!


                    Drei Dinge

Drei Dinge haben hier im Leben Macht:
Der Neid, die Hoffahrt und die Niedertracht;
Doch, wenn sie dich auch noch so schön bespucken,
Am Ende wirst du sie zu Boden ducken!

Verloren aber bist du auf der Welt,
Wenn sich die Dummheit dir entgegenstellt:
Sie setzt Spinoza hinter Löbel Pintus
Und hat die Weisheit aller Zeiten intus!

Sie lacht wie ein Kretin dir ins Gesicht
Und lästert alles, nur sich selber nicht;
Und nichts bleibt übrig dir vor diesem Viehchen
Als sacht dich in dich selber zu verkriechen!


       Nicht "antiker Form sich nähernd"

In München schneit's, und das Volk schreit nach Brod.
Gaslichtverbreitung.
Der Aetna raucht und Fürst Bismarck ist todt.
Nein, diese Zeitung!
Wozu durch alle diese Ritzen
Sein Blut ins Nichts vertropfen?
Gemüthlich hinterm Ofen sitzen
Und seine Pfeife stopfen!
Die Sonne scheint, und die Welt ist rund.
Grün wehn die Cypressen.
Ein Schnabus lässt sich trinken und
Ein Rollmops essen.


              Ultima ratio

Wozu sich an den Galgen baumeln,
Aus einem Nichts ins andre taumeln?

Ein jeder Pastor macht's dir klar:
Gott ist gewesen, eh er war.

Doch zeit- und ursachloses Sein
Begreift kein Mensch, versteht kein Schwein.

Drum schliesslich lehrt uns unser Idol:
Zeuge Kinder und baue Kohl!