Klopstock

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Inhalt

Biografie

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                                 Die Verwandlung

Als ich unter den Menschen noch war, da war ich ein Jüngling,
Weiblich und zart von Gefühl,
Ganz zur Empfindung der Liebe geschaffen. So zärtlich und fühlend
War kein Sterblicher mehr.
Also sah ich ein göttliches Mädchen; so zärtlich und fühlend
War keine Sterbliche mehr.
Aber ein unerbittliches Schicksal, ein eisernes Schicksal
Gab mir ein hartes Gesetz,
Ewig zu schweigen, und einsam zu weinen. So zärtlich und elend
War kein Sterblicher mehr.
Einst sah ich sie im Haine; da ging ich seitwärts und weinte
Seitwärts ins Einsame hin,
Tief in den dunkelsten Hain, der den bängsten Schmerzen geweiht war,
Und dem erbebenden Geist.
Ach, vergebens erschaffne - wenn jene, die die Natur dir
Gleich schuf, ewig dich flieht -
Ach, vergebens unsterbliche Seele! wenn ewig einsam
Dir die Unsterblichkeit ist.
Wenn du, da du die Seelen erschufst, zwo Seelen von vielen,
Mütterliche Natur,
Zärtlicher und sich ähnlich erschufst, und gleichwohl sie trenntest,
Sage, was dachtest du da,
Mütterliche Natur? Sonst immer weise, mir aber
Hier nicht weise genug,
Hier nicht zärtlich genug! nicht mehr die liebende Mutter,
Die du immer sonst warst!
Ach, wenn dich noch Tränen erweichten! und wenn ein vor Wehmut
Bang erbebendes Herz
Dich und dein eisernes Schicksal und seine Donner versöhnte,
Wenn du Mutter noch wärst!
Wenn, wie vormals, dein Ohr, zur Zeit des goldenen Alters,
Stammelnde Seufzer vernähm'!
Aber du bleibst unerbittlich und ernst. So sei es denn ewig!
Sei's! nicht mehr Mutter, Natur!
Warum hast du mich nicht, wie diesen Hain hier, erschaffen,
Ruhig und ohne Gefühl?
Warum nicht, wie den Sänger des Hains? Er fühlt sich vielleicht nicht,
Oder ist es Gefühl,
Was er tönet; sinds zärtliche Klagen, die seufzend sein Mund singt,
Ach, so wird er gehört!
Ach, so lieben ihn Sängerinnen! so donnert kein Schicksal
Sie zu trennen daher!
Ach, so fühlt er kein menschliches Elend! - Auf, laß  mich wie er sein!
Nicht mehr Mutter, Natur,
Schaffe zur Nachtigall mich! doch laß mir die menschliche Seele,
Diese Seele nicht mehr!
Also sagt, ich, und wurde verwandelt, doch blieb mir die Seele
Und mein zu fühlendes Herz;
Und, nicht glücklicher, klag' ich noch einsam, und weine die Nacht durch
Und den mir nächtlichen Tag.
Wenn der Morgen dahertaut, wenn glücklichern Vögeln und Menschen
Du, o Abendstern, winkst,
Geht, die ich lieb', im Haine daher; dann sing' ich ihr Klagen,
Aber sie höret mich nicht.
O so höre mich, Jupiter, dann, du, des hohen Olympus
Donnerer, höre du mich:
Schaffe zum Adler mich um, laß deinen Donner mich tragen,
Daß sein kriegrischer Schall
Hart und fühllos mich mache, daß in den hohen Gewittern
Zärtlich mein Herz nicht mehr bebt,
Daß ich die ehernen donnernden Wagen des Zeus nur erblicke,
Aber kein blühend Gesicht,
Und kein lächelndes Auge, das seelenvoll redt, und die Sprache
Der Unsterblichen spricht.-
Also sang er und wurde zum Adler, und an dem Olympus
Zog sich ein Wetter herauf.

 

                              An Bodmer

Der die Schickungen lenkt, heißet den frömmsten Wunsch,
Mancher Seligkeit goldnes Bild
Oft verwehen, und ruft da Labyrinth hervor,
Wo ein Sterblicher gehen will.
In die Fernen hinaus sieht, der Unendlichkeit
Uns unsichtbaren Schauplatz, Gott!
Ach, sie finden sich nicht, die füreinander doch,
Und zur Liebe geschaffen sind.
Jetzo trennet die Nacht fernerer Himmel sie,
Jetzo lange Jahrhunderte.
Niemals sah dich mein Blick, Sokrates Addison,
Niemals lehrte dein Mund mich selbst.
Niemals lächelte mir Singer, der Lebenden
Und der Toten Vereinerin.
Auch dich werd' ich nicht sehn, der du in jener Zeit,
Wenn ich lange gestorben bin,
Für das Herz mir gemacht, und mir der ähnlichste,
Nach mir einmal verlangen wirst,
Auch dich werd, ich nicht sehn, wie du dein Leben lebst,
Werd, ich einst nicht dein Genius.
Also ordnet es Gott, der in die Fernen sieht,
Tiefer hin ins Unendliche!
Oft erfüllet er auch, was sich das zitternde
Volle Herz nicht zu wünschen wagt.
Wie von Träumen erwacht, sehn wir dann unser Glück,
Sehns mit Augen, und glaubens kaum.
Also freuet' ich mich, da ich das erstemal
Bodmers Armen entgegenkam.

 

                       Der Zürchersee

Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht
Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht,
Das den großen Gedanken
Deiner Schöpfung noch einmal denkt.

Von des schimmernden Sees Traubengestaden her,
Oder, flohest du schon wieder zum Himmel auf,
Komm in rötendem Strahle
Auf dem Flügel der Abendluft,

Komm, und lehre mein Lied jugendlich heiter sein,
Süße Freude, wie du! gleich dem beseelteren
Schnellen Jauchzen des Jünglings,
Sanft, der fühlenden Fanny gleich.

Schon lag hinter uns weit Uto, an dessen Fuß
Zürch in ruhigem Tal freie Bewohner nährt;
Schon war manches Gebirge
Voll von Reben vorbeigeflohn.

Jetzt entwölkte sich fern silberner Alpen Höh,
Und der Jünglinge Herz schlug schon empfindender,
Schon verriet es beredter
Sich der schönen Begleiterin.

»Hallers Doris«, die sang, selber des Liedes wert,
Hirzels Daphne, den Kleist innig wie Gleimen liebt;
Und wir Jünglinge sangen
Und empfanden wie Hagedorn.

Jetzo nahm uns die Au in die beschattenden
Kühlen Arme des Walds, welcher die Insel krönt;
Da, da kamest du, Freude!
Volles Maßes auf uns herab!

Göttin Freude, du selbst! dich, wir empfanden dich!
Ja, du warest es selbst, Schwester der Menschlichkeit,
Deiner Unschuld Gespielin,
Die sich über uns ganz ergoß!

Süß ist, fröhlicher Lenz, deiner Begeistrung Hauch,
Wenn die Flur dich gebiert, wenn sich dein Odem sanft
In der Jünglinge Herzen,
Und die Herzen der Mädchen gießt.

Ach du machst das Gefühl siegend, es steigt durch dich
Jede blühende Brust schöner, und bebender,
Lauter redet der Liebe
Nun entzauberter Mund durch dich!

Lieblich winket der Wein, wenn er Empfindungen,
Beßre sanftere Lust, wenn er Gedanken winkt,
Im sokratischen Becher
Von der tauenden Ros' umkränzt;

Wenn er dringt bis ins Herz, und zu Entschließungen,
Die der Säufer verkennt, jeden Gedanken weckt,
Wenn er lehret verachten,
Was nicht würdig des Weisen ist.

Reizvoll klinget des Ruhms lockender Silberton
In das schlagende Herz, und die Unsterblichkeit
Ist ein großer Gedanke,
Ist des Schweißes der Edlen wert!

Durch der Lieder Gewalt, bei der Urenkelin
Sohn und Tochter noch sein; mit der Entzückung Ton
Oft beim Namen genennet,
Oft gerufen vom Grabe her,

Dann ihr sanfteres Herz bilden, und; Liebe, dich,
Fromme Tugend, dich auch gießen ins sanfte Herz,
Ist, beim Himmel! nicht wenig!
Ist des Schweißes der Edlen wert!

Aber süßer ist noch, schöner und reizender,
In dem Arme des Freunds wissen ein Freund zu sein!
So das Leben genießen,
Nicht unwürdig der Ewigkeit!

Treuer Zärtlichkeit voll, in den Umschattungen,
In den Lüften des Walds, und mit gesenktem Blick
Auf die silberne Welle,
Tat ich schweigend den frommen Wunsch:

Wäret ihr auch bei uns, die ihr mich ferne liebt,
In des Vaterlands Schoß einsam von mir verstreut,
Die in seligen Stunden
Meine suchende Seele fand;

O so bauten wir hier Hütten der Freundschaft uns!
Ewig wohnten wir hier, ewig! Der Schattenwald
Wandelt, uns sich in Tempe,
Jenes Tal in Elysium!

 

                 Friedrich der Fünfte

Welchen König der Gott über die Könige
Mit einweihendem Blick, als er geboren ward,
Sah vom hohen Olymp, dieser wird Menschenfreund
Sein, und Vater des Vaterlands!

Viel zu teuer durchs Blut blühender Jünglinge,
Und der Mutter und Braut nächtliche Trän' erkauft,
Lockt mit Silbergetön ihn die Unsterblichkeit
In das eiserne Feld umsonst!

Niemals weint, er am Bild eines Eroberers,
Seinesgleichen zu sein! Schon da sein menschlich Herz ,
Kaum zu fühlen begann, war der Eroberer
Für den Edleren viel zu klein!

Aber Tränen nach Ruhm, welcher erhabner ist,
Keines Höflings bedarf, Tränen geliebt zu sein
Vom glückseligen Volk, weckten den Jüngling oft
In der Stunde der Mitternacht;

Wenn der Säugling im Arm hoffender Mütter schlief,
Einst ein glücklicher Mann! wenn sich des Greises Blick
Sanft in Schlummer verlor, jetzo verjünget ward,
Noch den Vater des Volks zu sehn.

Lange sinnt er ihm nach, welch ein Gedank' es ist:
Gott nachahmen, und selbst Schöpfer des Glückes sein
Vieler tausend! Er hat eilend die Höh erreicht,
Und entschließt sich, wie Gott zu sein!

Wie das ernste Gericht furchtbar die Waage nimmt,
Und die Könige wägt, wenn sie gestorben sind,
Also wägt er sich selbst jede der Taten vor,
Die sein Leben bezeichnen soll!

Ist ein Christ! und belohnt redliche Taten erst!
Und dann schauet sein Blick lächelnd auf die herab,
Die der Muse sich weihn, welche, mit stiller Kraft
Handelnd, edler die Seele macht!

Winkt dem stummen Verdienst, das in der Ferne steht!
Durch sein Muster gereizt, lernt es Unsterblichkeit!
Denn er wandelt allein, ohne der Muse Lied,
Sichres Wegs zur Unsterblichkeit!

Die vom Sion herab Gott den Messias singt,
Fromme Sängerin, eil' itzt zu den Höhen hin,
Wo den Königen Lob, besseres Lob ertönt,
Die Nachahmer der Gottheit sind!

Fang den lyrischen Flug stolz mit dem Namen an,
Der oft, lauter getönt, dir um die Saite schwebt;
Singst du einst von dem Glück, welches die gute Tat
Auf dem freieren Throne lohnt!

Daniens Friederich ists, welcher mit Blumen dir
Jene Höhen bestreut, die du noch steigen mußt!
Er, der König und Christ, wählt dich zur Führerin,
Bald auf Golgatha Gott zu sehn.

 

                      Die tote Clarissa

Blume, du stehst verpflanzet, wo du blühest,
Wert, in dieser Beschattung nicht zu wachsen,
Wert, schnell wegzublühen, der Blumen Edens
Beßre Gespielin!

Lüfte, wie diese, so die Erd' umatmen,
Sind, die leiseren selbst, dir rauhe Weste.
Doch ein Sturmwind wird (o er kömmt! entflieh du,
Eh er daherrauscht,)

Grausam, indem du nun am hellsten glänzest,
Dich hinstürzen! allein, auch hingestürzet,
Wirst du schön sein, werden wir dich bewundern,
Aber durch Tränen!

Reizend noch stets, noch immer liebenswürdig,
Lag Clarissa, da sie uns weggeblüht war,
Und noch stille Röte die hingesunkne
Wange bedeckte.

Freudiger war entronnen ihre Seele,
War zu Seelen gekommen, welch, ihr glichen,
Schönen, ihr verwandten, geliebten Seelen,
Die sie empfingen,

Daß in dem Himmel sanft die liedervollen,
Frohen Hügel umher zugleich ertönten:
Ruhe dir, und Kronen des Siegs, o Seele,
Weil du so schön warst!

So triumphierten, die es würdig waren.
Komm, und laß wie ein Fest die Stund' uns, Cidli,
Da sie fliehend uns ihr erhabnes Bild ließ,
Einsamer feiren!

Sammle Zypressen, daß des Trauerlaubes
Kränz' ich winde, du dann auf diese Kränze
Mitgeweinte Tränen zur ernsten Feier
Schwesterlich weinest!

 

                               An Young

Stirb, prophetischer Greis, stirb! denn dein Palmenzweig
Sproßte lang schon empor; daß sie dir rinne, steht
Schon die freudige Träne
In dem Auge der Himmlischen.

Du verweilst noch? und hast hoch an die Wolken hin
Schon dein Denkmal gebaut! Denn die geheiligten
Ernsten, festlichen Nächte
Wacht der Freigeist mit dir, und fühlts,

Daß dein tiefer Gesang drohend des Weltgerichts
Prophezeiung ihm singt, fühlts, was die Weisheit will,
Wenn sie von der Posaune
Spricht, der Totenerweckerin.

Stirb! du hast mich gelehrt, daß mir der Name Tod
Wie der Jubel ertönt, den ein Gerechter singt;
Aber bleibe mein Lehrer,
Stirb, und werde mein Genius!

 

                      Der Verwandelte

Lang in Trauren vertieft, lernt, ich die Liebe, sie,
Die der Erde entfloh, aber auch wiederkehrt
Zu geheimerer Tugend,
Wie die erste der Liebenden

Voller Unschuld im Hauch duftender Lüfte kam.
Und mit jungem Gefühl an das Gestade trat,
Bald sich selbst mit den Rosen
Von dem Hang des Gestades sah.

Die erschien mir! O Schmerz, da sie erschienen war,
Warum trafest du mich mit dem gewaltigsten
Deiner zitternden Kummer,
Schwermutsvoller, wie Nächte sind?

Jahre trafst du mich schon! Endlich (das hofft' ich nicht)
Sinkt die traurige Nacht, ist nun nicht ewig mehr,
Und mir wachen mit Lächeln
Alle schlummernden Freuden auf!

Seid ihrs selber? und täuscht, täuschet mein Herz mich nicht?
Ach ihr seid es! die Ruh, dieses Gefühl, so sanft
Durch das Leben gegossen,
Fühlt ich, als ich noch glücklich war!

O wie staun' ich mich an, daß ich itzt wieder bin,
Der ich war! wie entzückt über die Wandlungen
Meines Schicksals, wie dankbar
Wallt mein freudiges Herz in mir!

Nichts Unedles, kein Stolz (ihm ist mein Herz zu  groß!),
Nicht betäubtes Gefühl; aber was ist es denn,
Das mich heitert? O Tugend,
Sanfte Tugend, belohnest du?

Doch bist du es allein? oder (o darf ichs auch
Mir vertrauen?) entschlüpft, Tugend, an deiner Hand
Nicht ein Mädchen der Unschuld
Deinen Höhn und erscheinet mir?

Sanft im Traume des Schlafs, sanfter im wachenden,
Daß ich, wenn sie vor mir eilend vorüberschlüpft,
Stamml', und schweig', und beginne:
Warum eilst du? ich liebe dich!

Ach, du kennst ja mein Herz, wie es geliebet hat!
Gleicht ein Herz ihm? Vielleicht gleichet dein Herz ihm nur!
Darum liebe mich, Cidli,
Denn ich lernte die Liebe dir!

Dich zu finden, ach dich, lernt, ich die Liebe, sie,
Die mein steigendes Herz himmlisch erweiterte,
Nun in süßeren Träumen
Mich in Edens Gefilde trägt!

 

                               An Cidli

Unerforschter, als sonst etwas den Forscher täuscht,
Ist ein Herz, das die Lieb' empfand,
Sie, die wirklicher Wert, nicht der vergängliche
Unsers dichtenden Traums gebar,
Jene trunkene Lust, wenn die erweinete,
Fast zu selige Stunde kommt,
Die dem Liebenden sagt, daß er geliebet wird!
Und zwo bessere Seelen nun
Ganz, das erstemal ganz, fühlen, wie sehr sie sind!
Und wie glücklich! wie ähnlich sich!
Ach, wie glücklich dadurch! Wer der Geliebten spricht
Diese Liebe mit Worten aus?
Wer mit Tränen? und wer mit dem verweilenden
Vollen Blick, und der Seele drin?
Selbst das Trauren ist süß, das sie verkündete,
Eh die selige Stunde kam!
Wenn dies Trauren umsonst eine verkündete;
O dann wählte die Seele falsch,
Und doch würdig! Das webt keiner der Denker auf,
Was vor Irren sie damals ging!
Selbst der kennt sie nicht ganz, welcher sie wandelte,
Und verspäht sich nur weniger.
Leise redets darin: Weil du es würdig warst,
Daß du liebtest, so lehrten wir
Dich die Liebe. Du kennst alle Verwandlungen
Ihres mächtigen Zauberstabs!
Ahm den Weisen nun nach: Handle! die Wissenschaft,
Sie nur, machte nie Glückliche!
Ich gehorche. Das Tal (Eden nur schattete,
Wie es schattet), der Lenz im Tal
Weilt dich! Lüfte, wie die, welche die Himmlischen
Sanft umatmen, umatmen dich!
Rosen knospen dir auf, daß sie mit süßem Duft
Dich umströmen! dort schlummerst du!
Wach, ich werfe sie dir leis in die Locken hin,
Wach vom Taue der Rosen auf.
Und (noch bebt mir mein Herz, lange daran verwöhnt),
Und o wache mir lächelnd auf!

 

                      Ihr Schlummer

Sie schläft. O gieß ihr, Schlummer, geflügeltes
Balsamisch Leben über ihr sanftes Herz!
Aus Edens ungetrübter Quelle
Schöpfe den lichten, kristallnen Tropfen!

Und laß ihn, wo der Wange die Röt' entfloh,
Dort duftig hintaun! Und du, o bessere,
Der Tugend und der Liebe Ruhe,
Grazie deines Olymps, bedecke

Mit deinem Fittig Cidli. Wie schlummert sie,
Wie stille! Schweig, o leisere Saite selbst!
Es welket dir dein Lorbeersprößling,
Wenn aus dem Schlummer du Cidli lispelst!

 

                  Furcht der Geliebten

Cidli, du weinest, und ich schlummre sicher,
Wo im Sande der Weg verzogen fortschleicht;
Auch wenn stille Nacht ihn umschattend decket,
Schlummr ich ihn sicher.

Wo er sich endet, wo ein Strom das Meer wird,
Gleit ich über den Strom, der sanfter aufschwillt;
Denn, der' mich begleitet, der Gott gebots ihm!
Weine nicht, Cidli.

 

          Gegenwart der Abwesenden

Der Liebe Schmerzen, nicht der erwartenden
Noch ungeliebten, die Schmerzen nicht,
Denn ich liebe, so liebte
Keiner! so werd ich geliebt!

Die sanftern Schmerzen, welche zum Wiedersehn
Hinblicken, welche zum Wiedersehn
Tief aufatmen, doch lispelt
Stammelnde Freude mit auf!

Die Schmerzen wollt ich singen. Ich hörte schon
Des Abschieds Tränen am Rosenbusch
Weinen! weinen der Tränen
Stimme die Saiten herab!

Doch schnell verbot ich meinem zu leisen Ohr
Zurück zu horchen! die Zähre schwieg,
Und schon waren die Saiten
Klage zu singen verstummt!

Denn ach, ich sah dich! trank die Vergessenheit
Der süßen Täuschung mit feurigem
Durste! Cidli, ich sahe
Dich, du Geliebte! dich selbst!

Wie standst du vor mir, Cidli, wie hing mein Herz
An deinem Herzen, Geliebtere,
Als die Liebenden lieben!
O die ich suchet', und fand!

 

                 Hermann und Thusnelda

»Ha, dort kömmt er mit Schweiß, mit Römerblute,
Mit dem Staube der Schlacht bedeckt! So schön war
Hermann niemals! So hats ihm
Nie von dem Auge geflammt!

Komm! ich bebe vor Lust, reich mir den Adler
Und das triefende Schwert! komm, atm' und ruh hier
Aus in meiner Umarmung,
Von der zu schrecklichen Schlacht.

Ruh hier, daß ich den Schweiß der Stirn abtrockne
Und der Wange das Blut! Wie glüht die Wange!
Hermann, Hermann, so hat dich
Niemals Thusnelda geliebt!

Selbst nicht, da du zuerst im Eichenschatten
Mit dem bräunlichen Arm mich wilder faßtest!
Fliehend blieb ich und sah dir
Schon die Unsterblichkeit an,

Die nun dein ist. Erzählts in allen Hainen,
Daß Augustus nun bang mit seinen Göttern
Nektar trinket, daß Hermann,
Hermann unsterblicher ist!«

»Warum lockst du mein Haar? Liegt nicht der stumme
Tote Vater vor uns? O, hätt' Augustus
Seine Heere geführt, er
Läge noch blutiger da!«

»Laß dein sinkendes Haar mich, Hermann, heben,
Daß es über dem Kranz in Locken drohe!
Siegmar ist bei den Göttern!
Folg du und wein ihm nicht nach!«

 

                          An Gleim

Der verkennet den Scherz, hat von den Grazien
Keine Miene belauscht, der es nicht fassen kann,
Daß der Liebling der Freude
Nur mit Sokrates Freunden lacht.

Du verkennest ihn nicht, wenn du dem Abendstern,
Nach den Pflichten des Tags, schnellere Flügel gibst,
Und dem Ernste der Weisheit
Deine Blumen entgegenstreust.

Laß den Lacher, o Gleim, lauter dein Lied entweihn!
Deine Freunde verstehns. Wenige kennest du;
Und manch lesbisches Mädchen
Straft des Liedes Entweihungen!

Lacht dem Jünglinge nicht, welcher den Flatterer
Zu buchstäblich erklärt! weiß es, wie schön sie ist!
Zürnt ihn weiser, und lehrt ihn,
Wie ihr Lächeln, dein Lied verstehn!

Nun versteht ers; sie mehr. Aber so schön sie ist,
So empört auch ihr Herz deinem Gesange schlägt:
O so kennt sie doch Gleimen,
Und sein feuriges Herz nicht ganz!

Seinen brennenden Durst, Freunden ein Freund zu sein!
Wie er auf das Verdienst des, den er liebet, stolz,
Edel stolz ist, vom halben,
Kalten Lobe beleidiget!

Liebend, Liebe gebeut! hier nur die zögernde
Sanfte Mäßigung haßt, oder, von Friederichs,
Wenn von Friederichs Preise
Ihm die trunknere Lippe trieft,

Ohne Wünsche nach Lohn; aber auch unbelohnt!
Sprich nur wider dich selbst edel, und ungerecht!
Dennoch beuget, o Gleim, dir
Ihren stolzeren Nacken nicht

Deutschlands Muse! In Flug eilend zum hohen Ziel,
Das mit heiligem Sproß Barden umschattete,
Hin zum höheren Ziele,
Das der Himmlischen Palm' umweht,

Sang die Zürnende mir; tönend entschlüpfete
Mir die Laute, da ich drohend die Priesterin,
Und mit fliegendem Haar sah,
Und entscheidendem Ernst! sie sang:

Lern des innersten Hains Ausspruch, und lehre den
Jeden Günstling der Kunst; oder ich nehme dir
Deine Laute, zerreiße
Ihre Nerven, und hasse dich!

Würdig war er, uns mehr, als dein beglücktester
Freiheitshasser, o Rom, Octavian zu sein!
Mehr als Ludewig, den uns
Sein Jahrhundert mit aufbewahrt.

So verkündigte ihn, als er noch Jüngling war,
Sein aufsteigender Geist! Noch, da der Lorbeer ihm
Schon vom Blute der Schlacht troff,
Und der Denker gepanzert ging,

Floß der dichtrische Quell Friedrich entgegen, ihm
Abzuwaschen die Schlacht! Aber er wandte sich,
Strömt, in Haine, wohin ihm
Heinrichs Sänger nicht folgen wird!

Sagts der Nachwelt nicht an, daß er nicht achtete,
Was er wert war, zu sein! Aber sie hört es doch:
Sagts ihr traurig, und fordert
Ihre Söhne zu Richtern auf!

 

           Das Rosenband

Im Frühlingsschatten fand ich sie;
Da band ich sie mit Rosenbändern
Sie fühlt' es nicht, und schlummerte.

Ich sah sie an; mein Leben hing
Mit diesem Blick an ihrem Leben:
Ich fühlt' es wohl, und wußt' es nicht.

Doch lispelt' ich ihr sprachlos zu,
Und rauschte mit den Rosenbändern:
Da wachte sie vom Schlummer auf

Sie sah mich an; ihr Leben hing
Mit diesem Blick an meinem Leben,
Und um uns ward's Elysium.

 

                      Der Rheinwein

O Du, der Traube Sohn, der im Golde blinkt,
Den Freund, sonst niemand, lad' in die Kühlung ein.
Wir drei sind unser wert, und jener
Deutscheren Zeit, da du, edler Alter,

Noch ungekeltert, aber schon feuriger
Dem Rheine zuhingst, der dich mit auferzog,
Und deiner heißen Berge Füße
Sorgsam mit grünlicher Woge kühlte.

Jetzt, da dein Rücken bald ein Jahrhundert trägt,
Verdienest du es, daß man den hohen Geist
In dir verstehen lern', und Catos
Ernstere Tugend von dir entglühe.

Der Schule Lehrer kennet des Tiers um ihn,
Kennt aller Pflanzen Seele. Der Dichter weiß
So viel nicht; aber seiner Rose
Weibliche Seele, des Weines stärkre,

Den jene kränzt, der flötenden Nachtigall
Erfindungsvolle Seele, die seinen Wein
Mit ihm besingt, die kennt er besser,
Als der Erweis, der von Folgen triefet.

Rheinwein, von ihnen hast du die edelste,
Und bist es würdig, daß du des Deutschen Geist
Nachahmst! bist glühend, nicht aufflammend,
Taumellos, stark, und von leichtem Schaum leer.

Du duftest Balsam, wie mit der Abendluft
Der Würze Blume von dem Gestade dampft,
Daß selbst der Krämer die Gerüche
Atmender trinkt, und nur gleitend fortschifft.

Freund, laß die Hall, uns schließen; der Lebensduft
Verströmet sonst, und etwa ein kluger Mann
Möcht, uns besuchen, breit sich setzen,
Und von der Weisheit wohl gar mit sprechen.

Nun sind wir sicher. Engere Wissenschaft,
Den hellen Einfall, lehr uns des Alten Geist!
Die Sorgen soll er nicht vertreiben!
Hast du geweinte, geliebte Sorgen,

Laß mich mit dir sie sorgen. Ich weine mit,
Wenn dir ein Freund starb. Nenn ihn. So starb er mir!
Das sprach er noch! nun kam das letzte,
Letzte Verstummen ! nun lag er tot da!

Von allem Kummer, welcher des Sterblichen
Kurzsichtig Leben nervenlos niederwirft,
Wärst du, des Freundes Tod! der trübste;
Wär sie nicht auch, die Geliebte, sterblich!

Doch wenn dich, Jüngling, andere Sorg' entflammt,
Und dirs zu heiß wird, daß du der Barden Gang
Im Haine noch nicht gingst, dein Name
Noch unerhöht mit der großen Flut fleußt;

So red'! In Weisheit wandelt sich Ehrbegier,
Wählt jene. Torheit ist es, ein kleines Ziel
Das würdigen, zum Ziel zu machen,
Nach der unsterblichen Schelle laufen!

Noch viel Verdienst ist übrig. Auf, hab es nur;
Die Welt wirds kennen. Aber das edelste
Ist Tugend! Meisterwerke werden
Sicher unsterblich; die Tugend selten!

Allein sie soll auch Lohn der Unsterblichkeit
Entbehren können. Atme nun auf, und trink.
Wir reden viel noch, eh des Aufgangs
Kühlungen wehen, von großen Männern.

 

                     Die Genesung

Genesung, Tochter der Schöpfung auch,
Aber auch du der Unsterblichkeit nicht geboren,
Dich hat mir der Herr des Lebens und des Todes
Von dem Himmel gesandt!

Hätt' ich deinen sanften Gang nicht vernommen,
Nicht deiner Lispel Stimme gehört;
So hätt' auf des Liegenden kalten Stirn
Gestanden mit dem eisernen Fuße der Tod!

Zwar wär ich auch dahin gewallet,
Wo Erden wandeln um Sonnen,
Hätte die Bahn betreten, auf der der beschweifte Komet
Sich selbst dem doppelten Auge verliert;

Hätte mit dem ersten entzückenden Gruße
Die Bewohner gegrüßt der Erden und der Sonnen,
Gegrüßt des hohen Kometen
Zahllose Bevölkerung;

Kühne Jünglingsfragen gefragt,
Antworten volles Maßes bekommen,
Mehr in Stunden gelernt, als der Jahrhunderte
Lange Reihen hier enträtseln.

Aber ich hätt' auch hier das nicht vollendet,
Was schon in den Blütenjahren des Lebens
Mit lauter süßer Stimme
Mein Beruf zu beginnen mir rief.

Genesung, Tochter der Schöpfung auch,
Aber auch du der Unsterblichkeit nicht geboren,
Dich hat mir der Herr des Lebens und des Todes
Von dem Himmel gesandt!

 

    Die Allgegenwart Gottes

Als du mit dem Tode gerungen,
Mit dem Tode!
Heftiger gebetet hattest!
Als dein Schweiß und dein Blut
Auf die Erde geronnen war;
In der ernsten Stunde
Tatest du jene große Wahrheit kund,
Die Wahrheit sein wird,
Solange die Hülle der ewigen Seele
Staub ist!
Du standest, und sprachst
Zu den Schlafenden:
Willig ist eure Seele;
Allein das Fleisch ist schwach!

Dieser Endlichkeit Los,
Diese Schwere der Erde,
Fühlt auch meine Seele,
Wenn sie zu Gott, zu Gott!
Zu dem Unendlichen!
Sich erheben will!

Anbetend, Vater, sink ich in Staub, und fleh!
Vernimm mein Flehn, die Stimme des Endlichen!
Mit Feuer taufe meine Seele,
Daß sie zu dir sich, zu dir, erhebe!

Allgegenwärtig, Vater, umgibst du mich! --
Steh hier, Betrachtung, still, und forsche
Diesem Gedanken der Wonne nach!
Was wird das Anschaun sein,
Wenn der Gedank an dich,
Allgegenwärtiger!
Schon so viel Kräfte jener Welt hat!
Was wird es sein dein Anschaun,
Unendlicher! Unendlicher!

Das sah kein Auge,
Das hörte kein Ohr,
Das kam in keines Herz;
Wie sehr es auch rang,
Wie es nach Gott auch, nach Gott!
Nach dem Unendlichen dürstete,
Kams doch in keines Menschen Herz:
Was Gott bereitet hat
Denen, die ihn lieben!

Wenige nur, ach, wenige sind,
Deren Aug in der Schöpfung
Den, der geschaffen hat, sieht!
Wenige, deren Ohr
In dem mächtigen Rauschen des Sturmwinds,
Im Donner, der rollt,
Oder im lispelnden Bache,
Den Unerschaffnen hört!
Wenige Herzen erfüllt
Mit Ehrfurcht und Schauer
Gottes Allgegenwart!

Laß mich, im Heiligtume,
Dich, Allgegenwärtiger!
Stets suchen, und finden!
Und wenn er mir entflieht,
Dieser himmlische Gedanke,
Laß mich ihn tiefanbetend
Aus den Chören der Seraphim
Ihn mit lauten Tränen der Freude
Herunterrufen,
Damit ich, dich zu schaun,
Mich bereite, mich weihe,
Dich zu schaun!
Im Allerheiligsten!

Ich hebe mein Aug auf, und sehe,
Und siehe der Herr ist überall!
Erd, aus deren Staube
Der erste der Menschen geschaffen ward,
Auf der ich mein erstes Leben lebe!
In der ich verwesen,
Aus der ich auferstehn werde!
Gott, Gott würdigt auch dich,
Dir gegenwärtig zu sein!

Mit heiligem Schauer
Brech ich die Blum ab!
Gott machte sie!
Gott ist, wo die Blum ist!

Mit heiligem Schauer
Fühl ich das Wehn,
Hier ist das Rauschen der Lüfte!
Es hieß sie wehen, und rauschen,
Der Ewige!
Wo sie wehen, und rauschen,
Ist der Ewige!

Freu dich deines Todes, o Leib!
Wo du verwesen wirst,
Wird der Ewige sein!

Freu dich deines Todes, o Leib!
In den Tiefen der Schöpfung,
In den Höhen der Schöpfung,
Werden deine Trümmern verwehn!
Auch dort, Verwester, Verstäubter,
Wird er sein, der Ewige!

Die Höhen werden sich bücken!
Die Tiefen sich bücken!
Wenn der Allgegenwärtige nun
Wieder aus Staube
Unsterbliche schafft!

Halleluja dem Schaffenden!
Dem Tötenden Halleluja!
Halleluja dem Schaffenden!

Ich hebe mein Aug auf, und sehe!
Und siehe, der Herr ist überall!
Euch, Sonnen, euch, Erden, euch, Monde der Erden,
Erfüllet, rings um mich,
Seine göttliche Gegenwart! --

Geheimnisvolle Nacht der Welten,
Wie wir im dunkeln Worte schaun
Den, der ewig ist!
So schauen wir in dir, o Nacht der Welten,
Den, der ewig ist!

Hier steh ich Erde!
Was ist mein Leib
Gegen diese selbst den Engeln
Unzählbare Welten!
Was sind diese selbst den Engeln
Unzählbare Welten
Gegen meine Seele!

Ihr, der Unsterblichen, ihr, der Erlösten
Bist du näher als den Welten;
Denn sie denken, sie fühlen
Deine Gegenwart nicht!

Mit stillem Ernste dank ich dir,
Wenn ich sie denke!
Mit Freudentränen, mit namloser Wonne
Dank ich, o Vater, dir,
Wenn ich sie fühle!

Augenblicke deiner Erbarmungen
O Vater, sinds;
Wenn du das himmelvolle Gefühl
Deiner Allgegenwart
In meine Seele strahlst!

Ein solcher Augenblick
Ist ein Jahrhundert
Voll Seligkeit! --

Meine Seele dürstet
Wie nach der Auferstehung
Verdorrtes Gebein!

So dürstet meine Seele
Nach diesen Augenblicken
Deiner Erbarmungen!

Ich lieg, ich liege vor dir
Auf meinem Angesichte!
O läg ich, Vater, noch tiefer vor dir
Gebückt im Staube
Der untersten der Welten!

Du denkst, du empfindest,
O die du sein wirst!
Die du höher denken,
Und seliger empfinden,
Die du anschaun wirst!
Durch wen, o meine Seele?
Durch den, der war! und der ist! und der sein wird!

Du, den Worte nicht nennen,
Deine noch ungeschaute Gegenwart
Erleucht und erhebe
Jeden meiner Gedanken,
Leit ihn, Unerschaffner, zu dir!
Entflamm, und beflügle
Jede meiner Empfindungen,
Leite sie, Unerschaffner, zu dir!

Wer bin ich, o Erster!
Und wer bist du! -
Wer bist du? -

Stärke, kräftige, gründe mich,
Daß ich dein sei,
Auf ewig dein sei!

Ohn ihn, der sich für mich geopfert hat,
Könnt ich nicht dein sein!
Ohn ihn wär deine Gegenwart
Feuereifer und Rache mir!

Erd und Himmel vergehen;
Deine Verheißungen, Göttlicher, nicht!
Von dem ersten Gefallnen an,
Bis zu dem letzten Erlösten,
Den die Posaune der Auferstehung
Verwandeln wird,
Bist du bei den Deinen gewesen,
Wirst du bei den Deinen sein!

In die Wunden deiner Hände
Legt ich meine Finger nicht!
In die Wunde deiner Seite
Legt ich meine Hand nicht!
Aber du bist mein Herr! und mein Gott!

Mit Gnade sei mir gegenwärtig,
Mit Gnade! mit Gnade!

Es sind Worte des ewigen Lebens,
Die du betetest,
Eh du in Gethsemane
Ins Gericht gingst!

Hallet, Himmel, sie!
Stamml', o Erde, sie nach!

Laß alle sie eins sein!
Wie du, Vater, in mir bist,
Wie ich in dir bin!

So laß alle sie eins in uns sein!
Ich in ihnen!
Und du in mir!
Daß sie zu einer Vollkommenheit
Vollendet werden!

Hallt die Worte des ewigen Lebens, ihr Himmel!
Stamml', o Erde, sie nach!

Der für mich mit dem Tode rang!
Den Gott für mich verließ!
Der nicht erlag,
Als ihn der Ewige verließ,
Der ist in mir!

Gedanke meines tiefsten Erstaunens,
Ich bebe vor dir!
Da die Winde gewaltiger wehten,
Die höhere Wog' auf ihn strömte,
Sank Kephas!
Ich sinke!
Hilf mir, mein Herr! und mein Gott!

 

         Das Landleben

Nicht in den Ozean
Der Welten alle
Will ich mich stürzen!
Nicht schweben, wo die ersten Erschaffnen,
Wo die Jubelchöre der Söhne des Lichts
Anbeten tief anbeten,
Und in Entzückung vergehn!

Nur um den Tropfen am Eimer,
Um die Erde nur, will ich schweben,
Und anbeten!

Halleluja! Halleluja!
Auch der Tropfen am Eimer
Rann aus der Hand des Allmächtigen!

Da aus der Hand des Allmächtigen
Die größern Erden quollen,
Da die Ströme des Lichts
Rauschten, und Orionen wurden;
Da rann der Tropfen
Aus der Hand des Allmächtigen!

Wer sind die tausendmal tausend,
Die myriadenmal hundert tausend,
Die den Tropfen bewohnen?
Und bewohnen?
Wer bin ich?

Halleluja dem Schaffenden!
Mehr als die Erden, die quollen!
Mehr als die Orionen,
Die aus Strahlen zusammenströmten!

Aber, du Frühlingswürmchen,
Das grünlichgolden
Neben mir spielt,
Du lebst;
Und bist, vielleicht- -
Ach, nicht unsterblich!

Ich bin herausgegangen,
Anzubeten;
Und ich weine?

Vergib, vergib dem Endlichen
Auch diese Tränen,
O du, der sein wird!

Du wirst sie alle mir enthüllen,
Die Zweifel, alle,
O du, der mich durchs dunkle Tal
Des Todes führen wird!

Dann werd ich es wissen:
Ob das goldne Würmchen
Eine Seele hatte?

Wärest du nur gebildeter Staub,
Würmchen, so werde denn
Wieder verfliegender Staub,
Oder was sonst der Ewige will!

Ergeuß von neuem, du mein Auge,
Freudentränen!
Du, meine Harfe,
Preise den Herrn!

Umwunden, wieder von Palmen umwunden
Ist meine Harfe!
Ich singe dem Herrn!

Hier steh ich.
Rund um mich ist alles Allmacht!
Ist alles Wunder!

Mit tiefer Ehrfurcht,
Schau ich die Schöpfung an!
Denn du!
Namenlosester, du!
Erschufst sie!

Lüfte, die um mich wehn,
Und süße Kühlung
Auf mein glühendes Angesicht gießen,
Euch, wunderbare Lüfte,
Sendet der Herr! Der Unendliche!

Aber itzt werden sie still; kaum atmen sie!
Die Morgensonne wird schwül!
Wolken strömen herauf!
Das ist sichtbar der Ewige,
Der kömmt!
Nun fliegen, und wirbeln, und rauschen die Winde!
Wie beugt sich der bebende Wald!

Wie hebt sich der Strom!
Sichtbar, wie du es Sterblichen sein kannst,
Ja, das bist du sichtbar, Unendlicher!

Der Wald neigt sich!
Der Strom flieht!
Und ich falle nicht auf mein Angesicht?

Herr! Herr ! Gott! barmherzig! und gnädig!
Du Naher!
Erbarme dich meiner!
Zürnest, du, Herr, weil Nacht dein Gewand ist?
Diese Nacht ist Segen der Erde!
Du zürnest nicht, Vater!
Sie kömmt, Erfrischung auszuschütten
Über den stärkenden Halm!
Über die herzerfreuende Traube!
Vater! du zürnest nicht!

Alles ist stille vor dir, du Naher!
Ringsum ist alles stille!
Auch das goldne Würmchen merkt auf!
Ist es vielleicht nicht seelenlos?
Ist es unsterblich?

Ach vermöcht ich dich, Herr, wie ich dürste, zu  preisen!
Immer herrlicher offenbarst du dich!
Immer dunkler wird, Herr, die Nacht um dich!
Und voller von Segen!

Seht ihr den Zeugen des Nahen, den zückenden Blitz?
Hört ihr den Donner Jehovah?
Hört ihr ihn?
Hört ihr ihn?
Den erschütternden Donner des Herrn?

Herr! Herr! Gott! barmherzig und gnädig!
Angebetet, gepriesen
Sei dein herrlicher Name!

Und die Gewitterwinde? Sie tragen den Donner!
Wie sie rauschen! Wie sie die Wälder durchrauschen!
Und nun schweigen sie! Majestätischer
Wandeln die Wolken herauf!

Seht ihr den neuen Zeugen des Nahen,
Seht ihr den fliegenden Blitz?
Hört ihr hoch in den Wolken den Donner des Herrn?
Er ruft Jehovah!
Jehovah!
Jehovah!
Und der gesplitterte Wald dampft!

Aber nicht unsre Hütte!
Unser Vater gebot
Seinem Verderber
Vor unsrer Hütte vorüberzugehn!

Ach schon rauschet, schon rauschet
Himmel und Erde vom gnädigen Regen!
Nun ist, wie dürstete sie! die Erd erquickt,
Und der Himmel der Fülle des Segens entladen!

Siehe, nun kömmt Jehovah nicht mehr im Wetter!
Im stillen, sanften Säuseln
Kömmt Jehovah!
Und unter ihm neigt sich der Bogen des Friedens.