Klopstock

Seite 3

Inhalt

Biografie

                     An Freund und Feind

Weiter hinab wallet mein Fuß, und der Stab wird
Mir nicht allein von dem Staube, den der Weg stäubt,
Wird dem Wanderer auch von Asche
Näherer Toter bewölkt.

Schön wird mein Blick dort es gewahr. O der Aussicht
Drüben! da strahlts von dem Frühling, der uns ewig
Blüht, und duftet, und weht. O Pfad, wo
Staub nicht, und Asche bewölkt.

Aber sondern muß ich mich, trennen mich, muß von den Freunden
Scheiden! Du bist ein tiefer bitterer Kelch!
Ach tränk ich dich nicht bei Tropfen!
Leert ich mit einem Zuge dich aus,

Ungestüm aus! wie, wer Durst lechzt,
Schnell sich erkühlt, sich erlabet an dem Labsal!
Weg vom Kelche, Gesang! Tiefsinnig
Hatt' ich geforscht,

Zweifelnd versenkt, ernster durchdacht: (o es galt da
Täuschung nicht mit, und kein Wahn mit) Was ihn mache,
Der, zu leben! entstand, zu sterben!
Glücklich den? Ich war es, und bins!

Viel Blumen blühn in diesem heiligen Kranz. Unsterblichkeit
Ist der Blumen eine. Der Weise durchschaut
Ihrer Wirkung Kreis. Sie scheint der Könige Los;
Allein die werden in der Geschichte zu Mumien!

Geburtsrecht zu der Unsterblichkeit
Ist Unrecht bei der Nachwelt. Sobald einst die Geschichte,
Was ihr obliegt, tut: so begräbt sie durch Schweigen, und stellt
Die Könige dann selbst nicht mehr als Mumien auf.

Sie sind nach dem Tode, was wir sind.
Bleibt ihr Name; so rettet ihn nur Verdienst,
Nicht die Krone: denn sie
Sank mit dem Haupte der Sterbenden.

Voll Durstes war die heiße Seele des Jünglings
Nach der Unsterblichkeit!
Ich wacht, und ich träumte
Von der kühnen Fahrt auf der Zukunft Ozean!

Dank dir noch einmal, mein früher Geleiter, daß du mir,
Wie furchtbar es dort sei, mein Genius, zeigtest.
Wie wies dein goldener Stab! Hochmastige, vollbesegelte Dichterwerke,
Und dennoch gesunkene schreckten mich!

Weit hinab an dem brausenden Gestade
Lags von der Scheiter umher.
Sie hatten sich hinaus auf die Woge gewagt, in den Sturm gewagt;
Und waren untergegangen!

Bis zu der Schwermut wurd ich ernst, vertiefte mich
In den Zweck, in des Helden Würd', in den Grundton,
Den Verhalt, den Gang, strebte, geführt von der Seelenkunde
Zu ergründen: Was des Gedichts Schönheit sei?

Flog, und schwebt umher unter des Vaterlands Denkmalen,
Suchte den Helden, fand ihn nicht; bis ich zuletzt
Müd hinsank; dann wie aus Schlummer geweckt, auf einmal
Rings um mich her wie mit Donnerflammen es strahlen sah!

Welch Anschaun war es! Denn Ihn, den als Christ, ich liebte,
Sah ich mit einem schnellen begeisterten Blick,
Als Dichter, und empfand: Es liebe mit Innigkeit
Auch der Dichter den Göttlichen!

Erstaunt über seine so späte Wahl, dacht ich nur Ihn!
Vergaß selbst der gedürsteten Unsterblichkeit,
Oder sahe mit Ruh das betrümmerte Gestade,
Die Wog', und den Sturm!

Strenges Gesetz grub ich mir ein in Erzt: Erst müsse das Herz
Herrscher der Bilder sein; beginnen dürf' ich erst,
Wäre das dritte Zehent des Lebens entflohn:
Aber ich hielt es nicht aus, übertrat, und begann!

Die Erhebung der Sprache,
Ihr gewählterer Schall,
Bewegterer, edlerer Gang,
Darstellung, die innerste Kraft der Dichtkunst

Und sie, und sie, die Religion,
Heilig sie, und erhaben,
Furchtbar, und lieblich, und groß, und hehr,
Von Gott gesandt,

Haben mein Mal errichtet. Nun stehet es da,
Und spottet der Zeit, und spottet
Ewig gewähnter Male,
Welche schon jetzt dem Auge, das sieht, Trümmern sind.

 

                         Mein Wissen

Wenig ist nur des Wahren, das mir zu ergründen
Glückte; doch ist mir es teuer, wie ein Kleinod,
Durch vieljährigen Schweiß errungen,
Oder erkämpfet mit Blut!

Ist mir ein Trunk im Kühlen geschöpft aus der Quelle;
Einer, der alt von der Kelter, im Kristall blinkt;
Frühlingssäuseln am Baum, der anblüht;
Wehen des fallenden Stroms;

Liebliche Ruh, stäubt endlich der Fuß in des Weges
Krümme nicht mehr: wie durchglühte von dem lichten
Himmel sinkend der Strahl! wie fern lag
Lange die türmende Stadt!

Labt, wie ein Buch' worin es im Geist der verkannten
Griechen sich regt, von sich selber, die Gestalten
Nicht nachahmend, die auch ursprünglich,
Lächelnd auf Ähnlichung sehn;

Heitert mich auf, wie lebender Tanz, den der Jüngling
Schleunig begann, und sein Mädchen, da die Flöte
Wo im Schatten erscholl, der Spieler
Gern zu den Liebenden kam:

Freundesgespräch, das ist es mir auch, wenn in Freud' und
Leide das Herz nun dahinströmt! O geöffnet
Wird es dann, wie vor Gott, dann rinnen
Beiderlei Tränen herab!

 

                  Die Sprache

          An Carl Friedrich Cramer

Des Gedankens Zwilling, das Wort scheint Hall nur,
Der in die Luft hinfließt: heiliges Band
Des Sterblichen ist es, erhebt
Die Vernunft ihm, und das Herz ihm!

Und er weiß es; denn er erfand, durch Zeichen
Fest, wie den Fels, hinzuzaubern den Hall!
Da ruht er; doch kaum, daß der Blick
Sich ihm senket, so erwacht er.

Es erreicht die Farbe dich nicht, des Marmors
Feilbare Last, Göttin Sprache, dich nicht!
Nur weniges bilden sie uns:
Und es zeigt sich uns auf einmal.

Dem Erfinder, welcher durch dich des Hörers
Seele bewegt, tat die Schöpfung sich auf!
Wie Düften entschwebt, was er sagt,
Mit dem Reize der Erwartung,

Mit der Menschenstimme Gewalt, mit ihrem
Höheren Reiz, höchsten, wenn sie Gesang
Hinströmet, und inniger so
In die Seele sich ergießet.

Doch, Erfinder, täusche dich nicht! Für dich nur
Ist es gedacht, was zum Laute nicht wird,
Für dich nur; wie tief auch, wie hell,
Wie begeisternd du es dachtest.

Die Gespielen sind ihr zu lieb der Sprache;
Trenne sie nicht! Enge Fessel, geringt
An lemnischer Esse, vereint
Ihr den Wohlklang, und den Verstanz.

Harmonie zu sondern, die so einstimmet,
Meidet, wer weiß, welcher Zweck sie verband:
Die Trennungen zwingen zu viel
Des Gedachten zu verstummen.

Von dem Ausland, Deutsche, das Tanz des Liedes
Klagend entbehrt, lernet ganz, was es ist,
Dem viele von euch, wie Athen
Ihm auch horchte, noch so taub sind.

Und es schwebt doch kühn, und gewiß Teutona
Wendungen hin, die Hellenis sogar
Nicht alle, mit stolzem Gefühl
Des Gelingens sich erköre.

Den Gespielen lasset, und ihr, der Göttin,
Blumen uns streun: Himmelschlüsseln dem Klang,
Dem Tanz Hyazinthen, und ihr
Von den Rosen, die bemoost sind.

Sie entglühen lieblicher, als der Schwestern
Blühendster Busch, duften süßern Geruch;
Auch schmückt sie ihr moosig Gewand,
Und durchräuchert ihr Gedüfte.

 

                           Ästhetiker

Bürdet ihr nicht Satzungen auf dem geweihten
Dichter? erhebt zu Gesetz sie? und dem Künstler
Ward doch selbst kein Gesetz gegeben,
Wie's dem Gerechten nicht ward.

Lernt: Die Natur schrieb in das Herz sein Gesetz ihm!
Toren, er kennts, und sich selbst streng, ist er Täter;
Kommt zum Gipfel, wo ihr im Antritt,
Gehet ihr einmal, schon sinkt.

Regelt ihr gar lyrischen Flug: o so trefft ihr
's Aug in den Stern dem Gesange der Alzäe,
Trefft, je schöner es blickt, je stärker
Ihr's mit der passenden Faust.

Ist auch ein Lied, würdig Apolls, der Achäer
Trümmern entflohn, der Quiriten, ein Melema,
Oder Eidos, nur eins der Chöre
Sophokles, dem ihr nicht trefft?

 

                    Die Vortrefflichkeit

Nun von ihr denn sogar gellt der zerplauderte
Mund des entscheidenden Manns!
Keiner schweigt ihn: und doch sieht er den Schatten nicht
Von der Unsterblichen, hat
Selbst nicht Träume von ihm, diese verirrtesten
Aller Gedanken, die sind.
Flöh der betäubende doch endlich zum Sessel, wo
Geist gelehrt wird, auf ihn
Lehrlinge harren, dann stumm seiner Beredsamkeit
Horchen, und durstiges Ohrs.
O wie glüheten wir, sie, die sich jetzt entwölkt,
Jene Zinne zu sehn!
Denn dort ist es, o dort, wo sich der Tempel wölbt,
Sich die Göttin uns zeigt.
Eilt, er keuchet uns nach, auf! den gewundnen Pfad,
Welcher steiler empor
Mit dem Felsen sich hebt, daß des Beäugenden
Blicke wir endlich entfliehn!
Sehet, der lebende Quell, so zur Betrachtung stärkt;
Dran der Schweigenden Blatt.
Schweigen freuet, entflammt, reizet der Schwierigkeit
Kühn entgegenzugehn.
Unten dorrte dies Laub, sänke; hier oben grünts,
Festigt den stolzen Entschluß!
Unten ist Sage nur noch, fabelt es um: man nimmt
Dort kein Blatt vor den Mund.
Auf! schon tönet ihr Schritt, naht die Vortrefflichkeit
In der Halle! Musik
Ist der Kommenden Gang, jede der Wendungen,
Welche sie schwebt, Harmonie!
Jene Blum' in dem Kranz bracht' ihr Mäonides;
Und sie nahm sie von ihm:
Jene Leibniz; (gewelkt lag es um sie herum)
Und sie nahm sie von ihm.
Freude! nun wendet sie sich gegen uns, steht, und gönnt
Sich der Liebenden Blick,
Sich der Betrachtung! Auch ruhn ihre begeisterten
Ideale vom Tanz.
»Unser Auge war licht, sah zu der Göttin auf!
Wenig Weile, da war
Sie verschwunden. Uns blieb, als sie verschwunden war,
Unvergeßlich ihr Bild,
Höherer Schöne Gefühl, Durst ihr zu ähnlichen,
Und ach Schwermut zurück!«

 

                                                  Das Gehör

                                    An Hegewisch, den Blinden

Es tagt nicht! Kein Laut schallt! Wer entschlöß sich schnell hier? wen erschreckte nicht
Das Graunvolle der Wahl?
Doch sie sei dein Schicksal; du erkörst doch Blindheit? Des Gehörs Verlust
Vereinsamt, und du lebst
Mit den Menschen nicht mehr. Wenn du also kein Gott bist: so wählst du recht,
Willst blind sein, und entfliehst
Den nur Sterblichen nicht. »Sehr ernst ist der Gedanke von dieser Wahl,
Versenkt tief mich in Schmerz,
In zu trübes Gefühl! Doch was Wahl? Es umringt schon den Ahndenden,
Schon wehdroht mir die Nacht!«
Das Licht schwand: doch entbehrst du das freundliche Wort des Geliebten nicht;
Nicht Stromfall, noch den Schlag
Der geflüchteten Wolke, die donnernd sich wälzt, dass die Hütte bebt,
(Ein Graun Zagenden nur)
Und lautwirbelnd Sturmwind, an Felsklüften herbrausen! nicht Waldgeräusch
Von Mailuft, die dich labt;
Noch das frohe Gesing am verhohlnen Nestbau; nicht den süßen Reiz
Der Tonkunst; und gewann
Die Dichtkunst dein Herz auch, nicht den Reihen, in  welchem sie schwebt, nachdem
Der Inhalt ihr gebeut:
Entbehrst nicht die Bezaubrung, wenn beide, darreichend die Schwesterhand,
Durch Eintracht sich erhöhn,
Und gelehriges Ohres, entzückt, die Drommet' und das Horn vernimmt
Der Nachhall im Gebirg.
Wer taub dann ihn gewahrt in der Freude, den Blinden, der trübt den Blick
Vor Mitleid mit sich selbst.
Und du möchtest das Wundergebäude, worin die geregte Luft Zum Laut wird, den du liebst,
Wie gesunken dir denken, zerstöret, daß nun sich ihr Wallen dir
Umsonst naht, und wie stumm
Dir zerfließt; ah zerstört Gehörgang, die erklingende Grotte, drin
Den Amboß, und von ihr
Zu dem Munde den Weg, und an ihrem Gewölbe die Fäserchen,
Sie Aufhalt des Getöns,
Daß es sanft sich verliere; die feineren Saiten, sie sind gestimmt
Dem Anwehn, das sie rührt;
(Wie Windemen nicht allen gestimmt) den Vorsaal, wo es netzend rinnt,
Emporwallt, wie der Quell;
Die gebogenen Röhren, der Schnecke Gewinde, die Scheidewand,
Das ganze Labyrinth?

 

                      Der Frohsinn

Voller Gefühl des Jünglings, weil ich Tage
Auf dem Roß, und dem Stahl, ich seh des Lenzes
Grüne Bäume froh dann, und froh des Winters
Dürre beblütet.

Und der geflohnen Sonnen, die ich sahe,
Sind so wenig doch nicht, und auf dem Scheitel
Blühet mir es winterlich schon, auch ist es
Hier und da öde.

Wenn ich dies frische Leben regsam atme;
Hör ich dich denn auch wohl, mit Geistes Ohre,
Dich dein Tröpfchen leises Geräusches träufeln,
Weinende Weide.

Nicht die Zypresse, denn nur traurig ist sie;
Du bist traurig und schön, du ihre Schwester,
O es pflanze dich an das Grab der Freund mir,
Weide der Tränen!

Jünglinge schlummern hin, und Greise bleiben
Wach. Es schleichet der Tod nun hier, nun dort hin,
Hebt die Sichel, eilt, daß er schneide, wartet
Oft nicht der Ähre.

Weiß auch der Mensch, wenn ihm des Todes Ruf schallt?
Seine Antwort darauf? Wer dann mich klagen
Hört, verzeih dem Toren sein Ach; denn glücklich
War ich durch Frohsinn!

 

                 Die Etats generaux

Der kühne Reichstag Galliens dämmert schon,
Die Morgenschauer dringen den Wartenden
Durch Mark und Bein: o komm, du neue,
Labende, selbst nicht geträumte Sonne!

Gesegnet sei mir du, das mein Haupt bedeckt,
Mein graues Haar, die Kraft, die nach sechzigen
Fortdauert; denn sie wars, so weit hin
Brachte sie mich, daß ich dies erlebte!

Verzeiht, o Franken (Name der Brüder ist
Der edle Name), daß ich den Deutschen einst
Zurufte, das zu fliehn, warum ich
Ihnen itzt flehe, euch nachzuahmen.

Die größte Handlung dieses Jahrhunderts sei,
So dacht, ich sonst, wie Herkules Friederich
Die Keule führte, von Europas
Herrschern bekämpft, und den Herrscherinnen!

So denk ich jetzt nicht. Gallien krönet sich
Mit einem Bürgerkranze, wie keiner war!
Der glänzet heller, und verdient es!
Schöner, als Lorbeer, die Blut entschimmert.

 

                          Kennet euch selbst

Frankreich schuf sich frei. Des Jahrhunderts edelste Tat hub
Da sich zu dem Olympus empor!
Bist du so eng begrenzt, daß du sie verkennest, umschwebet
Diese Dämmerung dir noch den Blick,
Diese Nacht: so durchwandre die Weltannalen, und finde
Etwas darin, das ihr ferne nur gleicht,
Wenn du kannst. O Schicksal! das sind sie also, das sind sie
Unsere Brüder die Franken; und wir?
Ach ich frag, umsonst; ihr verstummet, Deutsche! Was zeiget
Euer Schweigen? bejarhter Geduld
Müden Kummer? oder verkündet es nahe Verwandlung?
Wie die schwüle Stille den Sturm,
Der vor sich her sie wirbelt, die Donnerwolken, bis Glut sie
Werden, und werden zerschmetterndes Eis!
Nach dem Wetter, atmen sie kaum die Lüfte, die Bäche
Rieseln, vom Laube träufelt es sanft,
Frische labet, Gerüch' umduften, die bläuliche Heitre
Lächelt, das Himmelsgemälde mit ihr;
Alles ist reg', und ist Leben, und freut sich! die Nachtigall flötet
Hochzeit! liebender singet die Braut!
Knaben umtanzen den Mann, den kein Despot mehr verachtet!
Mädchen das ruhige, säugende Weib.

 

                          Der Fürst und sein Kebsweib

K. Warum wirst du so ernst? F. Was fragst du mich? geuß den Kristall mir
Voll des blinkenden, goldenen Weins!
K. Aber du nimmst ihn ja nicht. F. Was quälst du mich! Wecke der Laute
Leisesten Ton, und singe dein Lied.
K. Ach ich sang, und du hörtest mich nicht. F. Du hättest gesungen?
Eile jetzt, dort Rosen zu streun.
K. Rosen sollt, ich streun, daß du sie nicht sähest? Was gehn dich
Jetzo Lieder, was Rosen dich an!
Hör es wiehert unten dein Roß, aus der Burg dich zu tanzen
Zu der Schar, die Schlachten uns spielt,
Zu der Jünglinge Reihn mit blankem Gewehr, das dem Blitz gleicht,
Wenn sie, mit rascher Eile, sich drehn.
Warum wirst du noch ernster, da ich die Krieger dir nenne?
Trüber als erst? sinkst tiefer in Gram?
Warum blickst du so wild? Was siehest du? siebst du Erscheinung?
Nahet dir eine Totengestalt?
F. Keine Totengestalt, der abgeschiedenen Geister
Keiner, aber dennoch ein Geist,
Ha der schreckliche Geist der Freiheit, durch den sich die Völker
Jetzt erfrechen zu sehn, was sie sind!
Welcher Zauber beschwört, und bannt ihn hinab in des stummen
Kerkers Nacht, aus welchem er kam?
Weh mir! wo ist, der sich, an den hundertarmigen Riesen,
Hundertäugigen Riesen, sich wagt?

 

                   Sie, und nicht wir

                  An La Rochefoucauld

Hätt' ich hundert Stimmen; ich feierte Galliens Freiheit
Nicht mit erreichendem Ton, sänge die göttliche schwach.
Was vollbringet sie nicht! Sogar das gräßlichste aller
Ungeheuer, der Krieg, wird an die Kette gelegt!
Cerberus hat drei Rachen; der Krieg hat tausend: und dennoch
Heulen sie alle durch dich, Göttin, am Fesselgeklirr.
Ach mein Vaterland! . . . Viel sind der Schmerzen; doch lindert
Sie die heilende Zeit, und sie bluten nicht mehr.
Aber es ist ein Schmerz, den sie nie mir lindert! und kehrte
Mir das Leben zurück; dennoch blutet, er fort!
Ach du warest es nicht, mein Vaterland, das der Freiheit
Gipfel erstieg, Beispiel strahlte den Völkern umher:
Frankreich wars! du labtest dich nicht an der frohsten der Ehren,
Brachest den heiligen Zweig dieser Unsterblichkeit nicht!
O ich weiß es, du fühlest, was dir nicht wurde; die Palme,
Aber die du nicht trägst, grünet so schön, wie sie ist,
Deinem kennenden Blick. Denn ihr gleicht, ihr gleichet die Palme,
Welche du dir brachst, als du die Religion
Reinigtest, sie, die entweiht Despoten hatten, von neuem
Weihtest, Despoten voll Sucht Seelen zu fesseln! voll Blut,
Welches sie strömen ließen, sobald der Beherrschte nicht glaubte,
Was ihr taumelnder Wahn ihm zu glauben gebot.
Wenn durch dich, mein Vaterland, der beschornen Despoten
Joch nicht zerbrach; so zerbrach das der gekrönten itzt nicht.
Könnt, ein Trost mich trösten; er wäre, daß du vorangingst
Auf der erhabenen Bahn! aber er tröstet mich nicht.
Denn du warest es nicht, das auch von dem Staube des Bürgers
Freiheit erhob, Beispiel strahlte den Völkern umher;
Denen nicht nur die Europa gebar. An Amerikas Strömen
Flammt schon eigenes Licht, leuchtet den Völkern umher.
Hier auch winkte mir Trost, er war: In Amerika leuchten
Deutsche zugleich umher! aber er tröstete nicht.

 

                           Der Freiheitskrieg

Weise Menschlichkeit hat den Verein zu Staaten erschaffen,
Hat zum Leben das Leben gemacht!
Wilde leben nicht; sie sind jetzt Pflanzen, dann atmen
Sie als Tier, ohne Seelengenuß.
Hoch stieg in Europa empor des Vereins Ausbildung,
Naht dem letzten der Ziele stets mehr;
Ist nicht des Zeichners Entwurf, ist beinahe Künstlerlvollendung,
Raphaels, oder Angelos Werk,
Raphaels, oder Angelos Werk, wenn der Zauber der Farb' auch
Hier und da Verzeichnung beschönt.
Aber sobald die Beherrscher der Nationen statt ihrer
Handeln; dann gebeut kein Gesetz,
Das dem Bürger gebeut, dann werden die Herrschenden Wilde,
Löwen, oder entzündendes Kraut.
Und jetzt wollt ihr sogar des Volkes Blut, das der Ziele
Letztem vor allen Völkern sich naht,
Das, die belorbeerte Furie, Krieg der Erobrung, verbannend,
Aller Gesetze schönstes sich gab;
Wollt das gepeinigte Volk, das Selbsterretter, der Freiheit
Gipfel erstieg, von der furchtbaren Höh,
Feuer und Schwert in der Hand, herunterstürzen, es zwingen,
Wilden von neuem dienstbar zu sein,
Wollt, daß der Richter der Welt, und, bebt, auch eurer, dem Menschen
Rechte nicht gab, erweisen durch Mord!
Möchtet ihr, ehe das Schwert von der Wunde triefet, der Klugheit
Ernste, warnende Winke verstehn!
Möchtet ihr sehn! Es entglüht schon in euren Landen die Asche,
Wird von erwachenden Funken schon rot.
Fragt die Höflinge nicht, noch die mit Verdienste Gebornen,
Deren Blut in den Schlachten euch fließt;
Fragt, der blinken die Pflugschar läßt, die Gemeinen des Heeres,
Deren Blut auch Wasser nicht ist:
Und durch redliche Antwort erfahret ihr, oder durch lautes
Schweigen, was in der Asche sie sehn.
Doch ihr verachtet sie. Spielt denn des neugestalteten Krieges
Nie versuchtes, schreckliches Spiel,
Allzuschreckliches! Denn in den Kriegen werden vergötzten
Herrschern Menschenopfer gebracht.
Sterbliche wissen nicht, was Gott tun wird; doch gewahren
Sie, wenn große Dinge geschehn,
Jetzt sein langsames Wandeln, jetzt donnernden Gang der Entscheidung,
Der mit furchtbarer Eil, es vollbringt.
Wer zu täuschen vermag, und mich liebt, der täuscht den Erlebung
Wünschenden, weissagt donnernden Gang.

 

                Die Jakobiner

Die Korporationen - verzeiht das Wort,
Das schlecht ist wie die Sache - vernichtete
Das freie Frankreich; durchgehauen,
Zuckten im Sande die kleinen Schlangen.

Und doch erhob sich neben den Liegenden
Die Korporation, der Jakoberklub!
Ihr Kopf durchrast Paris, und ihre
Schlängelung windet sich durch ganz Frankreich.

Ha, täubet euch denn Taubheit? vernehmt ihr nicht,
Wie sie aus ihrem scheußlichsten Innersten
Musik beginnt, die selten zweimal
Hörte der Wanderer? wie sie klappert?

Treibt ihr die Riesenschlang' in die Höhle nicht
Zurück, und wälzt nicht Felsen dem Schlunde vor;
So wird ihr Geiferbiß die Freiheit,
Welch' ihr erschuft, in den Staub euch stürzen.

 

                    An la Rochefoucaulds Schatten

Eins verjüngte mein Alter, durchrann, wie der tränkende Bach rinnt
Durch die Wiese, mein Herz, machte den Heiteren froh,
War mir Wonne, zauberte mich in Segensgefilde,
Wo die Pflugschar nur blinkte, kein furchendes Schwert;
Wo der Wolke Donner nur scholl, dem labendes Träufeln
Folgte, des Eisens nicht scholl, welchem tödliches folgt.
Aber das eine verjüngt mich nicht mehr, ich empfinde das Alter.
All mein Frohes, ach meine Wonn', ist dahin!
Denn die Freiheit ist in den Himmel wiedergekehret!
Oder säumet vielleicht in dem Gewölke sie noch?
Sehet ihr sie noch? Mir ist die Göttin verschwunden!
Aber verschwunden ist mir ihre Verfolgerin nicht!
Ha die Alekto (Ungesetz ist ihr schrecklicher Name)
Wird nun heimisch bei euch, zischt mit den Schlangen umher!
Schüttelt die Todesfackel! Sie nimmt oft Menschengestalt an,
Sitzt im Senat; doch gelingt ihre Verwandlung ihr nicht.
Denn sie täuschet nicht; weiß es, bleib! Doch andrer Verwandlung
Glückte ihr einst: toddrohnd schuf sie zu Stein den Senat!
Hast du mich, teurer Schatten, gehört; so rede. Denn jetzo
Siehst du die Zukunft: Ach schweiget dereinst das Gezisch
Um der Alekto Haupt? muß je sie die Todesfackel
Von sich werfen, entfliehn? Wird er entsteint der Senat?
Kehrt die Göttin zurück, die gen Himmel wieder emporstieg?
Oder versöhnen sie die, welche sie lästerten, nie?
Edler Toter, ich sehe dich nicht: doch ahnd ich dich nahe;
Denn in der Dämmerung dort seh ich ein blutig Gewand.
Ach nun schwebest du, schwebst! hast meine Wehmut vernommen,
Hast die Frage des Grams, die ich dir weinte, gehört.
Aber du schweigst. So starbest du denn vergebens, du Guter,
Für dein Vaterland! waltet auf immer die Wut
Jener Empörer! tritt ihr Fuß auf immer die große
Nation, mit des Hohns bitterer Lach', in den Staub!
Duldet auf immer, daß sie gehöhnt da liege die große
Nation in dem Staub, unter der Wütenden Fuß!
Kehret sie nie zurück, die gen Himmel wieder emporstieg,
Und versöhnen sie die, welche sie lästerten, nie!

 

                     Mein Irrtum

Lange hatt' ich auf sie, forschend geschaut,
Auf die Redenden nicht; die Täter! war,
Bei den Malen der Geschichte
Wandelnd, den Franken gefolgt.

Die an Völkern du rächst, Königen rächst,
Priestern, die Menschheit, wie wars, Geschichte, voll
Von Gemälden, die der Gute,
Bleich vor Entsetzen erblickt.

Dennoch glaubt' ich, und ach Wonne war mir,
Morgenrötlicher Glanz der goldne Traum!
War ein Zauber, wie gehoffter
Liebe, dem trunkenen Geist!

Freiheit, Mutter des Heils, deucht' es mich, du
Würdest Schöpferin sein, die Glücklichen,
Die so ganz du dir erkorest,
Umzuschaffen gesandt!

Bist du nicht Schöpferin mehr? oder sind sie
Nicht umschaffbar, die du entfesseltest?
Ist ihr Herz Fels, und ihr Auge
Nacht, zu sehn, wer du bist?

Deine Seel' ist Gesetz! Aber ihr Blick
Wird des Falken, ihr Herz wird Feuerstrom;
Ha, er funkelt, und es glühet,
Wenn das Ungesetz winkt.

Dieses kennen sie, dich kennen sie nicht,
Das, das lieben sie! Doch dein Name tönt.
Wenn die Guten das verruchte
Schwert trifft: schallt es von dir.

Freiheit, Mutter des Heils, nannten sie dich
Nicht selbst da noch, als nun Erobrungskrieg,
Mit dem Bruche des gegebnen
Edlen Wortes, begann?

Ach des goldenen Traums Wonn' ist dahin,
Mich umschwebet nicht mehr sein Morgenglanz,
Und ein Kummer, wie verschmähter
Liebe, kümmert mein Herz.

Müde labet auch wohl Schatten am Weg'
In der Ode, der weit umher sich krümmt;
So hat jüngst mich die erhabne
Männin, Corday gelabt.

Richter schändeten sich, sprachen es los
's Ungeheuer: sie sprach nicht los, und tat,
Was mit Glut einst auf der Wange,
Tränen, der Enkel erzählt.

 

                              Der Erobrungskrieg

Wie sich der Liebende freut, wenn nun die Geliebte, der hohen
Todeswog' entflohn, wieder das Ufer betritt;
Oft schon hatt' er hinunter geschaut an dem Marmor des Strandes,
Immer, neuen Gram, Scheiter und Leichen gesehn;
Endlich sinket sie ihm aus einem Nachen, der antreibt,
An das schlagende Herz, siehet den Lebenden! lebt!
Oder wie die Mutter, die harrend und stumm an dem Tor lag
Einer durchpesteten Stadt, welche den einzigen Sohn
Mit zahllosen Sterbenden ihr, und Begrabenen einschloß,
Und in der noch stets klagte das Totengeläut,
Wie sie sich freuet, wenn nun der rufende Jüngling herausstürzt,
Und die Botschaft selbst, daß er entronnen sei, bringt.
Wie der trübe, bange, der tieferschütterte Zweifler,
(Lastende Jahre lang troff, ihm die Wunde schon fort)
Bei noch einmal ergriffner, itzt festgehaltener Waagschal,
Sehend das Übergewicht, sich der Unsterblichkeit freut!
Also freut, ich mich, daß ein großes, mächtiges Volk sich
Nie Eroberungskrieg wieder zu kriegen entschloß;
Und daß dieser Donner, durch sein Verstummen, den Donnern
Anderer Völker, dereinst auch zu verstummen, gebot.
Jetzo lag an der Kette das Ungeheuer, der Greuel
Greuel! itzt war der Mensch über sich selber erhöht!
Aber, weh uns! sie selbst, die das Untier zähmten, vernichten
Ihr hochheilig Gesetz, schlagen Erobererschlacht.
Hast du Verwünschung, allein wie du nie vernahmst, so verwünsche! -
Diesem Gesetz glich keins! aber es sei auch kein Fluch
Gleich dem schrecklichen, der die Hochverräter der Menscheit,
Welche das hehre Gesetz übertraten, verflucht.
Sprechet den Fluch mit aus, ihr blutigen Tränen, die jetzo
Weint, wer voraussieht; einst, wen das Gesehene trifft.
Mir lebt nun die Geliebte nicht mehr: der einzige Sohn nicht!
Und der Zweifler glaubt mir die Unsterblichkeit nicht!

 

                   Der Geschmack

                       Das Gesicht

Das auszudrücken, was er empfindet, denkt,
Wenn sich mit seinem Reiz ihm das Schöne zeigt,
Kor unter uns der Geist; doch welchen?
Ah ich erröte, den Sinn der Schwelger!

Ich ward verschmähet! Aber er war es ja
Auch nicht der Geist der Alten, der auserkor;
Der Neuern wars! und diesem mag wohl
Stärkung des Herdes zum Fluge nottun.

Mich, mich verschmähen? dem an dem Walde ruht
Die Morgenröte, dem in der Frühe Tau,
Umringt von allen Blumen, allen
Farben, sich Mädchen und Jüngling freuen!

Dem im Gemälde täuschend die Zauberhand
Des Künstlers nachahmt, den sie ergötzt, wenn ihn
Der Abendstern, wenn ihn des Himmels
Weißlicher, schimmernder Pfad nicht hinreißt.

                            Das Gehör

Mich, dem des Hains Säuseln ertönt, und der Quelle
Stimmchen, der Sturm, und der Donner, und das
Weltmeer,
Dem die Nachtigall, dem der Liebe
Froher, und weinender Laut,

Dem Melodie, Harfengetön, und die Flöte,
Sie die Posaun', und die Laute, und des Menschen
Stimme, mich hat er auch, in seinem
Schlummer, der Wähler, verkannt!

                      Das Gesicht

Mit stillem Lächeln hörest du uns, Gefühl;
Schweig ferner, der du Seher dich, Hörer dich
Darfst nennen; dann uns wegen stolzes
Wahnes mit Röte die Wange färben.

                       Der Geruch

Töte denn, Geschmack, für der Esse Lanzen
Auch die Sängerin, die entzückte Lerche;
Süßre Labung ist der bemoosten Rose Düfte zu atmen.

                              Der Geschmack

Mag die Schüssel denn stehn; schmückte sie auch das Reh,
In der Blüte gefällt, schmückte der Weizner sie
Oder selber die Schmerle,
Jener Liebling des Kieselbachs.

Doch des hellen Pokals helleres, ah den Saft,
Welchen Berg mir, und Tal, Winzer, und Kelterer
Geben, wie er mir rötlich,
Oder wie er mir golden blinkt,

Trink ich, schlürf ich mit Lust, liebend, mit Mäßigung,
Zwar mit weiser, doch nicht mit der platonischen:
Evan bleibet mir sanfter
Jüngling, hebt nicht den Rebenstab.

Durch mich sprachest du einst, Trinker Anakreon,
Bildlich, da du von dem sprachest, was schön dir war:
Aber Male versanken;
Und dein attisches Wort verscholl.

 

                            Die Ratgeberin

Regel des Dichtenden, oder hörst Ratgeberin lieber
Du dich nennen? doch welcher der Name sei, den du wählest;
Bist du ernster, bist tiefsinniger, als im Taumel-
Flug dich der Ungeweihte kennt,

Bist entscheidender! Wie verstummt, ich oft, und wie fühlt, ich
Bleich mich werden, wenn empor ich sah zu der Höhe,
Die mir zeigte dein goldener Stab! und mit welchem Hinschaun
Maß ich den einsamen, steilen Pfad!

Noch erbeb' ich, denk, ich zurück an die Tiefen, in deren
Nähe der schwindelnde Pfad sich erhob Darstellung gelinget
Droben allein, nur auf dem erstiegenen fernen Gipfel,
Führt man in ihren Zauberkreis.

Aber wer hat den Reiz, durch den die Führungen glücken,
Immer erspähet? wer das Lebende niemals getötet?
O verzeihest du auch, Ratgeberin, daß dein Wink dann
Nach der Höhe vergebens wies?

Jünglinge, lasset euch Beispiele warnen. Es sei euch
Wacker das Auge, sobald an dem Zauberkreise sich Leben,
Großes, Leidenschaft zeigt. Darstellung gebietet festen,
Hingehefteten Forscherblick.

Nicht das Auge gabet ihr euch; allein wenn ihr oft blickt,
Könnet, den Schlummer scheuchend, daß heller es sieht, ihr ihm geben.
Leiterin ist sie euch nicht die Regel (verzeiht dem Greise,
Daß er fortspricht), wird euch nie

Ihren goldenen Stab erheben: wenn euch nicht Geist ward,
Dem die Empfindung heißer glüht, wie ihn Bilder entflammen,
Und in dem, Beherrscher der Flamm' und der Glut, das Urteil
Unbezaubert den Ausspruch tut;

Nie den goldenen Stab erheben, wenn ihr nicht alle
Ihre Gebärden kennt, nicht ihre Winke, die Stirn nicht,
Die nun faltig, nun sanft verbeut, nicht die helle Seele,
Ganz nicht die stolze Griechin kennt.

Weniges nur, allein Zielführendes grub sie in ihre
Eherne Tafel. Einiges wird hier selten, dort öfter,
Aber anderes immer getan. Wenn von dem ihr weichet;
Habt ihr das erste nur halb getan.

Auf die schöne Natur, auf die nur weiset sie. Hübsch ist
Diese nicht, ist nicht wild; hat auch furchtbare Grazie; kerkert
Engumkreisend nicht ein: doch mit Feinheit begrenzt die Messung,
Ziehet nicht selten Apelles Strich.

Wollt ihr der Griechin folgen; so kieset von dem, was sie lehret,
Stimmendes zu des Gesangs Erfindung, legts auf die Waagschal,
Wägt es ihr zu. Was ihr nach falschem Gewicht verbildet,
Schimmert, vielleicht; wird untergehn.

 

                                 Die Musik

Sterbliche nur genössen der Freuden froheste, reinste,
Sie allein die Musik?
Und nicht auch die Bewohner der Leier, oder Apollos?
Anderer Welten umher?
Wir entlocketen nur durch mannigfalte Berührung,
Durch gelinderen stärkeren Hauch,
Lebende Töne den Formen, die jenen wir bildeten?  hätten
Stimmen allein zu Gesang?
Andre schüfen nicht auch, die Zauberhalle zu ordnen,
Gang und Verhalt?
Irrt doch nicht so! Wie wisset ihr denn, ob dort, wo es schimmert,
Nicht auch freue Musik?
Droben nicht töne lautere Form? nicht hellere Lippe
Singend erschüttre das Herz?
Ob man vielleicht nicht selbst zu des Haines Geräusch, und der Weste
Säuseln, stimme den rieselnden Bach?
Zum Einklange nicht bringe den Donnersturm mit dem Weltmeer?
Die mit dem tausendstimmigen Chor?
Irrt doch nicht so! Es freut nicht allein in den Sternen; es freuet
Auch in dem Himmel Musik.

 

                 Das verlängerte Leben

Ja du bist es, du kommst, süße Verneuerin,
Ach Erinnrung der Zeit, die floh.
Inniger freust du mich oft, als die Erblickung mich,
Als mich Stimmen des Menschen freun.
Du erschaffst mir kein Bild von dem Verschwundenen,
Scheinst zu wandeln in Wirkliches.
Längeres Leben wird uns, Gute, wenn uns den Schmerz
Wiederkehr des Genoßnen scheucht:
Denn die Stunde, die uns traurig umwölkt, gehört
Zu den Stunden des Lebens nicht.
Wie am Feste, das sie damals ihr feierten,
Da noch Freiheit die Freiheit war,
In den Kränzen umher auf den elysischen
Feldern Blumen an Blumen sich
Lachend reihten, so reihn sich mit vereinter Hand
Jene süßen Erwachenden,
Die aus der Nacht des Vergangs mir die Erinnerung
Vor der Seele vorüberführt.
Kiesen soll ich daraus, singen mit trunknem Ton
Eine der Sonnen, die einst mir schien.
Kann ich es? Wer sich im Strom frischet, bemerket die
Kühlung einzelner Wellen nicht.

 

                 An die nachkommenden Freunde

Unter Blumen, im Dufte des rötlichen Abends, in frohes
Lebens Genuß,
Das, mit glücklicher Täuschung, zu jugendlichem sichdichtet,
Ruh ich, und denke den Tod.
Wer schon öfter als siebzigmal die Lenze verblühn, sich
Immer einsamer sah,
Sollte der Vergesser des Todes sein, des Geleiters
In die schönere Welt?
Wünschet' ich mir den Beginn zu erleben des neuen Jahrhunderts;
Wäre der Wunsch nicht ein Tor?
Denn oft säumet, zwischen dem Tod, und dem Leben, ein Schlummer
Leben; ist nicht Leben, nicht Tod!
Und wie würde das mich bewölken, der immer sich jedem
Schlummer entriß.
Trennung von den Geliebten, o könnt, ich deiner vergessen;
So vergäß ich des Todes mit dir.
Doch nichts Schreckliches hat der Gestorbne. Nicht den Verwesten
Sehen wir, sehn nicht Gebein;
Stumme Gestalt nur erblicken wir, bleiche. Ist denn des Maies
Blume nicht auch, und die Lilie weiß?
Und entfloh nicht die Seele des blumenähnlichen Toten
In die Gefilde des Lichts,
Zu den Bewohnern des Abendsterns, der Winzerin, Majas,
Oder Apollos empor,
Zu des Arktur, Zynosuras, des Sirius, oder der Ähre,
Asteropens, Zelenos empor?
Oder vielleicht zu jenes Kometen? der flammend vor Eile,
Einst um die Sonne sich schwang,
Welche der schöneren, die der Erde strahlet, ihn sandte
Auf der unendlichen Bahn.
Glänzender flog der Komet, und beinah der sendenden Sonne
Unaufhaltbar, so schnell
Schwang der Liebende sich. Er liebt die Erde. Wie freut er,
Als er endlich näher ihr schwebt,
Da sich des Wiedersehns! Zu der Erde schallt ihm die Stimme
Aus den jungen Hainen hinab,
Aus den Talen der Hügel, der Berge nicht; und die Winde
Heißt er mit leiserem Fittige wehn:
Alle Stürme sind ihm verstummt, und am ehernen Ufer
Schweigt das geebnete Meer.

 

              Das Wiedersehn

Der Weltraum fernt mich weit von dir,
So fernt mich nicht die Zeit.
Wer überlebt das siebzigste
Schon hat, ist nah bei dir.

Lang sah ich, Meta, schon dein Grab,
Und seine Linde wehn;
Die Linde wehet einst auch mir,
Streut ihr Blum' auch mir,

Nicht mir! Das ist mein Schatten nur,
Worauf die Blüte sinkt;
So wie es nur dein Schatten war,
Worauf sie oft schon sank.

Dann kenn' ich auch die höhre Welt,
In der du lange warst;
Dann sehn wir froh die Linde wehn,
Die unsre Gräber kühlt.

Dann... Aber ach ich weiß ja nicht,
Was du schon lange weißt;
Nur daß es, hell von Ahndungen,
Mir um die Seele schwebt!

Mit wonnevollen Hoffnungen
Die Abendröte kommt:
Mit frohem, tiefen Vorgefühl,
Die Sonnen auferstehn!

 

                                Winterfreuden

Also muß ich auf immer, Kristall der Ströme, dich meiden?
Darf nie wieder am Fuß schwingen die Flügel des  Stahls?
Wasserkothurn, du warest der Heilenden einer; ich hätte,
Unbeseelet von dir, weniger Sonnen gesehn!
Manche Rose hat mich erquickt; sie verwelkten! und du liegst,
Auch des Schimmers beraubt, liegest verrostet nun da!
Welche Tage gabest du mir! wie begannen sie, wenn sich
In der Frühe Glanz färbte noch bleibender Reif;
Welche Nächte, wenn nun der Mond mit der Heitre des Himmels,
Um der Schönheit Preis, siegend stritt, und besiegt.
Dann war leichter der Schwung, und die Stellung unkünstlicher, froher
Dann der Rufenden Laut, blinkete heller der Wein,
Und wie war der Schlaf der endlich Ermüdeten eisern,
Wie unerwecklich! Wer schlief jemals am Baume wie wir?
Aber es kam mit gebotnem Gepolter der Knecht; und wir sahen
Wieder den farbigen Reif, wieder den Schimmer der Nacht.
Der du so oft mit der labenden Glut der gefühlten Gesundheit
Mich durchströmetest, Quell längeres Lebens mir warst,
Wenn ich vorüberglitt an hellbeblüteten Ulmen;
Schnee war die Blume; der Bahn warnende Stimme vernahm,
Mit nachhorchendem Ohr; auch wohl hinschwebt' an der Ostsee,
Zwischen der Sonne, die sank, und dem Monde, der stieg;
Oder wenn, den die Flocken zu tausenden in sich verhüllten,
Und den schwindelte, Sturm auf das Gestade mich warf:
Ach einst wurdest du mir, Kothurn, zum tragischen! führtest
Mich auf jüngeres Eis, welches dem Eilenden brach.
Bleich stand da der Gefährt; mein Schutzgeist gab mir Entschluß ein;
Jener bebte nicht mehr: und die Errettung gelang.
Als sie noch schwankend schien, da rührte mich innig des Himmels
Lichtere Bläue, vielleicht bald nun die letzte für mich!
Dank dir noch einmal, Beindorf, daß du mich rettetest! Dir kam
Lang schon die letzte; mir macht sie die Erde noch schön.

 

     An die rheinischen Republikaner

Das Ungeheuer wurde zerschmettert, liegt
Gestreckt in seiner Höhle, die Jakobszunft;
Doch ward der Höhle Schlund vom Felsen,
Den sie ihm wälzten, nicht ganz gefüllet.

Er hauchet Pest! Dem korsischen Jünglinge
Hat die sein Haupt so, so ihm das Herz entflammt,
Daß er euch mit gehobnem Schwerte,
Völker Hesperiens, Freiheit aufjocht.

Wie schwach sind eines Kriegers Bewunderer,
Der sie, die schönste Schöpfung der späten Welt,
Die Freiheit, in den Staub tritt, andre
Bildung des Staats, als ihr wählt, gebietend!

Vielleicht vergäßt ihr, Dulder! die plastischen
Gewaltsamkeiten: wären sie mehr als Wort,
Das stumm wird vor der Sklavenkette
Rasseln, die euch die Beherrschung anlegt.

Daß er sein Volk ganz blende, beschwört er, schickt
Kunstzauber, reicht Apollo den Wanderstab.
O wird die Seine nur dem Drachen-
Tilger nicht Lethe, wie dem der Ligue.

Nicht Belvederer ist der Apollo dann,
Wenn neben Heinrich er in der Seine liegt;
Er sieht dann Schlamm nur, und vor Schlamme
Kaum den Besieger des zweiten Python.

Wer dieses Grab des lange vergötterten
Heinrichs voraussah, mag auch das Künftige
Des Volks weissagen, das in jeder
Leidenschaft Strom unerrettbar treibet!

Erwägt, durchdenkt es, Deutsche, mit euerm Ernst.
Wollt denen euer Schicksal, der Kinder Heil
Ihr anvertrauen, die in jeder
Leidenschaft Strom unerrettbar treiben?

 

                                      Sie

Freude, wem gleichst du? Umsonst streb ich zu wählen. Du bist
Allem, was schöner ist, gleich, allem, das hoch
Sich erhebet, allem, was ganz
Rühret das Herz.

O, sie kennen dich nicht! Wissen sie, daß du nicht kommst,
Wenn sie dir rufen? daß du, Freieste du,
Sie, wenn zu zwingen sie wähnen, verlachst,
Fliehend verlachst?

Freieste, aber du bist Fühlenden, Redlichen hold,
Lächelst ihnen. Du labst dann wie der West,
Blühest wie Rosen, welche mit Moos
Gürten ihr Blatt,

Glühst von der Lerche Glut, hebt sie gen Himmel sich, weinst
Wie die gekränzete Braut, wie, wenn den Sohn, ,
Junge Mutter nunmehr, sie umarmt,
Drückt an ihr Herz.

Aber du weinest auch, wenn mit der Wehmut du dich
Einst und der Tröstung. Besucht oft sie, ihr drei,
Denen ihr liebe Gespielinnen seid,
Grazien seid!

 

          An die Dichter meiner Zeit

Die Neuern sehen heller im Sittlichen,
Als einst die Alten sahn. Durch das reinere
Licht, diese reife Kenntnis, hebt sich
Höher ihr Herz, wie das Herz der Alten.

Drum dürfet ihr auch, wenns in den Schranken nun
Der Künste Sieg gilt, kämpfen beseelt vom Mut,
Dürft, wenn der Herold hoch den Lorbeer
Hält, mit den Kalokagathen kämpfen!

Viel Zweig, und Sprosse haben die Tugenden;
Zu jedem stimmen laut die Empfindungen:
Da grünet, blüht nichts bis zum hohen
Wipfel, das nicht in die Seele dringe.

Viel Zweig, und Sprosse hat auch die böse Tat;
Vor jedem schauern auf die Empfindungen:
Da welket, dorrt nichts bis zum hohen
Wipfel, das nicht in die Seele dringe.

Die mehr der Stufen zu dem Unendlichen
Aufstiegen, schauen höhere Schönheit. Er,
Das Sein, ward durch des Altertumes
Märchen entstellt, die von Göttern sangen.

Heiß ist, wie weit auch strahle der Kenntnis Licht,
Der Kampf ums Kleinod! Wem bei der Fackel Glanz
Nicht laut das Herz schlägt, froh nicht bebet,
Flieht, ist er weise, die Ebnen Delphi's.

Der ersten Zauberin in des Dichters Hain,
Darstellung heißt sie, weihet der, opfert ihr
Der Blüten jüngste! Diese Göttin,
Streitende, muß euch mit Huld umschweben.

Wenn Geist mit Mut ihr einet, und wenn in euch
Des Schweren Reiz nieschlummernde Funken nährt;
Dann werden selbst der Apollona
Eifrigste Priester euch nicht verkennen.

Denn ihnen winkt der amphiktyonische
Kampfrichter; sie sind seiner Gesetze, sind
Des eingedenk, daß in der Tafeln
Erste gegraben war: Keuscher Ausspruch!

Der Enkel siehet einst von Elysium
Achäas Schemen kommen, und (in dem Hain
Umweht es sie melodisch) euren
Sieg ihm verkünden mit edlem Lächeln.

 

                           Die Waage

»Du zählst die Stimmen: wäge sie, willst du nicht
Des Ruhms dich töricht freuen, der dir erschallt.«
Sehr mühsam ist die Wägung! »Nun so
Zähle zugleich denn die Widerhalle.«

Der Blick ermüdet, der auf die Waage schaut.
Wie säumts! wie viel der lastenden Zeit entschleicht,
Bevor im Gleichgewicht die Schalen
Schweben, und endlich der Weiser ausruht!

Und tönt der Nachhall etwa Unliebliches,
Wenn er in ferner Grotte Musik beginnt,
Und seine Melodie sich immer
Sanfter dem Ohre verlieret? »Zähle!«

 

                       Die Wahl

Europa herrschet. Immer geschmeichelter
Gebietest du der Herrscherin, Sinnlichkeit!
Die Blumenkette, die du anlegst,
Klirret nicht, aber umringelt fester,

Als jene, die den bleichen Gefangenen
Im Turme lastet. Zauberin Sinnlichkeit,
Du tötest alles, was erinnert,
Daß sie nicht Leib nur, daß eine Seele

Sie auch doch haben! Von der Erhabenen,
Von ihrer Größe red ich nicht, sage nur:
Du schläferst ein, daß sie in sich nichts
Außer der schlagenden Ader fühlen.

Das soll nun endlich enden! Der edle Krieg
Der großen, liebenswürdigen Gallier
Raubt bis zum letzten Scherf. Euch sinket
Welkend vom Arme die Blumenkette.

Die Donnerstimme schallt euch der eisernen
Notwendigkeit! Ihr strauchelt des Lebens Weg
Verarmt: wie wär es möglich, daß ihr
Nun in der Zauberin Schoß noch ruhtet?

Doch wenn ein Funken Seele vielleicht in euch
Aufglimmet, wenn ihr zürnt, daß ihr Knechte seid...
Was frommts? Ihr habt zum Flintenstein die
Pfennige nicht, noch zu einer Kugel!

Ihr saht es welken, hörtet die eiserne
Notwendigkeit. Was wollet ihr tun? Wohlan,
Zur Wahl: Verzweifelt! oder macht euch
Glücklicher, als es der Zauber konnte.

Wer, was die Schöpfung, und was er selbst sei, forscht;
Anbetend forscht, was Gott sei, den heitert, stärkt
Genuß des Geistes: wen nach diesen
Quellen nie dürstete, der erlieget.

Der Künste Blumen können zur Heiterkeit
Auch wieder wecken; führt euch des Kenners Blick.
Die Farbe trüget oft; der Blumen
Seelen sind labende Wohlgerüche.

 

                             Losreißung

Weiche von mir, Gedanke des Kriegs, du belastest
Schwer mir den Geist! du umziehst ihn, wie die Wolke,
Die den weckenden Strahl einkerkert,
Den uns die Frühe gebar;

Steckest ihn an mit Trauer, mit Gram, mit des Abscheus
Pestigen Glut, daß, verzweifelnd an der Menschheit,
Er erbebt, und ach nichts Edles
Mehr in den Sterblichen sieht!

Kehre mir nie, Gedanke! zurück, in den Stunden
Selbst nicht zurück, wenn am schnellsten du dich regest,
Und vom leisesten Hauch der Stimme
Deiner Gefährten erwachst.

Schöne Natur, Begeisterung sei mir dein Anschaun!
Schönheit der Kunst, werd auch du mir zu Beseelung!
Völkerruhe, die war, einst wieder
Freuen wird, sei mir Genuß!

Schöne Natur... o blühen vielleicht mir noch Blumen?
Ihr seid gewelkt; doch ist süß mir die Erinnrung.
Auch des heiteren Tags Weissagung
Hellet den trüben mir auf.

Aber wenn ihr nun wieder mir blüht, wenn er wirklich
Leuchtet, so strömt mir Erquickung, so durchwall' er
Mit Gefühl mich, das tiefre Labung
Sei, wie der Flüchtige kennt.

Höret! Wer tönt vom Siege mir dort? vom Gemorde?
Aber er ist, o der Unhold! schon entflohen;
Denn ich bannet' ihn in die Öde,
Samt den Gespensten der Schlacht!

Lebender Scherz sei unser Genoß, und das sanfte
Lächeln, dies geh, in dem Auge, wie der junge
Morgen auf; der Gesang erhebt; ihr
Kränzet die Traub' im Kristall;

Weckt zu Gespräch, des Freude den Ernst nicht verscheuchet.
Freundschaft und Pflicht, die nur handelt, und nicht redet,
Sei von allem, was uns veredelt,
Unser geliebteres Ziel!

Forschung, die still in dem sich verliert, was schon lange
War, und was wird, in der Schöpfung Labyrinthe!
Du bist Quelle mir auch, von der mir
Wonne der Einsamkeit rinnt.

Hat sich mein Geist in der Wahrheit vertieft, die auch fern nur
Spuren mir zeigt vom Beherrscher der Erschaffnen:
O so töne man rings vom Kriege,
Kriege! ich höre dann nicht.

 

                    Die Unschuldigen

Immer noch willst du, bittrer Schmerz, mich trüben;
Immer drohst du mir noch aus deiner Wolke,
Kriegserinnrung! Fliehe, versink' in Nacht, du
Böser Gedanke!

Freu' ich vielleicht mich nicht mit heitern Freunden,
Nehme herzlichen Teil an ihrem Lose?
Hörend, wie sie jetzt des Gelungnen froh sind,
Jetzo der Zukunft!

Ruh ich denn nicht am Mahl mit heitern Freunden,
Ruh und schmause das Blatt, wie sie das Rebhuhn?
Sehe, trinke stärkeren Wein, als Pflanzen
Sind, die das Beet nährt?

Stärkeren als der Quelle Trinkerinnen,
Die mit Weine sich kaum die halbe Lippe
Nässen, wenn nicht etwa für ihn die Traube
Reift, an der Marne.

Scheu vor des Rheines alten Kelter, streiten
Sie, nicht scherzend: ob mehr des schnellen Anklangs
Würdig sei der weiße Pokal? ob mehr das
Rötliche Kelchglas?

Aber kein Streit ist über tiefes Schweigen,
Kriegeselend, von dir! Ach, wenn Erinnrung
Deiner mich entheiterte: dann wär ich der
Schuldige, sie nicht,

Müßte, mich selber strafend, mir den Anklang
Mit der Siegerin dann verbieten, der es
In dem heißen Kampf für die schöne Röte
Wäre gelungen.

 

                                Die höheren Stufen

Oft bin ich schon im Traume dort, wo wir länger nicht träumen.
Auf dem Jupiter war, eilet' ich jetzt
In Gefilde, wie sonst niemals mein Auge sah?
Nie Gedanken mir bildeten.

Rings um mich war mehr Anmut, als an dem Wald' und dem Strome
Auf der Erd ist. Auch quoll Feuer herab
Von Gebirgen, doch wars mildere Glut, die sich
Morgenrötlich ins Tal ergoß.

Wolken schwanden vor mir; und ich sahe lebende Wesen
Sehr verschiedner Gestalt. Jede Gestalt
Wurd' oft anders; es schien, daß sie an Schönheit sich
Übertraf, wenn sie änderte.

Dieser Unsterblichen Leib glich heiteren Düften, aus denen
Sanfter Schimmer sich goß, ähnlich dem Blick
Des, der Wahres erforscht, oder, Erfindung, sich
Deiner seligen Stunde freut.

Manchmal ahmten sie nach Ansichten des Wonnegefildes,
Wenn sie neue Gestalt wurden. Die sank,
Zur Erquickung, auch wohl dann in das Feuer hin,
Das dem Haupte der Berg' entrann.

Sprachen vielleicht die Unsterblichen durch die geänderte Bildung?
War es also; wie viel konnten sie dann
Sagen, welches Gefühl! redeten sie von Gott;
Welcher Freuden Ergießungen!

Forschend betrachtet' ich lang die erhabnen Wesen, die ringsher
Mich umgaben. Itzt stand nah mir ein Geist,
Eingehüllet in Glanz, menschlicher Bildung, sprach
Tönend, wie noch kein Laut mir scholl:

Diese sind Bewohner des Jupiter. Aber es wallen
Drei von ihnen nun bald scheidend hinauf
Zu der Sonne. Denn oft steigen wir Glücklichen
Höher, werden dann glücklicher.

Sprachs, und zwischen den auf und untergehenden Monden
Schwebten die Scheidenden schon freudig empor.
Jener, welcher mit mir redete, folgt'; und ich
Sah erwachend den Abendstern.