Lenau

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Biografie

Seite 3

        Die Heideschenke

Ich zog durchs weite Ungarland;
Mein Herz fand seine Freude,
Als Dorf und Busch und Baum verschwand
Auf einer stillen Heide.

Die Heide war so still, so leer,
Am Abendhimmel zogen
Die Wolken hin, gewitterschwer,
Und leise Blitze flogen.

Da hört ich in der Ferne was,
In dunkler, meilenweiter;
Ich legte 's Ohr ans knappe Gras,
Mir war, als kämen Reiter.

Und als sie kamen näherwärts,
Begann der Grund zu zittern,
Stets bänger, wie ein zages Herz
Vor nahenden Gewittern.

Hertobte nun ein Pferdehauf,
Von Hirten angetrieben
Zu rastlos wildem Sturmeslauf
Mit lauten Geißelhieben.

Der Rappe peitscht den Grund geschwind
Zurück mit starken Hufen,
Wirft aus dem Wege sich den Wind,
Hört nicht sein scheltend Rufen.

Gezwungen ist in strenge Haft
Des Wildfangs tolles Jagen,
Denn klammernd herrscht des Reiters Kraft,
Um seinen Bauch geschlagen.

Sie flogen hin, woher mit Macht
Das Wetter kam gedrungen;
Verschwanden - ob die Wolkennacht
Mit einmal sie verschlungen.

Doch meint ich nun und immer noch
Zu hören und zu sehen
Der Hufe donnerndes Gepoch,
Der Mähnen schwarzes Wehen.

Die Wolken schienen Rosse mir,
Die eilend sich vermengten,
Des Himmels hallendes Revier
Im Donnerlauf durchsprengten.

Der Sturm ein wackrer Rosseknecht,
Sein muntres Liedel singend,
Daß sich die Herde tummle recht,
Des Blitzes Geißel schwingend.

Schon rannten sich die Rosse heiß,
Matt ward der Hufe Klopfen,
Und auf die Heide sank ihr Schweiß
In schweren Regentropfen.

Nun brach die Dämmerung herein,
Mir winkt von fernen Hügeln
Herüber weißer Wände Schein,
Die Schritte zu beflügeln.

Es schwieg der Sturm, das Wetter schwand;
Froh, daß es fortgezogen,
Sprang übers ganze Heideland
Der junge Regenbogen.

Die Hügel nahten allgemach;
Die Sonne wies im Sinken
Mir noch von Rohr das braune Dach,
Ließ hell die Fenster blinken.

Am Giebel tanzte wie berauscht
Des Weines grüner Zeiger,
Und als ich freudig hingelauscht,
Hört ich Gesang und Geiger.

Bald kehrt ich ein und setzte mich
Allein mit meinem Kruge;
An mir vorüber drehte sich
Der Tanz im raschen Fluge.

Die Dirnen waren frisch und jung
Und hatten schlanke Leiber,
Gar flink im Drehen, leicht im Sprung,
Die Bursche - waren Räuber.

Die Hände klatschten, und im Takt
Hell klirrt des Spornes Eisen;
Das Lied frohlocket, und es klagt
Schwermütig kühne Weisen.

Ein Räuber singt: "Wir sind so frei,
So selig, meine Brüder!"
Am Jubeln seines Munds vorbei
Schleicht eine Träne nieder.

Der Hauptmann sitzt, auf seinen Arm
Das braune Antlitz senkend,
Er scheint entrückt dem lauten Schwarm,
Wie an sein Schicksal denkend.

Das Feuer seiner Augen bricht
Hindurch die finstern Brauen,
Wie nachts im Wald der Flamme Licht
Durch Büsche ist zu schauen.

Wächst aber Sang und Sporngeklirr
Nun kühner den Genossen,
Seh ich das leere Weingeschirr
Ihn kräftig niederstoßen.

Ein Mädel sitzt an seiner Seit,
Scheint ihn als Kind zu ehren
Und gerne hier der Fröhlichkeit
Des Tanzes zu entbehren.

Auf ihren Reizen ruht sein Blick
Mit innigem Behagen,
Zugleich auf seines Kinds Geschick
Mit heimlichem Beklagen. -

Stets wilder in die Seelen geigt
Nun die Zigeunerbande,
Der Freude süßes Rasen steigt
Laut auf zum höchsten Brande.

Und selbst des Hauptmanns Angesicht
Hat Freude überkommen; -
Da dacht ich an das Hochgericht
Und ging hinaus, beklommen.

Die Heide war so still, so leer,
Am Himmel nur war Leben;
Ich sah der Sterne strahlend Heer,
Des Mondes Völle schweben.

Der Hauptmann auch entschlich dem Haus;
Mit wachsamer Gebärde
Rings horcht' er in die Nacht hinaus,
Dann horcht' er in die Erde,

Ob er nicht höre schon den Tritt
Ereilender Gefahren,
Ob leise nicht der Grund verriet
Ansprengende Husaren.

Er hörte nichts, da blieb er stehn,
Um in die hellen Sterne,
Um in den hellen Mond zu sehn,
Als möcht er sagen gerne:

'O Mond im weißen Unschuldskleid!
Ihr Sterne dort unzählig!
In eurer stillen Sicherheit,
Wie wandert ihr so selig!'

Er lauschte wieder, - und er sprang
Und rief hinein zum Hause,
Und seiner Stimme Macht verschlang
Urplötzlich das Gebrause.

Und eh das Herz mir dreimal schlug,
So saßen sie zu Pferde,
Und auf und davon im schnellen Flug,
Daß rings erbebte die Erde.

Doch die Zigeuner blieben hier,
Die freurigen Gesellen,
Und spielten alte Lieder mir
Rakoczys, des Rebellen.


            Ahasver, der ewige Jude


Ein Wäldchen rauscht auf weiter grüner Heide;
Hier lebt die Erde still und arm und trübe;
Das Wäldchen ist ihr einziges Geschmeide,
Daran ihr Herz noch hangen mag in Liebe,
Wie eine Witwe, eine einsam arme,
Den Brautschmuck aufbewahrt, daß sie die Blicke,
Die tränenvollen, spät daran erquicke,
Wird sie zu bang erfaßt von ihrem Harme.
Rings um das Wäldchen alles öd und einsam;
Nicht Baum und Strauch, nur Wiesengrund zu sehn
Bis an die Grenze, wo die Wolken gehn,
Wo Heid und Himmel zweifelnd wird gemeinsam.
Strohhütten stehn umher zerstreut im Haine;
Hier hat ein traulich stilles Los gefunden
Von Hirten eine friedliche Gemeine;
Doch ist kein Menschenleben ohne Wunden.
Die Linde säuselt, blütenreich und hoch,
Die Sonne geht im Westen still verloren,
Und auf den Blüten, die sie jüngst geboren,
Verweilen ihre warmen Blicke noch;
Auch strahlen sie zum letztenmal auf einen,
Um dessen Leiche dort die Hirten weinen.
Sie stellten seine Bahre an die Linde,
Als sollt ihn einmal noch der Lenz begrüßen,
Der schon als Jüngling hat hinsterben müssen.
Die bleiche Mutter kniet an ihrem Kinde;
Mit Rosenkränzen schmücken ihn Jungfrauen,
Und aller Blicke haften schmerzumflossen
Auf ihrem lieben, freundlichen Genossen,
Sein Bild sich recht ins treue Herz zu schauen.
Der Vater hält des Toten Flöt und Stab,
Benetzend sie mit mancher heißen Zähre;
Dem Jüngling sollen folgen in sein Grab
Die schlichten Zeichen seiner Hirtenehre.
Im Ohr des Alten summen noch die Lieder,
Die dieser Flöte einst so froh entquollen,
Und die auf immer nun ihm schweigen sollen;
Das beugt ihm tiefer noch die Seele nieder. -
Wer aber kommt die Heide hergezogen,
Gejagt, so scheints, von drängender Gewalt,
Das Haupt von greisen Locken wild umflogen,
Das tiefgefurchte Antlitz fahl und kalt?
Es ragt ins Leben ernst und schroff herein
Wie altes, längst verwittertes Gestein;
Vom Antlitz fließt herab der Bart so hell,
Wie düsterm Fels entstürzt der Silberquell.
Aus dunkler Höhle glüht des Auges Stern,
Als sähs auf dieser Erde nichts mehr gern.
Das Auge scheint mit seiner Glut zu sagen:
'Müßt ich nicht leuchten dem unsteten Fuß,
Ich hätte längst mit eklem Überdruß
Vor dieser Welt die Türe zugeschlagen!'
Der Wandrer ist der Jude Ahasver,
Der, fluchtgetrieben, rastlos irrt umher.
Zur Bahre tritt er feierlich und leise
Und spricht im bang erschrocknen Hirtenkreise:
"So! betet still, daß ihr ihn nicht erweckt!
Hemmt eurer Tränen undankbare Flut!
Sein Schlaf ist gut, o dieser Schlaf ist gut!
Wenn er auch Toren euresgleichen schreckt.
O süßer Schlaf! o süßer Todesschlaf!
Könnt ich mich rastend in die Grube schmiegen!
Könnt ich, wie der, in deinen Armen liegen,
Den schon so früh dein milder Segen traf!
Den Staub nicht schütteln mehr vom müden Fuße!
Wie tiefbehaglich ist die Todesmuße!
Das Auge festverschlossen, ohne Tränen;
Die Brust so still, so flach und ohne Sehnen;
Die Lippen bleich, versunken, ohne Klage,
Verschwunden von der Stirn die bange Frage.
Wohl ihm! er starb in seinen Jugendtagen;
Er hat gar leicht, vom Schicksal liebgewonnen,
Die große Schuld des Schmerzes abgetragen,
Das Leben ihm umsonst Verrat gesponnen.
Sein Herz ist still; das meine, ohne Rast,
Pocht Tag und Nacht in ungeduldger Hast,
Auf daß es einmal endlich fertig werde
Und seinen Sabbat find in kühler Erde.
Es schläft der Mensch in seiner Mutter Hüften,
Dann eine Weile noch, mit Augen offen,
Irrt er, Schlafwandler, in den Morgenlüften
Und träumt ein buntes, himmlisch frohes Hoffen,
Bis plötzlich ihm ans Herz das Leben greift,
Den schönen Traum von trunkner Stirne streift
Und ihn mit kalter Hand ins Wachen schüttelt,
Wie meine Hand hier Blüten niederrüttelt.
Den hat die kalte Faust noch nicht erfaßt,
Er ist, unaufgeschreckt vom Traum, erblaßt;
Ich sehs an seinen ruhig schönen Zügen,
Die, selig lächelnd, fast den Tod verhehlen
Und immer noch das Märchen still erzählen,
Die Erde noch zum Paradiese lügen!"
Er rüttelt wieder Blüten von den Zweigen,
Die niederflattern ihren Todesreigen:
"Noch immer, Erde, den uralten Tand
Von Blüten treiben und zerstören, immer?
Verdrießt, Natur, das öde Spiel dich nimmer?
Ergreift nicht Schläfrigkeit die müde Hand?
Du gleichest mit dem wüsten Zeitvertreib
Im Dorfe drüben dem Zigeunerweib,
Die Karten schlägt, mit ihren bunten Bildern
Vergangnes wie Zukünftiges zu schildern
Und, blöd begafft, belauscht, neugierigen Leuten,
Was sie gedacht, was sie geträumt, zu deuten.
Die Blätter werden aufgemengt und frisch
Gelegt in neuer Ordnung auf den Tisch,
Den Glauben äffend mit prophetschen Spuren;
Doch immer sinds die nämlichen Figuren!
Ich schaute zu seit achtzehnhundert Jahren,
Die machtlos über mich dahingefahren. -
Laß dich umarmen, Tod, in dieser Leiche!
Mein Auge laben an der Wangen Bleiche!
Balsamisch rieselt ihre frische Kühle
Durch mein Gebein, durch meines Hirnes Schwüle." -
Derweil die Hirten jetzt den Sarg verschließen,
Starrt Ahasver aufs Kruzifix der Decke,
Als ob er plötzlich, tiefgemahnt, erschrecke,
Aus seinem finstern Auge Tränen fließen:
"Hier ist sein Bildnis an den Sarg geheftet,
Der einst gekommen, schmachtend und entkräftet,
Der einst vor meiner Tür zusammenbrach,
Gebeugt vom Druck des Kreuzes und der Schmach,
Der mich um kurze Rast so bang beschwor;
Ich aber stieß ihn fort, verfluchter Tor!
Nun bin auch ich vom Fluche fortgestoßen,
Und alle Gräber sind vor mir verschlossen.
Ich stand, ein Bettler, weinend vor der Türe
Der Elemente, flehte um den Tod;
Doch, ob ich auch den Hals mit Stricken schnüre,
Mein fester Leib erträgt des Odems Not.
Das Feuer und die Flut, die todesreichen,
Versagten das ersehnte Todesglück;
Ich sah die scheue Flamme rückwärts weichen,
Mit Ekel spie die Welle mich zurück.
War ich geklettert auf die Felsenmauer,
Wo nichts gedeiht als süßer Todesschauer,
Und rief ich weinend, wütend abgrundwärts:
'O Mutter Erde, dein verlorner Sohn!
Reiß mich zerschmetternd an dein steinern Herz!'
Der Zug der Erdentiefe sprach mir Hohn,
Sanft senkten mich die fluchgestärkten Lüfte,
Und lebend, rasend, irrt ich durch die Klüfte.
'Tod!' rief ich, 'Tod!' mich in die Erde krallend,
'Tod!' höhnte Klipp an Klippe widerhallend.
Zu Bette stieg ich lüstern mit der Pest;
Ich habe sie umsonst ans Herz gepreßt.
Der Tod, der in des Tigers Rachen glüht,
Der zierlich in der giftgen Pflanze blüht,
Der schlängelnd auf dem Waldespfade kriecht,
Den Wandrer lauernd in die Ferse sticht,
Mich nahm er nicht!" -
Da wandte sich der Jude von den Hirten,
Und weiter zog der Wandrer ohne Ruh,
Dem letzten Strahl der Abendsonne zu;
Ob seinem Haupt die Heidevögel schwirrten.
Und wie er fortschritt auf den öden Matten,
Zog weithingreifend sich sein Schattenstrich
Bis zu den Hirten, die bekreuzten sich,
Die Weiber schauderten an seinem Schatten.



Polenlieder

              In der Schenke

Am Jahrestag der unglücklichen Polenrevolution

Unsre Gläser klingen hell,
Freudig singen unsre Lieder;
Draußen schlägt der Nachtgesell
Sturm sein brausendes Gefieder,
Draußen hat die rauhe Zeit
Unsrer Schenke Tür verschneit.

Haut die Gläser an den Tisch!
Brüder, mit den rauhen Sohlen
Tanzt nun auch der Winter frisch
Auf den Gräbern edler Polen,
Wo verscharrt in Eis und Frost
Liegt der Freiheit letzter Trost.

Um die Heldenleichen dort
Rauft der Schnee sich mit den Raben,
Will vom Tageslichte fort
Tief die Schmach der Welt begraben;
Wohl die Leichen hüllt der Schnee,
Nicht das ungeheure Weh.

Wenn die Lerche wieder singt
Im verwaisten Trauertale;
Wenn der Rose Knospe springt,
Aufgeküßt vom Sonnenstrahle:
Reißt der Lenz das Leichentuch
Auch vom eingescharrten Fluch.

Rasch aus Schnee und Eis hervor
Werden dann die Gräber tauchen;
Aus den Gräbern wird empor
Himmelwärts die Schande rauchen,
Und dem schwarzen Rauch der Schmach
Sprüht der Rache Flamme nach.


      Der Maskenball

Wirres Durcheinanderwallen
In den lichten Säulenhallen.
Der Trommeten hell Gedröhne
Und der Geigen tolle Lieder
Stürzen vom Gerüste nieder
Als ein Wildbach froher Töne;
Von dem Strome leicht bezwungen
Wird der Gäste bunte Menge,
Wird vom seligen Gedränge
Rascher Tänze schnell verschlungen.
Blumen und Orangenbäume
Blühen, duften rings im Saale,
Mahnen, holde Frühlingsträume,
Mich an ferne Blütentale,
Wecken mit dem stillen Gruß
Mir ein banges Hinverlangen,
Hauchen ihren leisen Kuß
Schönen Mädchen an die Wangen.
Doch den Frohen, Ruhelosen
Weht nicht Sehnsucht in dem Hauche,
Sind ja selber junge Rosen,
Die entflogen ihrem Strauche,
Flatternd in geliebten Tänzen,
Dem Gewinde bald entbunden,
Bald zu anmutvollen Kränzen
Von der Freude frisch gewunden;
Können sinnend nicht verweilen,
Müssen im Vergnügen eilen,
Denn des Welkens Klage naht.
Nie zu sühnender Verrat
An der Blüte Augenblicken
Wäre jede trübe Säumnis. -

Seht, da schwebt mit trautem Nicken,
Ein süß neckendes Geheimnis,
Eine holde Maske her.
Ach, wer bist du? sage, wer? -
Lind und weich von heller Seide
Ist dein schlanker Leib umfangen,
Und vom amarantnen Kleide
Leicht und luftig überhangen,
Und du strahlst im Glanz des Goldes,
Polenmädchen! wunderholdes!
Schalkhaft kühn dein Käppchen sitzt,
Trotzend auf so schöne Stelle;
Wie der Demantstern dir blitzt
Aus der Nacht der Lockenwelle!
Wie die Perlen dich umschmiegen,
Die dir froh am Halse liegen!
Deine Reize still zu ehren,
Haben sie sich dort vereinet;
Hat ein Gott dir Freudenzähren
An den schönen Hals geweinet? -
Doch betracht ich dich genauer,
Weiß ich nicht, wie mir geschieht,
Rührst du mir das Herz zur Trauer,
Und die heitre Deutung flieht.
Mädchen, willst du in Symbolen:
Weißem Nacken, Perlenschnüren,
Uns das Trauerlos der Polen
Mahnend vor die Seele führen?
Zeigen uns im schönen Bilde
Tränenvolle Schneegefilde?
Ja, du kamst in dieses Haus,
Leise strafend uns zu tragen
In den schmerzvergeßnen Braus
Polens Glück aus alten Tagen,
Daß wir seinen Fall bedenken
Und in Wehmut uns versenken. -
Abgewendet nun mit Schweigen,
Schwindest du im dichten Reigen,
Wie Polonias Herrlichkeit
Schwand im wilden Tanz der Zeit! -

Masken kommen, immer neue,
Hier ein Ritter mit der Dame,
Spricht von seinem Liebesgrame
Und gelobt ihr seine Treue.

Dort im härenen Gewande,
Mit Sandal und Muschelhut,
Wie entrückt in ferne Lande,
Über Berg' und Meeresflut -
Steht ein Pilger: seine Träume
Säuseln ihm wie Palmenbäume,
Zaubern ihn zum heilgen Grabe,
Seines Glaubens liebster Habe. -
Seid willkommen mir, Matrosen!
Nehmt mich auf in eurem Schiffe!
Frisch hinaus ins Meerestosen,
Durch die flutbeschäumten Riffe!
Ha! schon seh ich Möwen ziehn,
Wetterwolken seh ich jagen,
Und die Stürme hör ich schlagen;
Süße Heimat, fahre hin!
Nach der Freiheit Paradiesen
Nehmen wir den raschen Zug,
Wo in heilgen Waldverliesen
Kein Tyrann sich Throne schlug.
Weihend mich mit stillem Beten,
Will den Urwald ich betreten,
Wandern will ich durch die Hallen,
Wo die Schauer Gottes wallen;
Wo in wunderbarer Pracht
Himmelwärts die Bäume dringen,
Brausend um die keusche Nacht
Ihre Riesenarme schlingen.
Dort will ich für meinen Kummer
Finden den ersehnten Schlummer;
Will vom Schicksal Kunde werben,
Daß es mir mag anvertrauen
In der Wälder tiefem Grauen,
Warum Polen mußte sterben.
Und der Antwort will ich lauschen
In der Vögel Melodeien,
In des Raubtiers wildem Schreien
Und im Niagararauschen.


    Der Polenflüchtling

Im quellenarmen Wüstenland
Arabischer Nomaden
Irrt, ohne Ziel und Vaterland,
Auf windverwehten Pfaden
Ein Polenheld und grollet still,
Daß noch sein Herz nicht brechen will.

Die Sonn auf ihn heruntersprüht
Die heißen Mittagsbrände,
Von ihrem Flammenkusse glüht
Das Schwert an seiner Lende.
Will wecken ihm den tapfern Stahl
Zur Racheglut der Sonnenstrahl?

Sein Leib neigt sich dem Boden zu
Mit dürstendem Ermatten;
Der sänke gern zu kühler Ruh
In seinen eignen Schatten,
Der tränke gern vor dürrer Glut
Schier seine eigne Tränenflut.

Doch solche Qual sein Herz nicht merkt,
Weils trägt ein tiefers Kränken.
Er schreitet fort, von Schmerz gestärkt,
Vom Schlachtenangedenken.
Manchmal sein Mund Kosziusko! ruft,
Und träumend haut er in die Luft.

Als nun der Abend Kühlung bringt,
Steht er an grüner Stelle;
Ein süßes Lied des Mitleids singt
Entgegen ihm die Quelle,
Und säuselnd weht das Gras ihn an:
O schlummre hier, du armer Mann!

Er sinkt, er schläft. Der fremde Baum
Einflüstert ihn gelinde
In einen schönen Heldentraum;
Die Wellen und die Winde
Umrauschen ihn wie Schlachtengang,
Umrauschen ihn wie Siegsgesang.

Dort kommt im Osten voll und klar
Herauf des Mondes Schimmern;
Von einer Beduinenschar
Die blanken Säbel flimmern
Weithin im öden Mondrevier,
Der Wildnis nächtlich helle Zier.

Stets lauter tönt der Hufentanz
Von windverwandten Fliehern,
Die heißgejagt im Mondenglanz
Dem Quell entgegenwiehern.
Die Reiter rufen in die Nacht;
Doch nicht der Polenheld erwacht.

Sie lassen, frisch und froh gelaunt,
Die Ross' im Quelle trinken,
Und plötzlich schauen sie erstaunt
Ein Schwert im Grase blinken,
Und zitternd spielt das kühle Licht
Auf einem bleichen Angesicht.

Sie lagern um den Fremden stumm,
Ihn aufzuwecken bange;
Sie sehn der Narben Heiligtum
Auf blasser Stirn und Wange;
Dem Wüstensohn zu Herzen geht
Des Unglücks stille Majestät.

Dem schlafversunknen Helden naht,
Mit Schritten gastlich leise,
Ein alter, finsterer Nomad,
Und Labetrunk und Speise,
Das Beste, das er ihm erlas,
Stellt er ihm heimlich vor ins Gras,

Nimmt wieder seine Stelle dann. -
Noch starrt die stumme Runde
Den Bleichen an, ob auch verrann
Der Nacht schon manche Stunde;
Bis aus dem Schlummer fährt empor
Der Mann, ders Vaterland verlor.

Da grüßen sie den Fremden mild
Und singen ihm zu Ehre
Gesänge tief und schlachtenwild
Hinaus zur Wüstenleere.
Blutrache, nach der Väter Brauch,
Ist ihres Liedes heißer Hauch.

Wie faßt und schwingt sein Schwert der Held,
Der noch vom Traum berückte!
- Er steht auf Ostrolenkas Feld; -
Wie lauschet der Entzückte,
Vom stürmischen Gesang umweht!
Wie heiß sein Blick nach Feinden späht!

Doch nun der Pole schärfer lauscht,
Sinds fremde, fremde Töne;
Was ihn im Waffenglanz umrauscht,
Arabiens freie Söhne,
Auf die der Mond der Wüste scheint:
Da wirft er sich zur Erd - und weint.


       Sehnsucht nach Vergessen

Lethe! brich die Fesseln des Ufers, gieße
Aus der Schattenwelt mir herüber deine
Welle, daß den Wunden der bangen Seel ich
Trinke Genesung.

Frühling kommt mit Duft und Gesang und Liebe,
Will wie sonst mir sinken ans Herz; doch schlägt ihm
Nicht das Herz entgegen wie sonst. - O Lethe!
Sende die Welle!


        An der Bahre der Geliebten

Blaß und auf immer stumm, auf immer! liegst du
Hingestreckt, o Geliebte, auf der Bahre!
Deine Reize lockten den Tod, er kam, er
Hält dich umarmet!

Einst in der Kühlung leiser Abendwinde
Saßen wir am Gemurmel eines Baches,
Und ich sprach aus zitternder Seele dir: "Ich
Liebe dich ewig!"

Aber du neigtest sinnend nach den Wellen,
Nach den flüchtigen, tief dein schönes Antlitz,
Wie ergriffen von dem Geflüster dunkler
Stimmen der Zukunft.

Schmerzlich berührt von deinem Schweigen, frug ich,
Ob vernommen das Wort du meiner Seele,
Und du nicktest hold; doch es dünkte mir dein
Nicken zuwenig. -

Glühende Tränen stürzen mir vom Auge,
Und sie pochen an deine kalte Stirne,
Ach, von der geflohen dahin das stille
Sinnen der Liebe.

Meine gebrochne Stimme ruft dir bange
Nach: "Ich liebe dich ewig!" O wie selig
Wär ich nun, antwortete meinem Schmerz dein
Leisestes Nicken!


                Am Grabe Höltys

Hölty! dein Freund, der Frühling, ist gekommen!
Klagend irrt er im Haine, dich zu finden;
Doch umsonst! sein klagender Ruf verhallt in
Einsamen Schatten!

Nimmer entgegen tönen ihm die Lieder
Deiner zärtlichen schönen Seele, nimmer
Freust des ersten Veilchens du dich, des ersten
Taubengegirres!

Ach, an den Hügel sinkt er deines Grabes
Und umarmet ihn sehnsuchtsvoll: "Mein Sänger
Tot!" So klagt sein flüsternder Hauch dahin durch
Säuselnde Blumen.



   Primula veris

            1

Liebliche Blume,
Bist du so früh schon
Wiedergekommen?
Sei mir gegrüßet,
Primula veris!

Leiser denn alle
Blumen der Wiese
Hast du geschlummert,
Liebliche Blume,
Primula veris!

Dir nur vernehmbar
Lockte das erste
Sanfte Geflüster
Weckenden Frühlings,
Primula veris!

Mir auch im Herzen
Blühte vor Zeiten,
Schöner denn alle
Blumen der Liebe,
Primula veris!

            2

Liebliche Blume,
Primula veris!
Holde, dich nenn ich
Blume des Glaubens.

Gläubig dem ersten
Winke des Himmels
Eilst du entgegen,
Öffnest die Brust ihm.

Frühling ist kommen.
Mögen ihn Fröste,
Trübende Nebel
Wieder verhüllen;

Blume, du glaubst es,
Daß der ersehnte
Göttliche Frühling
Endlich gekommen,

Öffnest die Brust ihm;
Aber es dringen
Lauernde Fröste
Tödlich ins Herz dir.

Mag es verwelken!
Ging doch der Blume
Gläubige Seele
Nimmer verloren.


    Die Heidelberger Ruine

Freundlich grünen diese Hügel,
Heimlich rauscht es durch den Hain,
Spielen Laub und Mondenschein,
Weht des Todes leiser Flügel.

Wo nun Gras und Staude beben,
Hat in froher Kraft geblüht,
Ist zu Asche bald verglüht
Manches reiche Menschenleben.

Mag der Hügel noch so grünen;
Was dort die Ruine spricht
Mit verstörtem Angesicht,
Kann er nimmer doch versühnen.

Mit gleichgültiger Gebärde
Spielt die Blum in Farb und Duft,
Wo an einer Menschengruft
Ihren Jubel treibt die Erde.

Kann mein Herz vor Groll nicht hüten:
Ob sie holde Düfte wehn
Und mit stillem Zauber sehn:
Kalt und roh sind diese Blüten.

Über ihrer Schwestern Leichen,
Die der rauhe Nord erschlug,
Nehmen sie den Freudenzug;
Gibt der Lenz sein Siegeszeichen.

Der Natur bewegte Kräfte
Eilen fort im Kampfgewühl;
Fremd ist weiches Mitgefühl
Ihrem rüstigen Geschäfte. -

Unten braust der Fluß im Tale,
Und der Häuser bunte Reihn,
Buntes Leben schließend ein,
Schimmern hell im Mondenstrahle.

Auf den Frohen, der genießet
Und die Freude hält im Arm;
Auf den Trüben, der in Harm
Welkt und Tränen viel vergießet;

Auf der Taten kühnen Fechter -
Winkt hinab voll Bitterkeit
Die Ruine dort, der Zeit
Steinern stilles Hohngelächter.

Doch hier klagt noch eine Seele.
Sei gegrüßt in deinem Strauch!
Sende mir den bangen Hauch,
Wunderbare Philomele!

Wohl verstehst du die Ruine,
Und du klagst es tief und laut,
Daß durch all die Blüten schaut
Eine kalte Todesmiene;

Folgst dem Lenz auf seinen Zügen;
Und zu warnen unser Herz
Vor der Täuschung bittrem Schmerz,
Straft ihn deine Stimme Lügen.

Doch - nun schweigst du, wie zu lauschen,
Ob in dieser Maiennacht
Heimlich nicht noch andres wacht
Als der Lüfte sanftes Rauschen.

Die der Tod hinweggenommen,
Die hier einst so glücklich war,
Der geschiednen Seelen Schar,
Nachtigall, du hörst sie kommen;

Von den öden Schattenheiden
Rief des Frühlings mächtig Wort
Sie zurück zum schönen Ort
Ihrer frühverlaßnen Freuden.

An den vollen Blütenzweigen
Zieht dahin der Geisterschwall,
Wo du lauschest, Nachtigall,
Halten sie den stillen Reigen;

Und sie streifen und sie drängen
- Dir nur träumerisch bewußt -
Deine weiche, warme Brust,
Rühren sie zu süßen Klängen.

Selber können sie nicht künden,
Seit der Leib im Leichentuch,
Ihren nächtlichen Besuch
Diesen treugeliebten Gründen.

Nun sie wieder müssen eilen
In das öde Schattenreich,
Rufest du so dringend weich
Ihnen nach, sie möchten weilen. -

Blüten seh ich niederschauern;
Die mein Klagen roh und kalt
Gegen die Gestorbnen schalt,
Jetzo muß ich sie bedauern;

Denn mich dünkt, ihr frohes Drängen
Ist der Sehnsucht Weiterziehn,
Mit den Blüten, die dahin,
Um so bälder sich zu mengen.

Hat die leichten Blütenflocken
Hingeweht der Abendwind?
Ist des Frühlings zartes Kind
An dem Geisterzug erschrocken?


          Der Postillion

Lieblich war die Maiennacht,
Silberwölklein flogen,
Ob der holden Frühlingspracht
Freudig hingezogen.

Schlummernd lagen Wies und Hain,
Jeder Pfad verlassen;
Niemand als der Mondenschein
Wachte auf der Straßen.

Leise nur das Lüftchen sprach,
Und es zog gelinder
Durch das stille Schlafgemach
All der Frühlingskinder.

Heimlich nur das Bächlein schlich,
Denn der Blüten Träume
Dufteten gar wonniglich
Durch die stillen Räume.

Rauher war mein Postillion,
Ließ die Geißel knallen,
Über Berg und Tal davon
Frisch sein Horn erschallen.

Und von flinken Rossen vier
Scholl der Hufe Schlagen,
Die durchs blühende Revier
Trabten mit Behagen.

Wald und Flur im schnellen Zug
Kaum gegrüßt - gemieden;
Und vorbei, wie Traumesflug,
Schwand der Dörfer Frieden.

Mitten in dem Maienglück
Lag ein Kirchhof innen,
Der den raschen Wanderblick
Hielt zu ernstem Sinnen.

Hingelehnt an Bergesrand
War die bleiche Mauer,
Und das Kreuzbild Gottes stand
Hoch, in stummer Trauer.

Schwager ritt auf seiner Bahn
Stiller jetzt und trüber;
Und die Rosse hielt es an,
Sah zum Kreuz hinüber:

"Halten muß hier Roß und Rad,
Mags euch nicht gefährden:
Drüben liegt mein Kamerad
In der kühlen Erden!

Ein gar herzlieber Gesell!
Herr, 's ist ewig schade!
Keiner blies das Horn so hell
Wie mein Kamerade!

Hier ich immer halten muß,
Dem dort unterm Rasen
Zum getreuen Brudergruß
Sein Leiblied zu blasen!"

Und dem Kirchhof sandt er zu
Frohe Wandersänge,
Daß es in die Grabesruh
Seinem Bruder dränge.

Und des Hornes heller Ton
Klang vom Berge wieder,
Ob der tote Postillion
Stimmt' in seine Lieder. -

Weiter gings durch Feld und Hag
Mit verhängtem Zügel;
Lang mir noch im Ohre lag
Jener Klang vom Hügel.