Lichtenstein

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Inhalt

Biografie

                Landschaft

Wie alte Knochen liegen in dem Topf
Des Mittags die verfluchten Straßen da.
Schon lange ist es her, daß ich dich sah.
Ein Junge zupft ein Mädchen an dem Zopf.

Und ein paar Hunde sielen sich im Dreck.
Ich ginge gerne Arm in Arm mit dir.
Der Himmel ist ein graues Packpapier,
Auf dem die Sonne klebt - ein Butterfleck.


                           Angst

Wald und Flur liegt tot in Schutt und Scherben.
Himmel klebt an Städten wie ein Gas.
Alle Menschen müssen sterben.
Glück und Glas, wie bald bricht das.

Stunden rinnen matt wie trübe Flüsse
Durch der Stuben parfümierten Sumpf.
Spürst du die Pistolenschüsse -
Ist der Kopf noch auf dem Rumpf.


         Mondlandschaft

Oben brennt das gelbe Mutterauge.
Überall liegt Nacht wie blaues Tuch.
Fraglos ist, daß ich jetzt Atem sauge.
Ich bin nur ein kleines Bilderbuch.

Häuser fangen Träume bunter Schläfer
Wie in Netzen in den Fenstern auf.
Autos kriechen wie Marienkäfer
Leuchtende Straßen hinauf.


          Landschaft in der Frühe

Die Luft ist grau. Wer weiß was gegen Ruß?
Bei einem Ochsen, der am Boden frißt,
Steht staunend ein tiefernster Hochtourist.
Bald gibt es einen kräftgen Regenguß.

Ein Junge, der auf eine Wiese pißt,
Wird zu dem Quell von einem kleinen Fluß.
Was soll man machen, wenn man ernsthaft muß!
Mensch, sei natürlich. Gib dich, wie du bist.

Ein Dichter geht in dieser Welt umher,
Besieht sich den geregelten Verkehr
Und freut sich über Himmel, Feld und Mist.

Ach, und notiert sich alles sorgsam auf.
Dann steigt er einen hohen Berg hinauf,
Der gerade in der Nähe ist.


           Rückkehr des Dorfjungen

In meiner Jugend war die Welt ein kleiner Teich,
Großmutterchen und rotes Dach, Gebrüll
Von Ochsen und ein Busch aus Bäumen.
Und ringsumher die große grüne Wiese.

Wie schön war dieses In-die-Weite-Träumen.
Dies Garnichtssein als helle Luft und Wind
Und Vogelruf und Feenmärchenbuch.
Fern pfiff die fabelhafte Eisenschlange -


              Sommerfrische

Der Himmel ist wie eine blaue Qualle.
Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel -
Friedliche Welt, du große Mausefalle,
Entkäm ich endlich dir ... O hätt ich Flügel -

Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten.
Ein jeder übt behaglich seine Schnauze.
Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten,
Hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce.

Wär doch ein Wind ... zerriß mit Eisenklauen
Die sanfte Welt. Das würde mich ergetzen.
Wär doch ein Sturm ... der müßt den schönen blauen
Ewigen Himmel tausendfach zerfetzen.


      Nachmittag, Felder und Fabrik

Ich kann die Augen nicht mehr unterbringen.
Ich kann die Knochen nicht zusammenhalten.
Das Herz ist stier. Kopf muß zerspringen.
Rings weiche Masse. Nichts will sich gestalten.

Die Zunge bricht mir. Und das Maul verbiegt sich.
In meinem Schädel ist nicht Lust noch Ziele.
Die Sonne, eine Butterblume, wiegt sich
Auf einem Schornstein, ihrem schlanken Stiele.


                   Regennacht

Der Tag ist futsch. Der Himmel ist ersoffen.
Wie falsche Perlen liegen kleine Stumpen
Zerhackten Lichts umher und machen offen
Ein wenig Straße, ein paar Häuserklumpen.

Verfault ist alles sonst und aufgefressen
Von schwarzem Nebel, der wie eine Mauer
Herunterfällt und morsch ist. Und im Pressen
Bröckelt wie Schutt der Regen - dichter - grauer -

Als wollte jeden Augenblick die ganze
Verseuchte Finsternis zusammensinken.
Wie eine seltsame, ertrunkne Pflanze
Unten im Sumpf siehst du ein Auto blinken.

Die ältsten Huren kommen angekrochen
Aus nassen Schatten - schwindsüchtige Kröten.
Dort schleicht eins. Dorten wird ein Schein erstochen.
Der Regensturz will alles übertöten ...

Du aber wanderst durch die Wüsteneien.
Dein Kleid hängt schwer. Durchnäßt sind deine Schuhe.
Dein Auge ist verrückt von Gier und Schreien.
Und dieses treibt dich - und du hast nicht Ruhe:

Vielleicht erscheint inmitten düstrer Feuer
Der Teufel selbst in der Gestalt des Schweines.
Vielleicht geschieht etwas ganz ungeheuer
Blödsinniges, Brutales, Hundsgemeines.


                         Punkt

Die wüsten Straßen fließen lichterloh
Durch den erloschnen Kopf. Und tun mir weh.
Ich fühle deutlich, daß ich bald vergeh -
Dornrosen meines Fleisches, stecht nicht so.

Die Nacht verschimmelt. Giftlaternenschein
Hat, kriechend, sie mit grünem Dreck beschmiert.
Das Herz ist wie ein Sack. Das Blut erfriert.
Die Welt fällt um. Die Augen stürzen ein.


                       Der Sturm


Im Windbrand steht die Welt. Die Städte knistern.
Halloh, der Sturm, der große Sturm ist da.
Ein kleines Mädchen fliegt von den Geschwistern.
Ein junges Auto flieht nach Ithaka.

Ein Weg hat seine Richtung ganz verloren.
Die Sterne sind dem Himmel ausgekratzt.
Ein Irrenhäusler wird zu früh geboren.
In San Franzisko ist der Mond geplatzt.


Beim Betrachten einer Menschenlunge in Spiritus

Ganz ohne Grauen frißt du täglich totes Fleisch.
Und totes Blut ist dir ein süßer Saft.
Erschrickst du nicht? -

Zwar haben deine frühsten Väter auch
Und ehe du erwachtest wurde schon
Dir tausend Totes in den Leib gestopft.

Wie aber muß der erste, der das Tier
Erschlug, herzlich erschrocken sein -
Da, als er sah, daß das, was flatterte,
Was sprang und schreien konnte und im Sterben noch
So flehende Welt in den Augen hatte,
Mit einemmal
Nicht mehr da war.


          In der Lungenheilstätte

Viele kranke Leute gehen in den Gärten
Her und hin und liegen in den Hallen.
Die die Kränksten sind, verfiebern
Alle armen Tage in dem heißen
Grab der Betten.
Ach, katholische Schwestern schweben
Müd umher in schwarzen Gewändern.
Gestern ist einer gestorben. Heute kann einer sterben.
In der Stadt feiern sie Fasching.
Den Unterschied
Möchte ich Klavier spielen können.


                        Sonntag

Ein Kaufmann geht mit Frau und Kind spazieren.
Schulbuben fahren um die Wette Rad.
Frau Sonne trocknet einen Leichenkutscher.
Ein Spieler setzt den anderen schachmatt.

Korrekte Leute wandern in die Kirchen.
In einem Zimmer hängt sich einer auf.
Todmüder Dichter wirft in schönster Stunde
Zum letztenmal die kranke Faust hinauf.


      Die Zeichen

Die Stunde rückt vor.
Der Maulwurf zieht um.
Der Mond tritt wütend hervor.
Das Meer stürzt um.

Das Kind wird Greis.
Die Tiere beten und flehen.
Den Bäumen ist der Boden unter den Füßen zu heiß.
Der Verstand bleibt stehen.

Die Straße stirbt ab.
Die stinkende Sonne sticht.
Die Luft wird knapp.
Das Herz zerbricht.

Der Hund hält erschrocken den Mund.
Der Himmel liegt auf der falschen Seite.
Den Sternen wird das Treiben zu bunt.
Die Droschken suchen das Weite.


                     Das Ende

Ein Windkloß überzieht wie weißer Schwamm
Die grüne Leiche der verlornen Welt.
Erfrorne Flüsse sind ein Eisendamm,
Der morsche Reste noch zusammenhält.

In einer kleinen Regenecke steht
Die letzte Stadt in steinerner Geduld.
Ein toter Schädel liegt - wie ein Gebet -
Schief auf dem Leib, dem schwarzen Büßerpult.




C. Die Gedichte des Kuno Kohn

                Mein Ende

Halbe Hände halten mein Schicksal.
Wo wird es sinken ...
Meine Schritte sind winzig wie die Schritte von Fraun.

Ein Abend hat alle Träume verwüstet.
Kein Schlaf fällt mir ein -


         Lied der Sehnsucht des Kuno Kohn

Die Falten des Meeres platzen wie Peitschen auf meiner Haut.
Und die Sterne des Meeres reißen mich auf.

Von schreienden Wunden ist der Abend des Meeres Einsamen.
Aber die Liebenden finden den guten verträumten Tod ...

Sei bald da, Schmerzäugige, das Meer tut so weh.
Sei bald da, Liebleidende, das Meer erschlägt mich so.

Deine Hände sind kühle Heilige. Hüll mich mit ihnen, das Meer brennt auf mir.
Hilf doch! Hilf doch! ... Deck mich. Rette mich. Heil mich, Freundin.

Mutter ... du -


      Überfall

Schon Untergang -
Das war aber schnell ...
Kaum Spur von Aufgang - -

Ich bin über die Welt gewachsen.
Ich bin der Allgott geworden
Und furchtbar wach.
Und jetzt muß ich den Tod wegwerfen ...

Mein Sterben ist stumm
Und ohne Bilder ...

Ohne Erlösung - - -


                          Pathos


Du liebst mich nicht ... Ich hab dich nie gereizt ...
War nie dein Typ ...
Und meine harten Augen sind dir lästig, Liebchen ...
Ich bin dir viel zu finster. Und zu grob -
Und meine weißen Zähne blitzen so brutal
Und meine blutgen Lippen sind so schrecklich sichlich.
Ach, was du sagst - -
Doch, du hast wirklich recht. Ich geb dich ... frei.
... Und morgen in der Früh fahr ich zu einem Meer,
Das blau und ewig ist ...
Und liege da am Strand ...
Und spiele lächelnd, bis ein Tod mich greift,
Mit Sand und Sonne und mit einer weißen
Schlanken Hündin.


               Liebeslied

Helle Länder sind deine Augen.
Vögelchen sind deine Blicke,
Zierliche Winke aus Tüchern beim Abschied.

In deinem Lächeln ruh ich wie in spielenden Booten.
Deine kleinen Geschichten sind aus Seide.

Ich muß dich immer ansehen.


               Der Entleibte

Weiß lieg ich
Auf einem Rest von einem Rummelplatz
Zwischen zackigen Bauten -
Brennende Blume ... leuchtender See ...

Zehen und Hände
Streben ins Leere.
Sehnsucht zerreißt den weinenden Körper.
Über mich gleitet der kleine Mond.

Augen greifen
Weich in tiefe Welt,
Hüten versunken
Wandernde Sterne.


      Der Gerührte

Ich habe gern verlassen
Den lauten Tod der Stadt,
Der tausend Fratzen hat,
Die gelbe Nacht der Gassen.

Ich schreite in den weiten,
Silbrigen Himmel ein;
Die frommen Glieder gleiten
Tief in das sanfte Sein.

Ich bin im weißen Leuchten
Von Wolke, Wiese, Wind.
Bin Baum, bin Dorf, bin Kind..
Wie sich die Augen feuchten!

Bald wird am Silberende
Der grüne Abend stehn ...
Ich hebe selge Hände -
Will ihm entgegengehn -


Gebet an die Menschen

Ich geh in den Tagen
Wie ein Dieb.
Und niemand hört
Mein Herz zu sich klagen.

Habt, bitte, Erbarmen.
Habt mich lieb.
Ich hasse euch.
Ich will euch umarmen.


Wanderer im Abend

Kuno Kohn singt:
Der staubige Sonntag
Liegt zerbrannt.
Verkohlte Kühle
Bemuttert das Land.

Verkommene Sehnsucht
Klafft weit wieder auf.
Träume und Tränen
Strömen herauf.


                        Abend

Die Häuser stehen steif an ihren Gattern.
Laß deine Augen, letzte Spatzen, flattern.

Schmeißfliegen setzen sich auf Dein Gesicht.
Spürst, Kuno, Du die ewgen Mühlen nicht -

Der Stumpfe bohrt Dir Löcher in den Kopf.
Sieh noch den Mond, der Mörder Mostrichtopf.


             Frühling

Alle Männer sind jetzt gierig,
Alle Weiber schrein,
Ducke dich in deinen Buckel,
Bleib allein -


Die fünf Marienlieder des Kuno Kohn

                  Erstes Lied:

So viele Jahre sucht ich dich, Maria -
In Gärten, Stuben, Städten und Gebirgen,
In Buden, Dirnen, in Theaterschulen,
In Krankenbetten und in Irrenzimmern,
In Küchenmädchen, Schreien, Frühlingsfeiern,
In allen Wettern und in allen Tagen,
In Kaffeehäusern, Müttern, Tänzerinnen -
Ich fand dich nicht in Kneipen, Kinobildern,
Musiklokalen, Sommerdampferfahrten ...
Wer sagt die Qual, wenn ich in Nacht auf Straßen
Nach dir zum toten Himmel schrie -

                Nächstes Lied:

Der dich so sucht, Maria, wird ganz grau.
Der dich so sucht, verliert Gesicht und Bein.
Zerfällt im Herzen. Blut und Traum entweicht.
Käm ich zur Ruh ... Wär ich in deiner Hand ...
O, nähmst du mich in deine Augen auf ...

                 Hohes Lied:

Maria du - daran zu denken, wie
Ich dich empfand ... Der schwere Kopf versinkt -
Meer nur und Mond - Meermond und Wind und Welt -

Um deine weiße Haut der weiße Sand, Maria -
Dein Haar ... Dein Lächeln ... Rings ist Meer und Not
Und Ruf und Sehnsucht und ein sanftes Glück -

All dieses Singen, das so müde macht ...
Kommt nicht der Himmel wie ein Mutterlied
Zur Stirn des Kindes hin und hin zu uns -

                Trauriges Lied:

Jetzt geh ich wieder zwischen Tagen, Tieren,
Gestein und tausend Augen und Getön -
Der Fremdeste. Ich mußte dich verlieren ...
Dein Sündenleib, Maria, war so schön -

Jetzt such ich wieder zwischen Tagen, Tieren,
Gestein und Lärm vergeblich deine Spur.
Jetzt weiß ich auch: ich mußte dich verlieren ...
Ich fand nicht dich - dein Name war es nur -

                  Letztes Lied:

Komm nur, mein Regen ... fall mir ins Gesicht -
Gelbe Laternen ... werft die Häuser um -
Heile und glatte Wege will ich nicht.

So ist es schön ... nur im Laternenschein ...
Maria ... dunkler Regen ringsherum -
So geht sichs gut. Ich möchte bei dir sein.

Was sind mir Berge und das flache Land -
Was Städte mir und bunter Nacht Hypnose -
Zurück zum Meer ... Zurück zum Sternenstrand.

Du bist nicht ganz Maria, die ich suchte.
Doch bist auch du Maria - Grenzenlose ...
Geliebte ... Törin ... sehnsüchtig Verfluchte ...


         Kunos Nachtlied

Täglich, wenn es so sehr dunkelt,
Daß ich nicht mehr lesen kann,
Lauf ich singend auf die Straße,
Sehe jedes Mädchen an ...

Ob vielleicht - wer will das wissen -
Gerade heut ein Wunder sei:
Daß ich als Erlöster heimkehr,
Friedlich und für ewig frei ...

Komme ich vom vielen Suchen
Müde und verwirrt nach Haus,
Weiß ich ein geheimes Mittel,
Das löscht alle Leiden aus -


                            Spaziergang

Der Abend kommt mit Mondschein und seidner Dunkelheit.
Die Wege werden müde. Die enge Welt wird weit.

Opiumwinde gehen feldein und feldhinaus.
Ich breite meine Augen wie Silberflügel aus.

Mir ist, als ob mein Körper die ganze Erde wär.
Die Stadt glimmt auf: Die tausend Laternen wehn umher.

Schon zündet auch der Himmel fromm an sein Kerzenlicht.
... Groß über alles wandert mein Menschenangesicht -


               Aschermittwoch

Gesten noch ging ich gepudert und süchtig
In der vielbunten tönenden Welt.
Heute ist alles schon lange ersoffen.

Hier ist ein Ding.
Dort ist ein Ding.
Etwas sieht so aus.
Etwas sieht anders aus.
Wie leicht pustet einer die ganze
Blühende Erde aus.

Der Himmel ist kalt und blau.
Oder der Mond ist gelb und platt.
Ein Wald hat viele einzelne Bäume.

Ist nichts mehr zum Weinen.
Ist nichts mehr zum Schreien.
Wo bin ich -


          Der Sohn

Mutter, halte mich nicht,
Mutter, dein Streicheln tut weh,
Sieh durch mein Gesicht,
Wie ich glüh und vergeh.

Gib den letzten Kuß. Laß mich frei.
Schick mir Gebete nach.
Daß ich dein Leben zerbrach,
Mutter, verzeih.


                 An Frida

            (L.L. gewidmet)

Zwischen uns sind Wände Trennung.
Spinnetze Sonderbares.
Doch oft fliege ich schmal in meiner sinkenden
Händeringenden Stube, ein blutender Piepmatz.
Wärst du da.
Ich bin so ermordet.
Frida.




D. Weitere Gedichte

                   Fern

Ich möchte in Nacht mich bergen,
Nackt und scheu,
Und um die Glieder Dunkelheit decken
Und warmen Glanz ...
Ich möchte weit hinter die Hügel der Erde wandern -
Tief hinter die gleitenden Meere,
Vorbei den singenden Winden ...
Dort treff ich die stillen Sterne,
Die tragen den Raum durch die Zeit
Und wohnen am Tode des Seins,
Und zwischen ihnen sind graue,
Einsame Dinge ...
Welke Bewegung vielleicht
Von Welten, die lange verwesten -
Verlorener Laut -
Wer will das wissen ...
Mein blinder Traum wacht fern den Wünschen der Erde.


                Die Plagiatoren

Ein jeder ist ein Teil vom Schicksal andrer,
Die vor ihm waren und die um ihn gehen,
Die auch nur einmal, eilge Weiterwandrer,
Den Weg ihm kreuzend, flüchtig bei ihm stehen.

Sie kommen, kommen ohne Zweck und Sinn,
Entfernen sich mit leichtem Wanderschritt.
Sie bringen alle etwas zu ihm hin.
Sie nehmen alle etwas von ihm mit.


    Vergnügtes Mädchen

           (Zu einem Bild)

Sieh doch, so ein feines Luder!
Diesmal hatt' ich wirklich Schwein.
Sein Gesicht ist weiß wie Puder -
Louis, nimm ihn! Laß mich sein ...

Wird sich noch ein Bein ausrenken -
Oder schlägt an einen Pfahl -
Hui, der wird sein Lebtag denken
An den heut'gen Karneval.

Kannst ihn ganz allein behalten ...
Daß dich nur kein Wachmann faßt -
Geh doch zu der Sau, der alten,
Die du ja viel lieber hast.

Ich find alle Tage einen
Neuen Freund ... ich brauch dich nicht.
Louis schielt nach meinen Beinen,
Schimpft. Und schlägt mich ins Gesicht:

"Wirst du gleich ihn bei den Füßen
Fassen ... Quatsch nicht ... So ... Gradaus.
Warte, Schleimstück, du sollst's büßen,
Kommst du erst mit mir nach Haus!"

Mich ergreift ein tolles Fieber.
Hiii - ich freu' mich fürchterlich.
Endlich wieder ist mein lieber
Süßer Schieber geil auf mich.


               Karnevalstraum

                 (Zu einem Bild)

Ich mach den Karneval sobald nicht wieder mit.
So schlimm ist mir mein Lebtag nicht gewesen,
Und solche Träume hab ich nie geträumt:

Auf einem harten, kahlen Wege, der der Stadt,
Die ihn nicht halten konnte, fast entlaufen ist
Und nun, ein Bettler, in den Himmel wandert, schreiten
Ein Mann, ein Weib. - Der Mann: robust, gemein,
Ein Raubtier, das sich auf das Fressen freut.
Das Weib: graziös und schlank, halbnackt, im Domino.
Herzlose Blicke stechen aus verbrauchten Augen ...
Kein Laster, kein Verbrechen ist ihr neu -
Und jedes hält wie ein Paket in einem Arm
Ein Bein von mir. Mein Körper schleift am Boden.

Und immer, wenn ich stöhnend meinen Kopf
Versuche zu erheben oder mit den Händen mich
Verzweifelt an die Erde klammern will,
Fühl ich des Mannes starke Knochen fester
Um meinen Fuß sich legen ... fühle, wie des Weibes
Grausames, kühles Fleisch sich plötzlich enger preßt,
Und mutlos, hoffnungslos sink ich zusammen -

Die beiden aber schreiten schweigend weiter,
Zu jeder Greueltat mit Lust bereit.


          Kientoppbildchen

Ein Städtchen liegt da wo im Land,
Wie üblich: altertümlich.
Und Bäume stehn am Straßenrand,
Die wackeln manchmal ziemlich.

Und Kinder laufen ungekämmt.
Sie haben nackte Beine.
Zufrieden schaut ein schmutzges Hemd
Von einer Wäscheleine.

Der Abend bringt den Zeitvertreib,
Laternen, Mond, Gespenster.
Recht häufig hängt ein altes Weib
In einem kleinen Fenster.


       Erotisches Variété

Auf offner Straße in der Nacht
Entkleidet sich ein Kneipenwirt.
Ein Ingenieur ist aufgebracht,
Der sich bei seinem Weib verirrt.

Nach gleichgesinnten Viechern schielt
Ein homosexueller Hund.
Ein Greis, der mit sich selber spielt,
Merkt: Allzuviel ist ungesund.

In schmutzig grüner Tunke hockt
Ein blauer Syphilitiker.
Ein Boxer bebt. Ein Baby bockt.
Verstiert fault ein Zylinderherr.

Ein Auto bringt ein Fräulein um.
Ein Junge bricht ein Mädchen an.
Verbittert ist ein Mensch. Warum?
Weil er nicht coitieren kann.


  Etwa an einen blassen Neuklassiker

Du, früher August, fühlst dich jetzt Hellene.
Dahin sind Hurenhuld und Schiebetänze,
Die Poesie Berliner Äppelkähne
Entschwand dir in dem Blau der Griechenlenze.

Die Zeiten ändern sich. Der Mann wird reifer,
Hübsch licht und weich wird seine saure Seele.
Du zwitscherst jetzt mit Macht und vielem Eifer
Dein sanftes Lied aus der geölten Kehle.

Was du gelernt von Journalisten hast,
Umgibst du schön mit klassischen Fassaden.
Und mit geschwollnen Segeln an dem Ast,
Gelangst du bald zu fetteren Gestaden.

Wer trillert nun die imitierte Flöte:
Verlogner Shakespeare und erborgter Goethe.


                  Soldatenlieder

                             1

Gut ist und schön, ein Jahr Soldat zu sein.
Man lebt so länger. Und man freut sich doch
Mit jedem Funken Zeit, den man dem Tod entreißt.
Dies arme Hirn, zerfetzt von Städtersehnsucht,
Blutig von Büchern, Leibern, Abenden,
Trostlos betrübt und aller Sünden voll,
Dreiviertel schon zerstört - kann nun
Beim Stillestehen und beim Aufmarschieren,
Beim Armerollen und beim Beineschwingen
In einer Ecke des Schädels sanft verrosten.

O, der Gestank in einer Marschkolonne.
O, Laufschritt über holdes Frühlingsland.

                             2

Ich muß eine Stunde vor den anderen kommen,
Weil ich schlecht geschossen habe.
Ich werde wohl nicht befördert werden.
Und nachexerzieren muß ich zur Strafe,
Weil ich, während die anderen vorschriftsmäßig
Starr auf die Mütze der Vorderen blickten,
Als wir vor der roten Sonne
Über die leuchtenden Felder marschierten,
Vorsichtig zu dem kleinen Flieger schielte,
Der über mir in dem großen, glühenden
Abendhimmel wie eine Biene summte.

                           3

Ich weiß, ich weiß: dies Leben ist gesund.
Zwar hört man meine Griffe kaum,
Doch hau ich mir die Hände wund.
Statt auf dem verfluchten Kasernenhof
Könnte ich jetzt in einer Wiese sein.

Vor versammelter Mannschaft fängt ein Mann
Bitterlich zu weinen an.

                          4

Ich habe manchmal Angst: ein Jahr ist lang,
Unendlich lang. Und ewig Beineschwingen ...
Den ganzen lieben Tag beim Körperkneten
Und beim Parademarsch, beim Platzpatronenschießen
Die Welt vergessen müssen ... daß man noch am Abend
Beim Bier ganz dumpf ist, noch beim Schlafengehn
Den schweren Helm auf seiner Stirne spürt -
Und in der Nacht von den Sergeanten träumt - -

                          5

Schon kommen Sonntage und Abende,
In denen ich ganz leer und lustlos schreite,
Ganz gläsern bin, zum Spaß mit Hunden spiele,
Ach, oder kleine Steine, die ich fand,
Mühsam und sinnlos durch die Straßen schleife.
Oft steh ich auch an meinen Fenstern faul herum,
Unschlüssig: soll ich nun in Bierlokalen
Mit Kameraden runden Stumpfsinn pflegen,
In flinken Kinos meine müden
Elenden Stunden töten und zum Zeitvertreib
Gutwillge Mädchen suchen: oder soll ich nur
In meiner Stube endlos auf und ab gehn.

Ich, der die Nächte wie ein Narr durchlief,
Zum Himmel schreiend tausend Wunder suchte.


             Gesänge an Berlin

                           1

O du Berlin, du bunter Stein, du Biest.
Du wirfst mich mit Laternen wie mit Kletten.
Ach, wenn man nachts durch deine Lichter fließt
Den Weibern nach, den seidenen, den fetten.

So taumelnd wird man von den Augenspielen.
Den Himmel süßt der kleine Mondbonbon.
Wenn schon die Tage auf die Türme fielen
Glüht noch der Kopf, ein roter Lampion.

                          2

Bald muß ich dich verlassen, mein Berlin.
Muß wieder in die öden Städte ziehn.
Bald werde ich auf fernen Hügeln sitzen.
In dicke Wälder deinen Namen ritzen.

Leb wohl, Berlin, mit deinen frechen Feuern.
Lebt wohl, ihr Straßen voll von Abenteuern.
Wer hat wie ich von eurem Schmerz gewußt.
Kaschemmen, ihr, ich drück euch an die Brust.

                             3

In Wiesen und in frommen Winden mögen
Friedliche heitre Menschen selig gleiten.
Wir aber, morsch und längst vergiftet, lögen
Uns selbst was vor beim In-die-Himmel-Schreiten.

In fremden Städten treib ich ohne Ruder.
Hohl sind die fremden Tage und wie Kreide.
Du, mein Berlin, du Opiumrausch, du Luder.
Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide.


           Vornehmer Morgen

Wie ewger Sonntag sieht die Straße aus.
Leichthin lehnt Gartenhaus an Gartenhaus.
Chauffeure radeln herrschaftlich vorbei.
Drei feine Bürger gleiten still entlang.
Kühl fliegt aus einem Fenster ein Gesang.
Von weither kommt im Wind ein Kinderschrei.

Und vor der Villa eines Herzogs steht,
Wie eine stramme Puppe eingenäht,
In buntes Tuch, rotleuchtend wie der Mohn,
Das funkelnde Gewehr in der gepflegten Hand,
Der königlich bayrische Gerichtspraktikant,
Herr Doktor juris Kuno Kohn.


                      Abschied

Wohl war ganz schön, ein Jahr Soldat zu sein.
Doch schöner ist, sich wieder frei zu fühlen.
Es gab genug Verkommenheit und Pein
In diesen unbarmherzgen Menschenmühlen.

Sergeanten, Bretterwände, lebet wohl.
Lebt wohl, Kantinen, Marschkolonnenlieder.
Leichtherzig lass ich Stadt und Kapitol.
Der Kuno geht, der Kuno kommt nicht wieder.

Nun, Schicksal, treib mich, wohin dir gefällt.
Ich zerre nicht an meiner Zukunft Hüllen.
Ich hebe meine Augen in die Welt.
Ein Wind fängt an. Lokomotiven brüllen.


                     Abschied

(kurz vor der Abfahrt zum Kriegsschauplatz für Peter Scher)

Vorm Sterben mache ich noch mein Gedicht.
Still, Kameraden, stört mich nicht.

Wir ziehn zum Krieg. Der Tod ist unser Kitt.
O, heulte mir doch die Geliebte nit.

Was liegt an mir. Ich gehe gerne ein.
Die Mutter weint. Man muß aus Eisen sein.

Die Sonne fällt zum Horizont hinab.
Bald wirft man mich ins milde Massengrab.

Am Himmel brennt das brave Abendrot.
Vielleicht bin ich in dreizehn Tagen tot.


                Die Granate

Zuerst ein heller knapper Paukenschlag,
Ein Knall und Platzen in den blauen Tag.

Dann ein Geräusch, wie wenn Raketen steigen.
Auf Eisenschienen. Angst und langes Schweigen.

Da plötzlich in der Ferne Rauch und Fall,
Ein seltsam harter dunkler Widerhall.


               Nach dem Gefecht

Am Himmel bullern nicht mehr die Haubitzen,
Die Kanoniere ruhn bei den Geschützen.

Die Infantrie schlägt sich jetzt Zelte auf,
Und langsam steigt der blasse Mond herauf.

Auf gelben Feldern lohn in roten Hosen,
Aschfahl von Tod und Pulver, die Franzosen.

Dazwischen hocken deutsche Sanitäter.
Der Tag wird grauer, seine Sonne röter.

Feldküchen dampfen. Dörfer sind in Brand.
Zerbrochne Karren stehn am Straßenrand.

Keuchende Radler lungern heiß und braun
An einem angebrannten Bretterzaun.

Und Ordonnanzen reiten schon
Vom Regiment zur Division.


   Die Schlacht bei Saarburg

Die Erde verschimmelt im Nebel.
Der Abend drückt wie Blei.
Rings reißt elektrisches Krachen
Und wimmernd bricht alles entzwei.

Wie schlechte Lumpen qualmen
Die Dörfer am Horizont.
Ich liege gottverlassen
In der knatternden Schützenfront.

Viel kupferne feindliche Vögelein
Surren um Herz und Hirn.
Ich stemme mich steil in das Graue
Und biete dem Tode die Stirn.