Müller

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Inhalt

Biografie

                             Der Chier

Ich hatt' ein schönes Schloß mit hohen, blanken Zinnen,
Und mancherlei Geschirr von Gold und Silber drinnen;
Und wenn ich von dem Dach hinab mein Auge schickte,
War alles meine Flur, was es rundum erblickte.
Ich hatt' ein edles Weib, die Flamme meiner Jugend,
Die Herrin jeder Huld, das Abbild aller Tugend.
Drei Söhne hatt' ich auch in rother Knabenblüthe,
In deren klarem Blick ein Hoffnungsmorgen glühte,
Der einen Tag verhieß von reiner, steter Sonne.
Ich hatt' ein Töchterlein, der Mutter bange Wonne,
Halb Jungfrau und halb Kind, ein Röslein, das die Schale
Der Knospe scheu und froh durchblickt zum ersten Male. -
Nun hab' ich nichts, als mich und eine scharfe Klinge,
Und wenn ich meinen Stahl auf die Barbaren schwinge,
Fühl' ich mich wunderreich. Bald hab' ich alles wieder,
Wann um mich weit und breit zerstückte Türkenglieder,
Zu Bergen aufgehäuft, als Rachemahle prangen.
Dann ist es satt getränkt, das brünstige Verlangen
Nach meinem edlen Gut, und über meinen Schätzen
Lieg' ich dahingestreckt, nicht todt daran zu letzen.


                              Thermopylä

Heil! Heil! Nie wird Thermopylä den Sieg der Sklaven sehn.
Heil! Ewig wird Thermopylä, ein Hort der Freiheit, stehn.
Da kreist er mit dem Flammenschwert als Wächter um den Paß,
Den er mit seinem Blut gefeit, der Held Leonidas,
Und hinter ihm die ganze Schaar der Treuen bis zum Tod,
Mit grünen Kränzen auf dem Haupt, die Brust ganz purpurroth.
Nun rottet euch zusammen nur, ihr Sklaven und ihr Herrn!
Ihr Söldnerhorden, zieht heran, heran von nah und fern!
Wir stehen bei Thermopylä; wir stehen Mann für Mann,
Zu zeigen euch, was Freiheit ist, was Freiheit will und kann.
Leonidas, ein Blick auf uns, ein Blick auf sie hinab!
Und nun laß uns im Kampf allein - wir stehn auf deinem Grab,
Da stehen wir, da fallen wir, da scharren sie uns ein;
Mit unsern Leichen wollen wir des Grabes Decke sein,
Daß nimmer deinen heil'gen Staub berühr' ein Sklavenfuß;
Er trete lieber doch auf uns, wenn er hier treten muß.
Heil! Heil! Nie wird Thermopylä den Sieg der Sklaven sehn.
Heil! Ewig wird Thermopylä, ein Hort der Freiheit, stehn.
Schon einmal sprang der Türkenstahl an diesem Felsgestein,
Schon einmal sank der halbe Mond hier in den Staub hinein,
Schon manche neue Schatten auch sind über uns zu sehn,
Die mit der alten Heldenschaar umschweben diese Höhn.
Wir kennen euch, wir folgen euch getreu in Sieg und Tod,
Wir färben unsre Brust, wie ihr, mit schönem Purpur roth.
Heran, ihr Sklaven, nur heran! wir haben unser Mahl
Genossen schon im Morgenroth, geleert ist der Pokal.
Wir kränzen unsre Stirn zum Fest, wir kränzen unser Schwert
Zum Siegesfest, zum Todesfest - was uns der Herr gewährt;
Nur sei des Todes werth der Sieg, des Sieges werth der Tod!
Vor Sparta's Leichen bebte hier der medische Despot,
Und fühlte sich besiegt im Sieg, und sah es selber an
Mit finstrem Blick, was Freiheit ist, was Freiheit will und kann.
Heran, ihr Sklaven, nur heran! Auch ihr, ihr sollt es sehn!
Heil! Ewig wird Thermopylä, ein Hort der Freiheit, stehn.


                                  Bozzari

Freiheit! war sein letzter Hauch. Freiheit hat e nun gefunden.
Frei flog seine Heldenseele aus des Busens offnen Wunden
In das Reich der Freiheit auf. Oder will sie noch verweilen
Unter uns und jeden Kampf mit den Erdenbrüdern theilen?
O so sei gegrüßt im Streite, sei gegrüßt beim Siegesmahle!
Wollen dir die ersten Tropfen aus dem schäumenden Pokale
Auf den Grabeshügel schütten, und die ersten Lorbeerzweige
Auf den nassen Rasen legen. Freier, sel'ger Geist, dann neige
Segnend dich herab und fache hell in uns empor die Gluthen,
Die auch mit des Heldenblutes letztem Tropfen nicht verbluten,
Die noch heut' im Staube brennen unter Pylä's heil'gen Grüften,
Die auf Marathons Gefilden ewig wehen in den Lüften,
Die wir alle in uns trinken recht in vollen, heißen Zügen,
Wenn Bozzari's Nam' ertönt und uns ruft zu neuen Siegen.


Neue Lieder der Griechen

Zweites Heft

                                     Hydra

Hoher, steiler, fester Felsen, darauf Hellas Freiheit ruht!
Seh' ich deine Wolkengipfel, steigt mein Herz, und wallt mein Blut.
Hoher, steiler, fester Felsen, den des Meeres Wog' umbraust,
Über dessen kahlem Scheitel wild die Donnerwolke saust!
Aber in das Ungewitter streckst du kühn dein Haupt empor,
Und es wankt nicht von dem Schlage, dessen Schall betäubt das Ohr;
Und aus seinen tiefsten Höhlen schleudert das erboste Meer
Wogenberg' an deine Füße, doch sie stehen stark und hehr,
Schwanken nicht, so viel die Tanne schwankt im linden Abendhauch,
Und die Wogenungeheuer brechen sich zu Schaum und Rauch.
Hoher, steiler, fester Felsen, darauf Hellas Freiheit ruht!
Hydra, hör' ich deinen Namen, steigt mein Herz, und wallt mein Blut;
Und mit deiner Segel Fluge schwebt in's weite Meer mein Geist,
Wo der Wind, wo jede Welle jubelnd deine Siege preist.
Ist Athen in Schutt zerfallen, liegt in Staub Amphions Stadt,
Weiß kein Enkel mehr zu sagen, wo das Haus gestanden hat,
Dessen Ziegel nach dem feigen Sohne warf der Mutter Hand,
Als er ohne Kranz und Wunde vor der Thür der Heldin stand:
Laßt die Thürm' und Mauern stürzen; was ihr baut, muß untergehn:
Ewig wird der Freiheit Felsen in dem freien Meere stehn!


                                  Bobolina

Bobolina, Bobolina, Königin der Meeresfluth!
Wie erglühen rings die Wogen um dich her so roth von Blut!
Wie dein schwarzer Witwenschleier stolz als Kriegsflagge weht,
Und mit tausend Argusaugen auf dem Mast die Rache steht!
Um sich späht sie durch die Meere, durch die Inseln, durch das Land,
Und es weint ihr jedes Auge, das noch keine Beute fand.

Bobolina, Bobolina! Durstig ist die Meeresfluth,
Durstig sind des Schiffes Balken, durstig sind wir all' nach Blut.
Horch, und aus der Wogen Grunde hallt ein dumpfer Geisterlaut:
Schütte Blut mir in die Tiefe, Bobolina, meine Braut!
Einen Bach für jeden Tropfen, der aus meinem Herzen sprang,
Als der Dolch der Henkersknechte des Tyrannen es durchdrang.

Bobolina, Bobolina, führ' uns in den Kampf hinein!
Hörst du nicht vom hohen Maste jubelnd schon die Rache schrein?
Sausend schwellen deine Segel, und das schwarze Schleiertuch
Flattert rauschend durch die Lüfte, wie des Leichenvogels Flug.
Bobolina, Bobolina, gieb das Zeichen zu dem Streit.
Warte nicht auf andre Boten! - Türkensegel sind nicht weit.


                         Der Mainottenknabe

Mutter, meinen Pfeil und Bogen werf' ich vor die Füße dir!
Nach den Scheiben und den Puppen noch zu schießen, ekelt mir.
Laß den Vater Türkenköpfe doch mir schicken aus dem Feld,
Dann, dann, Mutter, sollst du sehen, daß ich bin ein Schützenheld!
Hat vielleicht mein edler Vater zu dem Schicken keine Zeit,
Ei, so geh' ich selbst hinunter, wo er steht im heißen Streit,
Schneide mir mit meinem Messer selber ab den besten Kopf,
Und herauf nach unsern Bergen trag' ich ihn an seinem Schopf.
Das soll eine Freude werden! Alle Kinder ruf' ich her,
Alle spannen ihren Bogen, alle laden ihr Gewehr.
Wenn ich dann das Ziel nicht treffe, Mütterchen, so sperr' mich ein,
Und laß lange Weiberröcke meine Sonntagskleider sein!


                                  Die Suliotin

Ich hab' die Spindel lang' gedreht, hab' manche Winternacht
Gewebt am Stuhl, und froh dabei an's neue Kleid gedacht.
Ich hab' die Heerden auf den Höhn gehütet manchen Tag,
Und bin geklettert ohne Noth den jungen Ziegen nach;
Ich habe meinen Kleinen auch manch Kinderspiel gezeigt,
Und Sprung und Lauf und Schuß und Wurf ward mir mit ihnen leicht.
Jetzt schleif' ich einen Stahl für mich und drehe Sennen mir -
Mein Herr, mein Hort, mein Herz, o nimm mich in den Kampf mit dir!
Ich kenne jeden Felsenpfad auf Suli's steilen Höhn,
Und wo die flinke Gemse zagt, da kann ich sicher stehn.
Hast du noch nicht gesehn, was ich vermag im Sprung und Lauf,
Wohlan, so gieb ein Probestück mir mit den Männern auf!
Und eine Klippe zeige mir auf Suli weit und breit,
Die ich dir nicht erklettern kann zu aller Frauen Neid.
Den Vogel treff' ich in der Lust, wo's gilt nur einen Scherz -
Meinst du, verfehlen könnt' ich ja des großen Feindes Herz?
Mein Herr, mein Hort, mein Herz, o nimm mich in den Kampf mit dir!
Mein Töchterchen kann spinnen schon. - Was sitz' ich länger hier?
Mein jüngster Knabe steht allein. - Was ist mein Arm ihm werth?
Mein ältester geht auf die Jagd. - Was sorg' ich für den Herd?
Mit dir, mit dir will ich ins Feld! da hab' ich meinen Stand,
Bei dir, bei dir, da, Brust an Brust, da, Liebster, Hand in Hand!
Und sollt' ich fallen, sieh nicht hin, und denke nicht an mich,
Denk an den Feind, denk an den Kampf, und denke, Herz an dich,
An unsre Kinder, an dein Haus, an Suli's heil'ge Höhn,
An unsres Gottes Tempel, die auf ihren Gipfeln stehn,
An deiner Heldenväter Staub, und dann an eine Gruft
Für mich, für dich, in freier Erd' und unter freier Luft!


                           Lied vor der Schlacht

Wer für die Freiheit kämpft und fällt, deß Ruhm wird blühend stehn,
So lange frei die Winde noch durch freie Lüfte wehn,
So lange frei der Bäume Laub noch rauscht im grünen Wald,
So lang' des Stromes Woge noch frei nach dem Meere wallt,
So lang' des Adlers Fittig frei noch durch die Wolken fleugt,
So lang' ein freier Odem noch aus freiem Herzen steigt.

Wer für die Freiheit kämpft und fällt, deß Ruhm wird blühend stehn,
So lange freie Geister noch durch Erd' und Himmel gehn.
Durch Erd' und Himmel schwebt er noch, der Helden Schattenreihn,
Und rauscht um uns in stiller Nacht, in hellem Sonnenschein,
Im Sturm, der stolze Tannen bricht, und in dem Lüftchen auch,
Das durch das Gras auf Gräbern spielt mit seinem leisen Hauch.
In ferner Enkel Hause noch um alle Wiegen kreist
Auf Hellas heldenreicher Flur der freien Ahnen Geist;
Der haucht in Wunderträumen schon den zarten Säugling an,
Und weiht in seinem ersten Schlaf das Kind zu einem Mann.
Den Jüngling lockt sein Ruf hinaus mit nie gefühlter Lust
Zur Stätte, wo ein Freier fiel, da greift er in die Brust
Dem Zitternden, und Schauer ziehn ihm durch das tiefe Herz:
Er weiß nicht, ob es Wonne sei, ob es der erste Schmerz.
Herab, du heil'ge Geisterschaar, schwell' unsre Fahnen auf,
Beflügle unsrer Herzen Schlag und unsrer Füße Lauf!
Wir ziehen nach der Freiheit aus, die Waffen in der Hand,
Wir ziehen aus auf Kampf und Tod für Gott, für's Vaterland.
Ihr seid mit uns, ihr rauscht um uns, eur Geisterodem zieht
Mit zauberischen Tönen hin durch unser Jubellied.
Ihr seid mit uns, ihr schwebt daher, ihr aus Thermopylä,
Ihr aus dem grünen Marathon, ihr von der blauen See
Am Wolkenfelsen Mykale, am Salaminerstrand,
Ihr all' aus Wald, Feld, Berg und Thal im weiten Griechenland!

Wer für die Freiheit kämpft uns fällt, deß Ruhm wird blühend stehn,
So lange frei die Winde noch durch freie Lüfte wehn,
So lange frei der Bäume Laub noch rauscht im grünen Wald,
So lang' des Stromes Woge noch frei nach dem Meere wallt,
So lang' des Adlers Fittig frei noch durch die Wolken fleugt,
So lang' ein freier Odem noch aus freiem Herzen steigt.


                Die Könige und der König

Die auf der Erde Thronen mit Schwert und Zepter stehn,
Sie winken: fort von dannen! sobald sie uns ersehn.
Sie wollen uns verschließen die Häfen und das Land,
Sie wollen uns verschließen Ohr, Auge, Herz und Hand.
Der auf des Himmels Throne mit Kreuz und Palme steht,
Er winkt und ruft: Mir nahet, die ihr in Thränen geht!
zu mir kommt, ihr Betrübten! Ich bin an Troste reich,
Ich habe Augen, Ohren, hab' Wunden auch für euch.
Heil uns! Wir schauen fürder nicht mehr nach Nord und West;
Ob uns in West und Norden die Christenheit verläßt,
Christus will bei uns bleiben, und Christus ist uns nah:
Er winkt, und seine Heere sind schon zum Siege da.
Sie ziehn aus fernen Landen nicht her in trägem Zug,
Vom hohen Himmel stürzen sie mit des Blitzes Flug.
Dahin laßt uns denn schauen! Die Wolken wehren's nicht:
Durch Nacht und Dunst und Nebel des Glaubens Auge bricht.
Dahin laßt uns denn richten Herz, Aug', Ohr, Mund und Hand,
Dahin sei unser Jammer und unser Dank gesandt,
Dahin laßt Opfer steigen, und fehlt's an Weihrauchduft,
So fliegt des Feindes Flotte hoch dampfend in die Luft!


                           Lied des Trostes

Mit uns, mit uns ist Gott, der Herr! Drum Brüder, zaget nicht,
Wenn über unsern Häuptern auch die Wetterwolke bricht,
Die Donnerpfeile niederschießt und rothe Flammen speit!
Mit uns, mit uns ist Gott, der Herr! Zum Zagen ist nicht Zeit.

Ob unter solchen Schlägen auch der Heide niederfällt,
Die Faust geballt, das Haar gesträubt, allein auf weiter Welt,
Ob er den Boden wühlt und stampft, und in den Rasen beißt,
Und, seinen Blick zur Gruft gekehrt, verflucht den Lügengeist,
Der ihm Triumph und Heil verhieß im Kampfe für den Mond,
Und nun mit Wunden, Schmach und Tod den Gläubigen belohnt:
Wir Christen haben andern Brauch: sind auch die Hände wund,
Wir falten sie zusammen doch in unsrer letzten Stund',
Und sinken wir zur Erde hin, wir sinken auf die Knie',
Und brechen unsre Augen auch, gen Himmel brechen sie.
Mit uns, mit uns ist Gott, der Herr! Wir küssen fromm die Hand,
Die Wonn' und Sieg, die Pein und Tod auf uns herab gesandt.
Aus Noth und Tod in's Morgenroth! sei unser Feldgeschrei.
Ist es nicht ehr, dort werden wir ja Alle, Alle frei.


                     Alte und neue Tempel

Laßt die alten Tempel stürzen! Klaget um den Marmor nicht,
Wenn die Hand des blinden Heiden seine schöne Form zerbricht!
Nicht in Steinen, nicht in Asche wohnt der Geist der alten Welt,
In den Herzen der Hellenen steht sein königliches Zelt;
Darin hat er lang' geschlafen, hat an Gestern stets gedacht
Und des Morgens ganz vergessen in dem Traum der langen Nacht.
Und vom Vater zu dem Sohne, und zum Enkel von dem Sohn
Ging aus Brust in Brust der Schläfer und bewahrte seinen Thron.
Mancher hat wohl kaum geahnet, wen er in dem Herzen trug,
Auch als der Herr der Herren sprach das große Wort: Erwacht!
Und von Hellas Bergesgipfeln in der heil'gen Osternacht
Seiner Engel Schaaren bliesen die Posaunen durch das Land,
Da, da hat der alte Schläfer jauchzend sich in uns ermannt,
Ist gefahren durch die Glieder, in das Haupt und in die Hand,
Ja, bis in die Lanzenspitze, ja, bis in des Schwertes Knauf
Zuckt er, wenn des Kriegers Rechte schwingt die freien Waffen auf.
Laßt die alten Tempel stürzen! In uns ist der alte Geist,
Der uns einen neuen Tempel, einen ewigen verheißt,
Einen Tempel des Erhalters, der den Schläfer hat bewacht,
Einen Tempel des Erweckers in der heil'gen Osternacht!



Neue Lieder der Griechen

                         Crucifigite eum!

Welch ein Pharisäertroß tobet durch die vollen Gassen?
Wollt ihr Christum noch einmal an das Kreuzholz schlagen lassen?
Kreuzigt ihn! so hör' ich sie alle triumphirend rufen,
Und sie stürmen, wild gedrängt, des Palastes hohe Stufen.
Kreuzigt ihn! so rufen sie, und ich seh' sie Kreuze schlagen,
Über ihre Brust, auf der sie viel bunte Kreuze tragen.

"Was ihr dem Geringsten thut aus der Zahl der lieben Meinen,
Dieses thut ihr mir und ihm, der mich hieß der Welt erscheinen."
Also sprach der Heiland einst, und die Pharisäer wissen,
Wo der Spruch geschrieben steht, denn sie sind auf's Wort beflissen.
Pharisäer, haltet ein! Habt ihr nicht den Spruch gefunden?
Seht, es brechen blutend auf Jesu Christi tiefe Wunden!
Seht, es rinnt der rothe Schweiß kalt von seinen Schläfen nieder,
Und er ruft: Erbarme dich, Vater über meine Brüder!
Meine Brüder, die für mich werden an das Kreuz geschlagen,
Die der Heiden Joch für mich nach der Schädelstätte tragen!
Wie viel Augen, die auf dich blickten, sind hier ausgestochen!
Wie viel Herzen, die auf dich hofften, sind Qual gebrochen!
Wie viel Zungen, die dein Lob sangen, sind hier ausgeschnitten!
Wie viel Hände abgehaun, die für deine Kirche stritten!
Wie viel Lämmer deiner Flur raubt' der Wolf in seinem Grimme,
Ehe noch ihr Herz erkannt ihres treuen Hirten Stimme!
Pharisäer, habt ihr noch Stimme, "Kreuzigt ihn!" zu rufen?
Zittern eure Füße nicht nieder von den hohen Stufen?
O so mög' ein Donnerschlag euch des Odems Hauch benehmen,
Und ein Blitz vom Höllenpfuhl eure starren Kniee lähmen!


                 Pontii Pilati Händewaschen

O bringet doch Weihwasser her! Vom besten muß es sein;
Holt es aus Rom! Das römische, das wäscht ja Alles rein.
Pilatus, wasche deine Hand und wasche deinen Mund!
Die Hand, sie ist von Tinte schwarz, der Mund vom Gifte wund.
Nun wasch' und sprich: Ich habe nicht gestochen und gehaun,
An meinen beiden Händen ist kein Tropfen Blut zu schaun;
Nur Tint' und Geifer klebt mir an, damit hab' ich befleckt
Was heilig, hoch, rein, stark und frei, was Männerseelen weckt
Zu Wort und That, zu Kampf und Sieg, aus Kerkerschlaf und Tod,
Was aus des Grabes Nächten ruft des Lebens Morgenroth.
Damit hab' ich gepriesen auch, bejubelt und belacht,
Was wohl aus Heidenaugen selbst die Thränen fließen macht,
Was jedes Christenherz zerdrückt, zerbrennet und zerreißt,
Was zarte Lämmer brüllen lehrt und Löwen wimmern heißt.
O bringet doch Weihwasser her! Vom besten muß es sein.
Hab' nicht gestochen und gehaun - Weihwasser wäscht mich rein.


                             Der Minister

Hört! Von Geschäften wurde toll ein christlicher Minister! -
So wollen wir einmal beschaun doch sein Geschäfts-Register.
Ei, gab es denn in diesem Jahr so schrecklich viel zu schaffen?
Was ist geschaffen und geschafft? - Wir dürfen's auch begaffen.
Die Segel auf! Gen Osten hin! Da giebt es was zu sehen.
Schon leuchten uns von Chios Strand entgegen die Trophäen,
Trophäen, prächtig aufgethürmt, Trophäen ohne Gleichen,
Trophäen, weiß und schwarz und roth, von Schädeln, Blut und Leichen.
Und Kreuze liegen oben auf, bespieen und zerschlagen -
Was ist geschaffen und geschafft? - Hier laßt einmal uns fragen.
Und um das hohe Leichenmahl sieht man die Wölf' und Tiger
In festlich wildem Pompe ziehn, als ehrenwerthe Sieger.
Viel Sklaven ziehn im Joch voraus, viel Greise, Kinder, Weiber;
In Schweiß und Blut und Thränen sind gebadet ihre Leiber.
So schleppen sie ihr eignes Fleisch zum Klotz der Schlächterhöhlen:
Man sagt, es sollen Christen sein: ich will es nicht verhehlen.
Die Segel auf! Gen Osten hin! Da giebt es was zu sehen,
Daß Herz und Gall' und Aug' und Mund vom Sehen übergehen.
Der muß auf hoher Höhe stehn, der ruhig hier mag gaffen:
Wir wollen's ohne Streit gestehn: das Jahr gab viel zu schaffen.


                           Griechisches Feuer

Könnt' ich meine Feder doch jetzt in Griechisch Feuer tauchen,
Das kein Wasser löschen kann, das im Staub nicht darf verrauchen!
O und könnt' ich mit dem Kiel eure starren Busen spalten,
Und ein solches Feuer spein tief in eurer Herzen Falten,
Drinnen ihre Nester baun schillernde Chamäleone,
Und der Ottern bunt Gezücht spielt mit Christi Dornenkrone.
Dahin zielt der Muse Pfeil: diese übertünchten Grüfte
Möcht' er öffnen, daß ihr Dunst ungewürzt stieg' in die Lüfte.
Dahin zielt des Feuers Strahl; treiben möcht' er in die Höhe
Alle Brut der Schlangennester, daß die Welt sie kriechen sähe.
Pharisäer, kreuzt ihr euch, daß des glühen Pfeiles Spitze
Eurer blanken Kreuze ja keines auf der Brust euch ritze?
Kreuzt euch nur! Wer kann, wie ihr, kreuzen, biegen, drehn und wenden?
Nein, nie trifft euch ein Geschoß, welches fliegt aus graden Händen.


                    Die neuen Kreuzfahrer

Der Herr des halben Mondes hat gestiftet einen Orden,
Ein Kreuz für alle Christen, die ihm Christen helfen morden,
Für alle, die der Freiheit Haupt in's Joch ihm helfen beugen,
Und lehren, daß das heil'ge Kreuz soll vor dem Mond sich neigen.
Hervor, ihr Ritter allzumal! Hervor aus allen Ecken!
Mein Lied soll eurer Thaten Ruf mit hellem Klang erwecken.
Hervor, der du mit frechem Mund die Freiheit nennst Empörung,
Und der Hellenen Heldenkampf bejammerst als Bethörung!
Du, der mit feiner Politik du drechselst die Beweise,
Daß man die Menschheit würgen kann auf legitime Weise!
Du auch, der jeden Türkensieg verkündet mit Posaunen,
Und was der Griechen Schwert vollbracht, befleckt mit leisem Raunen!
Ihr alle, die durch Meer und Land die blinden Heiden leiten,
Und ihre Heere christlich klug mit Christen lehren streiten!
Ihr, die ihr öffnet euern Arm den flüchtigen Barbaren,
Und unter eurer Flagge Hut sie führt aus den Gefahren,
Und die ihr dann vorüberschifft, wo an der Mutter Brüsten
Der Islamit den Säugling würgt mit wilden Henkerlüsten!
Hervor, ihr Ritter allzumal! - Will denn die Schaar nicht enden?
Das wird einmal ein Kreuzzug sein, wenn die gen Oft sich wenden!


                                  Meine Muse

"Und willst du, meine Muse, denn gar zur Megära werden?
Du sangst noch jüngst im stillen Hain den Hirten und den Heerden,
Und nun schwingst eine Geißel du laut durch die lauten Gassen,
Und sprühest Flammen um dich her - Ich weiß dich nicht zu fassen."
Du fragst? Siehst du die Hirten nicht nach scharfen Eisen greifen?
Siehst statt der Lämmer Wölfe nicht Arkadien durchstreifen?
Siehst in Epirus Felsen nicht die Weiber Schwerter wetzen?
Siehst du auf Sparta's Fluren7 nicht die Kinder Tiger hetzen?
Da mußt' ich Hirtensängerin mein Haferrohr zerbrechen,
Und, wie's die scharfe Zeit gebeut, in scharfen Tönen sprechen.
Der Freiheit Tuba hab' ich hell durch Stadt und Land geblasen:
Laß meine Geißel nun um's Haupt der Pharisäer rasen!


                     Die verpestete Freiheit

Was schreit das Pharisäervolk so ängstlich durch die Länder,
Die Häupter dick mit Staub bestreut, zerrissen die Gewänder?
Sie schreien: Sperrt die Häfen zu, umzieht mit Quarantänen
Die Grenzen und die Ufer schnell vor Schiffen und vor Kähnen!
Die Pest ist unter ihrer Schaar. Da seht die Strafgerichte,
Damit des Herrn gerechte Hand Empörer macht zu nichte!
Die Freiheit selber, wie es heißt, ist von der Pest befallen,
Und flüchtet sich nach Westen nun mit ihren Jüngern allen.
O seht euch vor, daß in das Land die Freiheit euch nicht schleiche,
Und der gesunden Völker Herz mit ihrem Hauch erreiche!
Sie kleidet sich zu dieser Zeit in vielerlei Gestalten:
Bald Weib, bald Mann, bald nur ein Kind, bald hat sie greise Falten.
Drum lasset keinen Flüchtling ein, der kommt vom Griechenlande,
Daß nicht die Freiheit ihre Pest bring' in die guten Lande!



Neueste Lieder der Griechen

                        Die Mainottenwitwe

Sieben Wunden vor der Stirne und drei Wunden auf der Brust,
In der Faust das rothe Eisen und im Auge Siegeslust -
Also lag er auf dem Felde, und im Kreis eng' um ihn her
Lagen seiner Feinde Waffen, Dolch und Büchse, Schwert und Speer.
Aber ihrer Träger Leichen lagen ihm so nahe nicht,
Abgewendet von dem Helden barg im Staub sich ihr Gesicht.
Tochter, hole mir das Kränzlein, welches hängt in meinem Schrein,
Aber saß' es sanft - es wird wohl dürre zum Zerbrechen sein.
Damit will ich heut' mich kränzen, wie an meinem Ehrentag,
Will auf diesem Felde feiern noch einmal mein Brautgelag.
Schaff' auch schöne, frische Blumen für den Bräutigam herbei,
Daß das Lager weich und duftig meinem edlen Schläfer sei,
Einen Rosensenker steck' ich ihm in jedes offne Mal,
Daß sie einst aus seinem Hügel sprießen im Eurotasthal;
Und von diesen Rosen wind' ich dir den Kranz, mein Töchterlein,
Wenn einmal ein Heldenknabe wird um Deine Liebe frein,
Einer, der zum Werbegelde so viel Türkenschädel gab,
Als blutrothe Rosenstöcke blühn auf deines Vaters Grab.
Aber morgen in der Frühe, wenn mein Bräutigam nun ruht,
Zieh' ich aus die Festgewänder, nehm' den Kranz von meinem Hut,
Und im grauen Witwenhemde schleich' ich durch den grünen Wald,
Nicht, zu lauschen, wo im Dickicht Nachtigallenschlag erschallt,
Nein, um einen Baum zu suchen ohne Blüth' und ohne Blatt,
Den die Turteltaubenwitwe sich zum Sitz ersehen hat,
Und dabei die frische Quelle, die sie trübe macht zuvor,
Eh' sie trinkt und eh' sie badet, seit sie ihren Mann verlor.
Da will ich mich niederlegen, wo kein Schattendach mich kühlt,
Wo der Regenguß die Thränen kalt mir von den Wangen spült,
Und mit meiner Turteltaube geh' ich einen Wettstreit an,
Wer am jämmerlichsten klagen, wer am frohsten sterben kann.


                        Konstantin Kanari

Konstantin Kanari heiß' ich, der ich lieg' in dieser Gruft.
Zwei Osmanenflotten hab' ich fliegen lassen in die Luft,
Bin auf meinem Bett gestorben in dem Herrn, als guter Christ:
Nur ein Wunsch von dieser Erde noch mit mir beerdigt ist:
Daß ich mit der dritten Flotte unsrer Feind' auf hohem Meer
Mitten unter Blitz und Donner in den Tod geflogen wär'.
Hier in freie Erde haben meinen Leib sie eingesenkt -
Gieb, mein Gott, daß frei sie bleibe, bis mein Leib sie wieder sprengt!


                               Halt fest!

Halt fest, halt fest, der Freiheit Hort, o Hellas, halt ihn fest!
Dein ist er! Wehe dir, wenn je du wieder von ihm läßt!
Weh dir! Dir wäre besser dann, du hättest nie die Hand,
Nach ihm zu greifen, losgedreht aus deinem Sklavenband!
Halt fest, halt fest, wie Jener einst gethan, dein Heldensohn,
Als aus dem Feld von Marathon die Perserhorden flohn.
Da faßte der ein volles Boot hart an des Meeres Strand,
Und hielt es an dem Schnabel fest mit seiner starken Hand;
Die rechte ward ihm abgehaun, da griff die linke zu,
Die link' auch fiel zu Boden hin, und flugs in einem Nu
Packt' er die Beute, wie ein Leu, mit seinen Zähnen an,
Und biß sich ein, und wankte nicht, bis daß er sie gewann.
So halte fest der Freiheit Hort mit Herz und Mund und Faust,
Wenn auf dich ein der Heiden Schwarm in wilden Wogen braust!
Halt fest, halt fest, und muß es sein, wirf deinen wunden Leib
Ganz über ihn und blute dich zu Tod, als freies Weib!


                  Achelous und das Meer

"Achelous, Achelous, sag', was toben deine Wellen?
Haben Pindus weiße Gipfel dich berauscht mit jungen Quellen?
Rissen wasserschwere Wolken sich an seinen scharfen Spitzen
Von einander und entluden sich mit Donnern und mit Blitzen?
Sag', woher der wilde Taumel, welcher häuptlings deine Wogen
Stürzt in meine stillen Fluthen, die kein Wind hat überflogen?"

Keine junge Wasserquelle hat berauscht mich alten Zecher,
'S ward kein Wasserschlauch zerrissen von dem jähen Wolkenbrecher.
Was ich taumle? Was ich stürze? Was es tobt in meinem Bette? -
Vater Ozean, o daß ich warmes Blut für dich noch hätte!
Warmes Blut hab' ich getrunken, warmes Blut in vollen Zügen,
Warmes Blut der freien Griechen, die an meinen Ufern liegen,
Hingestreckt auf Lorbeerzweigen, überweht von Siegesfahnen,
Hoch umrauscht vom Geisterreigen ihrer Brüder, ihrer Ahnen.
Solches Blut hab' ich getrunken heut' von den Agräer Fluren -
Fragst du auch nach Sklavenblute? - In Morästen such' die Spuren
Seiner Ströme; jeden lauen Tropfen hab' ich ausgespieen:
Freies Griechenblut nur trank ich, kannt' es wohl an seinem Glühen.
Vater Ozean, da fing ich an von alter Zeit zu träumen
Und von junger Freiheitswonne brausend mich emporzubäumen,
Also daß des Ufers Bande mich nicht länger konnten halten,
Daß erzitterten die Ebnen und die Berge wiederschallten.
Nimm mich auf, du Weltumarmer, trage meine hohen Wogen
Ungemischt und ungebändigt, mit dem Blut, das sie gesogen,
Fort gen Norden und gen Westen, daß sie an die Ufer schlagen,
Und den Felsen und den Menschen laute Kund' aus Hellas sagen!


                              Mark Bozzari

Öffne deine hohen Thore, Missolunghi, Stadt der Ehren,
Wo der Helden Leichen ruhen, die uns fröhlich sterben lehren!
Öffne deine hohen Thore, öffne deine tiefen Grüste,
Auf, und streue Lorbeerreiser auf den Pfad und in die Lüfte!
Mark Bozzari's edlen Leib bringen wir zu dir getragen,
Mark Bozzari's! Wer darf's wagen, solchen Helden zu beklagen?
Willst zuerst du seine Wunden oder seine Siege zählen?
Keinem Sieg wird eine Wunde, keiner Wund' ein Sieg hier fehlen.
Sieh auf unsern Lanzenspitzen sich die Turbanhäupter drehen!
Sieh, wie über seiner Bahre die Osmanenfahnen wehen!
Sieh, o sieh die letzten Werke, die vollbracht des Helden Rechte
In dem Feld von Karpinissi, wo sein Stahl in Blute zechte!
In der schwarzen Geisterstunde rief er unsre Schaar zusammen,
Funken sprühten unsre Augen durch die Nacht, wie Wetterflammen,
Über's Knie zerbrachen wir jauchzend unsrer Schwerter Scheiden,
Um mit Sensen einzumähen in die feisten Türkenweiden;
Und wir drückten uns die Hände und wir strichen uns die Bärte,
Und der stampfte mit dem Fuße, und der rieb an seinem Schwerte:
Da erscholl Bozzari's Stimme: "Auf, in's Lager der Barbaren!
Auf, mir nach! Verirrt euch nicht, Brüder, in der Feinde Schaaren!
Sucht ihr mich, im Zelt des Pascha werdet ihr mich sicher finden -
Auf, mit Gott! Er hilft die Feinde, hilft den Tod auch überwinden!"
Auf! und die Trompete riß er hastig aus des Bläsers Händen,
Und stieß selbst hinein so hell, daß es von den Felsenwänden
Heller stets und heller mußte sich verdoppelnd wiederhallen;
Aber heller wiederhallt' es doch in unsern Herzen allen.
Wie des Herren Blitz und Donner aus der Wolkenburg der Nächte,
Also traf das Schwert der Freien die Tyrannen und die Knechte;
Wie die Tuba des Gerichtes wird dereinst die Sünder wecken,
Also scholl durch's Türkenlager brausend dieser Ruf der Schrecken:
Mark Bozzari! Mark Bozzari! Sulioten! Sulioten!
Solch ein guter Morgengruß ward den Schläfern da entboten.
Und sie rüttelten sich auf, und gleich hirtenlosen Schafen
Rannten sie durch alle Gassen, bis sie an einander trafen,
Und bethört von Todesengeln, die durch ihre Schwärme gingen,
Brüder sich in blinder Wuth stürzten in der Brüder Klingen.
Frag' die Nacht nach unsern Thaten! Sie hat uns im Kampf gesehen -
Aber wird der Tag es glauben, was in dieser Nacht geschehen?
Hundert Griechen, tausend Türken, also war die Saat zu schauen
Auf dem Feld von Karpinissi, als das Licht begann zu grauen.
Mark Bozzari, Mark Bozzari, und dich haben wir gefunden,
Kenntlich nur an deinem Schwerte, kenntlich nur an deinen Wunden.
An den Wunden, die du schlugest, und an denen, die dich trafen,
Wie du es verheißen hattest, in dem Zelt des Pascha schlafen.

Öffne deine hohen Thore, Missolunghi, Stadt der Ehren,
Wo der Helden Leichen ruhen, die uns fröhlich sterben lehren!
Öffne deine tiefen Grüfte, daß wir in den heil'gen Stätten,
Neben Helden unsern Helden zu dem langen Schlafe betten!
Schlafe bei dem deutschen Grafen, Grafen Normann, Fels der Ehren,
Bis die Stimmen des Gerichtes alle Gräber werden leeren.


                             Die letzten Griechen

Wir fragen nichts nach unserm Ruhm, nach unsrer Namen Preis.
Was frommt's, ob Welt und Nachwelt einst von unsern Thaten weiß?
Wenn Hellas sinken muß in's Grab, was soll der Leichenstein
Auf unsern Hügeln? Laßt sie leer! Wir woll'n vergessen sein.
Die Namen unsrer Väter gehn den Fremden durch den Mund,
Sind ihnen in der Schule recht, für Alt und Jung gesund.
Ach, wenn kein freier Grieche mehr euch griechisch nennen kann,
Miltiades, Leonidas, was ist eur Nachruhm dann!
Dann steigt ihr gern mit uns hinab in die gemeine Gruft,
Auf welcher keine Sage steht und schöne Namen ruft.
Barbaren, ihr versteht sie nicht! Sie klingen euch in's Ohr,
Hinein zum einen und heraus alsbald zum andern Thor;
Doch ewig taub wird euer Herz für Hellas Namen sein,
Er sog von unsrer Väter Geist nicht einen Tropfen ein.
Ein Tropfen nur in euer Herz, und Hellas wäre frei,
Und umgestürzt der morsche Thurm der stolzen Tyrannei.
Was habt ihr, Völker, denn gelernt von Hellas alter Kunst?
Frei sein! So heißt ihr erster Spruch. Blast weg den eiteln Dunst,
Den ihr euch als hellenisch preist, seid ihr so frei noch nicht,
Zu helfen frei mit Wort und That, von Freiheit Ketten bricht!
Wir fragen nichts nach unserm Ruhm, nach unsrer Namen Preis.
Was frommt's, ob der Barbaren Schwarm von unsern Thaten weiß?
Wenn Hellas sinken muß in's Grab, wir wollen keinen Stein
Für unsre Gruft. Laßt ungenannt die letzten Griechen sein!


          Hellas und die Welt

Ohne die Freiheit, was wärest du, Hellas?
Ohne dich, Hellas, was wäre die Welt?

Kommt, ihr Völker aller Zonen,
Seht die Brüste,
Die euch säugten
Mit der reinen Milch der Weisheit! -
Sollen Barbaren sie zerfleischen?
Seht die Augen,
Die euch erleuchteten
Mit dem himmlischen Strahle der Schönheit! -
Sollen sie Barbaren blenden?

Seht die Flamme,
Die euch wärmte
Durch und durch im tiefen Busen,
Daß ihr fühltet,
Wer ihr seid,
Was ihr wollt,
Was ihr sollt,
Eurer Menschheit hohen Adel,
Eure Freiheit! -
Sollen Barbaren sie ersticken?
Kommt, ihr Völker aller Zonen,
Kommt und helfet frei sie machen,
Die euch alle frei gemacht!

Ohne die Freiheit, was wärest du, Hellas?
Ohne dich, Hellas, was wäre die Welt?



Byron

My task is done, my song has ceased, my theme
Has died into an echo.
                                         "Childe Harold"


"Siebenunddreißig Trauerschüsse? Und wen haben sie gemeint?
Sind es siebenunddreißig Siege, die er abgekämpft dem Feind?
Sind es siebenunddreißig Wunden, die der Held trägt auf der Brust?
Sagt, wer ist der edle Todte, der des Lebens bunte Lust
Auf den Märkten und den Gassen überhüllt mit schwarzem Flor?
Sagt, wer ist der edle Todte, den mein Vaterland verlor?"

Keine Siege, keine Wunden meint des Donners dumpfer Hall,
Der von Missolunghi's Mauern brüllend wogt durch Berg Thal,
Und als grause Weckerstimme rüttelt auf das starre Herz,
Das der Schlag der Trauerkunde hat betäubt mit Schreck und Schmerz:
Siebenunddreißig Jahre sind es, so die Zahl der Donner meint,
Byron, Byron, deine Jahre, welche Hellas heut' beweint!
Sind's die Jahre, die du lebtest? Nein, um diese wein' ich nicht:
Ewig leben diese Jahre in des Ruhmes Sonnenlicht,
Auf des Liedes Adlerschwingen, die mit nimmer müdem Schlag
Durch die Bahn der Zeiten rauschen, rauschend große Seelen wach.
Nein, ich wein' um andre Jahre, Jahre, die du nicht gelebt,
Um die Jahre, die für Hellas du zu leben hast gestrebt.
Solche Jahre, Monde, Tage kündet mir des Donners Hall,
Welche Lieder, welche Kämpfe, welche Wunden, welchen Fall!
Einen Fall im Siegestaumel auf den Mauern von Byzanz,
Eine Krone dir zu Füßen, auf dem Haupt der Freiheit Kranz!

Edler Kämpfer, hast gekämpfet, eines jeden Kranzes werth,
Hast gekämpfet mit des Geistes doppelschneidig scharfem Schwert,
Mit des Liedes ehrner Zunge, daß von Pol zu Pol es klang,
Mit der Sonne von dem Aufgang kreisend bis zum Niedergang.
Hast gekämpfet mit dem grimmen Tiger der Tyrannenwuth,
Hast gekämpft in Lerna's Sumpfe mit der ganzen Schlangenbrut,
Die in schwarzem Moder nistet und dem Licht ist also feind,
Daß sie Gift und Galle sprudelt, wenn ein Strahl sie je bescheint.
Hast gekämpfet für die Freiheit, für die Freiheit einer Welt,
Und für Hellas junge Freiheit, wie ein todesfroher Held.
Sahst in ahnenden Gesichtern sie auf unsren Bergen stehn,
Als im Thal noch ihre Kinder mußten an dem Joche gehn,
Hörtest schon den Lorbeer rauschen von der nahen Siegeslust,
Fühltest schon in Kampfeswonne schwellen deine große Brust!

Und als nun die Zeit erschienen, die prophetisch du geschaut,
Bist du nicht vor ihr erschrocken; wie der Bräutigam zur Braut,
Flogest du in Hellas Arme, und sie öffnete sie weit:
"Ist Tyrtäos auferstanden? Ist verwunden nun mein Leid?
Ob die Könige der Erde grollend auf mich niedersehn,
Ihre Schranzen meiner spotten, ihre Priester mich verschmähn,
Eines Sängers Kriegesflagge seh' ich fliegen durch das Meer;
Tanzende Delphine kreisen um des Schiffes Seiten her,
Stolz erheben sich der Wogen weiße Häupter vor dem Kiel,
Und an seinen Mast gelehnet, greift er in sein Saitenspiel.
Freiheit! singt er mir entgegen, Freiheit! tönt es ihm zurück,
Freiheit brennt in seinen Wangen, Freiheit blitzt aus seinem Blick.
Sei willkommen, Held der Leier! Sei willkommen, Lanzenheld!
Auf, Tyrtäos, auf, und führe meine Söhne mir in's Feld!"

Also stieg er aus dem Schiffe, warf sich nieder auf das Land,
Und die Lippen drückt' er schweigend in des Ufers weichen Sand;
Schweigend ging er durch die Schaaren, gleich als ging' er ganz allein,
Welche jauchzend ihm entgegen wogten bis in's Meer hinein.
Ach, es hat ihn wohl umschauert, als er küßte diesen Strand,
Eines Todesengels Flügel, der auf unsren Wällen stand!
Und der Held hatt' nicht gezittert, als er diesen Boten sah:
Schärfer faßt' er ihn in's Auge: "Meinst du mich, so bin ich da!
Eine Schlacht nur laß mich kämpfen, eine siegesfrohe Schlacht,
Für die Freiheit der Hellenen, und in deine lange Nacht
Folg' ich deinem ersten Winke ohne Sträuben, bleicher Freund!
Habe längst der Erde Schauspiel durchgelacht und durchgeweint."

Arger Tod, du feiger Würger, hast die Bitt' ihm nicht gewährt!
Hast ihn hinterrücks beschlichen, als er wetzt' an seinem Schwert,
Hast mit seuchenschwangerm Odem um das Haupt ihn angehaucht,
Und des Busens Lebensflammen aus dem Nacken ihm gesaugt.
Und so ist er hingesunken ohne Sturz und ohne Schlag,
Hingewelkt wie eine Eiche, die des Winters Stürme brach,
Und die eine schwüle Stunde mit Gewürmen überstreut,
Und des Waldes stolze Heldin einem Blumentode weiht.
Also ist er hingesunken in des Lebens vollem Flor,
Aufgeschürzt zu neuem Laufe harrend an der Schranken Thor,
Mit dem Blick die Bahn durchmessend, mit dem Blick am Ziele schon,
Das ihm heiß entgegen winkte mit dem grünen Siegeslohn.
Ach, er hat ihn nicht errungen! Legt ihn auf sein bleiches Haupt!
Tod, was ist dir nun gelungen? Hast den Kranz ihm nicht geraubt!
Hast ihn früher ihm gegeben, als er selbst ihn hätt' erfaßt!
Und der Lorbeer glänzet grüner, weil sein Antlitz ist erblaßt.

"Siebenunddreißig Trauerschüsse! Donnert, donnert durch die Welt!
Und ihr hohen Meereswogen, tragt durch euer ödes Feld
Unsrer Donner Wiederhalle fort nach seinem Vaterland,
Daß den Todten die beweinen, die den Lebenden verbannt.
Was Britannia verschuldet hat an uns mit Rat und That,
Dieser ist's der uns die Schulden seines Volks bezahlet hat!
Über seiner Bahre reichen wir dem Britten unsre Hand:
Freies Volk, schlag' ein und werde Freund und Hort von uns genannt!"


Missolunghi

                  Die Veste des Himmels

Asia hat ausgespieen ihre gelbe Tigerbrut,
Daß sie purpurroth sich trinke in der Griechenkinder Blut;
Afrika aus ihren Wüsten stürmet über Hellas Meer
Mit des Samums Todeshauche ihre Negerhorden her.
Missolunghi, Stadt der Helden, laß die Kreuzesfahne wehn!
Zähle nicht die Ungezählten, die vor deinen Mauern stehn!
Zähle nicht des Waldes Blätter, zähle nicht den Sand am Meer,
In des Himmels Feldern zähle deines Gottes Sternenheer.
Ob sich deine Tonnen leeren, deine Scheuern werden licht,
Wäge nicht den letzten Brocken, miß den letzten Tropfen nicht.
Hat dein Heiland mit fünf Brodten nicht fünf Tausende gespeist?
Bete, bis vor deinem Rufe sich des Himmels Zelt zerreißt!
Manna regnet's aus den Wolken auf der Wüste dürren Sand:
Gott hat Manna für euch alle - Streckt nur aus die matte Hand!
Missolunghi, Stadt der Helden, wach' und bete Tag und Nacht!
Sieh, in ihren tiefen Grüften sind die Todten auch erwacht.
Sieh, auf deinen Wällen schreiten ihre Geister hoch daher,
Flammenschwerter in den Händen, doch die Wunden leuchten mehr.
Markos, Suli's Königsadler, sucht der jähen Zinne Stand,
Und den deutschen Grafen führt er brüderlich an seiner Hand
Aber einsam auch im Tode schleicht der Brittensänger hin,
Dem des Lebens Räthsel schweben dunkel noch vor seinem Sinn.
Durch die Sterne kreist sein Auge, eine Antwort zu erspähn:
Herrscht der Christen Gott dort oben, und muß Hellas untergehn?
Missolunghi, Stadt der Helden, Hellas Hort und Ehrenstern,
Schmach der Heiden, Stolz der Christen, Missolunghi, Stadt des Herrn,
Deine martyrfesten Mauern werden nimmer untergehn:
Ist die Erde dein nicht würdig, wirst du einst im Himmel stehn,
Als die Wächterin des Thrones, wann des Höllenfürsten Macht
Wider Gott sich will empören und die Engel ruft zur Schlacht.


                     Missolunghi's Himmelfahrt

Missolunghi, du gefallen? - Nein, gefallen bist du nicht,
Bist in donnerndem Triumphe auf der Blitze Flammenlicht
In den Himmel aufgeflogen, Stein und Erde, Thurm und Wall,
Siegeswaffen, Heldenglieder, Alles auf in einem Knall!
Auch die Leichen, die du bargest in dem schwarzen Schoos der Gruft,
Hast sie mit hinauf getragen in des Äthers freie Luft,
Wo die Seelen, die in ihnen lebten ihres Lebens Tag,
Jauchzend wieder sie umfingen, die erlösten aus der Schmach.
Sieh, und auf der heil'gen Stätte, wo die Martyrveste stand,
Liegt ein wüster Aschenhaufen an dem blutgetränkten Strand.
Kommt, ihr hohen Christenhäupter, die ihr mit dem Schwert der Macht
Habt von ferne still gestanden und an weisen Rath gedacht,
Als die Todesglocken riefen: Helfet uns, so helf' euch Gott!
Als die Heldenherzen brachen in des Hungers grimmer Noth,
Kommt, von dieser Asche sammelt in die Purpurmäntel ein,
Streuet sie auf eure Kronen über Gold und Edelstein,
Und so tretet vor den Richter, der des Himmels Wage hält,
Wann er euch dereinst wird rufen von den Thronen seiner Welt.
An dem Tage wird er fragen: Helfer ihr, mit meinem Schwert,
Warum habt ihr nicht geholfen, warum habt ihr nicht gewehrt,
Als der Heiden Tigerzähne würgten meine kleine Schaar,
Und mit ihrem Blut begossen meiner Kirche Hochaltar,
Als sie meines Kreuzes Banner niedertraten in den Staub,
Und die Zionsburg der Freiheit ward der Sklavenhorde Raub?


                       Das neue Missolunghi

Durch, ihr Brüder! Durch, ihr Brüder! Durch! Die Stunde hat geschlagen!
Durch! Aus Missolunghi's Thoren laßt uns Missolunghi tragen!
Von den freien Bergeshöhen winken schon die Feuerzeichen,
Die uns durch die weiten Lüfte ihre Flammenhände reichen,
Uns zu sich empor zu ziehen in die Burg, die Gott erbauet,
In das neue Missolunghi, das er unsrer Wehr vertrauet.
Durch! Aus Missolunghi's Thoren laßt uns Missolunghi tragen,
Und mit unsrer heil'gen Veste durch den Heidenschwarm uns schlagen!
Missolunghi in den Waffen, in den Armen, in den Herzen,
Missolunghi in dem Sturme unsrer rachefrohen Schmerzen,
Unsre Herzen deine Kirchen, deine Zinnen unsre Lanzen,
Unsre Arme deine Mauern, unsre Brüste deine Schanzen! -
Ach, und um uns her gezogen ist ein tiefer rother Graben,
Blut der Weiber und der Kinder, die sie uns geschlachtet haben.


                        Aus dem Jahre 1826

Missolunghi ist gefallen! schreit es aus in alle Welt,
Daß das Wehgeschrei erschalle von dem Bosporus zum Belt!
Missolunghi ist gefallen, in der tapfern Christen Blut
Löscht den Christenhaß der Türken, der Ägypter schnöde Brut!
Endlich siegt die Zahl; die Waffen taugen nicht mehr zum Gefecht,
Und der Helden kleines Häuflein hat's und Schmerz geschwächt!
Schmerz, daß Alles sie verlassen, daß kein Arm sich hülfreich hebt,
Daß selbst in den nächsten Brüdern nicht der alte Geist mehr lebt!
Missolunghi ist gefallen! herzzerreißend Donnerwort,
Töne laut durch alle Länder und durch alle Zeiten fort!
Ach, zweihundert Millionen Christen wohnen rings umher,
Ihre Heere, ihre Flotten herrschen über Land und Meer!
Und sie brennen, doch vergebens, ihren Brüdern beizustehn,
Weil die Herrscher im Zerstörer Scio's nur den - Herrscher sehn!
Es bedarf nur Eines Wortes und das Morden ist vorbei
Und ein edles, hartgedrücktes Christenvolk wird kettenfrei!
Ach, dies Eine Wort, - sie sprechen's nicht, und Stambul triumphirt
Und mit Christenheldenköpfen wird sein stolzes Schloß geziert!
In der alten Christenhauptstadt sitzt der fege Großsultan,
Grinsend sieht er diese Köpfe, die er fast noch fürchtet, an;
"Seht," ruft er, "die Christenhunde fielen durch der Brüder Kunst,
Und der andern Christen Herrscher buhlen doch um meine Gunst!"
Missolunghi ist gefallen! o der schweren, blut'gen Schmach,
Die der Tag nur, der das Kreuz in Stambul auspflanzt, tilgen mag!
Tag der Rache, Tag der Ehre, Aller Christen Tag, brich an,
Daß des Greises müdes Auge sich in Frieden schließen kann!