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Biografie

Wiegenlied einer polnischen Mutter

           (7. November 1831)

Schlaf ein, du weißt ja nicht, o Herz,
Warum du weinst;
Schlaf ein, ich will den wahren Schmerz
Dich lehren einst.

Schlaf ein, o Herz, was kümmert dich
Der Feinde Sieg?
Dein Vater fiel für dich und mich
Im Heldenkrieg.

Dich wird erziehn dereinst der Zar
Zur Sklaverei:
Doch als ich dich, o Kind, gebar,
War Polen frei.

O weh des Fluchs, der, teures Land,
Dich jetzt ergreift!
Es wird bereits durch Polenhand
Die Stadt geschleift.

Mit Schaufeln naht dem Wall sich schon
Der Männer Gang;
Sie murmeln sacht, mit halbem Ton
Den Rachgesang.

O großer Gott, mißhöre nicht
Den leisen Chor,
Und rufe laut vor dein Gericht
Den Würger vor!

Es zehre Krieg und Pestilenz
An seinem Reich,
Ihm scheine freudenlos der Lenz,
Die Rose bleich!

Das eigne Weib gewähre nie
Ihm sein Gesuch,
Und aus dem Bett verjage sie
Der Blutgeruch!

Und wenn sich je sein falscher Mund
Verzieht und lacht,
Tu ihm der Geist die Waisen kund,
Die er gemacht!

Und träumt er sich ein leichtes Ziel
Auf glatter Bahn,
So denk er, wie sein Vater fiel
Und wie sein Ahn!

Und stirbt er auch, empfind er doch
Der Hölle Graus:
Meineidigen wächst der Finger noch
Zum Grab heraus.

Was wir begehrten, war ja nur,
Was uns gehört,
Was jener Mann sogar beschwur,
Der uns zerstört.

Gott gab, so rühmt er, ihm das Reich,
Das kühn er lenkt;
Oh, hätte Gott ihm auch zugleich
Ein Herz geschenkt!

Und du, o Säugling, atme leis
Im Schoß der Schmach,
Ahm aber einst im Männerkreis
Dem Vater nach!

Du werdest noch der Stolz der Fraun,
Des Landes Zier,
Um einst die Tatzen abzuhaun
Dem Tigertier!

Schlaf ein, du weißt ja nicht, o Herz,
Warum du weinst;
Schlaf ein, ich will den wahren Schmerz
Dich lehren einst!


Eamus omnis execrata Civitas

    (November 1831)

O kommt im Verein,
Ihr Männer, o kommt!
Vernehmt, was allein
Den Geächteten frommt!

Zieht aus von dem Land
Der Geburt, zieht aus
Und schleudert den Brand
In das eigene Haus!

Landstrecken genug,
Euch laden sie ein:
Nehmt Schwert mit und Pflug
Und der Väter Gebein!

Euch winket herbei
Manch schönes Gefild,
Wo ein Held schläft frei
Auf mächtigem Schild;

Wo nie ein Despot
Die Geißel gezückt
Und der Knechtschaft Not
Kein Herz noch erdrückt.

Es baue der Knecht
Den verödeten Strand,
Ein feiges Geschlecht
Im entvölkerten Land!

Er keuche, dem Tier,
Dem verachteten, gleich;
Ihr pflanzt das Panier
In der Freiheit Reich!


Nächtlicher Weichselübergang der flüchtigen Polen bei Krakau

      (5. November 1831)

Die Lüfte wehn so schaurig,
Wir ziehn dahin so traurig
Nach ungewissem Ziel.
Kaum leuchten uns die Sterne:
Europa sieht von ferne
Das große Trauerspiel.

Uns wendend oft zurücke,
Betreten wir die Brücke,
Die uns von Polen trennt.
Bei trübem Fackelbrande
Grüßt uns das Volk am Strande,
Das unsre Leiden kennt.

Verkauft, besiegt, verraten -
Sind unsre besten Taten
Wie Träume leer und hohl
Und lassen keine Spuren;
So nehmt, geliebte Fluren,
Das letzte Lebewohl!

Lebt ewig wohl, ihr Brüder!
Ein Haufe Lebensmüder
Trifft überall ein Grab.
Nicht uns vom Tod zu retten,
Nein, nur zu fliehn die Ketten,
Ergreifen wir den Stab.

Wir ziehn von Weib und Kindern,
Vermögen nicht zu hindern
Des Vaterlands Ruin.
Schon lechzt nach unserm Blute
Die Petersburger Knute,
Die Fuchtel von Berlin.

Ein tränenloses Wesen
Ward uns zum Herrn erlesen,
Versteint und ungebeugt:
Aus mörderischem Stamme
Trägt seine Stirn die Schramme,
Die sein Geschlecht bezeugt.

Die wir jedoch erwarben,
Deck auf, o Ruhm, die Narben,
Mach unsre Namen klar!
Du machst den Schmerz gesetzter,
Denn unsres Volkes letzter
Ist größer als der Zar.

Uns bleibt nur Ein Vermächtnis:
Des edlen Kampfs Gedächtnis,
Der Polen neu verband,
Des langen Kriegs Beschwerde
Und eine Handvoll Erde
Aus unserm Vaterland.

O selig Jene, welche
Berauscht vom Todeskelche,
Gesunken sind im Streit.
Und ihr, Volhyniens Söhne,
Die aus dem Angstgestöhne
Die feuchte Gruft befreit!

Sie drangen auf den Rossen,
Von Feinden fast umschlossen,
Zum Weichselufer vor,
An fremden Strand zu schiffen:
Da schwoll von Schmerz ergriffen
Ihr groß Gemüt empor.

Sie konnten's nicht ertragen,
Der Heimat abzusagen,
Die jeden Wunsch umschloß.
Da stürzten sich die Guten
Hinunter in die Fluten
Mit Waffen und mit Roß.

O vaterländische Wellen,
Die längst vom Blute schwellen,
Nehmt euch der Toten an!
Ihr dürft das Meer erreichen;
So wälzt die freien Leichen
Zum freien Ozean!


Klagelied der polnischen Verbannten in Sibirien

                (7. Januar 1832)

Aus den Hütten, die der Schnee bestiebte,
Sammelt euch um dieses Feur, Geliebte!
Laßt in freien Worten Trost uns suchen,
Unsern Würger im Gesang verfluchen.

Wölfe bloß bevölkern hier der Öde
Weiten Raum, den uns bestimmt der Schnöde:
Hat Natur sogar mit ihm im Bunde
Starr bezaubert diese große Runde?

Hat sie solche Wüsten einst erschaffen,
Um der Freiheit Kinder hinzuraffen?
Hat sie ihm zu Lieb dies Eis verdichtet,
Diesen Schnee zu solchen Höhn geschichtet?

Unser König, denn so möcht er heißen,
Läßt von wilden Tieren uns zerreißen!
Und warum? so fragt die Welt beleidigt:
Weil wir unser Vaterland verteidigt!

Hört und staunt, Europas Volksgemeinden!
Unser König wohnt bei unsern Feinden!
Erst des eignen heiligen Schwurs Verächter,
Schickt er endlich alle seine Schlächter!

Kranz des Ruhms, von Vätern einst erworben,
Bist du wirklich völlig abgestorben?
Baum der Freiheit, den wir einst begossen,
Wirst du nie mehr aus der Erde sprossen?

Waren nicht auch wir ein Volk wie eines?
Sind wir würdig schon des Leichensteines?
Darf der Unhold unsres Namens spotten,
Darf er's wagen, selbst uns auszurotten?

Möcht er uns des irdischen Guts berauben,
Wenn er feindlich nur sich nicht dem Glauben,
Der ans Vaterland sich schließt, erwiese!
Welche Tränen sind gerecht wie diese?

Schuldbewußt verdammt der Überwinder
Selbst die junge Wißbegier der Kinder;
Daß sie nicht im Ehedem sich spiegeln,
Läßt er selbst der Bücher Schatz versiegeln!

Doch umsonst! Welch Volk wir einst gewesen,
Wird der Sohn im Blick des Vaters lesen;
Ja, das Kind, entwachsen edlem Stamme,
Saugt sich Freiheit aus der Milch der Amme.

Ja, zum Himmel steigen unsre Klagen;
Fern hinab durch alle Zeit sie tragen
Werden Dichter einst, durch alle Lande:
Ewig währt, o Wütrich, deine Schande!

Aus der Gruft, in der du uns begraben,
Schwingt der Genius doch sich auf erhaben,
Seine Flügel dehnt er aus gewaltig,
Seine Stimme klingt so silberhaltig!

Diese Worte spricht er zum Despoten:
Bloß dem Leichnam siegst du ob, dem toten,
Während stets der Geist in unserm Volke
Höher strebt als deine Donnerwolke!

Trüge nicht des Menschen Seele Waffen,
Hätte Gott die Welt umsonst erschaffen,
Und der Erdball, über den wir schleichen,
Wär ein Spiel für dich und deinesgleichen!

Zwar Nerone hat es viel gegeben;
Doch sie würgten bloß das einzle Leben;
Völkermörder, aller Scham entblößte,
Gab es wenige, doch du bist der größte!

Magst du denn vernichten und verbannen,
Eure Seelen sind von Stein, Tyrannen!
Aber naht ein Augenblick der Rache,
Dann gedenk an deine Schuld, o Drache!

Was wir ächzten unter deinen Füßen,
Wird der Sohn, es wird's der Enkel büßen!
Mehr als eine Krone wird zerbrechen,
Denn den Himmel kannst du nicht bestechen!

Ein Harmodius wird zuletzt sich finden,
Wird ums blutige Schwert die Myrte winden:
Dann, o dann auf unsere Gräber pflanze
Einen Zweig er aus dem schönsten Kranze!


      Er tanzt in Moskau

         (November 1832)

Ihr seht die Sterne blutigrot
Auf euer Warschau flimmern;
Doch trotz, o Polen, trotz der Not
Hört endlich auf zu wimmern!
Und wenn das Herz euch auch zerbricht
Stört euern guten König nicht:
Der König tanzt in Moskau!
Solch einen König hat gewiß
Ein Volk noch nie gewonnen;
Euch drückte Tod und Finsternis,
Er blieb jedoch besonnen:
Als er gehört von eurem Fall,
Da gab er einen großen Ball:
Der König tanzt in Moskau!
Ein wunderfeines Zartgefühl
Verraten seine Schuhe;
Ihr Sklaven, bläht ihm einen Pfühl,
Denn er bedarf der Ruhe!
Er war bei seinem Volk so ganz,
Er ist so warm, so warm - vom Tanz;
Der König tanzt in Moskau!
Von ihm vernehmen Schmeichelein
Kirgisin und Mongolin,
Die er umstrickt mit Liebelein;
Drum weine nicht, o Polin!
Er reißt die Kinder dir vom Arm,
Doch tut er sonst dir keinen Harm:
Der König tanzt in Moskau!


Der legitime Monarch (Monolog)

              (März 1831)

Bricht dir nicht entzwei die Schulter,
Nicht entzwei die mürbe Schulter?
Ganz Europas Haß belastet
Deine Schulter, Autokrator!

Wie Despoten enden, hat's dich
Nicht gelehrt des Bruders Beispiel?
Nicht gelehrt des Vaters Beispiel?
Nicht des Vaters-Vaters Beispiel?

Schaufeln lernt, o Moskowiten,
Schaufelt aus die Knochen Iwans,
Schaufelt aus die legitimen
Knochen eures Kaisers Iwan!

Metzeln ließ ihn jene große
Legitime Katharine,
Die jedoch zuvor gemetzelt
Ihren legitimen Gatten.

Überall erleiden siehst du
Legitim intime Tode!
Überall, wohin du wandelst,
Folgen legitime Schatten.

Hörst du Rache schrein? Um Rache
Schreien Peter, Paul und Iwan:
Selbst des zwölften Karls Besieger
Ließ den eignen Sohn vernichten.

Blutig fingst auch du zu herrschen
An! Von deinem Hause kehrt sich
Voll von Abscheu weg die Sonne,
Wie vom Haus der Tantaliden!


    An einen deutschen Fürsten

          (28. November 1831)

O Fürst, aus einem Stamm von Weisen,
Den alle mild und edel preisen
Vereint und laut:
Ist mir's vergönnt, ein Wort zu wagen,
Obwohl ich dich in meinen Tagen
Von Angesichte nie geschaut?

Zwar werd ich deine Gunst verlieren,
Wofern sie je, dies Haupt zu zieren,
Mir ward zuteil:
Du neigtest einst dich meinen Scherzen,
Ich bringe jetzt ein Lied der Schmerzen,
Doch such ich nicht mein eigen Heil.

Ich flehe für das Volk der Leiden,
Das aus der Heimat auszuscheiden
Gedrängt die Zeit;
Ich flehe für umsonst Ermannte,
Für flüchtige Helden und verbannte
Um einen Funken Menschlichkeit.

Sie sein der Rache nicht verfallen!
Schon ist das Herz im Busen Allen
Genug beschwert,
Ums Vaterland genug bekümmert:
Vom Henker werde nicht zertrümmert
Ihr edles und berühmtes Schwert!

Wie auch des Gegners Groll sich steigert,
Werd ihnen kein Asyl verweigert,
Kein Trost im Schmerz!
Und wo ein Gast sich eingefunden,
Beträufle Balsam seine Wunden,
So lange schlägt ein deutsches Herz!

Und könnten Fürsten dies verneinen,
So möcht ein Phalaris erscheinen,
Von Scham entblößt,
Der die, die seinen Schutz erküren,
Die seine Hölle helfen schüren,
In ihren eignen Ofen stößt!

Wie mancher wähnt den Feind zersplittert,
Indes die Nemesis umwittert
Des Siegers Zelt.
Triumphe sind wie Niederlagen,
Wenn ihre Frucht besteht in Klagen,
Im grenzenlosen Haß der Welt.

Und sei's, und soll die Welt es glauben,
Der Mächtige darf sich kühn erlauben
Jedwede Tat:
Er wetze hunderttausend Klingen
Und lasse sein Tedeum singen
Vom Volke, das er niedertrat!

Nur borg er nicht den Schein des Rechtes,
Er flehe nicht zu Gott für Schlechtes
Um Schutz und Wehr;
Er trage frei das offne Laster,
Und seine Stirn von Alabaster
Beflecke keine Röte mehr!

Nur rühm er nicht sich und erdichte
Ein göttlich Recht! Es ruft Geschichte
Ihr lautes Nein.
Wie manche, deren Gräber sprechen,
Erlangten Kronen durch Verbrechen!
Kann ein Verbrechen göttlich sein?

Manch Reich entstand durch Schwert und Flamme,
Es ist von manchem hohen Stamme
Die Wurzel faul.
Und seit es Könige hat gegeben,
So rief sie nur das Volk ins Leben
Seit jenem ersten König Saul!

Nur um des Volkes Wunsch zu stillen,
Hat ihn gesalbt mit Widerwillen
Des Herrn Prophet.
Oh, möchten Fürsten stets empfinden,
Daß Erdentage schnell verschwinden
Und nur des Namens Ruhm besteht!


     Berliner Nationallied

        (27. August 1832)

Chor.
Diesen Kuß den Moskowiten,
Deren Nasen sind so schmuck!
Rom mit seinen Jesuiten
Nehme diesen Händedruck!

Jarke.
Züchtig mit gebeugtem Nacken
Treten fromm wir zum Altar.
Uns am Busen ruhn Kosaken
Und in Weihrauch steht der Zar!

Seit das Reich der Jagellonen
Fromm wir unter uns zerstückt,
Sind verschmolzen unsre Kronen,
Weil uns gleiche Tugend schmückt!

Chor.
Seit Mongolen und Berliner
Umgewälzet jenes Reich,
Lachen wir der Jakobiner,
Denen wir an Taten gleich.

Ancillon.
Wer mit Frankreich abgeschlossen
Einen Bund, begeht Verrat;
Doch Kirgisen als Genossen
Wählen, welche deutsche Tat!

Unsre Reiche sind wie Schwestern,
Schon vermischt sich Mir und Dir,
Beide sind wir ja von gestern;
Alte Völker hassen wir.

Chor.
Wo ein Rest der alten Größe
Noch sich regt und kommt zutag,
Töten unsre Rippenstöße,
Ach, der Pulse letzten Schlag!

Radowitz.
Zehnmalhunderttausend Knuten
Haun im Notfall tüchtig ein,
Und Europa wird verbluten,
Wird unendlich ruhig sein!

Untertänigkeit erwarte
Jeder Herrscher wie der Zar,
Ausgenommen Bonaparte,
Weil er nicht von Adel war.

Chor.
Schon in Moskaus Racheflammen
Ward zu Staub der größte Thron;
Asien rafft sich nun zusammen,
Mächtiger als Napoleon.

Eine heimliche Stimme.
Seine Herrschaft war vergänglich,
War geknüpft an ihn allein:
Unabwendbar, überschwenglich
Wird des Moguls seine sein!

Da er nichts tut als erobern
Wird er uns nicht übersehn,
Gerne wird er seinen Lobern
Eine kleine Kette drehn.

Chor.
Ach, wir schwelgen im Genusse,
Daß bereits zu dieser Frist
Jener vielgeliebte Russe
Unser nächster Nachbar ist!

Stägemann.
Schmied er uns ein Joch von Eisen,
Wir gehorchen ihm geschwind,
Wollen aller Welt beweisen,
Daß wir keine Polen sind.

Bloß Barbaren rebellieren,
Wenn man ihnen bricht den Eid:
Kommt an unser Herz, Baschkiren,
Weil ihr so gebildet seid!

Möcht er doch in kalte Steppen
Bannen uns, wir nehmen's an;
Möcht er unsre Kinder schleppen
Nach dem fernsten Astrachan!

Chor.
Möcht er uns mit Hunden hetzen,
Wir ertragen's voll Geduld.
Einem Zar sich widersetzen,
Welch Verbrechen, welche Schuld!

Hofdemagog.
Für verstandlos mögen Gecken
Uns verschrein und unsern Stand;
Fremden Speichel aufzulecken,
Braucht man nicht so viel Verstand.

Als den Spucknapf seiner Gnaden
Leerte mein beredter Mund,
Kniff den Zar ich in die Waden,
Denn ich bin und bleib ein Hund.

Chor.
Diesen Kuß den Moskowiten,
Deren Nasen sind so schmuck;
Rom mit seinen Jesuiten
Nehme diesen Händedruck:

Alles, was den Geist verschleiert,
Was der Seele bringt Ruin,
Werd in Hymnen laut gefeiert
Durch die fromme Stadt Berlin!


  Unterirdischer Chor

 (19. und 20. Mai 1832)

Er ist begangen,
Der Völkermord!
Nun schwingt die Schlangen,
Ihr Furien alle,
Zerstört dem Würger
Der besten Bürger
Jedwede Lust,
Und setzt die Kralle
Ihm auf die Brust!

Er hat's erfüllet
Der Frevel Maß!
Ihr Furien, brüllet
Um ihn, den bangen,
Und lockt den Sünder,
Den Todverkünder,
In unsre Nacht.
Er hat's begangen,
Er hat's vollbracht!

Ihr mögt ereilen
Das Ungetüm
Mit euren Pfeilen,
Ihr mögt umspannen
Im Netz den Eber
Den Kettenweber
Der Sklaverei!
Ihr wißt, Tyrannen
Sind vogelfrei!

Den Gott zu spielen
War der imstand,
Der, vor so vielen
Geehrt und prächtig,
So viel vermochte;
Doch unterjochte
Er jedes Recht:
Er war allmächtig
Und war so schlecht!

Er baute Tempel
Dem Teufel selbst!
Nun soll den Stempel
Er auch empfangen,
Der große Quäler:
Es sein die Maler
Ihm aufgebrannt!
Er hat's begangen,
Er ist erkannt!

Ihn schilt Vernichter
Ein ganzes Volk;
Nun schreibt der Richter
Ihm jede Tat an.
Zu allen Fristen
Gewalt und Listen,
Meineidig Spiel!
Er ist ein Satan,
Die Maske fiel!

Schlachtopfer schleichen
In Wüstenein;
Voll sind von Leichen
Gefild und Schanzen;
Vor seinem Heere
Von Meer zu Meere
Ziehn Tod und Pest:
Er kommt, wir tanzen
Das schönste Fest!

Den Volksbezwinger
Grüßt sein Geschlecht
Mit blutigem Finger,
Der Missetäter
Zahlreiche Schatten:
Gefallne Gatten
Von Fraun bestrickt,
Erwürgte Väter
Im Bett erstickt!

Von Schmach und Greuel
Entwirrt sich ihm
Ein langer Knäuel;
Doch kein Verbrecher
Ist ihm vergleichbar,
Dem unerweichbar
Der Busen schwoll:
Geuß ihm den Becher,
Megära, voll!

Er schlürft begierig,
Ihm ist von Blut
Die Lippe schmierig!
Und als Begleiter,
Als Schmeichler stottern
Ihm Molch' und Ottern
Loblieder vor:
Gesetzbefreiter
Monarchen Chor.

Sie singen laut ihm
Triumph, Triumph!
Doch ach, es graut ihm,
Wie sehr sie dudeln!
Wer hat dem Feigen
Mit Lorbeerzweigen
Die Stirn belaubt?
Harpy'n besudeln
Gesalbtes Haupt.

Er soll regieren,
Er soll den Thron
Der Hölle zieren!
Sein Reich in kalter,
Beeister Sphäre,
Wie groß es wäre,
Ist viel zu klein:
Er soll Verwalter
Der Hölle sein!



K. Nachlese

           Ode an Napoleon

Ihr kennt das alte, große Naturgesetz,
Das stets den Dichter neben den Helden stellt?
O wohl dem Dichter, wenn die Zeit ihm
Einen unsterblichen Helden vorführt!

Doch ehrt die Welt das Ewige? Liebt sie es?
Erkennt sie es demütigen Sinns? O nein!
Wenn anders du das Große singest,
O so besingst du das Unterdrückte!

Dich preis ich, ruhmgegürteter Völkerhirt,
Der nie für sich, der stets für die Welt gedacht:
Wenn du geruht auf trägem Polster,
Würde der Pöbel vielleicht dich preisen.

Regier in Frieden, rieten die Menschen dir,
Ein Rat, wie wenn am Morgen des ersten Tags
Das Nichts dem Schöpfer raten wollte:
Schlaf und erschaffe die Welt doch ja nicht!

Es haßten dich die Völker, es haßte dich
Wer herrscht im Volk, die Könige haßten dich:
O nicht der Völker, doch mit Recht wohl
Hast du der Könige Haß verschuldet.

O sprich, von wem verblendet, von wem betäubt
Verstand so schlecht dein glühendes Herz die Welt?
Du wolltest, ja, du wolltest Freiheit
Deiner eroberten Erde schenken!

Dich, den die Zeit so schnöde Tyrann gehöhnt,
Dich rühmt der Dichter einen Tyrannen Feind,
Du bist ihm seines Lieds Harmodius,
Seines Gesanges Aristogiton!

Du ein Tyrann? Du waltetest selbst so frei,
Und frei geworden wäre die Welt durch dich:
Frei sind Despoten nie, sie frönen
Listigen Räten und Buhlerinnen.

Du ein Tyrann? Du, welcher vernichtete
Was in Europa drohte mit altem Zwang!
Du stürmtest Englands Inselhochmut,
Und das sarmatische Teufelsbollwerk.

Bluthund und Wütrich schalten sie dich, doch wärst
Du's je geworden, hätten sie's nie gesagt!
Nie fiel durch dich ein Held, wie Ney war,
Auf dem Schafott, noch ein Held wie Riego.

Wärst du Tyrann gewesen, du wärst es noch:
Die kleinen Feinde, die in die Ferse dich
Gestochen, hättest längst zermalmt du,
Ihre Gebeine zerstreut als Asche.

Du warst Tyrann, du schienst es der Welt fürwahr!
Sie mußte folgen jedem Gedankenblitz,
Der aus der kühnen Jovisstirn dir
Göttlich und waffengeziert hervorsprang.

Es herrscht der Geist, auch wider den eignen Wunsch:
Da gilt es kein Gewinsel um Menschenblut,
Wenn eine freie Heldenseele
Riesengedanken ans Licht der Welt bringt.

Nun seufzt nach dir der Grieche, der Pole seufzt,
(Bald trägt die Welt dasselbige Joch, wie er)
Ganz Spanien winselt laut, die Deutschen
Flehen zurücke den Tag von Tilsit.

Weissagen laß dir baldigen Untergang
Der Staaten Abfaum! Als der Gewalt'ge dich
Zerstörte, hat er aus der Bosheit
Giftigem Rachen den Zahn gebrochen.

Du Pest Europas! Jener gekrönte Witz
Ging dir den Weg zur Hölle so schön voran!
Herzlos und kalt war er, die Staatskunst,
Die er dich lehrete, kalt und herzlos!

Ihr sagt, er teilte Polen? Er teilte mehr,
Er teilte Deutschland. Herrliches Austrien,
Du fester Eichstamm, um dich her schlingt
Zehrende Ranken ein böser Efeu!

Vergaßest du Maria Theresien?
Theresien? O Himmel, noch mehr als sie
Vergaßest du, da tief in Schmach du
Deine Maria Luise stürztest!

O Nacht des Ruhms (Jahrhunderte freuten sich,
Dir längst entgegen!) als das erlauchte Bett
Bestieg die blonde Tochter Habsburgs
Mit dem unsterblichen Sohn der Freiheit!

O König Roms, der einst der erlösten Welt
Vorleuchten sollte, funkelnder Morgenstern!
Die Waffen deines Ältervaters
Lullten dir schreckliche Wiegenlieder!

Da brannte Moskau, widernatürlich warf
Ins eigne Haus die Fackel das schnöde Volk!
Eisfelder starrten dir entgegen,
Ja, da besiegte den Geist die Schneekraft.

Zum letztenmal noch ehrte die falsche Zeit
Des Triumphators heiliges Lorbeerhaupt,
Da er, an milder Küste landend,
Als ein Umjubelter flog durch Frankreich!

O schnöder Wechsel! Erde, wo ist dein Held?
Wo peitscht ihn hin das Ruder? Der weiße Schaum
Einsamer Brandung netzt die Ferse
Mitten im brausenden Ozean ihm!

Und nächtlich hört man über dem Uferfels
Hohlstimmig schrein die gräßliche Nemesis:
Dein letzter Atemzug, o Heros,
Werde der Sterbemoment der Freiheit!

Doch mildre Stimmen tönen ein mildres Lied,
Sei's, daß das Meer verborgene Nymphen hegt,
Wie alte Völker fabeln, oder
Ist es die leise Musik des Wassers?

Sie locken oft den Schiffer der wilden Bucht
Mit süßer Wehmut Klagegetön heran:
O kommt mit uns, und wandelt schweigend
Über dem Grabe der wüsten Insel!

Europa stand nicht neben dem Katafalk,
Der deine Leiche trug, die Gestirne nur,
Entloderten als Kandelaber,
Während wie Waffen erklang das Weltmeer.

Wenn du die Rätsel deines Berufs erkannt,
Du wärst des Lobs nie sterbender Dichter wert:
Du wärest ihres Lieds Harmodius,
Ihres Gesanges Aristogiton.


 Aufruf an die Deutschen

     (11. Dezember 1830)

Eilt, o Söhne Teuts, herbei,
Stürzt die kleine Tyrannei!
Metternich und Nesselrode
Sind so ziemlich aus der Mode:
Wollen sie zurück euch weisen
Greift zum Eisen!

Mit den großen Franken eins,
Machet neu den Bund des Rheins!
Durch den Handschlag wird er wachsen
Urverwandter Angelsachsen:
Alle seid ihr ja Germanen:
Schwenkt die Fahnen!

Wenn der blut'ge Strauß beginnt,
Weiß ich, wer den Kranz gewinnt.
Wo Germane gegen Slave
Wo den Knecht bekämpft der Brave,
Sollte Freiheit unterliegen?
Deutsche siegen!

Will sich aus Borussia nie
Trollen Dame Despotie,
Spannen wir, sie wegzutragen
Selber uns an ihren Wagen,
Ziehn sie fort an goldner Deichsel
Über die Weichsel.

Hohenzollerns edler Stamm
Werde Deutschlands Wehr und Damm!
Aller Knechtschaft Widersacher
Sind die großen Wittelsbacher:
Beugte Habsburg bloß den Nacken
Vor Kosaken?

Aus Europa muß hinaus
Jeder absolute Graus!
Moskowiten oder Türken
Wollen uns entgegenwürken?
Kehrt nach Osten eure Taten,
Asiaten!

Trotz der heiligen Allianz
Wagen wir den Schwertertanz!
Wenn du dich den Bundsgenossen,
Cholera Morbus angeschlossen,
O so schone freie Nacken,
Friß Kosaken!


             Das Ende Polens

(bei der falschen Nachricht, daß Warschau
am 8. Februar eingenommen und Polen
in eine russische Provinz verwandelt worden)
              (20. März 1831)

Ihr edlen Schläfer unterm Sand, o laßt den Kampf euch nicht gereun.
Es wird der spätste Pilger einst auf eure Hügel Rosen streun.
Und auch der Dichter eilt herbei, von keiner ird'schen Furcht besiegt,
Wo rings um Warschau hingestreckt die große Hekatombe liegt!
Denn kenntlich traun ist euer Grab, und keiner sucht's vergebens auf;
Es sitzt die hohe Nemesis, ein riesengroßer Geist darauf!

Als durch die Hauptstadt wohlbewehrt freiwilliger Scharen langer Zug
Aus Kalisch angelangt, sich wand und Polens weiße Fahne trug,
Da brachte Warschaus reges Volk dem tapfern Schwärme, der das Joch
Entzweizubrechen war entflammt, den Kalischern, ein Lebehoch.
Nein, rief ein Jüngling aus dem Zug, und drückte fest ans Schwert die Hand:
Ein Sterbehoch den Kalischern! es lebe nur das Vaterland!

Doch weil ein Häuflein ihr so klein, dem, der so viele hält in Fron,
Entgegenstellt, verspottet euch Berlinerwitz und Preußenhohn:
Wahnsinnig schilt euch mancher Tor, weil ihr zu sterben wart bereit,
Als gäb es kein erhabner Gut als diese kurze Spanne Zeit!
Wahnsinnig bist du selbst, o Wicht! Wer freudig stirbt und löwenbrav,
Verdient den unverwelkbarn Kranz, und du verdienst die Fuchtel, Sklav!

So hat umsonst versprützt das Blut der Männer felsenfest Vertraun,
Umsonst den Brautschmuck dargebracht das Hochgefühl der besten Fraun.
Sie liegen auf den Knien, indes von fern Kanonendonner kracht,
Und flehn in Tempeln rings um Sieg für Polens allerletzte Schlacht.
Umsonst! Und zweifelnd fragt die Welt, seit euer Blut so reichlich troff,
Ob je der Geist besiegen wird den knechtisch plumpen Erdenstoff?

Ukasenton der Zärtlichkeit, wie christlich doch, wie fromm du sprichst!
Der Gute liebt sein Volk so sehr, daß er's ermordet väterlichst!
Schamlos wie eine Metze dringt die Despotie sich auf und bläht
Entgegen sich dem Gegenstand, der sie verachtet und verschmäht.
Vergebens ruft ein ganzes Volk: Wir wollen dich ja nicht, Tyrann!
Das ganze Volk, vernichtet wird's, auf daß er's unterjochen kann.

Wie rächt sich nun der Autokrat, der ganz von Rachbegierde brennt?
Er macht zu Russen euch! Es ist die größte Strafe, die er kennt.
Fürwahr, die größte! Selig ihr, die solches Lohns ihr nicht bedürft,
Die aus der Ehre Becher ihr den Tod in vollen Zügen schlürft!
Europas ganze Sympathie bestaunt in Tränen euern Fall;
Berlin allein und Wien frohlockt: das Aug der Sklaven ist Metall.

Was frommt es, daß der Feinde viel gefallen sind durch euer Schwert:
Mehr ist ein einziger Pole doch als tausend Moskowiter wert!
Mit Henkersknechten liegt vermischt der edle Staub in Einem Grab.
Der Hab und Gut dem Vaterland und endlich auch das Leben gab,
Einst kommen wird ein freies Volk und pflanzen eine Siegstrophä
Für euch und ein Simonides besingen dies Thermopylä.


                 Europäischer Tierkreis

                    (11. Dezember 1831)

Eine Jungfrau hieß Europa, blühend einst, an Gaben reich:
Heutzutage sieht sie freilich einer alten Jungfer gleich.

Halt o deutsches Volk die Waage, deiner selbst bewußt und frei,
Zwischen wandelbarn Franzosen und der schnöden Mongolei!

Wenn Monarchen nicht die Lücke füllen zwischen Volk und Thron,
Wird hinein sich Mißverständnis schleichen, wie ein Skorpion.

Eure Lober, Weltgebieter, sind fürwahr gar wenig nütz,
Besser, als der Hunde Wedeln, meint es mit dem Pfeil der Schütz.

Auf Gebirgen schweift die Freiheit, wie ein Steinbock, irr und wild:
Wird sie einst im See der Täler spiegeln ihr geliebtes Bild?

In die Totenauen, welche jenes Volk zum Grab gewann,
Sammelt nun den Rest der Zähren jener große Wassermann.

Wird Herakles seine Säulen reinigen nie von dieser Brut?
Diese beiden Fische schwimmen durch ein Meer von Menschenblut.

Wenn das Tor ihr festlich öffnet, ziehn wir festlich auch hinein,
Öffnet ihr es nicht, so stößt es jener böse Widder ein.

Welch ein Held, o Stier, vermag es, abzubrechen dir das Horn,
Um's zu füllen wie ein Füllhorn an des Friedens Silberborn?

Nimm, o Zwillinggspaar im Norden, nimm der ganzen Hölle Gruß:
In des Vatermörders Stapfen tritt des Völkermörders Fuß!

Gehe dieser Krebs denn rückwärts, wenn wir selbst ihm nur entfliehn;
Doch er packt uns mit den Scheren, um uns auch zurückzuziehn.

Frieren mußt du bald Europa, wirst der nordischen Kälte Raub,
Herrschen muß fürwahr der Eisbär, denn der Löwe liegt in Staub.


                  Italien im Frühling 1831

                          (11. April 1831)

Wenn Bösewichter flechten sich den blutbefleckten Kranz,
Das bricht den süßen Schlummer nie der heiligen Allianz:
Nie wird ein schnöder Wüterich in seiner Wut gestört,
Es mordet jener Dom Miguel seit Jahren unerhört:

Doch wenn ein Volk empor sich rafft für Vaterland und Recht,
Wenn wieder sich nach Taten sehnt ein tatenlos Geschlecht,
Wenn je der Freiheit Ruf erschallt, von Mord und Schande rein,
Da bricht ein Unterdrücker gleich mit Feur und Schwert herein.


                    Epilog

          (November 1833)

Zusammen pack ich meine Habe,
Und was im Busen mir gedieh:
Denn länger nicht mehr frommt die Gabe,
Die mir ein milder Gott verlieh.

So hat er mich umsonst begeistert?
So war's umsonst, was ich empfand?
Und jeder arme Stümper meistert
Den Griffel einer Meisterhand?

In Dunkel muß der Geist sich bergen,
Damit's die Blöden nicht verstehn,
Dann mag er mitten durch die Schergen
Wie ein erhabnes Wesen gehn!

Was aus der tiefsten Brust entsprungen,
Und was ein männlich Herz gedacht,
Es soll verschmachten auf den Zungen,
Die's liebevoll hervorgebracht?

Der mörderische Zensor lümmelt
Mit meinem Buch auf seinen Knien,
Und meine Lieder sind verstümmelt,
Zerrissen meine Harmonien.

So muß ich denn gezwungen schweigen,
Und so verläßt mich jener Wahn,
Mich fürder einem Volk zu zeigen,
Das wandelt eine solche Bahn!

Doch gib, o Dichter, dich zufrieden,
Es büßt die Welt nur wenig ein;
Du weißt es längst, man kann hienieden
Nichts Schlechtres als ein Deutscher sein!