Platen

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Biografie

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                  XI.

Auf Gewässer, welche ruhen,
Weil gebändiget vom Eise,
Zieht die Jugend leichte Kreise,
Wandelnd auf den Flügelschuhen.

Doch ich wandle, Freund, alleine,
Freund, allein und nicht zum Ziele:
Der Gestalten sind so viele,
Leider aber nicht die deine.

Hefte den Kothurn der Wogen
An die leichten Hermesfüße,
Daß begegnend bald dich grüße,
Dem du dich so lang entzogen!

Welch ein Glück, dahin zu schwinden
Auf der Fläche, klar und eben,
Magisch sich vorüberschweben,
Fliehn sich und sich wiederfinden!

Aber ist es nicht vergebens?
Weilst du nicht, was kann es frommen?
Dies unstäte Gehn und Kommen
Ist das wahre Bild des Lebens.


                XII.

Werden je sich feinde Töne
Fügen im verbundnen Klange?
Ich mit meinem düstern Drange,
Du in deiner Jugendschöne?
Heiter schlürfst du leichte Stunden,
Dem es nie vergebens tagte:
Ich ersehne das Versagte
Und beweine, was verschwunden.

Du, zu deines Mädchens Laren
Kommst du nächtlich oft gegangen,
Schmiegst dich an die zarten Wangen,
Wühlst in ihren seidnen Haaren:
Während ich, der im Gemüte
Auf den Wink der Gunst verzichtet,
Bücher vor mir aufgeschichtet,
Überm Rauch der Lampe brüte.

Freund, es war ein eitles Wähnen,
Daß sich unsre Geister fänden,
Unsre Blicke sich verständen,
Sich vermischten unsre Tränen:
Laß mich denn allein, versäume
Nicht um mich die goldnen Tage,
Kehre wieder zum Gelage
Und vergiß den Mann der Träume!


        XIII. König Odo

Aus dem Kloster hallen Glocken,
Tausend Lichter funkeln helle,
Die den Zug der Beter locken
Nach der hohen Kirchenschwelle.

König Odo kommt gefahren,
Hört vom alten Turm Geläute,
Und er fragt die frommen Scharen:
Aber welch ein Fest ist heute?

Sie erwidern drauf und sagen:
Eine Jungfrau nimmt den Schleier,
König Odo springt vom Wagen,
Tritt hinein und schaut die Feier.

Um den heiligen Brauch zu wehren,
Ruft er aus am Hochaltare:
Keine Schere soll versehren
Diese langen, blonden Haare!

Über diese feuchten Blicke
Möge nie ein Schleier fallen,
Und kein härnes Kleid ersticke
Dieser Brust gelindes Wallen.

Reißend vom Altar die Reine,
Trat er nun hervor und tobte:
Christus werde nie der Deine,
König Odos Anverlobte!

Frevelvoll und voll von Wonne,
Selig im erbotnen Tausche,
Neigt sich die betörte Nonne
Seinem schönen Liebesrausche.

Als die Nacht begann zu schauern
Um die Stunde der Gespenster,
Zitterten des Schlosses Mauern,
Und es flogen auf die Fenster.

Bebend sahn empor die Gatten,
Und ans goldne Lager beider
Trat ein weißer Zug von Schatten,
Angetan in Nonnenkleider.

Alle hielten rote Kerzen,
Welche blau und düster flammten,
Und die junge Braut vom Herzen
Rissen sie dem Gottverdammten.

Hülfe ruft er, greift verwegen
Zur geschliffnen Wehr im Grimme;
Aber ihm versagt der Degen,
Aber ihm versagt die Stimme.

Und das Mädchen ziehn am Haare
Jene fort, das arme, bleiche,
Legen dann auf eine Bahre
Die lebend'ge, schöne Leiche.

Und der König folgte bange,
Seiner Sinne halb nur mächtig:
In der Kirche Säulengange
Hielt der lange Zug bedächtig.

An des Altars hoher Schwelle
Tut ein Grab sich auf mit Grauen,
Ausgehöhlt, gespenstig schnelle,
Von den weißvermummten Frauen.

Mit Gewalt sein Weib zu holen,
Rafft sich auf im Wahn der Gatte;
Aber unter seinen Sohlen
Dreht sich jede Marmorplatte.

Und er sieht die schönen Glieder
Eingesargt in einem Schreine,
Will hinzu, doch immer wieder
Schwanken unter ihm die Steine.

Und der Schaufeln Ton verstummet,
Stille wird's im Gotteshause,
Nur die Glocke, wenn sie brummet,
Unterbricht die tiefe Pause.

Und das Dunkel weicht, die Sonne
Hebt am Horizont sich steiler,
Man entdeckt das Grab der Nonne,
Und den König tot am Pfeiler.


              XIV.


Laß tief in dir mich lesen,
Verhehl auch dies mir nicht,
Was für ein Zauberwesen
Aus deiner Stimme spricht?

So viele Worte dringen
Ans Ohr uns ohne Plan,
Und während sie verklingen,
Ist alles abgetan.

Doch drängt auch nur von ferne
Dein Ton zu mir sich her,
Behorch ich ihn so gerne,
Vergeß ich ihn so schwer!

Ich bebe dann, entglimme
Von allzurascher Glut:
Mein Herz und deine Stimme
Verstehn sich gar zu gut!


                XV. Warnung

Scheint dir der Pfad, auf dem du gehst, so sicher,
Und willst du noch einmal, o Jugendlicher,
Uneingedenk verschuldeter Gefahren,
Die Züge sehn, die dir so tödlich waren?

Darfst du so fest auf deine Seele bauen,
Und wähnst du mit Besonnenheit zu schauen
Der schwarzen Augen, die dir Sterne deuchten,
Bedeutungsvolles, dunkeltiefes Leuchten?

Nein! Laß die Wunde lieber sich vernarben,
Entschließe dich, zu meiden und zu darben,
Und vor dir selbst sogar, o Herz, verhülle
Den ganzen Reichtum deiner Liebesfülle!


        XVI.

Ich schleich umher
Betrübt und stumm,
Du fragst, o frage
Mich nicht, warum?
Das Herz erschüttert
So manche Pein,
Und könnt ich je
Zu düster sein?

Der Baum verdorrt,
Der Duft vergeht,
Die Blätter liegen
So gelb im Beet,
Es stürmt ein Schauer
Mit Macht herein,
Und könnt ich je
Zu düster sein?


                XVII.

Erforsche mein Geheimnis nie,
Du darfst es nicht ergründen,
Es sagte dir's die Sympathie,
Wenn wir uns ganz verstünden.

Nicht jeder ird'sche Geist erkennt
Sein eignes Los hienieden:
Nicht weiter frage, was uns trennt,
Genug, wir sind geschieden!

Es spornt mich ja nicht eitle Kraft
Mich am Geschick zu proben:
Wir alle geben Rechenschaft
Für unsern Ruf von oben.

Was um mich ist, errät mich nicht,
Und drängt und drückt mich nieder;
Doch, such ich Trost mir im Gedicht,
Dann find ich ganz mich wieder!


                XVIII.

Wehe, so willst du mich wieder,
Hemmende Fessel, umfangen?
Auf und hinaus in die Luft!
Ströme der Seele Verlangen,
Ström es in brausende Lieder,
Saugend ätherischen Duft!

Strebe dem Wind nur entgegen,
Daß er die Wange dir kühle,
Grüße den Himmel mit Lust!
Werden sich bange Gefühle
Im Unermeßlichen regen?
Atme den Feind aus der Brust!


       XIX. Schneiderburg

Ein Schneider flink mit der Ziege sein
Behauste den Krempenstein,
Sah oft von felsiger Schwelle
Hinab zu der Donauwelle,
In reißende Wirbel hinein.

So saß er oft und so sang er dabei:
Wie leb ich sorgenfrei!
Meine Ziege, die nährt und letzt mich,
Manch Liedchen klingt und ergetzt mich,
Fährt unten ein Schiffer vorbei!

Doch ach, die Ziege, sie starb und ihr
Rief nach er: Wehe mir!
So wirst du mich nicht mehr laben,
So muß ich dich hier begraben,
Im Bette der Donau hier?

Doch als er sie schleudern will hinein,
Verwickelt, o Todespein!
Ihr Horn sich ihm in die Kleider:
Nun liegen Zieg und Schneider
Tief unter dem Krempenstein!


                 XX.

Ein Hochzeitbitter zog der Lenz
Den Wald entlang und See,
Zog hin mit Sang und Klange,
Mir aber ward so bange,
Als läge noch der Schnee.

Und Gäste lud zu sich der Lenz,
Mich aber lud er nicht,
Er sah mich, ach! gefangen,
Ich hing an jenen Wangen,
An jenem Angesicht.

Nun bin ich frei, nun kommt der Lenz,
Nun erst genieß ich ganz,
Wenn ruh'ger auch und stiller,
Der Bäche grünen Schiller,
Der Rosen frischen Glanz.


      XXI.

Wo sich gatten
Jene Schatten
Über Matten
Um den Quell,
Reich an losen
Hagerosen,
Kommt zu kosen,
Brüder, schnell!

Kaum gefunden,
Schon umwunden,
Schon verbunden,
Weiß ich wie?
Keiner höhne,
Musensöhne,
Diese schöne
Sympathie!

Jubelt, bringet
Dank und singet,
Welle klinget,
Rose blüht:
Das in Wonnen
Nie zerronnen,
Welch besonnen,
Kalt Gemüt!

Vögel neigen
Aus den Zweigen,
Heißen schweigen
Mich zuletzt:
Wer beschriebe
Lenzestriebe,
Wer die Liebe,
Wer das Jetzt?


     XXII. Winterseufzer

Der Himmel ist so hell und blau,
O wäre die Erde grün!
Der Wind ist scharf, o wär er lau!
Es schimmert der Schnee, o wär es Tau!
O wäre die Erde grün!


  XXIII. Gesang der Toten

Dich Wandersmann dort oben
Beneiden wir so sehr,
Du gehst von Luft umwoben,
Du hauchst im Äthermeer.

Wir sind zu Staub verwandelt
In dumpfer Grüfte Schoß:
O selig, wer noch wandelt,
Wie preisen wir sein Los!

Vom Sonnenstrahl umschwärmet,
Ergehst du dich im Licht,
Doch was die Flächen wärmet,
Die Tiefe wärmt es nicht.

Dir flimmert gleich Gestirnen
Der Blumen bunter Glanz,
An unsern nackten Stirnen
Klebt ein verstäubter Kranz.

Wir horchen, ach! wir lauschen,
Wo nie ein Schall sich regt,
Dir klingt der Quell, es rauschen
Die Blätter sturmbewegt.

Vom Hügel aus die Lande
Vergnügt beschaust du dir,
Doch unter seinem Sande,
Du Guter, schlafen wir.


                      XXIV. Der Seelenwanderer

Scherzend rief ich solche Worte, da das Licht herabgebrannt war:
Dich beklag ich, armes Kerzchen, daß zum Nichts dein Sein so bald ward!

Aber Antwort gab die Kerze, dieses hört ich voll Verwundrung:
Überhebe nicht dich also, denn auch ich war einst was nun du!

Starb ich, modert ich, doch wieder wuchs ich aus dem Grab als Aglei,
Kam ein Bienchen, naschte fleißig, nutzte mich im Korb zur Arbeit.

Ward ich Wachs, woraus man endlich diese Kerze nun für dich goß:
Staub und Erde mußt du werden, ich verzehre mich im Lichtstoff.


      XXV.

An der Erde
Frei und fröhlich
Kroch die Raupe,
Freute kindisch,
Immer kriechend,
Sich umhüllter,
Junger Knospen.

Aber selbstisch
Eingeklostert
Spinnt die Puppe:
Der Entfaltung
Qualenkämpfe
Wühlen grausam
Durch das Innre.

Doch befreiend
Sieget Wärme:
Schwebe rastlos,
Ätherkostend,
Farbefunkelnd,
Du erlöster
Sommervogel!


              XXVI. Licht

Licht, vom Himmel flammt es nieder,
Licht, empor zum Himmel flammt es;
Licht, es ist der große Mittler
Zwischen Gott und zwischen Menschen;
Als die Welt geboren wurde,
Ward das Licht vorangeboren,
Und so ward des Schöpfers Klarheit
Das Mysterium der Schöpfung;
Licht verschießt die heil'gen Pfeile
Weiter immer, lichter immer,
Ahriman sogar, der dunkle,
Wird zuletzt vergehn im Lichte.


                  XXVII.

Ihr Vögel in den Zweigen schwank,
Wie seid ihr froh und frisch und frank,
Und trillert Morgenchöre:
Ich fühle mich im Herzen krank,
Wenn ich's von unten höre.

Ein Stündchen schleich ich bloß heraus
In euer ästig Sommerhaus,
Und muß mich des beklagen:
Ihr lebet stets in Saus und Braus,
Seht's nachten hier und tagen.

Ihr sucht der Bäume grünes Dach,
Der Wiese Schmelz, den Kieselbach,
Ihr flieht vor Stadt und Mauer,
Und laßt die Menschen sagen ach!
In ihrem Vogelbauer.


   XXVIII. Aufschub der Trauer

Wie dich die warme Luft umscherzt,
Das schatt'ge Grün, o wie dich's kühlt!
Wie leicht ist all das Weh verschmerzt,
Das in der Seele wühlt!

Des Liebchens Bildnis zeige sich
In jedem Quell, an dem du stehst,
Ein sanftes Lied beruh'ge dich,
Wenn durch den Wald du gehst.

Drum warte, bis der Winter naht,
Bis alles starr und öde liegt,
Und Reif und Schnee auf Flur und Saat
Dich melancholisch wiegt!


               XXIX.

Wie einer, der im Traume liegt,
Versank ich still und laß,
Mir war's, als hätt ich obgesiegt,
Bezwungen Lieb und Haß.

Doch fühl ich, daß zu jeder Frist
Das Herz sich quält und bangt,
Und daß es nur gebrochen ist,
Anstatt zur Ruh gelangt!

Du hast zerstückt mit Unbedacht
Den Spiegel dir, o Tor!
Nun blickt der Schmerz verhundertfacht,
Vertausendfacht hervor.


                 XXX.

Du scheust, mit mir allein zu sein,
Du bist so schroff:
Gibt nicht der Liebe Lust und Pein
Zum Reden Stoff?

Wo nicht, was gilt der Lieb ein Wo,
Ein Wie, ein Was?
Zu lieben und zu schweigen, o
Wie lieb ich das!

Ich schweige, weil so kalt du scheinst,
Und unerweicht,
Mein Auge spricht, es spricht dereinst
Mein Kuß vielleicht.


           XXXI. Vision

Am Felsenvorgebirge schroff,
Das von des Meeres Wellen troff,
Die schäumend es umrangen,
Da stand ich ein verlaßner Mann,
Und manche warme Träne rann
Mir über bleiche Wangen.

Doch ringsumher war Scherz und Spiel,
Sie sangen, schossen nach dem Ziel,
Und tanzten in die Runde:
Es schenkten manchen Becher Wein
Die Mädchen ihren Buhlen ein
In dieser frohen Stunde.

Und als ich schaute rund umher,
Ward mir das Herz im Busen schwer;
Denn ach, mich kannte Keiner!
Mich fragte Keiner liebentglüht:
Was ist die Wange dir verblüht?
Was fehlt dir, stiller Weiner?

Der Abend nahte dunkelgrau,
Die Blumen füllten sich mit Tau,
Der Himmel mit Gestirnen;
Doch immer hüpften ihren Tanz
Im Abendrot, im Sternenglanz
Die Knaben und die Dirnen.

Und weil ich stund am jähen Rand,
Stieß mich hinab die Felsenwand
Der Menge bunt Gewimmel:
Da haschten mich die Wolken auf,
Und trugen mich hinauf, hinauf,
In ihren schönen Himmel.


                    XXXII.

Den Körper, den zu bilden
Natur hat aufgewendet all ihr Lieben,
Den ihre Hand mit milden
Begrenzungen umschrieben,
Den aus dem reinsten Golde sie getrieben:

O woll ihn rein bewahren,
Und laß dich nicht zum eitlen Spiel verlocken,
Zum Spiele voll Gefahren,
Und weiche weg erschrocken,
Wenn eine Hand sich naht den goldnen Locken!

Wiewohl dein ganzes Wesen
Aus leicht entzündbarn Stoffen scheint zu stammen,
Zur Liebe scheint erlesen,
Laß doch dich nicht entflammen,
Sonst schlägt die Glut dir überm Haupt zusammen!


XXXIII. Irrender Ritter

Ritter ritt ins Weite,
Durch Geheg und Au,
Plötzlich ihm zur Seite
Wandelt schöne Frau.

Keusch in Flor gehüllet
War sie, doch es hing
Flasche wohl gefüllet
Ihr am Gürtelring.

Ritter sah es blinken,
Lüstern machte Wein,
Sagte: Laß mich trinken!
Doch sie sagte: Nein!

Grimmig schaute Ritter,
Der es nicht ertrug:
Frau verhöhnt er bitter,
Raubet schönen Krug.

Als er den geleeret,
Fühlt er sich so krank;
Ach, für Wein bescheret
Ward ihm Liebestrank.

Nun durchschweift er Gründe,
Felder, Berge wild,
Klaget alte Sünde,
Suchet Frauenbild.

Stimme läßt er schallen,
Holt es nirgend ein:
Waldes Nachtigallen
Hören Ritters Pein.


                         XXXIV.

Wie rafft ich mich auf in der Nacht, in der Nacht,
Und fühlte mich fürder gezogen,
Die Gassen verließ ich, vom Wächter bewacht,
Durchwandelte sacht
In der Nacht, in der Nacht,
Das Tor mit dem gotischen Bogen.

Der Mühlbach rauschte durch felsigen Schacht,
Ich lehnte mich über die Brücke,
Tief unter mir nahm ich der Wogen in Acht,
Die wallten so sacht
In der Nacht, in der Nacht,
Doch wallte nicht Eine zurücke.

Es drehte sich oben, unzählig entfacht,
Melodischer Wandel der Sterne,
Mit ihnen der Mond in beruhigter Pracht,
Sie funkelten sacht
In der Nacht, in der Nacht,
Durch täuschend entlegene Ferne.

Ich blickte hinauf in der Nacht, in der Nacht,
Ich blickte hinunter aufs neue:
O wehe, wie hast du die Tage verbracht!
Nun stille du sacht
In der Nacht, in der Nacht,
Im pochenden Herzen die Reue!


                XXXV.

Sollen namenlos uns länger
Tag' um Tage so verstreichen?
Kommt, verliebte Müßiggänger,
Trinker, kommt, die Stunden schleichen:
Sammelt rings euch um den Sänger,
Daß er sei bei seinesgleichen!

Was Vernünft'ge hoch verehren,
Taugte Jedem, der's verstünde;
Doch zu schwer sind ihre Lehren,
Zu verborgen ihre Gründe:
Sie, die von der Tugend zehren,
Ließen übrig uns die Sünde.

Was wir fühlen, was wir denken,
Halten drum wir im Geheimen,
Denn wer möcht ein Korn versenken,
Wenn's noch nicht vermag zu keimen?
Laßt indes uns in den Schenken
Liebliche Gedichte reimen!


                 XXXVI.

Gern gehorcht des Herzens Trieben
Wer ein heitres Leben lebet:
Manches ist ihm ausgeblieben,
Doch er hoffet, doch er strebet,
Doch er hört nicht auf zu lieben!

Denn kein Schiffer soll verzagen,
Hat ihn auch die Flut betrogen:
Was er will, das muß er wagen,
Und er gönnt sein Schiff den Wogen,
Und er weiß, sie werden tragen.

Was am höchsten oft erhoben,
Lockt am kühnsten die Verwegnen,
Die sich das Versagte loben,
Und sie müssen ihm begegnen,
Und sie müssen es erproben!

Wenn ihr suchet ohne Wanken,
Was das Leben kann erfrischen,
Bleiben jung euch die Gedanken;
Weil sie ewig jung nur zwischen
Hoffen und Erfüllen schwanken.

Mögt ihr diesen Sinn bewahren,
Die ihr stille Wünsche traget,
Trotz Beschwerden, trotz Gefahren:
Wenn das Leben was versaget,
Müßt ihr's früh genug erfahren!

Was uns Der und Jener zeiget,
Laßt uns dem das Ohr verstopfen,
Bis das Herz im Busen schweiget;
Denn beginnt das Herz zu klopfen,
Weiß es wohl, wohin sich's neiget!


                 XXXVII.

Ich möchte gern mich frei bewahren,
Verbergen vor der ganzen Welt,
Auf stillen Flüssen möcht ich fahren,
Bedeckt vom schatt'gen Wolkenzelt.

Von Sommervögeln übergaukelt,
Der ird'schen Schwere mich entziehn,
Vom reinen Element geschaukelt,
Die schuldbefleckten Menschen fliehn.

Nur selten an das Ufer streifen,
Doch nie entsteigen meinem Kahn,
Nach einer Rosenknospe greifen,
Und wieder ziehn die feuchte Bahn.

Von ferne sehn, wie Herden weiden,
Wie Blumen wachsen immer neu,
Wie Winzerinnen Trauben schneiden,
Wie Schnitter mähn das duft'ge Heu.

Und nichts genießen, als die Helle
Des Lichts, das ewig lauter bleibt,
Und einen Trunk der frischen Welle,
Der nie das Blut geschwinder treibt.

                 Antwort

Was soll dies kindische Verzagen,
Dies eitle Wünschen ohne Halt?
Da du der Welt nicht kannst entsagen,
Erobre dir sie mit Gewalt!

Und könntest du dich auch entfernen,
Es triebe Sehnsucht dich zurück;
Denn ach, die Menschen lieben lernen,
Es ist das einz'ge wahre Glück!

Unwiderruflich dorrt die Blüte,
Unwiderruflich wächst das Kind,
Abgründe liegen im Gemüte,
Die tiefer als die Hölle sind.

Du siehst sie, doch du fliehst vorüber,
Im glücklichen, im ernsten Lauf,
Dem frohen Tage folgt ein trüber,
Doch alles wiegt zuletzt sich auf.

Und wie der Mond, im leichten Schweben,
Bald rein und bald in Wolken steht,
So schwinde wechselnd dir das Leben,
Bis es in Wellen untergeht.


              XXXVIII.

Du denkst, die Freude festzuhalten,
Du bist nur um so mehr geplagt:
O laß die Tage mit dir schalten,
Und tun, was ihnen wohlbehagt!
Soll dir das Leben stets gefallen,
Das nie auf Dauer sich verstand,
So laß das Schönste wieder fallen,
Und schließe nicht zu fest die Hand!

Vermöcht ich doch gelind zu träufen
In deine Brust, wenn Schmerz und Wut
Sie oft vergeblich überhäufen,
Nur wen'ge Tropfen leichtes Blut!
O suche ruhig zu verschlafen
In jeder Nacht des Tages Pein;
Denn wer vermöchte Gott zu strafen,
Der uns verdammte, Mensch zu sein!


              XXXIX. Tristan

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben,
Wird für keinen Dienst auf Erden taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben,
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!

Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe,
Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen,
Zu genügen einem solchen Triebe:
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!

Ach, er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen,
Und den Tod aus jeder Blume riechen:
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen!


                          XL.

Was ruhst du hier am Blütensaum
Der sommerlichen Sprudelquelle,
Und siehst entstehn und siehst vergehn den Schaum?
So ruhn wir Menschen auf des Lebens Schwelle,
Und was wir hoffen, was wir suchen stets,
Ein leichter Hauch gebiert's, ein leichter Hauch verweht's.

Es übt sich mehr und mehr das Herz,
Und stählt sich, daß von Tag zu Tage
Mit größerm Mut es immer neuen Schmerz,
Und immer neuen Kummer trage:
Erringen quält, Errungnem droht Verlust,
Und ew'ge Sehnsucht hebt die bange Jünglingsbrust.

Drum preis ich den, der nicht begehrt!
Was wäre hier im leichten Staube
Des Suchens oder Findens wert?
Nach höhrem Ziel verweist der höhre Glaube;
Hier ist es nicht, wo jedes Ding verletzt,
Jenseits des Lebens ward dein Ziel hinausgesetzt!

Im Geiste strebe zu entfliehn
Den Schranken dieser Menscheninnung,
Und laß am Busen dir vorüberziehn
Die Stimmungen der wechselnden Gesinnung;
Dann trübt der Klarheit innern Spiegel nie,
Durch Lieb und Sorg und Haß, die rege Phantasie.

Laß Andre denn mit ird'schem Blick
Nach ihren bunten Zwecken haschen,
Sobald Geschick sie oder Mißgeschick
Im steten Wandel spielend überraschen:
Geschäftig sind sie, doch ihr Tun ist leer,
Und schnellzerstörend folgt das Schicksal hinterher.


                                       XLI.

O schöne Zeit, in der der Mensch die Menschen lieben kann!
Auf meinem Herzen liegt ein Fluch, auf meinem Geist ein Bann.

Erst litt ich manche heiße Qual, nun find ich Lieb und Glück;
Doch solch ein schönes Hochgefühl, ich geb es nicht zurück!

Voll Ruhe, doch wie freudenlos durchschweif ich West und Ost:
Auf namenlose Gluten folgt ein namenloser Frost.

Und drückt ein Mensch mir liebevoll und leise nur die Hand,
Empfind ich gleich geheimen Schmerz und tiefen Widerstand.

Was stellt sich mir mit solchem Glanz dein holdes Wesen dar,
Als wär ich noch so warm, so voll, wie meine Jugend war.


                        XLII.

Wie stürzte sonst mich in so viel Gefahr
Ein krausgelocktes Haar,
Und eines Feuerauges dunkler Blitz,
Und ach, zum Lächeln stets bereit,
Der Rede holder Sitz,
Ein süßer Mund voll schöner Sinnlichkeit!
Da wähnt ich noch, als wäre der Besitz
Das einz'ge Gut auf diesem Lebensgang.
Und nach ihm rang
Mein junger Sinn und mein betörter Witz.

Da sah ich bald im Wandel der Gestalt
Vor mir die Jugend alt,
Und jede schön geschwungne Form verschwand;
Und ach, wonach ich griff in Hast,
Entfloh dem Unverstand,
Und nie Beseßnes wurde mir zur Last:
Bis ich zuletzt, nicht ohne Schmerz, empfand,
Daß alles Schöne, was der Welt gehört,
Sich selbst zerstört,
Und nicht erträgt die rohe Menschenhand.

So ward ich ruhiger und kalt zuletzt,
Und gerne möcht ich jetzt
Die Welt, wie außer ihr, von ferne schaun:
Erlitten hat das bange Herz
Begier und Furcht und Graun,
Erlitten hat es seinen Teil von Schmerz,
Und in das Leben setzt es kein Vertraun;
Ihm werde die gewaltige Natur
Zum Mittel nur,
Aus eigner Kraft sich eine Welt zu baun.



B. Gelegenheitsgedichte

          Kloster Königsfelden

                      1816

In der Kapelle Wölbung trat ich ein,
Verödet feiernd nun ins Ketzers Land;
Kein Priester opfert mehr hier Brot und Wein,
Kein weißer Knabe geht ihm fromm zur Hand.

Schlicht ist die Wand und ohne Schmuck und Gold,
Doch stellt in Bildern sie den tapfern Chor,
Den gegen Sempach führte Leopold,
Und der des Heldentods sich freute, vor.

Bei Jedem seht ihr Wappen, Nam und Schild,
Und knieend flehn sie hier um Gottes Huld;
In ihrer Mitte hangt des Führers Bild:
Du stolzes Herz, du hast gebüßt die Schuld!

Du hast erfahren, was ein Volk vermag,
Das für den eignen Herd die Fahne trägt:
So sterbe Jeder bis auf diesen Tag,
Wer einen freien Mann in Ketten schlägt!

Und hier, wo sonst sich ein Altar erhub,
Erlag ein andrer mächtiger Tyrann:
Im falschen Busen seines Ohms begrub
Den vatermörderischen Dolch Johann.

Im Tode brach hier Alberts harter Sinn,
Der seinem Volk Freiheit verhielt und Recht;
Allein der Ungarn stolze Königin
Verdarb die Mörder und ihr ganz Geschlecht.

Selbst Greis und Säugling unterlag der Wut;
Es schwur die Königin, als wär's in Tau,
Zu baden sich in ihrer Feinde Blut:
Hebt sich so wild der Busen einer Frau?

Dies Kloster bauend, wo der Vater starb,
Belud Altäre sie mit fremdem Raub,
Wo im Gebet sie um den Himmel warb;
Doch solchen Taten ist der Himmel taub!


         Christnacht

               1819

Der Engel der Verkündigung

Seraphim'sche Heere,
Schwingt das Goldgefieder
Gott dem Herrn zur Ehre,
Schwebt vom Himmelsthrone
Durchs Gewölk hernieder,
Süße Wiegenlieder
Singt dem Menschensohne!

                   Ein Hirte

Was seh ich? Umgaukelt mich Schwindel und Traum?
Ein leuchtender Saum
Durchwebt den azurenen, ewigen Raum,
Es schreitet die Sterne des Himmels entlang,
Mit leisem Gesang,
Der seligen Scharen musikischer Gang.

      Chor der Hirten

Die Engel schweben singend
Und spielend durch die Lüfte,
Und spenden süße Düfte,
Die Liljenstäbe schwingend.

     Chor der Seraphim

Wohlauf, ihr Hirtenknaben,
Es gilt dem Herrn zu dienen,
Es ist ein Stern erschienen,
Ob aller Welt erhaben.

       Chor der Hirten

Wie aus des Himmels Toren
Sie tief herab sich neigen!

   Chor der Seraphim

Laßt Eigentriebe schweigen,
Die Liebe ward geboren!

 Der Engel der Verkündigung

Fromme Glut entfache
Jedes Herz gelind,
Eilt nach jenem Dache,
Betet an das Kind!

Jener heißerflehte
Hort der Menschen lebt,
Der euch im Gebete
Lange vorgeschwebt.

Traun! Die Macht des Bösen
Sinkt nun fort und fort,
Jener wird erlösen
Durch das Eine Wort.

    Chor der Hirten

Preis dem Geborenen
Bringen wir dar,
Preis der erkorenen
Gläubigen Schar.

Engel mit Liljen
Stehn im Azur,
Fromme Vigilien
Singt die Natur:

Der den kristallenen
Himmel vergaß,
Bringt zu Gefallenen
Ewiges Maß!

  Der Engel der Verkündigung

Schon les ich in den Weiten
Des künft'gen Tages bang,
Ich höre Völker schreiten,
Sie atmen Untergang.

Es naht der müden Erde
Ein frischer Morgen sich,
Auf dieses Kindes "Werde"
Erblüht sie jugendlich.

     Chor der Seraphim

Vergeßt der Schmerzen jeden,
Vergeßt den tiefen Fall,
Und lebt mit uns im Eden,
Und lebt mit uns im All!