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Biografie

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            Osterlied

                1820

Die Engel spielen noch ums Grab,
Doch Er ist auferstanden!
O trüg ich meinen Pilgerstab
Nach jenen Morgenlanden,
Zur Felsenkluft
Mit hohler Gruft,
Denn Er ist auferstanden!

Wer nur sein eigner Götze war,
Geht unter in dem Staube,
Mit jener lichten Engelschar
Verschwistert nur der Glaube:
Wer liebend strebt,
So lang er lebt,
Der hebt sich aus dem Staube!

So laß uns, wie du selbst, o Sohn,
Rückkehren aus der Hölle!
O daß schon itzt Posaunenton
Von Pol zu Pol erschölle!
Dein Stachel sticht,
O Tod, uns nicht,
Du siegst nicht ob, o Hölle!


                                 Die Antiken

                                       1820

Laßt uns ledig, und öffnet sogleich Rüstkammer und Wandschrank!
Nicht am dumpfigen Ort in Gewölben zu wohnen geziemt uns:
Denkt doch, was wir und wo wir gewesen, und schenket uns Mitleid!
Dies uralte Gefäß war einst der ägyptischen Gärten
Zier, und Kleopatra selbst ließ füllen mit Myrtengezweig es;
Dieser geschnittene Stein, ein doppelgeschichteter Onyx,
Zierte des jungen Antinous Hand, als köstlichen Ringschmuck
Trug ihn der schöne, doch ach! zu frühe vergötterte Jüngling;
Ich, als Hermes, stand in der Halle des Cäsar Augustus,
Wo mich ein Lorbeergewächs mit südlichem Duft anhauchte.
Und nun habt ihr uns hier aneinandergehäuft und geordnet,
Eines das andre verdrängend, und dies durch jenes verdunkelt,
Keins am schicklichen Ort, in belebendem Schimmer der Sonne.
Selbst das gelehrte Gesicht des begaffenden Kenners ermüdend,
Liegen geschichtet wir hier, gleich traurigen Knochen im Beinhaus,
Und in empfänglicher Brust aufregen wir schmerzliche Sehnsucht
Nach den Tagen, in denen wir fast wie Lebendige prangten.
Zieht nicht Rosen auch ihr, frischblühende Flechte zu winden
Um den etrurischen Krug und die Scheitel der Büste von Marmor?
Habt nicht Tempel auch ihr, nicht schattige Gartenarkaden,
Daß ihr uns dorthin pflanzt, in die Nähe des ewigen Himmels,
Jedem Beschauer zur Lust, uns selbst zur süßen Gewohnheit?


            Legende

               1822

Ein hoher Tempel ward erbaut
Der benedeiten Himmelsbraut,
Die aller Welt zu Heil und Lohn
Geboren den erlauchten Sohn.
Sie mauerten so manches Jahr,
Bis Dach und Decke fertig war;
Ein Maler kam sodann herbei,
Zu bilden eine Schilderei:
Auf mächtigem Gerüst er stand,
Den frommen Pinsel in der Hand,
Lebendig schaffend und genau
Das Angesicht der lieben Frau.
Doch als er fast am Ende war,
Bringt ihm ein falscher Tritt Gefahr,
Und vom Gerüste stürzt er jach,
Das unter ihm zusammenbrach.
Da ruft er an, aus banger Brust,
Das Bild, das er vollendet just:
Dir wandt ich all mein Leben zu,
O Himmlische, nun rette du!
Und sieh! Es faßt es kein Verstand,
Die Heil'ge streckt herab die Hand,
Und hielt so lang ihn wunderbar,
Bis Menschenhülf erschienen war.


             Prolog an Goethe

 Zu einer Übersetzung Hafisischer Gedichte

                       1822

Erhabner Greis, der du des Hafis Tönen
Zuerst geneigt, sie grüßend aufgenommen,
Du magst dich noch einmal an ihn gewöhnen,
Du siehst ihn wieder dir entgegenkommen,
Mit frohem Klang der Zeiten Drang verschönen,
Vielleicht von innerlichem Schmerz beklommen;
Viel muß ein solcher Geist von solchen Gaben,
Wenn er um Leichtsinn buhlt, gelitten haben.

Im Kampfe muß er sich entgegen wagen
Der eignen Liebe, wie dem fremden Hasse;
Denn einem Solchen Liebe zu versagen,
Ist eine Wollust für die stumpfe Masse,
Und Dies und Jenes wird herbeigetragen,
Daß man ihn stets bei seiner Schwäche fasse,
Und fehlen ihm, so leiht man ihm Gebrechen,
Ihm, der zu groß ist, um zu widersprechen.

Das mochte Hafis wohl im Geist bedenken,
Und ließ getrost des Lebens Stürme rollen:
Wenn in Befriedigung wir uns versenken,
Entgehn wir eigner Qual und fremdem Grollen:
Beim Wein im Becher, bei dem Kuß des Schenken,
Bei Liedern, die melodisch ihm entquollen,
Empfand er stets im Herzen sich gesünder,
Wiewohl sie schrien: Es ist ein großer Sünder!

Er schuf indes durch Bilder oder Sprüche
Ein Netz, worin die Herzen man erbeutet,
Ein Gartenbeet erquickender Gerüche,
Dem jede falsche Nessel ausgereutet,
Und einen Himmel ohne Wolkenbrüche,
Wo jeder Stern auf eine Blume deutet:
Und so verglichest du dir ihn bescheiden,
In Tat und Sinn, im Streben und im Leiden.

Was hast du nicht erlitten und erfahren!
Wie teuer mußtest du den Ruhm erkaufen!
Verkannt von ferne hausenden Barbaren,
Vom Schwarm der Gecken lästig überlaufen,
Die Übelwollenden zu ganzen Scharen,
Die Mißverstehenden zu ganzen Haufen,
Und wenn ich alles insgesamt erwähne,
Der Krittler freche, wenn auch stumpfe Zähne.

Und wie du sonst in jugendlichen Tagen,
Sie reich beschüttet hast mit Blütenflocken;
Und sie, zu feig die schöne Last zu tragen,
Sich zeigten neidisch halb und halb erschrocken:
So sehn wir jetzt sie noch hervor sich wagen,
Um Schmach zu bieten deinen Silberlocken;
Doch dies Geschlecht vermag dich nicht zu hemmen,
Es muß die Welt sich dir entgegenstemmen.

Da schwoll's um dich in ungeheuern Wogen,
Da schien der Boden unter dir zu wanken,
Die ganze Masse ward mit fortgezogen,
Und Jeder trat aus seinen eignen Schranken:
Du bliebst allein der engen Pflicht gewogen,
Getreu dem lebenschaffenden Gedanken,
Indes die Zeit, in ungebundner Meinung,
Dem Leben bot die gräßliche Verneinung.

Da galt es Kämpfe gegen ganze Massen:
Ein ernster Streit entflammte sich, ein neuer,
Weit über das hinaus, was Menschen fassen,
Und die politisch kleinen Ungeheuer
Verzehrten sich im gegenseit'gen Hassen;
Du aber standest unbewegt am Steuer,
Sinnschwere Worte werfend in die Winde,
Daß einst der Sohn, der Enkel einst sie finde.

Und stelltest dar, in wahren, großen Zügen,
In welchen Abgrund die Begierde führet,
Wenn das Gefühl sich nicht vermag zu fügen,
Und wenn der Geist nach dem Versagten spüret,
Und was, begabt mit fröhlichem Genügen,
Den Deutschen, rechtlich wie sie sind, gebühret:
Bei dieses Taumels schwankender Empörung
Zu hemmen und zu meiden die Zerstörung.

Und überall, im reichergoßnen Leben,
In tausendfachen Bildern und Gestalten,
Die bis herunter in ihr kleinstes Weben
Anmut und Wahrheit um sich her entfalten,
Hast du die große Lehre nur gegeben,
Im eignen Kreise müsse jeder walten,
Und überall umschwebt uns der Gedanke:
Freiheit erscheint nur im Bezirk der Schranke.

Dich hat die Ahnung aber nicht betrogen:
Macht wider Macht ist kräftig aufgestanden,
Zur Hälfte schon ist jener Wahn verflogen,
Der alles Leben löste von den Banden,
Worin es gütig die Natur erzogen,
Und da die Wahrheit wir verirrend fanden,
So sein vergessen jene Greueltaten:
Es steht die Blume zwischen jungen Saaten.

Wenn auch der alte, hohe Baum verdorben,
Der eine Welt im Schatten konnte wahren,
Wenn auch der Glanz von ehedem erstorben,
Zerstückt ein Reich, das trotzte tausend Jahren,
So ward dafür ein geistiges erworben,
Und immer schöner wird sich's offenbaren,
Und fehlt ein Kaiser dieses Reiches Throne,
So nimm von uns, die du verdienst, die Krone!


                    An Schelling

       Als Zueignung zu einem Drama

                          1823

Es muß ein Volk allmählich höher steigen,
Es kann zurück sich nicht ergehn zum Kinde;
Der Dichtung erster, jugendlicher Reigen
Zog längst vorüber, flog vorbei geschwinde:
Sophisten kamen, sie begann zu schweigen,
Und löste nach und nach die goldne Binde.
Doch jene Nüchternen bezwang dein Streben,
Und so entflammtest du das neue Leben!

Was deutsche Kraft in dieser Zeit erreichte,
Gehört dir an, und neigt sich deinem Bilde,
Und dein vor allen sei dies Lied, das leichte,
Das du zuerst empfingst mit edler Milde,
Versammelnd rings um dessen frühste Beichte,
Von Fraun und Männern eine schöne Gilde:
Sei's, daß das Volk es nun mit Gunst bezahle,
Du ließest leben es zum ersten Male!

Nun mögen Lieder sich zum Liede reihen,
Geschichte zu Geschichte, Sag an Sage,
Ich sehne mich, sie alle dir zu weihen,
Die noch als Keim ich in der Seele trage,
Dir, der gehört mit gütigem Verzeihen
Die frühsten Klänge meiner jungen Tage,
Da noch ich sang des Stolzes mut'ge Triebe,
Und jenen brennenden nach Ruhm und Liebe.

Doch hat das Herz sich nie zurecht gefunden
In dieses Lebens ird'schen Paradiesen:
Die freie Liebe, die es ungebunden
Den Menschen bot, sie ward verlacht von diesen,
Und frühe fühlt ich in verlaßnen Stunden
Mich auf mein eignes, dunkles Selbst verwiesen,
Und früh begann ein unaussprechlich Sehnen,
Die Brust durch Seufzer mächtig auszudehnen.

Das ist vorbei! Ich lernte viel verschmerzen,
Ich fühlte Kraft, mir Alles zu versagen,
Und eine Welt von Heiterkeit und Scherzen
Im leichtbeweglichen Gemüt zu tragen:
Nur selten soll die tiefe Qual im Herzen
Ergießen sich in ungeheure Klagen,
Und jeder Hörer fühle dann mit Beben,
Was für ein trauriges Geschenk das Leben!

So ward gestählt ich denn und ausgestattet
Zu Taten, die ich länger nicht verschiebe:
Mein Mut, in Qualen nach und nach ermattet,
Wird nie mehr betteln gehn um weiche Liebe.
Vielleicht, da Stunde sich zu Stunde gattet,
Gelingt es meinem glühenden Betriebe,
Daß ich dereinst, wenn deutsches Wort ich meistre,
Die edle Jugend dieses Volks begeistre.


Am Grabe Peter Ulrich Kernells

               1824

Den ein allzufrüh Ermatten
Um der Jugend Rest betrogen,
Lasset uns den Freund bestatten,
Den wir, wenn auch fern erzogen,
Lieb, wie einen Bruder, hatten.

Ach, es lockten heim'sche Bande,
Lockten aus Hesperiens Eden,
Vom erhabnen Tiberstrande,
Wieder ihn ins teure Schweden,
Nach dem frommen Vaterlande!

Aber, eilendes Verderben,
Du vergönntest nicht dem Armen,
Um das letzte Glück zu werben,
In den schwesterlichen Armen,
An der Mutter Brust zu sterben!

Schauernd in der Morgenstunde,
Bei dem Schalle fremder Glocken,
Senken hier wir ihn zu Grunde,
Senden, ach! nur wen'ge Locken
Nach dem allzufernen Sunde.

Beßres läßt sich nichts gewähren
Jenen, die so viel ertragen:
Ihre Sehnsucht quillt in Zähren,
Schwillt in Seufzern, stürmt in Klagen,
Die sich ewig neu gebären!

Eh der Lenz dir Frist gegeben,
Ließ, o Freund, dein allzukarges
Lebenslos dich uns entschweben,
Und den Deckel deines Sarges
Zieren Rosen ohne Leben.

O wie zog es dich nach jenen
Tagen hin, wo laue Winde
Weichgeflaumte Flügel dehnen!
Nach der ersten Knospenrinde
Lockte dich dein letztes Sehnen!

Noch bei seinem mattern Pochen
Hat vielleicht das Herz des Kranken,
Eh der starre Blick gebrochen,
Unaussprechliche Gedanken
Mit den Seinen still gesprochen!

Diese Lieben zu ermuten,
Säuselt aus dem Schoß der Grüfte
Noch ein Lebewohl des Guten:
Haschet es, ihr Frühlingslüfte,
Tragt es über Land und Fluten!


      An die Diana des Niesen

    Von den Jägern der Müllimatt

                     1825

O Göttin, die du stets geleitest
Des Jägers Gang durch Feld und Wiesen,
Und gern das Hochgebürg beschreitest,
Die Blümlisalp und unsern Niesen,
Und allen stets dich hold erwiesen,
Die dir, des Städtelebens satt,
Auf wald'ger Berge Rücken huldigen:
Was zürnst du deinen ungeduldigen
Verehrern auf der Müllimatt?

Auf daß uns froh dein Auge nicke,
Dein heil'ger Grimm uns endlich schone,
Wie gerne lenkten wir die Blicke
Hinauf zu deinem höchsten Throne,
Zu jener keuschen Gletscherzone,
Die dir den Namen hat geraubt;
Doch Nebel ach! sich ewig häufende,
Von allen Seiten niederträufende,
Umwehn der Jungfrau Strahlenhaupt.

Wir ziehn dem Regenguß entgegen,
Und weihn dir manchen Tag und Morgen;
Doch keine Schnepfe will sich regen,
Und alle Hasen sind verborgen:
So kehren wir denn stets in Sorgen
Von mancher eitlen Fahrt zurück,
Die Müh und Schweiß genug uns kostete,
Und unsre Flinte, die verrostete,
Ersehnt umsonst ihr altes Glück.

Zwar läßt sich Manches in den Lauben
Der schönen Müllimatt erwerben:
Bei holden Fraun, beim Saft der Trauben,
Beim Duft so vieler Blumenscherben,
Hier ließe leben sich's und sterben;
Doch, Göttin, sieh, zur dir nur schaun
Wir hoffend auf, zu deinen luftigen
Und wilden Höhn von diesen duftigen
Gewächsen, diesen schönen Fraun!

Laß dich von unserm Flehn erweichen,
Und sei mit uns in diesen Tagen:
Das Höchste wollen wir erreichen,
Die pfeilgeschwinde Gemse jagen;
Es wird uns kein Gewehr versagen,
Wenn du uns schützen willst, o du!
Sei gnädig unserer Verwegenheit,
Erspähe selbst uns die Gelegenheit,
Und jag uns alle Gemsen zu!

Und wenn du uns vor Schmach mit diesen
Geschenken deiner Gunst gerettet,
So möge dir am Rand des Niesen
Auf Alpenrosen hingebettet,
Erscheinen was dich ewig kettet:
Auf daß du senkst den Wagenthron,
Erscheine dir ein hingesunkener,
Von Lieb und Wein und Schlummer trunkener,
Ein schnarchender Endymion!


      Antwort an einen Ungenannten im Morgenblatt

                                       1828

Bis zu mir, aus weiter Ferne, hör ich süße Worte flüstern,
Glättend jene Falten alle, welche meine Stirn verdüstern,
Zeigend, daß ich nicht vergebens Nesseln schwang und Disteln köpfte,
Nicht mit Danaideneimern aus des Lebens Brunnen schöpfte;
Meiner Widersacher Mißmut stört mich nicht in Roms Ruinen,
Doch die Liebe, wie ein Pilger, übersteigt die Apenninen.
Allen denen, die so gerne jede wahre Kraft verkennen,
Sei's gesagt, daß nicht einmal ich ihre Namen höre nennen:
Doch von Andern hör ich, welche sonder Scheu vor Witzesnadeln,
Loben mein Gedicht mit Einsicht und mit Einsicht auch es tadeln:
Diesen biet ich aus der Ferne gern die Hand, und Dir vor Allen!
Zwar Du ließest nicht die Stimme kritischer Vernunft erschallen,
Aber nach dem Kapitole, dessen Höhn ich jetzt erklimme,
Ließest wehn Du mir Begeistrung, jene reine Milderstimme,
Die so glockenhell und herrlich von der Menschenlippe gleitet
Und elektrisch ihren schönen Liebesfunken weiter leitet.
Ja, es müssen, wo dem Guten sie sich beigesellt, dem Wahren,
Aus der Seele Dithyramben, wie aus Wolken Blitze, fahren!
Mögen denn auch meine Töne durch des Nordens Stürme lauten
Wie ein Weihgesang des Orpheus auf dem Schiff der Argonauten,
Die den Pelz, den im Barbarenland sie sich mit Müh ergattert,
Für Apollos Mantel halten, der in Tempes Lüften flattert.

Rufe nicht, da mich das deutsche Chaos würde bloß ermüden,
Rufe nicht zurück den Dichter aus dem vielgeliebten Süden,
Welcher, bis mich Frost und Alter lüstern macht nach eurem Vließe,
Über jedes meiner Worte Ströme von Musik ergieße.
Immer mehr nach Süden laß mich meines Auges Wünsche richten,
Und genährt von Hyblahonig auf des Ätna Gipfel dichten!
Laß mich Odysseen erfinden, schweifend an Homers Gestaden,
Bald, in voller Waffenrüstung, folgen ihnen Iliaden.
Ja, wenn ganz mit deutscher Seele griechische Kunst sich hat verschmolzen,
Sollst Du sehn, zu welchen Pfeilen greift Apoll, zu welchen Bolzen!

Noch so lange, Freund, so lange laß umher mich ziehn verlassen,
Bis Thuiskons Volk und meine Wenigkeit zusammen passen,
Bis wir Einer Lehre Schüler, Brüder sind von Einem Orden,
Beide dann einander würdig, und einander lieb geworden.
Wie die Lerche möcht ich kommen, wann die ersten Knospen treiben,
Nicht wie euer Schneegestöber wehn und endlich liegen bleiben.
Eher nicht an eure Herzen klopf ich an, an eure Pforten,
Bis das Schönste nicht getan ich, eine große Tat in Worten,
Welche kalte Sinne glühn macht, Lob erpreßt von Silbenklaubern,
Selbst den Feinden muß gefallen, und die Freunde ganz bezaubern;
Dann vor solche will ich treten, die verächtlich mir, verblendet
Ehedem des Aberwitzes Achselblicke zugewendet,
Die mir ins Gesicht gepredigt, deutsche Kunst sei längst gesunken,
Und umsonst in meinem Busen brenne dieser heiße Funken:
Ihrem Schamerröten tret ich schweigend dann und still entgegen,
Und vor ihre Füße will ich alle meine Kränze legen.


     Flucht nach Toskana

                 1828

Wie flog der Wagen leicht dahin,
Seit hinter mir der Apennin,
Seit jeder Pfad, auf dem er flog,
Ins Arnotal hinunterbog!
Olivenhaine rings herum,
Wo manches schöne Tuskulum,
Umgeben von Zypressen, stand,
Verhießen mir ein mildres Land,
Ein Volk, das immer fröhlich singt,
Und dessen Sprache süßer klingt.

Nie laßt mich wiedersehn, o nie
Die nebelreiche Lombardie,
Wo winterlich der Flüsse Qualm
Umdampft den dürren Stoppelhalm,
Und über ebne Flächen weit
Sich legt die dicke Feuchtigkeit!
Wie prächtig Mailand auch, wie groß,
Es liegt der Finsternis im Schoß,
Und seiner breiten Straßen Glanz,

Was frommt er ihm? Der Scala Tanz,
Den alten, marmorblanken Dom
Beneiden ihm Florenz und Rom;
Doch wo's so finster ist und kalt,
Welch quälerischer Aufenthalt!
Wer wollte nicht, um ihn zu fliehn,
Hoch über die Gebürge ziehn,
Hinab zur schönen Stadt gekehrt,
Die einst der Welt so viel gelehrt?

Du bist mir im Dezember Lenz,
Du milder Himmel von Florenz!
Paläste, grüne Haine ziert
Der Arno, welcher nie gefriert,
Und über ihm, so schön und breit,
Die Brücke der Dreifaltigkeit.


         Prolog zu den Abbassiden

                         1829

Ich möchte wieder wie ein junger Schwärmer
Auf meinem Pegasus ein bißchen reiten,
Doch da die Zeit betrübter wird und ärmer,
So möcht ich fliehn in fabelhafte Zeiten:
Ich, der ich ehedem, an Jugend wärmer,
Herunterstieg in spröde Wirklichkeiten,
Und mit dem Unverstand begann zu turnen,
Der stelzenhaft gespreizt sich auf Kothurnen.

Ihr wendet weg von jenem Volk der Zwitter
Die müden Augen und ich muß es preisen,
Und will, da viele mich verschrien als bitter,
Euch meine Süßigkeit einmal beweisen:
Die Sonne bring ich nach dem Ungewitter,
Einladend euch, mit mir ein Stück zu reisen,
Ein Märchen aus dem Orient zu lesen,
Der meiner Jugend schon so lieb gewesen!

Und weil mir vorgeworfen ward, es wäre
Mein Vers zu gut für eure blöden Ohren,
Und allzukunstreich meine ganze Sphäre,
Weil euch der Wein behagt unausgegoren,
Den sonst ich gern wohl durch Gedanken kläre,
So hab ich diesmal ein Gewand erkoren,
Ganz schlicht und einfach und bequem zu fassen,
Das kaum verhüllt den Stoff in keusche Massen.

Auch mir zuweilen macht's ein bißchen Galle,
Daß ich so wenig noch getan auf Erden,
Und wenn ich euch im Ganzen nicht gefalle,
So führ ich deshalb keineswegs Beschwerden;
Doch wünscht ich manchmal, wie die Andern alle,
Zu euren Klassikern gezählt zu werden:
Die Ehre freilich ist ein bißchen mager,
Denn wer ins Hörn bläst, heißt sogleich ein Schwager.

Drum hab ich euch dies neue Lied gesponnen,
Das weder Zeit mir noch Kritik verheere;
Es ist, wofern mir unter wärmern Sonnen
Gereift ein Lorbeer, seine reifste Beere:
Im alten Siena hab ich's ausgesonnen;
Und dann mit mir geschleppt an beide Meere;
Und schlepp ich's weiter, bitt ich nicht zu staunen;
Denn häufig wechseln meine Reiselaunen.

Und weil so mancherlei den Geist verführet,
So wechsl' ich Aufenthalte gern und Ziele,
Und unter Welschlands Firmament gebühret
Ein bißchen Trägheit, das bezeugen Viele:
Ich habe mehr gedacht als ausgeführet,
Und hätt ich alle jene Trauerspiele,
Zu denen ich den Plan gemacht, geschrieben,
Ich wäre nicht so unberühmt geblieben!

Nie kann der Mensch, wieviel er auch vollende,
Wie kühn er sei, sich zeigen als ein Ganzes,
Und was er ausführt, gleicht es nicht am Ende
Zerstreuten Blumen eines großen Kranzes?
Drum Heil den Dichtern, deren reicher Spende
Deutschland verdankt den Gipfel seines Glanzes,
Die nie mit Denken ihre Zeit verputzen,
Und statt des Geistes bloß die Feder nutzen!

Und will Begeistrung ihnen nicht erscheinen,
So hilft die Mokkafrucht, so hilft die Rebe:
Vom Trunk erhitzt und auf gelähmten Beinen
Hält sich der deutsche Pindus in der Schwebe;
Ich zähle mich hingegen zu den kleinen
Poeten, der ich mäßig bin, und gebe
Mich ganz und gar für einen schlechten Prasser:
Auch misch ich täglich meinen Wein mit Wasser.

Drum konnt ich wenig eure Gunst gewinnen,
Entzünde nicht, da selbst ich nicht entzündet,
Da meine Musen, als Begleiterinnen
Des Wahren, nie dem Pöbel sich verbündet.
Es war ein allzu jugendlich Beginnen,
Daß ich, wie Joseph, meinen Traum verkündet;
Draus hat sich mir der Brüder Neid entsponnen,
Die gern mich würfen in den tiefsten Bronnen.

Doch bis hieher zu weitentferntem Strande
Kann Lieb und Haß den Dichter nicht beschreien!
Hier mag er weilen, unzerstreut vom Tande,
Vom bunten Wirrwarr deutscher Klatschereien;
Er konnte hier, in einem Zauberlande,
Die bange Brust von jedem Schmerz befreien:
Es steht bei dir, ihm vorzuziehn Lappalien,
Du nordisch Volk, ihn aber schützt Italien!

Deutschland verehrt zu vielerlei Pagoden,
Und Einer stets bekämpft des Andern Meinung:
Dies trübe Chaos tausendfacher Moden,
In welchem Punkte fänd es je Vereinung?
Der Dichter steht auf einem solchen Boden
Gleich einer fremden sonderbarn Erscheinung:
Er hört das wilde Heer von ferne wüten,
Erschrickt und flieht, und birgt sich unter Blüten.

Hier kann er froh sein und des Tags genießen,
Dort müßt er frieren, Buße tun und darben;
Hier kann Gesang am reinsten sich ergießen,
Denn welche Dichter lebten hier und starben!
Drum kann zu fliehn er sich noch nicht entschließen
Das Reich des stäten Lenzes und der Farben.
Indessen wünscht er sich geneigte Leser
Vom Strand der Donau bis zum Strand der Weser!

Zwar hie und da bewirkt er kein Behagen,
Weil ihn die Mandarine streng verbieten;
Doch, fürcht ich, wird sie lange Weile plagen,
Wenn sie die Welt zurückgeführt auf Nieten.
Auch läßt sich Wahrheit nicht so leicht verjagen:
Johannes Huß und andre Ketzer brieten,
Ihr Wort jedoch erklang von Ort zu Orte:
Welch eine Tugend ist die Kunst der Worte!

Zwar hier und da giebt's keine Demagogen;
Doch Seelen giebt's, durch Worte nicht erreichbar,
Mit siebenfachem Leder überzogen,
Dem Schild des Ajax im Homer vergleichbar.
Sie sind wie steile Klippen in den Wogen,
Auf ewig hart, auf ewig unerweichbar:
Es spritzt die Flut empor mit leisen Scherzen,
Und schmiegt sich an, als hätten Steine Herzen!

Doch nun erzähl ich, statt ein Grillenfänger
Zu scheinen euch und euch die Zeit zu rauben,
Wenn ihr mir anders noch ein Stündchen länger
Zuhören wollt und meinen Worten glauben,
Wenn anders je mich, wie Horaz den Sänger,
Als blondes Kind verliebte Turteltauben
Bestreut mit Lorbeer, den sie mit dem Schnabel
Für mich gepflückt im schönen Land der Fabel.


                An einen Ultra

                       1831

Du rühmst die Zeit, in welcher deine Kaste
Genoß ein ruhig Glück?
Was aber, außer einer Puderquaste,
Ließ jene goldne Zeit zurück?

Kann bloß Vergangnes dein Gemüt ergötzen,
Nicht frische, warme Tat?
Was blickst du rückwärts nach den alten Götzen,
Wie Julian, der Apostat?

Es führt die Freiheit ihren goldnen Morgen
Im Strahlenglanz herbei!
Im Finstern, sagst du, schlich sie lang verborgen:
Das war die Schuld der Tyrannei.

Wer spräche laut, wenn's ein Despot verwehret,
Der Allen schließt den Mund?
Selbst Christi Wort, das alle Welt verehret,
War lang nur ein geheimer Bund.

Nicht Böse bloß verbergen ihre Taten,
Auch Tugend hüllt sich ein:
Das Vaterland, auf offnem Markt verraten,
Weint seine Träne ganz allein!

Den Herrscher, sagst du, soll ein Zepter zieren,
Das unumschränkt befiehlt,
Als stünd ein Mensch er zwischen wilden Tieren,
Nach denen seine Flinte zielt!

Du willst der Rede setzen ihre Schranke,
Einkerkern Schrift und Wort?
Umsonst! Es wälzt sich jeder Glutgedanke
Bacchantisch und unsterblich fort!

Umsonst, Verstockter, tadelst du das Neue,
Allmächtig herrscht die Zeit:
Zwar eine schöne Tugend ist die Treue,
Doch schöner ist Gerechtigkeit!

Und ist es neu, was einst der Weltgemeinde
Freiheit verliehn und Glanz,
Vor jenem fünften Karl und seinem Feinde,
Dem schnöden Unterdrücker Franz?

Und sollt ich sterben einst wie Ulrich Hutten,
Verlassen und allein,
Abziehn den Heuchlern will ich ihre Kutten:
Nicht lohnt's der Mühe, schlecht zu sein!


          Das Reich der Geister

             (16. Dezember 1832)

Es lag ein Wüterich auf goldnem Kissen,
Und schlief; da kamen fürchterliche Träume
Ihm ins Gemüt, gleich wilden Schlangenbissen:
Sie führten ihn in außerirdische Räume,
Vom Reich der Geister fühlt er sich umfangen,
Das ewig klar und ohne Wolkensäume:
Entsetzlich war ihm, was die Geister sangen,
Wie einst Tarquin vom Brutus ward vertrieben,
Und wie Hipparchos nicht dem Tod entgangen.
Und solche Frevler wagt man hier zu lieben,
So denkt er bei sich selbst, wo ist die Achtung
Für jeden Machtspruch, den ich ausgeschrieben?
Was will die Sonne hier, da längst Umnachtung
Ich übern Horizont der Welt verbreitet,
Wo Jeder kniet vor mir in Selbstverachtung?
Und sieh, ein Mann mit hoher Stirne schreitet
Auf ihn heran und ruft: Bejammernswerter,
Welch Schreckenschicksal ist dir hier bereitet!
Hier herrscht die Freiheit stets in unbeschwerter
Gedankenruh, du kannst sie nicht verjagen,
Ohnmächtig sind hier alle deine Schwerter!
Doch will zuerst ich, wer ich sei, dir sagen:
Ich bin der große florentinische Dichter,
Nach dessen Staub du magst Ravenna fragen:
Ich war den Sündern meiner Zeit ein Richter;
Doch unter Allen, welche schon verwesen,
Erreichte keiner dich und dein Gelichter!
Was wird man einst auf deinem Grabe lesen,
Der du zugleich Herodes gegen Kinder,
Und gegen Männer Ezzelin gewesen!
Ein Unterdrücker, nicht ein Überwinder;
Gezeugt von einer schauderbarn Lemure,
Und dann gepfropft noch auf den Stamm der Schinder!
Sohn eines Bankerts, Enkel einer Hure,
Vernimmst du nicht, daß Alle dich begrüßen:
Rehabeam, wie steht's mit deinem Schwure?
Hier hast du nun die grause Schuld zu büßen:
Die Letzten selbst im Reich der Geister grollen
Dir ins Gesicht und treten dich mit Füßen!
Gehorsam wußte dir die Welt zu zollen:
Dort nannten Schurken dich sogar den Frommen,
Hier wär's Verbrechen, dir gehorchen wollen!
Wo sind die Sklaven alle hingekommen,
Die unterwürfig ihrem Herrn und Meister
Jedweden blutigen Frevel übernommen?
Hier gilt Gesetz, hier äußert sich in freister
Tatkraft die Tugend, die du hast gelogen:
Hier giltst du nichts, du bist im Reich der Geister.
Wie haben deine Schmeichler dich betrogen!
Nun wirst du (wer gedächte dich zu schonen?)
Zur ungeheuren Rechenschaft gezogen!
Vernimm! von allen jenen Millionen,
Die du gestürzt in Jammer und in Klage,
Die du geschleppt in fürchterliche Zonen,
Von Allen, denen du verkürzt die Tage,
War Jeder Mensch wie du, der Seelenwäger
Hat sie gewogen auf derselben Waage:
Bald stehn sie Alle gegen dich, die Kläger,
Wann ihre Zähren sich zum Strom vermählen,
Aus dem du schöpfen sollst als Wasserträger!
Vom König Kodrus will ich dir erzählen,
Der in den Tod ging, um sein Volk zu retten:
Deins muß sich deinethalb zu Tode quälen!
Und noch auf Lorbeern wähnst du dich zu betten,
Wie deine Schmeichler dir es vorgeplaudert?
Tyrann, erstick in deinen eignen Ketten!
Er spricht's. Der Wüterich erwacht und schaudert.


   An einen deutschen Staat

                  1832

Du wachst; allein wer bürgt dafür,
Ob nie du schlafen wirst?
Ob Mut und Vaterlandsgefühl
Auf ewig bleiben wach?

Du ruhst an einem Bergesrand
Gefährlich überaus,
Und wehe dir, sobald du schläfst
Nur Einen Augenblick!

Gedenke nicht des Augenblicks,
Ins tiefre Werden sieh!
Die ganze Zukunft, liegt sie nicht
In deiner Brust allein?

Es sah die Welt Jahrhunderte
In dumpfen Schlaf gesenkt,
Und einer wildbewegten Zeit
Folgt eine träge nach.

Wer aber selbst in schlaffer Zeit,
Wer, sprich, erhielt sich wach?
Es blieben selbst in schlaffer Zeit
Die freien Völker wach!

Es ist die Freiheit jener Puls,
Der stets lebendig schlägt,
Der stets zum Kampfe treibt ein Volk
Für seinen eignen Herd.

Nie fehlen ihr Verteidiger,
Nie mangelt ihr ein Schwert,
Und wer sie recht gekostet hat,
Geht in den Tod für sie!

O wär ich frei, wer raubte mir's?
Verlör ich jede Hand,
So hielt ich doch die Waffe noch
Mit meinen Zähnen fest!

Du fürchtest diesen starken Wein,
Dieweil er mächtig gärt;
Doch setze nur den Becher an,
Er macht die Seelen stark!

Und wenn du diesen Trieb erstickst
(Du willst es nicht, ich weiß!)
Dann stehst du nackt und waffenlos,
Wie ein entnervter Greis.

Wann dieser Trieb erlischt, er ist
Erloschen manchem Volk,
Du rüttelst dann die Leiche wohl
Und rüttelst sie nicht auf!

Er sei bewahrt als Heiligtum,
Der ewigen Lampe gleich,
Die hangend vor dem Hochaltar
Des Doms Gewölb erhellt.

Vergebens blickt Bewunderung
Auf alte Völker hin:
Bewundert nicht! Es liegt an euch,
So groß zu sein wie sie!

Wirf endlich diese Stelzen weg
Vornehmer Gleisnerei:
Wahr sei der Mensch, er krieche nicht,
Sonst braucht es kein Gebet.

Im Herzen wohnt die Gottesfurcht,
Und bloß ein Wüterich
(Wir wurden's inne) breitet sie
Wie einen Mantel aus!

Wann deiner Söhne jeglicher
Sein Bürgertum erkennt,
Dann sinkt vor dir Europas Schwert
Und Asiens Henkerbeil!


       Der Rubel auf Reisen

                    1833

Der Rubel reist im deutschen Land,
Der frommen Leuten frommt,
Und jeder öffnet schnell die Hand,
Sobald der Rubel kommt.

Ihn speichert selbst der Pietist,
Und gibt den Armen mehr:
Seit außer Kurs die Tugend ist,
Kursiert der Rubel sehr.

Der Tugend wird bloß Ruhm zuteil,
Es ist ein hohler Schall;
Doch wem die Welt um Rubel feil,
Dem klingt ein rein Metall!

Da wird die Nacht gescholten Tag,
Der Teufel wird so gut!
Was nicht ein heller Klang vermag,
Was nicht ein Rubel tut!

Des Nordens Sternbild wird bekränzt
Vom Sängerchor des Teut:
Es ist der Rubel, der so glänzt,
Der so das Aug erfreut!

Wohl ist er ein an jedem Strand
Süßangegrinster Gast:
Verkaufe nur dein Vaterland,
Wofern du eines hast!

Doch ist dir auch, welch eine Kraft
Du töten sollst, bewußt?
Gymnastik ist's und Wissenschaft,
Die du verleumden mußt.

Es wird, und sind nur diese Zwo
Zum Land gepeitscht hinaus,
Mit Rubeln ach, mit Rubeln oh,
Gepflastert jedes Haus.

Und sind verjagt nur diese Zwei,
Dann herrscht Tyrann und Pfaff,
Und jede Nerve wird wie Brei,
Und jede Sehne schlaff.

Der Rubel klirrt, der Rubel fällt,
Was ist der Mensch? Ein Schuft!
Und wenn die Welt dir nicht gefällt,
So steig in deine Gruft!

Erst gab's nur Einen Kotzebue,
Jetzt gibt's ein ganzes Schock;
Und schüttelst du das Haupt dazu,
So leg es auf den Block!

Der Teufel siegt, der Gott verliert,
Der blanke Rubel reist:
So ward von je die Welt regiert,
So lang die Sonne kreist.


      Wäinämöinens Harfe

Finnisches Volkslied, aus dem Schwedischen übersetzt

Wäinämöinen selbst, der alte,
Rudert' eines Tags auf Sümpfen,
Und auf Seen des andern Tages,
Und am dritten Tag im Meere,
Stehend auf des Hechtes Schultern,
Auf des roten Lachses Finnen.
Er beginnt den Sohn zu fragen:
Stehn auf Reisig oder Stein wir,
Oder auf des Hechtes Schultern,
Oder auf des Lachses Finnen?
Und der Sohn erwidert eilig:
Nicht auf Stein und nicht auf Reisig,
Auf des Hechtes festen Schultern,
Auf des roten Lachses Finnen.
Wäinämöinen selbst, der alte,
Stieß das Schwert ins Meer danieder,
Und zerteilte so den Fisch,
Zog das Haupt in seinen Nachen,
Ließ den Schwanz im Meere liegen.
Jenes blickt er an und wendet's:
Was kann draus der Schmied verfert'gen?
Was kann draus der Schmieder schmieden?
Wäinämöinen selbst, der alte,
Nimmt auf sich des Schmiedes Arbeit,
Macht vom Bein des Hechts die Harfe,
Macht das Kantele von Gräten,
Und von Fischgeripp die Leier.
Und woraus der Harfe Schrauben?
Aus des großen Hechtes Zähnen.
Und woraus der Harfe Saiten?
Aus dem Haupthaar Kalevas.
Zu dem Sohne sprach der Alte:
Hole mir mein Kantele
Unter die gewohnten Finger,
Unter die gewohnten Hände!
Freude strömt nun über Freude,
Auf Gelächter folgt Gelächter,
Während spielet Wäinämöinen
Auf dem Kantele von Gräten,
Auf dem Fischgeripp der Leier.
Keines ward im Hain gefunden,
Sei es auf zwei Flügeln fliegend,
Sei es auf vier Füßen laufend,
Das nicht eilte, zuzuhören,
Während spielte Wäinämöinen
Auf dem Kantele von Gräten,
Auf dem Fischgeripp der Leier.
Selbst der Bär im Walde stieß
Mit der Brust sich gegen Zäune,
Während spielte Wäinämöinen
Auf dem Kantele von Gräten,
Auf dem Fischgeripp der Leier.
Selbst des Waldes alter Vater
Schmückte sich mit rotem Schuhband,
Während spielte Wäinämöinen
Auf dem Kantele von Gräten,
Auf dem Fischgeripp der Leier.
Selbst des Wassers gute Mutter
Zierte sich mit blauen Strümpfen,
Ließ im grünen Gras sich nieder,
Um das Saitenspiel zu hören,
Während spielte Wäinämöinen
Auf dem Kantele von Gräten,
Auf dem Fischgeripp der Leier.
Und dem Wäinämöinen selbst
Flossen Tränen aus den Augen,
Dicker noch als Heidelbeeren,
Größer noch als Schnepfeneier,
Nieder auf den breiten Busen,
Von dem Busen auf die Kniee,
Von den Knieen auf die Füße:
So durchnäßten Wasserperlen
Fünf von seinen Wollenmänteln,
Acht von seinen Zwillichröcken.