Platen

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D. Ghaselen

Im Wasser wogt die Lilie, die blanke, hin und her,
Doch irrst du, Freund, sobald du sagst, sie schwanke hin und her!
Es wurzelt ja so fest ihr Fuß im tiefen Meeresgrund,
Ihr Haupt nur wiegt ein lieblicher Gedanke hin und her!

                      I.

Farbenstäubchen auf der Schwinge
Sommerlicher Schmetterlinge
Flüchtig sind sie, sind vergänglich
Wie die Gaben, die ich bringe,
Wie die Kränze, die ich flechte,
Wie die Lieder, die ich singe:
Schnell vorüber schweben alle,
Ihre Dauer ist geringe,
Wie ein Schaum auf schwanker Welle,
Wie ein Hauch auf blanker Klinge.
Nicht Unsterblichkeit verlang ich,
Sterben ist das Los der Dinge:
Meine Töne sind zerbrechlich
Wie das Glas, an das ich klinge.


                                     II.

Nah dich, ungeweihte Wespe, diesem frommen Herde nie,
Du besuchst den Tempelgarten ohne viel Beschwerde nie!
Alle sind wir wohl bewaffnet, wohl gerüstet, wohl bewehrt:
Sahst du meines Blumenheeres kriegrische Gebärde nie?
Traun, der Rose Dornengeißel wirst du nie gesund entgehn,
Auch der Lilje gottgeweihtem, breitem, blankem Schwerte nie!
Sonnenblumen tragen Keulen, Hyazinthen sind behelmt:
Nah dich, ungeweihte Wespe, dieser frommen Erde nie!


                        III.

Wohl mir, es heilte die liebende Hand mich,
Die mit balsamischem Blatte verband mich;
Als mich in Flammen umdrohte Verzweiflung,
Deckte des Glaubens asbesten Gewand mich;
Irrend durchstrich ich das waldige Dickicht,
Doch Philomele, die zärtliche, fand mich;
Sterbend im Ozean schwamm ich, der Delphin
Segelte ruhig ans blumige Land mich;
Schlüpfrigen Höhen entglitt ich zum Abgrund,
Aber die Rebe des Berges umwand mich.


                              IV.

O weh dir, der die Welt verachtet, allein zu sein,
Und dessen ganze Seele schmachtet, allein zu sein!
Es schuf der unerschöpfte Schöpfer Geschöpfe rings,
Und nicht ein einzig Wesen trachtet, allein zu sein:
Allein zu sein, verschmäht die Tulpe des Tulpenbeets,
Es scheut der Stern sich, wenn es nachtet, allein zu sein.
Verlaß den Stolz, der deine Seele so tief betört,
Der sich und seine Freuden schlachtet, allein zu sein!
Sogar vom Throne reicht der Herrscher die Hand herab,
Ihm schwindelt, wenn er sich betrachtet, allein zu sein;
Dem Klausner selbst im Wald gesellt sich sein Gottesbild,
Weil betend er's für sündlich achtet, allein zu sein.


                  V.

Wähnst du, daß der Frommen
Haus dich aufgenommen?
Bist du je des Zweifels
Ungetüm entkommen?
Bist du je des Sehnens
Meere durchgeschwommen?
Hat dir je den Busen
Liebesschmerz beklommen?
Hast du je des Todes
Tiefen Sinn vernommen?
Bist du, hinzuopfern
Irdisches, entglommen?
Offen stehn die Tore,
Bist du's, magst du kommen!


                           VI.

Du grollst der Welt, weil du gebunden bist,
Und von dir selber überwunden bist?
Verklage nicht das fromme Schwert der Zeit,
Wenn du der Mann der tausend Wunden bist!
Bezeug uns erst, daß nichts in dir dich hemmt,
Daß du ein Freund von allen Stunden bist!
Sprich erst zur Rose, wenn sie welk erstirbt:
Was kümmert's mich, daß du verschwunden bist?
Dann, Bruder, glauben wir, wie sehr auch du
Von uns, den Freien und Gesunden, bist.


                        VII.

Du wähnst so sicher dich und klug zu sein,
So ganz der Welt und dir genug zu sein?
Doch unbefriedigt schien mir jedes Herz,
Und jedes Wesen, das ich frug, zu sein;
Ein duftig Rätsel schien die Rose mir,
Und jedes Blatt nur auf dem Flug zu sein;
Des Baumes Schatten, unter dem ich lag,
Schien mir ein köstlicher Betrug zu sein;
Gehemmt in Fesseln schien mein eigen Lied,
In die ich's wider Willen schlug, zu sein.


                           VIII.

Wie die Lilje sei dein Busen offen, ohne Groll;
Aber wie die keusche Rose sei er tief und voll!
Laß den Schmerz in deiner Seele wogen auf und ab,
Da so oft dem Quell des Leidens dein Gesang entquoll!
Wäre Daphne nicht entronnen ihres Buhlen Arm,
Welchen Kranz um seine Lyra schlänge dann Apoll?
Fürchte nicht zu sterben, Guter! denn das Leben trügt:
Gib der Erde gern den letzten, schauderhaften Zoll!
Laß das welke Blatt vom Baume stürzen in den Teich,
Weil es noch im Todestaumel sich berauschen soll!


                 IX.

Du bist der wahre Weise mir,
Dein Auge lispelt's leise mir:
Du bist ein Gastfreund ohne Hehl
Auf dieser langen Reise mir;
Dein Leben wird, daß Liebe noch
Lebendig, zum Beweise mir;
Du bringst der Liebe Moschusduft,
Du bringst der Wahrheit Speise mir;
Es wird so licht, es wird so warm
In deinem lieben Kreise mir;
Du bist die Perle, deren Wert
Hoch über jedem Preise mir!


                        X.

Wenn du sammelst goldne Trauben ein,
Hüllen Reben dich in Lauben ein;
Wenn am Hügel dich umfängt der Schlaf,
Girren dich verliebte Tauben ein;
Wenn du liebst, so stellen Engel sich,
Die der Sorge dich berauben, ein;
Da die Weisheit mühevoll du fandst,
Büßtest doch du nicht den Glauben ein.


                          XI.

Der Löwin dient des Löwen Mähne nicht;
Buntfarbig sonnt sich die Phaläne nicht;
Der Schwan befurcht mit stolzem Hals den See,
Doch hoch im Äther hausen Schwäne nicht;
Die Rieselquelle murmelt angenehm,
Doch Schiffe trägt sie nicht und Kähne nicht;
An Dauer weicht die Rose dem Rubin,
Ihn aber schmückt des Taues Träne nicht;
Was suchst du mehr, als was du bist, zu sein,
Ein andres je zu werden, wähne nicht!


                        XII.

Ja, deine Liebe flammt in meinem Busen,
Du hast sie nicht verdammt in meinem Busen,
Und weichlich ruhn, zum Lobe dir, Gesänge,
Wie Kronen auf dem Samt, in meinem Busen;
Der Dichtung Lanzen faß ich miteinander
Und berge sie gesamt in meinem Busen;
Ja, wie ein Flämmchen, flackert eine Rose,
Die noch aus Eden stammt, in meinem Busen.


                        XIII.

Die Ruhe wohnt in deinen Zügen, Freund!
Doch auch ein selbstisches Genügen, Freund!
Sie kleiden sich in sichre Harmonie,
Uns um so sichrer zu betrügen, Freund!
Doch suchen mehr wir, als die glatte Stirn,
Die keine Runzel wagt zu pflügen, Freund!
Was in den Adern uns lebendig rollt,
Kein Leben sei es, das wir lügen, Freund!
Kein Fächer sei der schöne Fittich dir,
Er trage dich zu hohen Flügen, Freund!


                                      XIV.

Kein Verständ'ger kann zergliedern, was den Menschen wohlgefällt:
Etwas ist in meinen Liedern, was den Menschen wohlgefällt:
Sollen eures Wortes Pfeile dringen in des Lebens Herz,
Müßt ihr sie mit dem befiedern, was den Menschen wohlgefällt.
Selbst der Herr des achten Himmels mochte diese Welt besehn,
Mochte sich zu dem erniedern, was den Menschen wohlgefällt.
Vor dem Hochaltar des Schönen neige sich das Gute selbst,
Was den Herzen aller Biedern, was den Menschen wohlgefällt!
Hat uns auch der Mai verlassen, Jugend ist im Winter Mai,
Jugend zeigt in schönen Gliedern, was den Menschen wohlgefällt.


              XV.

Wer Gelder eingetrieben,
Durchbebt die Nacht vor Dieben;
Mir, der ich nichts besitze,
Vergeht sie nach Belieben.
Es dunkeln zwar die Lüfte,
Doch sind sie rein geblieben;
Da senkt des Himmels Wagen
Der Sterne heil'ge Sieben.
O lernt die Welt beschauen,
Dann lernt ihr auch sie lieben!
Bemächtigt euch der Tage,
Die Jedem schnell zerstieben!
Die Welt ist eine Tafel,
Noch viel ist unbeschrieben.


                    XVI.

Was heimlich oft mein Herz erfrischt,
Wird endlich Allen aufgetischt:
Gesegnet werde, wer da lobt,
Gesegnet werde, wer da zischt!
Wo find ich den Verschwiegenen,
Dem nie ein rasches Wort entwischt?
Das Wort sei Jedem gern vergönnt,
Auch wenn er leere Halme drischt.
Eröffnet er die Muschel nie,
Was frommt's, ob einer Perlen fischt?
Wer schilt die Rose, wenn ihr Duft
Sich mit des Äthers Wolke mischt?
Was staunst du, da du ziehst den Kork,
Daß an die Decke springt der Gischt?
Das Herz ist eine Flamme, Freund,
Sie lodert, bis sie ganz erlischt.


                                        XVII.

Ich sah vor mir dich wandeln einst; o schöne, goldne Tage mir,
Entfuhr auch damals manches Ach, entfuhr auch manche Klage mir!
Es brachte jedes Lüftchen mir aus deinen Locken süßen Duft,
Und Rede stand dein blitzend Aug, so schien's, auf meine Frage mir;
An deiner Stimme hing ich fest, an deiner Lippen weichem Ton:
Musik, bei der mein Herz gehüpft, wo flohst du hin, o sage mir!
Da mir die leeren Hoffnungen gestoben in die leere Luft,
Der Tröster unberufne Schar, wie wird sie nun zur Plage mir!
An einer schönen Brust zu ruhn, das ist ein Trost, und das allein,
Es ist verhaßt mein eigen Selbst in jeder andern Lage mir.


               XVIII.

Tief ins Herz mir Feuerbrände
Werfen deine schönen Hände!
Zwischen Erd und Himmel kenn ich
Keine liebern Gegenstände:
Über diese könnten Dichter
Schreiben hunderttausend Bände!
Pfänder sind sie deiner Nähe,
Denen ich das Herz verpfände.
Wenn sie keusche Rosen pflücken
Längs der grünen Gartenwände,
Möcht ich selbst zur Rose werden,
Daß ich ihren Druck empfände!


                XIX.

Unter deinen Fensterpfosten
Sei mein Stand und sei mein Posten:
Ach, ich schweifte nur vergebens
Bald nach Westen, bald nach Osten!
Doch es pflegt, wie Viele sagen,
Alte Liebe nicht zu rosten.
Süßeres, als deine Blicke,
Gab mir nie die Welt zu kosten:
Ewig sende mir dein schwarzes
Auge süße Liebesposten!


                       XX.

Schwarzes Auge, böser, falscher Dieb,
Sprich, o sprich, wo meine Seele blieb?
Bald vergleich ich solch ein Aug der Nacht,
Bald der Sonne, die die Nacht vertrieb.
Krause Locke, ringle Gold in Gold,
Denn du mahnst an junger Reben Trieb!
Lebte wohl ein Alexander je,
Der so schöne Knoten frech zerhieb?
Weiße Hand, verwalte Schenkenamt,
Gieb mir Wein, o gieb mir Wein, o gieb!
Was mir allzuhoch, vergäß ich gern,
Aber ach, es ist mir allzulieb!


                                         XXI.

Verdammen mögen hier und da der Kunst gestrenge Richter mich,
Doch wer verliebt ist und berauscht, der hält für einen Dichter mich!
Nur daß ich altre, fühl ich nun, da mich ein kalter Blick verscheucht,
Es machte sonst ein solcher Blick nur mut'ger und erpichter mich;
Doch senken alte Wünsche sich, so steigen neue wieder auf,
Verfolgen, wie ein Fliegenschwarm im Sommer, immer dichter mich;
Vermöcht ich zu vertraun die Qual, die seufzend nun im Wind zerrinnt,
So tröstete vielleicht ein Freund, ein redlicher und schlichter, mich:
Die Guten lieb ich allgesamt, und horche gern der Weisen Rat,
Doch halt ich freilich lieber stets zu luftigem Gelichter mich.


                            XXII.

Ein Maienatem kommt aus deinen Landen her,
Es weht ein Duft vom Ort, wo wir uns fanden, her;
Der Winter ist ein Greis, doch schickt der Lenz den Duft
Der Kränze, die wir einst als Kinder wanden, her;
Dein Angesicht verheißt des Lenzes Wiederkunft,
Du schickst mir einen Blick, den ich verstanden, her;
Könnt ich dem Frühlingshauch nicht öffnen meine Brust,
Wo nähm ich solchen Mut in solchen Banden her?
Laß träumen uns dahin, wo bald die Rebe blüht,
Und, Knaben, bringt den Wein, der noch vorhanden, her!


                                         XXIII.

O Tor, wer nicht im Augenblick den wahren Augenblick ergreift,
Wer, was er liebt, im Auge hat, und dennoch nach der Seite schweift!
Es hat der Sämann ausgesät, doch frißt der Rost die Sense nun,
Des Schnitters Arme sind zu schlaff, was hilft es, ob das Korn gereift?
Die welken Blätter lest ihr auf, da stürmisch der November saust,
O pflücktet Blüten ihr im Mai, wenn aus dem Laub der Vogel pfeift!
Nur Der vermag, wie Titus einst, zu rufen: Ich gewann den Tag!
Wer einen süßen Mund berührt, an einen schönen Arm gestreift:
Die Lehre zwar ist alt, ich weiß; doch hat sie Mancher nicht befolgt,
Des Grab sich nun im Lenz berost, des Grab sich nun im Herbst bereift.


                           XXIV.

Der Hoffnung Schaumgebäude bricht zusammen,
Wir mühn uns, ach! und kommen nicht zusammen:
Mein Name klingt aus deinem Mund melodisch,
Doch reihst du selten dies Gedicht zusammen;
Wie Sonn und Mond uns stets getrennt zu halten,
Verschworen Sitte sich und Pflicht zusammen,
Laß Haupt an Haupt uns lehnen, denn es taugen
Dein dunkles Haar, mein hell Gesicht zusammen!
Doch ach! ich träume, denn du ziehst von hinnen,
Eh noch das Glück uns brachte dicht zusammen:
Die Seelen bluten, da getrennt die Leiber,
O wären's Blumen, die man flicht zusammen!


                                               XXV.

Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts,
Es kehrt an das, was Kranke quält, sich ewig der Gesunde nichts!
Und wäre nicht das Leben kurz, das stets der Mensch vom Menschen erbt,
So gäb's Beklagenswerteres auf diesem weiten Runde nichts!
Einförmig stellt Natur sich her, doch tausendförmig ist ihr Tod,
Es fragt die Welt nach meinem Ziel, nach deiner letzten Stunde nichts;
Und wer sich willig nicht ergiebt dem ehrnen Lose, das ihm dräut,
Der zürnt ins Grab sich rettungslos und fühlt in dessen Schlunde nichts;
Dies wissen Alle, doch vergißt es Jeder gerne jeden Tag,
So komme denn, in diesem Sinn, hinfort aus meinem Munde nichts!
Vergeßt, daß euch die Welt betrügt, und daß ihr Wunsch nur Wünsche zeugt,
Laßt eurer Liebe nichts entgehn, entschlüpfen eurer Kunde nichts!
Es hoffe Jeder, daß die Zeit ihm gebe, was sie Keinem gab,
Denn Jeder sucht ein All zu sein und Jeder ist im Grunde nichts.


                 XXVI.

Den Geruch berauscht der Flieder,
Und Jasmine duften wieder;
Und der Ost, der kecke Freier,
Löst den Knospen ihre Mieder:
Du allein verhüllst dich ewig,
Schlägst vor mir die Augen nieder!
Bliese doch ein Wind und legte
Das Gewand an deine Glieder!
Nähm er meiner Seufzer einen
Auf sein rauschendes Gefieder!
O belohne deinen Sklaven,
Der so treu dir ist und bieder!
Doch du sprichst: Beglück ich jenen,
So verstummen seine Lieder!


               XXVII.

Dich erfleht das Land als Segen,
Schnöder, unwillkommner Regen!
Mich nur störst du sehr auf meinen
Abendlichen Liebeswegen.
Nach der Feder muß ich greifen,
Wie ein Held nach seinem Degen,
Weil die Helden wie die Dichter
Langeweile macht verlegen;
Eitle Reime muß ich schmieden,
Statt der Liebe Gunst zu pflegen:
Sonst erheitert kein Geschäft mich
Meiner tiefen Wunde wegen.


                                 XXVIII.

Oft mit banger Seele spiel ich den Zerstreuten, dir zu Liebe,
Oft auch nehm ich mich zusammen vor den Leuten, dir zu Liebe;
Oft in deiner Freunde Zirkel hab ich angehört geduldig
Worte, welche nichts verfangen, nichts bedeuten, dir zu Liebe;
Ja, damit des Lenzes Reize sich erhöhn in meinen Augen,
Denk ich, daß sich Flur und Garten nur erneuten dir zu Liebe!
Auf verschiednen Wegen haben sich der Trunkenheit ergeben
Für sich selbst die Stumpfgesinnten, die Gescheuten dir zu Liebe;
Laß in deinem Schatten endlich schlummern uns, o schlanke Pappel,
Da wir nur zu lang an Schatten uns erfreuten, dir zu Liebe.


                            XXIX.

Du blühst umsonst, Natur! Die Zeiten sind verwirrt,
Es hadern die Partein, und jede Waffe klirrt:
Wer achtet nun den Lenz, den üpp'gen Gast der Welt,
Der taumelnd und berauscht nach allen Seiten irrt?
Wer blickt den Himmel an, und saugt die reine Luft,
Die brütend über uns mit leisem Flügel schwirrt?
Drum sammle sich umher, wem noch der Lenz behagt,
Wer noch des Weins begehrt, wer noch von Liebe girrt!
Ihm hat den Schleier nicht umsonst gestickt die Nacht,
Und nicht umsonst der Tag die Zelter angeschirrt.


                          XXX.

Den Zehnten giebt die Rose von ihrem Golde,
Da bieten Kelch und Fächer die Blüt und Dolde:
Behalte diesen, fächle die feuchte Stirne,
Für Freunde fülle jenen, für Trunkenbolde!
Der Traubenhyazinthus bewegt die Glocken,
Da schmückt sich weiß die Lilje zum Fest, die holde;
Das Licht verschenkt die Farben, wie Band und Orden,
Daß Tulpe sich verbräme, sich Lack vergolde:
Damit Natur im Lenze sich selbst genieße,
Ernährt sie einen Dichter in ihrem Solde.


             XXXI.

O Zeit, in der ich rastete,
In der mich nichts belastete,
In der ich noch so wohlgemut
Am Tisch der Ruhe gastete!
In der ich nicht nach falscher Gunst
Mit eil'gen Schritten hastete!
Du flohst, es rette mich das Glück,
Da's weiß, wie lang ich fastete,
Wie lang ich keine schöne Hand
Mit meiner Hand betastete!


                                XXXII.

Die Fülle dieses Lebens erfüllt mich oft mit Schrecken,
Als fielen alle Sterne vom Himmel, mich zu decken:
Es reizt die Welt mein Auge durch tausend prächt'ge Formen,
Wo soll vor diesem Drange, wie Saul, ich mich verstecken?
Des Forschens Labyrinthe! Der Kunst Gestaltenzauber!
Der Völker Tat und Sage! Der Länder schöne Strecken!
Auf meinem Busen lastet unendliche Begierde
Nach jenen Schätzen allen, die Lieb und Lust erwecken!
So wär ich längst erlegen; doch meine Blicke sollten
In Einen Punkt verdichtet, des Schönen All entdecken:
Seitdem du mir erschienen, entsagt ich diesem Schweifen
Nach allen Himmelswinkeln, nach allen Erdenecken.
Es dampft der Quell der Jugend vom Fels im Wirbelstaube,
Bis friedlich ihn und silbern umfängt der Liebe Becken.


                                     XXXIII.

Hab ich doch Verlust in Allem, was ich je gewann, ertragen;
Aber glaubet mir, das Leben läßt sich dann und wann ertragen!
Zwar des Leidens ganze Bürde riß mich oft schon halb zu Boden,
Doch ich hab es immer wieder, wenn ich mich besann, ertragen:
Mir geziemt der volle Becher, mir der volle Klang der Lauten,
Denn den vollen Schmerz des Lebens hab ich als ein Mann ertragen!
Doch nun fühl ich, wie beflügelt, bis zum Himmel mich gehoben,
Denn es lehrte mich das Leben, daß man Alles kann ertragen!
Und es öffnet gegen Alle sich das Herz in reiner Liebe,
Und ich will so gern mit Allen dieses Lebens Bann ertragen:
Schließt den Kreis und leert die Flaschen, diese Sommernächte feiernd,
Schlimmre Zeiten werden kommen, die wir auch sodann ertragen.


                          XXXIV.

Es lächelt, voll von Milde, mir manches Angesicht,
Doch alles ist vergebens, ihr Alle seid es nicht!
Ihr blauen Augen werdet nie meine Sterne sein,
Ein schwarzes Auge weiß ich, aus diesem saug ich Licht;
Ein hartes Wort befürcht ich von deinem spröden Mund,
Drum laß die Lippe schweigen, so lang das Auge spricht!
Die Sonn erwärmt die Steine, wie sollte nicht dein Aug
Ein Herz erwärmen, dem es an Wärme nie gebricht?
Doch rat ich dir, vertraue dem Geiste nicht zu sehr,
Der, flücht'ger als die Rose, nur flücht'ge Bande flicht;
Der gern erproben möchte die ganze Welt umher,
Dem nach so viel gelüstet, den ach! so viel besticht.
Allein, was sag ich? Flehen um Liebe sollt ich dich,
Denn dich vor mir zu warnen, ist über meine Pflicht!
Mein leichtes Wesen hätte sich längst, wie Spreu, zerstreut,
Doch Schmerz um deine Liebe verleiht mir noch Gewicht.


                                         XXXV.

Die Zeiten, wo das Liebchen nah, sie gehn, ihr wißt nicht wie, herum;
Doch jene Zeiten, wenn es fern, o sagt, wie bringt ihr die herum?
Wenn ihr ein Lied zu singen denkt, so singt ein regelrechtes Lied,
Das meine schwankt am Gängelband der losen Phantasie herum.
Ein Nebenbuhler hatte schon entzogen mir dies schöne Bild,
Doch bracht ich wieder es zu mir, wiewohl er mich beschrie, herum;
Ich höre hoffend schon voraus, wie mich dein erstes Du begrüßt,
O wäre schon die bange Zeit, und dieses stolze Sie herum!
Es windet sich der Liebe Geist um deiner Glieder Ebenmaß,
Wie um die Worte des Gesangs die weiche Melodie herum!
Wann liegt mein Haupt auf deinem Schoß, indem sich mein verwegner Arm
Um deine schlanke Hüfte schlingt, und um dein schönes Knie herum?


                                  XXXVI.

Jahre schwanden, dieser Busen ist von Liebe rein gewesen,
Was ihn wieder hat befangen, ist ein Becher Wein gewesen:
Lenzeshauch aus goldnen Locken lockte mich in ehrne Bande,
Denn ihr Anbeginn ist Irrtum, und ihr Ende Pein gewesen:
An bemalten Schaugerichten wollt ich meinen Hunger stillen,
Aber was mir Brot geschienen, ist ein kalter Stein gewesen:
Gold und Silber wollt ich fördern auf im Traum gesehnen Plätzen,
Aber, was ich ausgegraben, ist ein morsch Gebein gewesen.
Will mich dennoch, aus der Ferne, deine Huld und Milde segnen,
Soll mir teurer sein die Trennung, als es der Verein gewesen;
Flattersinnig, unbeständig ließ ich zwar das Auge schweifen,
Doch es ist das Herz im stillen, ganz im stillen dein gewesen:
Was zu dir mich hingezogen, war Geschick und Gegenliebe,
Was an Jene mich gefesselt, ist ein falscher Schein gewesen;
Richte nicht zu streng die Lieder, die ich nicht an dich gerichtet,
Freilich, solcher Lieder würdig wärst du ganz allein gewesen!


                     XXXVII.

Wie, du fragst, warum dein Wohlgefallen
Mich erwählt, umschlossen hält vor Allen?
Fragst, warum zu mir, dem Fernen, pilgernd
Deine heimlichsten Gedanken wallen?
Weiß ich's selbst? Vermag ich's selbst zu deuten,
Glaubst du nicht, es sei mein Herz die Zither,
Deren Saiten allgemach verhallen?
Fühlst du nicht, daß diese leichten Lieder
Sterblich seien wie die Nachtigallen?
Gibst du dich für mich? Du gleichst dem Wilden,
Eitlen Tand erkaufend mit Metallen.
Aber fürchte nichts, dem Gläub'gen müssen
Selbst die Wolken sich zu Felsen ballen.


                    XXXVIII.

Weiß ich, wohin ich noch gezogen werde,
Und ob von euch ich nicht betrogen werde?
Ich staune, daß ich, da mein Lenz entwichen,
Vom Blütenstaub noch überflogen werde;
Ich zweifelte, da ich gespielt den Kalten,
Ob ein Gemüt mir noch gewogen werde?
Doch weiß ich euch kein süß Geschwätz zu bieten,
Das uns zu zärtlichen Eklogen werde:
Zum Himmel trotzt mein Lebensbaum und harret,
Ob er zur Laube noch gebogen werde;
Wer meiner Fahrt Gefährte, sei gewärtig,
Daß er ein Spiel der falschen Wogen werde!


                             XXXIX.

Ist's möglich, ein Geschöpf in der Natur zu sein,
Und stets und wiederum auf falscher Spur zu sein?
Ward nicht dieselbe Kraft, die dort im Sterne flammt,
Bestimmt, als Rose hier die Zier der Flur zu sein?
Was seufzt ihr euch zurück ins sonst'ge Paradies,
Um wie das Sonnenlicht verklärt und pur zu sein?
Was wünscht ihr schmerzbewegt euch bald im Erdenschoß,
Und über Wolken bald und im Azur zu sein?
Was forscht ihr früh und spat dem Quell des Übels nach,
Das doch kein andres ist, als Kreatur zu sein?
Sich selbst zu schaun, erschuf der Schöpfer einst das All,
Das ist der Schmerz des Alls, ein Spiegel nur zu sein!


                     XL.

Ich trat die Straße der Gefahren an,
Sie reihen sich zu ganzen Scharen an!
Als Unerfahrner ward ich eingeschifft,
Und kam im Hafen unerfahren an!
Wenn du besuchen willst der Liebe Markt,
So triffst du stets von meinen Waren an;
Vertrödelt hab ich früherhin das Herz,
Drum fing ich späterhin zu sparen an.
O Glück, wenn je du kommst, so tu es jetzt,
Du triffst mich noch bei jungen Jahren an!
Ich hab euch früher trüben Wein gemischt,
Die Hefe sank, ich biete klaren an.


                     XLI.

Immer erhält die Verliebten wach
Manches Entzücken und manches Ach;
Ohne zu schwindeln ergehn sie sich
Mitten im Schlafe von Dach zu Dach.
Wandelt geschwinde des Wunsches Weg,
Doch in der Nähe des Ziels gemach!
Wenn ihr den Gipfel erklommen wähnt,
Öffnen sich gräßliche Schlünde jach.
Freunde, mir ist die Vernunft zu schwer,
Aber die Liebe, das ist mein Fach!
Während ich zog in der Tugend Feld,
Sah ich, es stehe die Lieb im Schach:
Meine Gesänge, das macht mir Mut,
Fließen melodischer als ein Bach.


                                     XLII.

Einmal will ich, das versprech ich, ohne Liebgekose leben,
Wann die Blumen hier im Garten nach den Tafeln Mose leben;
Hör ich abends auf den Straßen einen Vogel, eine Flöte,
Sag ich bei mir selbst: Es möge dieser Virtuose leben!
Freund! es ist der Lenz gekommen, unsre Wege sind verschieden:
Lebe wie die keusche Lilje, laß mich wie die Rose leben!
Laßt mich euren Rat vernehmen, was das Beste sei von Zweien:
Weise leben, lose reden? Weise reden, lose leben?
Wollt ihr mich durchaus verkennen, tut es immerhin, denn immer
Werd ich, ob ich lächle drüber oder mich erbose, leben!


                              XLIII.

Aus allen Fesseln wand mein Geist behende sich,
Denn liebend schlingt mein Arm um deine Lende sich!
Wo fände Mut das Herz, sich karg zurückzuziehn,
Es gebe ganz sich hin, und es verschwende sich!
Der Lenz der Liebe tritt hervor, und das Gesetz,
Es neigt, dem Winter gleich, zu seinem Ende sich:
Der Eine bete dich, wie seine Heil'gen, an,
Der Andre kniee fromm vor eine Blende sich!
Dem Strengen gönnen wir, zu werden, was er soll,
Doch auch des Freien Geist, o Freund, vollende sich!


                                       XLIV.

Ich bedurfte, deine Liebe zu gewinnen, heut und morgen!
Drum, o Freunde, laßt vergebens nicht verrinnen heut und morgen!
Heut und morgen ist die Summe dieses allzu kargen Lebens,
Und wie schnell, wir wissen's Alle, gehn von hinnen heut und morgen!
Im topasnen Kelch der Tulpe schwelgt der Tau als Silbertropfen,
Doch ihn läßt das Gold der Sonne nicht darinnen heut und morgen;
Ein'ge Blätter aus den Rosen hat ein Wind davongetragen,
Und er wird sie ganz entführen, fürcht ich, binnen heut und morgen!
Laß den Trank im Becher steigen, denn der Wein des Morgenrotes
Quillt empor bis an der Berge hohe Zinnen heut und morgen.


               XLV.

Könnt ich spielen eine Laute,
Wüßt ich, wem ich mich vertraute:
Vor dein Fenster würd ich treten,
Könnt ich blasen auf der Flaute;
Worte scheinen mir so nüchtern,
Daß mir oft vor ihnen graute!
Worte hört man nicht von ferne
Wie die süßen Flötenlaute;
Dennoch soll die Welt erfahren,
Was ich Holdes an dir schaute:
Schwarzes Auge! Goldne Locken!
Üpp'ge Glieder, schöngebaute!
Nach dem Vließe deiner Locken
Fährt mein Herz als Argonaute.


                                  XLVI.

Wenn ich nur minutenlange deines Blicks genossen hätte,
Wünscht ich, daß die Liebesleiter keine höhre Sprossen hätte!
Denn was müßte Der empfinden, der an deinen Lippen atmend
Diese schönen, keuschen Formen jugendlich umschlossen hätte?
Freudetrunken dir am Busen würd ich brünstig weinen lernen,
Wenn ich nicht, doch nicht aus Freude, Tränen schon vergossen hätte;
Wenn ich nun erkühnt mich hätte, leise dir die Hand zu drücken,
Gar zu gerne möcht ich wissen, ob es dich verdrossen hätte?
Wünschen nicht, wir sollen wagen; denn wie leicht ist's, bloß zu sagen:
Fliegen würd ich, wenn ich Flügel, schwimmen, wenn ich Flossen hätte!
Sittenzwang und Formelwesen hätten längst die Welt verkümmert,
Wenn sich nicht Gesang zuweilen durch die Welt ergossen hätte.


                            XLVII.

Schüchtern war die Seele, war erschrocken sonst,
Kam bei jedem Schritte fast ins Stocken sonst;
Sie, die nun im Äther ihre Schwinge wiegt,
Ließ in tausend Netze sich verlocken sonst;
Sie, die nun die Hydra der Begier erlegt,
Saß in Weiberröcken vor dem Rocken sonst;
Gegenüber einem Angesicht wie deins
War ich nicht so frostig, nicht so trocken sonst;
Aber neu verführen wirst du mein Gemüt,
Denn was wollen anders deine Locken sonst?


                               XLVIII.

Dir ja nicht allein vor allen, ich entsage lange schon,
Und ein stiller Gram vergiftet meine Tage lange schon:
Seufzer flohn und Tränen flossen, was noch heischt die Welt und du?
Zeugnis gab von meinem Leben meine Klage lange schon.
Nicht das kleinste Liebeszeichen gabst du mir, ich lausch umsonst,
Lese dir umsonst im Auge, forsch und frage lange schon!
Aber nein! Ein leises Etwas, nenn ich Wink es oder Gruß,
Weht von dir zu mir und lindert unsre Plage lange schon!
Doch was frommt's? Es trennt uns Alles, Sprach und Sitte, Raum und Zeit,
Wandern in die Ferne muß ich, und ich zage lange schon!


                                  XLIX.

Was gibt dem Freund, was gibt dem Dichter seine Weihe?
Daß ohne Rückhalt er sein ganzes Selbst verleihe:
Erleuchten soll er klar der Seele tiefste Winkel,
Ob auch ein Tadler ihn verlorner Würde zeihe.
Ihr Halben hofft umsonst, mit enger Furcht im Herzen,
Daß euer Lied man einst zu großen Liedern reihe:
Stumpfsinnige, was wähnt ihr rein zu sein? Ich hörte,
Daß keine Schuld so sehr, als solch ein Sinn, entweihe;
Ich fühlte, daß die Schuld, die uns aus Eden bannte,
Schwungfedern uns zum Flug nach höhern Himmeln leihe.
Noch bin ich nicht so bleich, daß ich der Schminke brauchte,
Es kenne mich die Welt, auf daß sie mir verzeihe!


                        L.

Es schmückt mit zarter Decke kaum
Das junge, neue Laub den Baum:
So grünt um deine Wange rings
Der frische, dunkle, weiche Flaum;
Für schöne Weiber wär's ein Glück,
Nur zu berühren deinen Saum!
Doch warfst du deinem Nacken um
Der reinen, keuschen Sitte Zaum.
O bringe Wein und komm zu mir,
Im hohen Grase hier ist Raum!
Es letze deiner Zunge Wort
Das Ohr mir und der Wein den Gaum;
Der Rausch erhöht die Wange dir,
Laß steigen dir zu Kopf den Schaum!
Laß hier uns träumen, Arm in Arm,
Der Jugend kurzen Morgentraum!


                                         LI.

Da, wie fast ich muß vermuten, deine Liebe lau geworden,
Fürcht ich, daß die braune Scheitel über Nacht mir grau geworden!
Geizest du mit Augenblicken, die mir mehr als dir gehören?
Bist du, lieblicher Verschwender, plötzlich so genau geworden?
Haben deiner Treue Rosen sich als Dorn den Stolz erlesen?
Sind der Liebesgöttin Tauben wie der Juno Pfau geworden?
Wenn dich Weiber mir gestohlen, werden sie so lang dich fesseln,
Bis der Tempel deiner Glieder ein zerstörter Bau geworden.
Oder willst du bloß mich locken, den du längst im Netz gefangen,
O so lohnt sich's nicht der Mühe, daß du kalt und schlau geworden!


                                      LII.

Das vermag ich nicht zu sagen, ob die Zeit dich mir entriß;
Aber daß du schön geblieben, wie du warst, das ist gewiß!
Wenn im brüderlichen Zirkel andrer Jünglinge du stehst,
O so stehst du wie der Morgen zwischen Graun und Finsternis!
Nur vergebne Mühe war es, um zu retten mich vor dir,
Daß ich Andre schön zu finden über Alles mich befliß!
Doch in eines Stolzen Banden sich zu wissen, ist so hart,
Daß ich oft, ergrimmt und trotzig, in die falsche Kette biß:
Grausam ist es, Trank und Speise meiner Lippe zu entziehn,
Und dabei mir Glück zu wünschen, und zu sagen: Trink und iß!


                                 LIII.

O Tor, wer nicht des Glücks geheimem Winke folgt,
Und nicht dem Flötenton, dem Ton der Zinke folgt!
Wer, ohne Tanz und Scherz, der alternden Vernunft,
Wohin auch schleiche sie, wohin sie hinke, folgt:
Kurz ist der Lenz, es ging das Veilchen keusch voran,
Die Rose, die sich malt mit eitler Schminke, folgt:
Kurz ist das Glück, da stets der Freude die Gefahr,
So wie dem rechten Fuß sogleich der linke folgt;
Doch naht auch selbst ein Tag, der wahre Gunst verleiht,
Der Träge bleibt zurück, und nur der Flinke folgt.


                                  LIV.

Herein, ergreift das Kelchglas! Was ließe sich weiter tun?
Was etwa dürft ihr sonst noch, o meine Begleiter, tun?
Ihr rückt mir nur mit Unrecht ein müßiges Treiben vor,
Denn da das Schiff zu Grund ging, was sollen die Scheiter tun?
Ich weiß ein Volk, das ehmals zum Muster gedient der Welt,
Was wollt ich, wär's ein Volk noch, als rüstiger Streiter tun!
Doch greif ich zum Pokal nun, und übe Gesang, und will,
Was hart und unabweisbar, gefällig und heiter tun!
Den Himmel, wenn ans Herz euch ich drücke, begehr ich nicht,
Was sollt ich auch mit Jakobs gewaltiger Leiter tun?


                                        LV.

Während Blut in reichen Strömen floß dem Wahne, floß der Zeit,
Standst du, Held, auf beiden Ufern, ragend als Koloß der Zeit!
Tief zu sich herabgezogen alles Große hatten sie,
Doch du kamst und herrschtest mächtig überm kleinen Troß der Zeit:
Fürsten hielten dir den Bügel, Kaiser dir den Baldachin,
Unter deinem Schenkel stöhnte das gezähmte Roß der Zeit.
Was nur Scheinverdienst erheuchelt, tratst du nieder in den Staub,
Nahmst des Glücks Tribut zum Opfer, nahmst den Zoll und Schoß der Zeit:
Sei das Glück denn laut gepriesen, samt den Gaben, die's verschenkt,
Wer's gewann, genoß des Lebens, wer's erfuhr, genoß der Zeit!
Aber hütet euch, Beglückte; denn die Menge rast um euch,
Stets belagert sie den stolzen Kastellan im Schloß der Zeit.
Mancher Pfeil, o Held, durchbohrte deine starke Brust von Erz;
Aber Namen, groß wie deiner, fürchten kein Geschoß der Zeit!


                                         LVI.

Der Trommel folgt ich manchen Tag, und an den Höfen lebt ich auch,
Erfahren hab ich dies und das, und das und dies erstrebt ich auch;
Es zog der ungestillte Geist mich wandernd oft im Land umher,
Und wieder stille saß ich dann, und an den Büchern klebt ich auch;
Verglommen ist die Hitze halb, die junge Seelen ganz erfüllt,
Denn oft verzehrte mich der Haß, und vor der Liebe bebt ich auch;
Doch schien ich mir zu nichts bestimmt, als nur das Schöne weit und breit
Zu krönen durch erhabnes Lob, und solche Kronen webt ich auch;
Was künftig mir beschieden sei, verkünde kein Orakel mir,
Denn dieser Sorg und Bangigkeit um Künftiges entschwebt ich auch.


                                LVII.

Er, dessen Sinn durch Schönes nicht anzufachen ist,
Er ist's, für den die Erde der Hölle Rachen ist:
Der ew'gen Schönheit Atem beseelt den Leib der Zeit,
Der ohne sie ein Haufen von toten Sachen ist!
Wer, ohne sie, noch möchte bestehn in einer Welt,
Die, wenn auch reich an Schätzen, es auch an Drachen ist.
O selig, wer im Herzen ein schönes Bild erkor,
Bei dem es süß zu schlummern, und süß zu wachen ist!
In dessen Augen Seele, in dessen Gliedern Maß,
Und dessen Träne lieblich wie dessen Lachen ist!
Mir bleibt das Schöne ferne, der ich es stets besang:
Sprich, Weiser, was in Fällen, wie der, zu machen ist?
Es steuert nach dem Hafen des Glücks mein Herz umsonst,
Das auf dem Meer der Liebe der kleinste Nachen ist!


                              LVIII.

Die Ketten streift ich ab, und warf die Seile weg,
Und wandte mich vom Tand der Welt in Eile weg!
Von frost'ger Nüchternheit, von grübelnder Vernunft,
Wie sehn ich mich davon, aus langer Weile, weg!
Sagt ihr mir Schlimmes nach, so sagt ich's im voraus,
Und nahm euch diesen Ruhm zum besten Teile weg:
Ich zöge gern den Weg, den eure Tugend bahnt,
Doch blieb ich stets davon um eine Meile weg;
Denn wer zur Scheibe sich, zum Ziel die Sonne wählt,
Der sendet stets umsonst die leichten Pfeile weg!
Nun aber, Dichter, schweig und laß der Welt den Lauf,
Und was ihr nicht behagt, vertilge, feile weg!


                                    LIX.

Diese weichlichen Gesänge, die ich hier zusammenflocht,
Wenn sie auch die Strenge tadelt, hat's die Liebe je vermocht?
Laßt das schelmische Getändel schmeicheln sich in eure Brust,
Möge der Verstand es schelten, wenn das Herz euch nur gepocht!
Dachtet ihr an weise Lehren, wenn das Liebchen euch umschlang?
Fragtet ihr um Rat die Sitte, wenn ihr an den Rosen rocht?
Andre Gaben würd ich pflegen, wenn sie mir das Los erteilt,
Doch nur Schönes setzt in Flammen meines Lebens schwanken Docht;
Denn mir ward ein Sinn gegeben, den ich selbst mir nicht verlieh,
Stolz und trotzig gegen Alles, doch vom Schönen unterjocht:
Das nur ist es, was mich fesselt, ob ich wandle durch den Hain,
Ob mir holde Blicke lächeln, ob der Wein im Becher kocht!
Das nur ist's, wofür ich atme, das nur, was mich treu bewahrt,
Wenn ich liebender Entsagung ehrenvolle Kämpfe focht.


                                        LX.

Früh und viel zu frühe trat ich in die Zeit mit Ton und Klang,
Und sie konnte kaum empfinden, was dem Busen kaum entsprang:
Nicht den Geist, der scharf und sicher in des Lebens Auge blickt,
Nicht die zarten Klagelaute jener Seele voll Gesang!
Kalt und ahnungslos und schweigend, ja mit Hohn empfing sie mich,
Während sie um niedre Stirnen ihre schnöden Zweige schlang!
Mir indessen, dem's im Busen tatenschwanger wühlte, gor,
Diente selbst der Scherz als Maske, wenn ich tiefe Schmerzen sang;
Doch getrost! Vielleicht nach Jahren, wenn den Körper Erde deckt,
Wird mein Schatte glänzend wandeln dieses deutsche Volk entlang.