Platen

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E. Sonette

Was stets und aller Orten
Sich ewig jung erweist,
Ist in gebundnen Worten
Ein ungebundner Geist.


                        I.

Entled'ge dich von jenen Ketten allen,
Die gutgemutet du bisher getragen,
Und wolle nicht, mit kindischem Verzagen,
Der schnöden Mittelmäßigkeit gefallen!

Und mag die Bosheit auch die Fäuste ballen,
Noch atmen Seelen, welche keck es wagen,
Lebendig, wie die deinige, zu schlagen,
Drum laß die frischen Lieder nur erschallen!

Geschwätz'gen Krittlern gönne du die Kleinheit,
Bald dies und das zu tadeln und zu loben,
Und nie zu fassen eines Geistes Einheit.

Ihr kurzer Groll wird allgemach vertoben,
Du aber schüttelst ab des Tags Gemeinheit,
Wenn dich der heil'ge Rhythmus trägt nach oben.


                           II.

Sonette dichtete mit edlem Feuer
Ein Mann, der willig trug der Liebe Kette,
Er sang sie der vergötterten Laurette,
Im Leben ihm und nach dem Leben teuer.

Und also sang auch manches Abenteuer,
In schmelzend musikalischem Sonette,
Ein Held, der einst durch wildes Wogenbette
Mit seinem Liede schwamm, als seinem Steuer.

Der Deutsche hat sich beigesellt, ein Dritter,
Dem Florentiner und dem Portugiesen,
Und sang geharnischte für kühne Ritter.

Auf diese folg ich, die sich groß erwiesen,
Nur wie ein Ährenleser folgt dem Schnitter,
Denn nicht als vierter wag ich mich zu diesen.


         III. Das Sonett an Goethe

Dich selbst, Gewalt'ger, den ich noch vor Jahren
Mein tiefes Wesen witzig sah verneinen,
Dich selbst nun zähl ich heute zu den Meinen,
Zu denen, welche meine Gunst erfahren.

Denn wer durchdrungen ist vom innig Wahren,
Dem muß die Form sich unbewußt vereinen,
Und was dem Stümper mag gefährlich scheinen,
Das muß den Meister göttlich offenbaren.

Wem Kraft und Fülle tief im Busen keimen,
Das Wort beherrscht er mit gerechtem Stolze,
Bewegt sich leicht, wenn auch in schweren Reimen.

Er schneidet sich des Liedes flücht'ge Bolze
Gewandt und sicher, ohne je zu leimen,
Und was er fertigt, ist aus ganzem Holze.


    IV. Shakespear in seinen Sonetten

Du ziehst bei jedem Los die beste Nummer,
Denn wer, wie du, vermag so tief zu dringen
Ins tiefste Herz? Wenn du beginnst zu singen,
Verstummen wir als klägliche Verstummer.

Nicht Mädchenlaunen stören deinen Schlummer,
Doch stets um Freundschaft sehn wir warm dich ringen:
Dein Freund errettet dich aus Weiberschlingen,
Und seine Schönheit ist dein Ruhm und Kummer.

Bis auf die Sorgen, die für ihn dich nagen,
Erhebst du Alles zur Apotheose,
Bis auf den Schmerz, den er dich läßt ertragen!

Wie sehr dich kränken mag der Seelenlose,
Du lässest nie von ihm, und siehst mit Klagen
Den Wurm des Lasters in der schönsten Rose.


                   V. An F.v.B.

Die schöne Schickung, welcher Lob gebühret
Für dieses Lebens Herrlichstes und Meistes,
Sie hat hieher in unser unbereistes,
Bescheidnes Städtchen dich, o Freund, geführet.

Die schöne Sehnsucht, welche du verspüret,
Ein Höchstes frühe zu verstehn und Freistes,
Hat auf die Spuren jenes großen Geistes
Dich hergeführt, der alle Welt berühret.

Du hassest Alle, die nur Formeln schwätzen,
Du strebst das Innre jedes Dings zu sichten
Und übst den Geist in schroffen Gegensätzen.

Dies hatt ich scheidend noch an dich zu richten;
Du packe nun zu deinen andern Schätzen
Auch diesen Schatz von närrischen Gedichten!


                VI. An Schelling

Gebeut nicht auch im Königreich des Schönen,
Wer immer König ist im Reich des Wahren?
Du siehst sie beide sich im Höchsten paaren,
Gleich in einander wie verlornen Tönen.

Du wirst die kleine Gabe nicht verhöhnen,
Wirst diese morgenländisch bunten Scharen
In ihrer Bilderfülle gern gewahren
Und gerne dich an ihren Klang gewöhnen.

Zwar auf den Blüten eines fernen Landes
Schweb ich nur flüchtig, gleich dem Schmetterlinge,
Vielleicht genießend eines eitlen Tandes.

Du aber tauchst die heil'ge Bienenschwinge
Herab vom Saum des Weltenblumenrandes
In das geheimnisvolle Wie der Dinge.


                           VII.

Nach langer Arbeit glücklichem Vollbringen
Mit süßem Nichts die Tage zu verträumen,
Bei jedem flüchtigen Genuß zu säumen,
Am Großen sich ergötzend und Geringen:

Aus edlen Dichtern einen Vers zu singen,
Gestreckt ins Gras, wo laute Quellen schäumen,
An Rosenhecken, unter Lindenbäumen
Das Leben unbesorgt dahin zu bringen.

Im Mai die Stirn mit jungem Laub zu krönen,
Die lauen Nächte, bis es wieder taget,
Durch Weingenuß und Liebe zu verschönen:

Dies ist, und wenn mich auch darob verklaget
Ein Sittenrichter, der es will verpönen,
Das Einzige, was meinem Sinn behaget.


                            VIII.

Wenn du vergessen kannst und kannst entsagen,
So bist du mir der Glückliche hienieden;
Dir ist ein leichter Lebenskampf beschieden.
Wenn du verlierst, beginnst du neu zu wagen.

Und wenn du hast Treulosigkeit ertragen,
Als, die du liebtest, dich gehaßt, vermieden,
Und doch im Herzen nie verlorst den Frieden,
Dann ist die Zeit dir voll von schönen Tagen!

Wenn jede Trennung du mit Mut verschmerzest,
Und wenn, da kaum ein Liebchen dich verlassen,
Du schon ein andres voll Verlangen herzest:

Dann weißt du, traun! dich in der Welt zu fassen;
Das Leben stürmt und wütet, doch du scherzest,
Mit sanftem Hauch bewegend schwere Massen.


                            IX.

Was will ich mehr, als flüchtig dich erblicken?
Was wär ich, trüg ich heißeres Verlangen?
In welche Netze würd ich, wenn ich hangen
An deinem Auge bliebe, mich verstricken!

Was will ich mehr noch, als ein eilig Nicken?
Es würden deine Worte mich befangen:
Vom Schützen wird ein Vogel rasch umgangen,
Wenn mehr er will, als an der Kirsche picken.

Wohl mögen Reize, die so ganz dein eigen,
Den Wunsch der Sehnsucht in den Andern wecken,
Sich dir zu nahn und dir ein Herz zu zeigen.

Ich werde nur, wenn Jene sich entdecken,
Vor deiner Schönheit huldigend mich neigen,
Nicht Eine Silbe soll dein Ohr erschrecken!


                             X.

Wer hätte nie von deiner Macht erfahren?
Wer hätte je dich anzuschaun bereuet?
Wie viele Reize liegen hingestreuet
Auf diesen Wangen, diesen schönen Haaren!

Du bist so zart, du bist so jung an Jahren,
Durch jede Huldigung des Glücks erfreuet;
Doch wer die List in deinem Busen scheuet,
Der mag vor dir sich Tag und Nacht bewahren!

Noch prahlt ein Baum mit manchem frischen Aste,
Die Blätter bilden noch geräum'ge Lauben,
Da schon Zerstörung wütet unterm Baste.

Doch soll mir frostige Betrachtung rauben
Den süßen Schatten, unter dem ich raste?
Nein, deine Schönheit fodert blinden Glauben!


                             XI.

Wie schwillt das Herz von seligem Genügen,
Sobald ein Blick, der lange trüb umnachtet,
Verächtlich uns und blinzelnd nur betrachtet,
Zuletzt voll Milde ruht auf unsern Zügen!

Wär's Zufall, oder willst du mich betrügen?
Hast du vielleicht mich deiner wert erachtet?
Wenn, Augen, ihr mir nicktet oder lachtet,
Dann wollt ich stets mich euch als Sklave fügen!

O gib Gewißheit, wo nur Zweifel waltet,
Laß länger nicht mich hin und wieder schwanken,
Weil oft im Zweifel das Gemüt erkaltet!

Nicht schwer zu helfen ist gewissen Kranken:
Ein einz'ger Wink, ein Händedruck entfaltet
Uns Millionen liebende Gedanken.


                            XII.

Was kann die Welt für unser Glück empfinden,
Die kalte Welt mit ihrem falschen Treiben?
Kann sie es fesseln oder es vertreiben?
Kann sie uns trennen oder uns verbinden?

Wir sehn die Dinge rings um uns verschwinden,
Als Dinge, die die Liebe nur umschreiben;
Verborgen muß die wahre Liebe bleiben,
Kein Dritter darf zu dir und mir sich finden.

Sie, die uns wandeln sehn im bunten Schwarme,
Nicht ahnen sollen sie, daß in der Stille
Wir uns verzehren im verliebten Harme.

Vergessen will ich jede fremde Grille,
Wenn dich umschlingen meine frohen Arme,
Und dir allein beugt sich mein Eigenwille.


                              XIII.

Des Glückes Gunst wird nur durch dich vergeben,
Schön ist die Rose nur, von dir gebrochen,
Und ein Gedicht nur schön, von dir gesprochen:
Tot ist die Welt, du bist allein am Leben.

In diesen Lauben, die sich hold verweben,
Wird ohne dich mir jeder Tag zu Wochen,
Und dieser Wein, den warme Sonnen kochen,
Kann nur aus deiner Hand ein Herz beleben.

Von dir geschieden, trenn ich mich vom Glücke,
Das Schönste dient mir nur, mich zu zerstreuen,
Das Größte füllt mir kaum des Innern Lücke.

Doch drückst du mich an deine Brust, den Treuen,
Dann kehrt die Welt in Meine Brust zurücke,
Und am Geringsten kann ich mich erfreuen.


                            XIV.

Wer in der Brust ein wachsendes Verlangen
Nach schönen Augen fühlt und schönen Haaren,
Den mahn ich ab, der nur zu viel erfahren
Von Schmerz und Qual durch eitles Unterfangen.

Dem jähen Abgrund nur mit Not entgangen,
Was blieb mir aus unendlichen Gefahren?
Im Aug die Spur von hingeweinten Jahren,
Und in der Brust ein ungeheures Bangen.

Naht nicht der jähen Tiefe, junge Herzen!
Des Ufers Liljen glühn von falschem Feuer,
Denn ach, sie locken in das Meer der Schmerzen!

Nur Jenen ist das Leben schön und teuer,
Die frank und ungefesselt mit ihm scherzen,
Und ihnen ruft ein Gott: Die Welt ist euer.


                           XV.

Dich oft zu sehen, ist mir nicht beschieden,
Und ganz versagt ist mir, zu dir zu kommen,
Dir selten zu begegnen und beklommen
Dich anzuschaun, das ist mein Los hienieden.

Doch von dir träumen, dichten, Plane schmieden,
Um dir zu nahn, das ist mir unbenommen,
Das soll, so lang es frommen will, mir frommen,
Und mit so Wen'gem stell ich mich zufrieden.

Denn ach! ich habe Schlimmeres ertragen,
Als dieses Schlimme jetzt, und duld ergeben,
Statt heft'ger Qual, ein süßes Mißbehagen.

Mein Wunsch, bei Andern, zeugte Widerstreben:
Du hast ihn nicht erhört, doch abgeschlagen
Hast du ihn auch nicht, o mein süßes Leben!


                           XVI.

Nicht aus Begier und aus Genuß gewoben
War unsre Liebe, nicht in Staub versunken:
Nur deiner Schönheit bebt ich wonnetrunken,
Und gütig warst du, gleich den Engeln oben.

Du hattest mich zu dir emporgehoben,
In deinem Auge schwamm ein lichter Funken,
Der Farben schuf, den Pinsel drein zu tunken,
Den reine Dichterhände Gott geloben.

Nun, da ich fern von dir den Tag verbringe,
Erscheinst du der Bewunderung noch reiner,
Je mehr im Geist ich deinen Wert durchdringe.

Ja, immer sehnsuchtsvoller denk ich deiner,
Und legt die Welt mir auch so manche Schlinge,
Du sollst mich nie gefangen sehn in einer.


              XVII. An Schelling

Wie sah man uns an deinem Munde hangen,
Und lauschen Jeglichen auf seinem Sitze,
Da deines Geistes ungeheure Blitze
Wie Schlag auf Schlag in unsre Seele drangen!

Wenn wir zerstückelt nur die Welt empfangen,
Siehst du sie ganz, wie von der Berge Spitze;
Was wir zerpflückt mit unserm armen Witze,
Das ist als Blume vor dir aufgegangen.

Noch sieht man Toren zwar, erbost dagegen,
Mit logischen Tiraden überkleistern
Der Geistesarmut Eier, die sie legen;

Doch dieses Völkchen, das dich wähnt zu meistern,
Nie wird's die Welt der Wissenschaft bewegen,
Und einen Dichter wird es nie begeistern.


Venedig

                       XVIII.

Mein Auge ließ das hohe Meer zurücke,
Als aus der Flut Palladios Tempel stiegen,
An deren Staffeln sich die Wellen schmiegen,
Die uns getragen ohne Falsch und Tücke.

Wir landen an, wir danken es dem Glücke,
Und die Lagune scheint zurück zu fliegen,
Der Dogen alte Säulengänge liegen
Vor uns gigantisch mit der Seufzerbrücke.

Venedigs Löwen, sonst Venedigs Wonne,
Mit ehrnen Flügeln sehen wir ihn ragen
Auf seiner kolossalischen Kolonne.

Ich steig ans Land, nicht ohne Furcht und Zagen,
Da glänzt der Markusplatz im Licht der Sonne:
Soll ich ihn wirklich zu betreten wagen?


                             XIX.

Dies Labyrinth von Brücken und von Gassen,
Die tausendfach sich ineinander schlingen,
Wie wird hindurchzugehn mir je gelingen?
Wie werd ich je dies große Rätsel fassen?

Ersteigend erst des Markusturms Terrassen,
Vermag ich vorwärts mit dem Blick zu dringen,
Und aus den Wundern, welche mich umringen,
Entsteht ein Bild, es teilen sich die Massen.

Ich grüße dort den Ozean, den blauen,
Und hier die Alpen, die im weiten Bogen
Auf die Laguneninseln niederschauen.

Und sieh! da kam ein mut'ges Volk gezogen,
Paläste sich und Tempel sich zu bauen
Auf Eichenpfähle mitten in die Wogen.


                            XX.

Wie lieblich ist's, wenn sich der Tag verkühlet,
Hinaus zu sehn, wo Schiff und Gondel schweben,
Wenn die Lagune, ruhig, spiegeleben,
In sich verfließt, Venedig sanft umspület!

Ins Innre wieder dann gezogen fühlet
Das Auge sich, wo nach den Wolken streben
Palast und Kirche, wo ein lautes Leben
Auf allen Stufen des Rialto wühlet.

Ein frohes Völkchen lieber Müßiggänger,
Es schwärmt umher, es läßt durch nichts sich stören,
Und stört auch niemals einen Grillenfänger.

Des Abends sammelt sich's zu ganzen Chören,
Denn auf dem Markusplatze will's den Sänger
Und den Erzähler auf der Riva hören.


                        XXI.

Nun hab ich diesen Taumel überwunden,
Und irre nicht mehr hier und dort ins Weite,
Mein Geist gewann ein sicheres Geleite,
Seitdem er endlich einen Freund gefunden.

Dir nun, o Freund, gehören meine Stunden,
Du gabst ein Ziel mir nun, wonach ich schreite,
Nach dieser eil ich oder jener Seite,
Wo ich, dich anzutreffen, kann erkunden.

Du winkst mir zu von manchem Weihaltare,
Dein Geist ist ein harmonisches Bestreben,
Und deine sanfte Seele liebt das Wahre.

O welch ein Glück, sich ganz dir hinzugeben,
Und, wenn es möglich wäre, Jahr um Jahre
Mit deinen Engeln, Gian Bellin, zu leben!


                        XXII.

Venedig liegt nur noch im Land der Träume,
Und wirft nur Schatten her aus alten Tagen,
Es liegt der Leu der Republik erschlagen,
Und öde feiern seines Kerkers Räume.

Die ehrnen Hengste, die durch salz'ge Schäume
Dahergeschleppt, auf jener Kirche ragen,
Nicht mehr dieselben sind sie, ach! sie tragen
Des korsikan'schen Überwinders Zäume.

Wo ist das Volk von Königen geblieben,
Das diese Marmorhäuser durfte bauen,
Die nun verfallen und gemach zerstieben?

Nur selten finden auf des Enkels Brauen
Der Ahnen große Züge sich geschrieben,
An Dogengräbern in den Stein gehauen.


                     XXIII.

Erst hab ich weniger auf dich geachtet,
O Tizian, du Mann voll Kraft und Leben!
Jetzt siehst du mich vor deiner Größe beben,
Seit ich Mariä Himmelfahrt betrachtet!

Von Wolken war mein trüber Sinn umnachtet,
Wie deiner Heil'gen sie zu Füßen schweben:
Nun seh ich selbst dich gegen Himmel streben,
Wonach so brünstiglich Maria trachtet!

Dir fast zur Seite zeigt sich Pordenone:
Ihr wolltet lebend nicht einander weichen,
Im Tode hat nun jeder seine Krone!

Verbrüdert mögt ihr noch die Hände reichen
Dem treuen, vaterländischen Giorgione,
Und jenem Paul, dem wen'ge Maler gleichen!


                        XXIV.

Es scheint ein langes, ew'ges Ach zu wohnen
In diesen Lüften, die sich leise regen,
Aus jenen Hallen weht es mir entgegen,
Wo Scherz und Jubel sonst gepflegt zu thronen.

Venedig fiel, wiewohl 's getrotzt Äonen,
Das Rad des Glücks kann nichts zurückbewegen:
Öd ist der Hafen, wen'ge Schiffe legen
Sich an die schöne Riva der Sklavonen.

Wie hast du sonst, Venetia, geprahlet
Als stolzes Weib mit goldenen Gewändern,
So wie dich Paolo Veronese malet!

Nun steht ein Dichter an den Prachtgeländern
Der Riesentreppe staunend und bezahlet
Den Tränenzoll, der nichts vermag zu ändern!


                            XXV.


Ich fühle Woch an Woche mir verstreichen,
Und kann mich nicht von dir, Venedig, trennen:
Hör ich Fusina, hör ich Mestre nennen,
So scheint ein Frost mir durch die Brust zu schleichen.

Stets mehr empfind ich dich als ohnegleichen,
Seit mir's gelingt, dich mehr und mehr zu kennen:
Im Tiefsten fühl ich meine Seele brennen,
Die Großes sieht und Großes will erreichen.

Welch eine Fülle wohnt von Kraft und Milde
Sogar im Marmor hier, im spröden, kalten,
Und in so manchem tiefgekühlten Bilde!

Doch um noch mehr zu fesseln mich, zu halten,
So mischt sich unter jene Kunstgebilde
Die schönste Blüte lebender Gestalten.


                       XXVI.

Hier wuchs die Kunst wie eine Tulipane,
Mit ihrer Farbenpracht dem Meer entstiegen,
Hier scheint auf bunten Wolken sie zu fliegen,
Gleich einer zauberischen Fee Morgane.

Wie seid ihr groß, ihr hohen Tiziane,
Wie zart Bellin, dal Piombo wie gediegen,
Und o wie lernt sich ird'scher Schmerz besiegen
Vor Paolos heiligem Sebastiane!

Doch was auch Farb und Pinsel hier vollbrachte,
Der Meißel ist nicht ungebraucht geblieben,
Und manchen Stein durchdringt das Schöngedachte:

Ja, wen es je nach San Giulian getrieben,
Damit er dort des Heilands Schlaf betrachte,
Der muß den göttlichen Campagna lieben!


                       XXVII.

Ihr Maler führt mich in das ew'ge Leben,
Denn euch zu missen könnt ich nicht ertragen,
Noch dem Genuß auf ew'ge Zeit entsagen,
Nach eurer Herrlichkeit emporzustreben!

Um Gottes eigne Glorie zu schweben
Vermag die Kunst allein und darf es wagen,
Und wessen Herz Vollendetem geschlagen,
Dem hat der Himmel weiter nichts zu geben!

Wer wollte nicht den Glauben aller Zeiten,
Durch alle Länder, alle Kirchensprengel
Des Schönen Evangelium verbreiten:

Wenn Palmas Heil'ge mit dem Palmenstengel
Und Paolos Alexander ihn begleiten,
Und Tizians Tobias mit dem Engel?


                          XXVIII.

Zur Wüste fliehend vor dem Menschenschwarme,
Steht hier Johannes, um zu reinern Sphären
Durch Einsamkeit die Seele zu verklären,
Die hohe, großgestimmte, gotteswarme.

Voll von Begeisterung, von heil'gem Harme
Erglänzt sein ew'ger, ernster Blick von Zähren,
Nach Jenem, den Maria soll gebären,
Scheint er zu deuten mit erhobnem Arme.

Wer kann sich weg von diesem Bilde kehren,
Und möchte nicht, mit brünstigen Gebärden,
Den Gott im Busen Tizians verehren?

O goldne Zeit, die nicht mehr ist im Werden,
Als noch die Kunst vermocht die Welt zu lehren,
Und nur das Schöne heilig war auf Erden!


                       XXIX.

Hier seht ihr freilich keine grünen Auen,
Und könnt euch nicht im Duft der Rose baden;
Doch was ihr saht an blumigern Gestaden,
Vergeßt ihr hier und wünscht es kaum zu schauen.

Die stern'ge Nacht beginnt gemach zu tauen,
Um auf den Markus Alles einzuladen:
Da sitzen unter herrlichen Arkaden,
In langen Reihn, Venedigs schönste Frauen.

Doch auf des Platzes Mitte treibt geschwinde,
Wie Canaletto das versucht zu malen,
Sich Schar an Schar, Musik verhallt gelinde.

Indessen wehn, auf ehrnen Piedestalen,
Die Flaggen dreier Monarchien im Winde,
Die von Venedigs altem Ruhme strahlen.


                          XXX.

Weil da, wo Schönheit waltet, Liebe waltet,
So dürfte Keiner sich verwundert zeigen,
Wenn ich nicht ganz vermöchte zu verschweigen,
Wie deine Liebe mir die Seele spaltet.

Ich weiß, daß nie mir dies Gefühl veraltet,
Denn mit Venedig wird sich's eng verzweigen:
Stets wird ein Seufzer meiner Brust entsteigen
Nach einem Lenz, der sich nur halb entfaltet.

Wie soll der Fremdling eine Gunst dir danken,
Selbst wenn dein Herz ihn zu beglücken dächte,
Begegnend ihm in zärtlichen Gedanken?

Kein Mittel giebt's, das mich dir näher brächte,
Und einsam siehst du meine Tritte wanken
Den Markus auf und nieder alle Nächte.


                        XXXI.

Wenn tiefe Schwermut meine Seele wieget,
Mag's um die Buden am Rialto flittern:
Um nicht den Geist im Tande zu zersplittern,
Such ich die Stille, die den Tag besieget.

Dann blick ich oft, an Brücken angeschmieget,
In öde Wellen, die nur leise zittern,
Wo über Mauern, welche halb verwittern,
Ein wilder Lorbeerbusch die Zweige bieget.

Und wann ich, stehend auf versteinten Pfählen,
Den Blick hinaus ins dunkle Meer verliere,
Dem fürder keine Dogen sich vermählen:

Dann stört mich kaum im schweigenden Reviere,
Herschallend aus entlegenen Kanälen,
Von Zeit zu Zeit ein Ruf der Gondoliere.



            XXXII. An Winckelmann

Wenn ich der Frömmler Gaukelein entkommen,
So sei der Dank dafür an dich gewendet:
Wohl fand dein Geist, was nie beginnt noch endet,
Doch fand er's nicht im Predigtbuch der Frommen.

Dir ist das Licht des Göttlichen entglommen
Im Werk der Heiden, die es reich gespendet;
Denn himmlisch ist, was immer ist vollendet,
Und Christus selbst gebietet: Seid vollkommen!

Zwar möchten gern gewisse schwarze Röcke
Den Geist verwickeln, der sich will befreien,
Wo nicht, uns stellen in die Zahl der Böcke.

Doch laßt nur ab, die Heiden zu beschreien!
Wer Seelen hauchen kann in Marmorblöcke,
Der ist erhaben über Litaneien.


            XXXIII. An Jean Paul

So oft ich sonst mich trug mit deinem Bilde,
Bereut ich, daß ich meine Pflicht verschoben,
Und nie zu dir ein Wort des Danks erhoben
Für deine seelenvolle Lieb und Milde.

Nun hat der Tod mit seinem Gorgoschilde
Den Blick erstarrt, der gern geschaut nach oben,
Und was ich Freundliches für dich gewoben,
Send ich dir nach in fremdere Gefilde.

Es hat den Jüngling deine Gunst belebet,
Dir galt für künft'ge Glut der erste Zunder,
Auf dem noch kaum ein Funke schwach gebebet.

Nun weilt dein ewig wonniger, gesunder,
Verjüngter Geist, wohin er stets geschwebet,
Im überschwenglichen Gebiet der Wunder.


                XXXIV. An Rückert


Kaum noch verschlang ich deines Buchs ein Drittel,
Das von der Kunst Hariris zeugt und deiner,
Und schon erschein ich der Entzückten einer,
Der's ohne Hehl bestaunt und ohne Krittel.

Wenn das Genie so ganz auf eigne Mittel
Die Welt durchbetteln muß, bewährt sich's reiner
Als je, vergöttlichter und ungemeiner,
Wenn auch verkappt in einen Gaunerkittel.

Mit einem Andern aber soll ich losen,
So willst du, statt zu schicken uns ein Pärchen,
Um deines Ebu Seids Metamorphosen?

Darüber wachse mir kein graues Härchen:
Nie trenn ich mich von deinem Virtuosen,
Drum sende lieber noch ein Exemplärchen!


                        XXXV.

Wer möchte sich um einen Kranz bemühen,
Den unsre Zeit, die feile Modedirne,
Geschäftig flicht für jede flache Stirne,
Aus Blumen flicht, die zwo Sekunden blühen?

Wer wollte noch für das Vollkommne glühen,
Wo man willkommen ist mit leerem Hirne?
Wer wollte fliegen gegen die Gestirne,
Wo Funken bloß aus faulem Holze sprühen?

Gereimten Aberwitzes Propaganden,
Fahrt ruhig fort, euch wechselseits zu preisen,
Und stellt euch nur, als wär ich nicht vorhanden!

Ein Zeitungsblatt ist leider nicht von Eisen,
Und wenn posaunt ihr seid in allen Landen,
Eins fehlt euch doch - es ist das Lob der Weisen.


                       XXXVI.

Anstimmen darf ich ungewohnte Töne,
Da nie dem Halben ich mein Herz ergeben:
Der Kunst gelobt ich ganz ein ganzes Leben,
Und wenn ich sterbe, sterb ich für das Schöne.

Doch wünsch ich, daß man Bessere bekröne,
Mich aber ziehen lasse, wo ich neben
Dem Höchsten lernen kann, nach Hohem streben,
Ja, daß man mir mein Vaterland verpöne!

Ich lieb es drum in keinem Sinne minder,
Da stets ich mich in seinem Dienst verzehre,
Doch wär ich gern das fernste seiner Kinder.

Geschieht's, daß je den innern Schatz ich mehre,
So bleibt der Fund, wenn längst dahin der Finder,
Ein sichres Eigentum der deutschen Ehre.


                      XXXVII.

Wie's auch die Tadler an mir tadeln mögen,
Ich halte nie der Seele Mut in Schranken:
Was wären wir, mit denen Alle zanken,
Wenn wir uns selbst das bißchen Ruhm entzögen?

Soll bergen ich mein innerstes Vermögen,
Was ich empfinde, zu bekennen schwanken?
Ich schämte mich der eigenen Gedanken,
Wenn sie, wie Schwalben, an der Erde flögen.

Hienieden lohnt's der Mühe nicht, zu zagen,
Und wahr und frei zu sprechen, kleidet Jeden,
Da bald wir Alle ruhn in Sarkophagen.

Es werden Spätre meinen Geist in Eden
Beschwören und entschuldigen und sagen:
Er dachte groß, wie konnt er kleinlich reden?


                     XXXVIII.

Nie hat ein spätres Bild dein Bild vernichtet,
Das fühlt ich stets vielleicht und fühl es heute,
Da sich's nach langen Jahren mir erneute,
Nachdem ich manchen Wahn der Welt gesichtet.

O Zeit, in der ich noch für dich gedichtet,
Was, außer mir, sich keiner Leser freute!
Noch war mein Name nicht der Welt zur Beute,
Die selten fühlt und oft so lieblos richtet!

Noch unbekannt mit meinen eignen Trieben,
Zu ernst, zu schüchtern, allzusehr verschlossen,
Bin ich dir fremd durch eigne Schuld geblieben.

Da wieder nun ich deines Blicks genossen,
Empfind ich wieder jenen Drang, zu lieben;
Doch meine schönste Jugend ist verflossen.


                       XXXIX.

Wann werd ich dieses Bangen überwinden,
Das mich befällt in deiner lieben Nähe?
Wohin ich geh und mit den Blicken spähe,
Da hoff ich dich und fürchte dich zu finden.

Wie kann ich Furcht vor dir, o Freund, empfinden,
Den ich so gern an meinem Busen sähe?
Erkläre du mir, was so schnell und jähe
Das Blut mir hemmt, den Geist vermag zu binden?

Ist es die Sorge, daß dein Herz mir schweiget,
Daß ich an Klippen deines Stolzes strande,
Der als der Liebe größter Feind sich zeiget?

Ist es die Göttlichkeit so süßer Bande,
Da stets die Liebe, wie vor Gott, sich neiget
Mit heil'ger Furcht vor ihrem Gegenstande?


                            XL.

Auch du betrügst mich, da von allen Seiten
Ich mich betrogen weiß und hintergangen,
Du füllst mein Herz mit brennendem Verlangen,
Und meinen Gaumen an mit Bitterkeiten.

Was nur dem Feinde mag der Feind bereiten,
Hab ich von dir als Freundeslohn empfangen,
Ich aber lasse deinen Namen prangen,
Und überliefre dich dem Lob der Zeiten.

Bei diesem Tau, der mir im Auge flimmert,
Noch geb ich deine Liebe nicht verloren,
Wie sehr dein Herz sich gegen mich verschlimmert!

Dich hat zum Spiegel sich der Lenz erkoren,
Die Jugend lacht auf deiner Stirn und schimmert,
Wie ein Gemisch von Sonnen und Auroren!


                            XLI.

Wenn auch getrennt die Körper sind, zu dringen
Vermag zum Geist der Geist, indem er denket;
Wenn meine Seele sich in dich versenket,
So mein ich, müßt es dir im Ohre klingen.

Besäße nicht der Gott der Liebe Schwingen,
Er hätte nie zum Himmel sie gelenket,
Und wenn dein Herz er mir im Traume schenket,
Von wem als dir vermag er mir's zu bringen?

Wenn du mich liebst, so will ich gern ertragen,
Dir fern zu sein, weil ich zu gut verstehe,
Was unsre Seelen ohne Laut sich klagen.

Allein so lang ich noch in Zweifel stehe,
Und gerne möchte deine Blicke fragen,
Acht ich Entfernung als das größte Wehe.


                               XLII.

Du liebst und schweigst - O hätt ich auch geschwiegen,
Und meine Blicke nur an dich verschwendet!
O hätt ich nie ein Wort dir zugewendet,
So müßt ich keinen Kränkungen erliegen!

Doch diese Liebe möcht ich nie besiegen,
Und weh dem Tag, an dem sie frostig endet!
Sie ward aus jenen Räumen uns gesendet,
Wo selig Engel sich an Engel schmiegen.

Drum laß des Wahns mich, daß du liebst, mich freuen,
Damit die Seele nicht mir ganz veröde,
Und meinen Glauben möge nichts zerstreuen!

O Glück, verweigre nicht mir allzuschnöde
Den Tag, an welchem seinem Vielgetreuen
Die ganze Seele zeigt der schöne Spröde!


                            XLIII.

Wenn einen Freund du suchst fürs ganze Leben,
Der dich durch Freude soll und Schmerz geleiten,
So wähle mich, du findest keinen zweiten,
Und keinen fähigern, sich hinzugeben.

Zwar kann er nicht, wie du, ein Wonnebeben
Durch seine Schönheit um sich her verbreiten;
Doch alle horchen gern den Lieblichkeiten,
Die ihm begeistert auf der Lippe schweben.

Ich fürchte nur, es möchte dich erbittern,
Wenn ich mir selbst so hohes Lob verstatte,
Bloß um vor dir in falschem Glanz zu flittern;

Sonst würd ich sagen, daß auf diese glatte,
Noch junge Stirn, mit ungewissem Zittern,
Der Schatten fällt von einem Lorbeerblatte.


                          XLIV.

O süßer Lenz, beflügle deine Schritte,
Komm früher diesmal, als du pflegst zu kommen!
Du bist ein Arzt, wenn unsre Brust beklommen,
Ein milder Arzt von immer sanfter Sitte!

O könnt ich schon in deiner Blumen Mitte,
Wann kaum der Tag am Horizont entglommen,
Bis er ins Abendrot zuletzt verschwommen,
Von Tränen leben, ohne Wunsch und Bitte!

Wann deine helle Sonne flammt im Blauen,
Würd ich, ins Gras gestreckt, nach oben blicken,
Und würde glauben meinen Freund zu schauen!

Geblendet würde dann mein Auge nicken,
Ich würde schlummern, bis die Sterne tauen,
Und mich im Schlaf an seinem Bild erquicken!


                            XLV.

Um meinen Schmerz im Stillen zu verwinden,
Such ich nach günst'gem Ort und günst'ger Stunde;
Doch schwebt dein Bild mir stets im Hintergrunde,
Indes die nähern Dinge schnell verschwinden.

Geselligkeit vermag mich nicht zu binden,
Und Einsamkeit ertragen bloß Gesunde:
Denk ich, so schärft des Denkens Pfeil die Wunde,
Und schweif ich müßig, klag ich es den Winden.

Und soll ich je von dieser Pein genesen,
So werde mir, so zeige dich gewogen,
Denn du nur fehlst dem Herzen, teures Wesen!

Ich liebte manchen Freund und ward betrogen;
Doch mag die Welt in diesen Blättern lesen,
Daß ich dich allen Andern vorgezogen.


                             XLVI.

Schön wie der Tag und lieblich wie der Morgen,
Mit edler Stirn, mit Augen voll von Treue,
An Jahren jung und reizend wie das Neue,
So fand ich dich, so fand ich meine Sorgen.

O wär ich schon an deiner Brust geborgen,
Wo ich mich sammle, wenn ich mich zerstreue!
O wäre schon bezwungen diese Scheue,
Die unsern Bund vertagt von heut auf morgen!

Was fliehst du mich? Vermagst du mich zu hassen?
Was quälst du so durch deiner Huld Verschweigung
Den Liebevollen, der sich fühlt verlassen?

Beim ersten Zeichen deiner künft'gen Neigung
Wird eine bange Wonne mich erfassen,
Wie einen Fürsten bei der Thronbesteigung.


                        XLVII.

Es sei gesegnet wer die Welt verachtet,
Denn falscher ist sie, als es Worte malen:
Sie sammelt grausam unsern Schmerz in Schalen,
Und reicht zum Trunk sie, wenn wir halb verschmachtet.

Mir, den als Werkzeug immer sie betrachtet,
Mir preßt Gesang sie aus mit tausend Qualen,
Läßt ihn vielleicht durch ferne Zeiten strahlen,
Ich aber werd als Opfertier geschlachtet.

O ihr, die ihr beneidetet mein Leben,
Und meinen glücklichen Beruf erhobet,
Wie könnt in Irrtum ihr so lange schweben?

Hätt ich nicht jedes Gift der Welt erprobet,
Nie hätt ich ganz dem Himmel mich ergeben,
Und nie vollendet, was ihr liebt und lobet.


                    XLVIII.

Qualvolle Stunden hast du mir bereitet,
Die aber nie an dir der Himmel räche,
Sonst müßten fließen deine Tränenbäche,
Wenn von der Lippe dir mein Name gleitet.

Doch bis Gewißheit jeden Wahn bestreitet,
Will gern ich dich, und tät ich es aus Schwäche,
Verteid'gen, Freund! von auf der Oberfläche
Geschöpften Zufallsgründen nie verleitet.

Zwar würd ich kaum dir zum Verteid'ger taugen,
Doch stets bedienst du dich als deiner beiden
Fürsprecher listig meiner beiden Augen:

So lang sie sich an deinem Blicke weiden,
So müssen Liebe sie aus ihm sich saugen,
Du aber lies in ihrem Blick mein Leiden!


                       XLIX.

Bewunderung, die Muse des Gesanges,
Gebeut mir stets, daß ich das Höchste preise:
Drum rühmt ich Künstler, Fürsten, Fraun und Weise,
Dem Zuge folgend eines großen Hanges.

Dich nenn ich nun die Seele dieses Dranges,
Den sonn'gen Gipfel meiner Lebensreise,
Den Mittelpunkt, um den ich lobend kreise,
Bestrickt vom Schwindel des Planetenganges.

Doch wenn vor Liebe deine Worte beben,
O so verleihst du, Freund! mir mehr in diesen,
Als meiner Kunst beschieden ist zu geben.

Zwar hat auch dir die Welt sich hold erwiesen;
Denn schöner stirbt ein solcher, den im Leben
Ein unvergänglicher Gesang gepriesen.