Platen

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Biografie

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                     XIX. In Genua

Ach, wer wiese zurück, wie entwöhnt die Brust auch
Sei durch ewigen Gram und der Welt Enttäuschung,
Wer allmächtige Sehnsucht,
Süße Begierde zurück?

Wenn voll magischer Kraft, in dem Land der Schönheit,
Unausweichlicher Schmerz dem Gefühl sich aufdringt,
Ach, wer wiese die Liebe,
Hielte die Klage zurück?

Doch kein Bleiben vergönnt des Geschicks Beschluß mir:
Zwar freiwillig und doch ein Gezwungener muß ich,
Muß dich wieder verlassen,
Genua, blühende Stadt!

Dich, dein rauschendes Meer und den schönen Strandweg,
Ja, was reizender ist! Ich erblickte kaum noch
Je mich selbst in geliebtern
Augen und liebenderen.

Doch wer Liebe versteht, er bekennt, wie sehr auch
Freudvoll sei der Besitz, es gewährt Besitz uns
Nie dich, sanftere Wehmut,
Selige Träne der Huld!


   XX. Die Wiege des Königs von Rom

                      (In Parma)

Reichen Hausrats goldener Prunk erzähle
Jenes Manns glorreichsten Moment der Nachwelt,
Jenes Manns, der kaum in der Gruft, und doch schon
Lange dahin scheint.

Denk ich sein jetzt, dessen ich kaum gedachte,
Als ich jüngst, bloß wenige Tage sind es,
Schaute, durch Herbstnebel hindurch, Marengos
Düsteres Blachfeld?

Ach, es stand damals in der Jahre schönstem
Mai der Held! Mißtrauischer Sorge fremd noch,
Frug er noch, was rühmlicher sei, die Krone,
Oder der Lorbeer?

Beide flocht tollkühn er in eins! Emporschlug
Seines Glücks aufsteigender Dampf, wie Abels:
Siege, Herrschaft über die Erde, höchstes
Friedliches Bündnis!

Große Nacht, doch schwanger an jedem Unheil,
Als des Ruhms Brautbette bestieg die blonde
Tochter Habsburgs; aber mit ihr des Schicksals
Mächtiger Neuling!

Horch! Die sonst mordsprühenden Feuerschlünde
Künden jetzt bloß zärtlichen Vaterjubel,
Und das Volk weiht freudeberauscht die goldne
Wiege der Fürstin.

Aber ach! Kein Wiegengesang der Liebe,
Waffenlärm schlug hart an das Ohr des Säuglings:
Eine Welt, schon lagert sie sich um seine
Tragische Kindheit.

Todesbleich steht zwischen Gemahl und Vater,
Bietend stets, den keiner ergreift, den Ölzweig,
Noch im Flor zartblühender Jugend, hülflos,
Flehend und hülflos

Sie, die Zier weitherrschenden Throns, von dem nun
Steigt herab ihr zagender Fuß bescheiden:
Wer verlor je stolzere Güter? Wer hat
Mehr zu verlieren?

Weib des stets Siegreichen, so vieler Cäsarn,
Welche Karls Reichsapfel und Zepter trugen,
Enkelin, (weh, Alles umsonst!) so vieler
Könige Schwägrin!

Mag verklärt nun oder umwölkt die Sonne
Leuchten, mag was immer geschehn, es füllt ja
Nie ein Herz mehr, dem so gering die Welt scheint,
Alles so tief liegt!


                   XXI. Morgenklage

Von bebender Wimper tropft der Nacht Zähre mir,
Indes den ersehnten Tag verheißt Hahnenruf:
Wach auf, o betrübte Seele,
Schließ einen Bund mit Gott!

Ich schwöre den schönen Schwur, getreu stets zu sein
Dem hohen Gesetz und will, in Andacht vertieft,
Voll Priestergefühl verwalten
Dein groß Prophetenamt.

Du aber, ein einzigmal vom Geist nimm die Last!
Von Liebe wie außer mir, an gleichwarmer Brust,
Laß fröhlich und selbstvergessen
Mich fühlen, Mensch zu sein!

Vergebens! Die Hand erstarrt, da voll stolzen Frosts
Nach irdischer Frucht sie greift! Es seufzt unter dir,
Schwermütige Wucht, Gedanke,
Mein Nacken tiefgebeugt!

Umnebelt den Blick die Welt, so laß, keusches Licht,
In reinere Lüfte mich emporschwebend gehn!
Wer aber hienieden setzte
Auf Wolken je den Fuß?

O seliger Mann, wofern gelebt Einer, der
In Ruhe die Nacht verbringt, und jedweden Tag,
Dem Rose genügt und Frühling,
Dem Liebe labt das Herz!


              XXII. Aschermittwoch

Wirf den Schmuck, schönbusiges Weib, zur Seite,
Schlaf und Andacht teilen den Rest der Nacht nun;
Laß den Arm, der noch die Geliebte festhält,
Sinken, o Jüngling!

Nicht vermummt mehr schleiche die Liebe, nicht mehr
Tret im Takt ihr schwebender Fuß den Reigen,
Nicht verziehn mehr werde des leisen Wortes
Üppige Keckheit!

Mitternacht ankünden die Glocken, ziehn euch
Rasch vom Mund weg Küsse zugleich und Weinglas:
Spiel und Ernst trennt stets ein gewagter, kurzer,
Fester Entschluß nur.


         XXIII. An Marco Saracini

Sympathie zwar einiget uns und läßt uns
Hand in Hand gehn; aber es zweit der Pfad sich;
Denn zu sehr durch eigene Lose schied uns
Beide das Schicksal.

Dir verlieh's jedweden Besitz des Reichtums:
Stets für dich streun Säer die Saat, den Wein dir
Keltern rings, auspressen die Frucht des Ölbaums
Sorgliche Pächter.

Manches Landhaus bietet im Lenz Genuß dir,
Dir im Herbst Jagdübungen manches Bergschloß,
Wo sich schroff absenken des Apennins Höhn
Gegen das Meer zu.

Stolz im Schmuck hochzinnigen Daches nimmt dich
Dein Palast auf, während des heißen Sommers:
Alter Kunst Denkmale verschließen hundert
Luftige Säle.

Nichts besitzt dein Freund, o geliebter Jüngling!
Ja, er wünscht auch keinen Besitz, als den er
Leicht mit sich trägt. Irdische Habe wäre
Drückende Last mir!

Selten ruht mein pilgernder Stab, ich setz ihn
Sanft nur auf, nicht Wurzel und Zweige schlägt er;
Auf das Grab einst lege mir ihn der Fremdling,
Freunden ein Erbteil!


     XXIV. An die Gräfin Pieri in Siena

Schönheit fielen und Reiz wenigen Fraun anheim,
Auch Reichtümer verschenkt selten ein günstig Los;
Doch viel seltener gibt es
Ein teilnehmendes, großes Herz,

Dem Schönheit es und auch Gaben des Glücks gesellt:
Also seh ich vereint würdigem Gatten dich,
Rastlos tätigem Dasein
Prunk nicht, aber Gehalt verleihn.

Dichtkunst hebt und Musik, wahre Geselligkeit
Hebt dein Leben empor (wie es der Deutschen ziemt)
Aus einförmigem Kreislauf,
Den schlaftrunken Italien träumt.

Gastfreundschaftlichen Sinns nahmst du den Dichter auf,
Dankbar bietet er dir liebenden Scheidegruß,
Weil aufs neue der Frühling
Ihn zum flüchtigen Wandrer macht.

Schön ist's, häuslichen Kreis sammeln umher, wiewohl
Schön nicht minder, sich selbst lebend und frei von Zwang
Anschaun Städte der Menschen,
Stehn auf hohem Verdeck zu Schiff.


               XXV. Brunelleschi

Ehrwürdig dünkt euch gotische Kunst mit Recht:
Ich selbst, Bewundrung hab ich im reichen Maß
Orvietos, Mailands Dom und deiner
Hohen Kartause gezollt, Pavia!

Doch schätz ich mehr Einfaches, dem ersten Blick
Nicht gleich enthüllbar; aber getreu dem Geist:
Durch Reiz der Neuheit lockt Erhabnes,
Aber das Auge zuletzt ermüdet's.

Still ist der Schönheit Zauber, unwandelbar,
Und stets bedeutsam. Ewiges Lebehoch
Sei, Brunelleschi, dir gebracht beim
Feste der Wiedergeburt des Schönen!

Roms alten Schutt durchschrittst du gedankenvoll,
Der unbekannt noch oder verachtet lag,
Grubst Säulen aus und mächtig wuchs dir,
Während du schaufeltest, Geist und Kühnheit.

Schatzgräber schalt Roms höhnischer Pöbel dich,
Dich samt Donato, deinem erprobten Freund,
Des Kunst zuerst formlosem Steine
Männlichen Seelencharakter eingrub.

Und Schätze dankt euch euer Florenz, wiewohl
Ihr arm an Gold wart; herrlicher prangt es nun
Als Zier der Nachwelt. Bloß Venedig
Kämpfe mit ihm um den Rang der Schönheit.


         XXVI. An August Kopisch

Wenn zwei Lose vor uns legt ein Beschluß der Zeit,
Schwer ist's, wirklichem Ruf folgen und falschen fliehn:
Fürs Leben hinaus entscheidet
Der entschiedene kurze Schritt.

Ehmals dämmerten uns mutige Hoffnungen,
Ja, wir wollten Genuß aus Arethusas Quell
Einschlürfen; der kühnre Wunsch war
Aganippische Flut zu schaun!

Doch dich lockten indes heimische Triebe bald
Fernhin (wo in des Nords Winter ein edler Fürst
Aussät ein Athen des Geistes)
An die skythische, kalte Spree.

Mir auch schien' es vielleicht rühmlicher, hinzuziehn,
Wo hinweist der Magnet; aber dem trägen Fuß
Sind Brenner zugleich und Gotthard
Unersteigliche Berge längst.

Rückwärts liegen so weit frühere Tage mir,
Als frohsinnig und nicht ohne befeuernden
Beifall in der Freunde Kreis ich
Die Gesänge der Jugend las.

Hier nun sing ich allein, freundliches Lob verhallt
Fernab, selten gehört; aber es schweigen auch
Lautgellende Pöbelstimmen,
Und der kleinere Schrei des Neids.


           XXVII. Der bessere Teil

Jung und harmlos ist die Natur, der Mensch nur
Altert, Schuld aufhäufend umher und Elend;
Drum verhieß ihm auch die gerechte Vorsicht
Tod und Erlösung.

Stets von heut auf morgen vertagt die Hoffnung
Ihr Phantom. Auswandert der Mensch in fremden
Himmelsstrich; doch tauscht er indes die Not nur
Gegen die Not aus!

Stets um Freiheit buhlt das Gemüt, um Kenntnis;
Doch um uns liegt rings, wie ein Reif, Beschränkung:
Keine Kraft, selbst Tugend vermag der Zeit nicht
Immer zu trotzen.

Manchen Flug wagt menschliches Wissen, das doch
Kaum ein Blatt aufschlägt in dem Buch des Weltalls:
Bist du je, Milchstraßen entlang, gewandelt
Nach dem Orion?

Nein - und deshalb lehrte der Mann der Weisheit,
Den die Welt dankbar den Erlöser nannte,
Zuversicht auf höheren Waltens Allmacht,
Lehrte den Glauben.

Tätigkeit löst Rätsel und baut der Menschheit
Schönstes Werk; doch schmähe sie drum ein stilles,
Sanftes Herz nicht, weil es erwählt den bessern
Teil, wie Maria!


       XXVIII. An Karl den Zehnten

Aus deiner Ahnherrn blühendem Reiche zogst
Umblickend oft auf lässigem Zelter du,
O zehnter Karl, von deiner Söhne
Frauen umjammert, der letzte Ritter!

Nicht lehrte Weisheit dich das erblichne Haar!
Nicht sendet nach weichherzige Seufzer dir
Frankreich, es weint dir nicht des Mitleids
Gastliche Träne der stolze Brite.

Dein eignes Volk mißkennend, und was die Zeit
Umstürzte, kalt aufnötigend, hieltest du's
Barbaren gleich, die fern im Südost
Keuchen am Joch und das Joch beklatschen?

Nicht fleußt in Frankreichs Adern Kroatenblut!
Freudvoll begrüßt dreifarbige Wimpel schon
Europa, männlich aufgerichtet,
Ja, bis in Afrika jauchzt das Echo!

Längst sind der Zeit blutdürstige Greul gesühnt:
Blut floß von jeher, wann die verjüngte Welt
Neukräftig aufwuchs, blutig siegte
Christus und blutig erkämpfte Luther

Wahrheiten. Nicht mehr rufe die Manen an
Des Bruders, der klagwürdig und edel fiel,
Nicht aber schuldlos, seine Schwachheit
Trägt des Geschehenen schwerste Hälfte.

Uralte Blutschuld lastete lange schon
Auf Capets Haus, seitdem den erlauchten Sproß
Ruhmvoller Kaiser einst der schnöde
Bruder des heiligen Ludwigs abhieb.

Lern aus der Welt Jahrbüchern Gerechtigkeit,
Und stirb versöhnt! Dein sonstiges Volk, es sei
Bollwerk der Freiheit künftighin uns,
Glänzendes Edelgestein Europas!

Nie reiz es mehr blindwütender Frevel auf,
Und König Philipp herrsche gerecht und gut!
Viel hangt an ihm! Nie war so heilig
Irgend ein fürstliches Haupt, wie seins ist.


    XXIX. Der Vesuv im Dezember 1830

Schön und glanzreich ist des bewegten Meeres
Wellenschlag, wann tobenden Lärms es anbraust;
Doch dem Feur ist kein Element vergleichbar
Weder an Allmacht,

Noch an Reiz fürs Auge. Bezeug es Jeder,
Der zum Rand abschüssiger Kratertiefe,
Während Nacht einhüllt die Natur, mit Vorwitz
Staunend emporklimmt,

Wo im Sturmschritt rollender Donner machtvoll
Aus dem anwuchsdrohenden, steilen Kegel
Fort und fort auffahren in goldner Unzahl
Flammige Steine,

Deren Wucht, durch Gluten und Dampf geschleudert,
Bald umher auf aschige Höhn Rubine
Reichlich sät, bald auch von des Kraters schroffen
Wänden hinabrollt:

Während still, aus nächtlichem Grund, die Lava
Quillt. - Des Rauchs tiefschattige Wolk umdüstert,
Holder Mond, dein ruhiges, friedenreiches
Silbernes Antlitz.


          XXX. Los des Lyrikers

Stets am Stoff klebt unsere Seele, Handlung
Ist der Welt allmächtiger Puls, und deshalb
Flötet oftmals tauberem Ohr der hohe
Lyrische Dichter.

Gerne zeigt Jedwedem bequem Homer sich,
Breitet aus buntfarbigen Fabelteppich;
Leicht das Volk hinreißend erhöht des Dramas
Schöpfer den Schauplatz:

Aber Pindars Flug und die Kunst des Flaccus,
Aber dein schwerwiegendes Wort, Petrarca,
Prägt sich uns langsamer ins Herz, der Menge
Bleibt's ein Geheimnis.

Jenen ward bloß geistiger Reiz, des Liedchens
Leichter Takt nicht, der den umschwärmten Putztisch
Ziert. Es dringt kein flüchtiger Blick in ihre
Mächtige Seele.

Ewig bleibt ihr Name genannt und tönt im
Ohr der Menschheit; doch es gesellt sich ihnen
Selten freundschaftsvoll ein Gemüt und huldigt
Körnigem Tiefsinn.


         XXXI. Herrscher und Volk

Nie sehnt ein willkürübender Herrscher sich
Nach Dichterweihrauch, dessen er nicht bedarf:
Er legt ans Schwert kraftvoll die Faust und
Wen er zum Opfer sich wählt und wer ihm

Mißfällt und wer Freiheit zu verkünden wagt,
Den trifft der Tod, den decken Sibiriens
Schneefelder zu, der wird geschmiedet,
Tief in der Grotte des Felseneilands,

Titanenhaft auf eisernen Rost, zu dem
Das Meer emporschlägt. Aber das Volk bedarf,
Ohnmächtig schmerzvoll, eines Mannes,
Welcher im Lied es empfiehlt der Nachwelt

Als Stoff des Mitleids, welcher erzählt, wie schnell
Zusagen wehn aus fürstlichem Mund, und ach!
Gleichschnell verweht sind, wie man Schwüre
Bricht in der Nähe des Pols und südwärts!

Sind Schwüre nicht (leicht löst sie der Papst) ein Spiel
Herzloser Bourbons? Nichtigem, falschem Eid,
Ach, lauschte Frankreich; lauschte Spanien,
Lauschte das Land um Messinas Pharus,

Diesseits und jenseits! Einen erblickten wir,
Der seines Zwingherrn blutige Hand geküßt,
Nachdem umsonst sein Volk des Wagens
Stricke zerhaun, den geliebten König

Nicht lassen wollend. Jener entwich, da focht's
Sechs Jahr um ihn, sechs Jahre, befreit zuletzt
Ihn aus der Haft. Er kommt und liefert
Seine Befreier dem Blutgerüst aus.

War solches Undanks fähig ein Nero selbst?
Dem, der für ihn sich opferte, mindestens
Dem Strang des Henkers ihn entrückend,
Hätt er ein rühmliches Grab gegönnt ihm!

Ihr fürchtet nichts, Tyrannen, allein den Tod
Doch fürchtet ihr, der kein Diadem verschont:
So möge denn ums Sterbelager
Drängen sich euch der verhaßte Chorus

All derer, die dumpfbrütende Kerkerluft
Frühzeitig wegrafft, all der Gequälten Geist,
Die auf Galeeren euch, mit Mördern
Eng aneinander gekoppelt, fluchen,

All derer, die, weit über die Welt zerstreut,
Vom Bild der Heimat ihre Gemüter voll,
An fremder Tür ihr Brot erbetteln,
Ja, zu Barbaren verbannt, des Moslems

Mildtätigkeit anflehen! Um euer Bett
Wird manch Gespenst mit drohendem Finger stehn,
Durch Kettenlärm euch weckend, oder
Priester und Priestergebet verscheuchend.


 XXXII. Aus einem Chor des Sophokles


Nicht gezeugt sein, wäre das beste Schicksal,
Oder doch früh sterben in zarter Kindheit:
Wächst zum Jüngling einer empor, verfolgt ihn
Üppige Torheit,

Während Mißgunst, Streit und Gefahr und Haß ihm
Quälend nahn; reift vollends hinan zum Greis er,
Jede Schmach muß dulden er dann, vereinzelt
Stehend und kraftlos.

Stets umdroht uns Flutengedräng und schleudert
Hart an steilabfallenden Klippenstrand uns,
Mag der Süd nun peitschen die Woge, mag sie
Schwellen der Nordsturm.


        XXXIII. An Franz den Zweiten


Ohnmacht, Zerstücklung, jegliche herbe Schmach
War unser Los, seitdem du Germaniens
Reichsapfel nicht mehr wiegst in deiner
Rechten, o Herr, und von uns verlassen,

Uns alle preisgabst schimpflichem Untergang!
Wohl tat Erneurung unserem Reiche not,
Doch nicht Zerstörung; tief im Busen
Trug es den edelsten Keim der Freiheit.

Du zeihst des Abfalls uns, des Verrats mit Recht;
Wir zeihen dich, daß über die Alpen stets
Dein Aug gekehrt war, daß du Völker,
Deinem Germanien fremd, beherrschtest!

Einst griff sogar nach spanischem Ehering
Habgierig Östreich; doch es erwarb sich nur
Deutschlands Verlust. Sein fünfter Karl war
Unser Verderben und ganz Europas!

Jedwedes Unheil, welches die Welt betraf,
Floß aus der Brust ehrsüchtiger Könige,
Die unbefriedigt durch das Erbteil
Ihres Geschlechts in die Fremde schweiften.

Vergebens hoffst du, daß der Lombarde je
Dich lieben lernt, daß je es der Pole lernt!
Wohl schleifte Mailand Barbarossa,
Aber es blutete Konradin auch.

Gieb deinem Deutschland wieder ein deutsches Herz!
Dann wird, fürwahr, frohlockenden Jubelrufs
Dein wahres Volk aufnehmen seinen
Alten und kummergebeugten Kaiser!

Wer Sklave Moskaus wünschte zu sein, er bleib's!
Wir möchten frei sein, einig und groß; zu uns,
Die dein in Sehnsucht täglich warten,
Kehre zurück, o geliebter König!

Baschkireneinfall halte von uns entfernt;
Dann beut in Freundschaft deinem erneuten Volk
Das neue Frankreich auch den Handschlag
Über dem heiligen Sarg in Aachen.


           XXXIV. Der künftige Held

Rückwärts gewandt blickt oft in der Fabel Nacht
Der Dichter, späht Heroen sich aus, und forscht
Durch manches Zeitlaufs Tatenwirrwarr,
Liederbegierigen Sinns, nach Helden:

Ich wähle den mir, welcher dereinst erscheint
Und will vom Tod nicht wecken Gemoderte:
Den Mann der Zukunft preisend, wandelt
Vor dem Erwarteten mein Gesang her!

Er komme bald uns, welchem des Ewigen
Ratschluß verliehn ruhmwürdiges Rächeramt
Gehäufter Untat, aus den Zähnen
Reiß er dem Wolfe das Lamm, er komme

Dem Stamm verderblich jener Semiramis
Mit ihrem zahllos wimmelnden Buhlerheer,
Die schon der Vorzeit graues Wort uns
Als babylonische Metze weissagt!

Er komme, der mit strafendem Geißelhieb
Nach Asien heim stumpfnüstrige Sklaven peitscht,
Sie selbst und ihre längst entnervten,
Weibisch entgürteten Dschingiskhane,

Die nur des Mords noch pflegen, und nicht der Schlacht,
Des Völkermords! Dir, Siegender, möge dann
Mongolenblut aus jeder Locke
Über den faltigen Mantel triefen!


              XXXV. Kassandra

Deinem Los sein Klagen geweiht, Europa!
Aus dem Unheil schleudert in neues Schrecknis
Dich ein Gott stets; ewig umsonst erflehst du
Frieden und Freiheit!

Kaum versank allmählich, im trägen Zeitlauf,
Jener Zwingburg südlicher Bau zu Trümmern,
Wo des Weltherrn Zepter dem Inquisitor
Schürte den Holzstoß:

Sieh, da keimt schon, unter dem Hauch des Nordpols,
Frischen Unheils wuchernder Same leis auf:
Hoch als Giftbaum ragt in die Luft bereits dies
Riesige Scheusal!

Selbst dem Beil fruchtloser Begeisterung trotzt
Dieser Stamm, der Alles erdrückt, und keiner
Wolke, weh uns, rettender Blitz zerschmettert
Wipfel und Ast ihm!

Ketten dräun, wie nie sie geklirrt, der Menschheit
Bangen Hals zuschnürend, und parrizidisch
Reiht im Wettlauf mächtiger Ungeheur sich
Frevler an Frevler!

Noch einmal, wie's kündet die alte Fabel,
Überm Haus blutgieriger Tantaliden
Sein Gespann rückwärts mit Entsetzen lenkend,
Schaudert Apollo!

Zwar der Hahn kräht; aber er weckt die Welt nicht!
Selbst des Einhorns Stachel vielleicht zersplittert:
Adler Deutschlands, doppelter, kreise wachsam,
Schärfe die Klaun dir!


       XXXVI. An Wilhelm Genth

Dein Lied erweckt mir langeverwehte Zeit,
Als Heidelbergs pfalzgräfliche Burg (Es hat
Ein fremder Bluthund einst zerstört sie)
Uns in verwilderte Schatten einlud.

Du rufst in Heimatsgegenden mich zurück,
Wo ach! Verwirrung brütet, und innerhalb
Der Mauern Ilions und auswärts
Sündiget blinde Begier. Du rufst mich

An Goethes Grab. Gern werf ich den schönsten Zweig
Auf seine Ruhstatt! Sanfterer Tage Sohn,
Und selbst als Greis noch liebetändelnd,
Wußt er die mächtige Brust zu zähmen,

Eintauschend Weisheit für die Begeisterung:
Nicht dies gelingt mir! Jeglicher Puls in mir
Wallt feurig auf; nicht bloße Töne,
Funken entsprühn der bewegten Leier!

Nicht kann ich harmlos mich in die Pflanzenwelt
Einspinnen, anschaun kantigen Bergkristall
Sorgfältig, Freund! Zu tief ergreift mich
Menschlichen Wechselgeschicks Entfaltung.

Längst ist der Brust ehrgeiziger Trieb entflohn,
Der Jugend Erbteil; aber wofern mir soll
Annahn der Ruhm, mag Hand in Hand er
Gehn mit dem prüfenden Todesengel!

Von dieser Zeit Parteiungen hoff ich nichts;
Doch wann ich darf ausruhen, wie Goethe ruht,
Dann sein mir auch spätreife Kränze
Auf den versinkenden Sarg geworfen.

Ich lebe ganz bei Künftigen, halb nur jetzt:
Nicht bloß ein Zierat müßigem Zeitvertreib
Sei meine Dichtkunst, nein - sie gieße
Tauigen Glanz in die welke Blume!


                           XXXVII.

Parthenope ragt so schön am Seestrand empor,
Umspannt den berauschten Sinn mit stahlfestem Netz,
Läßt fließen des Lebens Bäche
Aus ihrem goldnen Quell.

Wo aber erscheint Genuß von Schmerz unvergällt?
Es lauert des Scheidens Qual, und träuft Bitterkeit
Neidvoll in den Wein der Liebe,
Den unsre Seele schlürft.

Doch ziehe, wohin du willst, im Geist folgen dir
Beflügelte Lieder nach! Es ist, reich begabt,
Dein schönes Gesicht Bezaubrung,
Dein Auge Süßigkeit!


                          XXXVIII. Trinklied

Wohl bietet der irdische Tag qualvolle Sekunden genug.
Wenn tief du gedenkend erwägst, was je du verlorst, o Gemüt!
Feuchteren Auges erblickst du
Rings dann die verschleierte Welt.

Weil süßes Vergessen allein aufwägt den unendlichen Schmerz,
Schlürft, Freunde, das goldene Naß, hier wo sich ein Zaubergefild
Breitet um uns und um Bajäs
Rückstrahlende, wonnige Bucht!

Kommt unter des Tempelgewölbs halbdrohenden Rest! (Es vernahm
Hier Cypria Wunsch und Gebet) Ruht hier! In den hellen Pokal
Träufe der süße Falerner,
Jahrtausende schon so berühmt!

Aus purpurnen Wogen empor ragt manches antike Gestein,
Das Römer voreinst in die Flut, Prachtsäulen zu tragen, gesenkt:
Laßt die Verblichenen leben,
Die mächtige Taten getan!

Anspannend die Kraft des Gemüts, wirkt Gutes und Schönes erschafft,
Auf daß in der werdenden Zeit bei Künftigen töne das Wort:
Selig der Tag und die Räume,
Wo solch ein Berühmter gelebt!

Wann, Freunde, wir steigen hinab, wo dort sich ein mythisches Volk
Weissagende Grotte gebohrt, unweit der zertrümmerten Stadt,
Mag die Sibylle von Kumä
Uns Segen und Ruhm prophezein!

Dort drüben, die Höhlen entlang, liegt jenes elysische Feld,
Wo Geister im Felsengebüsch hinwandeln am Ufer des Meers:
Glückliche, die mit Heroen
Hinwandeln am Ufer des Meers!

Wohl ziemt es dem Folgegeschlecht, wo immer ein heiteres Mahl
Gastfreunde vereine, mir auch volltriefende Schale zu weihn,
Der ich erfand in der Seele
Manch liebebeflügeltes Lied.



G. Hymnen

              Dem Kronprinzen von Bayern

Es schlummert längst mir im Heiligtum bildender Kraft
An dich, o Fürst, ein Gesang,
Dem vaterländischer Zukunft Bürgschaft verliehn das Geschick,
Der du selbst in der Brust die Glut melodischer Dichtung
Hegst, dem Vater gleich, und der Kunst tiefsinnige Meister liebst,
Die mit holdem Zepter das Volk, den Herrschenden ähnlich,
Lenken; aber Verständnis folgt
Oft erst dem beschwingten Klang zu Fuß nach.

Vor Allen foderte mich zu Liedspendungen auf
Das Wort des würdigen Freunds,
Der mir von frühester Kindheit stets hieß der treuste Genoß,
Aber nun an der Seite dir mit freundlichem Rat steht. -
Offen liegt ein mächtiges Feld vielkundigem Dichter, der
Deines Hauses Glanz und den tausendjährigen Ruhm wälzt;
Denn bereits Diademe trug
Dein Stamm in der sagendunklen Urzeit:

Als König waltete Garibald, hohen Geschlechts,
Im reichen Bojergefild
Weitherrschend einst, wo der Inn stolz hinwallt mit reißendem Zug,
Dem zuletzt in der Schlucht sich mischt der stilleren Donau
Ebner Flur entsprudelter Strom. Aufnährte das schönste Pfand
Garibald, der lieblichen Tochter bräutliche Schönheit:
Theudelinden umwarb indes
Hochsinniger Fürstensöhne Schwarm rings.

Es wirbt der fränkische Childebert. Autharis auch,
Der longobardische Fürst,
Hoch ragt er unter der Mehrzahl siegskühner Freier empor
Der das wehende Banner aufgepflanzt an der Spitze
Rhegiums, (getrennt von der fruchtbarn Wurzel des Ätnabergs
Durch der Skylla Hundegebell und kochenden Meerschwall).
Doch Pavia verläßt der Fürst,
Nordwärts, an der Etsch, den Strom hinauf zieht

Er wohlgemut, in der Brust den sehnsüchtigen Wunsch. Verkappt in Botengestalt
Sieht Bojoarien ihn. Schon tritt aus dem Frauengemach
Theudelinde, geführt von Garibald, und dem Fremdling
Beut sie gar, der Sitte gemäß, Willkomm in dem Festpokal:
Als das Glas empfing der vermummte Fürst von der Jungfrau,
Ihr die Hand mit gelindem Druck
Rührt sanft er und seufzt: O Theudelinda!

Geringer scheint die verschwiegne Schmach, Allen entrückt:
Die kluge Schöne verbirgt,
Blaß zwar vor Schrecken, des Gastfreunds Wagstück ins tiefe Gemüt.
König Autharis freit, in Königs Autharis Namen,
Jene nun, und gerne gewährt, huldreich, die erwählte Braut
Garibald. Es giebt das Geleit dem werbenden Fremdling
Schlanke, boische Heldenschar
Durchs Alpengebürg ins süße Welschland,

Wo Phöbus früher die Traube reift, Jünglingen auch
Die Schläfe männlicher bräunt.
Als auf der steinigen Grenzmark abschiedlich boten den Gruß
Wechselseits der Geführte selbst und Die, so geführt ihn,
Schwang das Beil der reisige Held kraftvoll in behender Faust;
Tief im Stamme wurzelt es fest des mächtigen Ahorns:
Solche Streiche, wie der, vermag
Bloß Autharis auszuteilen, rief er,

Und kenntlich Allen entschwand der gelblockige Fürst.
Es reichte darauf dem Gemahl
Bald Theudelinde den Brautring. Stets trügt jedoch des Geschicks
Gunst die Sterblichen, sein sie niedrig oder an Macht groß:
Authars Blume welkte dahin frühzeitig an schnödem Gift,
Das der Nebenbuhler, ein Sohn der tückischen Brunhild
Jenem sendete, Childebert;
Doch pflegte des Reichs die Bojoarin.

Sie trug den seltenen Schatz der Weisheit im Gemüt,
Es dient' Italien ihr.
Oftmals begründeten Fraun manch herrschaftsgewaltiges Reich,
Weil dem Männergeschlecht an klugem Sinn sie voranstehn:
(Wohl bezeugt's der späteren Zeit England und Elisabeth,
Kämpfe nahm die Tochter des sechsten Karls mit der Welt auf,
Moskowitische Geißel schwang
Siegreich die entmenschte Messalina.)

Die longobardische Königin teilte dem Volk
Gerechte Satzungen aus,
(Heilvoll ergänzt des Naturtriebs Wildheit das weise Gesetz,
Das der Blüte des Menschengeistes herbere Frucht ist)
Während rings der Menge sie kundtun ließ des Erlösers Wort:
Endlich schickt Gregorius ihr, der heilige Welthirt,
Jene Krone von Eisen zu,
Nachwachsender Helden höchstes Kleinod.

Es fliehn in rascher Geburt die Weltlose dahin,
Es wechselt Leben und Grab.
Uns nächste Zeiten, o Herr, sahn nochmals ein blühendes Weib,
Deines Stamms in dem Fürstenstuhl der mächtigen Ahnfrau:
Theudelinden glich sie an Form, reizvoll wie ein Strahl des Lichts,
Nicht an Glück. Es fallen des übermütigen Schicksals
Würfel tückisch und ungestüm,
Umwälzenden Tagen stürmt Gefahr nach;

Und wird zum Schwerte der Pflug, so bricht Königen selbst
Entzwei der güldene Reif.
Graunvoll zerstört der Gewalt Bergsturz rings die Fülle des Tals:
Wohl erfuhr's die erhabene Frau, des fränkischen Ehbunds
Opfer, ja, die Tochter sogar, jenseitig des Ozeans
Eines Kaisers Braut an der palmenschattigen Meerbucht.
Doch im Munde des Dichters lebt
Gleichreizend und ewig Heil und Unheil.


                                Abschied von Rom

                                           1827

Wer vorbeiziehn darf an dem Appischen Weg, südwärts gewandt,
Wem aus des Sumpflands Wiese der magischen Göttin
Vorgebürg ragt, (welche dereinst dem Odysseus reichte den Becher, indem sie
Süßen Gesang an dem Webstuhl sanft erhob)
Nenne beglückt sich, er hat
Die umwölkt schwermütige
Fieberluft Roms hinter sich!

Frommt der Sehnsucht langeverschollener Tat lebloser Hauch?
Frommt jenes urzeitkundigen Mannes Bericht uns,
Der erzählt, hier wurde geraubt ein Gespann Pflugstiere dem Sohne des Zeus, dort
Legte den ewigen Grundstein Romulus,
Hier am Egerischen Quell,
Wo ein Hain sonst rauschte, trank
Numa Weisheit, frommt es uns?

Wüstenein bloß blieben und Trümmer. Erspähn mag, zeigen mag
Neugier den Unheilsort, wo der blutende Cäsar
Lag, des Orts Bildsäule sogar, wo er fiel, Bildsäule des göttlichen Feldherrn,
Der, in Pharsalus entmannt, durch Tempes Tal
Floh, das elysische Tal,
Wo des Stromgotts Urne längs
Grüner Aun Goldfluten gießt.

Doch ein Fahrzeug segelte bald in des Mordstrands Hafen ihn:
Nicht ohne Gram, nicht ohne die Träne der Wehmut,
Sah des Todfeinds Leiche der Sieger, gedenk ehmaliger Tage der Freundschaft,
Oder beweinend im Geist Roms Los, er selbst
Römer, der Frevelnde, der
Es gestürzt. Zeitläufte flohn,
Aber Rom sank, sank und sinkt.

Zwar es fällt langsam, wie das Dauernde fällt, großartigem Mannsinne gleich,
der Sphärengesänge des Wohllauts
Jener Welt - zuführt dem ermüdenden Werktagsleben und Schwärmer gehöhnt wird,
Während allein er das All klardenkend wägt;
Doch der Beladene beugt
In den Staub allmählich sein
Sinnend Haupt leidvoll hinab.

Also Rom. Nichts frommte der üppige Prunk blutgieriger
Selbstherrscher ihm. Neusprossende Palme des Glaubens,
Die du bloß tiefsinnige Schatten umherwarfst über die Male der Vorzeit,
Retteten Glanz und des Pomps Scheinkünste dich?
Möge die Schulter des Volks
Den Juwelstuhl tragen, der
Deines Gotts Statthalter trägt!

Aus dem Prachtschutt Roms den korinthischen Knauf, ja, Säulenreihn
Wegführend stützt, Raubsucht zu verewigen, sinnlos
Dein Levit Bethäuser in düsterer Form, Unschönes und Schönes in Einklang
Zwingend umsonst. Es erhebt Sankt Peter sein
Kuppelerhabenes Dach:
Den Titansbau stört indes
Wittenbergs stahlharter Mönch.

Nun verlor dein Schlüssel, Apostelgewaltherrschaft, die Gunst,
Er, der der Weltstadt Segen erteilt und dem Weltkreis:
Nur Erinnrung blieb. Sie entriß die Heroen altheidnischer Sage dem Erdschutt:
Blutend verhaucht der Athlet siegswerte Kraft,
Pfeile versendet der Gott
Des Gesangs, Wehmut erweckt
Hadrians bildschöner Freund. -

Als an Josephs Brust das Sirenengeschoß abprallen sah
Dein Kirchenhaupt, andächtiges Rom, und der sechste
Pius demutsreich von dem Kaiserbesuch heimzog, der erhabene Pilgrim,
Während entschlüpfte der Obmacht Zepter ihm,
Schuf er die neue Gewalt,
Und es ward dein Zauberstab
Ihm ein Feldherrnstab, o Kunst!

Steigen läßt sein Wort Obelisken empor, Golddecken wölbt,
Prunkwände zieht, ausbreitet das schöne Musivwerk
Sein Geheiß, euch würdige Sitze zu weihn, Denkmäler! (O hätt er gefunden
Mildere Schickungen! Frankreichs Kerkerluft
Atmete sterbend er aus:
Es verließ gramschwer der Greis
Deinen Festraum, Vatikan!)

Doch den Anblick trübt des verschwendeten Bildwerks Übermaß,
Unruhe schwankt zaghaft, wie die Seele der Jungfrau
Aus der Schar anmutiger Freier den anmutsvollsten zu wählen umherschwankt:
Übergenüssen erliegt oftmals der Geist.
Nicht das Vergangene frommt,
Da der Bildkraft Schüler selbst
Nicht die Kunst lernt durch die Kunst.

Hörst du gern Rat an, so beginne zuerst Einfaches bloß:
Vollkommenheit treibt Früchte hervor an erprobten
Stämmen, Freund! Nicht wolle zu frühe der Griechheit huldigen! Wächserne Federn
Klebt an den Nacken des Flugs Nachahmer bloß;
Aber es blühn in des Lichts
Region Sternbilder Ihm,
Den die Schwungkraft oben hält.

Manchen Geist zwar schafft die beseelte Natur, der Griechenlands
Bloß noch dem Stumpfsinn hieroglyphische Schönheit
Kennt und hold ausbildet unsterbliche Form. Aufweckt an dem rosenumhauchten
Silbergeplätscher des Bergquells wieder er
Alten, olympischen Tanz:
So erschuf Thorwaldsen aus
Götterdämmrung Tageslicht.

Aber dies Lied gleicht dem verirrenden Weidmann; Nachtigall-
Ton lockt hinweg sein Herz von des Wildes Verfolgung:
Ohne Pfad schweift rings in Gebüsch, in Gefild, Laubwälder und Felsen entlang er;
Endlich verscheucht der Gebirgsschlucht Wasserfall
Jeden Gesang und den Traum
Des Gemüts ihm. Wieder sucht
Seinen Jagdweg Jener auf.

Selig, wem Tatkraft und behaglichen Sinn leiht Gegenwart,
Wer neu sich selbst fühlt, Neues zu bilden bedacht ist,
Wem das Dasein ewig erscheint, und der Tod selbst eine Despotenerfindung,
Deren Gedanke des Glücks Pulsschläge hemmt:
Gerne verläßt er und froh,
Kapitol, dein Schattenreich,
Eure Pracht, Kirchhöfe Roms!

Lenz des Erdballs! Parthenopäische Flur! Stets neue Stadt!
Aufnimm den Freund, geuß rauschende Buchten umher ihm,
Denen einst (urweltliche Fabel erzählt's) wollüstig entstiegen die Schönheit,
Myrten der Küste, des Flutschaums Blum im Haar;
Aber es reichte, sobald
Sie ans Land stieg, Bacchus auch
Seines Weinlaubs Thyrsus ihr!

Mir zum Beistand naht des quirinischen Weltruhms Dichter selbst:
Aus Griechenland heimkehrend ereilte der Tod ihn;
Doch es deckt kein römischer Hügel des Frühwegsterbenden Staub in der Urne:
Meinen Gebeinen, befahl sein letzter Wunsch,
Werde Neapel Asyl,
Wo in Fruchthainlauben ich
Hirten, Feldbau, Helden sang.


       An die Brüder Frizzoni in Bergamo

                             1831

Manchen Vorwurf mußt ich ertragen von euch,
Weil so lang Pausilipos Ufer den Freund festhalten, indes
Zwischen Alpen und Po sich ausdehnt, welche Flur!
Weinbekränzt, voll klarer Seen, volkreich und geschmückt
Durch der ehmals mächtigen Städte Gemeinsinn,
Der herbeirief edle Kunst,
Anschauliche Form zu verleihn bildloser Wahrheit schöpferisch.

Nicht verschmäht mein festlicher Sang, in des Lobs
Süßen Born eintauchend der Fittige weithinschattiges Paar,
Euch lombardischer Heimatflur Preislied zu weihn.
Als in dämmrungsgrauer Vorzeit Alboin einst
Aus dem Nord herführte gepanzerte Heerschar,
Sah der Fürst, der auf des Bergs
Schneegipfel erobernden Blick ließ schweifen, solch fruchtreich Gefild
Hocherstaunt, klomm fröhlich herab und erwarb's.

Widerstand nicht hätte vermocht zu entziehn ihm größeres Ziel,
Wär's das leuchtende Rom sogar; bald stört jedoch
Seines Muts siegswerten Plan ihm häusliches Weh,
Welches ihm Roßmunda bereitete, die ihm
Durch Gewalt ward anvermählt,
Unwilligen Sinns, im Gemüt ausbrütend Rachsucht grenzenlos!

Denn es fiel ihr Vater voreinst in dem Kampf
Durch den Beilschlag dessen, an den in des Ehbunds schnöde Gewalt
Nun das Los sie geknüpft. Der Sieg zeugt Übermut:
Durch die Burg scholl Jubel, laut auftobte das Fest,
Als Pokal rings kreiste der Schädel des Feindes;
Diesen hob Fürst Alboin
Trotzvoll, in berauschter Betörtheit, auf und sprach: Roßmunda, trink!

Jene trank; Stolz hemmte den Zährenerguß,
Als sie wog schmerzvoll in der Hand des geliebt ehrwürdigen Haupts
Teure Last, und Vergeltung schwur stillschweigend ihr
Blick, und tief trübt ihn der Ohnmacht Jammergefühl.
Gegen Kraft hilft List nur allein und des Goldes
Allgewalt; Schönheit erreicht
Durch üppige Künste so manch Wunschziel und durch Liebkosungen.

Alboins Freund fiel in die Netze des Weibs,
Helmiches; Schmach sinnt er dem Könige, sinnt Blutdürstigeres.
Nacht umhüllte Veronas Burg, kampfmüder Schlaf:
Sieh, da schlich, Mordlust im Sinn, Roßmunda gemach,
Wo der Held ausatmete ruhigen Schlummer;
Aber daß wehrlos er sei,
Trägt weit von dem Lager sie weg Streitaxt und Schwert, Welschlands Ruin;

Dann die Mordschar winkt sie heran. Es versucht
Alboin fruchtlos mit dem Schemel den scharf eindringenden Stahl
Abzuwehren, und bald entseelt trieft blutig sein
Nackter Leib. Nicht fühle Neid, wer fern von des Ruhms
Glatter Bahn aufwärts zu der Könige Thron blickt:
Ihr Geschick ist faltenreich,
Aufwickelnd enthüllt es Gefahr oftmals, und weissagt jähen Sturz.

Aber Untat reiht an den Frevel sich an:
Jenes Paar einsammelte blutiger Aussaat Erntegebühr.
Stets umsonst um die Königin warb Helmiches:
Andres Ehbunds lüstern, den darbot der Exarch,
Der der Herrschaft pflog in dem alten Ravenna,
Haßt des Mords Mithelfer sie,
Wirft ihm in des schäumigen Weins Kelchglas ein markaufzehrend Gift.

Als jedoch halb kaum er getrunken, erkennt
Helmiches wutvoll den Verrat; er entblößt zweischneidigen Dolch,
Drohend, bis sie des Bechers Rest selbst ausgeschlürft. -
Voll von Unheil, groß jedoch tönt sonstiger Zeit
Sage, gern flicht seinem Gesang sie der Dichter
Ein, und führt klangreich vorbei
Prachtströmige Wogen des Lieds, urdeutscher Vorwelt gern gedenk.

Doch er weilt stets lieber im Rosengebüsch,
Das der leisauftretende Friede gewölbt dicht über den Quell,
Wo Genuß in dem Schoß der Freundschaft selig ruht:
Mög um euch sanft schimmern leichthinwallenden Tags
Mildes Licht! Nie möge der Krieg und die Seuche,
Deren Wut jetzt füllt die Welt,
Einziehn in die Täler, in die harmlos herabschaut Bergamo!