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Biografie

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H. Eklogen und Idyllen

                   Die Fischer auf Capri

                                1827

Hast du Capri gesehn und des felsenumgürteten Eilands
Schroffes Gestad als Pilger besucht, dann weißt du, wie selten
Dorten ein Landungsplatz für nahende Schiffe zu spähn ist:
Nur zwei Stellen erscheinen bequem. Manch mächtiges Fahrzeug
Mag der geräumige Hafen empfahn, der gegen Neapels
Lieblichen Golf hindeutet und gegen Salerns Meerbusen.
Aber die andere Stelle (sie nennen den kleineren Strand sie)
Kehrt sich gegen das ödere Meer, in die wogende Wildnis,
Wo kein Ufer du siehst, als das, auf welchem du selbst stehst.
Nur ein geringeres Boot mag hier anlanden, es liegen
Felsige Trümmer umher, und es braust die beständige Brandung.
Auf dem erhöhteren Felsen erscheint ein zerfallenes Vorwerk,
Mit Schießscharten versehn; sei's, daß hier immer ein Wachtturm
Ragte, den offenen Strand vor Algiers Flagge zu hüten,
Die von dem Eiland oft Jungfrauen und Jünglinge wegstahl;
Sei's, daß gegen den Stolz Englands und erfahrene Seekunst
Erst in der jüngeren Zeit es erbaut der Napoleonide,
Dem Parthenope sonst ausspannte die Pferde des Wagens,
Ihn dann aber verjagte, verriet, ja tötete, seit er
Ans treulose Gestad durch schmeichelnde Briefe gelockt ward.
Steigst du herab in den sandigen Kies, so gewahrst du ein Felsstück
Niedrig und platt in die Wogen hinaus Trotz bieten der Brandung;
Dort anlehnt sich mit rundlichem Dach die bescheidene Wohnung
Dürftiger Fischer, es ist die entlegenste Hütte der Insel,
Bloß durch riesige Steine geschützt vor stürmischem Andrang,
Der oft über den Sand wegspült und die Schwelle benetzt ihr.
Kaum hegt, irgend umher, einfachere Menschen die Erde;
Ja kaum hegt sie sie noch, es ernährt sie die schäumende Woge.
Nicht die Gefilde der Insel bewohnt dies arme Geschlecht, nie
Pflückt es des Ölbaums Frucht, nie schlummert es unter dem Palmbaum:
Nur die verwilderte Myrte noch blüht und der wuchernde Kaktus
Aus unwirtlichem Stein, nur wenige Blumen und Meergras;
Eher verwandt ist hier dem gewaltigen Schaumelemente
Als der beackerten Scholle der Mensch und dem üppigen Saatfeld.
Gleiches Geschäft erbt stets von dem heutigen Tage der nächste:
Immer das Netz auswerfen, es einziehn; wieder es trocknen
Über dem sonnigen Kies, dann wieder es werfen und einziehn.
Hier hat frühe der Knabe versucht in der Welle zu plätschern,
Frühe das Steuer zu drehen gelernt und die Ruder zu schlagen,
Hat als Kind mutwillig gestreichelt den rollenden Delphin,
Der, durch Töne gelockt, an die Barke heran sich wälzte.
Mög euch Segen verleihen ein Gott, samt jeglichem Tagwerk,
Friedliche Menschen, so nah der Natur und dem Spiegel des Weltalls!
Möge, da größeren Wunsch euch nie die Begierde gelispelt,
Möge der Thunfisch oft, euch Beute zu sein, und der Schwertfisch
Hier anschwimmen! Es liebt sie der Esser im reichen Neapel.

Glückliche Fischer! wie auch Kriegsstürme verwandelt den Erdkreis,
Freie zu Sklaven gestempelt und Reiche zu Dürftigen, ihr nur
Saht hier Spanier, saht hier Briten und Gallier herrschen,
Ruhig und fern dem Getöse der Welt, an den Grenzen der Menschheit,
Zwischen dem schroffen Geklüft und des Meers anschwellender Salzflut.
Lebet! Es lebten wie ihr des Geschlechts urälteste Väter,
Seit dies Eiland einst vom Sitz der Sirene sich losriß,
Oder die Tochter Augusts hier süße Verbrechen beweinte.


                          Bilder Neapels

                                  1827

Fremdling, komm in das große Neapel, und sieh's, und stirb!
Schlürfe Liebe, geneuß des beweglichen Augenblicks
Reichsten Traum, des Gemütes vereitelten Wunsch vergiß,
Und was Quälendes sonst in das Leben ein Dämon wob:
Ja, hier lerne genießen, und dann, o Beglückter, stirb! -
Im Halbzirkel umher, an dem lachenden Golf entlang,
Unabsehlich benetzt von dem laulichen Wogenschwall,
Liegt von Schiffen und hohen Gebäuden ein weiter Kreis;
Wo sich zwischen die Felsengeklüfte des Bacchus Laub
Drängt, und stolz sich erhebt in die Winde der Palmenschaft. -
Stattlich ziehn von den Hügeln herab sich die Wohnungen
Nach dem Ufer, und flach, wie ein Garten, erscheint das Dach:
Dort nun magst du die See von der Höh und den Berg besehn,
Der sein aschiges Haupt in den eigenen Dampf verbirgt,
Dort auch Rosen und Reben erziehn und der Aloe
Starken Wuchs, und genießen die Kühle des Morgenwinds. -
Fünf Kastelle beschirmen und bändigen keck die Stadt:
Dort Sankt Elmo, wie droht's von dem grünenden Berg herab!
Jenes andere, rings von Gewässer umplätschert, einst
War's der Garten Lukulls, des entthronten Augustulus
Schönes Inselasyl, in die Welle hinausgestreckt. -
Wo du gehst, es ergießen in Strömen die Menschen sich:
Willst zum Strande du folgen vielleicht und die Fischer sehn,
Wie mit nerviger Kraft an das Ufer sie ziehn das Netz,
Singend, fröhlichen Muts, in beglückender Dürftigkeit?
Und schon lauert der bettelnde Mönch an dem Ufersand,
Heischt sein Teil von dem Fang, und die Milderen reichen's ihm.
Ihre Weiber indes, in beständiger Plauderlust,
Sitzen unter den Türen, die Spindel zur Hand, umher.
Sieh, da zeigt sich ein heiteres Paar, und es zieht im Nu
Kastagnetten hervor und beginnt die bacchantische
Tarantella, den üppigen Tanz, und es bildet sich
Um die beiden ein Kreis von Beschauenden flugs umher;
Mädchen kommen sogleich und erregen das Tamburin,
Dem einfacheren Ohr der Zufriedenen ist's Musik:
Zierlich wendet die Schöne sich nun, und der blühende
Jüngling auch. Wie er springt! wie er leicht und behend sich dreht,
Stampfend, Feuer im Blick! Und er wirft ihr die Rose zu.
Anmut aber verläßt den Begehrenden nie, sie zähmt
Sein wollüstiges Auge mit reizender Allgewalt:
Wohl dem Volke, dem glücklichen, dem die Natur verliehn
Angeborenes Maß, dem entfesselten Norden fremd! -
Durchs Gewühle mit Müh, ein Ermattender, drängst du dich
Andre Gassen hindurch; der Verkäufer und Käufer Lärm
Ringsum. Horch, wie sie preisen die Ware mit lautem Ruf!
Käuflich Alles, die Sache, der Mensch, und die Seele selbst.
Aus Karossen und sonstigem Pferdegespann, wie schrein
Wagenlenker um dich, und der dürftige Knabe, der
Auf die Kutsche sogleich, dir ein Diener zu sein, sich stellt.
Sieh, hier zügelt das Kabriolett ein beleibter Mönch,
Und sein Eselchen geißelt ein anderer wohlgemut.
Kuppler lispeln indes, und es winselt ein Bettler dir
Manches Ave, verschämt das Gesicht mit dem Tuch bedeckt.
Dort steht müßiges Volk um den hölzernen Pulcinell,
Der vom Marionettengebälke possierlich glotzt;
Hier Wahrsager mit ihrer gesprenkelten Schlangenbrut. -
Alles tummelt im Freien sich hier: der geschäftige
Garkoch siedet, er fürchtet den seltenen Regen nicht;
Ihn umgibt ein Matrosengeschwader, die heiße Kost
Schlingend gieriges Muts. An die Ecke der Straße dort
Setzt ihr Tischchen mit Kupfermoneten die Wechslerin,
Hier den Stuhl der gewandte Barbier, und er schabt, nachdem
Erst entgegen dem sonnigen Strahl er ein Tuch gespannt.
Dort im Schatten die Tische des fertigen Schreibervolks,
Stets bereit zu Bericht und Suppliken und Liebesbrief:
Ob ein Knabe diktiere der fernen Ersehnten sein
Seufzen, oder ein leidendes Weib den verwiesenen
Gatten tröste, verbannt nach entlegener Insel, ihn,
Der sein freies Gemüt in dem untersten Kerker quält
Hoffnungslos, und den Lohn, der erhabenen Tugend Lohn
Erntet.- Aber entferne die schattende Wolke, Schmerz! -
Auch zum Molo bewegt sich die Menge, wo hingestreckt
Sonnt die nackenden Glieder der bräunliche Lazzaron.
Capri siehst du von fern in dem ruhigen Wellenspiel;
Schiffe kommen und gehn, es erklettern den höchsten Mast
Flugs Matrosen, es ladet die Barke dich ein zur Fahrt.
Den Erzähler indessen umwimmelt es, Jung und Alt,
Stehend, sitzend, zur Erde gelagert und übers Knie
Beide Hände gefaltet, in horchender Wißbegier:
Roland singt er, er singt das gefabelte Schwert Rinalds;
Oft durch Glossen erklärt er die schwierigen Stanzen, oft
Unterbrechen die Hörer mit mutigem Ruf den Mann.
Aufersteh o Homer! Wenn im Norden vielleicht man dich
Kalt wegwiese von Türe zu Tür, o so fändst du hier
Ein halbgriechisches Volk und ein griechisches Firmament! -
Mancher Dichter vielleicht, in der Öde des Nords erzeugt,
Schleicht hier unter dem Himmel des Glücks, und dem Heimatland
Stimmt er süßen Gesang und gediegenen Redeton,
Den es heute vermag zu genießen und morgen noch,
Der zunimmt an Geschmack mit den Jahren, wie deutscher Wein:
Freiheit singt er und männliche Würde der feigen Zeit,
Schmach dem Heuchler und Fluch dem Bedrücker und Jedem, der
Knechtschaft prediget, welche des Menschengeschlechts Verderb.
Ach, nicht wähnt er den Neid zu besiegen und weilt entfernt,
Taub den Feinden und hoffend, es werde die spätre Welt
Spreu von Weizen zu scheiden verstehn. - Wie erhaben sinkt
Schon die Sonne! Du ruhst in der Barke, wie süß gewiegt!
Weit im Zirkel umher, an dem busigen Rand des Golfs,
Zünden Lichter und Flämmchen sich an in Unzähligkeit,
Und mit Fackeln befahren die Fischer das goldne Meer.
O balsamische Nächte Neapels! Erläßlich scheint's,
Wenn auf kurze Minuten das schwelgende Herz um euch
Selbst Sankt Peter vergißt und das göttliche Pantheon,
Monte Mario selbst, und o Villa Pamfili, dich,
Deiner Brunnen und Lorbeerumschattungen kühlsten Sitz! -
Doch der Morgen erscheint, und der Gipfel des Tags nach ihm:
Traust du schon dem Gelispel der Welle dich an? Wohin?
Führt ein Wind die Orangengerüche Sorrents heran?
Ja, schon schimmert von fern an dem Strande, mit Tassos Haus,
Jene felsige Stadt, die berauschende, voll von Duft.


                                     Amalfi

                                       1827

Festtag ist's und belebt sind Zellen und Gänge des Klosters,
Welches am Felsabhang in der Nähe des schönen Amalfi,
Flut und Gebürge beherrscht, und dem Auge behaglichen Spielraum
Gönnt, zu den Füßen das Meer und hinaufwärts kantige Gipfel,
Steile Terrassen umher, wo in Lauben die Rebe sich aufrankt.
Doch nicht Mönche bewohnen es mehr, nicht alte Choräle
Hallen im Kirchengewölb und erwecken das Echo des Kreuzgangs:
Leer steht Saal und Gemach, in den Kalktuffgrotten der Felswand
Knien, der Gebete beraubt, eingehende Heiligenbilder.
Sonntags aber entschallt den verödeten, langen Gebäuden
Frohe Musik, es besucht sie die luftige Jugend Amalfis:
Kinder beschwingen im Hof, blitzäugige Knaben, den Kreisel
Rasch an der Schnur, und sie fangen den taumelnden dann in der Hand auf;
Ältere werfen die Kugel indes, die Entfernungen messend,
Zählen, im Spiele der Morra, die Finger mit hurtigem Scharfblick,
Oder sie stimmen zu rauhem Gesang einfache Gitarren,
Freudebewegt. Teilnehmend erscheint ein gesitteter Jüngling
Unter der Schar, doch nicht in die Spiele sich selbst einmengend;
Hoch vom steilen Gebürge, das Fest zu begehn in Amalfi,
Schön wie ein Engel des Herrn, in die Tiefe heruntergestiegen:
Reizend in Ringen umkräuselt die Braun schwarzlockigen Haupthaars
Schimmernde Nacht, rein leuchtet die blühende Flamme des Auges,
Nie von Begierde getrübt und dem Blick zweideutiger Freundschaft,
Welche dem kochenden Blut in der südlichen Sonne gemein ist.
Doch wer kann, da die Zeit hinrollt, festhalten die Schönheit?

Schweige davon! Rings gähnt, wie ein Schlund, die gewisse Zerstörung:
Tritt auf jene Balkone hinaus, und in duftiger Ferne
Siehst du das Ufer entlegener Bucht und am Ufer erblickst du
Herrlicher Säulen in Reihn aufstrebendes, dorisches Bildwerk.
Nur Eidechsen umklettern es jetzt, nur flatternde Raben
Ziehen geschart jetzt über das offene Dach lautkreischend;
Brombeern decken die Stufen, und viel giftsamiges Unkraut
Kleidet den riesigen Sturz abfallender Trümmer in Grün ein.
Seit Jahrtausenden ruht, sich selbst hinreichend und einsam,
Voll trotzbietender Kraft, dein fallender Tempel, Poseidon,
Mitten im Heidegefild und zunächst an des Meers Einöde.
Völker und Reiche zerstoben indes, und es welkte für ewig
Jene dem Lenz nie wieder gelungene Rose von Pästum!

Aber ich lasse den Geist abirren. O komm nach Amalfi,
Komm nach Amalfi zurück! Hier führt ein lebendiges Tagwerk
Menschen vorüber. Wenn auch einstürzen die Burgen der Väter
Auf des Gebürgs Vorsprüngen, wenn auch kein Massaniello,
Der die Gemüter des Volks durch siegende Suada dahinriß,
Willkür haßt, noch branden die Wellen, es rudert der Enkel,
Wie es der Ahnherr tat in den blühenden Tagen des Freistaats,
Noch aus heimischer Bucht, aufziehend die Segel, das Fahrzeug.

Sprich, was reizender ist? Nach Süden die Fläche der Salzflut,
Wenn sie smaragdgrün liegt um zackige Klippen, und anwogt,
Oder der plätschernde Bach nach Norden im schattigen Mühltal?
Sei mir, werde gegrüßt dreimal mir, schönes Amalfi,
Dreimal werde gegrüßt! Die Natur lacht Segen, es wandeln
Liebliche Mädchen umher und gefällige Knabengestalten,
Wo du den Blick ruhn lässest in diesem Asyle der Anmut.
Ja, hier könnte die Tage des irdischen Seins ausleben,
Ruhig wie schwimmendes Silbergewölk durch Nächte des Vollmonds,
Irgend ein Herz, nach Stille begierig und süßer Beschränkung.

Aber es läßt ehrgeiziger Brust unstäte Begier mich
Wieder verlassen den Sitz preiswürdiger Erdebewohner,
Bannt am Ende vielleicht in des Nords Schneewüste zurück mich,
Wo mein lautendes Wort gleichlautendem Worte begegnet.


                     Hirte und Winzerin

                                1828

Winzerin.
Sei willkommen im Freien, Antonio! Selten erscheinst du:
Siehe, wie klar fernher duftet das blaue Gebürg!

Hirte.
Hier an des Weinbergs Tür und am Tore der Villa Borghese
Hab ich um dich oftmals, aber vergebens, geforscht.

Winzerin.
Gestern am Festtag war ich in Rom, und in Sankt Agnese
Auf dem Navonischen Platz hört ich die schöne Musik.

Hirte.
Sahst du den schönen Sebastian auch in der linken Kapelle?
Unter den Heiligen ist dieser, der nackte, beliebt.

Winzerin.
Unter den Liebenden sind in der Seele die Frechen verhaßt mir:
Rohes Gespräch schreckt ab, zierliche Rede gefällt.

Hirte.
Hab ich die süßesten doch, die gescheitesten Worte verschwendet!
Frostig beharrst du, wie dort auf dem Sorakte der Schnee.

Winzerin.
Kommt Weihnachten heran, mein Süßer, und reift die Orange,
Werde mit Früchten der Korb, welchen ich gebe, gefüllt.

Hirte.
Deinem Geliebten den Korb? Nie würdest du bieten den Korb mir,
Hätte Vinzenz nicht mich, deinen Geliebten, verdrängt.

Winzerin.
Wäre Vinzenz mir wert, kaum hätt ich zu schämen der Wahl mich,
Ehe der Flaum ihm schwoll, küßtest den Schönen du selbst.

Hirte.
Mir nun ist er ein Gegner geworden, und gestern in heft'gen
Wechselgesangs Wettstreit improvisiert ich mit ihm.

Winzerin.
Ihm fehlt selten ein Reim, auch dir fehlt selten ein Reim, Freund!
Aber des Volks Beifall wurde dem Knaben zu Teil.

Hirte.
Weil er in samtener Jacke stolziert und die Schärpe so schön trägt,
Ihm drum schenken die Fraun, gönnen die Männer den Preis.

Winzerin.
Kein gleichgültiger Punkt in der Lieb ist zierliche Kleidung,
Feineren Sitten entspricht gerne der feinere Hut.

Hirte.
Bloß mit dem Spitzhut wandl' ich einher und in zottigem Wollvließ;
Aber ich kann gleich Ihm zärtlich empfinden und zart.

Winzerin.
Freund! jetzt eil ich hinein. Schon läutet es Ave Maria,
Hinter dem Marioberg gleitet die Sonne hinab.

Hirte.
Laß halboffen, o laß halboffen die Türe des Weinbergs,
Fühle, wie sehr Sehnsucht meine Gebeine verzehrt!

Winzerin.
Dort schon glänzt ein Gestirn und es glänzt dein leuchtendes Auge;
Aber du mußt Abschied nehmen, ich schließe die Tür.

Hirte.
Siehe, der sträubenden Hand den eroberten Schlüssel entwind ich:
Liebliches Kind, oftmals frommt in der Liebe Gewalt.

Winzerin.
Gieb mir wieder den Schlüssel, Verrat in der Liebe geziemt nicht!
Wer in dem Streit nachgiebt, fesselt ein weibliches Herz.

Hirte.
Wer in dem Streit nachgiebt, giebt Stoff zu Gelächter. Allein jetzt
Gehe hinein, schon wird's dunkel, o gehe hinein!

Winzerin.
Spötter! Ich gehe, du magst nachfolgen, ich weiche der List bloß;
Doch Jedwedem geheim bleibe der späte Besuch!


      Einladung nach der Insel Palmaria

          An den Freiherrn von Rumohr

                            1828

Wo Spezias siebenbusiger Golf nach Westen hin
Sich öffnet gegen Korsika,
Stand ehedem ein Venustempel, jetzo ragt
Am Ufer eine kleine Stadt.
Ihr dehnt ein Eiland gegenüber lang sich aus,
Der Schiffer nennt's Palmaria:
Nur wenige Hütten zählt es, hier und dort verstreut,
Bewohner zählt es wenige;
Ölbäume stehn am minderschroffen Bergeshang,
Die meergewohnte Myrte blüht
Nach allen Seiten, Rebe gedeiht und Feigenbaum,
Den Gipfel krönen Pinien.
In einer Bucht am Ufer aber locke dich
Die kleine Villa halbversteckt.
Für diesen Sommer ist sie mein, und jeden Tag
Erquicken hier des Morgenwinds,
Der reinen Luft, des salzigen Bades Kühlungen,
Und ungestörte Muße mich.
Carraras Marmorberge steigen fern empor,
Zu ihren Füßen Lerici,
(Wo jenes Dichters Freund ertrank, und dann von ihm
Bestattet ward im Aschenkrug.)
Mit kahler Stirne ragen dort des Apennins
Bergrücken, während wohlgemut
Vorüber leichte Schiffe ziehn, um hier und dort
Kaufmännisch aufzustapeln, was
An Pomeranzen senden mag Sizilien,
An fremden Weinen Genua.
Doch, wenn du dich einbürgern wolltest hier vielleicht,
So sollst du wissen, was gebricht:
Nichts fehlt zu dieses Aufenthalts Behaglichkeit
Als folgerechtere Küchenkunst;
Ein rauher Seemann waltet mir am Herde jetzt,
Der stets von Porto Venere
Des Morgens holt zu Schiffe meinen Hausbedarf,
Als Koch und als Matrose dient.
Da dies Bekenntnis im voraus ich abgelegt,
So darf ich immer sagen: Komm!
Wofern die Schatten deines florentinischen
Landhauses je du missen kannst,
Das oft als Gastfreund liebend mich und gern empfing,
Zu wohlbestelltem Tische lud;
Wofern in einem Himmelsstrich du leben magst,
Der keinen Raffael gebar;
(Doch zeugten diese Küsten auch Unsterbliche,
Kolumbus und Napoleon!)
Wofern du, dem so teuer ist toskanischer,
Vibrierter Konsonantenhauch,
An Genuesersprache dich, an gallische
Verweichlichung gewöhnen kannst:
So komm! Wo nicht, so lebe wohl! An jedem Ort
Bleibt stets ja doch dein Eigentum
Der edle Scharfblick, welcher mißt der Künste Reich,
Und eine Seele voll von Huld!
Doch eilst du dieser Insel zu, so male dir
Nicht Capri vor und nicht Sorrent,
Wo ewige Wollust flötet, als Sirene lauscht,
Und flötet ihren Klageton!
Torheit und Unruh waren's, deren falsche Hast
Mich nach dem Norden angespornt;
Doch folgte baldige Reue nach, und leise tritt
Sehnsucht in ihr poetisch Recht.
Sobald ich Mailands alten Dom und jene Stadt,
Die auf dem Meere steht, gesehn,
Sobald Ariosts und Dantes Grab ich fromm besucht,
Um deren edle Schläfe nie
Lorbeern genug aufhäufen kann Bewunderung:
Verdoppelt eile dann der Schritt
Dem Süden wieder zugewendet pfeilgeschwind,
Anconas hohen Strand vorbei,
Und Rom sogar und Konradins Schlachtfeld vorbei,
Zurück in mein gelobtes Land,
Bis mich zuletzt absondere vom Gewühl des Tags
Der stillste Pomeranzenhain.


            Philemons Tod

                   1833

Als einst Athen Antigonus belagerte,
Da saß der alte, neunundneunzigjährige
Poet Philemon, mächtiger Dichter Überrest,
In dürftiger Wohnung saß er da gedankenvoll:
Er, der Athens glorreichsten Tagen beigewohnt,
Der deine Philippiken angehört, Demosthenes,
Und oft den Preis errungen durch anmutige,
Weisheitserfüllte, die er schrieb, Komödien.
Da schien es ihm, als schritten neun jungfräuliche
Gestalten, leis an ihm vorbei, zur Tür hinaus.
Der Greis jedoch sprach dieses: Sagt, o sagt, warum
Verlasset ihr mich, Holde, Musenähnliche?
Und jene Mädchen, scheidend schon, erwiderten:
Wir wollen nicht den Untergang Athens beschaun!
Da rief Philemon seinem Knaben und foderte
Den Griffel, dieser wird sofort ihm dargereicht.
Den letzten Vers dann einer unvollendeten
Komödie schreibt der Alte, legt das Täfelchen
Hinweg, und ruhig sinkt er auf die Lagerstatt,
Und schläft den Schlaf, von dem der Mensch niemals erwacht.
Bald ward Athen zur Beute Mazedoniern.


                 Das Fischermädchen in Burano

                                    1833

Strickt mir fleißig am Netz, ihr Schwestern! Es soll's der Geliebte
Heut noch haben, sobald im besegelten Nachen er heimkehrt.

Weshalb zaudert er heute so lang? Die Lagune verflacht sich
Schon, und es legt sich der Wind; um das leuchtende hohe Venedig,
Wie es den Wassern entsteigt, ausbreitet sich Abendgewölk schon.
Ostwärts fuhren sie heut mit dem Fahrzeug gegen Altino,
Wo in den Schutt hinsank ehmals die bevölkerte Seestadt.
Häufig erbeuten sie dort Goldmünzen und prächtige Steine,
Wenn sie das Netz einziehn, die betagteren Fischer erzählen's:
Möchtest du auch, o Geliebter, und recht was Köstliches finden!

Schön wohl ist es zu fischen am Abende, wann die Lagune
Blitzt, und das schimmernde Netz vom hangenden Meergras funkelt,
Jegliche Masche wie Gold, und die zappelnden Fische vergoldet;
Aber ich liebe vor Allem den Festtag, wann du daheimbleibst.
Auf dem besuchteren Platz dann wandelt die kräftige Jugend,
Jeder im Staat, mein Freund vor den Übrigen schön und bescheiden.
Oftmals lauschen wir dann dem Erzähler, und wie er verkündigt
Worte der Heiligen uns, und die Taten des frommen Albanus,
Welcher gemalt hier steht in der Kirche, des Orts Wohltäter.
Doch als seine Gebeine hieher einst brachten die Schiffer,
Konnten sie nicht ans Ufer den Sarg ziehn, weil er so schwer schien;
Lange bemühten die starken gewaltigen Männer umsonst sich,
Triefend von Schweiß, und zuletzt ließ Jeglicher ab von der Arbeit.
Siehe, da kamen heran unmündige lockige Kinder,
Spannten, als wär's zum Scherz, an das Seil sich, zogen den Sarg dann
Leicht an den Strand, ganz ohne Beschwerde, mit freundlichem Lächeln.
Dieses erzählt der bewanderte Greis, dann häufig erzählt er
Weltliche Dinge zumal, und den Raub der venetischen Bräute,
Die nach Olivolo gingen zum fröhlichen Fest der Vermählung:
Jede der Jungfraun trug in dem zierlichen Kästchen den Mahlschatz,
Wie es die Sitte gebot. Ach, aber im Schilfe verborgen
Lauert ein Trupp Seeräuber; verwegene Täter der Untat
Stürzen sie plötzlich hervor und ergreifen die bebenden Mädchen,
Schleppen ins Fahrzeug alle, mit hurtigen Rudern entweichend.
Doch von Geschrei widerhallt schon rings das entsetzte Venedig:
Schon ein bewaffneter Haufe von Jünglingen stürmt in die Schiffe,
Ihnen der Doge voran. Bald holen sie ein die Verruchten,
Bald, nach männlichem Kampfe, zurück im verdienten Triumphzug
Führen sie heim in die jubelnde Stadt die geretteten Jungfraun.
Also berichtet der ehrliche Greis, und es lauscht der Geliebte,
Rüstig und schlank, wohl wert, auch Taten zu tun wie die Vorwelt.

Oft auch rudert hinüber ins nahe Torcello der Freund mich:
Ehmals war's, so erzählt er, von wimmelnden Menschen bevölkert,
Wo sich in Einsamkeit jetzt salzige Wasserkanäle
Hinziehn, alle verschlammt, durch Felder und üppige Reben.
Aber er zeigt mir den Dom und des Attila steinernen Sessel
Auf dem verödeten Platz mit dem alten zertrümmerten Rathaus,
Wo der geflügelte Löwe von Stein aus sonstigen Tagen
Ragt, als diese Lagunen beherrschte der heilige Markus:
All dies sagt mir der Freund, wie's ihm sein Vater gesagt hat.
Rudert er heimwärts mich, dann singt er ein heimisches Lied mir,
Bald "Holdseliges Röschen" und bald "In der Gondel die Blonde".
Also vergeht, uns Allen zur Freude, der herrliche Festtag.

Strickt mir fleißig am Netz, ihr Schwestern! Es soll's der Geliebte
Heut noch haben, sobald im besegelten Nachen er heimkehrt.



I. Epigramme

                               An die Poetaster

Schlechten, gestümperten Versen genügt ein geringer Gehalt schon,
Während die edlere Form tiefe Gedanken bedarf:
Wollte man euer Geschwätz ausprägen zur sapphischen Ode,
Würde die Welt einsehn, daß es ein leeres Geschwätz.


                               Genie und Kunst

Wen wahrhaft die Natur zum wirklichen Dichter gebildet,
Der wird emsig und voll Eifers erlernen die Kunst:
Nicht, weil nie er die Kunst ausgrübelte, stümpert der Stümper,
Nein - weil ihm die Natur weigert den tiefen Impuls.


                                    Halbdichter

Das nicht heißt ein Gedicht, wenn irgend ein guter Gedanke,
Irgend ein glücklicher Vers zwischen erbärmlichen steht:
Jegliche Silbe verrate den Dichter, wofern er es ganz ist,
Was er gedacht, scheint uns niedergeschrieben in Erz.


                       An einen Theaterschriftsteller

Weißt du, wodurch stets sinke die Kunst? Durch Schmieren und Unfleiß:
Ärger als selbst Ohnmacht schadet das Sudelgeschlecht.


                                  An Denselben

Ehmals wog in der Waage die Jamben ein komischer Dichter;
Aber die deinigen sein unter die Kelter gelegt:
Pressest du aus der gesamten unzähligen Summe nur Einen
Neuen Gedanken heraus, werde die Summe verziehn.


                   Die wahre Pöbelherrschaft


Nicht wo Sophokles einst trug Kränze, regierte der Pöbel;
Doch wo Stümper den Kranz ernten, regiert er gewiß!
Pöbel und Zwingherrschaft sind innig verschwistert, die Freiheit
Hebt ein geläutertes Volk über den Pöbel empor.


                           Privilegien der Freiheit

Freiheit, selbst wenn stürmisch und wild, weckt mächtigen Genius:
Mög es bezeugen Athen, mög es bewähren Florenz,
Wo man, während sie stand, aufwuchern Talent an Talent sah,
Aber sie fiel und zugleich alle Talente mit ihr.


                       Fruchtlose Zwangsanstalt

Schlechtes verbietest du leicht; doch gegen des Genius Werke
Sind ohnmächtig und schwach Scherge, Minister, Despot:
Während du glaubst das Genie zu beherrschen, beherrschest du höchstens
Bloß des Genies Leichnam, welchen die Seele verließ.


                               Geisterfurcht

Dieser entsetzlichen Furcht vor dem Geist, ihr Guten, entschlagt euch:
Kommt ihm näher, er ist lieblich und ohne Gefahr.


                      Auf ein gewisses Kollegium

Wahrlich, du mahnst mich fast gleich einer Bedientenversammlung:
Laß ein Vergißmeinnicht sticken dir auf die Livree!


           Sogenannte Freiheitskriege

Freiheitskriege fürwahr! Stand einst Miltiades etwa
Mit Baschkiren im Bund, als er die Perser bezwang?


                              Der Galgen

Namen der Trefflichen wurden an schmählichen Galgen geheftet,
Weil sie, den Polen vereint, tapfer, die Polen, gekämpft;
Aber das Volk nahm, ging es vorbei, vor dem Galgen den Hut ab,
Ja, bei nächtlicher Zeit ward er mit Blumen bekränzt.


                             An einen Despoten

Teuflischer Heuchler! Du machst mit der Rechten das Zeichen des Kreuzes,
Doch mit der Linken indes schlägst du die Völker ans Kreuz.


             Deutsche Geschichte als Tragödie

Welch babylonischer Turm als Vorwurf tragischer Handlung!
Freilich, geschehn ist viel; aber es mangelt die Tat.


                       Napoleons Antwort

Werde, so riet Dalberg dem Eroberer, Kaiser der Deutschen!
Jener versetzte: Mir ist eure Geschichte bekannt!


                      Reichtum und Einfalt

Bunt Aneinandergereihtes ergötzt zwar, doch es ermüdet
Bald, Einfaches erquickt ewig das Auge des Geists.


                        Griechen und Briten

Mächtig ergreift Shakespear, er zerfleischt und erschüttert das Herz dir;
Aber so viel Wahrheit ist ein fataler Genuß:
Griechen erhoben den Jammer sogar in die Sphäre der Anmut,
Dir, dem Erstaunten, erscheint selbst das Unleidliche schön.


                             Epos und Drama

Während du liebst in der epischen Kunst die homerische Breite,
Liebst du sie denn deshalb auch in der tragischen Kunst?
Wenn den Virgil du verklagst, der wie ein Dramatiker kurz ist,
Tadelst du Shakespearn nicht, der wie ein Epiker breit?


                        Des Sophokles Antigone

Gottes Gesetz darstellend im Kampfe mit menschlicher Satzung,
Hast du der tragischen Kunst innerste Tiefen erschöpft,
Hast durch dieses Gedicht so entzückt den Geschmack der Athener,
Daß sie den Feldherrnstab fügten zum Kranze des Siegs.


                            Spanisches Theater

Höchst volksmäßig und eigen und reich, voll gläubiger Andacht,
Ist's, an Entwicklung zwar, griechischer Bühne verwandt;
Doch es erscheint sein Ehrengesetz, sein gläubiger Sinn selbst
Gegen des heidnischen Volks sittliche Größe Manier.


                              Alte und Neuere

Sprecht von den Alten mit mehr Ehrfurcht, ihr Jünger der Seichtheit,
Weil ihr ihnen ja doch Alles in Allem verdankt:
Kunst habt ihr von den Griechen gelernt, Politik von den Römern,
Habt selbst Religion bloß von den Juden gelernt!


                          Lessings Nathan

Deutsche Tragödien hab ich in Masse gelesen, die beste
Schien mir diese, wiewohl ohne Gespenster und Spuk:
Hier ist alles, Charakter und Geist und der edelsten Menschheit
Bild, und die Götter vergehn vor dem alleinigen Gott.


                       Lustspiel und Trauerspiel

Zwar Theorie schied einst den Kothurn vom Soccus, die Griechen
Taten es auch; wer tat's aber zuerst? Die Natur.


                           Kotzebue

Nach großartigen Taten verfiel zwar jedes Theater;
Aber das unsrige war schon im Beginne Verfall.


                     Theater und Dichtkunst

Ehmals wollt ich in Hast ausmisten den Stall des Augeias;
Aber es trat Hermes, während ich keuchte, zu mir:
Nimm hier, sagte der Gott, die unsterblichen Saiten des Orpheus;
Jedes Bemühns unwert ist der verpestete Stall.


                                    Corneille

Seht der Tragödie Schöpfer in mir! Der bedürftigen Sprache
Gab ich zuerst Reichtum, Leben und Redegewalt.
Rückwärts ließ ich die griechische Fabel, und reine Geschichte
Stellt ich zuerst rein dar, ohne gemeinere Form:
Roms Herrschaft, Aufschwung und Verfall und verfeinerte Staatskunst
Zeigt ich, und zeigte sie wahr, aber mit Würde zugleich;
Denn mir schien's, als wolle der Mensch in erhabenen Stunden
Ohne Kontrast anschaun große Naturen allein.


                                Racine

Sinnreich trat in die Spuren ich ein des bewunderten Meisters;
Aber verweichlicht schon, ärmer an Kraft und Genie.
Doch weil allzugalant ich der Liebe Sophistik entfaltet,
Huldigen mir Frankreichs Kritiker allzugalant.
Zwar Melpomene segnete mich; doch wandte sich Klio
Weg, sie erkannte jedoch meinen Britannicus an.


                                   Alfieri

Manches gewagte Problem und die sprödesten Stoffe bewältigt
Mein siegreicher Verstand, meine vollendete Kunst;
Doch mir mangelt geschichtlicher Sinn, ich entbehre der Griechen
Milde zu sehr, mir fehlt Ruhe der Seele zu sehr.


                                   Schiller

Etwas weniger, Freund, Liebschaften! So wärst du beliebt zwar
Weniger, weil ja so sehr Thekla gefallen und Max:
Eins doch find ich zu stark, daß selbst die begeisterte Jungfrau
Noch sich verliebt, furchtbar schnell, in den britischen Lord.


                             Alfieris Grab

Unter den Würdigen schläfst du ein Würdiger, wo der Sistina
Schaffender Geist ausruht neben dem Machiavell.


                                   Parini

Höchst ehrwürdig und groß zeigt Dante des alten Italiens
Bild, und das mittlere zeigt lieblich und schön Ariost;
Aber du maltest das neue, Parini! Wie sehr es gesunken,
Zeigt dein spielender, dein feiner und beißender Spott.
Dient es zum Vorwurf dir, daß dein Jahrhundert so klein war?
Eher zum Lobe! Du warst wirklicher Dichter der Zeit.


                           Die Epigramme

Bloß Aufschriften ja sind Epigramme, die Treue der Wahrheit
Aber verleiht oftmals kleinen Gesängen Gehalt.


                      Auf ein Bild in Pistoja

Seht und bestaunt die Madonna des holden Lorenzo di Credi:
Schönere wurden gemalt, keine vollendetere.


                           Umiltà in Pistoja

Fragen sie, wer mich baute, so sprich: Ventura Vitoni
War nur ein Handwerksmann, aber die Zierde der Kunst.


                  Uguccione della Faggiuola

Mäßig zu sein, anmahn ich die künftigen Helden, dieweil ich
Über ein Mittagsmahl Lucca wie Pisa verlor.


                Madonna delle carceri in Prato

Freund, mich hat San Gallo gebaut, der etrurischen Kirchen
Kleinste; jedoch dünkt mich's, schön wie die schönste zu sein.


                              Baukunst

Alles verleiht beinahe dem Maler die schöne Natur schon,
Baukunst aber erheischt feineren geistigen Sinn:
Pomp, Zieraten und dorische Säulen und gotische Schnörkel,
Spielzeug sind sie, wofern fehlt der geheime Begriff;
Aber ein wirkliches Bauwerk ist ein versteinerter Rhythmus,
Deshalb selten, wie auch selten ein gutes Gedicht.


                        Architektur und Poesie

Baukunst nenn ich die Kunst des Geschmacks, weil zwar ein Gedicht wohl
Ohne Geschmack oftmals, nie ein Gebäude gefällt.


                              Sankt Peter

Meister entwarfen dereinst zum schönsten Gebäude der Welt mich,
Stümpern erlag nachmals, plumpen Geschmacks, der Koloß:
Mäßige Tempel darum, nicht riesige bauten die Griechen,
Wo Jahrhunderte dran stückeln, wie kann es gedeihn?


                               Papsttum

Wäre der Geist nicht frei, dann wär es ein großer Gedanke,
Daß ein Gedankenmonarch über die Seelen regiert.


                                 Loyola

Nicht war Luther im Stande, der Kirche Verfall zu bewirken,
Deiner fanatischen Wut, spanischer Pfaffe, gelang's.


                              Kunstverfall

Schönes Italien, ach, du erlagst der hispanischen Fratze!
Herrliche Tempel, in euch, die der Urbiner gemalt,
Schlich sich Abscheuliches ein, die abscheuliche Seele Loyolas:
Wirklicher Glaube gebiert Schönes und Liebliches nur.


                        Madonnenverehrung

Längst zwar trieb der Apostel den heiligen Dienst der Natur aus;
Doch es verehrt sie das Volk gläubig als Mutter des Gotts.


                              Auferstehung

Möge die Krämer verschonen der wiedererwachende Christus;
Aber die Pfaffen indes peitsch er zum Tempel hinaus!
Weil dies feige Geschlecht ihn stets ein geduldiges Lamm schilt,
Zeig er sich ihm schreckhaft als ein gewaltiger Leu.


                          Wunderliche Heilige

Dieser versucht es, den Schwalben zu predigen, jener den Karpfen:
Faßliche Wunder, jedoch einigermaßen verrückt!
Daß doch stets ein erhabener Mensch in der Welt an die tausend
Affen und tausenderlei Karikaturen erzeugt!


                          Verdienst der Kunst

Einst hat bildende Kunst dem entarteten Dienste des Heilands
Würde verliehn, hat ihn näher gebracht der Natur.


                             Vasaris Biographien

Herrliches tun, ist Tugend. Du hast, ein Plutarch in der Kunst, uns
Schönere Taten bewahrt, als die Legende getan.


                                  An Vasari

Glücklicher, der du Italien sahst in der höchsten Verklärung,
Ehe der pfäffischen Zeit plumper Geschmack es entehrt,
Der du die Werke der Kunst vollständig und glänzend und neu sahst,
Deren die Hälfte zerstört nun, und die Hälfte zerstreut:
Selbst die gebliebenen hat nachhelfender Pfuscher Verkehrtheit,
Tempel und Bilder zugleich, über die Maßen entstellt!


                       Leonardo da Vinci

Nennt den Urbiner den ersten der Maler; allein Leonardo
Ist zu vollendet, um bloß irgend der zweite zu sein.


      Donatellos Skulpturen in Monte Pulciano

Sehnsucht nach den Antiken errege der weiche Canova;
Doch dein männlicher Ernst trifft, o Donato, das Herz!


                         Fresken in Monte Oliveto

Düster beschaust du mit deinen Zypressen, o Kloster, den Abgrund;
Dich aufhellend erschien Sodomas heitere Kunst.


                                    Volterra

Hoch von der alten zyklopischen Mauer, mit Eichen bewachsen,
Über Gebürge hinweg, siehst du die Schiffe des Meers.


            Napoleons Landhaus auf Elba

Harmlos sitzt auf hoher Terrasse die säugende Pächtrin,
Wo der Eroberer einst kühne Gedanken gedacht.


                  Die Insel Tino bei Palmaria

Myrtengebüsch, Steineichen, in Trümmer zerfallenes Kloster,
Leuchtturm, felsige Bucht, liebliche Welle des Meers.


                                   Turin

Schnurgrad laufende Gassen und höchst kunstlose Gebäude;
Doch es erfreuen von fern Alpen und ewiger Schnee.


                             Piemont

Unglückseliges Land, wo stets militär-jesuitisch
Söldner und Pfaffen zugleich saugten am Marke des Volks!


                               Genf und Genua

Zwei Freistaaten begrenzten den garstigen Staat, und sie sahn sich
Durch die Despoten Turins bitter gehaßt und bekämpft.
Aber sie trotzten den tückischen stets; bloß Genua sank nun
Unter das Joch schuldlos, dank dem bewußten Kongreß!


                                        Tola

Dich in der Blüte der Jugend erschlug die bezepterte Memme;
Doch du erwartetest voll Ruhe das tödliche Blei.
Auf die verlassene Gruft warf nächtliche Kränze die Freundschaft,
Einer Antigone Hand malte die Worte darauf:
"Schlummer in Frieden, o Tola, die Rache beflügelt den Schritt schon!"
Traun, der Tyrann wird nicht finden so ruhigen Tod.