Platen

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Inhalt

Biografie

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                             Torrijos

Blutend am Seestrand liegt der gemordete hohe Torrijos,
Rings im vertraulichen Kreis seine Begleiter umher,
Kugeln gesenkt in die tapferen Herzen. O spüle gelind an,
Salzige Träne des Meers, schone des Helden Gebein,
Bis die Genossen der Freiheit einst den erhabenen Denkstein
Ihm aufrichten. O laß ruhn den Torrijos indes!


                 An die Märtyrer der Freiheit

Flattert in heiligen Scharen um uns, und die blutigen Fahnen
Schwingt in der Schlacht, wann einst Männer und Sklaven im Kampf!


                                   Aufruf

Mordet getrost, Bluthunde! Der Tod ist süß wie die Liebe:
Nicht um den Thron, glaubt uns, tauschen wir ein das Schafott!


                             An die guten Fürsten

Täuscht euch nicht und erwartet Gewinn von der Schlechten Gemeinschaft:
Einen Verbündeten bloß giebt es, die Liebe des Volks!


                                  In Monza

Siehst du den Kamm und den Fächer der mächtigen Theodelinda,
Wirst du bezeugen, es war keine verzärtelte Frau.


                     Domplatz in Cremona

Sechs Jahrhunderte flogen dahin; doch magst du zurück dich
Träumen, du siehst ringsum Werke der gotischen Kunst.


                Auf ein großes Bild in Cremona

Seht, hier reicht dem gewaltigen Mann, dem italischen Kriegsgott,
Als holdselige Braut Bianca Visconti die Hand;
Doch sie entsproßte dem Stamm blutsaugender Menschenverderber:
Traun, es erblickte die Welt selten entsetzlichere!
Ach, und die Schöne gebar dem Gemahl ein verruchtes Geschlecht nur,
Das nach Italien bald fremde Tyrannen berief!


                    An die Brüder Frizzoni

Ihr, voll seltener Liebe geneigt dem poetischen Wandrer,
Freunde, Genossen des Wegs, welche der Freund mir erzog:
Nehmt als Weihegeschenk die verwehenden Distichenkränze,
Freundschaft wöbe so gern ewige Myrten hinein!


                        König Enzios Grab

Nur ein moderner und häufig erneuerter Stein und ein Bildnis
Künden, o Sohn Friedrichs, deine geduldete Qual!
Jugend und Schönheit, ach! hinschleppend in ewigem Kerker,
Starbst du, des Unglücksstamms letzter, ein Dichter und Held!


                                 Canossa

Wo im Palaste den Papst herbergte die stolze Mathildis,
Konnte mir kein Obdach bieten der Pfarrer des Orts,
Welcher am Fuß des zertrümmerten Schlosses in ärmlicher Hütte
Haust; doch bot er ein Glas herben lombardischen Weins.
So denn mußt ich die neblige Nacht durchfrieren, wie Heinrich,
Mit der Laterne den Pfad suchen im steilen Gebürg.


                      Deutsche Kaiser

Laß, o germanisches Volk, mir deiner Gewaltigen Irrtum,
Denen Italien einst teuer verkaufte den Ruhm!


                             Einwurf

Sei's, daß einige mir mein unstät Leben zu tadeln
Suchen, indes ich entfernt weile vom heimischen Herd;
Aber sie sollten mir erst kundtun den berühmten Poeten,
Der ein berühmtes Gedicht hinter dem Ofen erfand.


                            Die Zikaden

Kauft, rief einst mir ein Knabe, die anmutsvollen Zikaden
Hier in dem Körbchen, es sind Meister, o hört, im Gesang!
Sprach's, und ich setzte die kleinen gekauften Poeten in Freiheit,
Wissend, wie sehr Freiheit jeglichem Dichter behagt.


                       Die Schwalbenräuber

Schwalben, unzählige, hatten sich rings um die Hütte des Landmanns,
Ob der erquicklichen Luft, Nester an Nester gebaut:
Fromm zwar hegte die Guten der Greis; doch, als er entfernt war,
Rückte die Leiter der Sohn, plünderte sämtliche Brut.
Wehe dem ruchlos Fühlenden, der den vertraulichen Vogel,
Welcher an Gastfreundschaft glaubte, zu töten gewagt!


                                    Odyssee

Dich zum Begleiter empfehl ich dem Reisenden; aber vor Allem,
Wann des italischen Meers hohes Gestad er umschifft:
Wunder und doch Wahrheit, Ehrfurcht vor dem Göttlichen lern er,
Lerne das Menschengemüt kennen und Menschengeschick.
Schönstes Gedicht! Nichts kommt dir gleich an Behagen und Anmut:
Unter den Neuen erschuf Ähnliches bloß Ariost.


                                    Pindar

Nicht auf irdischer Flur hast solchen Gesang du gelernt je,
Pindaros! Jegliche Nacht stiegst zum Olymp du hinauf,
Lauschend unsterblichem Lied, und erwachend am Morgen erhubst du
Hymnen, und schönere noch, als in dem Traum du vernahmst.


                           Byrons Don Juan

Für dein reizendes episches Lied hast wohl du verdient dir's,
Glorreich über dem Staub griechischer Sänger zu ruhn.


                        Hermann und Dorothea

Hölpricht ist der Hexameter zwar; doch wird das Gedicht stets
Bleiben der Stolz Deutschlands, bleiben die Perle der Kunst.


                        Der deutsche Hexameter

Wenn du Chorän einreihst, statt voller Spondän, es entsteht dann
Ein zwar schwächlicher stets, aber verzeihlicher Vers:
Wenn du jedoch bleischwere Spondän als Daktylusanfang
Einreihst, mitleidslos wirst du zerfleischen das Ohr.


                Rhythmische Metamorphose

Episch erscheint in italischer Sprache der Ton der Oktave;
Doch in der deutschen, o Freund, atmet sie lyrischen Ton.
Glaubst du es nicht, so versuch's! Der italische wogende Rhythmus
Wird jenseits des Gebürgs klappernde Monotonie.


                        Horaz und Klopstock

Klopstock suchte, beschränkt wie Horaz auf Hymnus und Ode,
Immer erhaben zu sein; aber es fehlte der Stoff.
Denn nicht lebte Horaz als deutscher Magister in Hamburg,
Aber in Cäsars Rom, als es der Erde gebot.
Such, o moderner Poet, durch Geist zu ergänzen des Stoffs Fehl,
Durch vielseitigen Stil decke die Mängel der Zeit.


                   Vorsorge der Natur

Viel wohl müßte geschehn, um neuere Dichter zu bilden;
Aber des Triebs Allmacht rettet das große Talent.


                                 Manier

Ohne beständige, stets fortschreitende, mächtige Bildung
Wird der moderne Poet nie der Manier sich entziehn:
Wer oft recht volkstümlich und deutsch in Gedichten zu sein glaubt,
Eh er die Hand umkehrt, fällt er in leere Manier.


                       Deutsche Genies

Allzubequem doch möchte das Volk die unsterbliche Blume
Pflücken! Es folgt Nachruhm bloß der herkulischen Tat.


                              Aufmunterung

Schön ist's, Großes zu tun und Unsterbliches. Fühl es, o Jüngling!
Früh von der Stirn mühvoll rinne der männliche Schweiß!
Aber vergiß niemals, daß stets die geschwätzige Trägheit,
Wertlos, ohne Verdienst, große Verdienste beschmutzt!


                           Jetzt und einst

Höchst genial zwar nennt sprachwidrige Verse die Mitwelt;
Aber du wirst, Nachwelt, lieben ein edleres Deutsch!


                                   Sprache

Wer sich zu dichten erkühnt und die Sprache verschmäht und den Rhythmus,
Gliche dem Plastiker, der Bilder gehaun in die Luft!
Nicht der Gedanke genügt; die Gedanken gehören der Menschheit,
Die sie zerstreut und benutzt; aber die Sprache dem Volk:
Der wird währen am längsten von allen germanischen Dichtern,
Der des germanischen Worts Weisen am besten verstand.


                             Günstige Auslegung

Leer nennt, hör ich, und schwer ein Magisterchen meine Gesänge:
Leer an Geklimper vielleicht, schwer wie die reifende Frucht.


                        Verächtliche Ohnmacht

Wer in Gedichten den Krieg mir erklärt, dem soll es verziehn sein;
Doch bloß Ekel erregt kritisches Ammengewäsch.


                                       Bitte

Werft doch über den Dichter den Mantel der christlichen Liebe,
Statt des Gemüts Mißgunst fromm zu bedecken mit ihm!


                            An die Rigoristen

Singen und Beten erscheint selbst Christen ein würdiges Dasein:
Nun, ihr betet, ich selbst singe: Verwandtes Verdienst!


                                    Triumph

Einer Lawine vergleich ich den Dichter, es wälzt ja der Feind selbst
Rasch ihn weiter, es kommt eine gerechtere Zeit.


                          Anschauung

Tiefe Verblendung seh ich gekuppelt an tiefe Gemeinheit,
Die in die Ferse so gern stäche den tapfern Achill.


                            An den Dichter

Treu der Natur und entwachsen der flüchtigen Mode, beginne,
Dichter, wiewohl einsam deinen unsterblichen Ton!
Laß ephemere Gesellen beschrein dich oder verkleinern:
Jene vergehn, dir ward liebliche Dauer zu Teil.
Ungleich ist ja der Kampf, es bewaffnet Jene der Wahn bloß,
Während, wie Pfeile, du wirfst Liebe, Gesang, Melodie.


                  Die unnahbaren Tritte

Heisere Frösche bequaken den Fernhintreffer Apollo;
Aber der Gott schwebt leicht über die Sümpfe hinweg.


           Rezensent der Liga von Cambrai

Thema des Schauspiels ist der venetische Patriotismus,
Endlich am Ende des Stücks merkt's der gefoppte Gesell:
Niemals, ruft er mit hämischem Eifer, begeisterte Shakespearn
Solch ein erbärmlicher Stoff! Große Gesinnungen bloß!


                                An Denselben

Keinen Charakter entdeckst du in diesem erbärmlichen Schauspiel?
Wären es Schufte, du kämst besser mit ihnen zurecht.


                                An Denselben

Wo der Gehalt doch steckt in dem Drama, verlangst du zu wissen?
Nirgend, so wahr Gott lebt, für ein gemeines Gemüt!
Zwar nicht Jeder vermag das Erhabene vorzuempfinden;
Aber ein Tropf, wer's nicht nachzuempfinden vermag.


                                An Denselben

Was zur Begeistrung darf hinreißen den Dichter und was nicht,
Wähnst du, er sänke so tief, dich zu befragen darum?


                          Der anonyme Verfolger

Weshalb tadelst du mich mit vermummtem Gesichte? Dieweil du
Noch weit garstiger wärst, neben das Schöne gestellt.


                                An Denselben

Birgst du den Namen? Es ist doch immer ein klassischer Name;
Dich schon redet Horaz "stinkender Mävius" an.


                                    Skizze

Oftmals zeichnet der Meister ein Bild durch wenige Striche,
Was mit unendlichem Wust nie der Geselle vermag.


               Rezensent der Abbassiden

Für Hofschranzen erklärt, für hölzerne, diese Gestalten
Irgend ein Gimpel; er macht eigenem Neide den Hof.


                          Neider und Mitleider

Würze des Glücks scheint mir's, unermeßlichen Neid zu erregen:
Platzt, und verleiht Spondän meinem elegischen Vers!


                                 Verwunderung

Wie? Du begeiferst den Meister, indes du schielend und schwülstig
Schreibst? Erst lerne von ihm, alt wie du bist, den Geschmack!
Möchtest du dir auflegen ein pythagoräisches Schweigen,
Ganz Ohr sein! - Ganz Ohr? - Ja, wie der Klepper Silens.


                                     Mahnung

Schweige, Gesang! Nicht länger verewigen sollst du die Bosheit:
Raufst du das Unkraut aus, bahne der Liebe den Weg!


                             Gerechte Rache

Rache gewährt mir der Tag, wann bloß mein Name zurückbleibt:
Säng er noch itzt, ruft dann mancher vergebliche Wunsch.
Ach, wir lauschen umsonst, wie seine Hexameter wogen,
Wie sein männlicher Geist auf dem Pentameter schwebt!


                                    Seufzer

Zeit nur und Jugend verlor ich in Deutschland, Lebenserquickung
Reichte zu spät Welschland meinem ermüdeten Geist.


                Nördliches und südliches Italien

Dort das Gebürg der Abruzzen und hier die pontinischen Sümpfe
Führen vom Lande der Kunst nach der Natur Paradies.


                                 Reiseregel

Feire den Winter in Rom und genieße den lauen Scirocco;
Aber des Leun Sternbild treffe den Pilger am Meer:
Meide der Küsten jedoch, die flach abfallen der See zu,
Giftige Dünste, die Flut pralle vom zackigen Fels!


                       Die heißen Aufenthalte

Willst du verglühn zur Kohle, so rat ich im Sommer Florenz dir
Oder Bologna, wie auch Pisa, die sonnige Stadt.


                                   Perugia

Kühle verleiht in den Tagen der Sonne das steile Perugia;
Doch in den Tagen des Sturms scheint es des Äolus Herd.


                                   Neapel

Schön ist immer Neapel und mild; in der glühenden Jahrszeit
Bietest du Zuflucht uns, luftige Küste Sorrents!


                              Pozzuoli

Jenen erfreut Pompeji vor allem, und Ischia Diesen,
Portici Den, es behagt Manchem vor allem Sorrent;
Aber ich liebe Pozzuol und das Rebengeheg des Falerners,
Gebe des bajischen Golfs seliger Ruhe den Preis.


                       Die Kelter im Grabmal

Hier im antiken Gewölb, wo rings noch Scherben von Urnen
Stehn in den Nischen umher, keltert der Bauer den Wein:
Unsere Gräber beleuchtet, o Freund, kein sonniger Strahl einst,
Künftigen werden sie nie dienen zu süßem Gebrauch!
Modergeruch nur hauchen sie aus, die bloß der Verwesung,
Bloß dem Gewürm schmachvoll unter der Erde geweiht.


                         Totenverbrennung

Heilige Flammen, o kehrt, kehrt wieder zurück, und gereinigt
Werde des Tods hinfort schnöde verpestende Luft!
Möge zu Staub der Bestattende wieder die Leiche des Freundes
Sanft auflösen, und sanft sink in die Asche der Schmerz!
Wieder in reinlicher Urne, zunächst der bevölkerten Wohnung,
Ruhe der köstliche Rest aller Geliebten um uns!


                              Villa Ricciardi

Rötlich erblüht Oleander in üppigen Hecken, es schlingt sich
Duftiges Rosengeflecht hoch an die Bäume hinauf;
Pinie ragt auf wiesigem Grund, und es öffnet das Tal sich
Lachend, in das du so kühn, hohes Camaldoli, schaust!
Doch von der Zinne des Hauses erblick ich das große Neapel,
Oder des bajischen Golfs ewigen Lenz, und Misen.


                                 Floridiana

Diese Paläste mit hangenden Gärten, es hat sie ein König,
Auf des Gebirgs Felsblock, seiner Geliebten erbaut,
Grotten vertieft und Rotunden erhöht in der lachenden Wildnis,
Über die Schluchten zugleich magische Brücken gewölbt.
Allwärts fesselt die Blicke der rauchende Berg und der Purpur
Deines Gewogs allwärts, segelbevölkerter Golf!


                              Villa Patrizi

Einsam ruhst du und ernst und verwildert, o Villa Patrizi;
Aber die schönste, wiewohl menschlicher Pflege beraubt,
Ruhst wie ein Kranz, mit dem Lorbeerhain und der schlanken Zypressen
Mächtigem Gang, stets grün, auf des Posilipo Stirn!
Ja, hier wandle der Dichter allein, und im Wandel betracht er,
Durch die Zypressen hindurch, Küsten und Meer und Vesuv.


                         Villen in Frascati

Hier in dem ewigen Grün tiefschattiger Wölbungen lerne
Dichten ein Dichter, und hier lieben ein liebendes Paar!


                        Wappen der Medici

Wo nur immer ich euch, medicäische Kugeln, erblicke,
Garten und Tempel und Haus zierend in Rom und Florenz,
Weckt ihr Haß mir und Furcht, heillose Symbole der Knechtschaft,
Denen der edelste Staat, lange sich sträubend, erlag.


                       Machiavellis Tod

Seliger Machiavelli! du starbst, als eben Fiorenza
Freiheit wieder, obschon kurz vor dem Fall, sich errang.


               Logen im Kloster zu Assisi

Dieser erhabene Gang und erhabene Blick in die Täler
Lockt, durch Würde des Raums, aus dem Gemüt ein Gedicht.


                                     Ascoli

Tief in dem üppigen Tal, vom rauschenden Tronto bewässert,
Eichenbeschattet und doch reich an Oliven und Wein,
Liegst du, o Stadt, und geschmückt durch stattliche Werke der Baukunst
Bietest dem Auge du stets freundlichen Wechselgenuß,
Siehst Jahrtausende schon altrömische Brückengewölbe
Mächtigen Schwungs dastehn, hemmen der Bäche Gewalt.


                        Auf ein Grabmal in Fermo

Junger, gefallener Krieger, wie schlummerst du süß! Die Madonna,
Schön in dem Marmor und ernst, hütet den lieblichen Schlaf.


                      Das Kreuz am Meere

Einsam steht es am Strand; doch Nachts beim Ave Maria
Nahn sich des Orts Jungfraun, küssen das Kreuz im Gebet.


                                  Ancona

Für schlechtriechende Gassen entschädigt, und für des Sciroccos
Drückende Luft der Triumphbogen am Molo Trajans.


                          Messe von Sinigaglia

Wenig an deutschen Produkten und bloß Spielwaren von Nürnberg
Sah ich: O seid, Deutschlands zarte Symbole, gegrüßt!


                     Cecco di Giorgio in Urbino

Gleich dem erlauchten Geschlecht, für das ich gebaut in Urbino,
Schnell, frühzeitig verfiel meiner Paläste Palast;
Aber der Gänge, des Hofs und der Treppen Geschmack und der Säle
Nennt im Verfall mich noch Lehrer des zierlichen Stils.


                        Lage von Urbino

Auf daß Sanzio bald den befreundeten Himmel erreiche,
Wurde die Wieg ihm schon über den Wolken erbaut.


                               San Marino

Auf unersteiglichem Felsen und nicht zugänglich der Habsucht,
Blieb ich in Einfachheit alten Gesetzen getreu.
Weithin über das Meer bis nach den illyrischen Ufern,
Übers Gebirg weithin, wo die Marecchia fließt
Durch Eichwälder und lachende Täler und tausenderlei Grün,
Magst du von mir wegsehn, stehend im Neste des Aars.


                  Konsuln von San Marino

Als ich die Kirche besuchte, da wurden die jährigen Konsuln
Eben gewählt durchs Los, wie es die Sitte gebeut:
Freilich, es war nur ein ländliches Paar, nicht Cajus und Cäsar;
Doch sie versprachen dem Volk wieder ein friedliches Jahr.


                   Der Placidia Grab in Ravenna

Fremde Gefühle vergangener Zeit durchbeben den Geist hier,
Wo des Honorius Sarg neben der Schwester Gebein
Steht in der kleinen Kapelle, geschmückt mit dem alten Musivwerk:
Ließ dies schwache Geschlecht eine so dauernde Spur?


                     San Vitale in Ravenna


Hohe Rotunde, du bist ein Produkt des entarteten Zeitlaufs:
Uns Barbaren jedoch scheinst du erhabenantik.


             Christen des fünften Jahrhunderts

Fackel und Pechkranz warf in die heidnischen Säulengebälke
Christlicher Eifer, es wich Pallas und Bacchus und Mars;
Aber der Märtyrer Knochengeripp, der fanatische Moder
Ward nun über dem Schutt rauchender Tempel verehrt.


                             Theodosius

Heidnischem Dienst auf ewig entzogst du, o Kaiser, die Weltstadt,
Nahmst die Viktoria weg aus dem bekehrten Senat.
Ach, und es wich aus Rom nicht bloß ihr heiliges Bildnis,
Aber sie selbst, ratlos sank die entgötterte Stadt!


                         Erscheinung Christi

Christus erschien; doch leider in höchst unseligem Zeitraum,
Als sich das Menschengeschlecht neigte zu tiefem Verfall:
Langsam drang sein lehrendes Wort in barbarische Seelen,
Drang in verderbte zugleich, die es sophistisch entweiht.


                             Dantes Grab

Dichter, es blieb dein Staub lang ohne das ehrende Denkmal,
Bis der venetische Leu hier in Ravenna gebot:
Dir dann baute die schöne Kapelle der treffliche Bembo,
Vater zu sein wohl wert eines berühmteren Sohns.


                       Kirchliche Architektur

Aus den Rotunden erwuchs allmählich des griechischen Kreuzes
Form, aus diesem sodann ward das latinische Kreuz;
Aber es blieb die Rotunde, sie ward zur Kuppel erhoben:
Möchte sie stets doch ruhn über dem griechischen Kreuz!


                   San Petronio in Bologna

Dies ist gotische Kunst; doch ohne belastende Schnörkel:
Geistiger Schwung hat hier Massen und Schwere besiegt.


               Auf einen Sebastian von Francia

Maler, du maltest das Unwahrscheinliche! Durft ein Geschoß je
Treffen des Jünglings hier zarten und göttlichen Leib?


                              Ariostens Grab

Keinen Gesang, dir weih ich die brennende Zähre der Scham bloß,
Der ich bis jetzt nichts tat, Asche des zweiten Homers!


                Petrarcas Katze in Arquata

Heil dir, kleines Skelett, das einst die unsterblichen Rollen
Eines unsterblichen Manns gegen die Mäuse geschützt!


                                  Venedig

Plump und zu bunt ist Rom, und Neapel ein Haufe von Häusern;
Aber Venedig erscheint eine vollendete Stadt.


                                Betrachtung

Schön ist's, unter den Brücken hindurch in der länglichen Gondel
Schweben, und auch schön ist's, schweifend am Ufer umher,
Deine Geschichte zu lesen in deinen Trophän, o Venedig!
Jene Geschichte der einst mächtigen Seerepublik,
Die, dreizehn Jahrhunderte durch, sich erhält und bereichert,
Bis sie zuletzt umstürzt jener titanische Mann.
Der, da der Freiheit kurzer Moment den Talenten Entwicklung
Gönnte, sich rasch vordrängt als der Talente Talent,
Zepter entwindet und Zepter verteilt. Ihm fielst du, Venedig;
Aber er fiel bald selbst unter die Räder des Glücks!


                                    Verfall

Hülflos sinkst du dahin, unerrettbar! Daß du so groß warst,
Daß du verdunkeltest einst, Mächtige, Rom und Byzanz,
Frommt es dem Enkel? Es mehrt den unendlichen Schmerz und die Wehmut:
Alles vergeht; doch wird Schönes allein so beweint.


                             Die Venetianer

Kaufmannsvölker erblickte die Welt oftmals, und erblickt sie
Heut noch; aber es sind leidige Sammler des Gelds:
Ihr wart Helden und trugt im Gemüt die unsterbliche Großheit,
Welche das Leben verklärt durch die Gebilde der Kunst.


                                 Urbanität

Nicht mehr länger beschützt der geflügelte Löwe Venedig,
Auch Sankt Markus entwich samt dem geweihten Panier.
Aber es blieb doch eine der Schutzgöttinnen, und Tempel,
Aus der verwilderten Welt flüchtend, erbaute sie hier:
Wißt, Urbanitas heißt die Beseligerin der Gemüter,
Die sich hier im Gefolg ewiger Grazien zeigt.
Fremdling! Selten vermagst du dem magischen Netz zu entziehn dich,
Welches um dich huldreich jene Gefällige spinnt.
Sie auch bildete selbst die bezaubernden Klänge der Mundart:
Süßeres Wort hat nie menschliche Lippen beseelt.


                                    Ehedem

Könnt ich so schön, wie du warst, o Venedig, und wär's nur für Einen
Einzigen Tag, dich schaun, Eine vergängliche Nacht!
Wieder von Gondeln belebt, von unzähligen, diese Kanäle
Schaun und des Reichtums Pomp neben des Handels Erwerb!
Diese Paläste, verödet und leer und mit Brettern verschlossen,
Deren Balkone sich einst füllten mit herrlichen Fraun,
Wären sie wieder beseelt von Gitarren und fröhlichem Echo,
Oder von Siegsbotschaft, oder von Liebe zumal!
Still, wie das Grab, nun spiegelt und schwermutsvoll in der Flut sich
Gotischen Fenstergebälks schlanker und zierlicher Bau.


                     Doppelte Bestimmung

Liebendem Paar wohl dient zum Versteck die venetische Gondel,
Doch beim Leichengepräng dient sie zur Bahre dem Sarg.


                Vision des heiligen Markus

Einst, wie die Sage berichtet, beschiffte der heilige Markus
Diese Lagunen und ward hier von der Nacht übereilt:
Sieh, und es band sein Schiffchen an einen verlassenen Pfahl er
Fest und entschlief. Da erschien ihm der Gesandte des Herrn:
Heil dir, o Markus, begann zu dem Schläfer die Stimme des Engels,
Hier, wo du ruhst, wird einst prächtig ein Tempel erstehn,
Deiner gesammelten Asche zum Schutz, und die schönste der Städte
Wird sich an ihn anreihn, stolz und von Marmor erbaut:
Ihr sei Losungswort dein Name dereinst, es geziemt dir,
Jener umfluteten Stadt Gonfaloniere zu sein!


                            Dom von Treviso

Welch ein Genuß, in der schönen, unsterblichen Halle zu wandeln,
Die dein zierlicher Geist, hoher Lombardi, gedacht!


               Pordenones Fresken in Treviso

Schaut dies Wunder der Kunst! Wie der ewige Vater die Engel,
Jene gefallenen, jagt aus dem gestirnten Gefild:
Langsam treibt er sie fort mit der Hand, zur Hälfte geschlossen
Ist sein Aug, und er schwebt selig erhaben dahin!


                           Himmelfahrtsfest

Oft mit dem Auge des Geistes erblick ich den herrlichen Lenztag,
Sehe vom Volk ringsum Meer und Lagune bedeckt;
Festlich erscheint der Senat in dem prächtigen Bucentauro,
Barken zu tausend umher, voll von Musik und bekränzt:
Goldschwer wogt er dahin, ihn rudern die Arsenalotten;
Diesem entgegen, zu Schiff, eilst du heran, Patriarch!
Gießest ins Meer Weihwasser und streust lenzduftige Rosen,
Dann, in die bräutliche Flut, schleudert der Doge den Ring.


              Die Tauben von San Marco

Alles zerstob; doch nisten die Tauben des heiligen Markus,
Wie in des Freistaats Zeit, über dem Dogenpalast,
Picken vom Platz ihr Futter, wie sonst, um die Stunde des Mittags,
Wandeln, wie sonst, furchtlos zwischen den Säulen umher.
Zwar es ernährt sie der Staat nicht mehr; doch milde Beschützer
Nähren sie jetzt, und es dünkt Ihnen Venedig wie sonst.


                 Grab des Andreas Dandolo

Heil dir, o Doge! Der frühesten Zeit Jahrbücher verdankt dir
Jener gewaltige Staat, welchen mit Ruhm du beherrscht;
Aber der einzige Sieg, den Genua, lange triumphlos,
Endlich erfocht, brach dein männliches Herz, und du starbst.


                            Viktor Pisani

Als vom Kerker heraus, den ihm die Verleumder bereitet,
Viktor trat, aufs neu Führer der Flotte zu sein,
Drängte das Volk sich um ihn, und sie riefen: Es lebe Pisani!
Aber er wandte sich streng gegen den Pöbel und sprach:
Bürgern geziemt es, zu rufen: Es lebe der heilige Markus!
Wann doch duldete je knechtische Rufe der Staat?


                    Doge von Venedig

Nichts als Bürger, sobald ich verließ die Lagune, Senator
War ich im greisen Senat, König im festlichen Pomp.


                    Inschrift für die Murazzi

Gegen das Meer aufdämmend die mächtige Mauer verbeut hier
Unheilbringender Flut weiter zu gehn der Senat.


                                 Rückblick

Reizend erscheinst du, o Stadt; doch reizender warst du dem Jüngling
Einst, der feurigen Blicks Leben empfing und es gab.
Glückliche Jugend! Es wird in der Seele des zärtlichen Schwärmers
Jedes Gefühl Sehnsucht, jeder Gedanke Gefühl.


                           Lebenswechsel

Ehmals litt ich die Schmerzen der Liebe, sie gingen vorüber;
Seitdem hab ich jedoch Stunden und Tage vergähnt.


                            Denkspruch

Fliehe die Schönheit, Freund, und genieße den köstlichen Frieden,
Der, dem Gemüt nahrhaft, schöne Gedanken erzieht!


                           Veränderung

Ernsthaft bin ich geworden, ich fühl's; nicht bin ich derselbe,
Der ich als Jüngling schrieb jenes berühmte Besteck:
Nicht mehr wohnt im Gemüt der Erfindungen komische Fülle,
Welche verschwenderisch einst freundliche Seelen ergötzt;
Aber es ward seitdem auch Deutschland bitterlich ernsthaft,
Fern zwar lebt ich und doch fühlt ich denselben Beruf.


                  Beschränkte Wißbegierde

Früher in Deutschland las ich so viel, zwölf Sprachen erlernt ich;
Doch mir blieben zuletzt wenige Bücher getreu.


                            Naturstudien

Emsig studiert ich und gern die Natur; doch fühlt ich am Ende,
Daß sie poetisch allein spräche zu meinem Verstand.


                              Einseitiges Talent

Tausend und tausend Geschenke verteilt an die Menschen das Schicksal,
Während es mir nichts gab, außer die Gabe des Worts;
Doch mit dem einzigen Pfunde verstand ich zu wuchern und schuf mir
Freunde, Genuß, Freiheit, Namen und einiges Gut.


                          Veränderte Zeiten


Als ich allein noch stand und verlassen im Kampfe, da galt es
Tapfer zu sein; doch jetzt leg ich die Hand in den Schoß:
Denn schon warb ich ein Heer, und soweit sich ein deutsches Gefühl regt,
Treten in Scharen bereits meine Verteidiger auf.


           Religiöser und poetischer Stolz

Mögt an des Heilands Seite dereinst ihr sitzen in Glorie,
Oder den Gott anschaun, der sich entschleiert vor euch!
Dichtern genügt das geringere Glück, auf Erden zu wandeln:
Möcht ich im Munde des Volks gehn von Geschlecht zu Geschlecht!


                               Selbstlob

Wie? mich selbst je hätt ich gelobt? Wo? Wann? Es entdeckte
Irgend ein Mensch jemals eitle Gedanken in mir?
Nicht mich selber, ich rühmte den Genius, welcher besucht mich,
Nicht mein sterbliches, mein flüchtiges, irdisches Nichts!
Weil ich bescheiden und still mich selbst für viel zu gering hielt,
Staunt ich in meinem Gemüt über den göttlichen Gast.


                     Gedichte als Nachlaß

Ihr, der erzeugenden, ihr, der ernährenden Mutter, der Erde,
Laß ich ein frommes Geschenk kindlicher Liebe zurück.



J. Polenlieder

            Gesang der Polen

Bei dem Vernichtungsmanifeste des Selbstherrschers.
Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor!
             (3. Februar 1831)

Mächtiger, der du als Empörer
Uns verdammst, und weit und breit
Würger sammelst und Zerstörer,
Heischend Unterwürfigkeit:
Deine heiligen Herrscherrechte,
Legst du nicht zuvor sie dar?
Sind wir wirklich deine Knechte,
Sind wir deine Sklaven, Zar?

Wähnst du so die Schuld zu sühnen,
Die an uns, o Autokrat,
An den, ach! vergeblich Kühnen
Jene Frau begangen hat?
Weil wir innern Streit gefristet,
Welcher stets Verderben kocht,
Hat ein Weib uns überlistet,
Hat ein Weib uns unterjocht.

Sendend ihre Mordgesellen,
Die geschlachtet Alt und Jung,
Ließ sie mit Geschütz umstellen
Unsre Reichsversammelung!
Schweigend saßen unsre Väter
In dem ringsbedrohten Haus:
Sei es früher, sei es später,
Rache sann sich jeder aus!

Brüder, kommt, es sei versammelt
Jedes Alter, jeder Stand,
Jeder, dessen Lippe stammelt
Deinen Namen, Vaterland!
Sei's, daß unsres Rechts Verpöner
Tausend über Tausend wirbt:
Stirbt sich's nicht in Waffen schöner,
Als sich's auf der Folter stirbt?

Weil der Docht nicht ewig lodert,
Den ein Gott dem Menschen gab,
Weil ja Poniatowski modert,
Weil Kosciusko liegt im Grab,
Möchten wir, wie jene, trinken
Ruhm noch aus dem Kelch der Not:
Soll der Freiheit Sonne sinken,
Folgt ein langes Abendrot!

Deutsches Volk, das kalt und müßig
Unsern Untergang beschaut,
Mache deine Seele flüssig,
Deren Eis noch nie getaut!
Deines eignen Reichs Ruine
Stürzte bald dem unsern nach;
Eine künftige Katharine
Wird vollenden deine Schmach!

Sei dem Leben hold der Feige;
Aber wer den Tod begehrt,
Flicht mit Mut Zypressenzweige
Um das vaterländische Schwert.
Während unsre Feinde schießen,
Werden froh wir sein und frei;
Während unsre Wunden fließen,
Jubelt unser Schlachtgeschrei!

Aber als vor jenem Throne
Tiefgebückt wir uns gesträubt,
Stets belauert durch Spione,
Durch der Ketten Klang betäubt:
Da verzagten wir, es schmeckte
Bitter jeder Bissen Brot,
Mitten zwar im Frieden, weckte
Stets die Furcht uns vor dem Tod.

Könnt ein Autokrat vermuten,
Wie der Tod dem Helden lacht,
Der, fürs Vaterland zu bluten,
Wandelt durch die Männerschlacht;
Ach, er würde bald empfinden,
Wie vergeblich ein Tyrann
Strebt im Kampf zu überwinden,
Was er nie besiegen kann!

Mag zu Staub uns auch zerschmettern
Jener Sklaven Legion,
Unter morscher Särge Brettern
Keimt die neue Blume schon.
Wann das letzte Schwert zerbrochen,
Laßt zu Grab uns freudig gehn;
Aber einst aus unsern Knochen
Wird ein Rächer auferstehn!


  Klagen eines Volksstammes

           (18. Januar 1831)

Ich hatte manchen wackern Sohn,
Der liegt nun auf der Bahre;
Er starb für Vaterland und Thron,
Die mir verhießen großen Lohn:
Ich wartete fünfzehn Jahre.

Doch nimmer kam der Tag herbei,
Zu gründen meine Rechte:
Des Fürsten Rat, von Eiden frei,
Verriet mich an die Mongolei
Und stempelte mich zum Knechte!

Da ward mit allzu keckem Mut
Ein Bund geschlossen eilig,
Besiegelt auch durch Griechenblut:
Meineide galten ihm für gut,
Ja, Tyrannei für heilig!

O Fürst, an eignem Volke reich,
Was kümmern dich Kalmücken?
Gehuldigt hätte dir sogleich
Vor Jahren einst das Deutsche Reich;
Nun kehrt es dir den Rücken.

Du konntest schlichten jeden Streit
Auf daß die Freiheit siege;
Nun aber drohn, durch dich entzweit,
Dem Vaterland Zerrissenheit
Und dreißigjährige Kriege.

Wohl sahn in fünfzehn Jahren wir
Geschehn so viele Zeichen,
Und jedes rief: O folge mir!
Doch kräftiger schien die Knute dir
Als Stäbe deutscher Eichen!

Der Bund, den jedes Herz verwarf,
Wie lange soll er währen?
Wenn fürder ich nicht klagen darf,
So mach ich meine Klinge scharf
Und trockne meine Zähren.


Vermächtnis der sterbenden Polen an die Deutschen

          (4. Oktober 1831)

Wir gehn zu Grab erschöpft und laß
Nach manchem kühnen Strauß
Und atmen unsern Russenhaß
In eure Seelen aus.

Ihr mögt erwerben unsern Mut,
Und erben unser Schwert,
Das triefend von Barbarenblut
Barbarenblut begehrt.

Es zwang uns Übermacht ins Joch,
So treu wir uns verschanzt;
Doch weht die weiße Fahne noch,
Auf unser Grab gepflanzt!

Ergreift sie einst, und liebevoll
Gedenkt an unsre Pein:
Der ungeheure Frevel soll
Mit Blut gerochen sein!

Wir neiden unsern Sieger nicht,
Ihn trifft der Zeiten Fluch:
Von ihm und seinem Alba spricht
Das allerspätste Buch.

Stets waltet glücklich ein Tyrann,
Das ist der Menschheit Los;
Was bleibt dem unterdrückten Mann?
Ein Grab im Erdenschoß.

Doch ihr, gewarnt durch unsre Qual,
Sei's morgen oder heut,
Oh, seid nur noch ein einzig Mal
Das alte Volk des Teut!


                                   Warschaus Fall

                                       (Ende 1831)

Als durch die Hauptstadt fröhlich einst freiwilliger Scharen langer Zug,
Aus Kalisch angelangt, sich wand und Polens weiße Fahne trug,
Da brachte Warschaus reges Volk dem tapfern Schwarme, der das Joch
Hinwegzuschütteln war entflammt, den Kalischern, ein Lebehoch.
Nein! rief ein Jüngling aus dem Zug, und drückte fest ans Schwert die Hand:
Ein Sterbehoch den Kalischern! es lebe nur das Vaterland!
Doch, ach! geblutet hat umsonst der Männer felsenfest Vertraun,
Umsonst den Brautschmuck dargebracht das Hochgefühl der besten Fraun.
Sie liegen auf den Knien, indes von fern Kanonendonner kracht,
Und flehn in Tempeln rings um Sieg für Polens allerletzte Schlacht.
Umsonst! Und zweifelnd fragt die Welt, seit euer Blut so reichlich troff,
Ob je der Geist besiegen wird den knechtisch plumpen Erdenstoff?
Ukasenton der Zärtlichkeit, wie fromm du mit den Deinen sprichst,
Und mußt aus Liebe noch zuletzt sie metzeln lassen väterlichst!
Vergebens ruft ein ganzes Volk: Wir wollen dich ja nicht, Tyrann!
Das ganze Volk, zerknittert wird's, auf daß er's unterjochen kann.
Ihr edlen Schläfer unterm Sand, o laßt den Kampf euch nicht gereun!
Es wird der spätste Pilger einst auf euren Hügel Rosen streun,
Und auch der Dichter eilt herbei, von keiner irdischen Furcht besiegt,
Wo rings um Warschau hingestreckt die große Hekatombe liegt.
Einst kommen wird ein freies Volk und pflanzen eine Siegstrophä
Für euch und ein Simonides besingen dies Thermopylä.