R. Dehmel

Inhalt

Biografie

Seite 2

            Äonische Stunde

      Alfred Mombert zu Ehren

Du himmlischer Zecher!
Noch ein Tropfen Schwermut in meinem Glase,
noch eine Träne wild in meinem Herzen,
glühte, glänzte,
doch du sangst, du sangest -
es rauschte ein Meer durch uferlose Weiten,
in unsrer Nähe wogten gespiegelte Sterne,
Geister tanzten über dem Erdball,
hoch auf quoll der Tropfen in meinem Glase,
eine Lichtflut -
und hell in deine
fiel die Träne aus meinem Herzen.



            Über frei Feld

Über frei Feld, mein Hund und ich;
die Frühlingsluft ist dunkel.
Fern staut sich ein Gewitterstrich;
mein Teckel knurrt, er fürchtet sich.
            Komm, Teckel.

Er will nicht sehn die Himmelswand,
die Sonne sticht durch Wolken;
blendende Streifen ziehn durchs Land,
ein Scherben blitzt wie Diamant.
            Komm, Teckel.

Am Saum der Saat, von Stiel zu Stiel,
schleicht ungewiß sein Schatten;
ein Regen sprüht wie Mückenspiel,
die Tropfen flimmern ohne Ziel.
            Komm, Teckel.

Da: jäh am Horizont hin zuckt
der erste Blitz im Jahre.
Ein kurz entschlossner Donner ruckt;
mein Teckel hat sich scheu geduckt.
            Hundsseele!



       Am Scheideweg

Ich wollt dir die Stirn küssen
und dir sagen: hab Dank!
Aber da war ein Licht in deinen Augen
wie Morgenglut auf unerklommenen Bergwäldern;
und dem haben wir folgen müssen,
schweigend.



                 Am Ufer

Die Welt verstummt, dein Blut erklingt;
in seinen hellen Abgrund sinkt
der ferne Tag,

er schaudert nicht; die Glut umschlingt
das höchste Land, im Meere ringt
die ferne Nacht,

sie zaudert nicht; der Flut entspringt
ein Sternchen, deine Seele trinkt
das ewige Licht.



         Anno Domini 1812

Über Rußlands Leichenwüstenei
faltet hoch die Nacht die blassen Hände;
funkeläugig durch die weiße, weite,
kalte Stille starrt die Nacht und lauscht.
Schrill kommt ein Geläute.
 
Dumpf ein Stampfen von Hufen, fahl flatternder Reif,
ein Schlitten knirscht, die Kufe pflügt
stiebende Furchen, die Peitsche pfeift,
es dampfen die Pferde, Atem fliegt;
flimmernd zittern die Birken.
 
»Du, was hörtest du von - Bonaparte« -
Und der Bauer horcht und will's nicht glauben,
daß da hinter ihm der steinern starre
Fremdling mit den harten Lippen
Worte so voll Trauer sprach.
 
Antwort sucht der Alte, sucht und stockt,
stockt und staunt mit frommer Furchtgebärde:
aus dem Wolkensaum der Erde,
brandrot aus dem schwarzen Saum,
taucht das Horn des Mondes hoch.
 
Düster wie von Blutschnee glimmt die lange Straße,
wie von Blutfrost perlt es in den Birken,
wie von Blut umtropft sitzt Der im Schlitten.
»Mensch, was sagt man von dem großen Kaiser!«
düster schrillt das Geläute.
 
Die Glocken rasseln, es klingt, es klagt,
der Bauer horcht, hohl rauscht's im Schnee.
Und schwer nun, feiervoll und sacht,
wie uralt Lied so dumpf und weh
tönt sein Wort ins Öde:
 
»Groß am Himmel stand die schwarze Wolke,
fressen wollte sie den heiligen Mond;
doch der heilige Mond steht noch am Himmel,
und zerstoben ist die schwarze Wolke.
Volk, was weinst du?
 
Trieb ein stolzer, kalter Sturm die Wolke,
fressen sollte sie die stillen Sterne;
aber ewig blühn die stillen Sterne,
nur die Wolke hat der Sturm zerrissen,
und den Sturm verschlingt die Ferne.
 
Und es war ein großes schwarzes Heer,
und es war ein stolzer, kalter Kaiser,
aber unser Mütterchen, das heilige Rußland,
hat viel tausend tausend stille warme Herzen:
ewig, ewig blüht das Volk!«
 
Hohl verschluckt der Mund der Nacht die Laute,
dumpfhin rauschen die Hufe, die Glocken wimmern:
auf den kahlen Birken flimmert
rot der Reif, der mondbetaute.
Den Kaiser schauert.
 
Durch die leere Ebne irrt sein Blick:
über Rußlands Leichenwüstenei
faltet hoch die Nacht die blassen Hände,
hängt und glänzt der dunkelrote Mond,
eine blutige Sichel Gottes.



          Aufblick

Über unsre Liebe hängt
eine tiefe Trauerweide.
Nacht und Schatten um uns beide.
Unsre Stirnen sind gesenkt.

Wortlos sitzen wir im Dunkeln.
Einstmals rauschte hier ein Strom,
einstmals sahn wir Sterne funkeln.

Ist denn Alles tot und trübe?
Horch -: ein ferner Mund -: vom Dom -:

Glockenchöre... Nacht... Und Liebe...



   Ballade vom Volk

Bahnhofsgewühl;
am Sperrgitter staut sich's.
Schutzleute brüllen;
und rings glotzen tausend
Tiergesichter,
Hundegesichter,
Fuchsgesichter, ein Wolfsgesicht,
Schafsgesichter, Gänsegesichter,
ein kollernder Truthahn,
grunzende Schweine -
                 Volk.

Der Zug fährt ein, hält.
Das Gewühl wird still,
einen Augenblick still.
Am Fenster erscheint
Bismarck
und grüßt;
und rings jubeln tausend
leuchtende, glühende,
funkelnde, strahlende,
erzengelhelle Menschengesichter -
                 Volk.



                 Befreit

Du wirst nicht weinen. Leise, leise
wirst du lächeln; und wie zur Reise
geb ich dir Blick und Kuß zurück.
Unsre lieben vier Wände! Du hast sie bereitet,
ich habe sie dir zur Welt geweitet -
o Glück!

Dann wirst du heiß meine Hände fassen
und wirst mir deine Seele lassen,
läßt unsern Kindern mich zurück.
Du schenktest mir dein ganzes Leben,
ich will es ihnen wiedergeben -
o Glück!

Es wird sehr bald sein, wir wissen's Beide.
Wir haben einander befreit vom Leide;
so geb ich dich der Welt zurück.
Dann wirst du mir nur noch im Traum erscheinen
und mich segnen und mit mir weinen -
o Glück!



    Begegnung

Ich sah dich schon.
Im Sonnenschein
beim Roggenfeld am Wiesenrain
stand wilder Mohn;
die Kelche blühten blutrot breit,
den Schoß voll blauer Dunkelheit,
und jäh aus einer Knospe quoll
ihr glühendes Seelchen, unruhvoll.

So sah ich Dich, du knospiges Kind, erglühn,
gestern im Feld am stillen Fichtenhain,
als im Vorübergehn mein Blick dich küßte;
mit allen Adern schienst du aufzublühn,
so scheu und rein,
als ob ich um Verzeihung bitten müßte.

War's ein Erglühn? War's nur ein Widerschein?
das Rot des roten Sommerkleids um dich?
das Abendrot, das fern verglomm im Tann?
War's ein Erglühn, das erste war es dann,
das deine jungen Schläfen so beschlich;
so bang, so schwer sahst du mich an,
so fast voll Angst zurück nach mir,
als du verschwandest sacht im dichten
Gewühl der silbergrünen Fichten.

Doch meine Seele folgte dir,
dein blautief Auge blieb in mir.

Ich sah dich schon,
du flüchtendes Kind:
heiß durch den Roggen strich der Wind
und bebend neigte sich der Mohn.
Ich hab eine rote Blüte verwehn,
zwischen den Halmen zerflattern sehn,
und habe den Blättern nachgeträumt;
und immer ist mir noch, ich schaue
in ihren Kelch, der glutumsäumt
sich jäh vertieft' ins Dunkle, Blaue...



          Berückung

Und du kamest in mein Haus,
kamst mit deinen schwarzen Blicken;
sah ich ferne Palmen nicken,
und du gabst mir deinen Strauß.

Gabst die zitternden Narzissen,
die wir in der Wildnis pflückten;
deine schwarzen Locken schmückten
meines Diwans rote Kissen.

Kehre wieder in mein Haus,
laß die wilden Blumen blühen!
Unsre jungen Lippen glühen;
gib mir, gib mir deinen Strauß!



                    Bergpsalm

Der Sturm hat seine Schlangen losgelassen.
In langen Windungen zischt Gras und Rohr
und keucht der See ans Land; die silberblassen
zerwühlten Weiden seufzen laut empor.
Empor, empor! Dort, wo die Kiefern sausen,
auf kahler Höhe will ich einsam stehn
und meine ferne Heimat dämmern sehn
und hören, was die dunkeln Wolken brausen.

Ihr grauen Pilger über mir: wohin?!
O könnt ich mit euch, ziellos, ohne Stocken,
dies dumpfe Sehnen ohne Maß und Sinn
ausschütten in den Sturm wie Nebelflocken!
O meine Heimat! Silbern grüßt der Fluß
und glänzt zum Himmel aus dem Blau der Bäume,
und aus dem Zauberwald der Kinderträume
winkt klar der Mutter Blick und Kuß.

Was weinst du, Sturm? - Hinab, Erinnerungen!
dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz!
Es grollt ein Aufschrei von Millionen Zungen
nach Glück und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz!
Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Brüsten
wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell;
heut stöhnt ein Volk nach Klarheit, wild und gell,
und Du schwelgst noch in Wehmutslüsten?

Siehst du den Qualm mit dicken Fäusten drohn
dort überm Wald der Schlote und der Essen?
Auf deine Reinheitsträume fällt der Hohn
der Arbeit! fühl's: sie ringt, von Schmutz zerfressen!
Du hast mit deiner Sehnsucht bloß gebuhlt,
in trüber Glut dich selber nur genossen;
schütte die Kraft aus, die dir zugeflossen,
und du wirst frei vom Druck der Schuld!

Und blutig glüht es um die zackigen Türme,
ein Dornenkranz umflammt die Stirn der Stadt,
ein goldner Fächer scheucht die Wolkenstürme,
hernieder strahlt ein Sonnenpalmenblatt.
O Herz der Weltstadt, du Millionenstimme,
die gell nach Brot vor Seelenhunger schreit:
still quillt's wie Heilandsblut durch diese Zeit,
die Liebe quillt aus deinem Grimme!

Den Kelch des Schweißes seh ich geistverklärt,
das Kreuz der Mühsal blütenlaubumflattert!
Was lachst du, Sturm?! - Im Rohr der Nebel gärt,
die Kiefer knarrt und ächzt, mein Mantel knattert:
Empor aus deinem Rausch! Mitleid, glüh ab!
Laß dir die Kraft nicht von Gefühlen beugen!
Hinab! laß deine Sehnsucht Taten zeugen!
Empor, Gehirn! Hinab, Herz! Auf! hinab!



               Beschwichtigung

Die Nacht wird kühl; mein Schatten kriecht
im Sand am Rand des Ozeans.
Der Mond vergießt sein fremdes Licht
und nimmt den Sternen ihren Glanz.
                Die See rauscht.

Was quäl ich mich! Hier trieb vielleicht
schon manches Paar sein loses Spiel,
und sind erglüht und sind erbleicht,
und sprachen dann vom Tode viel.
                Die See rauscht.

Wenn alles Land gefroren ist,
wenn übers eingeschneite Feld
die Sonne ihren Glanz ergießt,
dann wird dir fremd sein, was dich quält.
                Die See rauscht.



        Bleiche Nacht

Der Nebel staut sich,
Hütten dunkeln,
Dorfgiebel huschen über Lichtern hin,
noch bleicher scheint die Nacht;
die jagende Wagenkette,
schwenkend, strafft sich,
die Maschine heult Warnung,
und vorbei.
Ein entlaubter Kirchhof,
und wieder kreisen
um mein klirrendes Fenster
die öden Wiesen,
huschen Büsche,
eilt der fahle Streifen Horizont
auf den kriechenden Wäldern hin;
mich fröstelt.

Drei Monate:
da war die Mondnacht anders hier.
Wie auf Wolken
trug der kleine Kahn des stummen Fischers
uns den Fluß hinab;
selbst die Schatten gaben Licht.
An meiner Seite saß ein Freund,
und ich sagte ihm
all mein Herzensbangen für ihr Glück.
Und über ihrem Giebel,
unterm Baldachin der Königspappel,
als wir durch die Brücke bogen,
stand groß und strahlend
wie in einem Tabernakel
der goldne Mond
und senkte flimmernd auf das Moos des Daches
sein grünes Haar.
Heute aber, als ich Abschied nahm,
achselzuckt ich: mein Fräulein, Glück - ??
Und jener Freund
dachte wohl schon damals:
du Tropf und Schuft! -

Mein Fenster schwitzt;
das kühlt die Stirne;
gleich und gleich gesellt sich gern.
Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäul
bleich ins bleiche Feld;
ein Dornbusch zerreißt ihn.
Jetzt: dort starrt,
wie durch ein Gitter ein Wahnsinnskopf,
der grelle Vollmond durch die kahlen Birken.
Er springt durchs Astwerk;
mit seinen langen blassen Füßen
läuft er auf den blanken Schienen
meinen rasenden Gedanken nach.



          Dahin

Mit gesenkten Blicken
durch die Menge hin,
durch die fremde dunkle Menge,
eine traumentstiegene Palme,
kam die junge Priesterin.

Mit geschlossenen Wimpern
an den Altar hin,
ruhig an den flammenden Altar,
eine nachtgewiegte Zypresse,
trat die junge Priesterin.

Mit aufstrahlenden Augen
in zwei andre Augen hin,
Augen aus der Fremde,
niegesehene Heimatsaugen,
eine starre Mimose,
stand die junge Priesterin.

Mit hochzuckenden Händen
vor die Flamme hin,
vor die heilige Opferflamme,
eine blitzgetroffene Zeder,
sank die junge Priesterin.

Mit weit offenen Armen
in die Nacht dahin,
wild hin in die fremde Nacht,
eine sturmergriffne Liane,
schwand die junge Priesterin.



   Das große Karussell

Im Himmel ist ein Karussell,
das dreht sich Tag und Nacht.
Es dreht sich wie im Traum so schnell,
wir sehn es nicht, es ist zu hell
aus lauter Licht gemacht;
still, mein Wildfang, gib acht!

Gib acht, es dreht die Sterne, du,
im ganzen Himmelsraum.
Es dreht die Sterne ohne Ruh
und macht Musik, Musik dazu,
so fein, wir hören's kaum;
wir hören's nur im Traum.

Im Traum, da hören wir's von fern,
von fern im Himmel hell.
Drum träumt mein Wildfang gar so gern,
wir drehn uns mit auf einem Stern;
es geht uns nicht zu schnell,
das große Karussell.



             Der Arbeitsmann

Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind,
mein Weib!
Wir haben auch Arbeit, und gar zuzweit,
und haben die Sonne und Regen und Wind,
und uns fehlt nur eine Kleinigkeit,
um so frei zu sein, wie die Vögel sind:
nur Zeit.
 
Wenn wir Sonntags durch die Felder gehn,
mein Kind,
und über den Ähren weit und breit
das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn,
o dann fehlt uns nicht das bißchen Kleid,
um so schön zu sein wie die Vögel sind:
nur Zeit.
 
Nur Zeit! wir wittern Gewitterwind,
wir Volk.
Nur eine kleine Ewigkeit;
uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind,
als all das, was durch uns gedeiht,
um so kühn zu sein, wie die Vögel sind.
Nur Zeit!



           Der Fluß

In den abendgelben Fluß
grub mein Ruder schwarze Trichter;
ohne Wort und ohne Kuß
sahn wir auf die Wellenlichter,
sahn wir eine dunkle Bucht
still das kahle Ufer spiegeln,
sahn der Berge starre Wucht
seine wirbelvolle Flucht
vor uns, hinter uns verriegeln.

Als wir dann um Mitternacht
in der Stadt mit Flüsterlauten
auf der hohen Brückenwacht
standen und hinunterschauten,
schienen uns die schwarzen Mauern
in dem grauen Wasserschacht
ihren Einsturz zu belauern.

Still, die Sonne kommt herauf.
Klar verfolgen meine Träume
bis zum Meer hin seinen Lauf;
fern durch morgenrote Bäume
steigt der blaue Nebel auf.



          Der Stieglitz

Die Sonne blitzt, ein Distelfeld
belebt die stille Mittagswelt;
im starrgezackten Blättermeer
glühn purpurlockig kreuz und quer
die Blütenköpfe.
 
Und durch den eisengrauen Busch,
ein bunter Vogel, hupp, hup, husch,
hüpft durch das wilde Staudenheer,
als ob es ohne Stacheln wär:
ein junger Stieglitz.
 
Wie wirr, wie wunderlich geschweift!
Ein leichtes Lüftchen kommt und greift
von Blütenspeer zu Blütenspeer
und wirft die Schatten hin und her;
weg ist der Stieglitz.
 
Nun will ich stille weitergehn
und mir die sonnige Welt besehn,
und durch das Leben kreuz und quer,
als ob es ohne Stacheln wär;
das liebe Leben.



             Der Strauß

Nun nimm drei weiße Nelken du,
mein Weib. Und du, Geliebte, nimm
diese drei roten noch dazu.
Und in die nickenden Nelken tu
ich eine dunkelgelbe Rose.

Seht: ist es nicht ein lockender Strauß,
ganz Eins auf diesem schwarzen Tuch?
Und sieht so farbenfriedsam aus.
Und nur von doppeltem Geruch:
die je drei Nelken und die Rose.

Nein, laßt! entzweit den Stengelbund
nicht! laßt! Sonst scheint so kalt und tot
bloß Gelb zu Weiß, und glüht so heiß
und brennt so wild bloß Gelb zu Rot;
dann, ja, dann hass' ich wohl die Nelken!

Dann hass' ich wild das zahme Weiß
und hasse kalt die rote Glut,
wohl bis zur Mordlust! ja, es tut
mir weh, daß von Geruch und Blut
so reizend gleich sind alle Nelken!

Was willst du so entsetzt? Nein, bleib,
Geliebte, nimm, still seh ich zu:
nimm jetzt die weißen Nelken Du!
und die drei roten Du, mein Weib!
und ich die dunkelgelbe Rose.



                Der letzte Traum

  Zum Gedenken an Detlev v. Liliencron

Es war am sechsten Abend, und Gott sprach:
Alles ist gut geworden. Alles. Nur
der Mensch: was ist der Mensch? Er träumt wie Ich.
Er möchte ewig leben, ewig träumen.
Wenn ich nur schlafen könnte! endlich schlafen! -

Es war am sechsten Abend, und ein Dichter
sprach auf dem Sterbebett: Was ist der Mensch?
Er hielt die Hand des liebsten Freunds umklammert,
er wollt ihn ansehn mit den Schöpferaugen,
sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen
durch eine fremde, unerschöpflich fremde,
traumvolle Welt - er stammelte:

Sechs Tage keinen Schlaf. Nur Träume. Hörst du?
Alles war gut. Nur Ich - was ist mit mir?
Ich seh da immer Menschenscharen ziehn -
da an der Wand - Heerscharen - Kriegerscharen -
von Land zu Land mit mir - Erobrerscharen -
von Stern zu Stern - zur Schlacht - Schlachtopferscharen -
im Traum - sie opfern sich für Gott hin - hörst du?
die ganze Welt hin - sich hin - mich hin - Gott! -
Wenn ich nur endlich schlafen könnte - schlafen - -



             Dichters Arbeitslied

Geh hin, mein Blick, über die grünen Bäume!
Da huscht ein Vogel, der nimmt dich mit,
Märchenvogel Edelschwarz.
 
Bleib nicht zu lange im Reich der blauen Träume!
Hier rasten Menschen am Straßenrand,
ihre Hände sind vom Alltag schwarz.
 
Bring ihnen her den Abglanz der freien Räume!
Sie möchten alle gern in ein Märchenland,
ihr Sonntagskleid ist edelschwarz.



       Die Glocke im Meer

Ein Fischer hatte zwei kluge Jungen,
hat ihnen oft ein Lied vorgesungen:
Es treibt eine Wunderglocke im Meer,
es freut ein gläubig Herze sehr,
    das Glockenspiel zu hören.

Der eine sprach zu dem andern Sohn:
Der alte Mann verkindet schon.
Was singt er das dumme Lied immerfort;
ich hab manchen Sturm gehört an Bord,
    noch nie eine Wunderglocke.

Der andre sprach: Wir sind noch jung,
er singt aus tiefer Erinnerung.
Ich glaube, man muß viel Fahrten bestehn,
um dem großen Meer auf den Grund zu sehn;
    dann hört man es auch wohl läuten.

Und als der Vater gestorben war,
fuhren sie weg mit braunblondem Haar.
Und als sie sich grauhaarig wiedertrafen,
dachten sie eines Abends im Hafen
    an die Wunderglocke.

Der eine sprach, verdrossen und alt:
Ich kenne das Meer und seine Gewalt.
Ich hab mich zuschanden auf ihm geplagt,
hab auch manchen Gewinn erjagt;
    läuten hört ich es niemals.

Der andre sprach und lächelte jung:
Ich gewann mir nichts als Erinnerung;
es treibt eine Wunderglocke im Meer,
es freut ein gläubig Herze sehr,
    das Glockenspiel zu hören.



           Die Magd

Maiblumen blühten überall;
er sah mich an so trüb und müd.
Im Faulbaum rief die Nachtigall:
die Blüte flieht! die Blüte flieht!
Von Düften war die Nacht so warm,
wie Blut so warm, wie unser Blut;
und wir so jung und freudenarm.
Und über uns im Busch das Lied,
das schluchzende Lied: die Glut verglüht!
Und er so treu und mir so gut.

In Knospen schoß der wilde Mohn,
es sog die Sonne unsern Schweiß.
Es wurden rot die Knospen schon,
da wurden meine Wangen weiß.
Ums liebe Brot, ums teure Brot
floß doppelt heiß ins Korn sein Schweiß.
Der wilde Mohn stand feuerrot;
es war wohl fressendes Gift der Schweiß,
auch seine Wangen wurden weiß,
und die Sonne stach im Korn ihn tot.

Die Astern schwankten blaß am Zaun
im feuchten Wind; die Traube schwoll.
Am Hoftor zischelten die Fraun;
der Apfelbaum hing schwer und voll.
Es war ein Tag so regensatt,
wie einst sein Blick so trüb und matt;
die Astern standen braun und naß,
naß Strauch und Kraut, der Nebel troff,
da stieß man sie voll Hohn und Haß,
die sündige Magd, hinaus vom Hof.

Nun blüht von Eis der kahle Hain,
die Träne friert im schneidenden Wind.
Aus flimmernden Scheiben glüht der Schein
des Christbaums auf mein wimmernd Kind.
Die hungernden Spatzen schrein und schrein,
von Dach zu Dach; die Krähe krächzt.
An meinen schlaffen Brüsten ächzt
mein Kind, und Keiner läßt uns ein.
Wie die Worte der Reichen so scharf und weh
knirscht unter mir der harte Schnee.

So weh, oh, bohrt es mir im Ohr:
du Kind der Schmach! du Sündenlohn!
Und dennoch beten sie empor
zum Sohn der Magd, dem Jungfraunsohn?!
Oh, brennt mein Blut. Was tat denn Ich?
war's Sünde nicht, daß sie gebar? -
Mein Kind, mein Heiland, weine nicht:
ein Bett für dich, dein Blut für mich,
vom Himmel rieselt's silberklar.
Wie träumt es sich so süß im Schnee.
Was tat ich denn? - So süß. So weh.
War's Liebe nicht? - War's - Liebe - nicht -




        Die Reise

Tipp, tapp, Stuhlbein,
hüh, du sollst mein Pferdchen sein!
Klipp, klapp, Hutsche,
du bist meine Kutsche,
wutsch!
Wipp, wapp, zu langsam;
hott, wir fahren Eisenbahn!
Alle meine Pferde,
um die ganze Erde,
rrrutsch!
Tipp, tapp; zipp, zapp;
halt, wann geht das Luftschiff ab?
Fertig, Kinder, eingestiegen!
wollen in den Himmel fliegen!
futsch!



           Die Schaukel

Auf meiner Schaukel in die Höh,
was kann es Schöneres geben!
So hoch, so weit: die ganze Chaussee
und alle Häuser schweben.

Weit über die Gärten hoch, juchhee,
ich lasse mich fliegen, fliegen;
und alles sieht man, Wald und See,
ganz anders stehn und liegen.

Hoch in die Höh! Wo ist mein Zeh?
Im Himmel! ich glaube, ich falle!
Das tut so tief, so süß dann weh,
und die Bäume verbeugen sich alle.

Und immer wieder in die Höh,
und der Himmel kommt immer näher;
und immer süßer tut es weh
der Himmel wird immer höher.



    Die stille Stadt

Liegt eine Stadt im Tale,
ein blasser Tag vergeht;
es wird nicht lange dauern mehr,
bis weder Mond noch Sterne,
nur Nacht am Himmel steht.
 
Von allen Bergen drücken
Nebel auf die Stadt;
es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,
kein Laut aus ihrem Rauch heraus,
kaum Türme noch und Brücken.
 
Doch als den Wandrer graute,
da ging ein Lichtlein auf im Grund,
und durch den Rauch und Nebel
begann ein leiser Lobgesang
aus Kindermund.



         Drückende Luft

Der Himmel dunkelte noch immer;
ich fühlte tief bis in mein Zimmer
der fahlen Wolken vollen Schoß.
Die Esche drüben drehte schwer
die hohe Krone um sich her;
zwei Blätter trieben wirbelnd los.

Laut tickte durch die schwüle Stube,
wie durch die stille Totengrube
der Holzwurm ticken mag, die Uhr.
Und durch die Türe hinter mir
klang dünn und schüchtern ein Klavier
über den Flur.

Der Himmel lastete wie Schiefer;
ihr Spiel klang immer trauertiefer,
ich sah sie wohl.
Dumpf rang der Wind im Eschenlaub,
die Luft war grau von Glut und Staub
und seufzte hohl.

Und blasser tönten durch die Wände
die tastenden verweinten Hände,
sie saß und sang;
sang sich das Lied, in sich gebückt,
mit dem sie mich als Braut entzückt;
ich fühlte, wie ihr Atem rang.

Die Wolken wurden immer dumpfer,
die wunden Töne immer stumpfer,
wie Messer stumpf, wie Messer spitz;
und aus dem alten Liebeslied
klagten zwei Kinderstimmen mit -
da fiel der erste Blitz.



               Drohende Aussicht

Der Himmel kreist, dir schwankt das Land,
vom Schnellzug hin und her geschüttelt
saust Ackerrand um Ackerrand,
ein Frösteln hat dich wachgerüttelt:
die Morgensonne kommt.
 
Mühsam entstiebt dem Nebelzelt
ein Krähnvolk, herbstlich abgemagert,
indes sich dick aufs Düngerfeld
der Frührauch der Fabriken lagert;
die Morgensonne kommt.
 
Schwarz schiebt sich durch den grauen Flor
ein langer Zug von Schlackenbergen,
Schornstein an Schornstein schnellt empor,
schreckhafte Hüter neben Särgen;
die Morgensonne kommt.
 
Vom Horizont her nahn mit Hast
und einen sich zwei Straßendämme,
von Apfelbäumen eingefaßt,
schon blaß beglänzt die knorrigen Stämme;
die Morgensonne kommt.
 
Nun folgt zum andern Himmelssaum
dein Blick den fruchtberaubten Zweigen,
und plötzlich siehst du Baum an Baum
sein brandrot glühendes Laub dir zeigen:
der Tag ist da.



         Durch die Nacht

Und immer Du, dies dunkle Du,
und durch die Nacht dies hohle Sausen;
die Telegraphendrähte brausen,
ich schreite meiner Heimat zu.

Und Schritt für Schritt dies dunkle Du,
es scheint von Pol zu Pol zu sausen;
und tausend Worte hör ich brausen
und schreite stumm der Heimat zu.



              Ein Blütenblatt

Von deinen Tulpen fiel das erste Blatt.
Es liegt am Fuß der stolz geschwungnen Vase
und lehnt sich auf am gletscherblauen Glase,
und drüber flammt der Strauß mit dreizehn Bränden.
Und eine von den Blüten züngelt so
in sich gekrümmt, als suche farbensatt
ihr Leben eine kalte Ruhestatt
und rette sich aus halbverbrannten Wänden.
Doch eine andre ist so lichterloh
geöffnet, daß wie zwischen Feuerwiegen
die gelbgekrönte Samenpuppe prangt,
die nach der Blüte nicht zurückverlangt,
wenn alle Blätter abgefallen liegen.



            Ein Märtyrer

Jetzt sollt ihr hören ein rauhes Lied,
von Frieden und Erbarmen leer!
Der Winternachtsturm schreit im Ried
und peitscht das Schilf wie Heu umher;
vor seinem Schnauben erstarrt das Moor,
zerknicken die Binsen, zerbricht das Rohr.

Ein Häuschen umheult er am Heiderand
und schüttelt die Pfosten der rissigen Wand
und reißt an den Haspen und Sparren,
daß sie kreischen vor Frost und knarren
und drinnen am Ofen die Kinder erschauern
und dichter zum Schoße der Mutter kauern.

Die streckt, von Ängsten dumpf gerührt,
zum Vater, der finster mit hastiger Faust
Flugschriften zu Stößen und Ballen schnürt,
die bittenden zitternden Hände:
»Ach Mann, geh nicht durchs Moor! mir graust.«
Doch Er, aus dem Ballen ein Blatt gezaust,
weist ihr die Worte am Ende:

Mensch preßte den Menschen in Schmach und Acht,
weil jeder nur immer sich selber bedacht.
So habt ihr euch selber zu Knechten gemacht.
Drum schart euch, ihr Schwachen, zusammen!
Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer,
so schwellen die Wellen zum donnernden Meer,
die Fünkchen zu sausenden Flammen!

Die Backen zucken ihm, und er spricht:
Drum bettle nicht! drum quäl mich nicht!
ich hab's den Genossen geschworen.
Der Wahlruf muß heut noch hinüber ins Dorf,
sonst geht der Sieg uns verloren.

»Geh nicht, geh nicht! was schiert der Sieg
dein Weib und die jammernden Kleinen!
Geh nicht, geh nicht! Die zweite Nacht
erst steht das Eis; o Gott, es kracht,
es bricht! o sieh mich weinen!

Es schreit zum Himmel! dein Leben ist mein!«
Da braust er auf vor Zorn und Pein:
schrei lieber zu Teufel und Hölle!
und hebt mit grimmiger Wucht die Last
und fragt, schon tritt er die Schwelle:

Hat's etwa dein Herrgott zu Dank dir gemacht,
daß ich tagtäglich in den Schacht
meine Knochen für 'n Hungerlohn trage!
und sollte mein Leben nicht Eine Nacht
für Glück und Gerechtigkeit wagen?!

Leb wohl! - Ins Schloß die Klinke knallt.
Die Windsbraut stöhnt und ächzt im Schlot.
Vom fahlen Horizont her droht
des Mondes Stirne blank und kalt.
Der Bergmann glüht; er trieft von Schweiß.
Der Mond legt übers dunkle Eis
eine bleiche Straße.

Der Bergmann glüht, der Bergmann keucht.
Doch bald: dann hat er das Ufer erreicht,
schon schimmern - da knistert's, da biegt es sich sacht.
Ein Hilfegestammel. Da knirscht es und kracht
und schollert; ein Aufschrei verbrodelt im Moor.
Schrill winselt's im Schilf, hohl röchelt's im Rohr.
Hui! zischt es und pfeift's in den Binsen.

O rauher, o rauher, mein rauhes Lied!
kein Witwengewimmer! kein Waisengestöhn!
nach Opfern schreit der Sturm im Ried.
Doch bald: dann kommt der Frühlingsföhn,
dann schießt in Halme die junge Saat,
der Tag der Auferstehung naht!

Dann schmilzt im Sturm das morsche Eis,
dann wühlt er die Opfer empor vom Grund,
die Helden alle, die niemand weiß;
und jedes Toten vermoderter Mund
wird klaffend nach Rache blecken
und tausend Lebendige wecken!



              Ein Stelldichein

So war's auch damals schon. So lautlos
verhing die dumpfe Luft das Land,
und unterm Dach der Trauerbuche
verfingen sich am Gartenrand
die Blütendünste des Holunders;
stumm nahm sie meine schwüle Hand,
stumm vor Glück.

Es war wie Grabgeruch... Ich bin nicht schuld!
Du blasses Licht da drüben im Geschwele,
was stehst du wie ein Geist im Leichentuch -
lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!
Was starrst du mich so gottesäugig an?
Ich brach sie nicht: sie tat es selbst! Was quäle
ich mich mit fremdem Unglück ab...

Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.
Still hängt das Laub am feuchten Strauch,
als hätten alle Blätter Gift getrunken;
so still liegt sie nun auch.
Ich wünsche mir den Tod.



                    Enthüllung

Du sollst nicht dulden, daß dein Schmerz dich knechte;
du bist so gern vor Freude wild.
Komm vor den Spiegel! - Oh, wie schwillt
dein düstres Haar, wie lebt dein Bild,
wie blüht dein Mund -: als wenn durch Nächte
der Blitze bläuliches Geflechte,
der Honigduft der roten Disteln quillt!

Dein weißes Kleid ist wie zum Hohne
mit türkischen Märchenblumen toll durchzackt.
Ich träume dich auf schwarzem Throne.
Du bist verschleiert bis zur Krone.
Doch wärst du keusch wie Magelone,
wir Träumer sehen alles nackt!

Gib her, gib her den Trauerschleier,
ich reiß ihn lachend dir entzwei!
Ich bin dein Einziger, dein Befreier,
dein Herr! - Was starrst du so ins Feuer,
so schmerzhaft? - O verzeih - verzeih -



                Erntelied

Es steht ein goldnes Garbenfeld,
das geht bis an den Rand der Welt.
        Mahle, Mühle, mahle!

Es stockt der Wind im weiten Land,
viel Mühlen stehn am Himmelsrand.
        Mahle, Mühle, mahle!

Es kommt ein dunkles Abendrot,
viel arme Leute schrein nach Brot.
        Mahle, Mühle, mahle!

Es hält die Nacht den Sturm im Schoß,
und morgen geht die Arbeit los.
        Mahle, Mühle, mahle!

Es fegt der Sturm die Felder rein,
es wird kein Mensch mehr Hunger schrein.
        Mahle, Mühle, mahle!



         Erwartung

Aus dem meergrünen Teiche
neben der roten Villa
unter der toten Eiche
scheint der Mond.

Wo ihr dunkles Abbild
durch das Wasser greift,
steht ein Mann und streift
einen Ring von seiner Hand.

Drei Opale blinken;
durch die bleichen Steine
schwimmen rot und grüne
Funken und versinken.

Und er küßt sie, und
seine Augen leuchten
wie der meergrüne Grund:
ein Fenster tut sich auf.

Aus der roten Villa
neben der toten Eiche
winkt ihm eine bleiche
Frauenhand...