R. Dehmel

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Inhalt

Biografie

         Fitzebutze

Lieber ßöner Hampelmann,
deine Detta sieht dich an!
Ich bin dhoß, und Du bist tlein;
willst du Fitzebutze sein?
Tomm!
Tomm auf Haterns dhoßen Tuhl,
Vitzlibutzki, Blitzepul!
Hater sagt, man weiß es nicht,
wie man deinen Namen sp'icht.
Pst!
Pst, sagt Hater, Fitzebott
war eimal ein lieber Dott,
der auf einem Tuhle saß
und sebratne Menßen aß.
Huh!
Huh, sei dut, ich bin so tlein
und will immer a'tig sein.
Fitzebutze, du bist dhoß;
kleine Detta spaßt ja bloß.
Ja?
Ja, ich bin dir wirktlich dut!
Willst du einen neuen Hut?
Tlinglingling: wer b'ingt das Band?
Königin aus Mohrenland!
Tnicks!
Tnix, ich bin F'au Tönidin,
hab zvei Lippen von Zutterrosin;
Fitzebutze, sieh mal an,
ei, wie Detta tanzen kann!
Hoppß!
Hopßa, hopßa, hopßassa;
Tönigin von Af'ika!
Flitzeputzig, Butzebein,
wann soll unse Hochzeit sein?
Du!
Du! Mein tleiner lieber Dott!
Du?! sonst geh ich von dir fo't! -
Ach, du dummer Hampelmann,
siehst ja Detta garnicht an!
Marsch! -



    Frecher Bengel

Ich bin ein kleiner Junge,
ich bin ein großer Lump.
Ich habe eine Zunge
und keinen Strump.

Ihr braucht mir keinen schenken,
dann reiß ich mir kein Loch.
Ihr könnt euch ruhig denken:
Jottedoch!

Ich denk von euch dasselbe.
Ich kuck euch durch den Lack.
Ich spuck euch aufs Gewölbe.
Pack!



      Freund Husch

Husch, husch, husch,
ich putze meinen Busch.
Der Mond ist da, der Mond ist hell;
der Mond, der ist mein Spielgesell,
husch.

Husch, husch, husch,
ich schlüpfe aus dem Busch.
Ich stecke mein Laternchen an,
ich zünde uns die Sternchen an,
husch.

Husch, husch, husch,
ich schüttel meinen Busch.
Die Kinderchen sind all zur Ruh,
ich schüttel ihnen Träume zu;
die haben wir vergangne Nacht,
der Mond und ich, uns ausgedacht,
husch.

Husch, husch, husch,
ich schlüpfe in den Busch.
Ich puste mein Laternchen aus,
ich suche mir ein Sternchen aus,
das laß ich droben Wache stehn,
nun kann ich ruhig schlafen gehn,
husch, husch, husch,
im Busch.



        Geheimnis

In die dunkle Bergsschlucht
kehrt der Mond zurück.
Eine Stimme singt am Wassersturz:
O Geliebtes, deine höchste Wonne
und dein tiefster Schmerz
Sind mein Glück.



      Helle Nacht

Weich küßt die Zweige
der weiße Mond.
Ein Flüstern wohnt
im Laub, als neige,
als schweige sich der Hain zur Ruh:
Geliebte du -

Der Weiher ruht, und
die Weide schimmert.
Ihr Schatten flimmert
in seiner Flut, und
der Wind weint in den Bäumen:
wir träumen - träumen -

Die Weiten leuchten
Beruhigung.
Die Niederung
hebt bleich den feuchten
Schleier hin zum Himmelssaum:
o hin - o Traum - -



                Herr und Herrin

Ein Mann:
Da du so schön bist, darf ich dich beschwören,
errege nicht mein leicht erregtes Blut.
Da du so schön bist, kann ich dir nicht wehren,
daß deine Hand zu sehr in meiner ruht.
Da du so schön bist, muß ich dich begehren,
denn alle Schönheit ist mir freies Gut.
Da du so schön bist, will ich dich zerstören,
damit es nicht ein Andrer tut...
Das Weib:
Da du so stark bist, darfst du mich begehren,
doch meine Schönheit bleibt mein freies Gut.
Da du so stark bist, kannst du mich zerstören,
wenn dir die Tat nicht selbst zu wehe tut.
Da du so stark bist, mußt du mir beschwören,
daß du beschützen wirst mein schutzlos Blut.
Da du so stark bist, will ich dir nicht wehren,
daß deine Hand in meiner ruht...



            Himmelfahrt

Schwebst du nieder aus den Weiten,
Nacht mit deinem Silberkranz?
Hebt in deine Ewigkeiten
mich des Dunkels milder Glanz?

Als ob Augen liebend winken:
alle Liebe sei enthüllt!
als ob Arme sehnend sinken:
alle Sehnsucht sei erfüllt -

strahlt ein Stern mir aus den Weiten,
alle Ängste fallen ab,
seligste Versunkenheiten,
strahlt und strahlt und will herab.

Und es treiben mich Gewalten
ihm entgegen, und er sinkt -
und ein Quellen, ein Entfalten
seines Scheines nimmt und bringt

und erlöst mich in die Zeiten,
da noch keine Menschen sahn,
wie durch Nächte Sterne gleiten,
wie den Seelen Rätsel nahn.



          Hoch in der Frühe

Sieh, wie wir zu den Sternen aufsteigen!
Unsern glückstrahlenden Augen
leuchtet der Schnee der Gebirge,
bald blitzt dort unten die Sonne durch.
O! Schon röten sich Tiefen und Höhen:
durch den Rauch unsrer Atemzüge,
bis über das fernste Fünkchen dort oben fern hinauf
Schimmert die Nacht deiner Geburt,
glänzt der Tag unsrer Himmelfahrt.



        Ideale Landschaft

Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn,
und eine hohe Abendklarheit war,
und sahst nur immer weg von mir,
ins Licht, ins Licht -
und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.



        Immer wieder

Ehe wir uns trennen konnten,
oh, wie hielt mich dein Gesicht,
sahen wir noch Einmal, dicht,
dicht an deinem mein Gesicht,
in den Winterwald zurück,
wo die Bäume sich noch sonnten,
wo die Abendwolken prangten,
wo ins feuergoldne Licht
die verworrnen Zweige langten,
und wir baten Gott um Glück.



            Jesus bettelt

Schenk mir deinen goldnen Kamm;
jeder Morgen soll dich mahnen,
daß du mir die Haare küßtest.
Schenk mir deinen seidnen Schwamm;
jeden Abend will ich ahnen,
wem du dich im Bade rüstest -
oh, Maria!

Schenk mir Alles, was du hast;
meine Seele ist nicht eitel,
stolz empfang ich deinen Segen.
Schenk mir deine schwerste Last:
willst du nicht auf meinen Scheitel
auch dein Herz, dein Herz noch legen -
Magdalena?



         Käuzchenspiel

Kinder, kommt, verzählt euch nicht,
jeder hat zehn Zehen;
wer die letzte Silbe kriegt,
der muß suchen gehen.
Suche, suche, warte noch,
Käuzchen schreit im Turmloch,
macht zwei Augen wie Feuerschein,
die leuchten in die Nacht hinein,
fliegt aus seinem Häuschen,
sucht im Feld nach Mäuschen,
husch, husch, huh, das Käuzchen,
das - bist - du! -



            Klarer Tag

Der Himmel leuchtet aus dem Meer;
ich geh und leuchte still wie er.

Und viele Menschen gehn wie ich,
sie leuchten alle still für sich.

Zuweilen scheint nur Licht zu gehn
und durch die Stille hinzuwehn.

Ein Lüftchen haucht den Strand entlang:
o wundervoller Müßiggang.



      Leises Lied

In einem stillen Garten
An eines Brunens Schacht,
Wie wollt' ich gerne warten
Die lange graue Nacht!

Viel helle Lilien blühen
Um des Brunens Schlund;
Drin schwimmen golden die Sterne,
Drin badet sich der Mond.

Und wie in den Brunnen schimmern
Die lieben Sterne hinein,
Glänzt mir im Herzen immer
Deiner lieben Augen schein.

Die Sterne doch am Himmel,
Die stehen all' so fern;
In deinem stillen Garten
Stünd' ich jetzt so gern.



               Letzte Bitte

Lege deine Hand auf meine Augen,
daß mein Blut wie Meeresnächte dunkelt:
fern im Nachen lauscht der Tod.

Lege deine Hand auf meine Augen,
bis mein Blut wie Himmelsnächte funkelt:
silbern rauscht das schwarze Boot.



        Lied an meinen Sohn

Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,
mein Herz klopft in die Nacht hinaus,
laut; so erwacht ich vom Gebraus
des Forstes schon als Kind.
Mein junger Sohn, hör zu, hör zu:
in deine ferne Wiegenruh
stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.

Einst hab ich auch im Schlaf gelacht,
mein Sohn, und bin nicht aufgewacht
vom Sturm; bis eine graue Nacht
wie heute kam.
Dumpf brandet heut im Forst der Föhn,
wie damals, als ich sein Getön
vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.

Horch, wie der knospige Wipfelsaum
sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum;
mein Sohn, in deinen Wiegentraum
zornlacht der Sturm - hör zu, hör zu!
Er hat sich nie vor Furcht gebeugt!
horch, wie er durch die Kronen keucht:
sei Du! sei Du! -

Und wenn dir einst von Sohnespflicht,
mein Sohn, dein alter Vater spricht,
gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht:
horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut!
Horch, er bestürmt mein Vaterhaus,
mein Herz tönt in die Nacht hinaus,
laut - -



            Maifeierlied

Es war wohl einst am ersten Mai,
viel Kinder tanzten in Einer Reih,
arme mit reichen,
und hatten die gleichen
vielen Stunden zur Freude frei.

Es ist auch heute erster Mai,
viel Männer schreiten in Einer Reih,
dumpf schallt ihr Marschgestampf,
heut hat man ohne Kampf
keine Stunde zur Freude frei.

Doch kommt wohl einst ein erster Mai,
da tritt alles Volk in Eine Reih,
mit Einem Schlage
hat's alle Tage
ein paar Stunden zur Freude frei.



           Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl ich, wird mein Auge heller;
schon versucht ein Stern zu funkeln,
und die Grillen wispern schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten.
Plötzlich stehst du überwältigt.



   Mannesbangen

Du mußt nicht meinen,
ich hätte Furcht vor dir.
Nur wenn du mit deinen
scheuen Augen Glück begehrst
und mir mit solchen
zuckenden Händen
wie mit Dolchen
durch die Haare fährst,
und mein Kopf liegt an deinen Lenden:
dann, du Wehrlose,
beb ich vor dir...



           Mein Trinklied

Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
trinkt, bis die Seele überläuft,
            Wein her, trinkt!
Seht doch, wie rot die Sonne lacht,
die dort in ihrem Blut ersäuft;
            Glas hoch, singt!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
djagloni gleia glühlala!
Klingklang, seht: schon welken die Reben.
Aber sie haben uns Trauben gegeben!
                        Hei! -

Noch eine Stunde, dann ist Nacht.
Im blassen Stromfall ruckt und blinzt
            ein Geglüh:
der rote Mond ist aufgewacht,
da kuckt er übern Berg und grinst:
            Sonne, hüh!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben:
Mund auf, lacht! Das klingt zwar sündlich,
klingklang, sündlich! Aber eben:
trinken und lachen kann man bloß mündlich!
                        Hüh! -

Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
wächst übern Strom ein Brückenjoch,
            hoch, o hoch.
Ein Reiter kommt, die Brücke kracht;
saht ihr den schwarzen Reiter noch?
            Dreimal hoch!!!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
djagloni, Scherben, klirrlala!
Klingklang: neues Glas! Trinkt, wir schweben
über dem Leben, an dem wir kleben!
                        Hoch! -



    Nach einem Regen

Sieh, der Himmel wird blau;
die Schwalben jagen sich
wie Fische über den nassen Birken.
Und du willst weinen?
 
In deiner Seele werden bald
die blanken Bäume und blauen Vögel
ein goldnes Bild sein.
Und du weinst?
 
Mit meinen Augen
seh ich in deinen
zwei kleine Sonnen.
Und du lächelst.



     Nacht für Nacht

Still, es ist ein Tag verflossen.
Deine Augen sind geschlossen.
Deine Hände, schwer wie Blei,
liegen dir so drückend ferne.
Um dein Bette schweben Sterne,
dicht an die vorbei.
 
Still, sie weiten dir die Wände:
Gib uns her die schweren Hände,
sieh, der dunkle Himmel weicht -
deine Augen sind geschlossen,
still, du hast den Tag genossen,
dir wird leicht -



                Narzissen

Weißt du noch, wie weiß, wie bleich
in den Maiendämmerungen,
wenn ich lag, von dir umschlungen,
dir zu Füßen hingerissen,
um uns schwankten die Narzissen?

Weißt du noch, wie heiß, wie weich
in den blauen Juninächten,
wenn wir, müde von den Küssen,
um uns flochten deine Flechten,
Düfte hauchten die Narzissen?

Wieder leuchten dir zu Füßen,
wenn die Dämmerungen sinken,
wenn die blauen Nächte blinken,
wieder duften die Narzissen.
Weißt du noch, wie heiß? wie bleich?



                  Nun erst

Hab Dank! wir waren Mann und Weib,
es ist geschehn;
nun laß uns wieder aufrecht gehn,
allein und klar.
Wir wollen uns nicht trüb gebärden;
wir können nun erst Freunde werden,
ganz und wahr.

Du weißt ja gut, wie's enden kann;
am Weg ins Tal,
du sahst, da lag es, einsam, kahl,
das alte Liebesgrab im Wald.
Es war nicht Zufall, was dich führte:
ich wollte prüfen, wie's dich rührte:
du lachtest kalt.

Das tat mir wohl, das klang so frei
aus dir heraus in mich herein.
Doch unten lag im Abendschein
der dunkle See.
Im Wasser spielten lange Streifen;
die schienen glühend sich zu greifen,
der Nix die Fee.

Die Sonne sank; die Wasserglut
ist nun zur Ruh.
Das war nicht Ich, das warst nicht Du,
was uns bezwang.
Denn ob wir unser mächtig waren,
das soll sich nun erst offenbaren.
Hab Dank!



         Orientalisches Potpourri

Gestern Nachmittag, meine braune Geliebte,
die du nach Ruhm begehrst vor allen Frauen
deines Volkes, saß ich in einem Treibhaus,
und von allen Palmen und andern Gewächsen
flogen mir neue Gedichte zu.

Hier ist eins von einem Agavenwildling:

Meine Geliebte!
Grau in staubiger Wüste
stand mein dorniges Blattwerk
jahrlang mit durstig schwellendem Fleisch.
Plötzlich schoß über Nacht
ein steiler Schaft, knospengekrönt,
aus dem staubgrauen Schoß
in die feurige Morgenluft.
Schick mir zu Mittag, Geliebte,
deine tausend durstigen braunen Bienen:
viertausend goldgelbe Blütenglöckchen
haben sich aufgetan und triefen,
triefen, triefen von Honigsaft.

Oder eins von einer verschulten Musa:

Meine Geliebte!
Wen mit deinen üppig langen
Blättern willst du denn umfangen,
die du überreichlich treibst?
Fühlst du nicht den Abend glühen?
Wenn du ohne Blüte bleibst,
Schönste, kannst du nie verblühen,
Ärmste, nie mit Früchten prangen.

Oder von einer seltnen Wasserviole:

Meine Geliebte!
Mondblau steht mein Kahn,
himmeltief der See;
fern beim hellen Uferschilf
ziehn zwei weiße Enten
ihre Bahn.
Sehnsüchtig und rot
spiegelt sich mein Mund:
tauche auf, Geliebte, Dunkle,
aus dem blauen Grund,
hol mich in den Himmel!

Oder von einem gewöhnlichen Igelkaktus:

Meine Geliebte!
ich bin so rund wie die Erde,
mein Fleisch hat Heilkraft,
und meine Blume ist zum Küssen schön.
Aber hebe mich nicht aus meinem Erdreich:
mein Fleisch hat Stacheln,
und leicht entroll ich deiner Hand.
Willst du mich küssen,
bitte, knie nieder!

Solche Gedichte, meine braune Geliebte,
könnt ich dir noch viertausend und einige dichten
an Einem Nachmittag;
und die würden meine vielen verehrten
neuen deutschen und neuesten jüdischdeutschen
lyrischen Brüder sicher furchtbar rühmen -

Aber du bist mir zu lieb dazu...



    Predigt ans Großstadtvolk

Ja, die Großstadt macht klein.
Ich sehe mit erstickter Sehnsucht
durch tausend Menschendünste zur Sonne auf;
und selbst mein Vater, der sich zwischen den Riesen
seines Kiefern- und Eichen-Forstes
wie ein Zaubermeister ausnimmt,
ist zwischen diesen prahlenden Mauern
nur ein verbauertes altes Männchen.
O laßt euch rühren, ihr Tausende!
Einst sah ich euch in sternklarer Winternacht
zwischen den trüben Reihen der Gaslaternen
wie einen ungeheuren Heerwurm
den Ausweg aus eurer Drangsal suchen;
dann aber krocht ihr in einen bezahlten Saal
und hörtet Worte durch Rauch und Bierdunst schallen
von Freiheit, Gleichheit und dergleichen.
Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen:
sie wurzeln fest und lassen sich züchten,
und jeder bäumt sich anders zum Licht.
Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste,
euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen,
ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern -
so geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch!
vorwärts! rückt aus! -



                    Rückblick

In diesem Jahr verlor ich einen Freund.
Hier unterm Nußbaum sprachen wir uns aus.
Das Laub wird gelb; es wartet auf den Wind.
                Ist das der Schluß?

Hier unterm Nußbaum gab mir eine Frau
in diesem Jahr errötend ihre Hand.
Still weht ein Blatt und treibt ins welke Gras.
                Ist das der Schluß?

In diesem Jahr... Vor meine Füße fällt
ein dumpfer Schlag zu Boden und zerplatzt,
und aus der Kapsel rollt die rauhe Frucht.
                Das ist der Schluß!



   Staatsereignis

Hurrra, zum ersten Mal:
Mutter, der Peter,
hurra, jetzt geht er!
Kuck, ganz alleinechen
setzt er die Beinechen,
ganz wie zur Reichstagswahl,
wie Onkel Wackelpfahl!
Aua, Geschrei:
bautz, vorbei!



                 Stiller Gang

Der Abend graut; Herbstfeuer brennen.
Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei.
Kaum ist mein Weg noch zu erkennen.
Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen.
Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei.
Vorbei.



                 Stromüber

Der Abend war so dunkelschwer,
und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn;
die Andern lachten um uns her,
als fühlten sie den Frühling nahn.

Der weite Strom lag stumm und fahl,
am Ufer floß ein schwankend Licht,
die Weiden standen starr und kahl.
Ich aber sah dir ins Gesicht

und fühlte deinen Atem flehn
und deine Augen nach mir schrein
und - eine Andre vor mir stehn
und heiß aufschluchzen: Ich bin dein!

Das Licht erglänzte nah und mild;
im grauen Wasser, schwarz, verschwand
der starren Weiden zitternd Bild.
Und knirschend stieß der Kahn ans Land.



Träume, träume, du mein süßes Leben

Träume, träume, du mein süßes Leben,
Von dem Himmel, der die Blumen bringt.
Blüten schimmern da, die leben
Von dem Lied, das deine Mutter singt.

Träume, träume, Knospe meiner Sorgen,
Von dem Tage, da die Blume sproß;
Von dem hellen Blütenmorgen,
Da dein Seelchen sich der Welt erschloß.

Träume, träume, Blüte meiner Liebe,
Von der stillen, von der heilgen Nacht,
Da die Blume seiner Liebe
Diese Welt zum Himmel mir gemacht.



Und du kamest in mein Haus

Und du kamest in mein Haus,
kamst mit deinen schwarzen Blicken;
sah ich ferne Palmen nicken
und du gavst mir deinen Strauß.

Gabst die zitternden Narzissen,
die wir in der Wildnis pflückten.
Deine schwarzen Locken schmückten
meines Divans rote Kissen.

Kehre wieder in mein Haus,
laß die wilden Blumen blühen,
unsre junge Lippen glühen,
Gib mir, gib mir deinen Strauß!



              Unsre Stunde

Es dunkelt schon. Komm, geh nach Haus.
Komm! das Kastanien-Blattgewühl
streckt sich wie Krallen nach uns aus.
Es ist zu einsam hier, zu schwül
für uns.

Denn sieh: die Linien deiner Hand
laufen den meinen viel zu gleich.
Du schienst mir plötzlich so verwandt,
so vorbekannt;
vielleicht aus einem andern Reich.

Ich hatt 'ne Schwester, die ist tot.
Sei nicht so stumm, als wärst du taub!
Die Abendwolke dampft so rot
durchs junge Laub,
als ob sie uns Blutschande droht.

Horch! ja, so wild und unverwandt,
wie jetzt die Nachtigall da schlug,
zittert dein Herz in meiner Hand.
Wir wissen es; das ist genug
für uns.



     Unterm jungen Birnbaum

Unterm jungen Birnbaum standest du.
An die ersten kleinen grünen Früchte
rührtest du entzückt mit zartem Finger;
letzte Blüten wehten um dich nieder.

Unterm jungen Birnbaun stand auch ich.
Meine harten Hände rührten nicht
an die kleinen grünen ersten Früchte;
letzte Blüten wehten um mich nieder.



            Unterwegs

Vor meinem Lager liegt der helle
Mondschein auf der Diele.
Mir war, als fiele
auf die Schwelle
das Frühlicht schon;
mein Auge zweifelt noch.

Und ich hebe mein Haupt und sehe,
sehe den fremden Mond
in seiner Höhe
glänzen. Und ich senke,
senke mein Haupt und denke
an meine Heimat.



             Vergißmeinnicht

Vergißmeinnicht in einer Waffenschmiede -
was haben die hier zu tun?
Sollte heimlich der Friede
hinterm Hause am Bache ruhn?
 
Dumpf fallen die Hämmer in hartem Takt:
Angepackt, angepackt,
die Arbeit muß zu Ende!
Und das Eisen glüht, und das Wasser zischt,
und wenn der Schwalch die Flamme auffrischt,
glänzen die schwarzen Hände.
 
Aber manchmal blickt ein rußig Gesicht
still nach dem himmelblau blühenden Strauß.
Dann scheint's, eine Stimme singt hinterm Haus:
Vergiß mein nicht!



                    Verhör

Du liegst sehr blaß in deinen weißen Kissen,
und deine matten Lippen sind zerrissen;
hattest du sehr viel Schmerz? -
»Ich weiß nicht mehr.«

Du siehst sehr träumerisch zur Zimmerdecke,
sieh nach dem Bettchen drüben in der Ecke:
liebst du dein Kindchen sehr? -
»Ich weiß noch nicht.«

Schriebst du zuweilen, wenn die Wehen kamen,
mit deinen irren Fingern meinen Namen
auf deine Bettdecke? -
»Du weißt es ja.«

Kannst du noch immer, ohne hinzudenken,
dein Kind und seinen Vater ruchlos kränken
und mit mir selig sein? -
»Weißt du das nicht?«



                 Vierter Klasse

Es rollt und rüttelt und dröhnt und dampft
und klirrt und rasselt und stürmt und stampft;
an kreisenden Feldern vorüber im Flug
durch Pommerns Ebne keucht der Zug.

Ich schaue und horche und weiß es kaum;
ich träume einen stolzen Traum,
wie Form geworden der Menschengeist
donnernd um Achse und Achse kreist...

Da schreit ein Kindchen neben mir
und übertönt das Eisentier.
Es klang so weh, mein Traum zerrinnt;
so blaß, so mager ist das Kind.

Im Wagen schwankt die Dämmerung,
und Gaslicht schwankt und Schattensprung;
aus rotgewürfeltem Bettzeug sticht
so spitz heraus das kleine Gesicht.

Von Kisten und Kasten eingezwängt,
von Säcken und Päcken überdrängt,
schaukelt die Mutter ihr Kind zur Ruh
und summt ein Wiegenlied dazu.

Und rund herum, bedrückt und schwer,
verworrene Worte, hin und her;
Gesichter, furchig, knochig, stumpf,
und Menschendünste, dick und dumpf.

Zusammengeduckt mit Hab und Gut,
mit ihrem letzten bißchen Mut,
aus Polen und Preußen sitzen sie da
und wollen nach Amerika.

Nur wenn das Wörtchen »drüben« fällt,
grünt eine ferne Hoffnungswelt;
und Alle atmen tiefer dann,
und Alle sehn sich nickend an.

Und durch ihr Munkeln, ihr Geschwärm,
durch Rädergepolter und Eisenlärm,
wie Stimmen der Erlösung, ziehn
der Mutter leise Melodien.

O heiliger Stall von Bethlehem,
dein Wunder ist noch heut zu sehn,
wenn eine Wöchnerin beglückt
ihr Kind in Armut an sich drückt!

Nun schläft's; nun hüllt sie's ein recht warm
und legt's behutsam aus dem Arm,
und lehnt sich müd an ihren Mann
und sieht ihn bang und liebreich an.

Und er versteht den Mutterblick
voll Sorge, Furcht und Mißgeschick,
und mit der breiten Schwielenhand
zeigt er hinaus ins finstre Land:

»Sei ruhig, Marie, du wirst schon sehn,
da drüben wird alles anders gehn.
Da schaff ich uns eigen Feld und Vieh,
da wirst du wieder gesund, Marie.

Du brauchst nicht leben wie ein Hund,
ihr werdet beide wieder gesund.
Und unser Kind hat, wenn es groß,
im neuen Land ein besser Los!«

Und Sorge, Furcht und Mißgeschick
vergehen in dem einen Blick,
mit dem sich diese Bauernseelen
von ihrem Kinde stumm erzählen...

Es rollt und rüttelt und stampft und staucht
und dröhnt und rasselt und keucht und faucht;
durchs wirbelnde Dunkel in rasendem Flug
stürmt weiter und weiter der eiserne Zug.

Ich horche und horche und weiß es kaum;
ich träume einen gläubigen Traum,
wie Glück begehrend der Menschengeist
empor zu neuen Formen kreist...

Im Wagen, schweigend, schwebt die Nacht,
der Schlaf schwingt seine Spindel sacht;
die Bäuerin ist eingenickt,
aufs Knie des Mannes hingebückt.

Der sitzt noch wach mit mir allein;
wir gucken uns sacht in die Augen hinein,
bis uns der Blick die Zunge lüpft,
bis hin und her das Flüstern schlüpft.

Und er erklärt mir, wie es kam,
daß sie verkauften ihren Kram,
und wie sie der Agent gedingt,
der in den Urwald nun sie bringt.

Es war kein neues Wort dabei;
es war die alte Litanei
von saurem Schweiß und Hungerlohn,
an der nur neu des Jammers Ton.

»Und wie dann gar noch Weib und Kind
mir schwach und krank geworden sind,
da haben wir endlich das Schwerste gewagt,
dem Dörfchen Lebewohl gesagt.

Und hat sie auch zuerst geweint,
so hat sie doch zuletzt gemeint:
fällt's uns auch schwer, wenn nur das Kind
ein ander Los als wir gewinnt!«

So schwinden Stationen im Fluge vorbei
und Glockensignale und Kellnergeschrei,
und bleicher tanzen die Lichter schon:
der Morgen steigt auf seinen Thron.

Und um uns her bewegt es sich
und reckt und dehnt und regt es sich,
und langsam werden Alle wach
und blinzeln in den jungen Tag.

Ein Tag von jenen, glanzgeküßt,
an denen jeder Halm uns grüßt
und jeder Sonnenstrahl das Herz
zum Lachen zwingt trotz Not und Schmerz.

Die Fenster auf! o Luft, o Licht!
Und Alle drängen sich dicht bei dicht
und zeigen hinaus, wo stromumblinkt
mit Türmen und Masten Hamburg winkt.

Die Mutter aber, still im Schwarm,
nimmt sanft ihr Kindchen in den Arm
und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht
und - da -: was stiert sie und küßt es nicht?

Was stiert und stiert sie, daß mir graut!
Da löst sich ein erstickter Laut,
da liegt's im Schoß ihr starr und tot
der Vater stammelt: barmherziger Gott!

Im Wagen, plötzlich, wird es stumm;
die Bauern blicken scheu herum.
Manch Auge zuckt. Die Mutter wimmert:
mein Kind, mein Kind! Manch Auge flimmert...

Es kreischt die Maschine, es stockt ihr Lauf,
die Schaffner reißen die Türen auf.
Ich stehe im brausenden Bahnhofsraum;
da stürmt das Leben, es gilt kein Traum.

Es gilt, daß man sich ganz gesteh,
wie unerschüttert von Glück und Weh,
Zukunft formend der Menschengeist
um seine ewige Achse kreist...



         Wellentanzlied

Ich warf eine Rose ins Meer,
eine blühende Rose ins grüne Meer.
Und weil die Sonne schien, Sonne schien,
sprang das Licht hinterher,
mit hundert zitternden Zehen hinterher.
Als die erste Welle kam,
wollte die Rose, meine Rose, ertrinken.
Als die zweite sie sanft auf ihre Schultern nahm,
mußte das Licht, das Licht ihr zu Füßen sinken.
Da faßte die dritte sie am Saum,
und das Licht sprang hoch, zitternd hoch, wie zur Wehr;
aber hundert tanzende Blütenblätter
wiegten sich rot, rot, rot um mich her,
und es tanzte mein Boot,
und mein Schatten auf dem Schaum,
und das grüne Meer, das Meer - -



              Wirrsal

Weine nicht, mein treues Weib!
Jene Andre, die mich auch liebt,
die beglückt wohl meinen Leib,
aber Du hast meine ganze Seele.

Und du bist ihr nicht verhaßt.
Mußt du sie nicht mit mir lieben,
die so innig zu mir paßt
wie mein ganzer Leib zu meiner Seele?

Sie beglückt doch diesen Leib,
den sie liebt und der sie auch liebt,
wie er Dich beglückt, mein Weib!
Und dann hat sie meine ganze Seele...