Rubiner

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Biografie

A. Das himmlische Licht

                                     Das himmlische Licht

Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein, unter Menschen schweigen Sie still.
Aber ich weiß meine stummen Kameraden hunderttausend auf der Welt, zu denen ich reden will.

Wir waren noch klein, da erhob zu uns die Erde ihr bergiges Schmerzensgesicht,
In unsre Zehen bebte fernes Geländ, von Sturz und Strudel ums Licht.

Die Menschen in schlaffer Geilheit und träg liebten die Erde nicht mehr,
Aber die Erde schrie, wir hörten sie nicht, und sie donnerte Zeichen her.

O mein Freund, glauben Sie nicht, was ich Ihnen sagen werde, sei neu oder interessant.
Alles, was ich Ihnen zurufe, wissen Sie selbst, aber Sie haben es nie aus rundem Mund laut bekannt.
Sie haben es zugedeckt. Ich will Sie erinnern. Ich will Sie aufrufen.
Denn Gott rief die Erde für uns alle auf. Seine Stimme hauchte aus dem Untermeer Vulkan, der in der Südsee in die Luft flog.
Die kleine Kraterinsel Krakatao stieß den brennenden Atem Gottes aus der Erde.
Explosion. Der Ozean spritzte über die Erde, unvergessen in dreißig Menschenjahren.
Neues Menschengeschlecht, und das Jahrhundert war lang zu Ende.
Aber aus dem Pacific brannte der Feuerwind des Krakatao in unsere Herzen.


                                                 Geburt

Vor unsrer Geburt, in der grünen Südsee platzte die Erde und das Wasser,
Tausend Menschen saßen wie Schnecken auf großen Blättern in Hütten und versanken keuchend.
Vor Marseille fielen die roten Schiffe um, das Meer schlug vom Mond herab.
Die Dampfer schnurrten in den Abgrund, lächerliche Insekten.
Als wir geboren wurden, zog Feuer durch die Luft.
Die Schwärme des Feuers flogen um die Erde.
Wehe, wer nicht sehen wollte!
Tausend Menschen, stillhockende Schnecken, waren zu Staub zerplatzt.
Die Tage erblichen für die glühenden Abende.
Die Nächte schwangen rote Palmblattflammen über Berlin,
Die Abende waren gelbe Tiere über der Friedrichstraße.
Berlin, aus spitzen Plätzen, grauen Nebenstraßen, quoll das Blau der Vulkane.
Die Frauen waren alle allein, die Männer reckten sich auf,
Die Schenkel liefen durch Berlin, heiße Haarberge bogen hoch.
Die Sonne ging immer unter. Die Abendstrahlen, heiß, quollen aus den Männern.
Die Häuser waren kalkig und bleich. Durch dunkle Zimmer wankte die Stadt, die Blinde.

Wir wurden geboren, Strahlenlicht kreiste abends über unseren Mündern,
Grüne Südsafthügel hingen vom Mond über uns;
Wir rissen unsere Augen von unserem Blut auf.
Der Himmel flog über alle Straßen der Stadt.
In der Vorstraße aus Zaun und Stein wartete die grauhaarige Mauerdirne auf die Soldaten.
Wir wußten, daß es andere Länder gibt.
In möblierten Zimmern sannen russische Stirnen über Bombenattentaten.
In den Varietés wurden die fünf englischen Puppenmädchen geliebt.
Die Menschen sitzen in schwarzen Röcken, essen und werden alt.
Am grünen Kanalufer schleppt man Leichen auf den Asphalt.
Die hohlen Häuserwände waren lose und grau.
Kamerad, Sie liefen die Straße auf und nieder, Sie waren blaß vor dem heiligen Panoptikumsbau.

Aus dem müßigen Durchhaus der ganz Erwachsenen schoben frisch geschminkt weiße Weiber mit dicken Bäuchen.
Reisende in alten Bärten bebten betäubt vor Büchern und verklebten Photographien.
Drüben: starre Inseln in Sonne, Bäume auf gelbem Kies, Bänke, selige Hotels.
Unter den Linden gingen die verschleierten Ausländerinnen mit den frierenden kleinen Hunden.
Kamerad, Sie liefen bleich tauchend bis zum Durchhaus, weihevoll.
Die Friedrichstraße fiel zu Boden. Abendherzen im Strahl schwebten auf Nebengassen.

Die Luft stand mit Sternen in Ihnen, der Tag war noch hell.
Die Menschen waren dick und rauchten Zigarren.
Niemand sah sie an.
Die Stadt schwebte, es war still im Abendbrand, die Häuser zerfielen unten.
Die Menschen gingen schwer.
Kamerad, Sie waren allein. Niemand hatte das Licht gesehen.
Um die Erde sprühte der südliche Schweiß des Vulkans.
Niemand sah. Berlin schmatzte rollend.

Es war nicht mehr Licht durch buntes Abendglas,
Nicht mehr Fackelwogen hinter Spielpapier:
Plammenschirme vom Himmel bogen um unseren Kopf.
Die Luft schmolz im langen Lichtwind übers Feld,
Drunten lag der harte Sand rötlich wie getretener Mob.
Wir heulten ins Grüne übers Tempelhofer Feld.
Vor schwarzen Fensterschwärmen der schweißigen Hinterhauswände
Stießen wir unsere Flugdrachen hoch in die Windfarben und sogen den Glanz.
Berlin, Ihr dachtet an Geld.
O Kleinstädte der Welt, über Euch tropften die Farben alle Abend, ehe Silber und Blau kam.
Kamerad, Ihr Jungenhaar zackte schwarze drohende Felsen über den gepfeilten Brauen.
Sie haßten den blassen Schimmel der schlaffen Hausdächer.
Wir kannten uns nicht.

Ich rannte gefräßig umher, blond unter Papierlaternen zum Lärmplatz. Gläserne Lichterkränze. Greise Zauberclowns schrien in goldene Papp-Trompeten.
Ich nahm meine dunkle Schwester, zarte Knöchel, in die feuchte Ringkämpferbude.

Damals liebte ich sie so.
O wären wir ausgerückt!
Wir saßen in verdorrten Halbgärten. Soldaten tranken aus Bierseideln.
Wir sahen durch grüne Stuhllehnen auf hölzerne Karussells.
Vor alten Frauen in Würfelzelten zerfransten sich gegossene Glasvasen.
Wir griffen unsere Hand zum letztenmal. Wir warteten.
O vielleicht stand das feurige Licht gleich an unserer Haut: uns allen!

O wir wußten alles. Die grüne Farbe glänzte am Wirtshausstaket
(Einmal gab es wohl Zeiten, da grünten die Frühlinge so fett).
Es war alles für uns und für die anderen gemacht,
Aber früher waren die Tage dumpf und grau, und dies galt als Pracht.
Wir sahen uns an, hinter ihren Augen braun und im vierzehnten Jahr
Schwamm Hingabe, wie Blutstropfen rollte ihr Lächeln zum Hals, weil das neue Licht um uns war.

Die Buden kreischten, eine Tombola knarrt, rote Dienstmädchen träumen selig und taub,
Wir wußten, so war früher ein Fest, bald stehn hier Häuser in steinernem Staub.
Warum sieht niemand das Licht? Um uns ist das Licht. Die Erde stößt leuchtende Brunnen empor,
Glutlöcher im Himmel, brennende Riesenschornsteine von Glas, Lichtsturzstufen herab wie eines Wasserfalls strahlendes Rohr.
Wie Pilze klein verwittern grünliche Buden um Limonadenlicht und lärmfarbenes Früchte-Eis.

Wir beide waren sprießende Wälder, wimmelnde Erdteile in Himmel und Licht, um unsere Glieder floß das helle Meer. Wir waren uns fremd. Wir wirbelten tief durch blaue Lichtkugeln im Kreis.
O neue Zeit! Zukunft! Preiselbeerrote Feierlichkeit! O Preis!


                                                        Das Licht

Vom gelben Himmel rollte ein funkelnder Treibriemen durch Yokohama: heut abend sind die bunten Leuchtstraßen matt.
Schmale Sterne der hellen Nacht gehen hinter Fabriken auf.
Europa tanzt wie ein brauner Hund vorm Mond. Gelbe Menschen kommen in schwarzen Röcken wie aus einem Jungfrauenbad.
Paris, wilder Lanzenschein, wenn das Gitter des Luxembourg aus dem Garten der Erde aufsprüht:
Einsiedler kochen Gold auf dem heiligen Berg, die Menschen schaukeln in großen Betten, von Afrika wehen weiße Tücher durch Palmenufer her.
O helle Himmelssäge hinein nach London, wie ein Bergwerk liegt die Stadt unterm fallenden Licht, Diamanten über den Gitterluken der Bank von England, o roter Tower in Whitechapels Schweiß, sechstausend Mann morgens fünf in den Docks, drüben die Felsen des Kaplands, Nigger brechen in die Knie.
Es floß aufkochend flammengrün durch Petersburg, Kiew, Nischny, Odessa,
Mondgoldene Kathedralen im Schlamm, unter Euch Moskau bebt wie ein roter Menschenwald von vie    len Glocken, o runde Dächerblüten,
Mauern weich wie Bärte hinauf für die Menschen,
Hoch von Spitzen und Kugeln grünes Fliehen über kupfernen Tag.
Boston, Chicago, über nackte Arme und Zylinderhüte hin zischt das Licht wie Riesenfunken von elektrischen Schnellbahnen,
Über San Franciscos Hotelgebirge leicht und hoch hinüber, durch Kulistädte, Ghettos, Spiegelschein in Fahrstuhlschachte, o Nimbus, Seligkeit, Frühling.
Halt!
Still und grell durch die donnernden Eisenschatten der Brücke New York.

Wir liefen unbekannt durch die weit klappernde Friedrichstraße.
Berlin, hinter schmalen grauen Asphaltgassen flog das rote brennende Fenster himmelsoben zu uns her, o unsere Herzen!
Nachmittags halb fünf, ein Wind ging kurz herüber, häuserleuchtend. Die Zeit war neu.
Fliegende Zeichen zu uns von runden Himmelsbögen.
Milde Zeichen, Himmelslichter neue Häuser zu bauen Sonnentürme,
Sterndächer, Berlin noch feucht, Gottesstadt, schwebend, gläsern hinauf.
Milde Himmelshand, ruhigste Palmglut, herunter zu uns über Schornsteinfassaden.
O Südseeblut, getrieben zu unserm Blut.
Aber wartet Ihr noch? Wir sehen uns um, Kamerad, (Wir kennen uns nicht!) bleich, stehenden Herzschlags, niemand merkt was.
Worauf wartet Ihr noch? Was habt Ihr zu denken?
Halt, Ihr wollt bummeln, schachern, Frauen bepaaren, Ihr werdet essen, lesen, Nachrichten hören, Ihr zählt Eure Stunden:
Aber die neue Zeit ist da. Ihr saht nicht das Licht durch das feurige Fenster der Erde!

Die Menschen schwitzen blind. Die Dächer rollten auf in Angst und sanken zurück.
Die Fenster troffen dunkel trüb,
Die Häuser blähten löckerig Teigwände.
Menschen, Ihr lagt in den Städten wie gärende Wasserpflanzen,
Der Wind schoß über die Menschen, sie trieben scheppernd nach Geld,
Der Fächer des Himmels, in sieben Gluten, schlug auf, sie rückten die schwarzen Hüte, mit zugewachsnem Aug, angesoffen und dick.


                                                Dieser Nachmittag

An diesem Nachmittag standen alle Kellerfenster offen, das faule Stroh wurde hinter den Polizeitritten auf die Straße geschmissen und zersank.

Die Fabriken stießen spinnwebene Fenster auf, Sauseluft um eiligen Ölgestank.
Unter den dumpfen Brückenbögen räkelten sich Geschwüre und blaßnacktes Fleisch, Fetzen, Lauslöcher, Wunden mit Maden.
Hinter den Bänken in grell dürren Parks, aus bestaubten Büschen krochen Beine hervor auf die feinen Promenaden.

In Paris, rauschend in Hell, in dem Hammerschlag New York, in Frisco voll Straßenbahndampf, dem harten, schattenlosen Madrid, London, dem gasflammengelben,

Im Leierkastengeklirr Berlins unter Springbrunnen sonnenstaub geklopfter Teppiche, im Neuen Heil Berlins, vorbei an den fetten Riesenbrotreihen der Straßen
Brachen bleiche Köpfe empor, Aufbruch unterirdischer Riesenpusteln,

Faserhaare dünn über gequetschten Wurmmäulern; brauenlos runde Augen wie von ertränktem Aas messen die Straßen ab, Fliegen steigen klebrig auf vom Geruch,

Die Erde erhebt das Haupt der Bleichen,
O unsichrer Marsch der Halbtoten, Nächtigen, ewig Versteckten. Blaßweiße Wurzelmienen, o Letzte, Unterste, Sarglose, ewig halbeingegraben in kalten saugenden Dreck, tastender Zug in spähender Unsicherheit, die Nacht ist nicht da, sie dürfen sehen. Sie sehen.

Sie sehen.

Der Himmel lief ihnen wie ein dünner Faden blau über die Erde hin. Aber in der Straße sahen sie den langen aufschießend flammenden Finger des Lichts.
O gab es noch Häuser, schwere Straßen, Schutzleute mit harten Stiefeln? Das himmlische Licht bergan schmolz mild zur rötlichen Kugel halb hinter Dächern auf.

Es war eine Orange, wie in dem vornehmen, betteln verboten, Eßwarenverkauf,
Es war ein wildes Zehnmarkstück wie hinter dem Fenster der Wechselbank,
Ein rotes rundes Glas Bier aus einem Aschingerschank,

Ein Schinken, ein Mund, Weiberbrust, ein Hut mit 'nem Band, ein Loch, das rot klafft,

Ein weiches buntes Kissen. Ein Vogel im Käfig. Eine Tabakpfeife pafft.
Eine Tür offen zu 'nem menschenleeren Kleiderladen,
Ein rotes Boot am lauen Fluß zum Baden.
An diesem Nachmittag sah der arme Mob das Licht.
Es lief vor ihm her. Die anderen sahen es nicht.

Sie schwankten unsicher hinein in den Strahl, wie ein bleiches Rübenfeld kraftlos von schlechtem Dung.

Aus zerschlissenen Winkeln in den Städten der Welt brach göttlicher Glockenschwung.
O seliges Fliegen: Pustblumen im Rauch, die Stengel gefesselt und kahl,
Die zitternden Meere zerlumpten Leibs reckten gedunsene Köpfe zum himmlischen Strahl.

Um die ganze Erdkugel schwang tief durch die Winkel wie ein Klingelblitz das Licht.
Der Mob auf dem bewachsenen Ball hob hoch sein Kellergesicht.
Sie hatten wie sterbende Asseln wimmernd im fauligen Dunkel gelegen,
Sie stürzten heraus, als gäb's Kinderfest, gelbe Luftballons mit buntem Bonbonregen.
Alle morschen Füße über die Meere hin stiegen zum Marsch, schmutzige Tücher wehten, da dehnten sich Arme, schwach und zerknüllt.

Sie schluchzten faltig und heiser, Riesenstimmen schrien über die Erde: die Zeit ist erfüllt!
Sie hatten wie Tote am Dunkel gesogen, sie warteten auf das Wunder und waren stinkend verreckt.

Aber heut hat ihnen das Licht süß bis in den Magen geleckt.
Sie drängten eng durch die Straßen zum Himmel. Über Omnibushöhen lief das Wunder auf die Köpfe hin. Die vollen Straßenbahnen schoben in schallenden Scherbendeich.

Sie marschierten rund über die Erde. Nun gab es ewig Musik und warmes Essen und das tausendjährige Reich!


                                               Die feindliche Erde

Der Eiter der Erde lag in den Häusern. Unter hellen Lichtern saßen schmatzende Jobber.

In Nebenzimmern ragten gelangweilt lange schwarze Strümpfe, trägzuckende Schenkel über schwere geile Rücken.

Hintern tanzten vor polierten Klavieren, dunkle Langhaare geigten.

Kluge hielten in seidnen Salons Vorträge, daß alles auf Erden immer gleichbleibe.
Weiche Bartlose sprachen unter sich von dem Ekel am Weibe.
In steinernen Museen schritten sanft die ausgeschlafenen Kenner.
In heißen Redaktionen schrieb man die Lebensläufe berühmter Männer.

Die Zimmer der Stadt wölbten sich wie ein ungeheurer fetter Bauch, die Dachkuppeln lagen krumm strähnig über der breiten flachen Stirne.
Hinter den Fenstern saßen schnaufend träge Menschen steil wie dicke Riesenfinger.

Die Häuser glotzten wie die Freßzähne an einem ungeheuren, gähnenden Jahrmarkts-Ringer.
Die Erde faulte länglich auf zur wimmelnden himmlischen Birne.
Der Himmel rollte herum dunkel funkelnd im schwarzen hohlen Oval.
Das Licht war eingesogen in stampfende Kessel und Telegraphenstrahl.
Der Lampenschein strich klein durch die Straßen wie Wurmaugen nachts im Korn.
Das Licht war fort von der kleinen Brde, niemand saß in der Sonne oder blickte zum mondlichen Horn.

Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen wanden sich erdenrund um die Schimmelgrüne.
Drunten im Trüben schrieben wimmelnde Menschen noch eilige servile Telegramme, Briefe, Denunziationen voll Ranküne.
Tänzerinnen, Barone, Agenten, Geheimräte, Schutzleute, Ehefrauen, Studenten, Hauswirte freuten sich auf ihre dampfende Nacht.

Aber der arme Mob schaute das Wunder und war zur neuen Zeit aufgewacht.
Die böse gestörte Wut zitterte über die verregneten Telegraphenstangen,
Als die mürben Armen ohne Essen und Trinken zum göttlichen Himmel marschierten, wurden sie mit hartreißenden Flintenkugeln empfangen.


                                               Sieg der Trägheit

Die armen Buckel, demütige Schultern, zogen selig zur neuen Zeit und wußten nur dies.

Die Erdschale blätterte zitternd vor ihnen ab, ein Schlammgeschwür schwoll auf, klebrige Barrikaden liefen ins Dunkel um, weich drohende Saugnäpfe wie ein gieriger Blutegelfries.
Die armen Menschenköpfe und Leiber stießen an die mächtige Mauer von grauzitterndem Brei,
Ein Schleim floß wie fette Aale nächtlich um sie und vergurgelte ihr Geschrei.

Das schwarze Gebirg von langsamem Leim schloß hinter ihnen sein triefendes Tor,
Durch träge Blasen klatschten strudelnde Glieder wie versinkendes Stroh im Moor.
Schwankend bebt es herab und fließt zäh ab. Ein schwarzes Loch dreht sich schluckend und faul,
Eine kalte Riesenfresse wälzt auf, Bergfalten um ein zahnloses saugendes Maul.
Die Menschenwälder zappelnd zum Tod trieben erstickt mit sausendem Kreis hinab in den dunklen Schlauch.
O Aufstand zum Licht! o Erdengesicht! O Endnacht     im trägen riesigen Bauch!

Kamerad, und wissen Sie noch, wie die blanke Polizei auf dicken Maschinenstiefeln aus den Nebenstraßen fiel?
Trafalgar Square war dunkel und hell wie ein schreiender Rohrteich, im Londoner Mittagswind.
In Berlin stampften Schüsse heiß ins Geschrei, die graugrüne Schloßkuppel lag lieblich über dem leeren langen Platz.

Wiehern in den Newski-Prospekt, im Winterfrost drückten sie den Mob tot!
Und wissen Sie noch, daß schnelle Gefängnisse mit Wärtern und Prügelstrafen gebaut wurden?
In Japan Köpfe ab. Über Rußland standen frische Galgenbäume.
In New York die Faust vom dritten Grad den Angeklagten so lang ins Gesicht, Hunger und Heißfolterdurst, bis sie lieber im elektrischen Stuhl von Sing-Sing starben.
Aber Madrid, o Gefängnisse von Monjuich, blutstöhnend. Man schraubte eiserne Wechselstromhelme an die Schläfen zum Irrsinn. Und allen quetschte man Tag für Tag die Hoden langsam zusammen.

Der erste Blutstropfen hatte dick und schwarz die Erde erreicht.
Das himmlische Licht war verschwunden schräg zuckend über die spitzen Dächer hin.
Der Abend stieg wie Schnalzen aus dem Fett der geilen Städte.
Die bleichen Lampen bissen Schatten um Herren mit Mappen unterm schwitzenden Arm,
Dünne Frauen hoben vor ihnen die Röcke hoch.

O kleine Erde, was hast du vergessen!
Du feindliche hast das Licht Gottes gefressen.
Die Sterne wehren dein gieriges Kreisen mit strahlendem Dorn,
Aus deinen Wunden bricht in Blutsäulen der himmlische Zorn.
Deine Städte und Berge rollen taumelnd im nächtlichen Rund,
Bis unter deinen dumpfen Menschen gesiegt hat der geistige Bund.


                                                   Der Mensch

Im heißen Rotsommer, über dem staubschäumenden Drehen der rollenden Erde, unter hockenden Bauern, stumpfen Soldaten, beim rasselnden Drängen der runden Städte
Sprang der Mensch in die Höh.
O schwebende Säule, helle Säulen der Beine und Arme, feste strahlende Säule des Leibs, leuchtende Kugel des Kopfes!

Er schwebete still, sein Atemzug bestrahlte die treibende Erde.
Aus seinem runden Auge ging die Sonne heraus und herein. Er schloß die gebogenen Lider, der Mond zog auf und unter. Der leise Schwung seiner Hände warf wie eine blitzende Peitschenschnur den Kreis der Sterne.
Um die kleine Erde floß der Lärm so still wie die Nässe an Veilchenbünden unter der Glasglocke.

Die törichte Erde zitterte in ihrem blinden Lauf.

Der Mensch lächelte wie feurige gläserne Höhlen durch die Welt,
Der Himmel schoß in Kometenstreif durch ihn, Mensch, feurig durchscheinender!
In ihm siedete auf und nieder das Denken, glühende Kugeln.
Das Denken floß in brennendem Schaum um ihn,
Das lohnende Denken zuckt durch ihn,
Schimmernder Puls des Himmels, Mensch!
O Blut Gottes, flammendes getriebnes Riesenmeer im hellen Kristall.
Mensch, blankes Rohr: Weltkugeln, brennende Riesenaugen schwimmen wie kleine hitzende Spiegel durch ihn,

Mensch, seine Öffnungen sind schlürfende Münder, er schluckt und speit die blauen, herüberschlagenden Wellen des heißen Himmels.

Der Mensch liegt auf dem strahlenden Boden des Himmels,
Sein Atemzug stößt die Erde sanft wie eine kleine Glaskugel auf schimmernden Springbrunnen
O weiß scheinende Säulen, durch die das Denken im Blutfunkeln auf und nieder rinnt.

Er hebt die lichten Säulen des Leibs: er wirft um sich wildes Ausschwirren von runden Horizonten hell wie die Kreise von Schneeflocken!

Blitzende Dreiecke schießen aus seinem Kopf um die Sterne des Himmels,

Er schleudert die mächtigen verschlungenen göttlichen Kurven umher in der Welt, sie kehren zu ihm zurück, wie dem dunklen Krieger, der den Bumerang schnellt.

In fliegenden Leuchtnetzen aufglühend und löschend wie Pulsschlag schwebt der Mensch,
Er löscht und zündet, wenn das Denken durch ihn rinnt,
Er wiegt auf seinem strahlenden Leib den Schwung, der wiederkehrt,

Er dreht den flammenden Kopf und malt um sich die abgesandten, die sinkend hinglühenden Linien auf schwarze Nacht:
Kugeln dunstleuchtend brechen gekrümmt auf wie Blumenblätter, zackige Ebenen im Feuerschein rollen zu schrägen Kegeln schimmernd ein, spitze Pyramidennadeln steigen aus gelben Funken wie Sonnenlichter.

Der Mensch in Strahlenglorie hebt aus der Nacht seine Fackelglieder und gießt seine Wände weiß über die Erde aus,

Die hellen Zahlen, o sprühende Streifen wie geschmolznes Metall.

Aber wenn es die heiße Erde beströmt (sie wölbt sich gebäumt),
Schwirrt es nicht später zurück? dünn und verstreut hinauf, beschwert mit Erdraum:
Tiergeblöke. Duft von den grünen Bäumen, bunt auftanzender Blumenstaub, Sonnenfarben im Regenfall. Lange Töne Musik.

O Erde! Der Mensch schwebt zu seiner Erde hinab,
Gottes Blutstropfen fror im eisigen Draußen dunkel und spitz.
Sein Schnitt dringt in die Erde, und hinter ihm zischt die blaue Luft wie Wolkenschwung von tausend Geschützen.
Der Mensch drang in die Erde, die blaue Eishülle seines Willens umstrahlt ihn noch.

Der Mensch drang in die Erde wühlend und scharf wie ein Keim, der zum Schoß feindlich saust,
Die Erde barst klaffend, die Berge stoben zu grünem Staub, die grauen Türme der Städte tanzten in seiner Faust.
Er stieg aus den dunklen Höhlen, um ihn bebte Trüm    mersturz und qualmender Brand.
Er schritt durch wehende Menschenrotten. Das himmlische Licht war verborgen. Er blieb unerkannt.


                                                     Die Stimme

O Mund, der nun spricht, hinschwingend in durchsichtigen Stößen über die gewölbten Meere.

O Licht im Menschen an allen Orten der Erde, in den Städten fliegen Stimmen auf wie silberne Speere.

O Trägheit der kreisenden Kugel, du kämpftest gegen Gott mit fletschenden Tierlegionen, Urwäldern, Säbeln, Schüssen, bösem Mißverstand, Mord, Epidemien:

Aber der Lichtmensch sprüht aus der Todeskruste heraus. In den Fabriken heulen Ventile über die Erde hin. Er hat seine Stimme in tausend Posaunen geschrien.

Eine Stimme schnellte hoch, glasschwirrend ein harter Stahlpfeil, der in Glut blank zerknallt.

Eine Stimme über Amerika, unter schweißigen Negern, die demütig das Weiße der Augen drehen; unter deutschen Flüchtlingen, bärtig zerpreßten Bettlern, unter hungernden Juden, die das glitschige Ghetto finster zusammenballt.
Eine Stimme unter den entkräfteten Arbeitern, drei Millionen, die alle Jahr einsam absterben nach neuen Fabriksystemen,
Eine Stimme unter zerfressenen Frauen im bunten Hemd, denen die Bordellmeister das Geld abnehmen.
Unter starren Chinesen im Hungergeruch, die Tag und Nacht feine Wäsche waschen,
Eine Stimme über den Broadways, wo Arbeitslose nach fortgeworfenen Speiseresten haschen.

Eine Stimme schwang zart wie der dünne steigende Schrei des Dampfs, eh die vieltönigen Wasserblasen aufkochen.
Sie sprang wie Windsand in stumme Münder hinein, sie glitt wie Flötenkraft müden Schleppern über geduckte Knochen.

Durch steilschwarze Stuben schwebten Sonne und Mond, die Sterne zogen durch stinkende Tapeten aus rissigen Flecken.
O vielleicht geht das himmlische Wunderlicht auf, bevor alle zu Aas verrecken!
Eine Stimme flog und sog sich voll aus schmutziger Werkstättenzeit,
Die Wut und die Hoffnung kreisten wie Blut, und der Haß, der naß bespeit.
Eine Stimme haucht schwarz über schlechtes Papier aus bankrottierten Druckermaschinen,
Eine Stimme las das Flüsterwort: Streik! in den roten Schächten der Coloradominen.
Sie liegt wie heißer Rauch auf schaukelnden Häfen; mißtrauischen Kneipen; im verhungerten Dorf; wenn der geplünderte Bauer sät;
In Städten schreit sie Signalgeklirr über wirre Versammlungen hin, wo Polizei die Türen bespäht.

O Münder, daraus die Stimme des Menschen brennt!

O trockene Lippen, sechzigjährig, trauernd schlaff umstoppelt, die sich flach öffnen, weil vor dem Tod Einer bekennt.

O irre rote Zungenglut hinter weißen Negerzähnen, die Stimme gurgelt im Glücksgesang.

O Mund, rundes schallendes Tor, Hall und Lust, Volkschoral, daß der Saal mitschwang.

O bitterer Nähmädchenmund, der nach Gerechtigkeit klagt und schrill Groschen und Wiegpfunde zählt.

O faltiger Rednermund, der auf und nieder wie Eulenaug geht, und Effekte wählt.

O Mann im blauen Hemd, der in Fabrikpausen hastig Propaganda treibt.

O sorgfältiger Beamter, der nach allen Poststationen Briefe und Werbelisten schreibt.

O Demütiger, verlegenes Herz, der nur einmal einem Guten die Hand drücken mocht.

O Stummer, der zum erstenmal spricht, und in einem Satz sich prasselnd verkocht.

Eine Stimme flammt über Europas gehetzten Menschen, über krummen schweigsamen Kulis im Australischen Strauch.

O Münder, wie viele warten auf Euch, Ihr schallt, und sie öffnen sich auch!

Auf der runden Erde floß das Meer im Wind über den Strand und zurück.

Schlapphutredner im Lichtstrahl, hinter Pulten, bei geheimen Zusammenkünften, an nassen Kneiptischen, sprachen geläufig immer dasselbe Stück.

Schwindler warben um Geld. Fastende Heilige schmuggelten verbotene Zeitungen über die Grenzen,

Gymnasiasten in ihren Aufsätzen wollten zum Zorn der Lehrer mit neuem Wissen glänzen.

Einsame wurden über die runde Erdkugel hin von Worten getroffen wie Hafenstädte von aufgefischten Flaschenposten.

In allen Häusern drängen Frauenleiber ans Fenster, um das vorbeifliegende Abendlicht zu kosten.


                                                   Die Frühen

Die Stimme stieg aus der Erde, sie stieg wie Saft der Erde in Menschengebein.

Aus bebenden Ländern trieben sie hoch wie Blasen aus grünem Sumpf, einzeln und früh. Sie öffneten runde Augen und schauten sich um.

O was sollten sie tun? In ihnen stieg und fiel wie brennendes Blut das Gedächtnis ans selige Licht. Ein Schein glomm aus der Ferne vor ihrer rußigen Geburt.

Sie lachten laut über die elektrischen Bogenlampen, über die Cafés, über die stumpfen genährten Armeen, über die zischelnden Börsenhallen,

Ihre Worte, einzeln und dünn, tropften, ab wie Perlengekicher von den Fenstern der steinernen Parlamente.

O hinauf! Schweben über der satt glucksenden Erde! O aufleuchten feurige Planetenflüge zwischen den gefletschten Zähnen:

O glühendes Blut vom Himmel, das um ihre gekrümmten Körper rollt,

O schwebender Mensch, Feuermensch, Lichtmensch über den Himmel, Kamerad, Bruder, Genosse, fern, über der Erde, vor der Erde! Zu ihm!
Die dunkle Erde wälzt sich über die Augen der ganz Armen.
Sie steigt gebläht vor die Augen der Armen, ein feister schwarzer Ball.
O Dunkelheit, Schatten. Drüben ist das himmlische Licht.

O die Erde wegrollen! Aufreißen die schlammige Erdkugel, Löcher eintreiben, Schächte zum Licht!
Auseinanderballen den Erdklumpen, der feuchte Dunkelheit über die Augen schattet!
Hinein in die Erde, Sturmlauf, Ihr Brüder, an die starre gefräßige Mord-Erde,
O die Erde zersprengen zu Milliarden Staubplaneten in Brand,
Die Erde sprengen mit einem Ruck der göttlichen Hand in alle Höhlungen des schimmernden Himmels:
O Gottes brennender Finger sein, der das Träge winzig zerstäubt,

O leben im himmlischen Licht, Gemeinsamkeit mit dem göttlichen Menschen des Himmels, Bruderschaft, zu ihm, Chorgesang einer hellsteigenden Vielmundstimme durch das Sonnen-Universum!

Erde, was erhebst du deine mächtige Kugel vor dem Bruder des Menschen!

Kommt nun der Kampf? Und der Kamerad des Menschen zerstört deine Finsternis, und du zerplatzest in leuchtende stille Trümmerflocken zum langen gewölbten Himmel?
Aus unreinen Barackenvorstädten schlichen nachts Männer verhüllt durch enge Keller bei Juwelieren ein, unentdeckt.

Männer in Masken sprangen schreiend am Mittag in die Banken, die Kassierer flohen erschreckt.

In Paris wurde die Straßenpolizei aus entschwindenden Autos niedergeschossen.
Im Londoner Hundswinkel belagerten straffe Truppen das ärmliche Haus des Genossen.
(O gekrümmte Whitechapel-Juden, Ihr seid jung, Eure Eltern röchelten mit verdrehten Augen in hundert Pogromen.
Das eiserne Dach über Euch brach auf, wie ein finste    rer Synagogenhimmel, der entschwebt; das Licht floß zu Euch.)

Sie lebten nicht weiter, sie wurden verraten, guillotiniert, oder krepierten in den Flammen.

O Städte alt in Süddeutschland, bärtige Schullehrer stiegen entrückt wie assyrische Priester auf den Turm unters Licht, und schossen mit rostigen Flinten das Menschengeschlecht unten zusammen.

Sie ergaben sich nicht. Sie standen im Licht. Sie kämpften bei Dachbrand, in den Kleidern Läuse und Kot.
Sie waren allein. Sie hörten die Brüder nicht schrein. O Lichtmensch im Dunkel. O Krieg, der kam. O Tod!

Augen wollten Licht nicht sehen. Ohren hörten keinen Hall.
Träge Erde war verstoßen, Feindschaft schuf den neuen Ball.
Die Menschenkugel zersprang.
O seht den göttlichen Lichtschein um Euch, dann dauert der Krieg nicht mehr lang!


                                                     Die Ankunft

Ihr, die Ihr diese Zeilen nie lesen werdet. Dürftige Mädchen, die in ungesehenen Winkeln von Soldaten gebären,

Fiebrige Mütter, die keine Milch haben, ihre Kinder zu nähren.
Schüler, die mit erhobnem Zeigefinger strammstehen müssen,
Ihr Fünfzigjährige mit dunklem Augrand und Träumen von Maschinengewehrschüssen,
Ihr gierige Zuhälter, die den Schlagring verbergt, wenn ihr dem Fremden ins Menschenauge seht,
Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen schwellt, wenn das Wunder durch die Straßen geht,

Ihr, die Ihr nichts wißt, nur daß Euer Leben das Letzte ist, Eure Tage sind hungrig und kalt:

Zu Euch stäuben alle Worte der Welt aus den Spalten der Mauern, zu Euch steigen sie wie Weinrauch aus dem Dunst des Asphalt.
Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über Dächer in Euer Bleichblut schien.
Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das Haus auf der neuen gewölbten Erde Berlin.

Ihr feinere dämliche Gelehrte, die Ihr nie Euch entscheidet hinter Bibliothekstischen,
Ihr Börsenspieler, die mit schwarzem Hut am Genick schwitzend witzelt in Sprachgemischen.
Ihr Generäle, weißbärtig, schlaflos in Stabsquartieren, Ihr Soldaten in den Leichenrohren der Erde hinter pestigen Aasbarrikaden.
Und Kamerad, Sie, einsam unter tausend Brüdern Kameraden;
Kamerad, und die Brüder, die mit allem zu Ende sind,
Dichter, borgende Beamte, unruhige Weltreisende, reiche Frauen ohne Kind,
Weise, höhnische Betrachter, die aus ewigen Gesetzen den kommenden Krieg lehren: Japan-Amerika,

Ihr habt gewartet, nun seid Ihr das Wort und der göttliche Mensch. Und das himmlische Licht ist nah.

Ein Licht flog einst braunhäutig vom Südseegolf hoch, doch die Erde war ein wildes verdauendes Tier.

Eure Eltern starben am Licht, sie zeugten Euch blind. Aber aus Seuche und Mord stiegt Ihr.

Ihr soget den Tod, und das Licht war die Milch, Ihr seid Säulen von Blut und sternscheinendem Diamant.

Ihr seid das Licht. Ihr seid der Mensch. Euch schwillt neu die Erde aus Eurer Hand.

Ihr ruft über die kreisende Erde hin, Euch tönt 'rück Euer riesiger Menschenmund,
Ihr steht herrlich auf sausender Kugel, wie Gottes Haare im Wind, denn Ihr seid im Erscheinen der geistige Bund.

Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. O wenn Sie wüßten, wie wir geliebt werden!

Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir sind Sternbrüder auf himmlischen Erden.

O wir müssen den Mund auftun und laut reden für alle heute bis zum Morgen.
Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder,
Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser Bruder!
Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder!

O zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit!
O springt aus den violetten Grotten, wo Eure Schatten im Dunkel aus Eurem Blut lebend schlürfen!

Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt, sei Euer runder Mund zum Licht!
Aus jeder vergessenen Spalte der Erdschale stoßt den Atemschlag des Geistes in Sonnenstaub!
Wenn ein Baum der Erde den Saft in die weißen Blüten schickt, laßt sie reif platzen, weil Euer Mund ihn beschwört!
O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel über dem Feuerhauch Eures lächelnden Mundes auf und ab tanzte!
O sagt, daß es unser Mund ist, der die Erdgebirge wie Wolldocken bläst!
Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten Arbeitslosen, der unter den Brücken schläft, daß aus ihrem Mund der himmlische Brand lächelnd quillt!
Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden Wanderdirne, sie dürfen nicht sterben, eh hinaus ihr Menschenmund schrillt!

Kamerad, Sie werden in Ihrem Bett einen langen Schlaf tun. O träumen Sie, wie Menschen Sie betrogen; Ihre Freunde verließen Sie scheel.

Träumen Sie, wie eingeschlossen Sie waren. Träumen Sie den Krieg, das Bluten der Erde, den millionenstimmigen Mordbefehl,

Träumen Sie Ihre Angst; Ihre Lippen schlossen sich eng, Ihr Atem ging kurz wie das Blätterbeben an erschreckten Ziergesträuchen.

Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf im eisernen Keuchen!
Aber dann wachen Sie auf, und Ihr Wort sprüht ums Rund in Kometen und Feuerbrand.

Sie sind das Auge. Und der schimmernde Raum. Und Sie bauen das neue irdische Land.

Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht zerflog, wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß.

O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach. Und Ihr Mund laut offen ruft zur Erde den ersten göttlichen Gruß.




B. Ausgewählte Gedichte

                     Die Stadt

Er kam vom Hügel. Ein ferner Stern zog weiß
Die Straße zur Tiefe. Die Füße sprangen schnell,
Die Augen stachen durchs gelbgeballte Haar.
Die Nacht sprang aus der Erde, blau und leis.
Der weiße Stern stand weit, die Nacht lag hell.
Die Nacht zerriß den Stern zum weißen Paar,
Die Straße wich zurück in blauem Lauf,
Die Sterne zuckten hastig höher auf.
Ein Wind zog herüber, irr von Geschrei und heiß.

Er lief schon schwankend. Glückselig sah er sacht
Die Straße rollen rötlich zum silbernen Schein
Der riesigen Türme. Deren Lampen schwangen
Spielend mit den Ufern der blitzenden Nacht
An der Straße über verblassendem Stein.
Die Füße hoben sich zum Flug und sprangen.
Die Nacht wurde klein, die Straße raschelte still.
Da schossen die Lampen zur Höhe und rissen schrill
Die Türme in den dunklen, ungeheuren Schacht.

Dunkel von Röcken und Hüten schwankt eine Wand;
Nur ihm hing nackt das gelbe Haar ums Gesicht.
Das Schattengewühl der Menge zog zur Stadt.
Da rissen die Türme die Straße breit ins Licht,
Die Lampenaugen, ewig wach, zuckten matt
Über den Glanz der Hüte ins steinerne Land.
Geschrei der Menge lief um die steilen Flanken
Der dunklen Terrasse. Sie saßen lässig und tranken.
Da sah er zwischen den Türmen das Seil gespannt.

Ein nackter Schatten wiegte es. Er blieb stehn,
Die Menschen wichen schweigend zu den Seiten.
Er stand unterm Seil. Sie rückten die Hüte nicht.
Er sah die nackte Frau übers Seil hingleiten.
Er stand ohne Atem. Er sah hoch oben das Licht
Laufen über die hellen Schenkel und Zehn.
Zur Stadt hinter den Türmen drängte die Menge vorbei.
Ein Wind flog über die Mauer, heiß von Geschrei.
Niemand im schwarzen Gewühl hatte aufwärts gesehn.

Die Augen der Lampen zuckten über die Frau.
Das Seil schwankte kreisend, als sie schnell sprang.
Sie war ernst, hoch oben. Ein Turmlicht zischte weiß,
Sie lächelte im Sprung zur Seite, wo es sang.
Das Turmlicht drückte ihr Haar im Schattenkreis
Hell auf die Nacht. Das Licht reckte sich lau
Zum blonden Stern des Bauchs. Ein Schattengürtel band
Sich schmal um sie. Flog hinauf. Verschwand.
Sie bückte sich und hob die Arme ins Blau.

Sie sprang ernst. Sie sah ihn und lächelte leer.
Die Menschen liefen zur Stadt durch die Mäuler der Steine.
Er stand im Gewühl ohne Atem. Das Turmlicht pfiff.
Über den steilen Glanz ihrer tanzenden Beine
Rannen siedende Blasen des Lichts hin und her -
Als sie plötzlich ins blaue Luftlicht griff.
Sie schwankt schon grinsend. Zur Nacht hinauf krallen
Zwei Falten. Aber niemand bleibt stehn. Sie muß fallen!
Der helle Stern ihres Bauchs zittert so sehr.

Die Häuser taumeln. Blaß steigt ein weiter Kreis
Von bleichen Mauern auf im grünlichen Schein. -
Die Lampenaugen, ewig wach, zuckten matt
Über blaue Terrassen. Die Straßen raschelten leis.
Im Schattengewühl der Menge stand er klein.
Er lief klein und wild. Die Nacht sprang aus der Stadt.
Er lief über den Hügel. Die Nacht lag hell.
Fern stand ein weißer Stern. Die Füße sprangen schnell.
Ein Wind zog herüber, bunt von Geschrei und heiß.


              Attentat in der Rue - -

             (Für Ferdinand Hardekopf)

Ich kann nicht immer vor der Scheibe stehn.
Meine Haare wachsen auf einmal weich aus dem Kinn.
Ich habe Menschengesichter nie angesehn.
Mein Anzug wird so weit. Ich versinke drin.

Die Pflasterkugeln sind heiß, der Stein rutscht unter mir weg.
Ich bin ja ganz klein. Wer sieht mich? Wer weiß von mir?
Mauern wölben sich auf die Augen wie hohle Hände voll Dreck.
Gelb kreisen Lichtersäulen. Fernher droht Stank von Bier.

Bärte zittern spitz. Ein Kneifer fällt, sicher klirrt's auf dem Tische.
Hab ich mich neulich mit dieser grünen Hure gerollt?
Über schwarze Bäuche streichen Daumen dick und still wie weiße Fische.
Träge Zähne schnappen im Rauch. Da schweben unerschwingliche Plomben von Gold.

Es riecht nach Zwiebeln. Ich habe in allen Weibern gesteckt.
Wo ist die Straße hin? Ich stehe im dunklen Gang.
Ein schwarzes Loch weicht auf. Das Licht drüben ist dünn und verfleckt.
Mir ist kalt. Die Scheibe ist hoch und dick. Alles dauert so lang.

Ein heller Glaskreis spritzt Licht, rund um mich sind glänzende Scheiben.
Unter den Tischen drängen Schuhe und Röcke und verfließen am Rand.
Alle Leute sind klein wie ich. Ich strecke mich hoch. Wo soll ich bleiben?
Wo sind meine Füße? Die Menschen sind ruhig. Finde ich meine Hand?

Die Wimpern werfen mir trübe Netze über den Blick.
Goldene Nägel flitzen hin und her durch die Nacht.
Die Menschen im Café sitzen faul und dick.
Es ist heiß. Mein Herz platzt. Mein Schuh kracht.

Ich stehe fest. Hinter dieser Scheibe kann ich sie wie im Regen sehn.
Ich atme aufs Glas. Meine Hände sind fort. Räder fahren vorbei.
Aus der Eisenbahn sah ich am Wege Windmühlenflügel drehn.
Jetzt fliegt die Bombe. Schnell. Es ist noch still. Kein Schrei.


                                       Mein Haus

Um mein Haus sind Straßen, Kreise von Brunnen. Plakatsäulen.
Gemüseläden. Uhrmacher mit Schmuck. Finstere Brunnen. Plakatsäulen.
Polizisten stehn vor Theatern. Die Untergrundbahn stürzt in ihren Köcher.
Weiße Kellner mit Tassen. Zeitungsjungen laufen. Kutscher reden zu Gäulen.
Unter der Brücke fahren Dampfer durch gemalte Lampen.
Kaufleute winken vor den Türen. Die Bäckereien dampfen.
Menschen stehn um einen Überfahrenen. In geheizte Kirchen gehn Gepäckträger.
Alte verteilen Zettel. In Gerichtssälen sprechen und schweigen Kläger.
In Trompetenwagen sitzen Frauen mit Schleiern. Frauen verkaufen Kastanien an Ecken.
Menschen unter Kuppeln sehen nach Sternen. Finder rechnen auf Papier Formeln.
An den Lichtern in Zimmern sitzen Denker gekrümmt und murmeln.
In den Tanzsälen lächelt man. Einbrecher kommen aus Verstecken.
Einsame im Schatten essen schnell Brote. Geldhäuser werden geschlossen.
Menschen mit Säcken suchen Weggeworfenes. Empörer lesen Reden.
Paare sitzen an Tischen und streiten. In Hotels erschießen sich Menschen verdrossen.
Die Sonne ist auf- und untergegangen. Der Mond ist oft zu sehen.
In bewachten Krankenhäusern liegen Menschen auf niedrigen Kissen.
Hinter Türmen von Kasernen treten Soldaten mit groben Händen.
Man peitscht geschwächte Menschen festgeschnallt in den Gefängnissen.
In kalten Wohnungen sind Greise, die jungfräuliche Kinder schänden.
Es klingelt in roten Fabriken, Müde lösen siedende Pfiffe.
Über alten und neuen Dächern drehn sich gelbe Luftschiffe.
Auf grünen Fischteichen ziehen die Ruderer Netze und Schnüre.
Bettler mit Bündeln schreiten auf Lehmwegen um spitze Steine und kalte Regenlachen.
Ein Fleischer tritt vom Wagen in eine aufgeklinkte Türe.
Hunde bellen schrill auf einen Juden mit einem Pack alter Sachen.
In heißen Feldern zerren gebuckelt braune Bauern.
In breiten Wäldern schlafen Arme und Brandstifter. Es lärmt von Holzhauern.
Über weiße Meere mit Kabeln werden Auswandererschiffe auf und nieder gebogen.
In langen Ländern werden die Hungrigen ermordet. Häuser fallen grau um.
Menschen im nassen Blut unter spitzen Kanonen haben blaue Messer gegen schwere Pferde gezogen.
Zerquetschte liegen unter halben Balken. Ferne Telephonzellen sind stumm.
Eingehüllte mit alten Flinten schießen knochige Tiere auf kalten Meilen im Schneegesträuch.
Auf weiten Öden leben Verlassene in Unrat und Höhlen ohne Geräusch.
In Affenparadiesen springen nackte Schwarze durchs blaue Licht.
Golfmeere fliegen mit Flaschen und Schlamm zu Inseln und Muschelketten.
An kleinen Dächern auf wackligen Straßen besprechen alte Frauen das Mittagsgericht.
Vor geordneten Zeitungssälen erwarten steife Raucher den Ausgang der Wetten.
Die Briefträger führen dicke Taschen auf runde Treppen.
Schläfer träumen oder sind bleich. Laute Lastkutscher schleppen.
Eilige gehn über dunkle Steine. Wagen gleiten auf Straßen. Mein Haus. Aus dem Schornstein steigt Rauch.
Umher sind Sonne. Mond. Die Abendsterne auch.


Zurufe an die Freunde

           Für K.L.

                                                         I. Führer

Du fährst auf aus dir wie ein entflammtes Zündholz, schwankend dünn im großen Taglicht-Umkreis
Vor dir atmet das Völkergeschöpf vorfühlend und rück die Glieder in brauner Angsteshaut.
O steh grade, halte die Augen entgegen, streck die Hände.

Du siehst die Löcher aus den Augen schaun, die Arme tastend, Leiber hilfegedrängt, die Köpfe weiß und viel, als blicktest du lang in den schmerzenden Spiegel.
Sieh dein Gesicht groß wächsern dir entgegen,
Das Blut läuft über die Augen vom erdig weißen Haar,
Hungerfalten um deinen zerknirschten Mund, der breit zum Schrillen aufklappt.
Sieh dein Gesicht weich und rund, rotfleischig, zahnlos, sanft erschreckt bei der Geburt.
Sieh dein Gesicht in der Abendstunde der schwesterlichen Nachdenklichkeit.
Sieh die Augen spiegelnd über Nasen, gekrümmt in Jahrtausendgestalt,
Sieh die Augen blaß ausgelaugt von Verfolgungen,
Sieh den Mund, der faltig blieb von den Flammen der Scheiterhaufen, den Mund, der dünn ist von den Überfällen der Truppen, er schloß sich nicht seit den Handschellen der Gerichtsdiener.
Führer, sieh dein Ewigkeitsgesicht, schmal. Brüderlich.


                                             II. Wort

Du sprichst. Dein Blut erduftet den Armen in levkojischen hellen Beeten
Deine Finger ziehen breit Sonnenstraßen für erstickte Proleten
Du erwinkst den Hungrigen die großen beladenen Kühlmetzgerein,
In kalten Nordlanden schießen aus dir kristallene Häuser von gläsernem Stein.

Du schenkst den jungen Unglücklichen stille Inseln, grüne heiße Urwälder für frierende schwangere Frauen,
Du hältst den Müden deine Handflächen hin, sie werden schnell ruhige Häuser bauen.
Du singst Operntenor auf bemalten Bühnen für Heimarbeiter ohne Sonntagszeit,
Du blickst vor dich Palmen, Schiffsrauch auf Meeren, Eisenbahnreisen für Sterbende im schweißigen Kleid.

Du fliegst mit buckligen Steinsetzern aus splitterndem Staub in den Wald, ans Wasser, zu Tieren,
Du springst unter stehlende Kinder inmitten der Angst, und spielst Ball in Massenquartieren.
Du wirfst um gepeitschte Landlöhner hohe Städte her, eckige Häuser mit Licht und groß,
Du tanzt mit den alleinsitzenden Mädchen im Saal und ziehst sie auf deinen Schoß.
Du liegst in der Nacht am gewölbten Leib, du küßt nackte Arme zärtlich und lang,
Du strömst in alle Frauen der Welt und streichelst ihren Gang.
Du sprichst: die Erde springt wie eine Fackel empor und zerstiebt im finstersten Traum,
Von fernen Sternstrahlen haucht dein Wort und erbaut sie neu aus dem Raum.


                                                   III. Eine Botschaft

Vielleicht kam sie zur Zeit, eine Botschaft vom Lächeln der Menschen, Sonnengang, und, ganz einfach, von Blumen.
Abstieg in die dunklen Buchstaben der fremden Worte, wie in abendliche Gänge hinaus zwischen südlichen Mauern, die zu einer runden Bucht führen mitten in hohen verlöschenden Wasserwolken.
Schauen wie durch den nächtlichen Traumweg eines Fernrohrs, hinein in den riesigen südleuchtend gewölbten Strahlenball unserer Erinnerungen.
Eine Sonne und ein Mond schweben umeinander, licht rötlicher Schaum in weißer Silberhitze über der neu aufscheinenden Erde.
Lächeln, das vor den brüllenden Schwungrädern der Fabrik nicht zittert, Freundinnen in den fliegenden Kleidern! Die sanften, so gestreichelten Locken inmitten blonder Getreidefelder, über die nur stiller Wind zuckt.
Die helle Haut der Freunde, ruhige Körper, die steil auf der schrägen Wiese stehen, während fern ein Wasserfall wölbend am sonnigen Ufer Perlenbögen über sie klirrt.
Die dichten Wiesen so sanft wie große Tieraugen, weit drüben vorm Wald staunt wie Hornton das     rote Kleid einer Golfspielerin im Abendglück.
O Botschaft von Menschen! Ja, vielleicht gibt es Lächeln und schöne Körper, und Augen, die ruhig zarte tiefe Horizonte wie große Blumenkelche um sich austeilen.

Vielleicht, trotzdem ich aufblicke, ich sitze an meinem Tisch, und ich weiß von dem ungeheuren Zug der Menschen um mein Haus,
ich weiß die alten angstvollen Schädel und die kleinen schweigenden Kinder, die an einem schmerzenden Arm schnell mitgezerrt werden,
ich weiß den rasenden Zug, vorbei unter meinem Fenster, vor Furcht Schweigsamer, und nur ein Heulen zieht in die Nacht von den tausend eilenden Tritten auf dem harten Granit;
ich weiß die aus schwarzer Nacht einsam Grinsenden, mit Höllenfalten der Generäle im versteckten Gesicht, die aus vier Weltecken ihre Maschinengewehre auf mein Haus richten.
Aber ich weiß, ich weiß von den verstohlenen Händedrücken meiner Brüder im Dunkel des Menschengedränges,
von der Freundschaft, die wie Scheinwerfer aus nie greifbarem Dunkel in die Nacht hinauf blitzt und ein magisches Bild von Hoffnung und Seligkeit in die Wolken wirft,
ich weiß von der unsichtbaren, schwebenden Riesenstimme, unser Gesang, der wie eine Stahlkette meine Freunde umschlingt.
Ich weiß, wie ich hinunterspringe und wie es im roten Licht der Nacht gegen eine rohe Überzahl von Teufeln geht.
O es ist gewiß, diese alle, die in der Straßenschlacht stehen, werden sterben. Aber das sinnlose heiße Auszischen unseres Lebens fliegt hinaus in die Welt, die Sterne tragen unsere Gesichte verschüttend durch die Nächte, wie Bienen, die vom Blütenstaub beschwert um den Erdball auf und nieder steigen.

Dichte Wiesen schwellen auf aus unseren Keimen, sanfter Hornton im Grün aus dem roten Kleid einer glücklichen Frau, Locken flattern um helle Glieder hoch, die straffe Haut ausgeruhter Leiber springt rosig über die Lichtung hin, wie auf sanften Stengeln blüht Lächeln uns an, das gelernt hat, nicht zu beben unterm fernen Maschinengestampf.
Unser Blut fliegt um die Welt wie die Mittagswolke, die die Keime der heißen Gärten trägt. In allen gewölbten Ländern der runden Erde wird ein schöner Mensch geboren. Einer nur, aber wie viel ist das schon!
Eine Botschaft kam, und der Weltball unserer Erinne    rungen wie ein Mond aus dem Meer stieg auf.
Wir verströmen unser Leben, wir sprengen unsern Leib hinaus in die Katastrophen des dunklen Raums, aber unser Tod über Jahrtausende hin streut hie und da auf die Erde ein Lächeln der Menschen, einen Blick auf den Sonnengang, und, ganz einfach, Blumen.


                                          IV. Die Engel


Führer, du stehst klein, eine zuckende Blutsäule auf der schmalen Tribüne,
Dein Mund ist eine rund gebogene Armbrust, du wirst schwingend abgeschnellt.
Deine Augen werfen im Horizontflug leuchtende Flügel ins Grüne,
Deine Ringerarme kreisen weit hinein ins feindliche Menschenfeld.

Du schwächliche Säule, Gottes Stoß hat deine Krummnase in die zitternden Massen geschwungen,
Deine Ohren hohl beflügelt schweben wie leichte Vögel rosig auf bleiernem Volksschrei,
Die hellen Flügel tragen den Thron deines Kopfes sanft über Steinwürfe und graue Beleidigungen,
Dein Kopf schüttelt wie Wolkengefieder goldblitzende Himmelskuppeln auf die Menschenschultern herbei.

O Engel, ihr fliegt im leuchtenden Ball des Hauptes durch blauen Raum,
Augen, ihr Engel, pfeilt zu den schwirrenden Brüdern im Kreis;
O Zunge, Arme, Gliedersäulen, Engel, ihr umschlingt euch wie Zweige im wehenden Baum.
Führer, sprich! Um dich ringen die Engel auf kristallenen Bergen hochstrahlend und heiß.


                                 V. Denke

Die Nacht im weißen Gefängnis ist mondperl und hoch,
Glanzbraune Gerüste kreuzen vor der Luke in die Zukunft,
Der Führer liegt auf der wulstigen Pritsche,
Ein Spitzelauge haarig schmal witzte durch das Guckloch der glatten Eisentür.
Er liegt ganz still, daß das Blut durch die graden Glieder fließt und zurückschießt,
Der Turm braun bewachsen des Haupts wird auf und herab bestiegen eilends von Wachen.
Tief unten der Wassergraben des Munds liegt in Dürre.
Draußen warten die dunklen bewegten Felder auf den Feuerschein.
O Mund, bald schwimmen bewaffnete Haufen wie schwarze Wellen hervor,
Braunes Haupt, du schleuderst sie krachend weit ins Land,
O Schein des Auges, der das Ziel im Brandfeuer trifft.
O Kuppel, darin die neuen Häuser der Erde schweben, flach ineinandergehüllt, zahllos, und Bildsäulen, Wälder, Sprachen,
Du kristallenes Haupt!

Liegst nun schweigend im weißen Würfel der Zelle auf nächtigem Pritschenrand,
Die Finger schmal zu den Seiten wie morgen im Grab.
Aber dein Pulsschlag klopft schon sacht durch die Mauerröhren der Burg,
Die Wärter flüstern verboten den Gefangenen zu.
Dein Bruderauge kreist schauend wie bewegter Stein durch die wachenden Zellen hin.
Denke du durch alle Gefangenenhirne, hinaus zu den Wachen, über die Höfe, hinaus in die Straßen!
Der Stein über dir aufgetrieben, schwillt.
Dein Haar ist die Plattform der schlaflosen Wachen,
Die Steinmauern in deinem Blut atmen auf und ab von deinem Beben,
Die Gitterfenster rund hoch um das Haus sind dunkel aus deinem Blick.
In Jahrtausenden ist die Burg dein Abbild weit in die Länder hin, dein Name schwebt feuergroß auf dem Himmel, über deinem riesenhohen Steinkopf.

Führer, schlafe heute nacht nicht. Nur diese Nacht denke noch!