Schubart

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Biografie

Seite 2

                Aderlässe

Des Lebens Purpurstrahl
Fährt schäumend aus der kleinen Ritze;
O Schöpfer! wann verfliegt einmal
Dies Blut, das ich in fauler Rast versprütze?
Soll alle meine Kraft
Im Feuer banger Qualen schmelzen?
Gebricht's nicht bald an neuem Saft,
Die Kügelchen des Blutes fortzuwälzen?
Du bist so heiß, o Blut!
Was sprudelst du in dieser irdnen Schale?
Hast du noch Gluth, noch Sonnengluth?
Zückt Freiheit noch in deinem rothen Strahle?
O Arzt! so binde du
Nur schnell, nur schnell mit deiner Binde
Die offne Ader wieder zu:
Denn Freiheit ist des Deutschen größte Sünde.
Doch willst du nimmer heiß,
O Blut! aus deinen Röhren schiessen;
Willst frostig, wie zerschmolznes Eis
Vom nackten Fels, in kalten Tropfen fliessen:
So fliesse, fliesse nur -
Kein Fürst wird deine Kälte strafen;
Denn kalte, frostige Natur
Schickt sich allein für arme deutsche Sklaven.
 


                      An Gott

Gott, wenn ich dich als Weltenschöpfer denke,
Am Meere steh', das deiner Faust entrann,
Und staunend mich hinuntersenke
In diesen Ocean;
Dann fühl’ ich tief der engen Menschheit Schranken -
Wirst du mein Geist in Strudeln untergehn?
Wird die zertrümmerten Gedanken
Dein Sturmwind Gott verwehn?
Denk’ ich die Myriaden Geister alle,
Die deine Hand aus Duft und Feuer hob,
Und hör', wie großer Donner Halle
Aus ihrem Mund dein Lob;
Und seh’ die Sonnenmassen, die, wie Funken,
Auf dein Gebot in fürchterlicher Pracht
Des Lichtthrons letzter Stuf’ entsunken,
Zu leuchten unsrer Nacht;
Seh’ zittern auf dem Meere Regenbogen,
Und deinen Mond in stiller Majestät,
Wie er auf den bezähmten Wogen
Ein Feuerpfeiler steht;
Und seh' dich wandeln mit dein Eichenwipfel,
Und segentriefend schreiten auf der Au',
Und leuchten auf der Berge Gipfel
Und schimmern in dein Thau;
Denk’ deiner Bildungen zahllose Heere
In tausendfach veränderter Gestalt,
Die Ungeheuer in dem Meere,
Die Bestien im Wald;
Und seh' des Wetters schwarze' Wolkehhülle
Und hör’ die Stürme, heulend aus der Kluft;
und hör' des Donners Schreckgebrülle,
Der laut Jehovah! - ruft;
Und den' die feuerathmenden Vesuve,
Fühl’ Erdenschau’r, von schneller Angst gepreßt,
Hör’ kriegerischer Rosse Hufe,
Und seh’ den Flug der Pest;
Seh’, wie dein Arm hinwegwirft leichtre Ruthen,
Und grimmiger nach unsrem Erdball greift,
Ihn schüttelt, bis in schwarzen Fluthen
Die Sünderwelt ersäuft:
Und denk' ich dich des letzten Tages Richter,
Der Frevler all im Sturm zusammentreibt
Ausbläst des hohen Himmels Lichter,
Und unsern Ball zerreibt;
Dann die Empörer mit der hohen Rechte
Hinunterschleudert in der Höllen Gluth,
Daß durch ehtsetzenvolle Nächte
Sie brüllen ihre Wuth:
Dann sink’ ich in die tiefste Tiefe, bebe
Durch alle Glieder; Schrecken packt den Geist;
Es tobt mein Herz, daß das Gewebe
Der Adern schier zerreißt.
Ich Staubgemächt, ich Wurm, bestimmt zum Grabe,
Mit diesem Theilchen Himmelsluft in mir,
Der ich so viel gesündigt habe,
Was bin ich, Gott, vor dir?
Vor dir, vor dir, du Schrecklicher, du Großer,
Du ewig Unerreichbarer von mir!
Jehovah! Schöpfer! Namenloser!
Was bin ich Wurm vor dir?
Doch hör’ ich den, den alle Welten kennen,
Hör’ deinen Sohn den Brüdern sagen: Wißt!
Ihr sollt den euren Vater nennen,
Der euer Schöpfer ist;
Seh’ diesen Sohn, der Menschheit an der Spitze,
Wie er hinabstirbt seinen großen Tod,
Wo er für uns sein Haupt dem Blitze
Des Sündenrächers bot:
Dann zittr’ ich auf vor Wonn’ aus meinem Staube;
Blick’ hin zu Gott mit heiterm Angesicht,
Und hör’ es, wie in mir der Glaube
Sein Abba, Abba! spricht.
O! dessen Arme väterlich umfassen
Den Staub, den er aus Nächten kommen hieß,
Mich, Vater, solltest du verlassen,
Den alle Welt verließ?
Solltst mich nicht sehen auf dem Kerkerboden?
Nicht sehn die graue Thrän' im Staub?
Wegwerfen mich, wie einen Todten,
Der Geier-Wuth zum Raub?
Das thust du nicht, erbarmungsvolles Wesen!
So lang dein Geist in meinem Herzen spricht:
Wenn Mütter ihres Sohns vergäßen,
Vergäß’ ich deiner nicht.
 


           An Tilla

Hier ist, o liebes Weibchen!
    Ein kleiner Wunsch für dich.
Ich wünsche dir, mein Täubchen,
    Ein kugelrundes Leibchen,
        Und ach! – zum Autor – mich!
 


       An den Frieden

Friedensgöttin, komm, ich flehe
Dir mit hochgehobner Hand,
Komm herab von deiner Himmelshöhe,
Dich bedarf mein armes Vaterland.
Sieh im Maienmonde wollen
Heere ziehen in das Feld.
Wie sie schon die Augen blutig rollen,
Zu verheeren eine ganze Welt.
Freude flieht vor Mavors Rufe,
Der sich schlachtendurstig naht;
Seiner kriegerischen Rosse Hufe
Stampfen, knicken unsre Frühlingssaat.
Blumen sterben, wo die Sohle
Eines erznen Kriegers geht;
Traurig liegt das Röschen, die Viole,
Jedes Blümchen auf zertretnem Beet.
O so komm, du Friede, nieder,
Sänftige der Krieger Sinn.
Tausend Deutsche, alle brav und bieder"
Grüßen dich, du Himmels-Königin.
 


              An die Freiheit

O Freiheit, Freiheit! Gottes Schooß entstiegen,
Du aller Wesen seligstes Vergnügen,
An tausendfachen Wonnen reich,
Machst du die Menschen Göttern gleich.
Wo find' ich dich, wo hast du deine Halle?
Damit auch ich anbetend niederfalle;
Dann ewig glücklich - ewig frei
Ein Priester deines Tempels sey.
Einst walltest du so gern in Deutschlands Hainen,
Und ließest dich vom Mondenlicht bescheinen,
Und unter Wodanseichen war
Dein unentweihtester Altar.
Es sonnte Hermann sich in deinem Glanze,
An deine Eiche lehnt` er seine Lanze,
Und ach, mit mütterlicher Lust
Nahmst du den Deutschen an die Brust.
Bald aber scheuchten Fürsten deinen Frieden,
Und Pfaffen, die so gerne Fesseln schmieden;
Da wandtest du dein Angesicht
Wo Fesseln rasseln - bist du nicht.
Dann flogst du zu den Schweizern, zu den Britten;
Warst seltner in Pallästen, als in Hütten;
Auch bautest du ein leichtes Zelt
Dir in Kolumbus neuer Welt.
Und endlich, allen Völkern zum Erstaunen,
Als hätt' auch eine Göttin ihre Launen,
Hast du dein Angesicht verklärt
Zu leichten Galliern gekehrt.
 


          An die Todten

Schlummert süß, ihr Jüngstgestorbnen, alle,
Schummert süß, in eurer Todtenhalle!
Keine Erdenstürme mehr
Rasen um euch her.
Euch erwecken keine Schlachtenrufe,
Nicht die Donnertritte ehrner Hufe;,
Nicht des wilden Kriegers Wuth,
Brüllend noch im Blut.
Eure Leiber modern in der Stille,
Einst durchströmt sie neue Lebensfülle,
Und in neuer Welten Glanz
Lebt ihr wieder ganz -
Ganz mit eurem Geiste neuverbunden.
Ueberwunden habt ihr - überwunden!
Ausgekämpft ist dann der Streit
Schwerer Eitelkeit.
Liebe Todten, alle meine Brüder,
Schlummert süß, wir alle leben wieder!
Nicht durch Monde wandelbar
Geht dann auf das Jahr.
Gern, ihr Todten, will ich bei euch liegen,
Eilt ihr Jahre nur in euren Flügen!
Früher rolle dich, o Zeit,
Auf zur Ewigkeit.
 


Auf die Leiche eines Regenten

Seyd ihr, Götter dieser Erde,
Seyd ihr Menschenstaub, wie wir?
O! so zittert! Der Gefährte
Eurer Größe lieget hier.
Steigt von goldnen Stufen nieder
Zu den Särgen eurer Brüder;
Denkt beim Leichenpompe heut
Auch an eure Sterblichkeit.
Habt ihr, wenn der junge Waise,
Vor euch klagte, auch gehört?
Und den fetten Bauch vom Schweiße
Einer Wittwe nie genährt?
Seyd ihr willig, reiche Sklaven
Schwarzer Laster zu bestrafen?
Helft ihr auch dem Tugendfreund,
Wann er hülflos vor euch weint?
Fröhnt ihr selber nicht den Lüsten,
Die ihr scharf an andern straft?
Seyd ihr Bürger, seyd ihr Christen?
Seyd ihr weis' und tugendhaft?
Sieht man nie von stolzen Höhen
Euch verächtlich niedersehen?
Kennt ihr eure Ritterpflicht?
O! so kommt, und zittert nicht.
Denn hier schlummert ein Regente,
Der Verlaß'nen Gutes that,
Und die richterlichen Hände
Nie mit Blut gefärbet hat;
Der auf Lasterthaten blitzte
Und der Wittwen Recht beschützte;
Der dem Waisen und der Noth
Willig seine Hände bot.
Unpartheyisch, wie der Sonne
Warmer, segenschwangrer Strahl,
Der den Eichen strömet Wonne,
Wie dem Veilchen in dem Thal,
Strahlt' von seines Stuhles Höhen
Allgemeines Wohlergehen
In der Reichen Marmorhaus,
Wie in arme Hütten aus.
Noch in halbentnervten Händen
Trug er den Regentenstab,
Und das Schwert an schlaffen Lenden,
Das Gerechtigkeit ihm gab.
Und, wie Helden, wenn sie sterben,
Sprach er, ohne zu entfärben:
Gott, hier ist die schwere Last,
Die du mir vertrauet hast.
Aufgelöst in Thränen schwanken
Arme hinter seiner Bahr;
Stimmen der Verlaßnen danken
Ihm, der ihre Stütze war.
Goldne Zierde deines Standes,
Vater unsers Vaterlandes,
Unser unerkauftes Ach!
Fliege deiner Seele nach.
Große, hebt die Angesichter
Ueber jene Sternenbahn!
Dorten trefft ihr euren Richter,
Wie der ärmste Bettler, an;
Ihn, vor dessen Ungewittern
Auch der Cedern Wipfel zittern.
Drum so übt noch in der Zeit
Tugend und Gerechtigkeit.
 


Auf eine Bastillentrümmer von der Kerkerthüre Voltaire's
(die dem Verfasser von Paris geschickt wurde)

Dank dir, o Freund, aus voller Herzensfülle
Für die Reliquie der greulichen Bastille,
Die freier Bürger starke Hand
Zermalmend warf in Schutt und Sand.
Zertrümmert ist die Schauerklause,
Die einst, o Voltaire, dich in dumpfe Nacht verschloß.
Kein Holz, kein Stein, kein Nagel bleibe von dem Hause,
Wo oft der Unschuld Zähre sich ergoß! -
Drum, Biedermann, empfange meinen Segen
Für diese Trümmer, die du mir geschickt;
Sie ist mir theurer als ein goldner Degen,
Womit einst ein Tyrann die Freien unterdrückt.
 


Bei Einweihung der Carls-Universität, alszugleich
die Nachricht von Oetingers Tod sich verbreitete

             1782.
Carl baut ein schwäbisches Athene! -
Und ach! im Pomp der Weihe fällt
Des Weisen und des Christen Thräne!
Denn Oetinger, der Lehrer einer Welt -
Er. der ins ungeheure Ganze
Mit scharfem Seheraug' geblickt,
Und ungeblendet von dem Glanze
Des Wahns - mit Einfalt sich geschmückt; -
Ach, Oetinger - der wahre Jesusjünger -
Der seine Größe zwar gefühlt -
Und doch in Demuth sich geringer
Als seine jüngsten Brüder hielt; -
Ja Oetinger flog auf in jene Kreise. -
Senkt weinend ihn ins dunkle Grab hinein! -
Denn Er- der Christ! der Edle! und der Weise!!
War eine hohe Schul' allein.
 


  Das Schwabenmädchen

Ich Mädchen bin aus Schwaben,
Und braun ist mein Gesicht;
Der Sachsenmädchen Gaben
Besitz' ich freilich nicht.
Die können Bücher lesen,
Den Wieland, und den Gleim;
Und ihr Gezier und Wesen
Ist süß wie Honigseim.
Der Spott, mit dem sie stechen,
Ist scharf wie Nadelspitz;
Der Witz, mit dem sie sprechen,
Ist nur Romanenwitz.
Mir fehlt zwar diese Gabe,
Fein bin ich nicht und schlau;
Doch kriegt ein braver Schwabe
An mir 'ne brave Frau.
Das Tändeln, Schreiben, Lesen
Macht Mädchen widerlich;
Der Mann, für mich erlesen,
Der liest einmal für mich.
Ha, Jüngling, bist aus Schwaben?
Liebst du dein Vaterland?
So komm, du sollst mich haben.
Schau hier ist meine Hand!
 


    Der Bettelsoldat

Mit jammervollem Blicke,
Von tausend Sorgen schwer,
Hink' ich an meiner Krücke
In weiter Welt umher
Gott weiß, hab' viel gelitten,
Ich hab' so manchen Kampf
In mancher Schlacht gestritten,
Gehüllt in Pulverdampf.
Sah manchen Kameraden
An meiner Seite todt,
Und mußt’ im Blute waten,
Wenn es mein Herr gebot.
Mir drohten oft Geschütze
Den fürchterlichsten Tod,
Oft trank ich aus der Pfütze,
Oft aß ich schimmlicht Brod.
Ich stand in Sturm und Regen
In grauser Mitternacht,
Bei Blitz und Donnerschlägen,
Oft einsam auf der Wacht.
Und nun nach mancher Schonung,
Noch fern von meinem Grab,
Empfang' ich die Belohnung -
Mit diesem Bettelstab.
Bedeckt mit dreizehn Wunden,
An meine Krück’ gelehnt,
Hab' ich in manchen Stunden
Mich nach dem Tod gesehnt.
Ich bettle vor den Thüren,
Ich armer lahmer Mann!
Doch ach! wen kann ich rühren?
Wer nimmt sich meiner an?
War einst ein braver Krieger,
Sang manch Soldatenlied
Im Reihen froher Sieger;
Nun bin ich Invalid.
Ihr Söhne, bei der Krücke,
An der mein Leib sich beugt,
Bei diesem Thränenblicke,
Der sich zum Grabe neigt;
Beschwör' ich euch - ihr Söhne!
O flieht der Trommel Ton
Und Kriegstrommetentöne!
Sonst kriegt ihr meinen Lohn.
 


       Der Frühlingsabend

Kühlender Abend steige vom Hügel
Lieblich verguldet vom sonnigen Strahl;
Thaue von deinem purpurnen Flügel
Tropfen aufs durstige Blümlein im Thal.
Gluckt, Nachtigallen, zärtlich Lieder,
Reget ihr Weste euer Gefieder;
Schüttelt vom Baum
Seidene Pflaum!
Walle, o Duft! Vom Blüthenzweig nieder.
Hier auf der Erde blumigem Schooße
Ruh' ich! es ruhet mein Mädchen bei mir.
Meine Geliebte: Kennst du die große,
Kennst du die fühlende Freundin von dir?
Lieblicher Abend, lächle der Trauten!
Lächle der Schlanken, Himmlischgebauten!
Schöner war nicht
Florens Gesicht,
Als sie des Morgens Tropfen bethauten.
Hesperus äugelt hoch in der Ferne;
Ziehst du schon, Mond, am Sternenfeld auf?
Sieh doch, Geliebte, sieh doch die Sterne!
Sieh doch zur freundlichen Luna hinauf!
Doch seh' ich nicht im Auge der Milden
Thränen der Liebe schimmernd sich bilden?
Sind sie es nicht,
Die dein Gesicht,
Wie eines Engels Antlitz vergülden?
Lieblicher Abend, Erweicher der Herzen!
Dank dir, des Frühlings liebkosender Sohn,
Daß du geendigt zärtliche Schmerzen;
Sieh doch, die Holde umarmet mich schon!
Schmelzende Wonne flimmt in den Blicken -
Ach ich empfinde Himmelsentzücken.
Liebe, nur du
Wiegst uns in Ruh';
Kannst, wie ein Gott, allein uns beglücken.
 


        Der Gefangene

Gefangner Mann, ein armer Mann!
Durchs schwarze Eisengitter
Starr' ich den fernen Himmel an,
Und wein' und seufze bitter.
Die Sonne, sonst so hell und rund,
Schaut trüb auf mich herunter;
Und kömmt die braune Abendstund',
So geht sie blutig unter.
Mir ist der Mond so gelb, so bleich,
Er wallt im Wittwenschleier;
Die Sterne mir - sind Fackeln gleich
Bei einer Todtenfeyer.
Mag sehen nicht die Blümlein blühn,
Nicht fühlen Lenzeswehen;
Ach! lieber säh' ich Rosmarin
Im Duft der Gräber stehen.
Vergebens wiegt der Abendhauch
Für mich die goldnen Aehren;
Möcht' nur in meinem Felsenbauch
Die Stürme brausen hören.
Was hilft mir Thau, und Sonnenschein
Im Busen einer Rose;
Denn nichts ist mein, ach! nichts ist mein,
Im Muttererdenschooße.
Kann nimmer an der Gattin Brust,
Nicht an der Kinder Wangen,
Mit Gattenwonne, Vaterlust
In Himmelsthränen hangen.
Gefangner Mann, ein armer Mann!
Fern von den Lieben allen,
Muß ich des Lebens Dornenbahn
In Schauernächten wallen.
Es gähnt mich an die Einsamkei t,
Ich wälze mich auf Nesseln;
Und selbst mein Beten wird entweiht
Vom Klirren meiner Fesseln.
Mich drängt der hohen Freiheit Ruf;
Ich fühl's, daß Gott nur Sklaven
Und Teufel für die Ketten schuf,
Um sie damit zu strafen.
Was hab' ich, Brüder! euch gethan?
Kommt doch, und seht mich Armen!
Gefangner Mann! ein armer Mann!
Ach! habt mit mir Erbarmen!
 


  Der glückliche Ehemann

Ich bin so glücklich, bin so froh;
Ein Weiblein darf ich lieben,
Ganz wie einst König Solomo
Sein liebstes Weib beschrieben.
Wie rüstig ist sie spät und früh!
In goldner Morgenstunde
Weckt sie mich mit der Melod
Aus meines Herzens Grunde.
Ich hab' den Engel dann und wann
Im Stillen knieen sehen.
Da hört' ich sie für ihren Mann
Und ihre Kinder flehen.
Im Bibelbuch liest sie so gern.
Bei jeder schönen Stelle
Wird meines Weibchens Augenstern.
Von frommen Zähren helle.
Dann rennt so frisch das gute Kind
Im Hause hin und wieder.
Befiehlt; und hält doch das Gesind
Für Schwestern und für Brüder.
Dem Vieh gebricht sein Futter nie.
Wie flattert ihr entgegen
Im Hof das bunte Federvieh
Und pickt den goldnen Regen.
Als Mutter erst - da solltet ihr
Dieß Herzensweiblein kennen.
Schwör' euch, ihr würdet sie mit mir
Der Mütter Muster nennen.
Wie lehrt die treue Mutter nicht,
Den Töchtern und den Söhnen,
Zur Fertigkeit in jeder Pflicht
Sich zeitig zu gewöhnen! -
Dann setzt sie, wie das Bild der Ruh’,
Sich still an meine Seite.
Ich hör' dem Tanz der Spindel zu
Mit inniglicher Freude.
Wie wird die Arbeit mir so leicht!
Es streichelt mich die Liebe,
Sieht sie oft meine Stirne feucht
Und meine Augen trübe.
Ihr Frühlingslächeln im Gesicht
Lehrt mich des Lebens Plagen,
Lehrt Zentner, wie ein Lothgewicht,
Mich Glücklichen ertragen.
Sie sorgt für mein gesundes Mahl;
Und reicht mir, will ich trinken,
Mit Lächeln selber den Pokal,
Drinn goldne Tropfen blinken.
Des Himmels Pracht, der Auen Zier,
Das spiegelnde Gewässer,
Du holdes Weib, gefallen mir
An deiner Seite besser.
Drum steigt mein Dank zum Himmel hin,
Daß Thränen mir entbeben,
Weil Gott zur Lebensführerin
Mir solch' ein Weib gegeben.
Mit ihr laß mich durchs Erdenthal,
Du Gott der Liebe, wallen;
Mit ihr in deines Thrones Strahl
Einst dankend niederfallen.
Du ließest uns der Häuslichkeit
So süßes Glück genießen;
O sey dafür in Ewigkeit,
Allmächtiger, gepriesen!!
 


             Die Aussicht

Schön ist's, von des Thränenberges Höhen
Gott auf seiner Erde wandeln sehen,
Wo sein Odem die Geschöpfe küßt.
Auen sehen, drauf Natur, die treue,
Eingekleidet in des Himmels Bläue,
Schreitet, und wo Milch und Honig fließt!
Schön ist's in des Thränenberges Lüften
Bäume sehn, in silberweißen Düften,
Die der Käfer wonnesummend trinkt;
Und die Straße sehn im weiten Lande,
Menschenwimmelnd, wie vom Silbersande
Sie, der Milchstraß' gleich am Himmel, blinkt.
Und den Neckar blau vorüberziehend,
In dem Gold der Abendsonne glühend,
Ist dem Späherblicke Himmelslust;
Und den Wein, des siechen Wandrers Leben,
Wachsen sehn an mütterlichen Reben,
Ist Entzücken für des Dichters Brust.
Aber, armer Mann, du bist gefangen;
Kannst du trunken an der Schönheit hängen?
Nichts auf dieser schönen Welt ist dein!
Alles, alles ist in tiefer Trauer
Auf der weiten Erde; denn die Mauer
Meiner Veste schließt mich Armen ein!
Doch herab von meinem Thränenberge
Seh' ich dort den Moderplatz der Särge;
Hinter einer Kirche streckt er sich
Grüner als die andern Plätze alle: -
Ach! Herab von meinem hohen Walle
Seh’ ich keinen schönern Platz für mich!
 


     Die Forelle

In einem Bächlein helle,
Da schoß in froher Eil'
Die launige Forelle
Vorüber wie ein Pfeil.
Ich stand an dem Gestade,
Und sah in süßer Ruh'
Des muntern Fisches Bade
Im klaren Bächlein zu.
Ein Fischer mit der Ruthe
Wohl an dem Ufer stand,
Und sah's mit kaltem Blute,
Wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle,
So dacht' ich, nicht gebricht,
So fängt er die Forelle
Mit seiner Angel nicht.
Doch plötzlich ward dem Diebe
Die Zeit zu lang. Er macht
Das Bächlein tückisch trübe
Und eh' ich es gedacht; -
So zuckte seine Ruthe,
Das Fischlein zappelt dran,
Und ich mit regem Blute
Sah die Betrogne an.
Die ihr am goldnen Quelle
Der sichern Jugend weilt,
Denkt doch an die Forelle;
Seht ihr Gefahr, so eilt!
Meist fehlt ihr nur aus Mangel
Der Klugheit. Mädchen seht
Verführer mit der Angel! -
Sonst blutet ihr zu spät.
 


          Die Fürstengruft

Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer,
Ehmals die Götzen ihre Welt!
Da liegen sie, vom fürchterlichen Schimmer
Des blassen Tags erhellt!
Die alten Särge leuchten in der dunkeln
Verwesungsgruft, wie faules Holz;
Wie matt die großen Silberschilde funkeln,
Der Fürsten letzter Stolz!
Entsetzen packt den Wandrer hier am Haare,
Geußt Schauer über seine Haut,
Wo Eitelkeit, gelehnt an eine Bahre,
Aus hohlen Augen schaut.
Wie fürchterlich ist hier des Nachhalls Stimme!
Ein Zehentritt stört seine Ruh'.
Kein Wetter Gottes spricht mit lauterm Grimme:
O Mensch, wie klein bist du!
Denn ach! hier liegt der edle Fürst, der gute!
Zum Völkersegen einst gesandt,
Wie der, den Gott zur Nationenruthe
Im Zorn zusammenband.
An ihren Urnen weinen Marmorgeister;
Doch kalte Thränen nur, von Stein,
Und lachend grub, vielleicht ein welscher Meister,
Sie einst dem Marmor ein.
Da liegen Schädel mit verloschnen Blicken,
Die ehmals hoch herabgedroht,
Der Menschheit Schrecken! - denn an ihrem Nicken
Hing Leben oder Tod.
Nun ist die Hand herabgefault zum Knochen,
Die oft mit kaltem Federzug
Den Weisen, der am Thron zu laut gesprochen,
In harte Fesseln schlug.
Zum Todtenbein ist nun die Brust geworden,
Einst eingehüllt in Goldgewand,
Daran ein Stern und ein entweihter Orden,
Wie zween Kometen stand.
Vertrocknet und verschrumpft sind die Kanäle,
Drinn geiles Blut, wie Feuer floß,
Das schäumend Gift der Unschuld in die Seele,
Wie in den Körper goß.
Sprecht Höflinge, mit Ehrfurcht auf der Lippe,
Nun Schmeichelei'n ins taube Ohr! -
Beräuchert das durchlauchtige Gerippe
Mit Weihrauch, wie zuvor!
Er steht nicht auf, euch Beifall zuzulächeln,
Und wiehert keine Zoten mehr,
Damit geschminkte Zofen ihn befächeln,
Schamlos und geil, wie er.
Sie liegen nun, den eisern Schlaf zu schlafen,
Die Menschengeisseln, unbetraurt,
Im Felsengrab, verächtlicher als Sklaven,
Im Kerker eingemaurt.
Sie, die im ehrnen Busen niemals fühlten
Die Schrecken der Religion,
Und Gottgeschaffne, bessre Menschen hielten
Für Vieh, bestimmt zur Frohn;
Die das Gewissen, jenen mächt'gen Kläger,
Der alle Schulden niederschreibt,
Durch Trommelschlag, durch welsche Trillerschläger
Und Jagdlärm übertäubt;
Die Hunde nur und Pferd' und fremde Dirnen
Mit Gnade lohnten, und Genie
Und Weisheit darben liessen; denn das Zürnen
Der Geister schreckte sie.
Die hegen nun in dieser Schauergrotte
Mit Staub und Würmern zugedeckt,
So stumm! so ruhmlos! noch von keinem Gotte
Ins Leben aufgeweckt.
Weckt sie nur nicht mit eurem bangen Aechzen
Ihr Schaaren, die sie arm gemacht,
Verscheucht die Raben, daß von ihrem Krächzen
Kein Wüthrich hier erwacht!
Hier klatsche nicht des armen Landmanns Peitsche,
Die Nachts das Wild vom Acker scheucht!
An diesem Gitter weile nicht der Deutsche,
Der siech vorüberkeucht!
Hier heule nicht der bleiche Waisenknabe,
Dem ein Tyrann den Vater nahm;
Nie fluche hier der Krüppel an dem Stabe,
Von fremdem Solde lahm.
Damit die Quäler nicht – zu früh erwachen,
Seyd menschlicher, erweckt sie nicht.
Ha! Früh genug wird ihnen krachen
Der Donner am Gericht.
Wo Todesengel nach Tyrannen greifen,
Wenn sie im Grimm der Richter weckt,
Und ihre Gräul zu einem Berge häufen,
Der flammend sie bedeckt.
Ihr aber, bessre Fürsten, schlummert süße
Im Nachtgewölbe dieser Gruft!
Schon wandelt euer Geist im Paradiese,
Gehüllt in Blüthenduft.
Jauchzt nur entgegen jenem großen Tage,
Der aller Fürsten Thaten wiegt,
Wie Sternenklang tönt euch des Richters Wage,
Drauf eure Tugend liegt.
Ach, unterm Lispel eurer frohen Brüder
Ihr habt sie satt und froh gemacht,
Wird eure volle Schale sinken nieder,
Wenn ihr zum Lohn erwacht.
Wie wird's euch seyn, wenn ihr vom Sonnenthrone
Des Richters Stimme wandeln hört:
»Ihr Brüder, nehmt auf ewig hin die Krone,
Ihr seyd zu herrschen werth.«
 


               Die Linde

Warst so schön, breitwipflichter Baum,
Als dir schwollen die Knospen,
Als du Blüthendüfte verhauchtest;
Warst so schön!
Dich umsummt' im Lenzabend der Käfer,
Geflügelte Ameisen schwärmten
Wie Mittagswölkchen, die die Sonne
Versilbert, um deinen Blüthenzweig.
Die Blüthe fiel; da warst du grün
Und stärktest mein Auge,
Das ans falsche Dunkel meines Kerkers
Gewöhnt, blinzt' im Sonnenstrahl.
Und nun bist du halbnackt;
Der Herbststurm blies um deinen Scheitel,
Und deinen Schmuck; die goldnen Blätter
Wälzt nun wogend der Odem des Sturms.
Die schwarzen Aeste starren traurend,
Ihrer Decke beraubt, in die Luft.
Dich flieht der Sperling, denn du bist
Ihm nicht mehr Hülle gegen den Sperber.
Einst knospete ich, o Linde!
Schöner, als du. Trug Blüthen
Des Knaben, des Jünglings, die süßer
Dufteten, als du im Frühlingsschmuck.
Meine geringelten Seidenlocken
Waren schöner, als dein grünes Haar.
Schöner, als deines Finken und Distelvogels,
Scholl mein Gesang und Flügelspiel.
Ich war ein Mann, breitwipflicht
Und lieblich im Sonnenstrahl spielend.
Meines Geistes Fittig deckte die Meinen, -
Wie dein schattender Wipfel den Pilger.
Aber ach! mein Herbst ist gekommen;
So früh ist schon mein Herbst gekommen!
Das Schicksal blies mit kaltem stürmendem Odem;
Und meine Blätter fielen.
Heiser ist mein Gesang;
Die geflügelte Rechte lahmt
Auf den braunen Tasten
Des goldnen Saitenspiels.
Meine Phantasie, der Riese,
Zuckt ausgestreckt, wie ein Geripp'
Im Staube. Mein Witz, die Rose,
Liegt entblättert, zerknickt.
Fern ist meine Liebe;
Meine Kinder sind ferne; -
Der schwarze, starre, enthaarte Ast
Vermag nicht mehr zu schatten die Lieben!
 


  Eheliche Gutenacht

Gute Nacht!
Unser Taglauf ist vollbracht,
Goldne Sternlein äugeln wieder
Von des Himmels Zinne nieder;
Und des Mondes Scheibe lacht,
Gute Nacht!
Zum Klavier,
Herzensweibchen, eilen wir! –
Um ins Goldgeweb' zu spielen,
Was wir für einander fühlen;
Ich mit dir und du mit mir,
Am Klavier.
Gottes Ruh’
Säuselt uns vom Himmel zu;
Bringt uns der Empfindung Fülle,
Zärtlichkeit und Herzensstille,
Ach ich fühle sie wie du
Gottes Ruh’.
O gewiß, Welt,
Welt du bist ein Paradies;
Wenn wir schon im Erdenleben
Liebe nehmen, Liebe geben; -
Welt, so bist du uns gewiß
Paradies.
Schimmernd fällt
Unsre Thrän' dem Herrn der Welt.
Ach! dem Stifter unsrer Ehe
Flammt der Dank zur fernsten Höhe! –
Sieh, die Zähre, Herr der Welt,
Wie sie fällt! -
Gute Nacht!
Sieh den Mond in stiller Pracht
Uns mit goldenen Strahlen winken,
Um in deinen Arm zu sinken,
Weib, zur Wonne mir gemacht. –
Gute Nacht!
 


     Ermunterung

Auf, mein Geist, in freie Luft
Aus dem Angstgedränge!
Diese dunkle Todtengruft
Ist dir viel zu enge!
Du bist frei!
Sklaverei,
Kerker, Zwang und Bande
Sind des Geistes Schande.
Eines Christen Geist durchdringt
Dicke Felsenquader;
Fessellos und leicht geschwingt
Hebt er sich zum Vater.
Gottes Hauch
Bist du auch!
Soll Jehovah's Hauchen
Hier in Angst verrauchen?
Sieh das blaue Sternenfeld
Wogigt um dich fliessen;
Sieh den Mond, und sieh die Welt
Unter deinen Füßen.
Sieh das Licht!
Funkeln nicht
Deines Gottes Wunder
Ueberall herunter?
Sieh die ungeheure Zahl:
Thiere, Seelen, Geister
Stehn, und preisen überall
Ihren Gott und Meister.
Staub und Stern
Singt dem Herrn;
Seele kannst du schweigen
Unter so viel Zeugen?
Schwache Seele, willst du nur
Mit dem Schöpfer zanken?
Heb dich über die Natur,
Lern für's Elend danken,
Unter Zucht
Wächst die Frucht,
Reift der Geist zu Freuden
Wahrer Seligkeiten.
Siehst du am krystallnen Meer,
Dort die Schaar der Frommen?
Aus der großen Drangsal her
Ist die Schaar gekommen?
O wie preist
Nun ihr Geist
Gott für kurze Plagen,
Die sie hier getragen.
Drum, mein Geist, laß keine Noth
Dich zur Kleinmuth bringen;
Sey nur treu bis in den Tod,
Dann wird dir's gelingen,
Daß du noch
Christi Joch
Sanft und rettend heissest,
Und den Vater preisest.
 


                  Es ist genug
    
Nach I. Buch der Könige 19, 4.

Es ist genug! So nimm denn meine Seele,
Die müde Seele nimm zu dir.
Du weißt, wie ich die Augenblicke zähle,
Du kennst dieß bange Herz in mir,
Das oft, getäuscht, dem Tod entgegenschlug:
Es ist genug!
Mich lockt nicht mehr die bunte Pracht der Erde,
Gold ist mir Staub und Ehre Tand;
Der frechen Lust einladende Gebehrde,
Der Stolz im strahlenden Gewand,
Des Schwelgers Tisch, vom süßen Gifte schwer,
Lockt mich nicht mehr.
Die Thorheit geht der Weisheit hier zur Seite,
Und bei der Wahrheit steht der Wahn;
Die Künste sind nicht mehr der reinen Freude,
Sie sind der Wollust unterthan:
Die Tugend klagt; in schwarzen Klausen weint
Der Menschenfreund.
Selbst der Natur unschuldigstes Vergnügen
Wird oft durch's Schmerzgefühl entweiht,
Daß unter Blumen Menschenbeine liegen
Und daß der Thron der Eitelkeit
Vom sanften West und Todtenduft beweht
Auf Schädeln steht.
Der junge Mai, verstrickt in Rosenfesseln,
Stirbt, wie der Käfer, den er nährt;
Die Lilie verwelkt mit rauhen Nesseln,
Die Rose wird vom Wurm versehrt;
Die Blüthe fällt; des goldnen Abends Pracht
Verschlingt die Nacht.
Sprich, Gott, wie lang' ich noch im Schauerthale
Als ein Gebundner schmachten soll?
Ist's bald genug? Und ist die Leidensschale
Nicht bald von meinen Thränen voll?
Sind Seufzer, tief ins Herzblut eingetaucht,
Nicht bald verhaucht?
Es ist genug! Entrück mich den Gefahren,
Den Aengsten meiner Lebenszeit!
Bin ich denn nicht, wie meine Väter waren,
Ein Wurm, ein Spiel der Eitelkeit.
O Vater, dessen Ruthe mich zerschlug:
Es ist genug!
Zur Ewigkeit, ich fühl's, bin ich geboren;
Hier bin ich Wandrer, Bürger nicht!
Mein Erbe ist, du Gott! hast es geschworen;
Mein ewig Erbe ist im Licht.
Ist's Sünde denn, wenn meine Seele schreyt
Nach Ewigkeit?
Genug, genug! Es ist genug gejammert;
Genug hab' ich die bleiche Hand
Ins Gitter meines Kerkers eingeklammert,
Und Seufzer himmelan gesandt.
Genug hab' ich die Fessel rasseln hören,
Die ein verworfner Bruder trug!
Gott! sprich einmal: Versiegt sind deine Zähren,
Es ist genug!
 


                 Frage

Warum ist mir das Morgenroth
So blutgestreift? die Welt so todt?
Warum strahlt mir das Sonnelicht
Oft so beschwerlich ins Gesicht?
Und warum weint die Wolke mir?
Was traurt der Linde Blüthenzier?
Die Lüfte wimmern: jedes Bild
Ist mir in Trauerflor gehüllt!
Der Thau, beglänzt vom Sonnenschein,
Däucht mir, vom Schnmerz geweint zu seyn,
Die Wohlgerüche in der Luft
Umschwimmen mich wie Gräberduft;
Die lieben Blümlein allzumal
Sind mir versengt vom Sonnenstrahl.
Der Vogel aus der Luft herab
Tönt mir, wie Sterbgesang am Grab;
Und alles, alles um mich her
Scheint kummervoll und thr äneschwer.
Die Farben grün und weiß und roth,
Sind abgestanden, schwarz und todt.
Die Menschen. derenTrost ich such’,
Sind Geister, die im Leichentuch
Mich ansehn bleich, und furchtbarstumm.
Du guter Gott! warum, warum?
Hast du der ganzen Erde Pracht
Zu einem Todtenschlund gemacht? -
Ach nein! die Welt ist noch, wie vor,
Nur dem, der, Freiheit! dich verlor
Ist diese Welt, so schön gemacht,
Ein Todtenschlund voll Fluch und Nacht
Wo alles heult, den Schädel schlägt,
Verzweiflung brüllt, - und Ketten trägt!
O Gott im Himmel mach mich frei
Aus dieser Höllentäuscherei -.
 


            Geduld

O die Huld
Des Himmels groß erzogen!
Geduld! Geduld!
Wo bist du hingeflogen?
Hat Gott dich nicht geschmückt
Mit Glanz der Welt geschickt?
Die Menschheit schrie
Hinauf vom Staub der Erde.
Gott hörte sie;
Mitleidig sprach er: Werde!
Geduld! Geduld! Du stiegst
Aus einer Wolk’ und schwiegst.
Die Hoffnung war
Zugleich mit dir erschienen:
Du Zwillingspaar,
Sprach Gott mit Vatermienen,
Fleuch nun mit milderm Strahl
Hinab ins Gräberthal.
Du sahst die Welt
Geschaffen zum Vergnügen,
Nun öd, verstellt,
In Nächten vor dir liegen
Und eine Thräne floß
Herab in deinen Schooß.
Als Adam stand
Auf dem verfluchten Boden,
Und Eva fand
Im Blut den ersten Todten,
Da kamst du ungesehn,
Den Armen beizustehn!
Wenn Noah schwimmt
Auf ausgelaßnen Meeren,
Hört Gott ergrimmt
Die Welt um ihn zerstören;
Geduld! so girrst ihm du
Aus einem Täublein zu!
Wenn Abram, voll
Des väterlichsten Schmerzens,
Nun opfern soll
Den Liebling seines Herzens,
So minderst du die Qual,
Und Hoffnung führt den Stahl -
Dir, Jacob, sind
Lastjahre leicht, wie Tage;
Das Himmelskind,
Geduld, versüßt die Plage;
Sie lächelt dir, und schaut
Aus Rahel deiner Braut.
Ein Joseph war
Getrost in Grab und Kerker;
Denn unsichtbar
Macht die Geduld ihn stärker.
Sie stellt ihn nach dem Hohn
Nah an des Königs Thron.
Wer? Hiob! wer
Half dir die Schrecken tragen,
Als um dich her
Die Wetter Gottes lagen?
Wer war's als die Geduld,
Gesandt von Gottes Huld?
Wenn Juda fühlt
Die heiße Last der Zügel, Geduld!
Geduld! so kühlt
Das arme Volk dein Flügel.
Nun harrt der Müde gern
Auf Hülfe von dem Herrn.
Geduld! Warst du
Nicht in der lichten Wolke
Und sandtest Ruh'
Herab dem müden Volke,
Ermannte Moses sich
In Wüsten nicht durch dich?
Du hörtest sie,
Die Gotterwählten Seelen,
Sie konnten nie
Auf dunkeln Pfaden fehlen.
Du selbsten machtest Bahn
Bis hin nach Kanaan.
Wenn David muß
Dem Spieße Sauls entfliehen,
Mit wundem Fuß
Durch Wüstenelen ziehen,
So zeigt Geduld ihm schon
Den künft' gen Herrscherthron.
Manasse heult,
Ihn drücken schwere Bande;
Jedoch es eilt
Zu ihm die Gottgesandte;
Und nun empfindet er
Der Fesseln Last nicht mehr.
In Babylon
Was musste Juda leiden?
Der Harfe Ton
Hing stumm an dürren Weiden.
Geduld! Du kamst; nun klang
Dem Volk dein Lobgesang.
Er, den der Zorn
Des Richters für uns schreckte,
Als ihm der Dorn
Die heiligen Schläfe deckte,
Das Opfer unsrer Schuld,
War er nicht ganz Geduld?
Ihr Märtyrer!
Wer tröstet euch in Fesseln?
Wer stärkt euch, wer,
In ölgefüllten Kesseln?
Wer gab euch hohen Trost
Am Kreuz und auf dem Rost?
Der Engel wies
Euch mit dem goldnen Stabe
Das Paradies
Mit jeder Gottesgabe,
Ihr saht's - und nicht vor Schmerz,
Vor Wonn' brach euch das Herz.
Wenn Armuth muß
Auf faulem Stroh verderben,
Wie Lazarus,
Beleckt von Hunden sterben;
Geduld! so trägst sie du
Im Schooß der Füll’ und Ruh’.
Wenn Feindeswuth
Uns packt mit Tiegerklauen,
Daß heiß wie Blut
Die Thränen uns bethauen;
So spricht Geduld: Sey still,
Bis Gott dich retten will!
Und muß der Christ
Mit Furcht und Zweifel ringen,
Sieht er den Zwist
Die Höllenfackel schwingen,
So kommt Geduld und zeigt
Ihm jene Welt. Er schweigt.
Wenn Hagel fällt
Wie Glas aus schwarzen Wettern
Das Aehrenfeld
Des Landmanns zu zerschmettern,
So denkt der Ackersmann
Geduld! Gott hat's gethan!
Und muß der Fleiß
Den schweren Hammer heben,
Und seinen Schweiß
Oft faulen Krämern geben;
Geduld! kühlst du dann nicht
Sein träufelndes Gesicht?
Wenn schrecklich stumm
Uns Kerkernächte wirren,
Um uns herum
Die Eisenfesseln klirren;
So gräbt Geduld in Stein
Die Jammernächte ein.
Bedeckt dich hier
Der Flügel gift'ger Seuchen,
Hörst du aus dir
Die faule Lunge keuchen:
Die Hand nur auf den Mund,
Geduld macht dich gesund.
Siehst du den Tod
Mit hohlem Schädel winken,
Und wirst bedroht
Durch seiner Sense Blinken:
Geduld, Geduld spricht dir
Den letzten Seufzer für.
Du Himmelslicht
Leucht auch in meine Seele;
Verlaß mich nicht
In meiner Kerkerhöhle;
Du Strahl von Gottes Huld!
O himmlische Geduld!
 


      Gellert’s Grabschrift

Hier liegt - steh Wanderer, und schau!
Die Wahrheit schreibt:
" Der beste Mann für eine Frau -
Und unbeweibt.
»Der beste Vater eines Sohns -
Und ohne Sohn.
"Der Würdigste des größten Lohns -
Und ohne Lohn.
»Der erste Weise seiner Zeit
Und ohne Rang.
»Es lauschten alle Söhne Teut's,
Wenn Gellert sang.
»Sein Lohn ist dieser schlechte Stein. - -
Der Wandrer geht,
Wünscht alles in der Welt zu seyn,
Nur kein Poet.
 


           Golgatha

Seele hast du keine Flügel?
So fliege doch nach Golgatha
Wo auf einem Todeshügel
Den Sohn der Vater leiden sah.
Die Erde zittert,
Schaut und erschüttert
Den Tod, den großen Tod!
Der dem Mittler Gottes droht.
Geister stehen auf den Höhen,
Wie Todte bleich, wie Gräber stumm!
Und die wen’gen Edlen stehen
Ohnmächtig um den Pfahl herum;
Sie sehn und schauen
Den Tod voll Grauen;
Den Tod, den großen Tod!
Der dem besten Freunde droht.
Nacht und Dunkel hängt herunter,
Moria, wo ist deine Pracht?
Wo ist deines Tempels Wunder?
Deckt alles Tod und Mitternacht?
Die Berge zittern,
Die Felsen splittern;
O Tod, O großer Tod!
Der dem Sündentilger droht.
Aus der fürchterlichsten Wolke
Erhebt die Todesstimme sich
Vor dem zitterenden Volke:
»Mein Gott! warum verläßst du mich?«
Vom Höllengrimme
Zeugt diese Stimme;
O Tod! - o welch ein Tod!
Der dem größten Menschen droht.
Blutigrothe Strahlen zücken
Von eines Todesengels Schwert,
Geister hören, staunen, blicken!
Als sie das letzte Wort gehört:
»Nun ich empfehle
Dir meine Seele!
O Gott, es ist vollbracht!«
Und sein Haupt sinkt in die Nacht.
Tief an deinem Kreuze unten,
Gottmensch! Erlöser! lieg' ich hier.
Ich blick’ hinauf nach deinen Wunden,
Sie strömen Seligkeit auch mir.
Will Tod mich tödten,
So soll es reden
Dein Blut,Gottmensch, dein Blut!
Und ich trotze seiner Wuth.
O wie freudig kann ich sterben!
Ich fürchte nicht der Hölle Gluth;
Meine Kleider will ich färben
In des erwürgten Lammes Blut.
Auch ich empfehle
Dir meine Seele,
O Gott! wenn einst der Tod
Mir, wie meinem Mittler droht.