Uhland

Seite 9

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Biografie

Seite 11

                 Der Graf von Greiers

Der junge Graf von Greiers, er steht vor seinem Haus,
Er sieht am schönen Morgen weit ins Gebirg hinaus,
Er sieht die Felsenhörner verklärt im goldnen Strahl
Und dämmernd mitten inne das grünste Alpental.

"O Alpe, grüne Alpe! wie zieht's nach dir mich hin!
Beglückt, die dich befahren, Berghirt und Sennerin!
Oft sah ich sonst hinüber, empfand nicht Leid noch Lust,
Doch heute dringt ein Sehnen mir in die tiefste Brust."

Und nah und näher klingen Schalmeien an sein Ohr,
Die Hirtinnen und Hirten, sie ziehn zur Burg empor,
Und auf des Schlosses Rasen hebt an der Ringeltanz,
Die weißen Ärmel schimmern, bunt flattern Band und Kranz.

Der Sennerinnen jüngste, schlank wie ein Maienreis,
Erfaßt die Hand des Grafen, da muß er in den Kreis.
Es schlinget ihn der Reigen in seine Wirbel ein:
"Hei! junger Graf von Greiers, gefangen mußt du sein!"

Sie raffen ihn von hinnen mit Sprung und Reigenlied,
Sie tanzen durch die Dörfer, wo Glied sich reiht an Glied,
Sie tanzen über Matten, sie tanzen durch den Wald,
Bis fernhin auf den Alpen der helle Klang verhallt.

Schon steigt der zweite Morgen, der dritte wird schon klar -
Wo bleibt der Graf von Greiers? ist er verschollen gar?
Und wieder sinkt zum Abend der schwülen Sonne Lauf;
Da donnert's im Gebirge, da ziehn die Wetter auf.

Geborsten ist die Wolke, der Bach zum Strom geschwellt,
Und als mit jähem Strahle der Blitz die Nacht erhellt,
Da zeigt sich in den Strudeln ein Mann, der wogt und ringt,
Bis er den Ast ergriffen und sich ans Ufer schwingt.

"Da bin ich! weggerissen aus eurer Berge Schoß,
Im Tanzen und im Schwingen ergriff mich Sturmgetos;
Ihr alle seid geborgen in Hütt und Felsenspalt,
Nur mich hat fortgeschwemmet des Wolkenbruchs Gewalt.

Leb wohl, du grüne Alpe, mit deiner frohen Schar!
Lebt wohl, drei sel'ge Tage, da ich ein Hirte war!
O! nicht bin ich geboren zu solchem Paradies,
Aus dem mit Blitzesflamme des Himmels Zorn mich wies.

Du frische Alpenrose, rühr nimmer meine Hand!
Ich fühl's, die kalte Woge, sie löscht nicht diesen Brand.
Du zauberischer Reigen, lock nimmer mich hinaus!
Nimm mich in deine Mauern, du ödes Grafenhaus!"


                  Graf Eberstein

Zu Speyer im Saale, da hebt sich ein Klingen,
Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen.
Graf Eberstein
Führet den Reihn
Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein.

Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen,
Da flüstert sie leise, sie kann's nicht verschweigen:
"Graf Eberstein,
Hüte dich fein!
Heut nacht wird dein Schlößlein gefährdet sein."

Ei! denket der Graf, Euer kaiserlich Gnaden,
So habt Ihr mich darum zum Tanze geladen!
Er sucht sein Roß,
Läßt seinen Troß
Und jagt nach seinem gefährdeten Schloß.

Um Ebersteins Veste, da wimmelt's von Streitern,
Sie schleichen im Nebel mit Haken und Leitern.
Graf Eberstein
Grüßet sie fein,
Er wirft sie vom Wall in die Gräben hinein.

Als nun der Herr Kaiser am Morgen gekommen,
Da meint er, es seie die Burg schon genommen.
Doch auf dem Wall
Tanzen mit Schall
Der Graf und seine Gewappneten all.

"Herr Kaiser! beschleicht Ihr ein andermal Schlösser,
Tut's not, Ihr verstehet aufs Tanzen Euch besser.
Euer Töchterlein
Tanzet so fein,
Dem soll meine Veste geöffnet sein."

Im Schlosse des Grafen, da hebt sich ein Klingen,
Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen.
Graf Eberstein
Führet den Reihn
Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein.

Und als er sie schwingt nun im bräutlichen Reigen,
Da flüstert er leise, nicht kann er's verschweigen:
"Schön Jungfräulein,
Hüte dich fein!
Heut nacht wird ein Schlößlein gefährdet sein."


     Schwäbische Kunde

Als Kaiser Rotbart lobesam
Zum heil'gen Land gezogen kam,
Da mußt' er mit dem frommen Heer
Durch ein Gebirge, wüst und leer.
Daselbst erhub sich große Not,
Viel Steine gab's und wenig Brot,
Und mancher deutsche Reitersmann
Hat dort den Trunk sich abgetan.
Den Pferden war's so schwach im Magen,
Fast mußte der Reiter die Mähre tragen.
Nun war ein Herr aus Schwabenland,
Von hohem Wuchs und starker Hand,
Des Rößlein war so krank und schwach,
Er zog es nur am Zaume nach,
Er hätt es nimmer aufgegeben
Und kostet's ihn das eigne Leben.
So blieb er bald ein gutes Stück
Hinter dem Heereszug zurück;
Da sprengten plötzlich in die Quer
Fünfzig türkische Reiter daher,
Die huben an, auf ihn zu schießen,
Nach ihm zu werfen mit den Spießen.
Der wackre Schwabe forcht sich nit,
Ging seines Weges Schritt vor Schritt,
Ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken
Und tät nur spöttlich um sich blicken,
Bis einer, dem die Zeit zu lang,
Auf ihn den krummen Säbel schwang.
Da wallt dem Deutschen auch sein Blut,
Er trifft des Türken Pferd so gut,
Er haut ihm ab mit einem Streich
Die beiden Vorderfüß zugleich.
Als er das Tier zu Fall gebracht,
Da faßt er erst sein Schwert mit Macht,
Er schwingt es auf des Reiters Kopf,
Haut durch bis auf den Sattelknopf,
Haut auch den Sattel noch zu Stücken
Und tief noch in des Pferdes Rücken;
Zur Rechten sieht man wie zur Linken
Einen halben Türken heruntersinken.
Da packt die andern kalter Graus,
Sie fliehen in alle Welt hinaus,
Und jedem ist's, als würd ihm mitten
Durch Kopf und Leib hindurchgeschnitten.
Drauf kam des Wegs 'ne Christenschar,
Die auch zurückgeblieben war,
Die sahen nun mit gutem Bedacht,
Was Arbeit unser Held gemacht.
Von denen hat's der Kaiser vernommen,
Der ließ den Schwaben vor sich kommen,
Er sprach: "Sag an, mein Ritter wert!
Wer hat dich solche Streich gelehrt?"
Der Held bedacht sich nicht zu lang:
"Die Streiche sind bei uns im Schwang,
Sie sind bekannt im ganzen Reiche,
Man nennt sie halt nur Schwabenstreiche."


                 Die Rache

Der Knecht hat erstochen den edeln Herrn,
Der Knecht wär selber ein Ritter gern.

Er hat ihn erstochen im dunkeln Hain
Und den Leib versenket im riefen Rhein.

Hat angeleget die Rüstung blank,
Auf des Herren Roß sich geschwungen frank.

Und als er sprengen will über die Brück,
Da stutzet das Roß und bäumt sich zurück.

Und als er die güldnen Sporen ihm gab,
Da schleudert's ihn wild in den Strom hinab.

Mit Arm, mit Fuß er rudert und ringt,
Der schwere Panzer ihn niederzwingt.


           Das Schwert

Zur Schmiede ging ein junger Held,
Er hatt ein gutes Schwert bestellt.
Doch als er's wog in freier Hand,
Das Schwert er viel zu schwer erfand.

Der alte Schmied den Bart sich streicht:
"Das Schwert ist nicht zu schwer noch leicht,
Zu schwach ist Euer Arm, ich mein,
Doch morgen soll geholfen sein."

"Nein, heut! bei aller Ritterschaft!
Durch meine, nicht durch Feuers Kraft."
Der Jüngling spricht's, ihn Kraft durchdringt,
Das Schwert er hoch in Lüften schwingt.


        Siegfrieds Schwert

Jung Siegfried war ein stolzer Knab,
Ging von des Vaters Burg herab.

Wollt rasten nicht in Vaters Haus,
Wollt wandern in alle Welt hinaus.

Begegnet' ihm manch Ritter wert
Mit festem Schild und breitem Schwert.

Siegfried nur einen Stecken trug,
Das war ihm bitter und leid genug.

Und als er ging im finstern Wald,
Kam er zu einer Schmiede bald.

Da sah er Eisen und Stahl genug,
Ein lustig Feuer Flammen schlug.

"O Meister, liebster Meister mein!
Laß du mich deinen Gesellen sein!

Und lehr du mich mit Fleiß und Acht,
Wie man die guten Schwerter macht!"

Siegfried den Hammer wohl schwingen kunnt,
Er schlug den Amboß in den Grund.

Er schlug, daß weit der Wald erklang
Und alles Eisen in Stücke sprang.

Und von der letzten Eisenstang
Macht' er ein Schwert, so breit und lang.

"Nun hab ich geschmiedet ein gutes Schwert,
Nun bin ich wie andre Ritter wert.

Nun schlag ich wie ein andrer Held
Die Riesen und Drachen in Wald und Feld."


           Klein Roland

Frau Berta saß in der Felsenkluft,
Sie klagt' ihr bittres Los.
Klein Roland spielt' in freier Luft,
Des Klage war nicht groß.

"O König Karl, mein Bruder hehr!
O daß ich floh von dir!
Um Liebe ließ ich Pracht und Ehr,
Nun zürnst du schrecklich mir.

O Milon, mein Gemahl so süß!
Die Flut verschlang mir dich.
Die ich um Liebe alles ließ,
Nun läßt die Liebe mich.

Klein Roland, du mein teures Kind!
Nun Ehr und Liebe mir!
Klein Roland, komm herein geschwind!
Mein Trost kommt all von dir.

Klein Roland, geh zur Stadt hinab,
Zu bitten um Speis und Trank,
Und wer dir gibt eine kleine Gab,
Dem wünsche Gottes Dank!"

Der König Karl zur Tafel saß
Im goldnen Rittersaal.
Die Diener liefen ohn Unterlaß
Mit Schüssel und Pokal.

Von Flöten, Saitenspiel, Gesang
Ward jedes Herz erfreut,
Doch reichte nicht der helle Klang
Zu Bertas Einsamkeit.

Und draußen in des Hofes Kreis,
Da saßen der Bettler viel,
Die labten sich an Trank und Speis
Mehr als am Saitenspiel.

Der König schaut in ihr Gedräng
Wohl durch die offne Tür,
Da drückt sich durch die dichte Meng
Ein feiner Knab herfür.

Des Knaben Kleid ist wunderbar,
Vierfarb zusammengestückt;
Doch weilt er nicht bei der Bettlerschar,
Herauf zum Saal er blickt.

Herein zum Saal klein Roland tritt,
Als wär's sein eigen Haus.
Er hebt eine Schüssel von Tisches Mitt
Und trägt sie stumm hinaus.

Der König denkt: "Was muß ich sehn?
Das ist ein sondrer Brauch."
Doch weil er's ruhig läßt geschehn,
So lassen's die andern auch.

Es stund nur an eine kleine Weil,
Klein Roland kehrt in den Saal.
Er tritt zum König hin mit Eil
Und faßt seinen Goldpokal.

"Heida! halt an, du kecker Wicht!"
Der König ruft es laut.
Klein Roland läßt den Becher nicht,
Zum König auf er schaut.

Der König erst gar finster sah,
Doch lachen mußt er bald.
"Du trittst in die goldne Halle da
Wie in den grünen Wald.

Du nimmst die Schüssel von Königs Tisch,
Wie man Äpfel bricht vom Baum;
Du holst wie aus dem Bronnen frisch
Meines roten Weines Schaum."

"Die Bäurin schöpft aus dem Bronnen frisch,
Die bricht die Äpfel vom Baum;
Meiner Mutter ziemet Wildpret und Fisch,
Ihr roten Weines Schaum."

"Ist deine Mutter so edle Dam',
Wie du berühmst, mein Kind!
So hat sie wohl ein Schloß lustsam
Und stattlich Hofgesind?

Sag an! wer ist denn ihr Truchseß?
Sag an! wer ist ihr Schenk?"
"Meine rechte Hand ist ihr Truchseß,
Meine linke, die ist ihr Schenk."

"Sag an! wer sind die Wächter treu?"
"Meine Augen blau allstund."
"Sag an! wer ist ihr Sänger frei?"
"Der ist mein roter Mund."

"Die Dam' hat wackre Diener, traun!
Doch liebt sie sondre Livrei,
Wie Regenbogen anzuschaun,
Mit Farben mancherlei."

"Ich hab bezwungen der Knaben acht
Von jedem Viertel der Stadt,
Die haben mir als Zins gebracht
Vierfältig Tuch zur Wat."

"Die Dame hat nach meinem Sinn
Den besten Diener der Welt.
Sie ist wohl Bettlerkönigin,
Die offne Tafel hält.

So edle Dame darf nicht fern
Von meinem Hofe sein.
Wohlauf, drei Damen! auf, drei Herrn!
Führt sie zu mir herein!"

Klein Roland trägt den Becher flink
Hinaus zum Prunkgemach;
Drei Damen, auf des Königs Wink,
Drei Ritter folgen nach.

Es stund nur an eine kleine Weil,
Der König schaut in die Fern,
Da kehren schon zurück mit Eil
Die Damen und die Herrn.

Der König ruft mit einemmal:
"Hilf Himmel! seh ich recht?
Ich hab verspottet im offnen Saal
Mein eigenes Geschlecht.

Hilf Himmel! Schwester Berta, bleich,
Im grauen Pilgergewand!
Hilf Himmel! in meinem Prunksaal reich
Den Bettelstab in der Hand!"

Frau Berta fällt zu Füßen ihm,
Das bleiche Frauenbild.
Da regt sich plötzlich der alte Grimm,
Er blickt sie an so wild.

Frau Berta senkt die Augen schnell,
Kein Wort zu reden sich traut.
Klein Roland hebt die Augen hell,
Den Öhm begrüßt er laut.

Da spricht der König in mildem Ton:
"Steh auf, du Schwester mein!
Um diesen deinen lieben Sohn
Soll dir verziehen sein."

Frau Berta hebt sich freudenvoll:
"Lieb Bruder mein, wohlan!
Klein Roland dir vergelten soll,
Was du mir Guts getan.

Soll werden, seinem König gleich,
Ein hohes Heldenbild;
Soll führen die Farb von manchem Reich
In seinem Banner und Schild.

Soll greifen in manches Königs Tisch
Mit seiner freien Hand;
Soll bringen zu Heil und Ehre frisch
Sein seufzend Mutterland."


       Roland Schildträger

Der König Karl saß einst zu Tisch
Zu Aachen mit den Fürsten,
Man stellte Wildpret auf und Fisch
Und ließ auch keinen dürsten.
Viel Goldgeschirr von klarem Schein,
Manch roten, grünen Edelstein
Sah man im Saale leuchten.

Da sprach Herr Karl, der starke Held:
"Was soll der eitle Schimmer?
Das beste Kleinod dieser Welt,
Das fehlet uns noch immer.
Dies Kleinod, hell wie Sonnenschein,
Ein Riese trägt's im Schilde sein,
Tief im Ardennerwalde."

Graf Richard, Erzbischof Turpin,
Herr Haimon, Naim von Bayern,
Milon von Anglant, Graf Garin,
Die wollten da nicht feiern.
Sie haben Stahlgewand begehrt
Und hießen satteln ihre Pferd,
Zu reiten nach dem Riesen.

Jung Roland, Sohn des Milon, sprach:
"Lieb Vater! hört, ich bitte!
Vermeint Ihr mich zu jung und schwach,
Daß ich mit Riesen stritte,
Doch bin ich nicht zu winzig mehr,
Euch nachzutragen Euern Speer
Samt Eurem guten Schilde."

Die sechs Genossen ritten bald
Vereint nach den Ardennen,
Doch als sie kamen in den Wald,
Da täten sie sich trennen.
Roland ritt hinterm Vater her;
Wie wohl ihm war, des Helden Speer,
Des Helden Schild zu tragen!

Bei Sonnenschein und Mondenlicht
Streiften die kühnen Degen,
Doch fanden sie den Riesen nicht
In Felsen noch Gehegen.
Zur Mittagsstund am vierten Tag
Der Herzog Milon schlafen lag
In einer Eiche Schatten.

Roland sah in der Ferne bald
Ein Blitzen und ein Leuchten,
Davon die Strahlen in dem Wald
Die Hirsch und Reh aufscheuchten;
Er sah, es kam von einem Schild,
Den trug ein Riese, groß und wild,
Vom Berge niedersteigend.

Roland gedacht im Herzen sein:
"Was ist das für ein Schrecken!
Soll ich den lieben Vater mein
Im besten Schlaf erwecken?
Es wachet ja sein gutes Pferd,
Es wacht sein Speer, sein Schild und Schwert,
Es wacht Roland, der junge."

Roland das Schwert zur Seite band,
Herrn Milons starkes Waffen,
Die Lanze nahm er in die Hand
Und tät den Schild aufraffen.
Herrn Milons Roß bestieg er dann
Und ritt erst sachte durch den Tann,
Den Vater nicht zu wecken.

Und als er kam zur Felsenwand,
Da sprach der Ries mit Lachen:
"Was will doch dieser kleine Fant
Auf solchem Rosse machen?
Sein Schwert ist zwier so lang als er,
Vom Rosse zieht ihn schier der Speer,
Der Schild will ihn erdrücken."

Jung Roland rief: "Wohlauf zum Streit!
Dich reuet noch dein Necken.
Hab ich die Tartsche lang und breit,
Kann sie mich besser decken;
Ein kleiner Mann, ein großes Pferd,
Ein kurzer Arm, ein langes Schwert,
Muß eins dem andern helfen."

Der Riese mit der Stange schlug,
Auslangend in die Weite,
Jung Roland schwenkte schnell genug
Sein Roß noch auf die Seite.
Die Lanz er auf den Riesen schwang,
Doch von dem Wunderschilde sprang
Auf Roland sie zurücke.

Jung Roland nahm in großer Hast
Das Schwert in beide Hände,
Der Riese nach dem seinen faßt',
Er war zu unbehende;
Mit flinkem Hiebe schlug Roland
Ihm unterm Schild die linke Hand,
Daß Hand und Schild entrollten.

Dem Riesen schwand der Mut dahin,
Wie ihm der Schild entrissen,
Das Kleinod, das ihm Kraft verliehn,
Mußt er mit Schmerzen missen.
Zwar lief er gleich dem Schilde nach,
Doch Roland in das Knie ihn stach,
Daß er zu Boden stürzte.

Roland ihn bei den Haaren griff,
Hieb ihm das Haupt herunter,
Ein großer Strom von Blute lief
Ins tiefe Tal hinunter;
Und aus des Toten Schild hernach
Roland das lichte Kleinod brach
Und freute sich am Glanze.

Dann barg er's unterm Kleide gut
Und ging zu einem Quelle,
Da wusch er sich von Staub und Blut
Gewand und Waffen helle.
Zurücke ritt der jung Roland
Dahin, wo er den Vater fand
Noch schlafend bei der Eiche.

Er legt' sich an des Vaters Seit,
Vom Schlafe selbst bezwungen,
Bis in der kühlen Abendzeit
Herr Milon aufgesprungen:
"Wach auf, wach auf, mein Sohn Roland!
Nimm Schild und Lanze schnell zur Hand,
Daß wir den Riesen suchen!"

Sie stiegen auf und eilten sehr,
Zu schweifen in der Wilde,
Roland ritt hinterm Vater her
Mit dessen Speer und Schilde.
Sie kamen bald zu jener Stätt,
Wo Roland jüngst gestritten hätt,
Der Riese lag im Blute.

Roland kaum seinen Augen glaubt',
Als nicht mehr war zu schauen
Die linke Hand, dazu das Haupt,
So er ihm abgehauen,
Nicht mehr des Riesen Schwert und Speer,
Auch nicht sein Schild und Harnisch mehr,
Nur Rumpf und blut'ge Glieder.

Milon besah den großen Rumpf:
"Was ist das für 'ne Leiche?
Man sieht noch am zerhaunen Stumpf,
Wie mächtig war die Eiche.
Das ist der Riese! frag ich mehr?
Verschlafen hab ich Sieg und Ehr,
Drum muß ich ewig trauern." -

Zu Aachen vor dem Schlosse stund
Der König Karl gar bange:
"Sind meine Helden wohl gesund?
Sie weilen allzu lange.
Doch seh ich recht, auf Königswort!
So reitet Herzog Haimon dort,
Des Riesen Haupt am Speere."

Herr Haimon ritt in trübem Mut,
Und mit gesenktem Spieße
Legt' er das Haupt, besprengt mit Blut,
Dem König vor die Füße:
"Ich fand den Kopf im wilden Hag,
Und fünfzig Schritte weiter lag
Des Riesen Rumpf am Boden."

Bald auch der Erzbischof Turpin
Den Riesenhandschuh brachte,
Die ungefüge Hand noch drin,
Er zog sie aus und lachte:
"Das ist ein schön Reliquienstück,
Ich bring es aus dem Wald zurück,
Fand es schon zugehauen."

Der Herzog Naim von Bayerland
Kam mit des Riesen Stange:
"Schaut an, was ich im Walde fand!
Ein Waffen, stark und lange.
Wohl schwitz ich von dem schweren Druck;
Hei! bayrisch Bier, ein guter Schluck,
Sollt mir gar köstlich munden!"

Graf Richard kam zu Fuß daher,
Ging neben seinem Pferde,
Das trug des Riesen schwere Wehr,
Den Harnisch samt dem Schwerte:
"Wer suchen will im wilden Tann,
Manch Waffenstück noch finden kann,
Ist mir zu viel gewesen."

Der Graf Garin tät ferne schon
Den Schild des Riesen schwingen.
"Der hat den Schild, des ist die Kron,
Der wird das Kleinod bringen!"
"Den Schild hab ich, ihr lieben Herrn!
Das Kleinod hätt ich gar zu gern,
Doch das ist ausgebrochen."

Zuletzt tät man Herrn Milon sehn,
Der nach dem Schlosse lenkte,
Er ließ das Rößlein langsam gehn,
Das Haupt er traurig senkte.
Roland ritt hinterm Vater her
Und trug ihm seinen starken Speer
Zusamt dem festen Schilde.

Doch wie sie kamen vor das Schloß
Und zu den Herrn geritten,
Macht' er von Vaters Schilde los
Den Zierat in der Mitten;
Das Riesenkleinod setzt' er ein,
Das gab so wunderklaren Schein
Als wie die liebe Sonne.

Und als nun diese helle Glut
Im Schilde Milons brannte,
Da rief der König frohgemut:
"Heil Milon von Anglante!
Der hat den Riesen übermannt,
Ihm abgeschlagen Haupt und Hand,
Das Kleinod ihm entrissen!"

Herr Milon hatte sich gewandt,
Sah staunend all die Helle:
"Roland! sag an, du junger Fant!
Wer gab dir das, Geselle?"
"Um Gott, Herr Vater! zürnt mir nicht,
Daß ich erschlug den groben Wicht,
Derweil Ihr eben schliefet!"


    König Karls Meerfahrt

Der König Karl fuhr über Meer
Mit seinen zwölf Genossen,
Zum heil'gen Lande steuert' er
Und ward vom Sturm verstoßen.

Da sprach der kühne Held Roland:
"Ich kann wohl fechten und schirmen,
Doch hält mir diese Kunst nicht stand
Vor Wellen und vor Stürmen."

Dann sprach Herr Holger aus Dänemark:
"Ich kann die Harfe schlagen;
Was hilft mir das, wenn also stark
Die Wind und Wellen jagen?"

Herr Oliver war auch nicht froh,
Er sah auf seine Wehre:
"Es ist mir um mich selbst nicht so
Wie um die Altekläre."

Dann sprach der schlimme Ganelon,
Er sprach es nur verstohlen:
"Wär ich mit guter Art davon,
Möcht euch der Teufel holen!"

Erzbischof Turpin seufzte sehr:
"Wir sind die Gottesstreiter;
Komm, liebster Heiland, über das Meer
Und führ uns gnädig weiter!"

Graf Richard Ohnefurcht hub an:
"Ihr Geister aus der Hölle!
Ich hab euch manchen Dienst getan,
Jetzt helft mir von der Stelle!"

Herr Naime diesen Ausspruch tat:
"Schon vielen riet ich heuer,
Doch süßes Wasser und guter Rat
Sind oft zu Schiffe teuer."

Da sprach der graue Herr Riol:
"Ich bin ein alter Degen,
Und möchte meinen Leichnam wohl
Dereinst ins Trockne legen."

Es war Herr Gui, ein Ritter fein,
Der fing wohl an zu singen:
"Ich wollt, ich wär ein Vögelein,
Wollt mich zu Liebchen schwingen."

Da sprach der edle Graf Garein:
"Gott helf uns aus der Schwere!
Ich trink viel lieber den roten Wein
Als Wasser in dem Meere."

Herr Lambert sprach, ein Jüngling frisch:
"Gott woll uns nicht vergessen!
Äß lieber selbst 'nen guten Fisch,
Statt daß mich Fische fressen."

Da sprach Herr Gottfried lobesan:
"Ich laß mir's halt gefallen,
Man richtet mir nicht anders an
Als meinen Brüdern allen."

Der König Karl am Steuer saß,
Der hat kein Wort gesprochen,
Er lenkt das Schiff mit festem Maß,
Bis sich der Sturm gebrochen.


                      Taillefer

Normannenherzog Wilhelm sprach einmal:
"Wer singet in meinem Hof und in meinem Saal?
Wer singet vom Morgen bis in die späte Nacht
So lieblich, daß mir das Herz im Leibe lacht?"

"Das ist der Taillefer, der so gerne singt
Im Hofe, wann er das Rad am Bronnen schwingt,
Im Saale, wann er das Feuer schüret und facht,
Wann er abends sich legt und wann er morgens erwacht."

Der Herzog sprach: "Ich hab einen guten Knecht,
Den Taillefer, der dienet mir fromm und recht,
Er treibt mein Rad und schüret mein Feuer gut
Und singet so hell, das höhet mir den Mut."

Da sprach der Taillefer: "Und wär ich frei,
Viel besser wollt ich dienen und singen dabei.
Wie wollt ich dienen dem Herzog hoch zu Pferd!
Wie wollt ich singen und klingen mit Schild und mit Schwert!"

Nicht lange, so ritt der Taillefer ins Gefild
Auf einem hohen Pferde, mit Schwert und mit Schild.
Des Herzogs Schwester schaute vom Turm ins Feld,
Sie sprach: "Dort reitet, bei Gott! ein stattlicher Held."

Und als er ritt vorüber an Fräuleins Turm,
Da sang er bald wie ein Lüftlein, bald wie ein Sturm.
Sie sprach: "Der singet, das ist eine herrliche Lust!
Es zittert der Turm, und es zittert mein Herz in der Brust."

Der Herzog Wilhelm fuhr wohl über das Meer,
Er fuhr nach Engelland mit gewaltigem Heer.
Er sprang vom Schiffe, da fiel er auf die Hand:
"Hei!", rief er, "ich faß und ergreife dich, Engelland!"

Als nun das Normannenheer zum Sturme schritt,
Der edle Taillefer vor den Herzog ritt:
"Manch Jährlein hab ich gesungen und Feuer geschürt,
Manch Jährlein gesungen und Schwert und Lanze gerührt.

Und hab ich Euch gedient und gesungen zu Dank,
Zuerst als ein Knecht und dann als ein Ritter frank:
So laßt mich das entgelten am heutigen Tag,
Vergönnet mir auf die Feinde den ersten Schlag!"

Der Taillefer ritt vor allem Normannenheer
Auf einem hohen Pferde, mit Schwert und mit Speer.
Er sang so herrlich, das klang über Hastingsfeld,
Von Roland sang er und manchem frommen Held.

Und als das Rolandslied wie ein Sturm erscholl,
Da wallete manch Panier, manch Herze schwoll,
Da brannten Ritter und Mannen von hohem Mut,
Der Taillefer sang und schürte das Feuer gut.

Dann sprengt' er hinein und führte den ersten Stoß,
Davon ein englischer Ritter zur Erde schoß,
Dann schwang er das Schwert und führte den ersten Schlag,
Davon ein englischer Ritter am Boden lag.

Normannen sahen's, die harrten nicht allzu lang,
Sie brachen herein mit Geschrei und mit Schilderklang.
Hei! sausende Pfeile, klirrender Schwerterschlag!
Bis Harald fiel und sein trotziges Heer erlag.

Herr Wilhelm steckte sein Banner aufs blutige Feld,
Inmitten der Toten spannt' er sein Gezelt,
Da saß er am Mahle, den goldnen Pokal in der Hand,
Auf dem Haupte die Königskrone von Engelland.

"Mein tapfrer Taillefer! komm, trink mir Bescheid!
Du hast mir viel gesungen in Lieb und in Leid,
Doch heut im Hastingsfelde dein Sang und dein Klang
Der tönet mir in den Ohren mein Leben lang."


             Das Nothemd

"Ich muß zu Feld, mein Töchterlein,
Und Böses dräut der Sterne Schein,
Drum schaff du mir ein Notgewand,
Du Jungfrau, mit der zarten Hand!"

"Mein Vater! willst du Schlachtgewand
Von eines Mägdleins schwacher Hand?
Noch schlug ich nie den harten Stahl,
Ich spinn und web im Frauensaal."

"Ja, spinne, Kind, in heil'ger Nacht,
Den Faden weih der höllischen Macht!
Draus web ein Hemde, lang und weit!
Das wahret mich im blut'gen Streit."

In heil'ger Nacht, im Vollmondschein,
Da spinnt die Maid im Saal allein.
"In der Hölle Namen!" spricht sie leis,
Die Spindel rollt in feurigem Kreis.

Dann tritt sie an den Webestuhl
Und wirft mit zager Hand die Spul;
Es rauscht und saust in wilder Hast,
Als wöben Geisterhände zu Gast.

Als nun das Heer ausritt zur Schlacht,
Da trägt der Herzog sondre Tracht:
Mit Bildern, Zeichen, schaurig, fremd,
Ein weißes, weites, wallendes Hemd.

Ihm weicht der Feind wie einem Geist:
Wer böt es ihm, wer stellt' ihn dreist,
An dem das härteste Schwert zerschellt,
Von dem der Pfeil auf den Schützen prellt!

Ein Jüngling sprengt ihm vors Gesicht:
"Halt, Würger, halt! mich schreckst du nicht.
Nicht rettet dich die Höllenkunst,
Dein Werk ist tot, dein Zauber Dunst."

Sie treffen sich und treffen gut,
Des Herzogs Nothemd trieft von Blut;
Sie haun und haun sich in den Sand,
Und jeder flucht des andern Hand.

Die Tochter steigt hinab ins Feld:
"Wo liegt der herzogliche Held?"
Sie find't die todeswunden zwei,
Da hebt sie wildes Klaggeschrei.

"Bist du's, mein Kind? Unsel'ge Maid!
Wie spannest du das falsche Kleid?
Hast du die Hölle nicht genannt?
War nicht jungfräulich deine Hand?"

"Die Hölle hab ich wohl genannt,
Doch nicht jungfräulich war die Hand,
Der dich erschlug, ist mir nicht fremd,
So spannt ich, weh! dein Totenhemd."


      Das Glück von Edenhall

Von Edenhall der junge Lord
Läßt schmettern Festtrommetenschall,
Er hebt sich an des Tisches Bord
Und ruft in trunkner Gäste Schwall:
"Nun her mit dem Glücke von Edenhall!"

Der Schenk vernimmt ungern den Spruch,
Des Hauses ältester Vassall,
Nimmt zögernd aus dem seidnen Tuch
Das hohe Trinkglas von Kristall,
Sie nennen's: das Glück von Edenhall.

Darauf der Lord: "Dem Glas zum Preis
Schenk roten ein aus Portugal!"
Mit Händezittern gießt der Greis,
Und purpurn Licht wird überall,
Es strahlt aus dem Glücke von Edenhall.

Da spricht der Lord und schwingt's dabei:
"Dies Glas von leuchtendem Kristall
Gab meinem Ahn am Quell die Fei,
Drein schrieb sie: kommt dies Glas zu Fall,
Fahr wohl dann, o Glück von Edenhall!

Ein Kelchglas ward zum Los mit Fug
Dem freud'gen Stamm von Edenhall;
Wir schlürfen gern in vollem Zug,
Wir läuten gern mit lautem Schall;
Stoßt an mit dem Glücke von Edenhall!"

Erst klingt es milde, tief und voll,
Gleich dem Gesang der Nachtigall,
Dann wie des Waldstroms laut Geroll,
Zuletzt erdröhnt wie Donnerhall
Das herrliche Glück von Edenhall.

"Zum Horte nimmt ein kühn Geschlecht
Sich den zerbrechlichen Kristall;
Er dauert länger schon als recht,
Stoßt an! mit diesem kräft'gen Prall
Versuch ich das Glück von Edenhall."

Und als das Trinkglas gellend springt,
Springt das Gewölb mit jähem Knall,
Und aus dem Riß die Flamme dringt;
Die Gäste sind zerstoben all
Mit dem brechenden Glücke von Edenhall.

Er stürmt der Feind mit Brand und Mord,
Der in der Nacht erstieg den Wall,
Vom Schwerte fällt der junge Lord,
Hält in der Hand noch den Kristall,
Das zersprungene Glück von Edenhall.

Am Morgen irrt der schenk allein,
Der Greis, in der zerstörten Hall,
Er sucht des Herrn verbannt Gebein,
Er sucht im grausen Trümmerfall
Die Scherben des Glücks von Edenhall.

"Die Steinwand", spricht er, "springt zu Stück,
Die hohe Säule muß zu Fall,
Glas ist der Erde Stolz und Glück,
In Splitter fällt der Erdenball
Einst gleich dem Glücke von Edenhall."


         Der letzte Pfalzgraf

Ich Pfalzgraf Götz von Tübingen
Verkaufe Burg und Stadt
Mit Leuten, Gülten, Feld und Wald,
Der Schulden bin ich satt.

Zwei Rechte nur verkauf ich nicht,
Zwei Rechte, gut und alt:
Im Kloster eins, mit schmuckem Turm,
Und eins im grünen Wald.

Am Kloster schenkten wir uns arm
Und bauten uns zugrund,
Dafür der Abt mir füttern muß
Den Habicht und den Hund.

Im Schönbuch, um das Kloster her,
Da hab ich das Gejaid,
Behalt ich das, so ist mir nicht
Um all mein andres leid.

Und hört ihr Mönchlein eines Tags
Nicht mehr mein Jägerhorn,
Dann zieht das Glöcklein, sucht mich auf!
Ich lieg am schatt'gen Born.

Begrabt mich unter breiter Eich
Im grünen Vogelsang
Und lest mir eine Jägermeß!
Die dauert nicht zu lang.