Uhland

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Biografie

Seite 12

         Graf Eberhard der Rauschebart

Ist denn im Schwabenlande verschollen aller Sang,
Wo einst so hell vom Staufen die Ritterharfe klang?
Und wenn er nicht verschollen, warum vergißt er ganz
Der tapfern Väter Taten, der alten Waffen Glanz?

Man lispelt leichte Liedchen, man spitzt manch Sinngedicht,
Man höhnt die holden Frauen, des alten Liedes Licht;
Wo rüstig Heldenleben längst auf Beschwörung lauscht,
Da trippelt man vorüber und schauert, wenn es rauscht.

Brich denn aus deinem Sarge, steig aus dem düstern Chor
Mit deinem Heldensohne, du Rauschebart, hervor!
Du schlugst dich unverwüstlich noch greise Jahr entlang,
Brich auch durch unsre Zeiten mit hellem Schwertesklang!

            1. Der Überfall im Wildbad

In schönen Sommertagen, wann lau die Lüfte wehn,
Die Wälder lustig grünen, die Gärten blühend stehn,
Da ritt aus Stuttgarts Toren ein Held von stolzer Art,
Graf Eberhard der Greiner, der alte Rauschebart.

Mit wenig Edelknechten zieht er ins Land hinaus,
Er trägt nicht Helm noch Panzer, nicht geht's auf blut'gen Strauß,
Ins Wildbad will er reiten, wo heiß ein Quell entspringt,
Der Sieche heilt und kräftigt, der Greise wieder jüngt.

Zu Hirsau bei dem Abte, da kehrt der Ritter ein
Und trinkt bei Orgelschalle den kühlen Klosterwein.
Dann geht's durch Tannenwälder ins grüne Tal gesprengt,
Wo durch ihr Felsenbette die Enz sich rauschend drängt.

Zu Wildbad an dem Markte, da steht ein stattlich Haus,
Es hängt daran zum Zeichen ein blanker Spieß heraus,
Dort steigt der Graf vom Rosse, dort hält er gute Rast,
Den Quell besucht er täglich, der ritterliche Gast.

Wann er sich dann entkleidet und wenig ausgeruht
Und sein Gebet gesprochen, so steigt er in die Flut;
Er setzt sich stets zur Stelle, wo aus dem Felsenspalt
Am heißesten und vollsten der edle Sprudel wallt.

Ein angeschoßner Eber, der sich die Wunde wusch,
Verriet voreinst den Jägern den Quell in Kluft und Busch,
Nun ist's dem alten Recken ein lieber Zeitvertreib,
Zu waschen und zu strecken den narbenvollen Leib.

Da kommt einsmals gesprungen sein jüngster Edelknab:
"Herr Graf! es zieht ein Haufe das obre Tal herab.
Sie tragen schwere Kolben, der Hauptmann führt im Schild
Ein Röslein rot von Golde und einen Eber wild."

"Mein Sohn! das sind die Schlegler, die schlagen kräftig drein -
Gib mir den Leibrock, Junge! -, das ist der Eberstein,
Ich kenne wohl den Eber, er hat so grimmen Zorn,
Ich kenne wohl die Rose, sie führt so scharfen Dorn."

Da kommt ein armer Hirte in atemlosem Lauf:
"Herr Graf! es zieht 'ne Rotte das untre Tal herauf.
Der Hauptmann führt drei Beile, sein Rüstzeug glänzt und gleißt,
Daß mir's wie Wetterleuchten noch in den Augen beißt."

"Das ist der Wunnensteiner, der gleißend' Wolf genannt -
Gib mir den Mantel, Knabe! -, der Glanz ist mir bekannt,
Er bringt mir wenig Wonne, die Beile hauen gut -
Bind mir das Schwert zur Seite! -, der Wolf, der lechzt nach Blut.

Ein Mägdlein mag man schrecken, das sich im Bade schmiegt,
Das ist ein lustig Necken, das niemand Schaden fügt,
Wird aber überfallen ein alter Kriegesheld,
Dann gilt's, wenn nicht sein Leben, doch schweres Lösegeld."

Da spricht der arme Hirte: "Des mag noch werden Rat,
Ich weiß geheime Wege, die noch kein Mensch betrat,
Kein Roß mag sie ersteigen, nur Geißen klettern dort,
Wollt Ihr sogleich mir folgen, ich bring Euch sicher fort."

Sie klimmen durch das Dickicht den steilsten Berg hinan,
Mit seinem guten Schwerte haut oft der Graf sich Bahn,
Wie herb das Fliehen schmecke, noch hatt er's nie vermerkt,
Viel lieber möcht er fechten, das Bad hat ihn gestärkt.

In heißer Mittagsstunde bergunter und bergauf!
Schon muß der Graf sich lehnen auf seines Schwertes Knauf.
Darob erbarmt's den Hirten des alten, hohen Herrn,
Er nimmt ihn auf den Rücken: "Ich tu's von Herzen gern."

Da denkt der alte Greiner: "Es tut doch wahrlich gut,
So sänftlich sein getragen von einem treuen Blut;
In Fährden und in Nöten zeigt erst das Volk sich echt,
Drum soll man nie zertreten sein altes, gutes Recht."

Als drauf der Graf gerettet zu Stuttgart sitzt im Saal,
Heißt er 'ne Münze prägen als ein Gedächtnismal,
Er gibt dem treuen Hirten manch blankes Stück davon,
Auch manchem Herrn vom Schlegel verehrt er eins zum Hohn.

Dann schickt er tücht'ge Maurer ins Wildbad alsofort,
Die sollen Mauern führen rings um den offnen Ort,
Damit in künft'gen Sommern sich jeder greise Mann,
Von Feinden ungefährdet, im Bade jungen kann.

           2. Die drei Könige zu Heimsen

Drei Könige zu Heimsen, wer hätt es je gedacht,
Mit Rittern und mit Rossen, in Herrlichkeit und Pracht!
Es sind die hohen Häupter der Schlegelbrüderschaft,
Sich Könige zu nennen, das gibt der Sache Kraft.

Da thronen sie beisammen und halten eifrig Rat,
Bedenken und besprechen gewalt'ge Waffentat:
Wie man den stolzen Greiner mit Kriegsheer überfällt
Und besser als im Bade ihm jeden Schlich verstellt.

Wie man ihn dann verwahret und seine Burgen bricht,
Bis er von allem Zwange die Edeln ledig spricht.
Dann fahre wohl, Landfriede! dann, Lehndienst, gute Nacht!
Dann ist's der freie Ritter, der alle Welt verlacht.

Schon sank die Nacht hernieder, die Kön'ge sind zur Ruh,
Schon krähen jetzt die Hähne dem nahen Morgen zu,
Da schallt mit scharfem Stoße das Wächterhorn vom Turm,
Wohlauf, wohlauf, ihr Schläfer! das Horn verkündet Sturm.

In Nacht und Nebel draußen, da wogt es wie ein Meer
Und zieht von allen Seiten sich um das Städtlein her;
Verhaltne Männerstimmen, verworrner Gang und Drang,
Hufschlag und Rossesschnauben und dumpfer Waffenklang!

Und als das Frührot leuchtet und als der Nebel sinkt,
Hei! wie es da von Speeren, von Morgensternen blinkt!
Des ganzen Gaues Bauern stehn um den Ort geschart,
Und mitten hält zu Rosse der alte Rauschebart.

Die Schlegler möchten schirmen das Städtlein und das Schloß,
Sie werfen von den Türmen mit Steinen und Geschoß.
"Nur sachte!", ruft der Greiner, "euch wird das Bad geheizt,
Aufdampfen soll's und qualmen, daß euch's die Augen beizt!"

Rings um die alten Mauern ist Holz und Stroh gehäuft,
In dunkler Nacht geschichtet und wohl mit Teer beträuft,
Drein schießt man glühnde Pfeile, wie raschelt's da im Stroh!
Drein wirft man feur'ge Kränze, wie flackert's lichterloh!

Und noch von allen Enden wird Vorrat zugeführt,
Von all den rüst'gen Bauern wird emsig nachgeschürt,
Bis höher, immer höher die Flamme leckt und schweift
Und schon mit lust'gem Prasseln der Türme Dach ergreift.

Ein Tor ist freigelassen, so hat's der Graf beliebt,
Dort hört man, wie der Riegel sich leise loseschiebt.
Dort stürzen wohl verzweifelnd die Schlegler jetzt heraus?
Nein, friedlich zieht's herüber als wie ins Gotteshaus.

Voran drei Schlegelkön'ge, zu Fuß, demütiglich,
Mit unbedecktem Haupte, die Augen unter sich;
Dann viele Herrn und Knechte, gemachsam Mann für Mann,
Daß man sie alle zählen und wohl betrachten kann.

"Willkomm!", so ruft der Greiner, "willkomm in meiner Haft!
Ich traf euch gut beisammen, geehrte Brüderschaft!
So konnt ich wieder dienen für den Besuch im Bad;
Nur einen miß ich, Freunde! den Wunnenstein, 's ist schad."

Ein Bäuerlein, das treulich am Feuer mitgefacht,
Lehnt dort an seinem Spieße, nimmt alles wohl in acht:
"Drei Könige zu Heimsen", so schmollt es, "das ist viel!
Erwischt man noch den vierten, so ist's ein Kartenspiel."

              3. Die Schlacht bei Reutlingen

Zu Achalm auf dem Felsen, da haust manch kühner Aar,
Graf Ulrich, Sohn des Greiners, mit seiner Ritterschar;
Wild rauschen ihre Flüge um Reutlingen, die Stadt;
Bald scheint sie zu erliegen, vom heißen Drange matt.

Doch plötzlich einst erheben die Städter sich zu Nacht,
Ins Urachtal hinüber sind sie mit großer Macht,
Bald steigt von Dorf und Mühle die Flamme blutig rot,
Die Herden weggetrieben, die Hirten liegen tot.

Herr Ulrich hat's vernommen, er ruft im grimmen Zorn:
"In eure Stadt soll kommen kein Huf und auch kein Horn!"
Da sputen sich die Ritter, sie wappnen sich in Stahl,
Sie heischen ihre Rosse, sie reiten stracks zutal.

Ein Kirchlein stehet drunten, Sankt Leonhard geweiht,
Dabei ein grüner Anger, der scheint bequem zum Streit.
Sie springen von den Pferden, sie ziehen stolze Reihn,
Die langen Spieße starren; wohlauf! wer wagt sich drein?

Schon ziehn vom Urachtale die Städter fern herbei,
Man hört der Männer Jauchzen, der Herden wild Geschrei,
Man sieht sie fürder schreiten, ein wohlgerüstet Heer;
Wie flattern stolz die Banner! wie blitzen Schwert und Speer!

Nun schließ dich fest zusammen, du ritterliche Schar!
Wohl hast du nicht geahnet so dräuende Gefahr.
Die übermächt'gen Rotten, sie stürmen an mit Schwall,
Die Ritter stehn und starren wie Fels und Mauerwall.

Zu Reutlingen am Zwinger, da ist ein altes Tor,
Längst wob mit dichten Ranken der Efeu sich davor,
Man hatt es schier vergessen, nun kracht's mit einmal auf,
Und aus dem Zwinger stürzet gedrängt ein Bürgerhauf.

Den Rittern in den Rücken fällt er mit grauser Wut,
Heut will der Städter baden im heißen Ritterblut.
Wie haben da die Gerber so meisterlich gegerbt!
Wie haben da die Färber so purpurrot gefärbt!

Heut nimmt man nicht gefangen, heut geht es auf den Tod,
Heut spritzt das Blut wie Regen, der Anger blümt sich rot.
Stets drängender umschlossen und wütender bestürmt,
Ist rings von Bruderleichen die Ritterschar umtürmt.

Das Fähnlein ist verloren, Herr Ulrich blutet stark,
Die noch am Leben blieben, sind müde bis ins Mark.
Da haschen sie nach Rossen und schwingen sich darauf,
Sie hauen durch, sie kommen zur festen Burg hinauf.

"Ach Allm-" stöhnt' einst ein Ritter, ihn traf des Mörders Stoß;
Allmächt'ger! wollt er rufen, man hieß davon das Schloß.
Herr Ulrich sinkt vom Sattel, halbtot, voll Blut und Qualm,
Hätt nicht das Schloß den Namen, man hieß es jetzt Achalm.

Wohl kommt am andern Morgen zu Reutlingen ans Tor
Manch trauervoller Knappe, der seinen Herrn verlor.
Dort auf dem Rathaus liegen die Toten all gereiht,
Man führt dahin die Knechte mit sicherem Geleit.

Dort liegen mehr denn sechzig, so blutig und so bleich,
Nicht jeder Knapp erkennet den toten Herrn sogleich.
Dann wird ein jeder Leichnam von treuen Dieners Hand
Gewaschen und gekleidet in weißes Grabgewand.

Auf Bahren und auf Wagen, getragen und geführt,
Mit Eichenlaub bekränzet, wie's Helden wohl gebührt,
So geht es nach dem Tore, die alte Stadt entlang,
Dumpf tönet von den Türmen der Totenglocken Klang.

Götz Weißenheim eröffnet den langen Leichenzug,
Er war es, der im Streite des Grafen Banner trug,
Er hatt es nicht gelassen, bis er erschlagen war,
Drum mag er würdig führen auch noch die tote Schar.

Drei edle Grafen folgen, bewährt in Schildesamt,
Von Tübingen, von Zollern, von Schwarzenberg entstammt.
O Zollern! deine Leiche umschwebt ein lichter Kranz:
Sahst du vielleicht noch sterbend dein Haus im künft'gen Glanz?

Von Sachsenheim zween Ritter, der Vater und der Sohn,
Die liegen still beisammen in Lilien und in Mohn,
Auf ihrer Stammburg wandelt von altersher ein Geist,
Der längst mit Klaggebärden auf schweres Unheil weist.

Einst war ein Herr von Lustnau vom Scheintod auferwacht,
Er kehrt' im Leichentuche zu seiner Frau bei Nacht,
Davon man sein Geschlechte die Toten hieß zum Scherz,
Hier bringt man ihrer einen, den traf der Tod ins Herz.

Das Lied, es folgt nicht weiter, des Jammers ist genug,
Will jemand alle wissen, die man von dannen trug:
Dort auf den Rathausfenstern, in Farben bunt und klar,
Stellt jeden Ritters Name und Wappenschild sich dar.

Als nun von seinen Wunden Graf Ulrich ausgeheilt,
Da reitet er nach Stuttgart, er hat nicht sehr geeilt;
Er trifft den alten Vater allein am Mittagsmahl,
Ein frostiger Willkommen! kein Wort ertönt im Saal.

Dem Vater gegenüber sitzt Ulrich an den Tisch,
Er schlägt die Augen nieder, man bringt ihm Wein und Fisch;
Da faßt der Greis ein Messer und spricht kein Wort dabei,
Und schneidet zwischen beiden das Tafeltuch entzwei.

              4. Die Döffinger Schlacht

Am Ruheplatz der Toten, da pflegt es still zu sein,
Man hört nur leises Beten bei Kreuz und Leichenstein;
Zu Döffingen war's anders, dort scholl den ganzen Tag
Der feste Kirchhof wider von Kampfruf, Stoß und Schlag.

Die Städter sind gekommen, der Bauer hat sein Gut
Zum festen Ort geflüchtet und hält's in tapfrer Hut;
Mit Spieß und Karst und Sense treibt er den Angriff ab,
Wer tot zu Boden sinket, hat hier nicht weit ins Grab.

Graf Eberhard der Greiner vernahm der Seinen Not,
Schon kommt er angezogen mit starkem Aufgebot,
Schon ist um ihn versammelt der besten Ritter Kern,
Vom edeln Löwenbunde die Grafen und die Herrn.

Da kommt ein reis'ger Bote vom Wolf von Wunnenstein:
"Mein Herr mit seinem Banner will Euch zu Dienste sein."
Der stolze Graf entgegnet: "Ich hab sein nicht begehrt,
Er hat umsonst die Münze, die ich ihm einst verehrt."

Bald sieht Herr Ulrich drüben der Städte Scharen stehn,
Von Reutlingen, von Augsburg, von Ulm die Banner wehn,
Da brennt ihn seine Narbe, da gärt der alte Groll:
"Ich weiß, ihr Übermüt'gen, wovon der Kamm euch schwoll."

Er sprengt zu seinem Vater: "Heut zahl ich alte Schuld,
Will's Gott, erwerb ich wieder die väterliche Huld!
Nicht darf ich mit dir speisen auf einem Tuch, du Held!
Doch darf ich mit dir schlagen auf einem blut'gen Feld."

Sie steigen von den Gaulen, die Herrn vom Löwenbund,
Sie stürzen auf die Feinde, tun sich als Löwen kund.
Hei! wie der Löwe Ulrich so grimmig tobt und würgt!
Er will die Schuld bezahlen, er hat sein Wort verbürgt.

Wen trägt man aus dem Kampfe, dort auf den Eichenstumpf?
"Gott sei mir Sünder gnädig!" - er stöhnt's, er röchelt's dumpf.
O königliche Eiche, dich hat der Blitz zerspellt!
O Ulrich, tapfrer Ritter, dich hat das Schwert gefällt!

Da ruft der alte Recke, den nichts erschüttern kann:
"Erschreckt nicht! der gefallen, ist wie ein andrer Mann.
Schlagt drein! Die Feinde fliehen!" - er ruft's mit Donnerlaut;
Wie rauscht sein Bart im Winde! hei, wie der Eber haut!

Die Städter han vernommen das seltsam list'ge Wort.
"Wer flieht?" so fragen alle, schon wankt es hier und dort.
Das Wort hat sie ergriffen gleich einem Zauberlied,
Der Graf und seine Ritter durchbrechen Glied auf Glied.

Was gleißt und glänzt da droben und zuckt wie Wetterschein?
Das ist mit seinen Reitern der Wolf von Wunnenstein.
Er wirft sich auf die Städter, er sprengt sich weite Bucht,
Da ist der Sieg entschieden, der Feind in wilder Flucht.

Im Erntemond geschah es, bei Gott, ein heißer Tag!
Was da der edeln Garben auf allen Feldern lag!
Wie auch so mancher Schnitter die Arme sinken läßt!
Wohl halten diese Ritter ein blutig Sichelfest.

Noch lange traf der Bauer, der hinterm Pfluge ging,
Auf rost'ge Degenklinge, Speereisen, Panzerring,
Und als man eine Linde zersägt und niederstreckt,
Zeigt sich darin ein Harnisch und ein Geripp versteckt.

Als nun die Schlacht geschlagen und Sieg geblasen war,
Da reicht der alte Greiner dem Wolf die Rechte dar:
"Hab Dank, du tapfrer Degen, und reit mit mir nach Haus!
Daß wir uns gütlich pflegen nach diesem harten Strauß."

"Hei!" spricht der Wolf mit Lachen, "gefiel Euch dieser Schwank?
Ich stritt aus Haß der Städte und nicht um Euren Dank.
Gut Nacht und Glück zur Reise! es steht im alten Recht."
Er spricht's und jagt von dannen mit Ritter und mit Knecht.

Zu Döffingen im Dorfe, da hat der Graf die Nacht
Bei seines Ulrichs Leiche, des einz'gen Sohns, verbracht.
Er kniet zur Bahre nieder, verhüllet sein Gesicht;
Ob er vielleicht im stillen geweint, man weiß es nicht.

Des Morgens mit dem Frühsten steigt Eberhard zu Roß,
Gen Stuttgart fährt er wieder mit seinem reis'gen Troß,
Da kommt des Wegs gelaufen der Zuffenhauser Hirt;
"Dem Mann ist's trüb zumute, was der uns bringen wird?"

"Ich bring Euch böse Kunde, nächt ist in unsern Trieb
Der gleißend' Wolf gefallen, er nahm, soviel ihm lieb."
Da lacht der alte Greiner in seinen grauen Bart:
"Das Wölflein holt sich Kochfleisch, das ist des Wölfleins Art."

Sie reiten rüstig fürder, sie sehn aus grünem Tal
Das Schloß von Stuttgart ragen, es glänzt im Morgenstrahl,
Da kommt des Wegs geritten ein schmucker Edelknecht;
"Der Knab will mich bedünken, als ob er Gutes brächt."

"Ich bring Euch frohe Märe: Glück zum Urenkelein!
Antonia hat geboren ein Knäblein, hold und fein."
Da hebt er hoch die Hände, der ritterliche Greis:
"Der Fink hat wieder Samen, dem Herrn sei Dank und Preis!"


Der Schenk von Limburg

Zu Limburg auf der Veste,
Da wohnt' ein edler Graf,
Den keiner seiner Gäste
Jemals zu Hause traf.
Er trieb sich allerwegen
Gebirg und Wald entlang,
Kein Sturm und auch kein Regen
Verleidet' ihm den Gang.

Er trug ein Wams von Leder
Und einen Jägerhut
Mit mancher wilden Feder,
Das steht den Jägern gut;
Es hing ihm an der Seiten
Ein Trinkgefäß von Buchs;
Gewaltig konnt er schreiten
Und war von hohem Wuchs.

Wohl hatt er Knecht' und Mannen
Und hatt ein tüchtig Roß,
Ging doch zu Fuß von dannen
Und ließ daheim den Troß.
Es war sein ganz Geleite
Ein Jagdspieß, stark und lang,
An dem er über breite
Waldströme kühn sich schwang.

Nun hielt auf Hohenstaufen
Der deutsche Kaiser Haus.
Der zog mit hellen Haufen
Einsmals zu jagen aus.
Er rannt auf eine Hinde
So heiß und hastig vor,
Daß ihn sein Jagdgesinde
Im wilden Forst verlor.

Bei einer kühlen Quelle,
Da macht' er endlich Halt;
Gezieret war die Stelle
Mit Blumen mannigfalt.
Hier dacht er sich zu legen
Zu einem Mittagschlaf,
Da rauscht' es in den Hägen
Und stand vor ihm der Graf.

Da hub er an zu schelten:
"Treff ich den Nachbar hie?
Zu Hause weilt er selten,
Zu Hofe kommt er nie:
Man muß im Walde streifen,
Wenn man ihn fahen will,
Man muß ihn tapfer greifen,
Sonst hält er nirgend still."

Als drauf ohn alle Fährde
Der Graf sich niederließ
Und neben in die Erde
Die Jägerstange stieß,
Da griff mit beiden Händen
Der Kaiser nach dem Schaft:
"Den Spieß muß ich mir pfänden,
Ich nehm ihn mir zu Haft.

Der Spieß ist mir verfangen,
Des ich so lang begehrt,
Du sollst dafür empfangen
Hier dies mein bestes Pferd.
Nicht schweifen im Gewälde
Darf mir ein solcher Mann,
Der mir zu Hof und Felde
Viel besser dienen kann."

"Herr Kaiser, wollt vergeben!
Ihr macht das Herz mir schwer.
Laßt mir mein freies Leben,
Und laßt mir meinen Speer!
Ein Pferd hab ich schon eigen,
Für Eures sag ich Dank;
Zu Rosse will ich steigen,
Bin ich mal alt und krank."

"Mit dir ist nicht zu streiten,
Du bist mir allzu stolz,
Doch führst du an der Seiten
Ein Trinkgefäß von Holz:
Nun macht die Jagd mich dürsten,
Drum tu mir das, Gesell,
Und gib mir eins zu bürsten
Aus diesem Wasserquell!"

Der Graf hat sich erhoben,
Er schwenkt den Becher klar,
Er füllt ihn an bis oben,
Hält ihn dem Kaiser dar.
Der schlürft mit vollen Zügen
Den kühlen Trank hinein
Und zeigt ein solch Vergnügen,
Als wär's der beste Wein.

Dann faßt der schlaue Zecher
Den Grafen bei der Hand:
"Du schwenktest mir den Becher
Und fülltest ihn zum Rand,
Du hieltest mir zum Munde
Das labende Getränk:
Du bist von dieser Stunde
Des deutschen Reiches Schenk!"


       Das Singental

Der Herzog tief im Walde
Am Fuß der Eiche saß,
Als singend an der Halde
Ein Mägdlein Beeren las.
Erdbeeren, kühl und duftig,
Bot sie dem greisen Mann,
Doch ihn umschwebte luftig
Noch stets der Töne Bann.

"Mit deinem hellen Liede",
So sprach er, "feine Magd!
Kam über mich der Friede
Nach mancher stürm'schen Jagd.
Die Beeren, die du bringest,
Erfrischen wohl den Gaum,
Doch singe mehr! du singest
Die Seel in heitern Traum.

Ertönt an dieser Eiche
Mein Horn von Elfenbein,
In seines Schalls Bereiche
Ist all das Waldtal mein;
So weit von jener Birke
Dein Lied erklingt rundum,
Geb ich im Talbezirke
Dir Erb und Eigentum."

Noch einmal blies der Alte
Sein Horn ins Tal hinaus,
In ferner Felsenspalte
Verklang's wie Sturmgebraus:
Dann sang vom Birkenhügel
Des Mägdleins süßer Mund,
Als rauschten Engelflügel
Ob all dem stillen Grund.

Er legt in ihre Hände
Den Siegelring zum Pfand:
"Mein Waidwerk hat ein Ende,
Vergabt ist dir das Land."
Da nickt ihm Dank die Holde
Und eilet froh waldaus,
Sie trägt im Ring von Golde
Den frischen Erdbeerstrauß. -

Als noch des Hornes Brausen
Gebot mit finstrer Macht,
Da sah man Eber hausen
In tiefer Waldesnacht;
Laut bellte dort die Meute,
Vor der die Hindin floh,
Und fiel die blut'ge Beute,
Erscholl ein wild Halloh.

Doch seit des Mägdleins Singen
Ist ringsum Wiesengrün,
Die muntern Lämmer springen,
Die Kirschenhaine blühn;
Festreigen wird geschlungen
Im goldnen Frühlingsstrahl;
Und weil das Tal ersungen,
So heißt es Singental.


           Lerchenkrieg

"Lerchen sind wir, freie Lerchen,
Wiegen uns im Sonnenschein,
Steigen auf aus grünen Saaten,
Tauchen in den Himmel ein."

Tausend Lerchen schwebten singend
Ob dem weiten, ebnen Ries,
Daß ihr heller Ruf die Menschen
Nicht im Hause bleiben ließ.

Aus der Burg vom Wallersteine
Ritt der Graf mit seinem Sohn,
Will für ihn die goldnen Sporen
Holen an des Kaisers Thron.

Freut sich bei dem Lerchenwirbel
Schon der reichen Vogelbrut,
Doch dem Junker ihm zur Seite
Hüpft das Herz von Rittermut.

Aus der Stadt mit grauen Türmen,
Aus der Reichsstadt finsterm Tor
In den goldnen Sonntagsmorgen
Wandelt Alt und Jung hervor.

Und der junge Rottenmeister
Führt zum Garten seine Braut,
Pflücket ihr das erste Veilchen
Bei der Lerchen Jubellaut.

Diese lieben Lenzestage,
Ach, sie waren schnell verblüht,
Und die schönen Sommermonde
Waren auch so bald verglüht.

"Lerchen sind wir, freie Lerchen.
Nicht mehr lieblich ist es hier,
Singen ist uns hier verleidet,
Wandern, wandern wollen wir."

Abendlich im Herbstesnebel
Ziehn die Bürger aus dem Tor,
Breiten, richten still die Garne,
Lauschen mit gespanntem Ohr.

Horch, es rauscht! die Lerchen kommen,
Horch, es rauscht! ein mächt'ger Flug!
Waffenklirrend in die Garne
Sprengt und stampft ein reis'ger Zug.

Ruft der alte Graf vom Rosse:
"Hilf, Maria, reine Magd!
Hilf den Bürgerfrevel strafen,
Der uns stört die Vogeljagd!"

Ruft der junge Rottenmeister:
"Schwert vom Leder! Spieß herbei!
Lerchen darf ein jeder fangen,
Kleine Vögel, die sind frei."

Als der graue Morgen dämmert,
Liegt der Junker tot im Feld;
Über ihm, aufs Schwert sich stützend,
Grimmig, stumm, der greise Held.

Zum erschlagnen Rottenmeister
Beugt sich dort sein junges Weib,
Mit den aufgelösten Locken
Deckt sie seinen blut'gen Leib.

Und noch einmal, eh sie ziehen,
Steigen tausend Lerchen an,
Flattern in der Morgensonne,
Schmettern, wie sie nie getan:

"Lerchen sind wir, freie Lerchen,
Fliegen über Land und Flut;
Die uns fangen, würgen wollten,
Liegen hier in ihrem Blut."


                      Ver sacrum

Als die Latiner aus Lavinium
Nicht mehr dem Sturm der Feinde hielten stand,
Da hoben sie zu ihrem Heiligtum,
Dem Speer des Mavors, flehend Blick und Hand.

Da sprach der Priester, der die Lanze trug:
"Euch künd ich statt des Gottes, der euch grollt:
Nicht wird er senden günst'gen Vogelflug,
Wenn ihr ihm nicht den Weihefrühling zollt."

"Ihm sei der Frühling heilig!" rief das Heer,
"Und was der Frühling bringt, sei ihm gebracht!"
Da rauschten Fittige, da klang der Speer,
Da ward geworfen der Etrusker Macht.

Und jene zogen heim mit Siegesruf,
Und wo sie jauchzten, ward die Gegend grün,
Feldblumen sproßten unter jedem Huf,
Wo Speere streiften, sah man Bäum erblühn.

Doch vor der Heimat Toren am Altar,
Da harrten schon zum festlichen Empfang
Die Frauen und der Jungfraun helle Schar,
Bekränzt mit Blüte, welche heut entsprang.

Als nun verrauscht der freudige Willkomm,
Da trat der Priester auf den Hügel, stieß
Ins Gras den heil'gen Schaft, verneigte fromm
Sein Haupt und sprach vor allem Volke dies:

"Heil dir, der Sieg uns gab in Todesgraus!
Was wir gelobten, das erfüllen wir.
Die Arme breit ich auf dies Land hinaus
Und weihe diesen vollen Frühling dir!

Was jene Trift, die herdenreiche, trug,
Das Lamm, das Zicklein flamme deinem Herd!
Das junge Rind erwachse nicht dem Pflug
Und für den Zügel nicht das mut'ge Pferd!

Und was in jenen Blütegärten reift,
Was aus der Saat, der grünenden, gedeiht,
Es werde nicht von Menschenhand gestreift:
Dir sei es alles, alles dir geweiht!"

Schon lag die Menge schweigend auf den Knien,
Der gottgeweihte Frühling schwieg umher,
So leuchtend, wie kein Frühling je erschien,
Ein heil'ger Schauer waltet' ahnungschwer.

Und weiter sprach der Priester: "Schon gefreit
Wähnt ihr die Häupter, das Gelübd vollbracht?
Vergaßt ihr ganz der Satzung alter Zeit?
Habt ihr, was ihr gelobt, nicht vorbedacht?

Der Blüten Duft, die Saat im heitern Licht,
Die Trift, von neugeborner Zucht belebt,
Sind sie ein Frühling, wenn die Jugend nicht,
Die menschliche, durch sie den Reigen webt?

Mehr als die Lämmer sind dem Gotte wert
Die Jungfraun in der Jugend erstem Kranz;
Mehr als der Füllen auch hat er begehrt
Der Jünglinge im ersten Waffenglanz.

O nicht umsonst, ihr Söhne, waret ihr
Im Kampfe so von Gotteskraft durchglüht!
O nicht umsonst, ihr Töchter, fanden wir,
Rückkehrend, euch so wundervoll erblüht!

Ein Volk hast du vom Fall erlöst, o Mars!
Von Schmach der Knechtschaft hieltest du es rein
Und willst dafür die Jugend eines Jahrs;
Nimm sie! sie ist dir heilig, sie ist dein."

Und wieder warf das Volk sich auf den Grund,
Nur die Geweihten standen noch umher,
Von Schönheit leuchtend, wenn auch bleich der Mund,
Und heil'ger Schauer lag auf allen schwer.

Noch lag die Menge schweigend wie das Grab,
Dem Gotte zitternd, den sie erst beschwor,
Da fuhr aus blauer Luft ein Strahl herab
Und traf den Speer und flammt' auf ihm empor.

Der Priester hob dahin sein Angesicht,
Ihm wallte glänzend Bart und Silberhaar;
Das Auge strahlend von dem Himmelslicht,
Verkündet' er, was ihm eröffnet war:

"Nicht läßt der Gott von seinem heil'gen Raub,
Doch will er nicht den Tod, er will die Kraft;
Nicht will er einen Frühling welk und taub,
Nein, einen Frühling, welcher treibt im Saft.

Aus der Latiner alten Mauern soll
Dem Kriegsgott eine neue Pflanzung gehn;
Aus diesem Lenz, innkräft'ger Keime voll,
Wird eine große Zukunft ihm erstehn.

Drum wähle jeder Jüngling sich die Braut,
Mit Blumen sind die Locken schon bekränzt,
Die Jungfrau folge dem, dem sie vertraut;
So zieht dahin, wo euer Stern erglänzt!

Die Körner, deren Halme jetzt noch grün,
Sie nehmet mit zur Aussaat in der Fern,
Und von den Bäumen, welche jetzt noch blühn,
Bewahret euch den Schößling und den Kern!

Der junge Stier pflüg euer Neubruchland,
Auf eure Weiden führt das muntre Lamm,
Das rasche Füllen spring an eurer Hand,
Für künft'ge Schlachten ein gesunder Stamm!

Denn Schlacht und Sturm ist euch vorausgezeigt,
Das ist ja dieses starken Gottes Recht,
Der selbst in eure Mitte niedersteigt,
Zu zeugen eurer Könige Geschlecht.

In eurem Tempel haften wird sein Speer,
Da schlagen ihn die Feldherrn schütternd an,
Wann sie ausfahren über Land und Meer
Und um den Erdkreis ziehn die Siegesbahn.

Ihr habt vernommen, was dem Gott gefällt,
Geht hin, bereitet euch, gehorchet still!
Ihr seid das Saatkorn einer neuen Welt;
Das ist der Weihefrühling, den er will."


        Der Königssohn

                    1.

Der alte, graue König sitzt
Auf seiner Väter Throne;
Sein Mantel glänzt wie Abendrot,
Wie sinkende Sonn die Krone.

"Mein erster und mein zweiter Sohn!
Euch teil ich meine Lande.
Mein dritter Sohn, mein liebstes Kind!
Was laß ich dir zum Pfande?"

"Gib mir von allen Schätzen nur
Die alte, rostige Krone!
Gib mir drei Schiffe! so fahr ich hin
Und suche nach einem Throne."

                     2.

Der Jüngling steht auf dem Verdeck,
Sieht seine Schiffe fahren,
Die Sonne strahlt, es spielt die Luft
Mit seinen goldnen Haaren.

Das Ruder schallt, das Segel schwillt,
Die bunten Wimpel fliegen,
Meerfrauen mit Gesang und Spiel
Sich um die Kiele wiegen.

Er spricht: "Das ist mein Königreich,
Das frei und lustig streifet,
Das um die träge Erde her
Auf blauen Fluten schweifet."

Da ziehen finstre Wolken auf
Mit Sturm und mit Gewitter.
Die Blitze zucken aus der Nacht,
Die Maste springen in Splitter.

Und Wogen stürzen auf das Schiff,
So wilde, Bergen gleiche;
Verschlungen ist der Königssohn
Samt seinem lust'gen Reiche.

                     3.

FISCHER:

Versunken, wehe, Mast und Kiel!
Der Schiffer Ruf verschollen!
Doch sieh, wer schwimmet dort herbei,
Um den die Wogen rollen?

Er schlägt mit starkem Arm die Flut
Und fürchtet die Wellen wenig,
Trägt hoch das Haupt mit goldner Kron,
Er dünkt mir wohl ein König.

JÜNGLING:

Ein Königssohn, mir aber ist
Die Heimat längst verloren.
Erst hat die schwache Mutter mich,
Die irdische, geboren,

Doch nun gebar die zweite Mutter,
Das starke Meer, mich wieder.
In Riesenarmen wiegte sie
Mich selbst und meine Brüder.

Die andern all ertrugen's nicht,
Mich brachte sie hier zum Strande.
Zum Reiche wohl erkor sie mir
All diese weiten Lande.

                    4.

FISCHER:

Was spähest du nach der Angel
Von Morgen bis zur Nacht
Und hast mit aller Mühe doch
Kein Fischlein aufgebracht?

JÜNGLING:

Ich angle nicht nach Fischen,
Ich sah in Meeresschacht,
Wohl jeder Angel allzu tief,
Viel königliche Pracht.

                    5.

Wie schreitet königlich der Leu!
Schüttelt die Mähn in die Lüfte.
Er ruft sein Machtgebot
Durch Wälder und Klüfte.

Doch werd ich ihn stürzen
Mit dem Speer in starker Hand,
Um die Schultern mir schürzen
Sein Goldgewand.

Der Aar, ein König, schwebet auf,
Er rauschet in Wonne,
Will langen sich zur Kron herab
Die goldne Sonne.

Doch in den Wolken hoch
Soll ihn fahen und spießen
Mein geflügelter Pfeil,
Daß er mir sinke zu Füßen.

                     6.

Im Walde läuft ein wildes Pferd,
Hat nie den Zaum gelitten,
Goldfalb, mit langer, dichter Mähn,
Schlägt Funken bei allen Tritten.

Der Königssohn, er fängt es ein,
Hat sich darauf geschwungen,
Es bläht die Brust und schwingt den Schweif,
Kommt wiehernd hergesprungen.

Und alle horchen staunend auf,
Die in den Tälern hausen.
Sie hören's vom Gebirge her
Wie Sturm und Donner brausen.

Da sprengt herab der Königssohn,
Umwallt vom Fell des Leuen,
Des wilden Rosses Mähne fleugt,
Die Hufe Feuer streuen.

Da drängt sich alles Volk herzu
Mit Jubel und Gesange:
"Heil uns! er ist's, der König ist's,
Den wir erharrt so lange!"

                    7.

Es steht ein hoher, schroffer Fels,
Darum die Adler fliegen,
Doch wagt sich keiner drauf herab,
Den Drachen sehen sie liegen.

In alten Mauern liegt er dort
Mit seinem goldnen Kamme,
Er rasselt mit der Schuppenhaut,
Er hauchet Dampf und Flamme.

Der Jüngling, ohne Schwert und Schild,
Ist keck hinaufgedrungen,
Die Arme wirft er um die Schlang
Und hält sie fest umrungen.

Er küßt sie dreimal in den Schlund,
Da muß der Zauber weichen,
Er hält im Arm ein holdes Weib,
Das schönst' in allen Reichen.

Die herrliche, gekrönte Braut
Hat er am Herzen liegen,
Und aus den alten Trümmern ist
Ein Königsschloß gestiegen.

                   8.

Der König und die Königin,
Sie stehen auf dem Throne,
Da glüht der Thron wie Morgenrot,
Wie steigende Sonn die Krone.

Viel stolze Ritter stehn umher,
Die Schwerter in den Händen,
Sie können ihre Augen nicht
Vom lichten Throne wenden.

Ein alter, blinder Sänger steht,
An seiner Harf gelehnet,
Er fühlet, daß die Zeit erschien,
Die er so lang ersehnet.

Und plötzlich springt vom hohen Glanz
Der Augen finstre Hülle.
Er schaut hinauf und wird nicht satt
Der Herrlichkeit und Fülle.

Er greifet in sein Saitenspiel,
Das ist gar hell erklungen,
Er hat in Licht und Seligkeit
Sein Schwanenlied gesungen.


                 Des Sängers Fluch

Es stand in alten Zeiten ein Schloß so hoch und hehr,
Weit glänzt' es über die Lande bis an das blaue Meer,
Und rings von duft'gen Gärten ein blütenreicher Kranz,
Drin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz.

Dort saß ein stolzer König, an Land und Siegen reich,
Er saß auf seinem Throne so finster und so bleich;
Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wut,
Und was er spricht, ist Geißel, und was er schreibt, ist Blut.

Einst zog nach diesem Schlosse ein edles Sängerpaar,
Der ein' in goldnen Locken, der andre grau von Haar;
Der Alte mit der Harfe, der saß auf schmuckem Roß,
Es schritt ihm frisch zur Seite der blühende Genoß.

Der Alte sprach zum Jungen: "Nun sei bereit, mein Sohn!
Denk unsrer tiefsten Lieder, stimm an den vollsten Ton!
Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz!
Es gilt uns heut, zu rühren des Königs steinern Herz."

Schon stehn die beiden Sänger im hohen Säulensaal,
Und auf dem Throne sitzen der König und sein Gemahl;
Der König furchtbar prächtig, wie blut'ger Nordlichtschein,
Die Königin süß und milde, als blickte Vollmond drein.

Da schlug der Greis die Saiten, er schlug sie wundervoll,
Daß reicher, immer reicher der Klang zum Ohre schwoll,
Dann strömte himmlisch helle des Jünglings Stimme vor,
Des Alten Sang dazwischen wie dumpfer Geisterchor.

Sie singen von Lenz und Liebe, von sel'ger goldner Zeit,
Von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit;
Sie singen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt,
Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt.

Die Höflingsschar im Kreise verlernet jeden Spott,
Des Königs trotz'ge Krieger, sie beugen sich vor Gott,
Die Königin, zerflossen in Wehmut und in Lust,
Sie wirft den Sängern nieder die Rose von ihrer Brust.

"Ihr habt mein Volk verführet, verlockt ihr nun mein Weib?"
Der König schreit es wütend, er bebt am ganzen Leib,
Er wirft sein Schwert, das blitzend des Jünglings Brust durchdringt,
Draus statt der goldnen Lieder ein Blutstrahl hoch aufspringt.

Und wie vom Sturm zerstoben ist all der Hörer Schwarm,
Der Jüngling hat verröchelt in seines Meisters Arm,
Der schlägt um ihn den Mantel und setzt ihn auf das Roß,
Er bind't ihn aufrecht feste, verläßt mit ihm das Schloß.

Doch vor dem hohen Tore, da hält der Sängergreis,
Da faßt er seine Harfe, sie aller Harfen Preis,
An einer Marmorsäule, da hat er sie zerschellt,
Dann ruft er, daß es schaurig durch Schloß und Gärten gellt:

"Weh euch, ihr stolzen Hallen! nie töne süßer Klang
Durch eure Räume wieder, nie Saite noch Gesang,
Nein! Seufzer nur und Stöhnen und scheuer Sklavenschritt,
Bis euch zu Schutt und Moder der Rachegeist zertritt!

Weh euch, ihr duft'gen Gärten im holden Maienlicht!
Euch zeig ich dieses Toten entstelltes Angesicht,
Daß ihr darob verdorret, daß jeder Quell versiegt,
Daß ihr in künft'gen Tagen versteint, verödet liegt.

Weh dir, verruchter Mörder! du Fluch des Sängertums!
Umsonst sei all dein Ringen nach Kränzen blut'gen Ruhms,
Dein Name sei vergessen, in ew'ge Nacht getaucht,
Sei wie ein letztes Röcheln in leere Luft verhaucht!"

Der Alte hat's gerufen, der Himmel hat's gehört,
Die Mauern liegen nieder, die Hallen sind zerstört,
Noch eine hohe Säule zeugt von verschwundner Pracht,
Auch diese, schon geborsten, kann stürzen über Nacht.

Und rings statt duft'ger Gärten ein ödes Heideland,
Kein Baum verstreuet Schatten, kein Quell durchdringt den Sand,
Des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch;
Versunken und vergessen! das ist des Sängers Fluch.