Uhland

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Biografie

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         Die Siegesbotschaft

Es war so trübe, dumpf und schwer,
Die schlimme Sage schlich umher,
Sie krächzte, wie zur Dämmerzeit
Ein schwarzer Unglücksvogel schreit.

Die schlimme Sage schlich im Land
Mit schnöder Schattenbilder Tand,
Sie zeigte Zwietracht und Verrat,
Zernichtung aller edeln Saat.

Des Bösen Freunde trotzen schon,
Sie lachen hämisch, sprechen Hohn,
Die Guten stehen ernst und still
Und harren, was da werden will.

Da schwingt sich's überm Rhein empor
Und bricht den düstern Wolkenflor:
Ist's stolzer Adler Sonnenflug?
Ist's tönereicher Schwäne Zug?

Es rauscht und singt im goldnen Licht:
Der Herr verläßt die Seinen nicht,
Er macht so Heil'ges nicht zum Spott.
Viktoria! mit uns ist Gott!


         An das Vaterland

Dir möcht ich diese Lieder weihen,
Geliebtes deutsches Vaterland!
Denn dir, dem neuerstandnen, freien,
Ist all mein Sinnen zugewandt.

Doch Heldenblut ist dir geflossen,
Dir sank der Jugend schönste Zier:
Nach solchen Opfern, heilig großen,
Was gälten diese Lieder dir?


Die deutsche Sprachgesellschaft

                   1817

Gelehrte deutsche Männer,
Der deutschen Rede Kenner,
Sie reichen sich die Hand,
Die Sprache zu ergründen,
Zu regeln und zu ründen
In emsigem Verband.

Indes nun diese walten,
Bestimmen und gestalten
Der Sprache Form und Zier:
So schaffe du inwendig,
Tatkräftig und lebendig,
Gesamtes Volk, an ihr!

Ja! gib ihr du die Reinheit,
Die Klarheit und die Feinheit,
Die aus dem Herzen stammt!
Gib ihr den Schwung, die Stärke,
Die Glut, an der man merke,
Daß sie vom Geiste flammt!

An deiner Sprache rüge
Du schärfer nichts denn Lüge,
Die Wahrheit sei ihr Hort!
Verpflanz auf deine Jugend
Die deutsche Treu und Tugend
Zugleich mit deutschem Wort!

Zu buhlerischem Girren
Laß du ihn niemals kirren,
Der ernsten Sprache Klang!
Sie sei dir Wort der Treue,
Sei Stimme zarter Scheue,
Sei echter Minne Sang!

Sie diene nie am Hofe
Als Gauklerin, als Zofe,
Das Lispeln taugt ihr nicht;
Sie töne stolz, sie weihe
Sich dahin, wo der Freie
Für Recht, für Freiheit spricht!

Wenn so der Sprache Mehrung,
Verbesserung und Klärung
Bei dir vonstatten geht:
So wird man sagen müssen,
Daß, wo sich Deutsche grüßen,
Der Atem Gottes weht.


              Ernst der Zeit

Wann ward der erste Kranz gewunden?
Wann flog der erste Ball ans Ziel?
Wann ward der heitre Tanz erfunden?
Und wann das lose Pfänderspiel?

Ach! wohl in fernen, fernen Tagen,
Die unsern hätten's nie erdacht,
Wo bald im Feld die Völker schlagen,
Und bald der innre Zank erwacht.


      Das neue Märchen

Einmal atmen möcht ich wieder
In dem goldnen Märchenreich,
Doch ein strenger Geist der Lieder
Fällt mir in die Saiten gleich.

Freiheit heißt nun meine Fee,
Und mein Ritter heißet Recht;
Auf denn, Ritter, und bestehe
Kühn der Drachen wild Geschlecht!


             Aussicht

Wird das Lied nun immer tönen
Mit dem ernsten, scharfen Laut?
Und das Feld des heitern Schönen,
Bleibt es forthin ungebaut?

Sind die Wälder erst gelichtet
Und die Sümpfe abgeführt,
Dann zu reiner Sonne richtet
Sich das Auge, fromm gerührt.


      An die Mütter

Mütter! die ihr euch erquickt
An der Kinder teuren Zügen
Und mit ahnendem Vergnügen
Vieles Künft'ge drin erblickt:

Schaut einmal recht tief hinein
Und verschafft uns sichre Kunde:
Wird der Väter Kampf und Wunde
In den Kindern fruchtbar sein?


      An die Mädchen

Ihr besonders dauret mich,
Arme Mädchen, inniglich,
Daß ihr just in Zeiten fielet,
Wo man wenig tanzt und spielet.

Eine Mädchenjugend ist
Abgeblüht in kurzer Frist;
Müsset ihr nun Blüte tragen
In so rauhen, trüben Tagen!

Ja! mir dünket oft so sehr
Eure Jugend freudenleer,
Daß euch keine Zuflucht bliebe
Als die wahre, fromme Liebe.


          Die neue Muse

Als ich mich des Rechts beflissen
Gegen meines Herzens Drang
Und mich halb nur losgerissen
Von dem lockenden Gesang:
Wohl dem Gotte mit der Binde
Ward noch manches Lied geweiht,
Keines jemals dir, o blinde
Göttin der Gerechtigkeit!

Andre Zeiten, andre Musen!
Und in dieser ernsten Zeit
Schüttert nichts mir so den Busen,
Weckt mich so zum Liederstreit:
Als wenn du mit Schwert und Waage,
Themis, thronst in deiner Kraft
Und die Völker rufst zur Klage,
Könige zur Rechenschaft!



B. Vaterländische Gedichte

       1. Am 18. Oktober 1815

Herrn Bürgermeister Klüpfel ständischem Abgeordneten der Stadt Stuttgart

Die Schlacht der Völker ward geschlagen,
Der Fremde wich von deutscher Flur,
Doch die befreiten Lande tragen
Noch manches vor'gen Dranges Spur;
Und wie man aus versunknen Städten
Erhabne Götterbilder gräbt,
So ist manch heilig Recht zu retten,
Das unter wüsten Trümmern lebt.

Zu retten gilt's und aufzubauen,
Doch das Gedeihen bleibet fern,
Wo Liebe fehlet und Vertrauen
Und Eintracht zwischen Volk und Herrn.
Der Deutsche ehrt' in allen Zeiten
Der Fürsten heiligen Beruf,
Doch liebt er frei einherzuschreiten
Und aufrecht, wie ihn Gott erschuf.

So wirkt auch ihr im festen Bunde,
Ihr guten Hüter unsres Rechts!
Ihr bauet auf dem alten Grunde
Das Wohl des künftigen Geschlechts.
Uneingedenk gemeinen Lohnes,
Seid ihr beharrlich, emsig, treu;
Des Volkes Würde wie des Thrones
Beachtet ihr mit heil'ger Scheu.

Drum, da wir heut das Fest begehen,
Dem tausend Freudenfeuer sprühn
Und, wo sie nicht von Bergen wehen,
Doch tief in allen Herzen glühn:
Was kann so edlen Schmuck gewähren
Dem Mahle, das uns hier vereint,
Als einen Mann bei uns zu ehren,
Der's so getreulich mit uns meint!

Den Mann, der, unsrer Stadt entsprossen,
Stets ihres Wohles treu gedacht,
Dem wir uns innig angeschlossen,
Der unser Teuerstes bewacht;
Der unerschüttert ausgehalten
Im Sturm der schreckensvollen Zeit
Und der auch jetzt mit kräft'gem Walten
Dem neuen Werk sein Leben weiht!

Nie kommt das Wort, ihr treuen Väter!
Dem heißen Herzensdanke gleich,
Nie spricht es aus, ihr Volksvertreter!
Wie wir so eines sind mit euch.
Als jüngst in hehren Tempelhallen
Die Menge sich mit euch erbaut,
Da sprach das Schweigen über allen
Mehr als der hellste Jubellaut.

So laß dir's, Edler, denn gefallen
Bei unsrem fröhlichen Gelag,
Und will dich düstrer Ernst umwallen,
So denk an künft'gen Festestag:
Wann jener Schlacht Gewittersegen
Sichtbar auch unser Heil erneut,
Wann sich die Saaten schwellend regen,
Die ihr im Sämond ausgestreut!


     2. Das alte, gute Recht

Wo je bei altem, gutem Wein
Der Württemberger zecht,
Da soll der erste Trinkspruch sein:
Das alte, gute Recht!

Das Recht, das unsres Fürsten Haus
Als starker Pfeiler stützt
Und das im Lande ein und aus
Der Armut Hütten schützt.

Das Recht, das uns Gesetze gibt,
Die keine Willkür bricht;
Das offene Gerichte liebt
Und giltig Urteil spricht.

Das Recht, das mäßig Steuern schreibt
Und wohl zu rechnen weiß,
Das an der Kasse sitzen bleibt
Und kargt mit unsrem Schweiß.

Das unser heil'ges Kirchengut
Als Schutzpatron bewacht,
Das Wissenschaft und Geistesglut
Getreulich nährt und facht.

Das Recht, das jedem freien Mann
Die Waffen gibt zur Hand,
Damit er stets verfechten kann
Den Fürsten und das Land.

Das Recht, das jedem offen läßt
Den Zug in alle Welt,
Das uns allein durch Liebe fest
Am Mutterboden hält.

Das Recht, des wohlverdienten Ruhm
Jahrhunderte bewährt,
Das jeder, wie sein Christentum,
Von Herzen liebt und ehrt.

Das Recht, das eine schlimme Zeit
Lebendig uns begrub,
Das jetzt mit neuer Regsamkeit
Sich aus dem Grab erhub.

Ja! wenn auch wir von hinnen sind,
Besteh es fort und fort
Und sei für Kind und Kindeskind
Des schönsten Glückes Hort!

Und wo bei altem, gutem Wein
Der Württemberger zecht,
Soll stets der erste Trinkspruch sein:
Das alte, gute Recht!


    3. Württemberg

Was kann dir aber fehlen,
Mein teures Vaterland?
Man hört ja weit erzählen
Von deinem Segensstand.

Man sagt: du seist ein Garten,
Du seist ein Paradies;
Was kannst du mehr erwarten,
Wenn man dich selig pries?

Ein Wort, das sich vererbte,
Sprach jener Ehrenmann:
Wenn man dich gern verderbte,
Daß man es doch nicht kann.

Und ist denn nicht ergossen
Dein Fruchtfeld wie ein Meer?
Kommt nicht der Most geflossen
Von tausend Hügeln her?

Und wimmeln dir nicht Fische
In jedem Strom und Teich?
Ist nicht dein Waldgebüsche
An Wild nur allzu reich?

Treibt nicht die Wollenherde
Auf deiner weiten Alb?
Und nährest du nicht Pferde
Und Rinder allenthalb?

Hört man nicht fernhin preisen
Des Schwarzwalds stämmig Holz?
Hast du nicht Salz und Eisen
Und selbst ein Körnlein Golds?

Und sind nicht deine Frauen
So häuslich, fromm und treu?
Erblüht in deinen Gauen
Nicht Weinsberg ewig neu?

Und sind nicht deine Männer
Arbeitsam, redlich, schlicht?
Der Friedenswerke Kenner
Und tapfer, wenn man ficht?

Du Land des Korns und Weines,
Du segenreich Geschlecht,
Was fehlt dir? - All und eines:
Das alte, gute Recht.


           4. Gespräch

"Und immer nur vom alten Recht?
Wie du so störrig bist!"
Ich bin des Alten treuer Knecht,
Weil es ein Gutes ist.

"Das Beßre, nicht das Gute nur
Zu rühmen, sei dir Pflicht!"
Vom Guten hab ich sichre Spur,
Vom Beßren leider! nicht.

"Wenn ich dir's aber weisen kann,
So merk und trau auf mich!"
Ich schwör auf keinen einzeln Mann,
Denn einer bin auch ich.

"Ist weiser Rat dir kein Gewinn,
Wo zündest du dein Licht?"
Ich halt es mit dem schlichten Sinn,
Der aus dem Volke spricht.

"Ich sehe, daß du wenig weißt
Von Schwung und Schöpferkraft."
Ich lobe mir den stillen Geist,
Der mählich wirkt und schafft.

"Der echte Geist schwingt sich empor
Und rafft die Zeit sich nach."
Was nicht von innen keimt hervor,
Ist in der Wurzel schwach.

"Du hast das Ganze nicht erfaßt,
Der Menscheit großen Schmerz."
Du meinst es löblich, doch du hast
Für unser Volk kein Herz.


   5. An die Volksvertreter

Schaffet fort am guten Werke
Mit Besonnenheit und Stärke!
Laßt euch nicht das Lob betören!
Laßt euch nicht den Tadel stören!

Tadeln euch die Überweisen,
Die um eigne Sonnen kreisen:
Haltet fester nur am echten,
Alterprobten einfach Rechten!

Höhnen euch die herzlos Kalten,
Die Erglühn für Torheit halten:
Brennet heißer nur und treuer
Von des edlen Eifers Feuer!

Schmähn euch jene, die zum Guten
Lautern Antrieb nie vermuten:
Zeigt in desto schönrer Klarheit
Reinen Sinn für Recht und Wahrheit!

Was ihr Treues uns erwiesen,
Sei von uns mit Dank gepriesen!
Was ihr ferner werdet bauen,
Sei erwartet mit Vertrauen!


     6. Am 18. Oktober 1816

Wenn heut ein Geist herniederstiege,
Zugleich ein Sänger und ein Held,
Ein solcher, der im heil'gen Kriege
Gefallen auf dem Siegesfeld,
Der sänge wohl auf deutscher Erde
Ein scharfes Lied, wie Schwertesstreich,
Nicht so, wie ich es künden werde,
Nein! himmelskräftig, donnergleich:

"Man sprach einmal von Festgeläute,
Man sprach von einem Feuermeer,
Doch was das große Fest bedeute,
Weiß es denn jetzt noch irgendwer?
Wohl müssen Geister niedersteigen,
Von heil'gem Eifer aufgeregt,
Und ihre Wundenmale zeigen,
Daß ihr darein die Finger legt.

Ihr Fürsten! seid zuerst befraget:
Vergaßt ihr jenen Tag der Schlacht,
An dem ihr auf den Knieen laget
Und huldigtet der höhern Macht?
Wenn eure Schmach die Völker lösten,
Wenn ihre Treue sie erprobt,
So ist's an euch, nicht zu vertrösten,
Zu leisten jetzt, was ihr gelobt.

Ihr Völker! die ihr viel gelitten,
Vergaßt auch ihr den schwülen Tag?
Das Herrlichste, was ihr erstritten,
Wie kommt's, daß es nicht frommen mag?
Zermalmt habt ihr die fremden Horden,
Doch innen hat sich nichts gehellt,
Und Freie seid ihr nicht geworden,
Wenn ihr das Recht nicht festgestellt.

Ihr Weisen! muß man euch berichten,
Die ihr doch alles wissen wollt,
Wie die Einfältigen und Schlichten
Für klares Recht ihr Blut gezollt?
Meint ihr, daß in den heißen Gluten
Die Zeit, ein Phönix, sich erneut,
Nur um die Eier auszubruten,
Die ihr geschäftig unterstreut?

Ihr Fürstenrät' und Hofmarschälle
Mit trübem Stern auf kalter Brust,
Die ihr vom Kampf um Leipzigs Wälle
Wohl gar bis heute nichts gewußt,
Vernehmt! an diesem heut'gen Tage
Hielt Gott der Herr ein groß Gericht.
- Ihr aber hört nicht, was ich sage,
Ihr glaubt an Geisterstimmen nicht.

Was ich gesollt, hab ich gesungen,
Und wieder schwing ich mich empor,
Was meinem Blick sich aufgedrungen,
Verkünd ich dort dem sel'gen Chor:
Nicht rühmen kann ich, nicht verdammen,
Untröstlich ist's noch allerwärts,
Doch sah ich manches Auge flammen,
Und klopfen hört ich manches Herz."


     7. Schwindelhaber

Ei! wer hat in diesem Jahre
All den Wust ins Korn gebracht,
Mutterkorn und andre Ware,
Die im Kopfe dämisch macht,
Raden, Ruß, am meisten aber
Schwindelhaber, Dippelhaber?

Was die neuen Früchte taugen,
Sah man jüngst beim Schützenfest:
Allen tanzt' es vor den Augen,
Und nicht einer traf ins Nest;
In dem jungen Bier war aber
Schwindelhaber, Dippelhaber.

Worfeln soll man, beuteln, sieben,
Was der Krankheit Spuren trägt;
Tüchtig werd es durchgetrieben,
Abgegerbt und ausgefegt!
Weg den Wust, besonders aber
Schwindelhaber, Dippelhaber!

Die ihr sorgt in unsrem Namen
Für die neue, große Saat,
Sichtet aus den falschen Samen,
Der schon so viel Böses tat:
Raden, Ruß, vor allem aber
Schwindelhaber, Dippelhaber!


       8. Hausrecht

Tritt ein zu dieser Schwelle!
Willkommen hierzuland!
Leg ab den Mantel, stelle
Den Stab an diese Wand!

Sitz obenan zu Tische!
Die Ehre ziemt dem Gast.
Was ich vermag, erfrische
Dich nach des Tages Last!

Wenn ungerechte Rache
Dich aus der Heimat trieb,
Nimm unter meinem Dache
Als teurer Freund vorlieb!

Nur eins ist, was ich bitte:
Laß du mir ungeschwächt
Der Väter fromme Sitte,
Des Hauses heilig Recht!


9. Das Herz für unser Volk

An unsrer Väter Taten
Mit Liebe sich erbaun,
Fortpflanzen ihre Saaten,
Dem alten Grund vertraun;
In solchem Angedenken
Des Landes Heil erneun;
Um unsre Schmach sich kränken,
Sich unsrer Ehre freun;
Sein eignes Ich vergessen
In Aller Lust und Schmerz:
Das nennt man, wohlermessen,
Für unser Volk ein Herz.

Was unsre Väter schufen,
Zertrümmern ohne Scheu,
Um dann hervorzurufen
Das eigne Luftgebäu;
Fühllos die Männer lästern,
Die wir uns ausgewählt,
Weil sie dem Plan von gestern
Zu huldigen verfehlt;
Die alten Namen nennen
Nicht anders als zum Scherz:
Das heißt, ich darf's bekennen,
Für unser Volk kein Herz.

Jetzt, da von neuem Lichte
Die Hoffnung sich belebt,
Und da die Volksgeschichte
Den Griffel wartend hebt:
O Fürst! für dessen Ahnen
Der Unsern Brust gepocht
Und unter dessen Fahnen
Die Jugend Ruhm erfocht,
Jetzt, unvermittelt, neige
Du dich zu unsrem Schmerz!
Ja! du vor allen zeige
Für unser Volk ein Herz!


   10. Neujahrswunsch 1817

Wer redlich hält zu seinem Volke,
Der wünsch ihm ein gesegnet Jahr!
Vor Mißwachs, Frost und Hagelwolke
Behüt uns aller Engel Schar!
Und mit dem bang ersehnten Korne,
Und mit dem lang entbehrten Wein
Bring uns dies Jahr in seinem Horne
Das alte, gute Recht herein!

Man kann in Wünschen sich vergessen,
Man wünschet leicht zum Überfluß,
Wir aber wünschen nicht vermessen,
Wir wünschen, was man wünschen muß.
Denn soll der Mensch im Leibe leben,
So brauchet er sein täglich Brot,
Und soll er sich zum Geist erheben,
So ist ihm seine Freiheit not.


11. Den Landständen zum Christophstag 1817

Und wieder schwankt die ernste Waage,
Der alte Kampf belebt sich neu;
Jetzt kommen erst die rechten Tage,
Wo Korn sich sondern wird von Spreu,
Wo man den Falschen von dem Treuen
Gehörig unterscheiden kann,
Den Unerschrocknen von dem Scheuen,
Den halben von dem ganzen Mann.

Den wird man für erlaucht erkennen,
Der von dem Recht erleuchtet ist,
Den wird man einen Ritter nennen,
Der nie sein Ritterwort vergißt,
Den Geistlichen wird man verehren,
In dem sich regt der freie Geist,
Der wird als Bürger sich bewähren,
Der seine Burg zu schirmen weißt.

Jetzt wahret, Männer, eure Würde,
Steht auf zu männlichem Entscheid!
Damit ihr nicht dem Land zur Bürde,
Dem Ausland zum Gelächter seid.
Es ist so viel schon unterhandelt,
Es ist gesprochen fort und fort,
Es ist geschrieben und gesandelt -
So sprecht nun euer leztes Wort!

Und kann es nicht sein Ziel erstreben,
So tretet in das Volk zurück!
Daß ihr vom Rechte nichts vergeben,
Sei euch ein lohnend stolzes Glück!
Erharret ruhig und bedenket:
Der Freiheit Morgen steigt herauf,
Ein Gott ist's, der die Sonne lenket,
Und unaufhaltsam ist ihr Lauf!


12. Gebet eines Württembergers

Der du von deinem ew'gen Thron
Die Völker hütest, groß' und kleine:
Gewiß, du blickst auch auf das meine,
Du siehst das Leiden, siehst den Hohn.

Zu unsrem König, deinem Knecht,
Kann nicht des Volkes Stimme kommen;
Hätt er sie, wie er will, vernommen,
Wir hätten längst das teure Recht.

Doch dir ist offen jeglich Tor,
Dir keine Scheidwand vorgeschoben,
Dein Wort ist Donnerhall von oben:
Sprich du an unsres Königs Ohr!


             13. Nachruf

Noch ist kein Fürst so hochgefürstet,
So auserwählt kein ird'scher Mann,
Daß, wenn die Welt nach Freiheit dürstet,
Er sie mit Freiheit tränken kann,
Daß er allein in seinen Händen
Den Reichtum alles Rechtes hält,
Um an die Völker auszuspenden
So viel, so wenig ihm gefällt.

Die Gnade fließet aus vom Throne,
Das Recht ist ein gemeines Gut,
Es liegt in jedem Erdensohne,
Es quillt in uns wie Herzensblut;
Und wann sich Männer frei erheben
Und treulich schlagen Hand in Hand,
Dann tritt das innre Recht ins Leben
Und der Vertrag gibt ihm Bestand.

Vertrag! es ging auch hierzulande
Von ihm der Rechte Satzung aus,
Es knüpfen seine heil'gen Bande
Den Volksstamm an das Fürstenhaus.
Ob einer im Palast geboren,
In Fürstenwiege sei gewiegt,
Als Herrscher wird ihm erst geschworen,
Wenn der Vertrag besiegelt liegt.

Solch teure Wahrheit ward verfochten,
Und überwunden ist sie nicht.
Euch, Kämpfer, ist kein Kranz geflochten,
Wie der beglückte Sieg ihn flicht;
Nein! wie ein Fähnrich, wund und blutig,
Sein Banner rettet im Gefecht,
So blickt ihr, tief gekränkt, doch mutig
Und stolz auf das gewahrte Recht.

Kein Herold wird's den Völkern künden
Mit Pauken- und Trommetenschall,
Und dennoch wird es Wurzel gründen
In deutschen Gauen überall:
Daß Weisheit nicht das Recht begraben
Noch Wohlfahrt es ersetzen mag,
Daß bei dem biedern Volk in Schwaben
Das Recht besteht und der Vertrag!


14. Prolog zu dem Trauerspiel "Ernst Herzog von Schwaben"

(Zur Feier der württembergischen Verfassung wurde am 29. Oktober 1819 auf dem Hof- und Nationaltheater zu Stuttgart das genannte Trauerspiel des Verfassers dieser Gedichte mit dem hier abgedruckten Prolog aufgeführt.)

Ein ernstes Spiel wird euch vorübergehn,
Der Vorhang hebt sich über einer Welt,
Die längst hinab ist in der Zeiten Strom,
Und Kämpfe, längst schon ausgekämpfte, werden
Vor euern Augen stürmisch sich erneun.

Zween Männer, edel, bieder, fromm und kühn,
Zween Freunde, treu und fest bis in den Tod,
Preiswerte Namen deutscher Heldenzeit,
Ihr werdet sehn, wie sie, geächtet, irren
Und, in Verzweiflung fechtend, untergehn.

Das ist der Fluch des unglücksel'gen Landes,
Wo Freiheit und Gesetz darniederliegt,
Daß sich die Besten und die Edelsten
Verzehren müssen in fruchtlosem Harm,
Daß, die fürs Vaterland am reinsten glühn,
Gebrandmarkt werden als des Lands Verräter
Und, die noch jüngst des Landes Retter hießen,
Sich flüchten müssen an des Fremden Herd.
Und während so die beste Kraft verdirbt,
Erblühen, wuchernd in der Hölle Segen,
Gewalttat, Hochmut, Feigheit, Schergendienst.

Wie anders, wenn aus sturmbewegter Zeit
Gesetz und Ordnung, Freiheit sich und Recht
Emporgerungen und sich festgepflanzt!
Da drängen die, so grollend ferne standen,
Sich fröhlich wieder in der Bürger Reihn,
Da wirket jeder Geist und jede Hand
Belebend, fördernd für des Ganzen Wohl,
Da glänzt der Thron, da lebt die Stadt, da grünt
Das Feld, da blicken Männer frei und stolz;
Des Fürsten und des Volkes Rechte sind
Verwoben, wie sich Ulm und Reb umschlingen,
Und für des Heiligtums Verteidigung
Steht jeder freudig ein mit Gut und Blut.

Man rettet gern aus trüber Gegenwart
Sich in das heitere Gebiet der Kunst,
Und für die Kränkungen der Wirklichkeit
Sucht man sich Heilung in des Dichters Träumen.
Doch heute - wen vielleicht der Bühne Spiel
Verwundet, der gedenke, sich zum Troste,
Welch Fest wir wahr und wirklich heut begehn!
Da mag er sehn, für was die Männer sterben.

Noch steigen Götter auf die Erde nieder,
Noch treten die Gedanken, die der Mensch
Die höchsten achtet, in das Leben ein.
Ja! mitten in der wildverworrnen Zeit
Ersteht ein Fürst, vom eignen Geist bewegt,
Und reicht hochherzig seinem Volk die Hand
Zum freien Bund der Ordnung und des Rechts.
Ihr habt's gesehen, Zeugen seid ihr alle,
In ihre Tafeln grab es die Geschichte!
Heil diesem König, diesem Volke Heil!


        15. Wanderung

Ich nahm den Stab zu wandern,
Durch Deutschland ging die Fahrt,
Man pries mir ja vor andern
Der Deutschen Sinn und Art.
Dem Lande blieb ich ferne,
Wo die Orangen glühn;
Erst kennt ich jenes gerne,
Wo die Kartoffeln blühn.

Ich kam zum Fürstenhofe,
Wo man die Künste kränzt,
Wo Prunksaal und Alkove
Von Götterbildern glänzt.
Ein Baum, der nicht im groben
Volksboden sich genährt,
Nein einer, der nach oben
Sogar die Wurzeln kehrt!

Ich ging zur Hohenschule,
Da schöpft ich reines Licht,
Wo vom Prophetenstuhle
Die wahre Freiheit spricht;
Wo uns der Meister täglich
Den innern Sinn befreit,
Indes ihm selbst erträglich
Der ird'sche Leib gedeiht.

Ich schritt zum Sängerwalde,
Da sucht ich Lebenshauch;
Da saß ein edler Skalde
Und pflückt' am Lorbeerstrauch;
Nicht hatt er Zeit, zu achten
Auf eines Volkes Schmerz,
Er konnte nur betrachten
Sein groß, zerrissen Herz.

Ich ging zur Tempelhalle,
Da hört ich christlich Recht:
Hier innen Brüder alle,
Da draußen Herr und Knecht!
Der Festesrede Giebel
War: duck dich! schweig dabei?
Als ob die ganze Bibel
Ein Buch der Kön'ge sei.

Ich kam zum Bürgerhause,
Gern denk ich dran zurück,
Fern vom Parteigebrause
Blüht Tugend hier und Glück.
Lebt häuslich fort wie heute!
Bald wird vom Belt zum Rhein
Ein Haus voll guter Leute,
Ja! ein Gutleuthaus sein.

Ich ging zum Hospitale,
Da fand ich alles nett,
Viel Grütz und Kraut zum Mahle
Und reinlich Krankenbett;
Auch sorgt ein schön Erbarmen
Für manch verwahrlost Kind.
Wer denkt des Volks von Armen,
Die altverwahrlost sind?

Ich saß im Ständesaale,
Da schlief ich ein und träumt,
Ich sei noch im Spitale,
Den ich doch längst geräumt.
Ein Mann, der dort im Fieber,
Im kalten Fieber lag,
Er rief: nur nichts, mein Lieber,
Nur nichts vom Bundestag!

Ich mischte mich zum Volke,
Das nach dem Festplatz zog,
Wo durch die Staubeswolke
Manch dürrer Renner flog;
Da lernt es, daß die Eile
Den Reiter überstürzt
Und daß man gut die Weile
Mit Wurst und Bier sich kürzt.

Ein Adler, flügelstrebend,
War Reichspanier hievor,
Ich sah ihn noch, wie lebend,
Zu Nürnberg an dem Tor.
Jetzt fliegt man nicht zum Zwecke,
Der Wahlspruch ist: Gott geb's!
Das Wappen ist die Schnecke,
Schildhalter ist der Krebs.

Als ich mir das entnommen,
Kehrt ich den Stab nach Haus;
Wann einst das Heil gekommen,
Dann reis ich wieder aus:
Wohl werd ich's nicht erleben,
Doch an der Sehnsucht Hand
Als Schatten noch durchschweben
Mein freies Vaterland.



C. Sinngedichte

Distichen

          An Apollo, den Schmetterling

Göttlicher Alpensohn, sei huldreich uns Epigrammen!
Über der nächtlichen Kluft flatterst du, spielend im Glanz.

                                     Achill

                                         1.

Durch der Schlachten Gewühl bist du stets sicher gewandelt,
Aus Skamanders Gewog tratst du gerettet hervor;
Als du der Jungfrau Hand empfingst im Tempel des Friedens,
Göttergleicher Achill! traf dich der tödliche Pfeil.

                                         2.

Dort nun thronet Achill, ein Gott, in der Seligen Lande,
Wogen umschlingen es; du, Göttin der Wogen, den Sohn.

                    Narziß und Echo

                                1.

Seltsam spielest du oft mit Sterblichen, Amor! es liebet
Einen Schatten Narziß, aber ihn liebet ein Hall.

                                2.

Das noch tröstete sie, das Wort des spröden Geliebten
Nachzustöhnen; nun gar ist er zur Blume verstummt.

                                3.

Schmerzlich dachte Narziß: o wär ich wieder ein Jüngling!
Echo dachte sogleich: könnt ich als Mädchen zurück!

                                4.

Amor, und dies dein Spiel: bald lockst du die zärtliche Echo,
Bald in der kindischen Hand drehst du den goldnen Narziß.

                Die Götter des Altertums

Sterbliche wandeltet ihr in Blumen, Götter von Hellas,
Ach! nun wurdet ihr selbst Blümchen des neuen Gedichts.

                             Tells Platte

Hier ist das Felsenriff, drauf Tell aus der Barke gesprungen;
Sieh! ein ewiges Mal hebet dem Kühnen sich hier.
Nicht die Kapelle dort, wo sie jährliche Messen ihm singen!
Nein! des Mannes Gestalt, siehst du, wie herrlich sie steht?
Schon mit dem einen Fuße betrat er die heilige Erde,
Stößt mit dem andern hinaus weit das verzweifelnde Schiff.
Nicht aus Stein ist das Bild noch von Erz, nicht Arbeit der Hände,
Nur dem geistigen Blick Freier erscheinet es klar;
Und je wilder der Sturm, je höher brauset die Brandung,
Um so mächtiger nur hebt sich die Heldengestalt.

                                  Die Ruinen

Wandrer! es ziemet dir wohl, in der Burg Ruinen zuschlummern,
Träumend baust du vielleicht herrlich sie wieder dir auf.

                             Begräbnis

Als des Gerechten Sarg mit heiliger Erde bedeckt war,
Deckte der Himmel darauf freundlich den silbernen Schnee.

                         Mutter und Kind

Mutter:
Blicke zum Himmel, mein Kind! dort wohnt dir ein seliger Bruder,
Weil er mich nimmer betrübt, führten die Engel ihn hin.

Kind:
Daß kein Engel mich je von der liebenden Brust dir entführe,
Mutter, so sage du mir, wie ich betrüben dich kann!

                                         Märznacht

Horch! wie brauset der Sturm und der schwellende Strom in der Nacht hin!
Schaurig süßes Gefühl! lieblicher Frühling, du nahst!

                                    Im Mai

Blumen und Blüten wie licht und das Glorienlaub um die Bäume!
Bleib nur, Himmel, bewölkt! Erde hat eigenen Glanz.

                                 Tausch

Als der Wind sich erhob, da flog zerblättert die Blume,
Aber der Schmetterling setzt' in dem Laube sich fest.

                             Amors Pfeil

Amor! dein mächtiger Pfeil, mich hat er tödlich getroffen,
Schon im elysischen Land wacht ich, ein Seliger, auf.

                               Traumdeutung

Gestern hatt ich geträumt, mein Mädchen am Fenster zu sehen,
Doch was sah ich des Tags? Blumen der Lieblichen nur.
Heute nun war mir im Traum, als säh ich am Fenster die Blumen,
Darum schau ich gewiß heute die Liebliche selbst.

                            Die Rosen

Oft einst hatte sie mich mit duftigen Rosen beschenket,
Eine noch sproßte mir jüngst aus der Geliebtesten Grab.


                Antwort

Das Röschen, das du mir geschickt,
Von deiner lieben Hand gepflückt,
Es lebte kaum zum Abendrot,
Das Heimweh gab ihm frühen Tod;
Nun schwebet gleich sein Geist von hier
Als kleines Lied zurück zu dir.