Uhland

Seite 3

Inhalt

Biografie

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       Die Schlummernde

Wann deine Wimper neidisch fällt,
Dann muß in deiner innern Welt
Ein lichter Traum beginnen:
Dein Auge strahlt nach innen.


                An Sie

Deine Augen sind nicht himmelblau,
Dein Mund, er ist kein Rosenmund,
Nicht Brust und Arme Lilien.
Ach! welch ein Frühling wäre das,
Wo solche Lilien, solche Rosen
Im Tal und auf den Höhen blühten
Und alles das ein klarer Himmel
Umfinge wie dein blaues Aug!


                Greisenworte

Sagt nicht mehr: guten Morgen! guten Tag!
Sagt immer: guten Abend! gute Nacht!
Denn Abend ist es um mich, und die Nacht
Ist nahe mir; o wäre sie schon da!

                         *

Komm her, mein Kind! o du mein süßes Leben!
Nein, komm, mein Kind! o du mein süßer Tod!
Denn alles, was mir bitter, nenn ich Leben,
Und was mir süß ist, nenn ich alles Tod.


   Auf den Tod eines Landgeistlichen

Bleibt abgeschiednen Geistern die Gewalt,
Zu kehren nach dem ird'schen Aufenthalt,
So kehrest du nicht in der Mondennacht,
Wann nur die Sehnsucht und die Schwermut wacht.
Nein! wann ein Sommermorgen niedersteigt,
Wo sich im weiten Blau kein Wölkchen zeigt,
Wo hoch und golden sich die Ernte hebt,
Mit roten, blauen Blumen hell durchwebt,
Dann wandelst du wie einst durch das Gefild
Und grüßest jeden Schnitter freundlich mild.


                Nachruf

                      1.

Du, Mutter, sahst mein Auge trinken
Des ird'schen Tages erstes Licht;
Auf dein erblassend Angesicht
Sah ich den Strahl des Himmels sinken.

                      2.

Ein Grab, o Mutter, ist gegraben dir
An einer stillen, dir bekannten Stelle,
Ein heimatlicher Schatten wehet hier,
Auch fehlen Blumen nicht an seiner Schwelle.

Drin liegst du, wie du starbest, unversehrt,
Mit jedem Zug des Friedens und der Schmerzen;
Auch aufzuleben ist dir nicht verwehrt:
Ich grub dir dieses Grab in meinem Herzen.

                  3.

Verwehn, verhallen ließen sie
Den frommen Grabgesang;
In meiner Brust verstummet nie
Von dir ein sanfter Klang.

                  4.

Du warst mit Erde kaum bedeckt,
Da kam ein Freund heraus,
Mit Rosen hat er ausgesteckt
Dein stilles Schlummerhaus.

Zu Haupt zwei sanfterglühende,
Zwei dunkle niederwärts;
Die weiße, ewig blühende,
Die pflanzt' er auf dein Herz.

                  5.

Zu meinen Füßen sinkt ein Blatt,
Der Sonne müd, des Regens satt;
Als dieses Blatt war grün und neu,
Hatt ich noch Eltern, lieb und treu.

O wie vergänglich ist ein Laub,
Des Frühlings Kind, des Herbstes Raub!
Doch hat dies Laub, das niederbebt,
Mir so viel Liebes überlebt.


        Auf einen Grabstein

Wenn du auf diesem Leichensteine
Verschlungen siehest Hand in Hand,
Das zeugt von irdischem Vereine,
Der innig, aber kurz, bestand,

Es zeugt von einer Abschiedstunde,
Wo Hand aus Hand sich schmerzlich rang,
Von einem heil'gen Seelenbunde,
Von einem himmlischen Empfang.


             In ein Stammbuch

Die Zeit in ihrem Fluge streift nicht bloß
Des Feldes Blumen und des Waldes Schmuck,
Den Glanz der Jugend und die frische Kraft:
Ihr schlimmster Raub trifft die Gedankenwelt.
Was schön und edel, reich und göttlich war
Und jeder Arbeit, jeden Opfers wert,
Das zeigt sie uns so farblos, hohl und klein,
So nichtig, daß wir selbst vernichtet sind.
Und dennoch wohl uns, wenn die Asche treu
Den Funken hegt, wenn das getäuschte Herz
Nicht müde wird, von Neuem zu erglühn!
Das Echte doch ist eben diese Glut,
Das Bild ist höher als sein Gegenstand,
Der Schein mehr Wesen als die Wirklichkeit.
Wer nur die Wahrheit sieht, hat ausgelebt;
Das Leben gleicht der Bühne: dort wie hier
Muß, wann die Täuschung weicht, der Vorhang fallen.


  Auf Wilhelm Hauffs frühes Hinscheiden

Dem jungen, frischen, farbenhellen Leben,
Dem reichen Frühling, dem kein Herbst gegeben,
Ihm lasset uns zum Totenopfer zollen
Den abgeknickten Zweig - den blütevollen!

Noch eben war von dieses Frühlings Scheine
Das Vaterland beglänzt. - Auf schroffem Steine,
Dem man die Burg gebrochen, hob sich neu
Ein Wolkenschloß, ein zauberhaft Gebäu.
Doch in der Höhle, wo die stille Kraft
Des Erdgeists rätselhafte Formen schafft:

Am Fackellicht der Phantasie entfaltet,
Sahn wir zu Heldenbildern sie gestaltet;
Und jeder Hall, in Spalt' und Kluft versteckt,
Ward zu beseeltem Menschenwort erweckt.

Mit Heldenfahrten und mit Festestänzen,
Mit Satyrlarven und mit Blumenkränzen
Umkleidete das Altertum den Sarg,
Der heiter die verglühte Asche barg:
So hat auch er, dem unsre Träne taut,
Aus Lebensbildern sich den Sarg erbaut.

Die Asche ruht - der Geist entfleugt auf Bahnen
Des Lebens, dessen Fülle wir nur ahnen,
Wo auch die Kunst ihr himmlisch Ziel erreicht
Und vor dem Urbild jedes Bild erbleicht.


             Schicksal

Ja, Schicksal! ich verstehe dich:
Mein Glück ist nicht von dieser Welt,
Es blüht im Traum der Dichtung nur.
Du sendest mir der Schmerzen viel
Und gibst für jedes Leid ein Lied.


                 Auf die Reise

Um Mitternacht, auf pfadlos weitem Meer,
Wann alle Lichter längst im Schiff erloschen,
Wann auch am Himmel nirgends glänzt ein Stern,
Dann glüht ein Lämpchen noch auf dem Verdeck,
Ein Docht, vor Windesungestüm verwahrt,
Und hält dem Steuermann die Nadel hell,
Die ihm untrüglich seine Richtung weist.
Ja! wenn wir's hüten, führt durch jedes Dunkel
Ein Licht uns, stille brennend in der Brust.



D. Sonette, Oktaven, Glossen

                Vermächtnis

Ein Sänger in den frommen Rittertagen,
Ein kühner Streiter in dem heil'gen Lande,
Durchbohrt von Pfeilen lag er auf dem Sande,
Doch konnt er dies noch seinem Diener sagen:

"Verschleuß mein Herz, wann es nun ausgeschlagen,
In jener Urne, die vom Heimatstrande
Ich hergebracht mit manchem Liebespfande!
Drin sollst du es zu meiner Herrin tragen!" -

So ich, Geliebte! der nur dich gefeiert,
Verblute, fern von dir, in Liebesschmerzen,
Schon decket meine Wangen Todesblässe.

Wann deinen Sänger Grabesnacht umschleiert,
Empfange du das treuste aller Herzen
In des Sonettes goldenem Gefäße!


                  An Petrarca

Wenn du von Laura Wahres hast gesungen,
Von hehrem Blick, von himmlischer Gebärde -
Und ferne sei, daß angefochten werde,
Was dir das innerste Gemüt durchdrungen! -:

War sie ein Zweig, im Paradies entsprungen,
Ein Engel in der irdischen Beschwerde,
Ein zarter Fremdling auf der rauhen Erde,
Der bald zur Heimat sich zurückgeschwungen:

So fürcht ich, daß auch auf dem goldnen Sterne,
Wohin du, ein Verklärter, nun gekommen,
Du nimmer das Ersehnte wirst erringen;

Denn jene flog indes zur höhern Ferne,
Sie ward in heil'gern Sphären aufgenommen,
Und wieder mußt du Liebesklage singen.


         In Varnhagens Stammbuch

Als Phöbus stark mit Mauern, Türmen, Gittern
Die Königsburg von Nisa half bereiten,
Da legt' er seiner Lyra goldne Saiten
Auf einen Mauerstein mit leisem Schüttern.

Die Zinne konnte nicht so sehr verwittern,
Daß nicht den Marmor noch in späten Zeiten,
Selbst bei des Fingers leichtem Drübergleiten,
Durchklungen hätt ein sanft melodisch Zittern.

So legt auch ich auf dies Gedächtnisblatt,
Das du wohl öfters, blätternd, wirst berühren,
Mein Saitenspiel, auch gab es einen Ton:

Und dennoch zweifl ich, ob an dieser Statt
Du jemals einen Nachklang werdest spüren,
Denn ich bin Phöbus nicht noch Phöbus' Sohn.


                An Kerner

Es war in traurigen Novembertagen,
Ich war gewallt zum stillen Tannenhaine
Und stand gelehnet an der höchsten eine,
Da hielt ich deine Lieder aufgeschlagen.

Versunken war ich in die frommen Sagen:
Bald kniet ich vor Sankt Albans Wundersteine,
Bald schaut ich Regiswind im Rosenscheine,
Bald sah ich Helicenas Münster ragen.

Welch lieblich Wunder wirkten deine Lieder!
Die Höh erschien in goldnem Maienstrahle,
Und Frühlingsruf ertönte durch die Wipfel.

Doch bald verschwand der Wunderfrühling wieder,
Er durfte nicht sich senken in die Tale,
Im Fluge streift' er nur der Erde Gipfel.


                      Auf Karl Gangloffs Tod

(† am 16. Mai 1814, 24 Jahre alt, zu Merklingen im Württembergischen an einer Nervenkrankheit. Die nachstehenden Sonette beziehen sich auf die letzten Zeichnungen und Entwürfe des genialen jungen Künstlers.)

                              1.

In dieser Zeit, so reich an schönem Sterben,
An Heldentod in frühen Jugendtagen,
Ward dir's nicht, auf dem Siegesfeld erschlagen,
Den heil'gen Eichenkranz dir zu erwerben;

Beschleichend Fieber brachte dir Verderben,
Du wurdest bei der Eltern Weheklagen
Aus deinem Heimathause hingetragen
Zur Stätte, die nicht Blut, nur Blumen färben.

Doch nein! auch dich ergriff die Zeit des Ruhmes,
Dich drängt' es, eine Hermannsschlacht zu schaffen,
Ein sinnig Denkmal deutschen Heldentumes.

Wohl hörtest du noch scheidend Kampfruf schallen,
Es wogt' um dich von Männern, Rossen, Waffen:
So bist du in der Hermannsschlacht gefallen.

                              2.

Nach Hohem, Würd'gem nur hast du gerungen,
Das Kleinliche verschmähend wie das Wilde;
So faßtest du in kräftige Gebilde
Das wundervolle Lied der Nibelungen.

Schon hatte Hagens Größe dich durchdrungen,
Schon stand vor dir die Rächerin Kriemhilde,
Vor allem aber rührte dich die Milde
Des edeln Sifrids, Giselhers, des jungen.

Mit Fug ward Giselher von dir beklaget,
Der blühend hinsank in des Kampfs Bedrängnis,
Dich selbst hat nun so früher Tod erjaget.

Warst du vielleicht zu innig schon versunken
In jenes Lied, des furchtbares Verhängnis
Zum Tode jedem, nun auch dir, gewunken?

                             3.

Bedeutungsvoll hast du dein Künstlerleben
Mit jenem frommen, stillen Bild geschlossen:
Wie Abraham mit seines Stamms Genossen
Das Land begrüßt, das ihm der Herr gegeben.

Da lehnen sie auf ihren Wanderstäben,
Von Wald und Felsenhang noch halb umschlossen,
Doch herrlich sehn sie unter sich ergossen
Das weite Land voll Kornes und voll Reben.

So bist auch du nun, abgeschiedne Seele,
Aus dieses Erdenlebens rauher Wilde
An deiner Wandrung frohes Ziel gekommen;

Und durch das finstre Tor der Grabeshöhle
Erblickst du schon die seligen Gefilde,
Das himmlische Verheißungsland der Frommen.


            An den Unsichtbaren

Du, den wir suchen auf so finstern Wegen,
Mit forschenden Gedanken nicht erfassen,
Du hast dein heilig Dunkel einst verlassen
Und tratest sichtbar deinem Volk entgegen.

Welch süßes Heil, dein Bild sich einzuprägen,
Die Worte deines Mundes aufzufassen!
O selig, die an deinem Mahle saßen!
O selig, der an deiner Brust gelegen!

Drum war es auch kein seltsames Gelüste,
Wenn Pilger ohne Zahl vom Strande stießen,
Wenn Heere kämpften an der fernsten Küste:

Nur um an deinem Grabe noch zu beten
Und um in frommer Inbrunst noch zu küssen
Die heil'ge Erde, die dein Fuß betreten.


                  Todesgefühl

Wie Sterbenden zumut, wer mag es sagen?
Doch wunderbar ergriff mich's diese Nacht;
Die Glieder schienen schon in Todes Macht,
Im Herzen fühlt ich letztes Leben schlagen.

Den Geist befiel ein ungewohntes Zagen,
Den Geist, der stets so sicher sich gedacht;
Erlöschend jetzt, dann wieder angefacht,
Ein mattes Flämmchen, das die Winde jagen.

Wie? hielten schwere Träume mich befangen?
Die Lerche singt, der rote Morgen glüht,
Ins rege Leben treibt mich neu Verlangen.

Wie? oder ging vorbei der Todesengel?
Die Blumen, die am Abend frisch geblüht,
Sie hängen hingewelket dort vom Stengel.


            Erstorbene Liebe

Wir waren neugeboren, himmlisch helle
War uns der Liebe Morgen aufgegangen.
Wie glühten, Laura, Lippen dir und Wangen!
Dein Auge brannt, es schlug des Busens Welle.

Wie wallt' in mir des neuen Lebens Quelle!
Wie hohe Kräfte rastlos mich durchdrangen!
Sie ließen nicht des Schlafes mich verlangen,
Lebendig kurzer Traum vertrat die Stelle.

Ja! Lieb ist höher Leben im gemeinen;
Das waren ihre regen Lebenszeichen:
Nun such ich sie an dir, in mir vergebens.

Drum muß ich, Laura! dich und mich beweinen:
Wir beide sind erloschner Liebe Leichen,
Uns traf der Tod des liebelosen Lebens.


                Geisterleben

Von dir getrennet, lieg ich wie begraben,
Mich grüßt kein Säuseln linder Frühlingslüfte;
Kein Lerchensang, kein Balsam süßer Düfte,
Kein Strahl der Morgensonne kann mich laben.

Wann sich die Lebenden dem Schlummer gaben,
Wann Tote steigen aus dem Schoß der Grüfte,
Dann schweb ich träumend über Höhn und Klüfte,
Die mich so fern von dir gedränget haben.

Durch den verbotnen Garten darf ich gehen,
Durch Türen wandl ich, die mir sonst verriegelt,
Bis zu der Schönheit stillem Heiligtume.

Erschreckt dich Geisterhauch, du zarte Blume?
Es ist der Liebe Wehn, das dich umflügelt.
Leb wohl! ich muß ins Grab, die Hähne krähen.


                 Öder Frühling

Wohl denk ich jener sel'gen Jugendträume,
Obschon sich die Gefühle mir versagen,
Wann in den ersten, milden Frühlingstagen
Im Busen sich mir drängten volle Keime.

Die Ahnung lockte mich in ferne Räume,
Wann wo ein Laut des Lenzes angeschlagen;
Die Hoffnung wollte sich zum Lichte wagen
Wie aus den Knospen frisches Grün der Bäume.

Doch nun, da ich das Höchste jüngst genossen,
Gerissen aus dem innigsten Vereine,
Vom reichsten Paradiese kaum verstoßen:

Was sollen nun mir halbergrünte Triften,
Einsamer Amselschlag im toten Haine,
Ein armes Veilchen, noch so süß von Düften?


                Die teure Stelle

Die Stelle, wo ich auf verschlungnen Wegen
Begegnete dem wunderschönen Kinde,
Das, leicht vorübereilend mit dem Winde,
Mir spendete des holden Blickes Segen:

Wohl möcht ich jene Stelle liebend hegen,
Dort Zeichen graben in des Baumes Rinde,
Mich schmücken mit der Blumen Angebinde,
Zu Träumen mich in kühle Schatten legen.

Doch so verwirrte mich des Blickes Helle,
Und so geblendet blieb ich von dem Bilde,
Daß lang ich wie ein Trunkner mußte wanken;

Und nun mit allem Streben der Gedanken
Sowie mit allem Suchen im Gefilde
Nicht mehr erforschen kann die teure Stelle.


              Die zwo Jungfraun

Zwo Jungfraun sah ich auf dem Hügel droben,
Gleich lieblich von Gesicht, von zartem Baue;
Sie blickten in die abendlichen Gaue,
Sie saßen traut und schwesterlich verwoben.

Die eine hielt den rechten Arm erhoben,
Hindeutend auf Gebirg und Strom und Aue;
Die andre hielt, damit sie besser schaue,
Die linke Hand der Sonne vorgeschoben.

Kein Wunder, daß Verlangen mich bestrickte
Und daß in mir der süße Wunsch erglühte:
O säß ich doch an einer Platz von beiden!

Doch wie ich länger nach den Trauten blickte,
Gedacht ich im besänftigten Gemüte:
Nein! wahrlich, Sünde wär es, sie zu scheiden!


                    Der Wald

Was je mir spielt' um Sinnen und Gemüte
Von frischem Grün, von kühlen Dämmerungen,
Das hat noch eben mich bedeckt, umschlungen
Als eines Maienwaldes Lustgebiete.

Was je in Traum und Wachen mich umglühte
Von Blumenschein, von Knospen, kaum gesprungen,
Das kam durch die Gebüsche hergedrungen
Als leichte Jägerin, des Waldes Blüte.

Sie floh dahin, ich eilte nach mit Flehen,
Bald hätten meine Arme sie gebunden,
Da mußte schnell der Morgentraum verwehen.

O Schicksal, das mir selbst nicht Hoffnung gönnte!
Mir ist die Schönste nicht allein verschwunden,
Der Wald sogar, drin ich sie suchen könnte.


                 Der Blumenstrauß

Wenn Sträuchen, Blumen manche Deutung eigen,
Wenn in den Rosen Liebe sich entzündet,
Vergißmeinnicht im Namen schon sich kündet,
Lorbeere Ruhm, Zypressen Trauer zeigen,

Wenn, wo die andern Zeichen alle schweigen,
Man doch in Farben zarten Sinn ergründet,
Wenn Stolz und Neid dem Gelben sich verbündet,
Wenn Hoffnung flattert in den grünen Zweigen:

So brach ich wohl mit Grund in meinem Garten
Die Blumen aller Farben, aller Arten
Und bring sie dir, zu wildem Strauß gereihet:

Dir ist ja meine Lust, mein Hoffen, Leiden,
Mein Lieben, meine Treu, mein Ruhm, mein Neiden,
Dir ist mein Leben, dir mein Tod geweihet.


              Entschuldigung

Was ich in Liedern manchesmal berichte
Von Küssen in vertrauter Abendstunde,
Von der Umarmung wonnevollem Bunde,
Ach! Traum ist leider alles und Gedichte.

Und du noch gehest mit mir ins Gerichte,
Du zürnest meinem prahlerischen Munde:
Von nie gewährtem Glücke geb er Kunde,
Das, selbst gewährt, zum Schweigen stets verpflichte.

Geliebte, laß den strengen Ernst sich mildern
Und lächle zu den leichten Dichterträumen,
Dem unbewußten Spiel, den Schattenbildern!

Der Sänger ruhet schlummernd oft im Kühlen,
Indes die Harfe hänget unter Bäumen
Und in den Saiten Lüfte säuselnd wühlen.


                     Vorschlag

Dem Dichter ist der Fernen Bild geblieben,
Bei dem er einsam oftmals Trost gefunden,
Und hält des Lebens Wirrung ihn umwunden,
Er fühlt am Busen doch das Bild der Lieben.

Auch was der Dichter sang, sehnsuchtgetrieben,
Die Schöne liest es oft in Abendstunden,
Und manches hat so innig sie empfunden,
Daß ihr es tief im Herzen steht geschrieben.

Ein teures Bild, wohl wirkt es wunderkräftig,
Wohl mancher Kummer weicht des Liedes Tönen,
Doch ewig bleibt der Trennung Schmerz geschäftig.

O Schicksal! wechsle leicht nur mit den Losen:
Den Dichter führe wieder zu der Schönen,
Die Lieder mögen mit dem Bilde kosen!


         Die Bekehrung zum Sonett

Der du noch jüngst von deinem krit'schen Stuhle
Uns arme Sonettisten abgehudelt,
Der du von Gift und Galle recht gesprudelt
Und uns verflucht zum tiefsten Höllenpfuhle:

Du reines Hermelin der alten Schule,
Wie hast du nun dein weißes Fell besudelt!
Ja! ein Sonettlein hast du selbst gedudelt,
Ein schnalzend Seufzerlein an deine Buhle.

Hast du die selbstgesteckten Warnungszeichen,
Hast du, was halb mit Spott und halb mit Knirschen
Altmeister Voß gepredigt, all vergessen?

Fürwahr! du bist dem Lehrer zu vergleichen,
Der seinen Zögling ob gestohlnen Kirschen
Ausschalt und scheltend selber sie gefressen.


                     Schlußsonett

Wie, wenn man auch die Glocke nicht mehr ziehet,
Es lange dauert, bis sie ausgeklungen;
Wie, wer von einem Berge kam gesprungen,
Umsonst den Lauf zu hemmen sich bemühet;

Wie oft aus Bränden, welche längst verglühet,
Ein Flämmchen unversehens sich geschwungen
Und spät noch eine Blüte vorgedrungen
Aus Ästen, die sonst völlig abgeblühet;

Wie den Gesang, den zu des Liebchens Preise
Der Schäfer angestimmt aus voller Seele,
Gedankenlose Halle weitertreiben:

So geht es mir mit der Sonettenweise:
Ob mir's an Zweck und an Gedanken fehle,
Muß ich zum Schlusse dies Sonett doch schreiben.


       An die Bundschmecker

                     1816

Die ihr mit scharfen Nasen ausgewittert
Viel höchst gefährlicher, geheimer Bünde,
Vergönnt mir, daß ich einen euch verkünde,
Vor dem ihr wohl bis heute nicht gezittert!

Ich kenne, was das Leben euch verbittert,
Die arge Pest, die weitvererbte Sünde:
Die Sehnsucht, daß ein Deutschland sich begründe,
Gesetzlich frei, volkskräftig, unzersplittert;

Doch andres weiß ich, und vernehmt ihr's gerne,
So will ich einen mächt'gen Bund verraten,
Der sich in stillen Nächten angesponnen:

Es ist der große Bund zahlloser Sterne,
Und wie mir Späher jüngst zu wissen taten,
So steckt dahinter selbst das Licht der Sonnen.


                    An K. M.

Wann die Natur will knüpfen und erbauen,
Dann liebt in stillen Tiefen sie zu walten;
Geweihten einzig ist vergönnt zu schauen,
Wie ihre Hand den Frühling mag gestalten,
Wie sie erzieht zu Eintracht und Vertrauen
Die Kinder früh in dunkeln Aufenthalten.
Nur wann sie will zerstören und erschüttern,
Erbraust sie in Orkanen und Gewittern.

So übet auch die Liebe tief und leise
Im Reich der Geister ihre Wundermacht;
Sie zieht unsichtbar ihre Zauberkreise
Am goldnen Abend, in der Sternennacht;
Sie weckt durch feierlicher Lieder Weise
Verwandte Chöre in der Geister Schacht;
Sie weiß durch stiller Augen Strahl die Seelen
Zu knüpfen und auf ewig zu vermählen.

Dort in des Stromes wildempörte Wogen
Warf sich ein Jüngling, voll von raschen Gluten,
Doch jene Wallung, die ihn fortgezogen,
Sie mußt ihn wieder an das Ufer fluten.
Ich aber sah es, wie des Himmels Bogen,
Der Erde Glanz im stillen Teiche ruhten:
Da sank ich hin, von sanfter Wonne trunken,
Ich sank und bin auf ewig nun versunken.


                  Ein Abend

Als wäre nichts geschehen, wird es stille,
Die Glocken hallen aus, die Lieder enden.
Und leichter ward mir in der Tränen Fülle,
Seit sie versenket war von frommen Händen.
Als noch im Hause lag die bleiche Hülle,
Da wußt ich nicht, wohin nach ihr mich wenden;
Sie schien mir, heimatlos, mit Klaggebärde
Zu schweben zwischen Himmel hin und Erde.

Die Abendsonne strahlt', ich saß im Kühlen
Und blickte tief ins lichte Grün der Matten;
Mir dünkte bald, zwei Kinder säh ich spielen,
So blühend, wie einst wir geblühet hatten.
Da sank die Sonne, graue Schleier fielen,
Die Bilder fliehn, die Erde liegt im Schatten;
Ich blick empor, und hoch in Äthers Auen
Ist Abendrot und all mein Glück zu schauen.


                  Rückleben

An ihrem Grabe kniet ich festgebunden
Und senkte tief den Geist ins Totenreich.
Zum Himmel reichte nicht mein Blick, es stunden
Des Wiedersehens Bilder fern und bleich.
Da so ich vorwärts Grauen nur gefunden,
Vergangne Tage, flüchtet ich zu euch;
Ich ließ den Sarg des Grabes Nacht entheben,
Zurück sie tragen in das schöne Leben.

Schon huben sich die bleichen Augenlider,
Ihr Auge schmachtete zu mir empor;
Bald strebten auf die frischverjüngten Glieder,
Sie schwebte blühend in der Schwestern Chor;
Der Liebe goldne Stunden traten wieder,
Selbst mit des ersten Kusses Lust, hervor;
Bis sich verlor ihr Leben und das meine
In sel'ger Kindheit Duft und Morgenscheine.


              Gesang und Krieg

                            1.

Wühlt jener schauervolle Sturm aus Norden
Zerstörend auch im frischen Liederkranze?
Ist der Gesang ein feiges Spiel geworden?
Wiegt fürder nur der Degen und die Lanze?
Muß schamrot abwärts fliehn der Sängerorden,
Wann Kriegerscharen ziehn im Waffenglanze?
Darf nicht der Harfner, wie in vor'gen Zeiten,
Willkommen selbst durch Feindeslager schreiten?

Bleibt Poesie zu Wald und Kluft verdrungen,
Bis nirgends Kampf der Völker Ruhe störet,
Bis das vulkan'sche Feuer ausgerungen,
Das stets sich neu im Erdenschoß empöret:
So ist bis heute noch kein Lied erklungen
Und wird auch keins in künft'ger Zeit gehöret.
Nein! über ew'gen Kämpfen schwebt im Liede,
Gleichwie in Goldgewölk, der ew'ge Friede.

Ein jedes weltlich Ding hat seine Zeit,
Die Dichtung lebet ewig im Gemüte,
Gleich ewig in erhabner Herrlichkeit
Wie in der tiefen Lieb und stillen Güte,
Gleich ewig in des Ernstes Düsterheit
Wie in dem Spiel und in des Scherzes Blüte.
Ob Donner rollen, ob Orkane wühlen,
Die Sonne wankt nicht und die Sterne spielen.

Schon rüsten sich die Heere zum Verderben,
Der Frühling rüstet sich zu Spiel und Reigen;
Die Trommeln wirbeln, die Trommeten werben,
Indes die wilden Winterstürme schweigen;
Mit Blute will der Krieg die Erde färben,
Die sich mit Blumen schmückt und Blütenzweigen:
Darf so der ird'sche Lenz sich frei erschließen,
So mög auch unser Dichterfrühling sprießen!

                               2.

Nicht schamrot weichen soll der Sängerorden,
Wann Kriegerscharen ziehn im Waffenglanze;
Noch ist sein Lied kein schnödes Spiel geworden,
Doch ziert auch ihn der Degen und die Lanze;
Wohl schauervoll ist jener Sturm aus Norden,
Doch weht er frisch und stärkt zum Schwertertanze.
Wollt, Harfner, ihr durch Feindeslager schreiten,
Noch steht's euch frei, den Eingang zu erstreiten.

Wann "Freiheit!" "Vaterland!" ringsum erschallet,
Kein Sang tönt schöner in der Männer Ohren,
Im Kampfe, wo solch heilig Banner wallet,
Da wird der Sänger kräftig neugeboren.
Hat Äschylos, des Lied vom Siege hallet,
Hat Dante nicht dies schönste Los erkoren?
Cervantes ließ, gelähmt, die Rechte sinken
Und schrieb den Don Quixote mit der Linken.

Auch unsres deutschen Liedertempels Pfleger,
Sie sind dem Kriegesgeiste nicht verdorben,
Man hört sie wohl, die freud'gen Telynschläger,
Und mancher hat sich blut'gen Kranz erworben.
Du, Wehrmann Leo, du, o schwarzer Jäger,
Wohl seid ihr ritterlichen Tods gestorben!
Und Fouqué, wie mir du das Herz durchdringest!
Du wagtest, kämpftest - doch du lebst und singest.

Den Frühling kündet der Orkane Sausen,
Der Heere Vorschritt macht die Erde dröhnen,
Und wie die Ström aus ihren Ufern brausen,
So wogt es weit von Deutschlands Heldensöhnen;
Der Sänger folgt durch alles wilde Grausen,
Läßt Sturm und Wogen gleich sein Lied ertönen.
Bald blüht der Frühling, bald der goldne Friede
Mit mildern Lüften und mit sanftrem Liede.


                      Katharina

Die Muse, die von Recht und Freiheit singet,
Sie wandelt einsam, ferne den Palästen;
Wenn Lustgesang und Reigen dort erklinget,
Sie hat nicht Anteil an des Hofes Festen:
Doch nun der laute Schmerz die Flügel schwinget,
Da kommt auch sie mit andern Trauergästen,
Und hat sie nicht die Lebenden erhoben,
Die Toten, die nicht hören, darf sie loben.

Die Stadt erdröhnt vom Schall der Totenglocken,
Die Menge brüstet sich im schwarzen Kleide,
Kein Antlitz lächelt, und kein Aug ist trocken,
Ein Wettkampf ist im ungemeßnen Leide:
Doch all dies kann die Muse nicht verlocken,
Daß sie das Falsche nicht vom Echten scheide;
Die Glocke tönet, wenn man sie geschwungen,
Und Tränen gibt es, die nicht tief entsprungen.

Der reiche Sarg, von Künstlerhand gezimmert,
Mit einer Fürstin purpurnem Gewande,
Mit einer Krone, die von Steinen flimmert,
Bedeutet er nicht großes Weh dem Lande?
Doch, wie der Purpur, wie die Krone schimmert,
Die Muse huldigt nimmermehr dem Tande;
Der ird'sche Glanz, kann er die Augen blenden,
Die sich zum Licht der ew'gen Sterne wenden?

Sie blickt zum Himmel, blickt zur Erde wieder,
Sie schaut in alle Zeiten der Geschichte:
Da steigen Königinnen auf und nieder,
Und viele schwinden hin wie Traumgesichte
Und sind verschollen in dem Mund der Lieder
Und sind erloschen in des Ruhmes Lichte,
Indes in frischem, unverblühtem Leben
Die Namen edler Bürgerinnen schweben.

Drum darf die Muse wohl, die ernste, fragen:
"Hat dieser goldne Schmuck ein Haupt umfangen,
Das würdig und erleuchtet ihn getragen?
Hat unter dieses Purpurmantels Prangen
Ein hohes, königliches Herz geschlagen?
Ein Herz, erfüllt von heiligem Verlangen,
Von reger Kraft, in weitesten Bezirken
Belebend, hülfreich, menschlich groß zu wirken?"

So frägt die Muse, doch im innern Geiste
Ward ihr voraus der rechten Antwort Kunde,
Da spricht sie manches Schmerzliche, das meiste
Verschließt sie bitter in des Busens Grunde;
Und daß auch sie ihr Totenopfer leiste,
Ihr Zeichen stifte dieser Trauerstunde,
Legt sie zur Krone hin, der goldesschweren,
Bedeutsam einen vollen Kranz von Ähren:

"Nimm hin, Verklärte, die du früh entschwunden!
Nicht Gold noch Kleinod ist dazu verwendet,
Auch nicht aus Blumen ist der Kranz gebunden,
In rauher Zeit hast du die Bahn vollendet:
Aus Feldesfrüchten hab ich ihn gewunden,
Wie du in Hungertagen sie gespendet;
Ja! gleich der Ceres Kranze flocht ich diesen,
Volksmutter, Nährerin, sei mir gepriesen!"

Sie spricht's - und aufwärts deutet sie, da weichen
Der Halle Bogen, die Gewölke fliehen.
Ein Blick ist offen nach des Himmels Reichen,
Und droben sieht man Katharinen knieen;
Sie trägt nicht mehr der ird'schen Würde Zeichen,
Sie ließ der Welt, was ihr die Welt geliehen,
Doch auf die Stirne fällt, die reine, helle,
Ein Lichtstrahl aus des Lichtes höchstem Quelle.


       Der Rezensent

Süße Liebe denkt in Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern;
Nur in Tönen mag sie gern
Alles, was sie will, verschönen.
Tieck

Schönste! du hast mir befohlen,
Dieses Thema zu glossieren;
Doch ich sag es unverhohlen:
Dieses heißt die Zeit verlieren,
Und ich sitze wie auf Kohlen.
Liebtet ihr nicht, stolze Schönen!
Selbst die Logik zu verhöhnen,
Würd ich zu beweisen wagen,
Daß es Unsinn ist zu sagen:
Süße Liebe denkt in Tönen.

Zwar versteh ich wohl das Schema
Dieser abgeschmackten Glossen,
Aber solch verzwicktes Thema,
Solche rätselhafte Possen
Sind ein gordisches Problema.
Dennoch macht ich dir, mein Stern!
Diese Freude gar zu gern.
Hoffnungslos reib ich die Hände,
Nimmer bring ich es zu Ende,
Denn Gedanken stehn zu fern.

Laß, mein Kind! die span'sche Mode!
Laß die fremden Triolette!
Laß die welsche Klangmethode
Der Kanzonen und Sonette!
Bleib bei deiner sapph'schen Ode!
Bleib der Aftermuse fern
Der romantisch süßen Herrn!
Duftig schwebeln, luftig tänzeln
Nur ein Reimchen, Assonänzeln,
Nur in Tönen mag sie gern.

Nicht in Tönen solcher Glossen
Kann die Poesie sich zeigen;
In antiken Verskolossen
Stampft sie besser ihren Reigen
Mit Spondeen und Molossen.
Nur im Hammerschlag und Dröhnen
Deutschhellenischer Kamönen
Kann sie selbst die alten, kranken,
Allerhäßlichsten Gedanken,
Alles, was sie will, verschönen.


Der Romantiker und der Rezensent

Mondbeglänzte Zaubernacht,
Die den Sinn gefangenhält,
Wundervolle Märchenwelt,
Steig auf in der alten Pracht!
Tieck

Romantiker:
Finster ist die Nacht und bange,
Nirgends eines Sternleins Funkel!
Dennoch in verliebtem Drange
Wandl ich durch das grause Dunkel
Mit Gesang und Lautenklange.
Wenn Kamilla nun erwacht
Und das Lämpchen freundlich facht,
Dann erblick ich, der Entzückte,
Plötzlich eine sterngeschmückte,
Mondbeglänzte Zaubernacht.

Rezensent:

Laß Er doch sein nächtlich Johlen,
Poetaster Helikanus!
Was Er singt, ist nur gestohlen
Aus dem Kaiser Oktavianus,
Der bei mir nicht sehr empfohlen,
Den ich der gelehrten Welt
Von den Alpen bis zum Belt
Preisgab als ein Werk der Rotte,
Die den Unsinn hub zum Gotte,
Die den Sinn gefangen hält.

Romantiker:

Welche Stimme, rauh und heischer!
Ist das wohl der Baur Hornvilla?
Ist es Klemens wohl, der Fleischer?
Von den Fenstern der Kamilla
Heb dich weg, du alter Kreischer!
Was die krit'sche Feder hält
Von den Alpen bis zum Belt,
Wüt es doch zu Haus und schäume,
Nur verschon es ihrer Träume
Wundervolle Märchenwelt!

Rezensent:

Bänkelsänger, Hackbrettschläger,
Volk, das nachts die Stadt durchleiert,
Nennt sich jetzt der Musen Pfleger;
Nächstens, wenn Apoll noch feiert,
Dichten selbst die Schornsteinfeger.
Zeit, wo man mit Wohlbedacht
Nur latein'schen Vers gemacht,
Zeit gepuderter Perücken,
Drauf Pfalzgrafen Lorbeern drücken,
Steig auf in der alten Pracht!