Uhland

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Biografie

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    Die Nachtschwärmer

Eines schickt sich nicht für alle;
Sehe jeder, wie er's treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, daß er nicht falle!
Goethe

Der Unverträgliche:

Stille streif ich durch die Gassen,
Wo sie wohnt, die blonde Kleine;
Doch schon seh ich andre passen,
Und mir war's im Dämmerscheine,
Einer würd hineingelassen.
Regt es mir denn gleich die Galle,
Daß sie andern auch gefalle?
Sei's! doch kann ich nicht verschweigen:
Jeder hab ein Liebchen eigen!
Eines schickt sich nicht für alle.

Der Hülfreiche:

Zu dem Brunnen mit den Krügen
Kommt noch spät mein trautes Mädchen,
Rollt mit raschen, kräft'gen Zügen
Husch! die Kette um das Rädchen;
Ihr zu helfen, welch Vergnügen!
Ja, ich zog mit ganzem Leibe,
Bis zersprang des Rädchens Scheibe.
Ist es nun auch stehngeblieben,
Haben wir's doch gut getrieben,
Sehe jeder, wie er's treibe!

Der Vorsichtige:

"Zwölf Uhr!" ist der Ruf erschollen,
Und mir sinkt das Glas vom Munde.
Soll ich jetzt nach Haus mich trollen
In der schlimmen Geisterstunde,
In der Stunde der Patrollen?
Und daheim zum Zeitvertreibe
Noch den Zank von meinem Weibe!
Dann die Nachbarn, häm'sche Tadler! -
Nein! ich bleib im goldnen Adler,
Sehe jeder, wo er bleibe!

Der Schwankende:

Ei, was kann man nicht erleben!
Heute war doch Sommerhitze,
Und nun hat's Glatteis gegeben;
Daß ich noch aufs Pflaster sitze,
Muß ich jeden Schritt erbeben;
Und die Häuser taumeln alle,
Wenn ich kaum an eines pralle.
Hüte sich in diesen Zeiten,
Wer da wandelt, auszugleiten,
Und wer steht, daß er nicht falle!



E. Dramatisches

                    Schildeis

                     Fragment

Böhmerwald. Im Hintergrunde das Schloß Schildeis.
Herzog Eginhard, die Herzogin, Ritter Dietwald und ein Einsiedler treten auf.

EINSIEDLER.
Dort liegt das Jagdschloß, so man Schildeis nennt,
Ganz in des Böhmerwaldes Innerstem.
DIETWALD zum Herzog.
Das ist das Schloß, von dem ich Euch gesagt,
Daß es die beste Zuflucht bieten mag.
Ich hätt' es wahrlich selbst nicht mehr gefunden,
Denn alle Weg' und Stege sind verwachsen,
Seitdem der sel'ge Herzog hier gejagt,
Es sind nun fünfundzwanzig Jahre her.
HERZOG zum Einsiedler.
Dank, frommer Bruder, Euch für das Geleit!
Ihr seid der wilden Gegend trefflich kund.

Zur Herzogin.

Und du, mein gutes Weib! nun hast du endlich
Des weiten Wegs Beschwerden überstanden.
HERZOGIN.
Viel wohler, als in des Palastes Pracht,
Der ich unwürdig oft mich achtete,
War mir auf dieser mühevollen Fahrt.
So meint' ich abzubüßen meine Schuld,
Die Schuld, ach! die ich nicht bereuen kann.
HERZOG.
Dort kömmt ein Jägersmann am Fels herum.
EINSIEDLER.
Der alte Eckart, dieses Schlosses Vogt.
DIETWALD.
Wie ist er grau geworden und gebeugt!

Eckart tritt auf.

HERZOG.
Willkommen, treuer Eckart!
ECKART.
Seh' ich recht?
So wird mir noch einmal in diesem Leben
Die Freude, meinen lieben Herrn zu schaun!
HERZOG.
Wie kennst du plötzlich, den du nie gesehn?
ECKART.
Ist's möglich? Seid Ihr nicht mein junger Herr,
Der Herzog Welf?
HERZOG.
Du sprichst von meinem Vater,
Der vor drei Monden zu den Ahnen gieng.
ECKART.
Um Gott! davon gelangte nichts zu uns.
Der Himmel schenk' ihm eine sanfte Ruh!
Er sah doch ganz, wie ihr, der gute Herr,
Als er vor Jahren hier beim Jagen war.
Auch dünkt es mir nicht gar so lange her,
Und steht noch Alles drüben in der Burg
Sowie der Herr es hinterlassen hat.
Sie Sanduhr ist seitdem nicht mehr gelaufen,
Die Armbrust hängt noch dort, unabgespannt,
Sein Jägerhut noch mit dem Tannenzweig,
Sein Falke sitzt im Käfig, ausgebälgt.
Das alte Liederbuch, darin er las,
Ist aufgeschlagen, wo er aufgehört;
Ihr könnt fortlesen, wo der Vater blieb,
Es kommen erst die herrlichsten Geschichten.
EINSIEDLER.
Ja! Euer Schloß ist ein seltsamer Ort,
Es wandeln dort in stiller Mitternacht
Die Geister längst Verstorbner durch die Hallen.
Sie kehren gerne zu dem Haus zurück,
Wo Alles noch ist, wie zu ihrer Zeit.
ECKART.
Das ist wohl gar der Junker Dietwald hier,
Der mit dem sel'gen Herzog bei uns war?
Ihr habt Euch was verändert, doch nicht sehr.
DIETWALD.
Das hör' ich gern, mein alter Jagdgesell!
HERZOGIN zu Eckart.
Ihr habt wohl manches Jährlein hinter Euch?
ECKART.
Ein Sechzig.
DIETWALD.
Und ein Dreißig noch dazu.
EINSIEDLER.
Das Jahr nicht kennend, das der Welt ihn gab,
Hat er schon längst auf sechzig sich geschätzt,
Doch neigt das Jahr sich wieder, denkt er stets:
Ich hab' ein Jährlein leicht zuviel gezählt;
So tritt er über sechzig nie hinaus.
ECKART.
Es liegt ja doch am Ende dran.
EINSIEDLER.
Kein Wunder, daß die Zeit ihm stille stand
Und daß er meinet, Alles steh' im Alten;
Denn kein Ereigniß zeichnet ihm die Tage,
Seitdem der sel'ge Herzog hier gejagt,
Noch hört er Kunde von dem Lauf der Welt.
Den Wechsel selbst der Jahreszeiten läßt
Der Tannenwälder ewig Dunkelgrün,
Der Felsen ewig frühlingslose Oede
In unsrer Wildniß weniger bemerken.
ECKART.
Ganz recht! ich hab' es niemals so bedacht.
EINSIEDLER.
Ihr Theuersten! des Menschen Leben ist
Ein kurzes Blühen und ein langes Welken.
Durch diesen einfach langen Wechsel zieht
Der Jahreszeiten schneller, bunter Tausch,
Und schafft dem Menschen, der, dazwischen stehend,
Nicht folgen kann, so mannigfaches Weh.
Denn wann der Herbst das Feld entblümt, entlaubt,
Da trübt sich selbst des frischen Jünglings Sinn,
Er muß das Alter kosten vor der Zeit.
Noch schmerzlicher - wann sich der Lenz belebt,
Da will des Greisen Wange neu sich röthen,
Sich zu verjüngen meint das matte Herz;
Ach! kurze Täuschung nur!
Der dürre Stamm, er treibt ein schwaches Laub,
Doch zu gesunder Blüthe bringt er's nicht.
Drum lob' ich diese wechsellose Gegend,
Wo nichts im Herzen weckt der Sehnsucht Qual.
DIETWALD seitwärts zum Herzog.
Der Pred'ger in der Wüste hier hat wohl
Seit langer Zeit sich nicht mehr ausgesprochen.
EINSIEDLER.
Es ist, als wäre diese Gegend früh
Zurückgeblieben hinterm Schritt der Zeit.
Die weiten stillen Wälder, wo der Mensch,
Des Schöpfers letztes Werk, noch fehlt.
Und dort noch in der Ferne das Gebirg,
Das liegt nun vollends außer aller Zeit.
Auch nicht das Pflanzenreich ist dort geschaffen;
Die Elemente sind noch nicht geschieden;
Ein Chaos ungeheurer Felsenblöcke,
Voll tiefer Klüfte, drein kein Licht noch fiel,
Nur daß oft Flammen aus dem Abgrund zucken!
Die dunkeln Wasser rauschen schaurig drunten,
Und Wolken liegen in den Schluchten hin.
Es kam mich einsmals dort gar seltsam an,
Als ich so über diese todten Massen
In eigner kräftiger Bewegung schritt.
Es glüht mein Aug', es hebet sich mein Arm,
Mein Mantel wallt, es flattern meine Locken,
Ich rufe durch die Stille hin: Es werde! -
Unmächt'ge Stimme schwacher Kreatur!
HERZOG.
Auch hierher dringt noch die rastlose Zeit,
Die Tannen, die so trotzig stehn, sie müssen
Zur Menschenwohnung sich zusammenfügen;
Die Felsen werden vom Gebirg gerollt
Und steigen neu, als hehre Dom', empor.
DIETWALD.
Kaum tretet ihr in diese Wildniß ein,
Und habt schon in tiefsinnige Gedanken.
HERZOG.
Und nun, mein guter Eckart, sei mir treu,
Wie du es meinem lieben Vater warst!
Wir nehmen unsern Sitz in diesem Schloß,
Ich und die werthe Frau hier, mein Gemahl,
Doch bleibt es ein Geheimniß, wer wir sind.
HERZOGIN.
So ziehn wir denn zur neuen Hofburg ein!

Alle ab.
Zwei Wanderer treten auf.

DER ERSTE.
O Tannenbaum, du edles Reis!
Bist Sommer und Winter grün.
So ist auch meine Liebe,
Die grünet immerhin.

O Tannenbaum! doch kannst du nie
In Farben freudig blühn:
So ist auch meine Liebe,
Ach! ewig dunkel grün.

DER ZWEITE.
O Birke! die so heiter
Aus dunkeln Tannen glänzt,
Und sich vor anderm Holze
Mit zarten Blättern kränzt.

Mein jugendliches Hoffen,
O Birke! gleicht es dir?
Du grünst so früh, so helle,
Und neigst doch deine Zier.

Ab.


                   Das Ständchen

Garten. Mondschein.
Junker David. Absalon und andere Bediente Davids.

DAVID.
Wie angenehme, warme Sommernacht!
Die Frösche singen und die Grillen pfeifen;
So stimmen wir auch unsre Musik an!
ABSALON.
Wir sollten eine schwärzre Nacht erwarten
Mit unsrem Frevel gegen die Musik;
Verruchte Thaten lieben Finsterniß.
DAVID.
Hier ist kein Frevel, meiner Dame Herz
Möcht' ich ersteigen auf der Töne Leiter.
ABSALON.
O trauet Eurer Leiter nicht zu sehr!
Es krachen, brechen alle Sprossen.
DAVID.
Schweig!
Was murrst du ewig, du Undankbarer,
Den brodlos ich in meine Dienste nahm?
ABSALON.
Noch hatt' ich Brod und brodlos ward ich erst
In Eurem Dienst, vom Dienste lebt sich's nicht.
Doch dies ist nicht mein höchstes Mißgeschick.
DAVID.
In der Musik ließ ich dich unterweisen
Auf dein inständig Flehen.
ABSALON.
Traun! Ihr trefft
Die rechte Saite, die Ihr nie noch traft.
Als ich ein Knabe war, da kamen oft
Die Harfner, wandernd, vor des Vaters Thür.
Sie dünkten theure Boten mir zu sein
Aus einer Welt von vollern Harmonien,
Nach der sie heißes Sehnen mir erweckten.
Und bald verließ ich meiner Eltern Herd,
Als wollt' ich suchen das gelobte Land,
Wo jene Himmelssprache der Musik
Gesprochen würde - weh! ich kam zu Euch,
Dem Gegenfüßler der melod'schen Zone.
DAVID.
Ha! stammt nicht mein tonliebendes Geschlecht
Vom König David her, der Harfner erstem?
ABSALON.
Von König David und Bathseba wohl,
Drum blieb zum Fluch Euch der unsel'ge Hang.
DAVID.
So sucht' ich dich umsonst mir zu verbinden,
Da ich den Namen Absalon dir gab
Und väterlich die Kunst in dir gepflegt?
ABSALON.
Ich weiß es nicht, durch welchen Höllenzauber
Ihr mich gerissen aus der Christenheit
Und fest mich haltet in verhaßtem Bann.
DAVID.
Vergebens gab ich dir die schöne Geige,
Ein werthes Erbstück, trefflich ausgespielt?
ABSALON.
Das eben ist mein Jammer, daß Ihr mich
Gekettet an dies mißgelaunte Werkzeug,
Dies Ungeheuer, jeden Wohllauts Feind,
Ganz ungelehrig für die Melodie.
Mein Flehen, all mein innigstes Verlangen
Hat ihm noch keinen lautern Ton entlockt.
Ich mag es streicheln, schüttern, schlagen, nichts
Gewinn' ich, als ein mürrisches Gekreisch.
Ich hörte, daß man böse Geister oft
In Säcke bannt und in den Strom versenkt;
Fürwahr! in dieser Geige Kasten sind
Des Mißlauts Plagegeister all gebannt,
Wo sie nun ewig stöhnen, winseln, heulen.
Laßt mich sie senken in des Meeres Tiefe,
Zum tauben Abgrund, zu den stummen Fischen!
Und reißt sich dennoch solch ein Mißton los,
Dann bäumt, ihr Wellen, euch, verschlinget ihn!
Ihr Stürme, macht euch auf, ihn zu zerreißen,
Bevor zu Menschenohren er gelangt.
DAVID.
Halt ein! Zum Werk, ihr Leute! Flugs gestimmt!

Sie stimmen.

ABSALON.
Ist keine Rettung? Ist die Harmonie
Gestorben? Sind die Engel der Musik
Gefallen und Satane worden?
DAVID.
Still!

Er singt zur Harfe.

David ward herabgelassen
Von dem Fenster an dem Seil,
Michal, seine treue Gattin,
Ließ ihn nieder, ihm zum Heil.
Schönstes Fräulein! liebste Michal!
Hör' auf meiner Triller Lauf!
Ziehe du zu deinem Fenster
Mich verkehrten David auf!
ABSALON.
Baalspfaffen ihr mit grimmigem Gekreisch,
So muß ich noch als euer Opfer sterben!
Bin ich von diesem grausen Mißgetön
Nicht krumm gewachsen? Haben sich die Augen
Mir nicht verdreht?
DAVID.
Verruchter Lästerer!
Verhöhnest du des eignen Herrn Gestalt?
ABSALON.
Nun weiß ich, wie dem Absalon es war,
Als an den Haaren er vom Baume hieng
Und ihm drei Spieße fuhren durch das Herz.
DAVID.
O Undank! wahrhaft zweiter Absalon!
ABSALON.
Ich könnte nicht dem Absalon verargen
Den Aufruhr gegen seinen eignen Vater,
Wenn dieser hätte musiziert wie Ihr.
DAVID.
Recht rührend war's. Ein Stein erbarmte sich.
ABSALON.
Gebt Acht, daß nicht dies Haus zusammenstürzt!
Amphions göttliche Musik bewog
Die Steine, selber sich zum Bau zu fügen,
Die unsre muß der Mauern Fugen lösen.
DAVID.
Was zeigt sich Weißes dort am Fenster! Seht
Die Feueraugen! Merket auf, sie spricht!
ABSALON.
Des Fräuleins Katze ruft uns Beifall zu.
Das Fräulein wird sich in die Decke hüllen,
Ergrauend vor der Nachtgespenster Lärm.
DAVID.
Nur Eines noch, so wird sie selbst erscheinen!
Sie stimmen wieder.

ABSALON.
Der Mond, die Sterne, die so freundlich erst
Herniederlauschten, hoffend auf Musik,
Sie haben, gleich dem Fräulein, sich verhüllt.
Wir haben aufgeregt des Himmels Zorn,
Ich höre schon die fernen Donner grollen.
Der Himmel wirft die Blitze nach uns aus,
Wie König Saul nach Eurem Ahn den Spieß.
DAVID.
Es schlägt der Blitz wohl gern in die Musik?
Mich überfällt ein Schauer. Laßt uns fliehn?
ABSALON.
Hätt' diese Unmusik noch lang gewährt,
Es wären, traun! Erdbeben noch entstanden,
Die Erde hätt' im Innern sich geschüttelt.

Es donnert. Alle ab, außer Absalon.

Ich höre dich, gewalt'ge Donnerstimme!
Dich herrlichen Choral der Wolken.
Vergeh, erbärmlich Machwerk! ich bin frei!

Er schleudert die Geige an die Mauer. Ab.


          Normännischer Brauch

Dem Freiherrn de la Motte Fouqué zugeeignet.

Fischerhütte auf einer Insel an der Küste der Normandie.
Balder, ein Seefahrer. Richard, ein Fischer. Thorilde.

BALDER.
Dies auf dein Wohlsein, vielgeehrter Wirth!
Fürwahr! ich hab's dem tollen Sturme Dank,
Der mich in deiner Insel Bucht gejagt,
Denn solch ein traulich Mahl am stillen Herd
Hat mich seit langer Zeit nicht mehr gelabt.
RICHARD.
Man trifft's in Fischerhütten besser nicht;
Hat's dir behagt, viel Ehr' und Freude mir!
Insonders werth ist mir so edler Gast,
Der aus dem nord'schen Heimathlande kommt,
Von wannen unsre Väter hergeschifft,
Davon man noch so Vieles sagt und singt.
Doch muß ich dir eröffnen, edler Herr,
Wer bei mir einkehrt, sei er noch so arm,
Wird angesprochen um ein Gastgeschenk.
BALDER.
Mein Schiff, das in der Bucht vor Anker liegt,
Es hegt der seltnen Waaren mancherlei,
Die ich vom Mittelmeere hergeführt,
Goldfrüchte, süße Weine, bunte Vögel;
Auch wahrt es Waffen, nord'scher Schmiede Werk,
Zweischneid'ge Schwerter, Harnisch, Helm und Schild.
RICHARD.
Nicht Solches meint' ich, du verstehst mich falsch.
Es ist ein Brauch in unsrer Normandie:
Wer einen Gast an seinem Herd empfieng,
Verlangt von ihm ein Mährchen oder Lied
Und giebt sofort ein Gleiches ihm zurück.
Ich halt' in meinen alten Tagen noch
Die edeln Sagen und Gesänge werth,
Darum erlass' ich dir die Fordrung nicht.
BALDER.
Ein Mährchen ist oft süß wie Cyperwein,
Wie Früchte duftig und wie Vögel bunt,
Und manch ein alterthümlich Heldenlied
Ertönt wie Schwertgeklirr und Schildesklang,
Drum war mein Irrthum wohl nicht allzu groß.
Zwar weiß ich nicht so Herrliches zu melden,
Doch ehrt' ich gern den löblichen Gebrauch.
Vernimm denn, was in heitrer Mondnacht jüngst
Ein Schiffsgenoß auf dem Verdeck erzählt!
RICHARD.
Noch einen Trunk! mein Gast! beginne dann!
BALDER.
Zween nord'sche Grafen hatten manches Jahr
Das Meer durchsegelt mit vereinten Wimpeln,
Vereint bestanden manch furchtbaren Sturm,
Manch heiße Schlacht zur See und am Gestad,
Auch manchesmal im Süden oder Osten
Auf blüh'ndem Strand zusammen ausgeruht;
Jetzt ruhten sie daheim auf ihren Burgen,
In gleiche Trauer Beide tief versenkt,
Denn Jeder hatt' ein treues Ehgemahl
Unlängst begleitet nach der Ahnengruft.
Doch sproßt auch Jedem aus dem düstern Gram
Ein süßes, ahnungsvolles Glück herauf:
Dem Einen blüht' ein muntrer Sohn,
Der Andre pflegt' ein liebes Töchterlein.
Um ihren alten Freundschaftsbund zu krönen
Und daurendes Gedächtniß ihm zu stiften,
Beschlossen sie, die theuren Sprößlinge
Dereinst durch heil'ge Bande zu verknüpfen.
Zween goldne Ringe ließen sie bereiten,
Die man, den zarten Fingern noch zu weit,
An bunten Bändern um die Hälschen hieng.
Ein Saphir, wie des Mägdleins Auge blau,
War in des jungen Grafen Ring gefügt,
Im andern glüht ein rosenrother Stein,
Recht wie des Knaben frisches Wangenblut.
RICHARD.
Ein rosenrother Stein im goldnen Reif,
Das war des Mädchens Schmuck? Verstand ich's wohl?
BALDER.
Ja! wie du sagst, doch kommt's darauf nicht an.
Schon wuchs der Knabe hoch und schlank herauf,
In Waffenspielen ward er früh geübt,
Schon tummelt' er ein schlankes, schmuckes Roß.
Nicht soll er, wie der Vater, einst das Meer
Auf abenteuerlicher Fahrt durchschweifen,
Beschirmen soll er einst mit starker Hand
Das mächtige Gebiet, die hohen Burgen,
Vereintes Erbthum beider Grafenstämme.
Des jungen Ritters Bräutlein lag indeß
Noch in der Wieg', im dämmernden Gemach,
Von treuen Wärterinnen wohl besorgt.
Nun kam ein milder Frühlingstag in's Land,
Da trugen sie das ungeduld'ge Kind
Zum sonnig heitern Meeresstrand hinab
Und brachten Blum' und Muschel ihm zum Spiel.
Die See, von leisem Lufthauch sanft bewegt,
Sie spiegelte der Sonne klares Bild
Und warf den Zitterschein auf's junge Grün.
Am Strande lag gerad' ein kleiner Kahn,
Den schmücken jetzt die Frau'n mit Schilf und Blumen
Und legen ihren holden Pflegling drein
Und schaukeln ihn am Ufer auf und ab.
Das Kindlein lacht, die Frauen lachen mit,
Doch eben unterm fröhlichsten Gelächter
Entschlüpft das Band, daran sie spielend ziehn,
Und als sie es bemerken, kann ihr Arm
Das Schifflein nicht vom Strande mehr erreichen.
So scheinbar still die See, so wellenlos,
Doch spült sie weiter stets den Kahn hinaus.
Man höret noch des Kindes herzlich Lachen,
Die Frauen aber sehn verzweifelnd nach,
Mit Händeringen, wildem Angstgeschrei.
Der Knabe, der sein Liebchen zu besuchen
Gekommen war und jetzt das leichte Roß
Auf grüner Uferwiese tummelte,
Er sprengt auf das Geschrei im Flug heran,
Er treibt sein Pferdchen muthig in die See
Und meint das blum'ge Fahrzeug zu erschwimmen.
Kaum aber prüft das Thier die kalte Fluth,
So schüttelt sich's und wendet störrig um
Und reißt den Reiter an den Strand zurück.
Derweil hat schon der Nachen mit dem Kinde
Hinausgetrieben aus der stillen Bucht,
Und frisches Wehen auf der offnen See
Entführt ihn bald den Blicken.
RICHARD.
Armes Kind!
Die heil'gen Engel mögen dich umschweben!
BALDER.
Dem Vater kommt die Schreckensbotschaft zu,
Gleich läßt er alle Schiffe, groß und klein,
Auslaufen und das schnellste trägt ihn selbst.
Doch spurlos ist das Meer, der Abend sinkt,
Die Winde wechseln, nächtlich tobt der Sturm.
Von mondenlangem Suchen bringen sie
Den leeren, morschen Nachen nur zurück,
Mit abgewelkten Kränzen -
RICHARD.
Was stört dich in der Rede, werther Gast?
Du stockst, du athmest tief.
BALDER.
Ich fahre fort.
Seit jedem Unfall freute sich der Knabe
Nicht mehr des Rosselenkens, wie zuvor,
Viel lieber übt er sich im Schwimmen, Tauchen,
Am Ruder prüft' er gerne seinen Arm.
Als er zum kräft'gen Jüngling nun erstarkt,
Da heischt er Schiffe von dem Vater.
Nichts hat das feste Land, was er begehrt,
Kein Fräulein auf den Burgen reizet ihn,
Dem wilden Meere scheint er anverlobt,
Darein das Mägdlein und der Ring versank.
Auch rüstet er sein Hauptschiff seltsam aus
Mit Purpurwimpeln, goldnem Bilderschmuck,
Wie Einer, der die Braut meerüber holt.
RICHARD.
Fast wie das deine drunten in der Bucht,
Nicht wahr, mein wackrer Seemann?
BALDER.
Wenn du willst.
Mit jenem reichgeschmückten Hochzeitschiff
Hat er in manchem grausen Sturm geschwankt.
Wenn so zu Donnerschlag und Sturmgebraus
Die Wogen tanzen, feiner Hochzeittanz!
Manch blut'ge Seeschlacht hat er durchgekämpft
Und ist davon im Norden wohl bekannt.
Mit sondrem Namen ward er dort belegt:
Springt er hinüber, mit geschwungnem Schwert,
Auf ein geentert Schiff, dann schreit das Volk:
"Weh' uns! vertilg' uns nicht, Meerbräutigam!"
Das ist mein Mährchen.
RICHARD.
Habe Dank dafür!
Es hat mir recht mein altes Herz bewegt.
Nur, dünkt mir, fehlt ihm noch der volle Schluß.
Wer weiß, ob wirklich denn das Kind versank,
Ob nicht ein fremdes Schiff vorüber fuhr,
Das flugs an Bord den armen Findling nahm,
Den morschen Kahn der Meerfluth überließ
Vielleicht auf einer Insel, wie die unsre,
Ward dann das schwache Kindlein abgesetzt,
Von frommen Händen sorgsamlich gepflegt,
Und ist zur holden Jungfrau nun erblüht.
BALDER.
Du weißt geschickt ein Mährchen auszuspinnen.
So laß uns deines hören, wenn's beliebt!
RICHARD.
In vor'gen Tagen wußt' ich manche Mähr
Von unsern alten Herzogen und Helden
Und sonderlich vom Richard Ohnefurcht,
Der Nachts so hell als wie am Tage sah,
Der durch den öden Wald allnächtlich ritt
Und mit Gespenstern manchen Strauß bestand;
Doch jetzt ist mein Gedächtniß alterschwach,
Verworren schwankt mir Alles vor dem Sinn.
Drum soll das junge Mädchen mich vertreten,
Das dort so still und abgewendet sitzt
Und Netze strickt beim trüben Lampenschein.
Sie hat sich manches gute Lied gemerkt
Und hat 'ne Kehle wie die Nachtigall.
Thorilde! darfst den edlen Gast nicht scheun.
Sing uns das Lied vom Mägdlein und vom Ring,
Das einst der alte Sänger dir gereimt!
Ein feines Lied! ich weiß, du singst es gern.
THORILDE singt.
Wohl sitzt am Meeresstrande
Ein zartes Jungfräulein,
Sie angelt manche Stunde,
Kein Fischlein beißt ihr ein.

Sie hat 'nen Ring am Finger
Mit rothem Edelstein,
Den bind't sie an die Angel,
Wirft ihn in's Meer hinein.

Da hebt sich aus der Tiefe
'ne Hand wie Elfenbein,
Die läßt am Finger blinken
Das goldne Ringelein.

Da hebt sich aus dem Grunde
Ein Ritter, jung und fein,
Er prangt in goldnen Schuppen
Und spielt im Sonnenschein.

Das Mägdlein spricht erschrocken:
"Nein, edler Ritter, nein!
Laß du mein Ringlein golden!
Gar nicht begehrt' ich dein."

"Man angelt nicht nach Fischen
Mit Gold und Edelstein,
Das Ringlein laß ich nimmer,
Mein eigen mußt du sein."

BALDER.
Was hör' ich? seltsam ahnungsvoller Sang!
Was seh' ich? welch ein himmlisch Angesicht
Hebt süß erröthend sich aus goldnen Locken
Und mahnt mich an die ferne Kinderzeit!
Ha! an der Rechten blinkt der goldne Ring,
Der rothe Stein; du bist's, verlorne Braut!
Ich bin's, den sie Meerbräutigam genannt,
Hier ist der Saphir, wie dein Auge blau,
Und drunten liegt das Hochzeitschiff bereit.
RICHARD.
Das hab' ich längst gedacht, verehrter Held!
Ja! nimm sie hin, mein theures Pflegekind,
Halt sie nur fest in deinem starken Arm,
Du drückst ein treues Herz an deine Brust.
Doch sieh einmal! du hast dich ganz verwirrt
Im Netze, das mein fleißig Kind gestrickt.


                                                      Konradin

                                                       Fragment

Seeküste von Neapel.
Konradin, Friedrich von Baden, der Truchseß von Waldburg, mit kriegerischem Gefolge, steigen aus dem Schiffe. Galvano Lancia, Marschall von Sicilien, mit seinem Sohne; Tarfe, saracenischer Häuptling; Frangipane, römischer Edelmann, mit seiner Tochter Julia; Jungfrauen mit Blumenkränzen und Musik, apulischer Adel, Saracenen, Volk, zu festlichem Empfange versammelt.

KONRADIN.
Apul'scher Boden, freudig sei gegrüßt!
O Erde, die du dem Gelandeten
Noch unterm Fuße wankst, ich fasse dich
Inbrünstig, wie der Bräutigam die Braut!
Land meiner Väter, du gesegnet Land,
Wie breitest du dich blühend vor mir aus,
Vom reinsten Himmel festlich überwölbt
Und in dem Meere deine Schönheit spiegelnd!
GALVANO.
Er ist's, er ist's! Ja, der ist Konradin!
Sieh hin, mein Sohn Galotto! sieh! er ist's,
Der schwäb'sche Jüngling, der erwartete,
In deß Verheißung ich dich auferzog.
Seht alle hin! o wer erkennt' ihn nicht!
Die helle Stirn, des Auges geistig Feuer,
Die goldnen Locken, um die Schulter wallend:
Ja! das ist hohenstaufisches Geschlecht.
Der einz'ge Sprößling ist's des Herrscherstammes,
Des geistesmächt'gen, dem kein andrer gleicht,
In dem die Trefflichkeit nie ausgeblüht
Und große Väter große Söhne zeugen.
Stellt mir ihn her, den Dränger dieses Landes,
Den finstern Anjou, stellt ihn neben Diesen,
Und sagt mir: wo ist königlich Geblüt?

Gegen Konradin vortretend.

Erlauchter Jüngling, tausendmal willkommen!
Die Boten, die wir jüngst nach dir gesandt,
Sie brachten erst nur ein Gewand von dir,
Daß unsre Sehnsucht sich ersättige,
Bis du uns selbst erschienest. Dies Gewand,
Wir trugen es umher, wir faßten's an,
Wir küßten es, gleich einem Heiligthum.
Und nun, Heil diesem Tag! erscheinst du selbst.
Laß jetzt mich deine Hand ergreifen, küssen,
Mit heißen Freudethränen sie benetzen!
KONRADIN.
Wer bist du? nenne dich, ehrwürd'ger Greis,
Den das Entzücken zu verjüngen scheint!
GALVANO.
Ein treuer Diener war ich deinen Vätern,
Galvano Lancia, Marschall von Sicilien.
O welche Angedenken dringen jetzt,
Bei deinem Anblick, mächtig auf mich ein!
In Wehmuth und in Wonne schmelz' ich hin.
KONRADIN.
Galvano Lancia? der gepries'ne Held,
Der meinem Haus ein halb Jahrhundert lang,
In Glück und Noth, mit Rath und That, gedient,
Der Friedrichs, Konrads, Manfreds Schlachten focht -
GALVANO.
Und in den deinen gern verbluten wird.
KONRADIN.
Was konnte mir Erwünschteres begegnen,
Als daß am Eingang meiner neuen Bahn
Der vielerfahrne Greis dem Jünglinge
Die sichre Rechte bietet! Leite mich!
Du kennst die Gänge, die wir Staufen gehn.
GALVANO.
Es sind des Löwen Gänge. - Theurer Fürst!
Was ich, der Greis, dir leisten kann, es ist
Das Mindeste. Die hier versammelt stehn,
Die Blüthe von Apuliens Adel, sie
Erwarten deinen Wink, mit ihren Schwertern
Dich einzusetzen in dein Königsrecht.
TARFE.
Laß, Herrlicher, auch mich dein Knie umfassen,
Laß mich den Staub von deiner Sohle küssen!
Du Sohn des Lichtes! Allah segne dich!
Dem Meer entstiegst du, wie der goldne Tag,
Vor dem das Grau'n der Mitternächte fleucht.
KONRADIN.
Steh' auf, dann laß mich wissen, wer du seist!
TARFE.
O dein geringster Knecht, deß Name nicht
Vor dir genannt zu werden würdig ist.
Den Saracenen, die Luceras Burg
Bewohnen, bin zum Häuptling ich gesetzt.
Dein großer Ahn, o Herr, der zweite Friedrich,
Deß Ruhm mit Sternenschrift geschrieben steht,
Hat uns den sichern Wohnplatz dort gewährt.
Ihm war des Morgenlandes Weisheit lieb,
Er sprach die Sprache der Alarben, er
Verschmähte nicht, in unsrer Tracht zu gehn,
Er ließ uns Tempel unsrem Gotte baun;
Er leuchtet' Allen, wie der Sonne Licht,
Wie Allah selber, der allwaltende.
KONRADIN.
Ich kenn' euch. Manfred floh in euren Schutz,
Als von den Christen er verlassen war,
Ihr aber trugt ihn jubelnd auf den Händen.
TARFE.
Gebeut, o Herr, durch welchen Kampf und Sturm
Wir dich auf unsern Schultern sollen tragen!
Dort meine Bogenschützen brennen längst,
Den Pfeil in deiner Feinde Herz zu schnellen.
FRANGIPANE.
Die Stätte, Fürst, die du gewürdiget
Der Anfahrt am apulischen Gestad,
Ich trage von Neapel sie zu Lehn,
Und preisen muß ich das Geschick, das mir
Die Ehre solch erhabnen Gastes gönnt.
Mein Nam' ist Johann Frangipane, nicht
Darf ich mir schmeicheln, dir bekannt zu sein,
Doch mein Geschlecht ward dir vielleicht genannt;
Es ist zu Rom verbürgert und hat oft
Aus festen Thürmen, die wir dort erbaut,
Der Gibellinen Sache durchgefochten,
Sei's gegen die Gewalt des Laterans,
Sei's gegen guelf'schen Adels Uebermuth.
KONRADIN.
Sollt' ich der Frangipane nicht gedenken?
Noch, wahrlich, steh' ich nicht so hoch und fest,
Um Freunde zu verläugnen.
FRANGIPANE.
Mög' es denn,
Erlauchter, dir gefallen, von den Mühen
Der Seefahrt auszuruhn in meinem Hause,
Das dort sich im Orangenhaine birgt!
Dich zu begrüßen und dich einzuladen,
Ist meine Tochter Julia hergeeilt
Mit andern Jungfraun dieser Küstenlande.
Tritt näher, Julia, führe selbst das Wort!
JULIA.
Wir grüßen dich als König, hoher Herr,
Und bald, wir hoffen's, wirst du in dem Dome
Vor allem Volke Königsweih' empfahn.
Doch bis die Krone nun, die goldene,
Dein Haupt umfangen wird, so laß geschehn,
Daß eines Mädchens zage Hand mit Blumen
Als König dieses Landes dich bekröne!
Wohl mag ein Blumenkranz das Land bedeuten,
Das blüthenreiche, wo du herrschen wirst.

Sie bekränzt ihn.

Und so, gekrönter König, zeuch mit uns
Zu meines Vaters Hause, wo Gesang
Und Saitenspiel und Tanz gerüstet sind,
Die Feier deiner Krönung zu begehn!
KONRADIN.
Der Kranz, womit mich zarte Hand gekrönt,
Umrauscht die Schläfe mir nur wie ein Traum,
Wie eine Ahnung künft'ger Herrlichkeit,
Die erst erworben sein muß und erkämpft.
Noch ist zu Festen mir nicht Zeit gegönnt,
Noch darf ich nicht im Haus der Freude weilen,
Noch muß ist rastlos steuern auf mein Ziel.
Wann erst der Sieg mir seinen Kranz gewunden,
Dann kehr' ich wieder, dann erfreue mich
In eurer Mitte Reigen und Gesang!
Es liebten meine Väter stets und übten
Das Lied, womit man edle Frauen ehrt,
Und Kaiser Heinrich sang: "was hülfe mir
Die Krone, sollt' ich meine Süße missen?"
Ich selbst, im rauhen Frühling meiner Jahre,
Hab' in der Minne Weisen mich versucht,
Und wenn ich einst vom Feld des Sieges kehre,
Dann reicht die Saiten mir! mein erstes Lied
Soll, schöne Julia, deine Anmuth preisen.

Julia und die Uebrigen ziehen sich zurück. Konradin und Friedrich von Baden bleiben allein im Vordergrunde.

KONRADIN.
O Friedrich, du Genosse meiner Jugend!
In deine treue Brust ergoß ich sonst
Die bittern Klagen über mein Geschick,
Laß jetzt mein freudig überschwellend Herz
Sich dir entschütten, hilf mein Glück mir tragen!
Wie anders, Friedrich, als in jener Zeit,
Da ich zu Landshut, an des Oheims Hofe,
Umherschlich, einsam, erblos, vaterlos!
Die Mutter sah mich nur mit Thränen an;
Die meiner Väter Gnade groß gemacht,
Verachtend schritten sie an mir vorbei.
Die Sänger, die von Hof zu Hofe wandern,
Sie sangen von der Hohenstaufen Fall,
Als wär' es eine Mähr' aus alten Tagen
Und wär' ich selbst nicht von den Lebenden.
Wie anders nun! wie offen liegt die Welt
Vor mir, wie blüthenhell, wie lebensvoll!
Hier lacht mir Jugendlust und Thatenruhm
Und jede Hoffnung, jedes schönste Ziel:
Und dieses Haupt, das trauernd niederhing,
Es hebt sich in der Blumen frischem Schmucke.
FRIEDRICH.
Auf deinen Hoffnungen, o Konradin,
Beruhn die meinigen, ein gleiches Loos
Verbindet uns: des Erbes Räuber heißt
Dir Karl, mir Ottokar; hier in Apulien
Erobr' ich Oestreich; leih' ich dir den Arm,
Du leihst mir einst den deinen, mächtigern.
Doch wenn der Aufgang deines Glückes, wenn
Des Landes Schönheit minder mich ergreift,
Wenn du mich oft in Gram versunken siehst:
Du weißt ja, in der deutschen Heimath blieb
Die junge Gattin mir, kaum anvermählt,
Wo diese weilt, ist mir das schönste Land.
KONRADIN.
Von Allem, was die Zukunft Herrliches
Mir bringen mag, ist doch das Höchste dies:
Wenn ich die Freunde, die in meiner Noth
Mich aufgerichtet, die in meinen Kämpfen
Zu mir gehalten, wenn ich mit der Fülle
Des Dankes einst sie überschütten kann.
TRUCHSESS der sich während des Vorigen genähert.
Du theilest Gnaden aus, du glühest schon
Von Siegen, während ich, dir Abschied sagend,
Die Angst des Herzens nicht verbergen kann.
Der Auftrag deines Ohms und deiner Mutter,
Der bang besorgten, weist mich nach Viterbo,
Wo ich versuchen soll, den Zorn zu sühnen
Des heil'gen Vaters, der den Bann dir schleudert.
Doch da ich jetzt, dem Schiff entstiegen, dich
Dem Schutz der Fremden überlassen soll,
So zagt mein Geist und scheiden kann ich nicht,
Bevor ich dir, dem Freudetrunkenen,
Ein Wort der Warnung an das Herz gelegt.
KONRADIN.
Sprich, lieber Truchseß! stets noch hat dein Wort
Bei Konradin ein offnes Ohr gefunden.
TRUCHSESS.
Sohn meiner Fürsten! dieses welsche Land,
Das dich mit seinem falschen Schimmer blendet,
Was ist es, als ein übertünchtes Grab?
Leg' dich in diese Blumen, und es wird
Die gift'ge Viper dir die Ferse stechen.
Entschlummre sanft, in lauer Nacht, beim Klange
Verbuhlter Lauten, und der Wand entkreucht
Der Scorpion, die tückische Tarantel.
Der Sonne Gluthstrahl brütet Seuchen aus
Und schlägt den Leib mit Aussatz und Geschwür.
Der Boden selbst, auf dem du fußen willst,
Ist trügerisch, da drunten gährt die Hölle,
Der Abgrund reißt sich auf und speiet Flammen,
Die Erde bebt und über deinem Haupte
Bricht das Gewölb zusammen, stürzt der Thurm.
An jeder Ecke lauert Meuchelmord;
Der Weiber brennend Auge zehrt das Mark
Der Helden auf; der Freundesbecher ist
Vergiftet und die Hostie selbst ist Gift.
KONRADIN.
Du malest finster.
TRUCHSESS.
Unglücksel'ger Durst
Nach Macht und Schätzen und nach eitlem Ruhm!
Verwünschte Gier, die uns nach Fremdem spornt,
Indeß schmachvoll das Heimische verdirbt!
Wie oft, wie oft schon zog das deutsche Heer,
Erles'ne Männer, schmucke Jünglinge,
Des Vaterlandes Stolz, der Ihren Wonne,
Die Alpen nieder, um auf Welschlands Ebnen
Dahinzuschwinden, wie das Sommergras!
Wo sind sie, deine Väter, meine Fürsten?
Das deutsche Heimathland verschmähten sie,
Um Gift zu saugen in Apuliens Gärten.
Gift schlürfte Heinrich aus dem klaren Quell;
Wenn Friedrich es nicht aus dem Becher trank,
So trank er's aus des liebsten Freunds Verrath;
Dein Vater schlürfte Gift für Arzenei,
Was heilen sollte, würgt' ihn so dahin,
Daß er die Stunde der Geburt verfluchte.
Wenn dich, auch dich - nein! nein! ich darf ihn nicht
Ausdenken, diesen gräßlichen Gedanken.
KONRADIN.
Wozu mir diese Bilder des Entsetzens?
TRUCHSESS.
Als Heinrich mit Constanzien sich zu Mailand
Vermählt, und in dem Kreis ital'scher Großen
Zu Tische saß, da traten in den Saal
Gesandte, die vom schwäb'schen Lande kamen.
Sie schenkten ihm zur Hochzeit eine Wiege
Von Silber, schön durchbrochen und verziert,
Ein künstlich Werk der Schmiede zu Gemünd.
Die Wiege sollt' ihn mahnen, daß ihm selbst
Und seinem Hause Deutschland Wiege sei.
So möcht' auch ich dich mahnen, Konradin,
Daß du, von dieses fremden Landes Zauber
Umstrickt, nicht deine Wiege gar vergessest.
O denk' an jenen Berg, der hoch und schlank
Sich aufschwingt, aller schwäb'schen Berge schönster,
Und auf dem königlichen Gipfel kühn
Der Hohenstaufen alte Stammburg trägt!
Und weit umher, in milder Sonne Glanz,
Ein grünend, fruchtbar Land, gewundne Thäler,
Von Strömen schimmernd, herdenreiche Triften,
Jagdlustig Waldgebirg, und aus der Tiefe
Des nahen Klosters abendlich Geläut.
Dann fernhin, in den Burgen, in den Städten,
Gesegnetes Geschlecht, treufeste Männer,
Die Frauen aber sittig und verschämt,
Ja! wie uns Walter sang, den Engeln gleich.
FRIEDRICH.
Den Engeln gleich! o was erregst du mir
Die Sehnsucht, die ich kaum beschwichtiget?
TRUCHSESS.
Hätt' ich sie Diesem so erwecken können!
O Konradin! warum verließest du
Die Hoffnungen, die dir in Deutschland sproßten?
Die Gegenkönige, die um das Reich
Sich zankten, sind den Deutschen beide fremd;
Der eine ward in England eingethürmt,
Jenseits der Pyrenäen weilt der andre.
Schon dreimal ward von dir im Fürstenrathe
Gehandelt; Hohenstaufen lebt uns noch.
Nur deine Jugend schien noch nicht erstarkt,
In stürm'scher Zeit das Steuer zu ergreifen.
Du aber harrest nicht und machst dich auf,
Den Lockungen des fernen Landes folgend.
Gefahrvoll ist die Bahn, die du beschritten,
Und schwer, o schwer ist dieser Abschied mir.
KONRADIN.
Du hast, o Freund! die Stammburg mir genannt,
Den Horst, aus dem die Adler sich geschwungen:
Sie ist nicht mehr mein eigen; was auf mich,
Das Wenige, von unsrem Stammgut kam,
Veräußert ward es und zu Pfand gesetzt,
Um die apul'sche Heerfahrt zu bestreiten.
Doch wenn mir Andres nichts zum Erbe blieb,
Das Eine blieb: der angestammte Geist,
Der strebende, der nichts verloren giebt,
Mir bleiben die Entwürfe meiner Väter,
Der Hohenstaufen Tagwerk ist nicht klein,
Ich muß es früh beginnen, wie die Vordern
Es früh begannen. Nicht das einzle Land
Ist unser Ziel. Von jedem Fleck der Erde
Kann unser Streben ausgehn. Hat zuerst
Apulien mich gerufen, in Apulien
Beginn' ich meine Bahn, doch wo sie ende,
Das liegt verhüllet in der Zukunft Schooß.
Du weißt, was uns das Lied gesungen: König
Und Adler, niedrig schwebend, taugen schlecht!
Drum lebe wohl! vollführe dein Geschäft!
Ihr aber laßt die Banner vorwärts fliegen!