Uhland

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Inhalt

Biografie

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F. Balladen und Romanzen

            Entsagung

Wer entwandelt durch den Garten
Bei der Sterne bleichem Schein?
Hat er Süßes zu erwarten?
Wird die Nacht ihm selig sein?
Ach! der Harfner ist's, er sinkt
Nieder an des Turmes Fuße,
Wo es spät herunterblinkt,
Und beginnt zum Saitengruße:

"Lausche, Jungfrau, aus der Höhe
Einem Liede, dir geweiht!
Daß ein Traum dich lind umwehe
Aus der Kindheit Rosenzeit.
Mit der Abendglocke Klang
Kam ich, will vor Tage gehen
Und das Schloß, dem ich entsprang,
Nicht im Sonnenstrahle sehen.

Von dem kerzenhellen Saale,
Wo du throntest, blieb ich fern,
Wo um dich beim reichen Mahle
Freudig saßen edle Herrn.
Mit der Freude nur vertraut,
Hätten Frohes sie begehret,
Nicht der Liebe Klagelaut,
Nicht der Kindheit Recht geehret.

Bange Dämmerung, entweiche!
Düstre Bäume, glänzet neu!
Daß ich in dem Zauberreiche
Meiner Kindheit selig sei.
Sinken will ich in den Klee,
Bis das Kind mit leichtem Schritte
Wandle her, die schöne Fee,
Und mit Blumen mich beschütte.

Ja, die Zeit ist hingeflogen,
Die Erinnrung weichet nie;
Als ein lichter Regenbogen
Steht auf trüben Wolken sie.
Schauen flieht mein süßer Schmerz,
Daß nicht die Erinnrung schwinde.
Sage das nur, ob dein Herz
Noch der Kindheit Lust empfinde?"

Und es schwieg der Sohn der Lieder,
Der am Fuß des Turmes saß;
Und vom Fenster klang es nieder,
Und es glänzt' im dunkeln Gras.
"Nimm den Ring und denke mein,
Denk an unsrer Kindheit Schöne!
Nimm ihn hin! ein Edelstein
Glänzt darauf und eine Träne."


       Die Nonne

Im stillen Klostergarten
Eine bleiche Jungfrau ging;
Der Mond beschien sie trübe,
An ihrer Wimper hing
Die Träne zarter Liebe.

"O wohl mir, daß gestorben
Der treue Buhle mein!
Ich darf ihn wieder lieben:
Er wird ein Engel sein,
Und Engel darf ich lieben."

Sie trat mit zagem Schritte
Wohl zum Mariabild;
Es stand in lichtem Scheine,
Es sah so muttermild
Herunter auf die Reine.

Sie sank zu seinen Füßen,
Sah auf mit Himmelsruh,
Bis ihre Augenlider
Im Tode fielen zu;
Ihr Schleier wallte nieder.


            Der Kranz

Es pflückte Blümlein mannigfalt
Ein Mägdlein auf der lichten Au;
Da kam wohl aus dem grünen Wald
Eine wunderschöne Frau.

Sie trat zum Mägdlein freundlich hin,
Sie schlang ein Kränzlein ihm ins Haar:
"Noch blüht es nicht, doch wird es blühn;
O trag es immerdar!"

Und als das Mägdlein größer ward
Und sich erging im Mondenglanz
Und Tränen weinte, süß und zart,
Da knospete der Kranz.

Und als ihr holder Bräutigam
Sie innig in die Arme schloß,
Da wanden Blümlein wonnesam
Sich aus den Knospen los.

Sie wiegte bald ein süßes Kind
Auf ihrem Schoße mütterlich,
Da zeigten an dem Laubgewind
Viel goldne Früchte sich.

Und als ihr Lieb gesunken war
Ach! in des Grabes Nacht und Staub,
Da weht' um ihr zerstreutes Haar
Ein herbstlich falbes Laub.

Bald lag auch sie erbleichet da,
Doch trug sie ihren werten Kranz,
Da war's ein Wunder, denn man sah
So Frucht als Blütenglanz.


           Der Schäfer

Der schöne Schäfer zog so nah
Vorüber an dem Königsschloß;
Die Jungfrau von der Zinne sah,
Da war ihr Sehnen groß.

Sie rief ihm zu ein süßes Wort:
"O dürft ich gehn hinab zu dir!
Wie glänzen weiß die Lämmer dort,
Wie rot die Blümlein hier!"

Der Jüngling ihr entgegenbot:
"O kämest du herab zu mir!
Wie glänzen so die Wänglein rot,
Wie weiß die Arme dir!"

Und als er nun mit stillem Weh
In jeder Früh vorübertrieb,
Da sah er hin, bis in der Höh
Erschien sein holdes Lieb.

Dann rief er freundlich ihr hinauf:
"Willkommen, Königstöchterlein!"
Ihr süßes Wort ertönte drauf:
"Viel Dank, du Schäfer mein!"

Der Winter floh, der Lenz erschien,
Die Blümlein blühten reich umher,
Der Schäfer tät zum Schlosse ziehn,
Doch sie erschien nicht mehr.

Er rief hinauf so klagevoll:
"Willkommen, Königstöchterlein!"
Ein Geisterlaut herunterscholl:
"Ade, du Schäfer mein!"


        Die Vätergruft

Es ging wohl über die Heide
Zur alten Kapell empor
Ein Greis im Waffengeschmeide
Und trat in den dunkeln Chor.

Die Särge seiner Ahnen
Standen die Hall entlang,
Aus der Tiefe tät ihn mahnen
Ein wunderbarer Gesang.

"Wohl hab ich euer Grüßen,
Ihr Heldengeister! gehört,
Eure Reihe soll ich schließen:
Heil mir! ich bin es wert."

Es stand an kühler Stätte
Ein Sarg noch ungefüllt,
Den nahm er zum Ruhebette,
Zum Pfühle nahm er den Schild.

Die Hände tät er falten
Aufs Schwert und schlummert' ein.
Die Geisterlaute verhallten;
Da mocht es gar stille sein.


        Die sterbenden Helden

Der Dänen Schwerter drängen Schwedens Heer
Zum wilden Meer.
Die Wagen klirren fern, es blinkt der Stahl
Im Mondenstrahl.
Da liegen sterbend auf dem Leichenfeld
Der schöne Sven und Ulf, der graue Held.

Sven:

O Vater! daß mich in der Jugend Kraft
Die Norne rafft!
Nun schlichtet nimmer meine Mutter mir
Der Locken Zier.
Vergeblich spähet meine Sängerin
Vom hohen Turm in alle Ferne hin.

ULF:

Sie werden jammern, in der Nächte Graun
Im Traum uns schaun.
Doch sei getrost! bald bricht der bittre Schmerz
Ihr treues Herz.
Dann reicht die Buhle dir bei Odins Mahl,
Die goldgelockte, lächelnd den Pokal.

SVEN:

Begonnen hab ich einen Festgesang
Zum Saitenklang
Von Königen und Helden grauer Zeit
In Lieb und Streit.
Verlassen hängt die Harfe nun, und bang
Erweckt der Winde Wehen ihren Klang.

ULF:

Es glänzet hoch und hehr im Sonnenstrahl
Allvaters Saal,
Die Sterne wandeln unter ihm, es ziehn
Die Stürme hin.
Dort tafeln mit den Vätern wir in Ruh,
Erhebe dann dein Lied und end es du!

SVEN:

O Vater! daß mich in der Jugend Kraft
Die Norne rafft!
Noch leuchtet keiner hohen Taten Bild
Auf meinem Schild.
Zwölf Richter thronen hoch und schauerlich,
Die werten nicht des Heldenmahles mich.

ULF:

Wohl wieget eines viele Taten auf -
Sie achten drauf -,
Das ist um deines Vaterlandes Not
Der Heldentod.
Sieh hin! die Feinde fliehen; blick hinan!
Der Himmel glänzt, dahin ist unsre Bahn!


          Der blinde König

Was steht der nord'schen Fechter Schar
Hoch auf des Meeres Bord?
Was will in seinem grauen Haar
Der blinde König dort?
Er ruft, in bittrem Harme
Auf seinen Stab gelehnt,
Daß überm Meeresarme
Das Eiland widertönt:

"Gib, Räuber, aus dem Felsverlies
Die Tochter mir zurück!
Ihr Harfenspiel, ihr Lied, so süß,
War meines Alters Glück.
Vom Tanz auf grünem Strande
Hast du sie weggeraubt;
Dir ist es ewig Schande,
Mir beugt's das graue Haupt."

Da tritt aus seiner Kluft hervor
Der Räuber, groß und wild,
Er schwingt sein Hünenschwert empor
Und schlägt an seinen Schild:
"Du hast ja viele Wächter,
Warum denn litten's die?
Dir dient so mancher Fechter,
Und keiner kämpft um sie?"

Noch stehn die Fechter alle stumm,
Tritt keiner aus den Reihn,
Der blinde König kehrt sich um:
"Bin ich denn ganz allein?"
Da faßt des Vaters Rechte
Sein junger Sohn so warm:
"Vergönn mir's, daß ich fechte!
Wohl fühl ich Kraft im Arm."

"O Sohn! der Feind ist riesenstark,
Ihm hielt noch keiner stand;
Und doch! in dir ist edles Mark,
Ich fühl's am Druck der Hand.
Nimm hier die alte Klinge!
Sie ist der Skalden Preis.
Und fällst du, so verschlinge
Die Flut mich armen Greis!"

Und horch! es schäumet und es rauscht
Der Nachen übers Meer.
Der blinde König steht und lauscht,
Und alles schweigt umher;
Bis drüben sich erhoben
Der Schild' und Schwerter Schall
Und Kampfgeschrei und Toben
Und dumpfer Widerhall.

Da ruft der Greis so freudig bang:
"Sagt an, was ihr erschaut!
Mein Schwert, ich kenn's am guten Klang,
Es gab so scharfen Laut." -
"Der Räuber ist gefallen,
Er hat den blut'gen Lohn.
Heil dir, du Held vor allen,
Du starker Königssohn!"

Und wieder wird es still umher,
Der König steht und lauscht:
"Was hör ich kommen übers Meer?
Es rudert und es rauscht." -
"Sie kommen angefahren,
Dein Sohn mit Schwert und Schild,
In sonnehellen Haaren
Dein Töchterlein Gunild."

"Willkommen!" ruft vom hohen Stein
Der blinde Greis hinab,
"Nun wird mein Alter wonnig sein,
Und ehrenvoll mein Grab.
Du legst mir, Sohn, zur Seite
Das Schwert von gutem Klang,
Gunilde, du Befreite,
Singst mir den Grabgesang."


        Der Sänger

Noch singt den Widerhallen
Der Knabe sein Gefühl;
Die Elfe hat Gefallen
Am jugendlichen Spiel.
Es glänzen seine Lieder
Wie Blumen rings um ihn;
Sie gehn mit ihm wie Brüder
Durch stille Haine hin.

Er kommt zum Völkerfeste,
Er singt im Königssaal,
Ihm staunen alle Gäste,
Sein Lied verklärt das Mahl;
Der Frauen Schönste krönen
Mit lichten Blumen ihn;
Er senkt das Aug in Tränen,
Und seine Wangen glühn.


        Gretchens Freude

Was soll doch dies Trommeten sein?
Was deutet dies Geschrei?
Will treten an das Fensterlein,
Ich ahne, was es sei.

Da kehrt er ja, da kehrt er schon
Vom festlichen Turnei,
Der ritterliche Königssohn,
Mein Buhle wundertreu.

Wie steigt das Roß und schwebt daher!
Wie trutzlich sitzt der Mann!
Fürwahr! man dächt es nimmermehr,
Wie sanft er spielen kann.

Wie schimmert so der Helm von Gold,
Des Ritterspieles Dank!
Ach! drunter glühn vor allem hold
Die Augen, blau und blank.

Wohl starrt um ihn des Panzers Erz,
Der Rittermantel rauscht:
Doch drunter schlägt ein mildes Herz,
Das Lieb um Liebe tauscht.

Die Rechte läßt den Gruß ergehn,
Sein Helmgefieder wankt;
Da neigen sich die Damen schön,
Des Volkes Jubel dankt.

Was jubelt ihr und neigt euch so?
Der schöne Gruß ist mein.
Viel Dank, mein Lieb! ich bin so froh,
Gewiß, ich bring's dir ein.

Nun zieht er in des Vaters Schloß
Und knieet vor ihm hin
Und schnallt den goldnen Helm sich los
Und reicht dem König ihn.

Dann abends eilt zu Liebchens Tür
Sein leiser, loser Schritt,
Da bringt er frische Küsse mir
Und neue Liebe mit.


   Das Schloß am Meere

Hast du das Schloß gesehen,
Das hohe Schloß am Meer?
Golden und rosig wehen
Die Wolken drüber her.

Es möchte sich niederneigen
In die spiegelklare Flut;
Es möchte streben und steigen
In der Abendwolken Glut.

"Wohl hab ich es gesehen,
Das hohe Schloß am Meer,
Und den Mond darüber stehen
Und Nebel weit umher."

Der Wind und des Meeres Wallen
Gaben sie frischen Klang?
Vernahmst du aus hohen Hallen
Saiten und Festgesang?

"Die Winde, die Wogen alle
Lagen in tiefer Ruh,
Einem Klagelied aus der Halle
Hört ich mit Tränen zu."

Sahest du oben gehen
Den König und sein Gemahl?
Der roten Mäntel Wehen,
Der goldnen Kronen Strahl?

Führten sie nicht mit Wonne
Eine schöne Jungfrau dar,
Herrlich wie eine Sonne,
Strahlend im goldnen Haar?

"Wohl sah ich die Eltern beide,
Ohne der Kronen Licht,
Im schwarzen Trauerkleide;
Die Jungfrau sah ich nicht."


    Vom treuen Walther

Der treue Walther ritt vorbei
An Unsrer Frau Kapelle.
Da kniete gar in tiefer Reu
Ein Mägdlein an der Schwelle.
"Halt an, halt an, mein Walther traut!
Kennst du nicht mehr der Stimme Laut,
Die du so gerne hörtest?"

"Wen seh ich hier? Die falsche Maid,
Ach! weiland, ach, die Meine!
Wo ließest du dein seiden Kleid,
Wo Gold und Edelsteine?" -
"O daß ich von der Treue ließ!
Verloren ist mein Paradies,
Bei dir nur find ich's wieder."

Er hub zu Roß das schöne Weib,
Er trug ein sanft Erbarmen;
Sie schlang sich fest um seinen Leib
Mit weißen, weichen Armen.
"Ach, Walther traut! mein liebend Herz,
Es schlägt an kaltes, starres Erz,
Es klopft nicht an dem deinen."

Sie ritten ein in Walthers Schloß,
Das Schloß war öd und stille,
Sie band den Helm dem Ritter los;
Hin war der Schönheit Fülle.
"Die Wangen bleich, die Augen trüb,
Sie sind dein Schmuck, du treues Lieb!
Du warst mir nie so lieblich."

Die Rüstung löst die fromme Maid
Dem Herrn, den sie betrübet:
"Was seh ich? ach! ein schwarzes Kleid!
Wer starb, den du geliebet?" -
"Die Liebste mein betraur ich sehr,
Die ich auf Erden nimmermehr
Noch überm Grabe finde."

Sie sinkt zu seinen Füßen hin
Mit ausgestreckten Armen:
"Da lieg ich arme Büßerin,
Dich fleh ich um Erbarmen.
Erhebe mich zu neuer Lust!
Laß mich an deiner treuen Brust
Von allem Leid genesen!"

"Steh auf, steh auf, du armes Kind!
Ich kann dich nicht erheben;
Die Arme mir verschlossen sind,
Die Brust ist ohne Leben.
Sei traurig stets, wie ich es bin!
Die Lieb ist hin, die Lieb ist hin,
Und kehret niemals wieder."


              Der Pilger

Es wallt ein Pilger hohen Dranges,
Er wallt zur sel'gen Gottesstadt,
Zur Stadt des himmlischen Gesanges,
Die ihm der Geist verheißen hat.

"Du klarer Strom, in deinem Spiegel
Wirst du die heil'ge bald umfahn.
Ihr sonnehellen Felsenhügel,
Ihr schaut sie schon von weitem an.

Wie ferne Glocken hör ich's klingen,
Das Abendrot durchblüht den Hain.
O hätt ich Flügel, mich zu schwingen
Weit über Tal und Felsenreihn!"

Er ist von hoher Wonne trunken,
Er ist von süßen Schmerzen matt,
Und in die Blumen hingesunken,
Gedenkt er seiner Gottesstadt.

"Sie sind zu groß noch, diese Räume,
Für meiner Sehnsucht Flammenqual;
Empfahet ihr mich, milde Träume,
Und zeigt mir das ersehnte Tal!"

Da ist der Himmel aufgeschlagen,
Sein lichter Engel schaut herab:
"Wie sollt ich dir die Kraft versagen,
Dem ich das hohe Sehnen gab!

Die Sehnsucht und der Träume Weben,
Sie sind der weichen Seele süß,
Doch edler ist ein starkes Streben
Und macht den schönen Tram gewiß."

Er schwindet in die Morgendüfte;
Der Pilger springt gestärkt empor,
Er strebet über Berg' und Klüfte,
Er stehet schon am goldnen Tor.

Und sieh! gleich Mutterarmen schließet
Die Stadt der Pforte Flügel auf;
Ihr himmlischer Gesang begrüßet
Den Sohn nach tapfrem Pilgerlauf.


                   Abschied

Was klinget und singet die Straß herauf?
Ihr Jungfern, machet die Fenster auf!
Es ziehet der Bursch in die Weite,
Sie geben ihm das Geleite.

Wohl jauchzen die andern und schwingen die Hüt,
Viel Bänder darauf und viel edle Blüt,
Doch dem Burschen gefällt nicht die Sitte,
Geht still und bleich in der Mitte.

Wohl klingen die Kannen, wohl funkelt der Wein:
"Trink aus und trink wieder, lieb Bruder mein!" -
"Mit dem Abschiedsweine nur fliehet,
Der da innen mir brennet und glühet!"

Und draußen am allerletzten Haus,
Da gucket ein Mägdlein zum Fenster heraus,
Sie möcht ihre Tränen verdecken
Mit Gelbveiglein und Rosenstöcken.

Und draußen am allerletzten Haus,
Da schlägt der Bursche die Augen auf
Und schlägt sie nieder mit Schmerze
Und leget die Hand aufs Herze.

"Herr Bruder! und hast du noch keinen Strauß,
Dort winken und wanken viel Blumen heraus.
Wohlauf, du Schönste von allen,
Laß ein Sträußlein herunterfallen!"

"Ihr Brüder, was sollte das Sträußlein mir?
Ich hab ja kein liebes Liebchen wie ihr.
An der Sonne würd es vergehen,
Der Wind, der würd es verwehen."

Und weiter, ja weiter mit Sang und mit Klang!
Und das Mägdlein lauschet und horchet noch lang:
"O weh! er ziehet, der Knabe,
Den ich stille geliebet habe.

Da steh ich, ach! mit der Liebe mein,
Mit Rosen und mit Gelbveigelein;
Dem ich alles gäbe so gerne,
Der ist nun in der Ferne."


          Des Knaben Tod

"Zeuch nicht den dunklen Wald hinab!
Es gilt dein Leben, du junger Knab!" -
"Mein Gott im Himmel, der ist mein Licht,
Der läßt mich im dunkeln Walde nicht."

Da zeucht er hinunter, der junge Knab,
Es braust ihm zu Füßen der Strom hinab,
Es saust ihm zu Haupte der schwarze Wald,
Und die Sonne versinket in Wolken bald.

Und er kommt ans finstere Räuberhaus,
Eine holde Jungfrau schauet heraus:
"O wehe, du bist so ein junger Knab,
Was kommst du ins Tal des Todes herab?"

Aus dem Tor die mördrische Rotte bricht,
Die Jungfrau decket ihr Angesicht,
Sie stoßen ihn nieder, sie rauben sein Gut,
Sie lassen ihn liegen in seinem Blut.

"O weh, wie dunkel! keine Sonne, kein Stern!
Wen ruf ich an? ist mein Gott so fern?
Ha! Jungfrau dort im himmlischen Schein,
Nimm auf meine Seel in die Hände dein!"


         Der Traum

Im schönsten Garten wallten
Zwei Buhlen Hand in Hand,
Zwo bleiche, kranke Gestalten,
Sie saßen ins Blumenland.

Sie küßten sich auf die Wangen
Und küßten sich auf den Mund,
Sie hielten sich fest umfangen,
Sie wurden jung und gesund.

Zwei Glöcklein klangen helle,
Der Traum entschwand zur Stund;
Sie lag in der Klosterzelle,
Er fern in Turmes Grund.


          Drei Fräulein

                    1.

Drei Fräulein sahn vom Schlosse
Hinab ins tiefe Tal.
Ihr Vater kam zu Rosse,
Er trug ein Kleid von Stahl.
"Willkomm, Herr Vater, gottwillkomm!
Was bringst du deinen Kindern?
Wir waren alle fromm."

"Mein Kind im gelben Kleide!
Heut hab ich dein gedacht.
Der Schmuck ist deine Freude,
Dein Liebstes ist die Pracht.
Von rotem Gold die Kette hier
Nahm ich dem stolzen Ritter,
Gab ihm den Tod dafür."

Das Fräulein schnell die Kette
Um ihren Nacken band.
Sie ging hinab zur Stätte,
Da sie den Toten fand.
"Du liegst am Wege wie ein Dieb
Und bist ein edler Ritter,
Und bist mein feines Lieb."

Sie trug ihn auf den Armen
Zum Gotteshaus hinab;
Sie legt' ihn mit Erbarmen
In seiner Väter Grab.
Die Kett, die ihr am Halse schien,
Die zog sie fest zusammen
Und sank zum Lieb dahin.

                    2.

Zwei Fräulein sahn vom Schlosse
Hinab ins tiefe Tal.
Ihr Vater kam zu Rosse,
Er trug ein Kleid von Stahl.
"Willkomm, Herr Vater, gottwillkomm!
Was bringst du deinen Kindern?
Wir waren beide fromm."

"Mein Kind im grünen Kleide!
Heut hab ich dein gedacht.
Die Jagd ist deine Freude
Bei Tag und auch bei Nacht.
Den Spieß an goldnem Bande hier
Nahm ich dem wilden Jäger,
Gab ihm den Tod dafür."

Sie nahm den Spieß zu Händen,
Den ihr der Vater bot,
Tät in den Wald sich wenden,
Ihr Jagdruf war der Tod.
Dort in der Linde Schatten traf
Sie bei den treuen Bracken
Ihr Lieb im tiefen Schlaf.

"Ich komme zu der Linde,
Wie ich dem Lieb verhieß."
Da stieß sie gar geschwinde
In ihre Brust den Spieß.
Sie ruhten beieinander kühl,
Waldvöglein sangen oben,
Grün Laub herunterfiel.

                   3.

Ein Fräulein sah vom Schlosse
Hinab ins tiefe Tal.
Ihr Vater kam zu Rosse,
Er trug ein Kleid von Stahl.
"Willkomm, Herr Vater, gottwillkomm!
Was bringst du deinem Kinde?
Ich war wohl still und fromm."

"Mein Kind im weißen Kleide!
Heut hab ich dein gedacht.
Die Blumen sind dein' Freude
Mehr als des Goldes Pracht.
Das Blümlein, klar wir Silber, hier
Nahm ich dem kühnen Gärtner,
Gab ihm den Tod dafür."

"Wie war er so verwegen?
Warum erschlugst du ihn?
Er tät der Blümlein pflegen,
Die werden nun verblühn." -
"Er hat mir wunderkühn versagt
Die schönste Blum im Garten,
Die spart' er seiner Magd."

Das Blümlein lag der Zarten
An ihrer weichen Brust.
Sie ging in einen Garten,
Der war wohl ihre Lust.
Da schwoll ein frischer Hügel auf,
Dort bei den weißen Lilien,
Sie setzte sich darauf.

"O könnt ich tun zur Stunde
Den lieben Schwestern gleich!
Doch's Blümlein gibt kein' Wunde,
Es ist so zart und weich."
Aufs Blümlein sah sie, bleich und krank,
Bis daß ihr Blümlein welkte,
Bis daß sie niedersank.


        Der schwarze Ritter

Pfingsten war, das Fest der Freude,
Das da feiern Wald und Heide.
Hub der König an zu sprechen:
"Auch aus den Hallen
Der alten Hofburg allen
Soll ein reicher Frühling brechen!"

Trommeln und Trommeten schallen,
Rote Fahnen festlich wallen.
Sah der König vom Balkone;
In Lanzenspielen
Die Ritter alle fielen
Vor des Königs starkem Sohne.

Aber vor des Kampfes Gitter
Ritt zuletzt ein schwarzer Ritter.
"Herr! wie ist Eur Nam und Zeichen?"
"Würd ich es sagen,
Ihr möchtet zittern und zagen,
Bin ein Fürst von großen Reichen."

Als er in die Bahn gezogen,
Dunkel ward des Himmels Bogen,
Und das Schloß begann zu beben.
Beim ersten Stoße
Der Jüngling sank vom Rosse,
Konnte kaum sich wieder heben.

Pfeif und Geige ruft zu Tänzen,
Fackeln durch die Säle glänzen;
Wankt ein großer Schatten drinnen.
Er tät mit Sitten
Des Königs Tochter bitten,
Tät den Tanz mit ihr beginnen.

Tanzt im schwarzen Kleid von Eisen,
Tanzet schauerliche Weisen,
Schlingt sich kalt um ihre Glieder.
Von Brust und Haaren
Entfallen ihr die klaren
Blümlein welk zur Erde nieder.

Und zur reichen Tafel kamen
Alle Ritter, alle Damen.
Zwischen Sohn und Tochter innen
Mit bangem Mute
Der alte König ruhte,
Sah sie an mit stillem Sinnen.

Bleich die Kinder beide schienen;
Bot der Gast den Becher ihnen:
"Goldner Wein macht euch genesen."
Die Kinder tranken,
Sie täten höflich danken:
"Kühl ist dieser Trunk gewesen."

An des Vaters Brust sich schlangen
Sohn und Tochter; ihre Wangen
Täten völlig sich entfärben.
Wohin der graue,
Erschrockne Vater schaue,
Sieht er eins der Kinder sterben.

"Weh! die holden Kinder beide
Nahmst du hin in Jugendfreude,
Nimm auch mich, den Freudelosen!"
Da sprach der Grimme
Mit hohler, dumpfer Stimme:
"Greis! im Frühling brech ich Rosen. "


       Der Rosengarten

Vom schönen Rosengarten
Will ich mit Sang euch melden.
Am Morgen lustwandelten Fraun,
Am Abend fochten die Helden.

"Mein Herr ist König im Land,
Ich herrsch im Garten der Rosen,
Er hat sich die güldene Kron,
Ich den Blumenkranz mir erkosen.

So hört, ihr junge Recken,
Ihr lieben drei Wächter mein!
Laßt alle zarten Jungfräulein,
Laßt keinen Ritter herein!

Sie möchten die Rosen verderben;
Das brächte mir große Sorgen."
So sprach die schöne Königin,
Als sie dannen ging am Morgen.

Da wandelten die drei Wächter
Gar treulich vor der Tür.
Die Röslein dufteten stille
Und blickten lieblich herfür.

Und kamen des Wegs mit Sitten
Drei zarte Jungfräulein:
"Ihr Wächter, liebe drei Wächter,
Laßt uns in den Garten ein!"

Als die Jungfraun Rosen gebrochen,
Da haben sie all gesprochen:
"Was blutet mir so die Hand?
Hat mich das Röslein gestochen?"

Da wandelten die drei Wächter
Gar treulich vor der Tür.
Die Röslein dufteten stille
Und blickten lieblich herfür.

Und kamen des Wegs auf Rossen
Drei freche Rittersleut:
"Ihr Wächter, schnöde drei Wächter,
Sperret auf die Türe weit!"

"Die Türe, die bleibet zu,
Die Schwerter, die sind bloß,
Die Rosen, die sind teuer,
Eine Wund gilt jegliche Ros."

Da stritten die Ritter und Wächter,
Die Ritter den Sieg erwarben,
Zertraten die Röslein all,
Mit den Rosen die Wächter starben.

Und als es war am Abend,
Frau Königin kam herbei:
"Und sind meine Rosen zertreten,
Erschlagen die Jünglinge treu,

So will ich auf Rosenblätter
Sie legen in die Erden,
Und wo der Rosengarten war,
Soll der Liliengarten werden.

Wer ist es, der die Lilien
Mir treulich nun bewacht?
Bei Tage die liebe Sonne,
Der Mond und die Sterne bei Nacht."


   Die Lieder der Vorzeit

                  1807

Als Knabe stieg ich in die Hallen
Verlaßner Burgen oft hinan;
Durch alte Städte tät ich wallen
Und sah die hohen Münster an.
Da war es, daß mit stillem Mahnen
Der Geist der Vorwelt bei mir stand,
Da ließ er frühe schon mich ahnen,
Was später ich in Büchern fand:

Daß Jungfraun dort von ew'gem Preise,
Die heil'gen Lieder, einst gewohnt
Und in der Edelfrauen Kreise
Beim Feste des Gesangs gethront.
Da kam der Krieger wild Geschlechte
Und warf den Brand ins frohe Haus.
Die Schwestern flohn im Graun der Nächte
Nach allen Seiten zagend aus.

Wie manche schmachtet, hart gefangen,
In eines Kerkers dunklem Grund!
Zu keinem milden Ohr gelangen
Die Kläng aus ihrem zarten Mund.
Ach, jene, die auf öden Wegen
Umhergeirret krank und müd,
Sie ist dem schweren Gram erlegen
Und sang noch einmal, eh sie schied.

In eines armen Mädchens Kammer
Ist einer andern Aufenthalt,
Sie mischt sich in der Freundin Jammer,
Wann still der Mond am Himmel wallt.
Auch manche wagt der Märterinnen
Sich in des Marktes frech Gewühl,
Sie will der Menschen Herz gewinnen
Und singet sanft zum Saitenspiel.

Getrost! schon sinken eure Bande,
Und Boten ziehn nach Ost und West,
In eine Stadt am Neckarstrande
Zu laden euch zum neuen Fest.
Ihr Heitern, kommt zu Tanzes Feier,
Laßt wehn das rosige Gewand!
Ihr Ernsten, wallt im Nonnenschleier,
Die weiße Lilie in der Hand!