Uhland

Seite 7

Inhalt

Biografie

Seite 9

    Sankt Georgs Ritter

                    1.

Hell erklingen die Trommeten
Vor Sankt Stephan von Gormas,
Wo Fernandes von Kastilien
Lager hält, der tapfre Graf.
Almansor, der Mohrenkönig,
Kommt mit großer Heeresmacht
Von Kordova hergezogen,
Zu erstürmen jene Stadt.
Schon gewappnet sitzt zu Pferde
Die kastil'sche Ritterschar;
Forschend reitet durch die Reihen
Fernandes, der tapfre Graf:
"Paskal Vivas! Paskal Vivas!
Preis kastil'scher Ritterschaft!
Alle Ritter sind gerüstet,
Du nur fehlest auf dem Platz.
Du, der erste sonst zu Rosse,
Sonst der erste zu der Schlacht,
Hörst du heute nicht mein Rufen,
Nicht der Schlachttrommeten Klang?
Fehlest du dem Christenheere
Heut, an diesem heißen Tag?
Soll dein Ehrenkranz verwelken,
Schwinden deines Ruhmes Glanz?"
Paskal Vivas kann nicht hören,
Fern ist er im tiefen Wald,
Wo auf einem grünen Hügel
Sankt Georgs Kapelle ragt.
An der Pforte steht sein Roß,
Lehnet Speer und Stahlgewand,
Und der Ritter knieet betend
Vor dem heiligen Altar;
Ist in Andacht ganz versunken,
Höret nicht den Lärm der Schlacht,
Der nur dumpf wie Windestosen
Durch das Waldgebirge hallt;
Hört nicht seines Rosses Wiehern,
Seiner Waffen dumpfen Klang.
Doch es wachet sein Patron,
Sankt Georg, der Treue, wacht;
Aus der Wolke steigt er nieder,
Legt des Ritters Waffen an,
Setzt sich auf das Pferd des Ritters,
Fleugt hinunter in die Schlacht.
Keiner hat wie er gestürmet,
Held des Himmels, Wetterstrahl;
Er gewinnt Almansors Fahne,
Und es flieht die Mohrenschar.
Paskal Vivas hat beschlossen
Seine Andacht am Altar,
Tritt aus Sankt Georgs Kapelle,
Findet Roß und Stahlgewand;
Reitet sinnend nach dem Lager,
Weiß nicht, was es heißen mag,
Daß Trommeten ihn begrüßen
Und der festliche Gesang:
"Paskal Vivas! Paskal Vivas!
Stolz kastil'scher Ritterschaft!
Sei gepriesen, hoher Sieger,
Der Almansors Fahne nahm!
Wie sind deine Waffen blutig,
Wie zermalmt von Stoß und Schlag!
Wie bedeckt dein Roß mit Wunden,
Das so mutig eingerannt!"
Paskal Vivas wehrt vergebens
Ihrem Jubel und Gesang,
Neiget demutsvoll sein Haupt,
Deutet schweigend himmelan.

                 2.

In den abendlichen Gärten
Ging die Gräfin Julia.
Fatiman, Almansors Neffe,
Hat die Schöne dort erhascht;
Flieht mit seiner süßen Beute
Durch die Wälder Nacht und Tag,
Zehn getreue Mohrenritter
Folgen ihm gewappnet nach.
In des dritten Morgens Frühe
Kommen sie in jenen Wald,
Wo auf einem grünen Hügel
Sankt Georgs Kapelle ragt.
Schon von weitem blickt die Gräfin
Nach des Heil'gen Bild hinan,
Welches ob der Kirchenpforte,
Groß in Stein gehauen, prangt:
Wie er in des Lindwurms Rachen
Mächtig sticht den heil'gen Schaft,
Während, an den Fels gebunden,
Bang die Königstochter harrt.
Weinend und die Hände ringend
Ruft die Gräfin Julia:
"Sankt Georg, du heil'ger Streiter,
Hilf mir aus des Drachen Macht!"
Siehe! wer auf weißem Rosse
Sprengt von der Kapell herab?
Goldne Locken wehn im Winde,
Und der rote Mantel wallt.
Mächtig ist sein Speer geschwungen,
Trifft den Räuber Fatiman,
Der sich gleich am Boden krümmet,
Wie der Lindwurm einst getan.
Und die zehen Mohrenritter
Hat ein wilder Schreck gefaßt;
Schild und Lanze weggeworfen,
Fliehn sie über Berg und Tal.
Auf den Knieen, wie geblendet,
Liegt die Gräfin Julia:
"Sankt Georg, du heil'ger Streiter,
Sei gepriesen tausendmal!"
Als sie wieder hebt die Augen,
Ist der Heil'ge nicht mehr da,
Und es geht nur dumpfe Sage,
Daß es Paskal Vivas war.


Romanze vom kleinen Däumling

Kleiner Däumling! kleiner Däumling!
Allwärts ist dein Ruhm posaunet.
Schon die Kindlein in der Wiege
Sieht man der Geschichte staunen.
Welches Auge muß nicht weinen,
Wie du liefst durch Waldes Grausen,
Als die Wölfe hungrig heulten
Und die Nachtorkane sausten!
Welches Herz muß nicht erzittern,
Wie du lagst im Riesenhause
Und den Oger hörtest nahen,
Der nach deinem Fleisch geschnaubet!
Dich und deine sechs Gebrüder
Hast vom Tode du erkaufet,
Listiglich die sieben Kappen
Mit den sieben Kronen tauschend.
Als der Riese lag am Felsen,
Schnarchend, daß die Wälder rauschten,
Hast du keck die Meilenstiefel
Von den Füßen ihm gemauset.
Einem vielbedrängten König
Bist als Bote du gelaufen;
Köstlich war dein Botenbrot:
Eine Braut vom Königshause.
Kleiner Däumling! kleiner Däumling!
Mächtig ist dein Ruhm erbrauset.
Mit den Siebenmeilenstiefeln
Schritt er schon durch manch Jahrtausend.


Romanze vom Rezensenten

Rezensent, der tapfre Ritter,
Steigt zu Rosse, kühn und stolz;
Ist's kein Hengst aus Andalusien,
Ist es doch ein Bock von Holz.
Statt des Schwerts die scharfe Feder
Zieht er kampfbereit vom Ohr,
Schiebt statt des Visiers die Brille
Den entbrannten Augen vor.
Publikum, die edle Dame,
Schwebt in tausendfacher Not,
Seit ihr bald, barbarisch schnaubend,
Ein Siegfriedscher Lindwurm droht,
Bald ein süßer Sonettiste
Sie mit Lautenklimpern lockt,
Bald ein Mönch ihr mystisch predigt,
Daß ihr die Besinnung stockt.
Rezensent, der tapfre Ritter,
Hält sich gut im Drachenmord,
Schlägt in Splitter alle Lauten,
Stürzt den Mönch vom Kanzelbord.
Dennoch will er, groß bescheiden,
Daß ihn niemand nennen soll,
Und den Schild des Helden zeichnet
Kaum ein Schriftzug rätselvoll.
Rezensent, du Hort der Schwachen,
Sei uns immer treu und hold!
Nimm zum Lohn des Himmels Segen,
Des Verlegers Ehrensold!


         Ritter Paris

Paris ist der schönste Ritter,
Alle Herzen nimmt er hin.
Jede Dame kann's beschwören
An dem Hof der Königin.
Was der schönen Siegeszeichen
Warf das Glück in seinen Schoß!
Briefe, die von Küssen rauschen,
Locken, Ringe, zahlenlos.
Allzu leichter Siege Zeichen!
Ungebetnes Minneglück!
Bann und Fessel nennt euch Paris,
Stößt sein süßes Los zurück.
Schwingt zu Roß sich, schwergerüstet,
Glüht von edler Heldenlust,
Beut den Frauen all den Rücken,
Beut den Männern keck die Brust.
Doch es will kein Feind sich zeigen,
Frühling waltet im Gefild,
Mit dem Helmbusch spielen Lüftchen,
Sonne spiegelt sich im Schild.
Weit schon ist er so geritten,
Siehe! da an Waldes Tor
Hält ein Ritter, hoch zu Rosse,
Strecket ihm die Lanze vor.
Ritter Paris fliegt zum Kampfe,
Eilte nie zum Reihn so sehr;
Wirft den Gegner stracks zur Erde,
Blickt als Sieger stolz umher;
Naht sich hülfreich dem Geworfnen,
Nimmt ihm ab des Helms Gewicht:
Sieh! da wallen reiche Locken
Um ein zartes Angesicht.
Wie er Schien' und Panzer löset,
Welch ein Busen, welch ein Leib!
Hingegossen ohne Leben
Liegt vor ihm das schönste Weib.
Würden erst die bleichen Wangen
Röten sich von neuer Glut,
Hüben erst sich diese Wimpern,
Wie dann, Paris, junges Blut?
Ja! schon holt sie tiefen Atem,
Schlägt die Augen zärtlich auf;
Die als wilder Feind gestorben,
Lebt als milde Freundin auf.
Dort in Stücken liegt die Hülle,
Die ein starrer Ritter war,
Hier in Paris' Arm die Fülle,
Süßer Kern, der Schale bar.
Paris spricht, der schöne Ritter:
"Welcher Sieg nun, welcher Ruhm?
Soll mir nie ein Strauß gelingen
In dem ernsten Rittertum?
Wandelt stets, was ich berühre,
Sich in Scherz und Liebe mir?
Minneglück, das mich verfolget,
Zürn ich oder dank ich dir?"


          Der Räuber

Einst am schönen Frühlingstage
Tritt der Räuber vor den Wald.
Sieh! den hohlen Pfad hernieder
Kommt ein schlankes Mädchen bald.
"Trügst du statt der Maienglocken",
Spricht des Waldes kühner Sohn,
"In dem Korb den Schmuck des Königs,
Frei doch zögest du davon."
Lange folgen seine Blicke
Der geliebten Wallerin.
Durch die Wiesengründe wandelt
Sie zu stillen Dörfern hin,
Bis der Gärten reiche Blüte
Hüllt die liebliche Gestalt.
Doch der Räuber kehret wieder
In den finstern Tannenwald.


            Sängerliebe

Seit der hohe Gott der Lieder
Mußt in Liebesschmerz erbleichen,
Seit der Lorbeer seiner Schläfe
Unglücksel'ger Liebe Zeichen,
Wundert's wen, daß ird'schen Sängern,
Die dasselbe Zeichen kränzet,
Selten in der Liebe Leben
Ein beglückter Stern erglänzet?
Daß sie ernst und düster blicken,
Ihre Saiten traurig tönen,
Daß von Lust sie wenig singen,
Aber viel von Schmerz und Sehnen?
Sängerliebe, tief und schmerzlich,
Laßt euch denn in ernsten Bildern
Aus den Tagen des Gesanges,
Aus der Zeit der Minne schildern!

            1. Rudello

In den Talen der Provence
Ist der Minnesang entsprossen,
Kind des Frühlings und der Minne,
Holder, inniger Genossen.
Blütenglanz und süße Stimme
Konnt an ihm den Vater zeigen,
Herzensglut und tiefes Schmachten
War ihm von der Mutter eigen.
Selige Provencer Tale,
Üppig blühend wart ihr immer,
Aber eure reichste Blüte
War des Minneliedes Schimmer.
Jene tapfern, schmucken Ritter,
Welch ein edler Sängerorden!
Jene hochbeglückten Damen,
Wie sie schön gefeiert worden!
Vielgeehrt im Sängerchore
War Rudellos werter Name,
Vielgepriesen, vielbeneidet
Die von ihm besungne Dame.
Aber niemand mocht erkunden,
Wie sie hieße, wo sie lebte,
Die so herrlich, überirdisch
In Rudellos Liedern schwebte;
Denn nur in geheimen Nächten
Nahte sie dem Sänger leise,
Selbst den Boden nie berührend,
Spurlos, schwank, in Traumesweise.
Wollt er sie mit Armen fassen,
Schwand sie in die Wolken wieder,
Und aus Seufzern und aus Tränen
Wurden dann ihm süße Lieder.
Schiffer, Pilger, Kreuzesritter
Brachten dazumal die Märe,
Daß von Tripolis die Gräfin
Aller Frauen Krone wäre;
Und so oft Rudell es hörte,
Fühlt' er sich's im Busen schlagen,
Und es trieb ihn nach dem Strande,
Wo die Schiffe fertig lagen.
Meer, unsichres, vielbewegtes,
Ohne Grund und ohne Schranken!
Wohl auf deiner regen Wüste
Mag die irre Sehnsucht schwanken.
Fern von Tripolis verschlagen,
Irrt die Barke mit dem Sänger;
Äußrem Sturm und innrem Drängen
Widersteht Rudell nicht länger.
Schwer erkranket liegt er nieder,
Aber ostwärts schaut er immer,
Bis sich hebt am letzten Rand
Ein Palast im Morgenschimmer.
Und der Himmel hat Erbarmen
Mit des kranken Sängers Flehen,
In den Port von Tripolis
Fliegt das Schiff mit günst'gem Wehen.
Kaum vernimmt die schöne Gräfin,
Daß so edler Gast gekommen,
Der allein um ihretwillen
Übers weite Meer geschwommen:
Alsobald mit ihren Frauen
Steigt sie nieder unerbeten,
Als Rudello, schwanken Ganges,
Eben das Gestad betreten.
Schon will sie die Hand ihm reichen,
Doch ihm dünkt, der Boden schwinde;
In des Führers Arme sinkt er,
Haucht sein Leben in die Winde.
Ihren Sänger ehrt die Herrin
Durch ein prächtiges Begängnis,
Und ein Grabmal von Porphyr
Lehrt sein trauriges Verhängnis.
Seine Lieder läßt sie schreiben
Allesamt mit goldnen Lettern,
Köstlich ausgezierte Decken
Gibt sie diesen teuren Blättern;
Liest darin so manche Stunde,
Ach! und oft mit heißen Tränen,
Bis auch sie ergriffen ist
Von dem unnennbaren Sehnen.
Von des Hofes lust'gem Glanz,
Aus der Freunde Kreis geschieden,
Suchet sie in Klostermauern
Ihrer armen Seele Frieden.

              2. Durand

Nach dem hohen Schloß von Balbi
Zieht Durand mit seinem Spiele;
Voll die Brust von süßen Liedern,
Naht er schon dem frohen Ziele.
Dort ja wird ein holdes Fräulein,
Wann die Saiten lieblich rauschen,
Augen senkend, zart erglühend,
Innig atmend niederlauschen.
In des Hofes Lindenschatten
Hat er schon sein Spiel begonnen,
Singt er schon mit klarer Stimme,
Was er Süßestes ersonnen.
Von dem Söller, von den Fenstern
Sieht er Blumen freundlich nicken,
Doch die Herrin seiner Lieder
Kann sein Auge nicht erblicken.
Und es geht ein Mann vorüber,
Der sich traurig zu ihm wendet:
"Störe nicht die Ruh der Toten!
Fräulein Blanka hat vollendet."
Doch Durand, der junge Sänger,
Hat darauf kein Wort gesprochen,
Ach, sein Aug ist schon erloschen,
Ach, sein Herz ist schon gebrochen.
Drüben in der Burgkapelle,
Wo unzähl'ge Kerzen glänzen,
Wo das tote Fräulein ruht,
Hold geschmückt mit Blumenkränzen,
Dort ergreifet alles Volk
Schreck und Staunen, freudig Beben,
Denn von ihrem Totenlager
Sieht man Blanka sich erheben.
Aus des Scheintods tiefem Schlummer
Ist sie blühend auferstanden,
Tritt im Sterbekleid hervor
Wie in bräutlichen Gewanden.
Noch, wie ihr geschehn, nicht wissend,
Wie von Träumen noch umschlungen,
Fragt sie zärtlich, sehnsuchtsvoll:
"Hat nicht hier Durand gesungen?"
Ja, gesungen hat Durand,
Aber nie mehr wird er singen,
Auferweckt hat er die Tote,
Ihn wird niemand wiederbringen.
Schon im Lande der Verklärten
Wacht er auf, und mit Verlangen
Sucht er seine süße Freundin,
Die er wähnt vorangegangen.
Aller Himmel lichte Räume
Sieht er herrlich sich verbreiten;
Blanka! Blanka! ruft er sehnlich
Durch die öden Seligkeiten.

    3. Der Kastellan von Couci

Wie der Kastellan von Couci
Schnell die Hand zum Herzen drückte,
Als die Dame von Faiel
Er zum erstenmal erblickte!
Seit demselben Augenblicke
Drang durch alle seine Lieder,
Unter allen Weisen stets
Jener erste Herzschlag wieder.
Aber wenig mocht ihm frommen
All die süße Liederklage,
Nimmer darf er dieses hoffen,
Daß sein Herz an ihrem schlage.
Wenn sie auch mit zartem Sinn
Eines schönen Lieds sich freute,
Streng und stille ging sie immer
An des stolzen Gatten Seite.
Da beschließt der Kastellan,
Seine Brust in Stahl zu hüllen
Und mit drauf geheft'tem Kreuz
Seines Herzens Schlag zu stillen.
Als er schon im heil'gen Lande
Manchen heißen Tag gestritten,
Fährt ein Pfeil durch Kreuz und Panzer,
Trifft ihm noch das Herze mitten.
"Hörst du mich, getreuer Knappe?
Wann dies Herz nun ausgeschlagen,
Zu der Dame von Faiel
Sollt du es hinübertragen!"
In geweihter, kühler Erde
Wird der edle Leib begraben;
Nur das Herz, das müde Herz,
Soll noch keine Ruhe haben.
Schon in einer goldnen Urne
Liegt es, wohl einbalsamieret,
Und zu Schiffe steigt der Diener,
Der es sorgsam mit sich führet.
Stürme brausen, Wogen schlagen,
Blitze zucken, Maste splittern,
Ängstlich klopfen alle Herzen,
Eines nur ist ohne Zittern.
Golden strahlt die Sonne wieder,
Frankreichs Küste glänzet drüben,
Freudig schlagen alle Herzen,
Eines nur ist still geblieben.
Schon im Walde von Faiel
Schreitet rasch der Urne Träger,
Plötzlich schallt ein lustig Horn
Samt dem Rufe wilder Jäger.
Aus den Büschen rauscht ein Hirsch,
Dem ein Pfeil im Herzen stecket,
Bäumt sich auf und stürzt und liegt
Vor dem Knappen hingestrecket.
Sieh! der Ritter von Faiel,
Der das Wild ins Herz geschossen,
Sprengt heran mit Jagdgefolg
Und der Knapp ist rings umschlossen.
Nach dem blanken Goldgefäß
Tasten gleich des Ritters Knechte,
Doch der Knappe tritt zurück,
Spricht mit vorgehaltner Rechte:
"Dies ist eines Sängers Herz,
Herz von einem frommen Streiter;
Herz des Kastellans von Couci,
Laßt dies Herz im Frieden weiter!
Scheidend hat er mir geboten:
Wann dies Herz nun ausgeschlagen,
Zu der Dame von Faiel
Soll' ich es hinübertragen."
"Jene Dame kenn ich wohl!"
Spricht der ritterliche Jäger,
Und entreißt die goldne Urne
Hastig dem erschrocknen Träger;
Nimmt sie unter seinen Mantel,
Reitet fort in finstrem Grolle,
Hält so eng das tote Herz
An das heiße, rachevolle.
Als er auf sein Schloß gekommen,
Müssen sich die Köche schürzen,
Müssen gleich den Hirsch bereiten
Und ein seltnes Herze würzen.
Dann, mit Blumen reich bestecket,
Bringt man es auf goldner Schale,
Als der Ritter von Faiel
Mit der Dame sitzt am Mahle.
Zierlich reicht er es der Schönen,
Sprechend mit verliebtem Scherze:
"Was ich immer mag erjagen,
Euch gehört davon das Herze."
Wie die Dame kaum genossen,
Hat sie also weinen müssen,
Daß sie zu vergehen schien
In den heißen Tränengüssen.
Doch der Ritter von Faiel
Spricht zu ihr mit wildem Lachen:
"Sagt man doch von Taubenherzen,
Daß sie melancholisch machen:
Wieviel mehr, geliebte Dame,
Das, womit ich Euch bewirte!
Herz des Kastellans von Couci,
Der so zärtlich Lieder girrte."
Als der Ritter dies gesprochen,
Dieses und noch andres Schlimme,
Da erhebt die Dame sich,
Spricht mit feierlicher Stimme:
"Großes Unrecht tatet Ihr,
Euer war ich ohne Wanken,
Aber solch ein Herz genießen
Wendet leichtlich die Gedanken.
Manches tritt mir vor die Seele,
Was vorlängst die Lieder sangen,
Der mir lebend fremd geblieben,
Hat als Toter mich befangen.
Ja, ich bin dem Tod geweihet,
Jedes Mahl ist mir verwehret,
Nicht geziemt mir andre Speise,
Seit mich dieses Herz genähret.
Aber Euch wünsch ich zum Letzten
Milden Spruch des ew'gen Richters." -
Dieses alles ist geschehen
Mit dem Herzen eines Dichters.

         4. Don Massias

Don Massias aus Galicien,
Mit dem Namen: der Verliebte,

Saß im Turm zu Arjonilla,
Klagend um die Treugeliebte.
Einen Grafen, reich und mächtig,
Gab man jüngst ihr zum Genossen,
Und den vielgetreuen Sänger
Hält man ferngebannt, verschlossen.
Traurig sang er oft am Gitter,
Machte jeden Wandrer lauschen,
Teure Blätter, liederreiche,
Ließ er oft vom Fenster rauschen.
Ob es Wandrer fortgesungen,
Ob es Winde hingetragen:
Wohl vernahm die Heißgeliebte
Ihres treuen Sängers Klagen.
Ihr Gemahl, argwöhnisch spähend,
Hatt es alles gut beachtet:
"Muß ich vor dem Sänger beben,
Selbst wann er im Kerker schmachtet?"
Einsmals schwang er sich zu Pferde,
Wohlgewaffnet wie zum Sturme,
Sprengte nach Granadas Grenze
Und zu Arjonillas Turme.
Don Massias, der Verliebte,
Stand gerade dort am Gitter,
Sang so glühend seine Liebe,
Schlug so zierlich seine Zither.
Jener hub sich in den Bügeln,
Wutvoll seine Lanze schwingend;
Don Massias ist durchbohret,
Wie ein Schwan verschied er singend.
Und der Graf, des Siegs versichert,
Kehret nach Galicien wieder.
Eitler Wahn! es starb der Sänger,
Doch es leben seine Lieder;
Die durch alle span'schen Reiche
Tönevoll, geflügelt ziehen,
Andern sind sie Philomelen,
Jenem nur sind sie Harpyien.
Plötzlich oft vom Freudenmahle
Haben sie ihn aufgeschrecket,
Aus dem mitternächt'gen Schlummer
Wird er peinlich oft erwecket:
In den Gärten, in den Straßen
Hört er Zithern hin und wieder,
Und wie Geisterstimmen tönen
Des Massias Liebeslieder.

               5. Dante

War's ein Tor der Stadt Florenz
Oder war's ein Tor der Himmel,
Draus am klarsten Frühlingsmorgen
Zog so festliches Gewimmel?
Kinder, hold wie Engelscharen,
Reich geschmückt mit Blumenkränzen,
Zogen in das Rosental
Zu den frohen Festestänzen.
Unter einem Lorbeerbaume
Stand, damals neunjährig, Dante,
Der im lieblichsten der Mädchen
Seinen Engel gleich erkannte.
Rauschten nicht des Lorbeers Zweige,
Von der Frühlingsluft erschüttert?
Klang nicht Dantes junge Seele,
Von der Liebe Hauch durchzittert?
Ja, ihm ist in jener Stunde
Des Gesanges Quell entsprungen;
In Sonetten, in Kanzonen
Ist die Lieb ihm früh erklungen.
Als, zur Jungfrau hold erwachsen,
Jene wieder ihm begegnet,
Steht auch seine Dichtung schon
Wie ein Baum, der Blüten regnet.
Aus dem Tore von Florenz
Zogen dichte Scharen wieder,
Aber langsam, trauervoll,
Bei dem Klange dumpfer Lieder.
Unter jenem schwarzen Tuch,
Mit dem weißen Kreuz geschmücket,
Trägt man Beatricen hin,
Die der Tod so früh gepflücket.
Dante saß in seiner Kammer
Einsam, still, im Abendlichte,
Hörte fern die Glocken tönen
Und verhüllte sein Gesichte.
In der Wälder tiefste Schatten
Stieg der edle Sänger nieder,
Gleich den fernen Totenglocken
Tönten fortan seine Lieder.
Aber in der wildsten Öde,
Wo er ging mit bangem Stöhnen,
Kam zu ihm ein Abgesandter
Von der hingeschiednen Schönen;
Der ihn führt' an treuer Hand
Durch der Hölle tiefste Schluchten,
Wo sein ird'scher Schmerz verstummte
Bei dem Anblick der Verfluchten.
Bald zum sel'gen Licht empor
Kam er auf den dunkeln Wegen,
Aus des Paradieses Pforte
Trat die Freundin ihm entgegen.
Hoch und höher schwebten beide
Durch des Himmels Glanz und Wonnen,
Sie, aufblickend, ungeblendet,
Zu der Sonne aller Sonnen;
Er, die Augen hingewendet
Nach der Freundin Angesichte,
Das, verklärt, ihn schauen ließ
Abglanz von dem ew'gen Lichte.
Einem göttlichen Gedicht
Hat er alles einverleibet
Mit so ew'gen Feuerzügen,
Wie der Blitz in Felsen schreibet.
Ja, mit Fug wird dieser Sänger
Als der Göttliche verehret,
Dante, welchem ird'sche Liebe
Sich zu himmlischer verkläret.


       Liebesklagen

       1. Der Student

Als ich einst bei Salamanka
Früh in einem Garten saß
Und beim Schlag der Nachtigallen
Emsig im Homerus las:
Wie in glänzenden Gewanden
Helena zur Zinne trat
Und so herrlich sich erzeigte
Dem trojanischen Senat,
Daß vernehmlich der und jener
Brummt' in seinen grauen Bart:
"Solch ein Weib ward nie gesehen,
Traun, sie ist von Götterart!"
Als ich so mich ganz vertiefet,
Wußt ich nicht, wie mir geschah:
In die Blätter fuhr ein Wehen,
Daß ich staunend um mich sah.
Auf benachbartem Balkone,
Welch ein Wunder schaut ich da!
Dort in glänzenden Gewanden
Stand ein Weib wie Helena
Und ein Graubart ihr zur Seite,
Der so seltsam freundlich tat,
Daß ich schwören mocht, er wäre
Von der Troer hohem Rat.
Doch ich selbst ward ein Achäer,
Der ich nun seit jenem Tag
Vor dem festen Gartenhause,
Einer neuen Troja, lag.
Um es unverblümt zu sagen:
Manche Sommerwoch entlang
Kam ich dorthin jeden Abend
Mit der Laut und mit Gesang,
Klagt in mannigfachen Weisen
Meiner Liebe Qual und Drang,
Bis zuletzt vom hohen Gitter
Süße Antwort niederklang.
Solches Spiel mit Wort und Tönen
Trieben wir ein halbes Jahr,
Und auch dies war nur vergönnet,
Weil halb taub der Vormund war.
Hub er gleich sich oft vom Lager,
Schlaflos, eifersüchtig bang,
Blieben doch ihm unsre Stimmen
Ungehört wie Sphärenklang.
Aber einst, die Nacht war schaurig,
Sternlos, finster wie das Grab,
Klang auf das gewohnte Zeichen
Keine Antwort mir herab.
Nur ein alt zahnloses Fräulein
Ward von meiner Stimme wach,
Nur das alte Fräulein Echo
Stöhnte meine Klagen nach.
Meine Schöne war verschwunden,
Leer die Zimmer, leer der Saal,
Leer der blumenreiche Garten,
Rings verödet Berg und Tal.
Ach, und nie hatt ich erfahren
Ihre Heimat, ihren Stand,
Weil sie, beides zu verschweigen,
Angelobt mit Mund und Hand.
Da beschloß ich, sie zu suchen
Nah und fern, auf irrer Fahrt.
Den Homerus ließ ich liegen,
Nun ich selbst Ulysses ward,
Nahm die Laute zur Gefährtin,
Und vor jeglichem Altan,
Unter jedem Gitterfenster
Frag ich leis mit Tönen an,
Sing in Stadt und Feld das Liedchen,
Das im Salamanker Tal
Jeden Abend ich gesungen
Meiner Liebsten zum Signal;
Doch die Antwort, die ersehnte,
Tönet nimmermehr, und ach,
Nur das alte Fräulein Echo
Reist zur Qual mir ewig nach.

           2. Der Jäger

Als ich einsmals in den Wäldern
Hinter einer Eiche stand,
Lauernd, oft mich vorwärtslegend,
Auch die Büchse schon zur Hand,
Da vernahm ich leichtes Rauschen,
Und mein Hühnerhund schlug an,
Fertig hielt ich gleich die Büchse,
Paßte mit gespanntem Hahn:
Sieh! da kam nicht Reh noch Hase,
Kam ein Wild von schönrer Art,
Trat ein Mägdlein aus den Büschen,
Jung und frisch und lind und zart.
So von seltsamen Gewalten
Ward ich plötzlich übermannt,
Daß ich fast vor eitel Liebe
Auf die Schönste losgebrannt.
Immer geh ich nun den Fährten
Dieses edeln Wildes nach,
Und vor seinem Lager steh ich
Jeden Abend auf der Wach.
Um es unverblümt zu sagen:
Vor der Lieblichsten Altan
Steh ich pflichtlich jeden Abend,
Blicke traurig still hinan.
Doch von solcher stummen Klage
Wird ihr gleich die Zeit zu lang,
Lieder will sie, süße Weisen,
Flötentöne, Lautenklang.
Ach! das ist ein künstlich Locken,
Drin ich Weidmann nichts vermag,
Nur den Kuckucksruf verstehend
Und den schlichten Wachtelschlag.


         Bertran de Born

Droben auf dem schroffen Steine
Raucht in Trümmern Autafort,
Und der Burgherr steht gefesselt
Vor des Königs Zelte dort:
"Kamst du, der mit Schwert und Liedern
Aufruhr trug von Ort zu Ort,
Der die Kinder aufgewiegelt
Gegen ihres Vaters Wort?

Steht vor mir, der sich gerühmet
In vermeßner Prahlerei,
Daß ihm nie mehr als die Hälfte
Seines Geistes nötig sei?
Nun der halbe dich nicht rettet,
Ruf den ganzen doch herbei,
Daß er neu dein Schloß dir baue,
Deine Ketten brech entzwei!"

"Wie du sagst, mein Herr und König!
Steht vor dir Bertran de Born,
Der mit einem Lied entflammte
Perigord und Ventadorn,
Der dem mächtigen Gebieter
Stets im Auge war ein Dorn,
Dem zuliebe Königskinder
Trugen ihres Vaters Zorn.

Deine Tochter saß im Saale,
Festlich, eines Herzogs Braut,
Und da sang vor ihr mein Bote,
Dem ein Lied ich anvertraut,
Sang, was einst ihr Stolz gewesen,
Ihres Dichters Sehnsuchtlaut,
Bis ihr leuchtend Brautgeschmeide
Ganz von Tränen war betaut.

Aus des Ölbaums Schlummerschatten
Fuhr dein bester Sohn empor,
Als mit zorn'gen Schlachtgesängen
Ich bestürmen ließ sein Ohr.
Schnell war ihm das Roß gegürtet,
Und ich trug das Banner vor,
Jenem Todespfeil entgegen,
Der ihn traf vor Montforts Tor.

Blutend lag er mir im Arme;
Nicht der scharfe, kalte Stahl -
Daß er sterb in deinem Fluche,
Das war seines Sterbens Qual.
Strecken wollt er dir die Rechte
Über Meer, Gebirg und Tal,
Als er deine nicht erreichet,
Drückt' er meine noch einmal.

Da, wie Autafort dort oben,
Ward gebrochen meine Kraft;
Nicht die ganze, nicht die halbe
Blieb mir, Saite nicht noch Schaft.
Leicht hast du den Arm gebunden,
Seit der Geist mir liegt in Haft;
Nur zu einem Trauerliede
Hat er sich noch aufgerafft."

Und der König senkt die Stirne:
"Meinen Sohn hast du verführt,
Hast der Tochter Herz verzaubert,
Hast auch meines nun gerührt.
Nimm die Hand, du Freund des Toten!
Die verzeihend ihm gebührt.
Weg die Fesseln! Deines Geistes
Hab ich einen Hauch verspürt."


           Der Waller

Auf Galiciens Felsenstrande
Ragt ein heil'ger Gnadenort,
Wo die reine Gottesmutter
Spendet ihres Segens Hort.
Dem Verirrten in der Wildnis
Glänzt ein goldner Leitstern dort,
Dem Verstürmten auf dem Meere
Öffnet sich ein stiller Port.

Rührt sich dort die Abendglocke,
Hallt es weit die Gegend nach;
In den Städten, in den Klöstern
Werden alle Glocken wach.
Und es schweigt die Meereswoge,
Die noch kaum sich tobend brach,
Und der Schiffer kniet am Ruder,
Bis er leis sein Ave sprach.

An dem Tage, da man feiert
Der Gepriesnen Himmelfahrt,
Wo der Sohn, den sie geboren,
Sich als Gott ihr offenbart,
Da in ihrem Heiligtume
Wirkt sie Wunder mancher Art;
Wo sie sonst im Bild nur wohnet,
Fühlt man ihre Gegenwart.

Bunte Kreuzesfahnen ziehen
Durch die Felder ihre Bahn,
Mit bemalten Wimpeln grüßet
Jedes Schiff und jeder Kahn.
Auf dem Felsenpfade klimmen
Waller, festlich angetan;
Eine volle Himmelsleiter
Steigt der schroffe Berg hinan.

Doch den heitern Pilgern folgen
Andre, barfuß und bestaubt,
Angetan mit härnen Hemden,
Asche tragend auf dem Haupt;
Solche sind's, die der Gemeinschaft
Frommer Christen sind beraubt,
Denen nur am Tor der Kirche
Hinzuknieen ist erlaubt.

Und nach allen keuchet einer,
Dessen Auge trostlos irrt,
Den die Haare wild umflattern,
Dem ein langer Bart sich wirrt;
Einen Reif von rost'gem Eisen
Trägt er um den Leib geschirrt,
Ketten auch um Arm' und Beine,
Daß ihm jeder Tritt erklirrt.

Weil erschlagen er den Bruder
Einst in seines Zornes Hast,
Ließ er aus dem Schwerte schmieden
Jenen Ring, der ihn umfaßt.
Fern vom Herde, fern vom Hofe
Wandert er und will nicht Rast,
Bis ein himmlisch Gnadenwunder
Sprenget seine Kettenlast.

Trüg er Sohlen auch von Eisen,
Wie er wallet ohne Schuh,
Lange hätt er sie zertreten,
Und noch ward ihm nirgend Ruh.
Nimmer findet er den Heil'gen,
Der an ihm ein Wunder tu;
Alle Gnadenbilder sucht er,
Keines winkt ihm Frieden zu.

Als nun der den Fels erstiegen
Und sich an der Pforte neigt,
Tönet schon das Abendläuten,
Dem die Menge betend schweigt.
Nicht betritt sein Fuß die Hallen,
Drin der Jungfrau Bild sich zeigt,
Farbenhell im Strahl der Sonne,
Die zum Meere niedersteigt.

Welche Glut ist ausgegossen
Über Wolken, Meer und Flur!
Blieb der goldne Himmel offen,
Als empor die Heil'ge fuhr?
Blüht noch auf den Rosenwolken
Ihres Fußes lichte Spur?
Schaut die Reine selbst hernieder
Aus dem glänzenden Azur?

Alle Pilger gehn getröstet,
Nur der eine rührt sich nicht,
Liegt noch immer an der Schwelle
Mit dem bleichen Angesicht.
Fest noch schlingt um Leib und Glieder
Sich der Fesseln schwer Gewicht;
Aber frei ist schon die Seele,
Schwebet in dem Meer von Licht.


   Die Bidassoabrücke

Auf der Bidassoabrücke
Steht ein Heil'ger, altergrau,
Segnet rechts die span'schen Berge,
Segnet links den fränk'schen Gau.
Wohl bedarf's an dieser Stelle
Milden Trostes himmelher,
Wo so mancher von der Heimat
Scheidet ohne Wiederkehr.

Auf der Bidassoabrücke
Spielt ein zauberhaft Gesicht:
Wo der eine Schatten siehet,
Sieht der andre goldnes Licht;
Wo dem einen Rosen lachen,
Sieht der andre dürren Sand;
Jedem ist das Elend finster,
Jedem glänzt sein Vaterland.

Friedlich rauscht die Bidassoa
Zu der Herde Glockenklang,
Aber im Gebirge dröhnet
Knall auf Knall den Tag entlang;
Und am Abend steigt hernieder
Eine Schar zum Flußgestad,
Unstet, mit zerrißner Fahne,
Blut beträufelt ihren Pfad.

Auf der Bidassoabrücke
Lehnen sie die Büchsen bei,
Binden sich die frischen Wunden,
Zählen, wer noch übrig sei?
Lange harren sie Vermißter,
Doch ihr Häuflein wächset nicht,
Einmal wirbelt noch die Trommel,
Und ein alter Kriegsmann spricht:

"Rollt die Fahne denn zusammen,
Die der Freiheit Banner war!
Nicht zum erstenmale wandelt
Diesen Grenzweg ihre Schar;
Nicht zum erstenmale sucht sie
Eine Freistatt in der Fern,
Doch sie zieht nicht arm an Ehre,
Zieht nicht ohne günst'gen Stern.

Der von vor'gen Freiheitskämpfen
Mehr als einer Narben führt,
Heute, da wir alle bluten,
Mina! bliebst du unberührt;
Ganz und heil ist uns der Retter,
Noch verbürgt ist Spaniens Glück;
Schreiten wir getrost hinüber!
Einst noch kehren wir zurück."

Mina rafft sich auf vom Steine,
Müde saß er dort und still,
Blickt noch einmal nach den Bergen,
Wo die Sonne sinken will;
Seine Hand, zur Brust gehalten,
Hemmt nicht mehr des Blutes Lauf,
Auf der Bidassoabrücke
Brachen alte Wunden auf.


              Unstern

Unstern, diesem guten Jungen,
Hat es seltsam sich geschickt:
Manches wär ihm fast gelungen,
Manches wär ihm schier geglückt.
Alle Glückesstern im Bunde
Hätten weihend ihm gelacht,
Wenn die Mutter eine Stunde
Früher ihn zur Welt gebracht.

Waffenruhm und Heldenehre
Hätten zeitig ihm geblüht,
War doch in dem ganzen Heere
Keiner so von Mut erglüht;
Nur als schon in wilden Wogen
Seine Schar zum Sturme drang,
Kam ein Bote hergeflogen,
Der die Friedensfahne schwang.

Nah ist Unsterns Hochzeitfeier,
Hold und sittig glüht die Braut;
Sieh, da kommt ein reichrer Freier,
Der die Eltern baß erbaut.
Dennoch hätte die Geraubte
Ihn als Witwe noch beglückt,
Wäre nicht der Totgeglaubte
Plötzlich wieder angerückt.

Reich wär Unstern noch geworden
Mit dem Gut der neuen Welt,
Hätte nicht ein Sturm aus Norden
Noch im Port das Schiff zerschellt.
Glücklich war er selbst entschwommen,
Einer Planke hatt er's dank,
Hatte schon den Strand erklommen,
Glitt zurück noch und versank.

In den Himmel sonder Zweifel
Würd er gleich gekommen sein,
Liefe nicht ein dummer Teufel
Just ihm in den Weg hinein.
Teufel meint, es sei die Seele,
Die er eben holen soll,
Packt den Unstern an der Kehle,
Rennt mit ihm davon wie toll.

Da erscheint ein lichter Engel
Rettend aus dem Nebelduft,
Donnert flugs den schwarzen Bengel
In die tiefste Höllenkluft,
Schwebt der goldnen Himmelsferne
Mit dem armen Unstern zu,
Über gut' und böse Sterne
Führt er den zur ew'gen Ruh.