Uhland

Seite 8

Inhalt

Biografie

Seite 10

         Der Ring

Es ging an einem Morgen
Ein Ritter über die Au.
Er dacht in bangen Sorgen
An die allerschönste Frau.

"Mein wertes Ringlein golden!
Verkünde du mir frei,
Du Pfand von meiner Holden,
Wie steht es mit ihrer Treu?"

Wie er's betrachten wollte,
Vom Finger es ihm sprang,
Das Ringlein hüpft' und rollte
Den Wiesenrain entlang.

Er will mit schnellen Händen
Es haschen auf der Au,
Doch goldne Blumen ihn blenden
Und Gräser, betropft von Tau.

Ein Falk es gleich erlauschte,
Der auf der Linde saß,
Vom Wipfel er niederrauschte,
Er holt' es aus dem Gras.

Mit mächtigem Gefieder
Er in die Luft sich schwang.
Da wollten seine Brüder
Ihm rauben den goldnen Fang.

Doch keiner gewann's von allen,
Das Ringlein fiel aus der Höh.
Der Ritter sah es fallen
In einen tiefen See.

Die Fischlein hüpften munter,
Zu haschen den goldnen Tand;
Das Ringlein sank hinunter,
Bis es den Blicken schwand.

"O Ringlein! auf den Triften,
Da äffen dich Gras und Blum;
O Ringlein! in den Lüften,
Da tragen die Vögel dich um.

O Ringlein in Wassers Grunde,
Da haschen die Fische dich frei.
Mein Ringlein! ist das die Kunde,
Die Kunde von Liebchens Treu?"


         Die drei Schlösser

Drei Schlösser sind in meinem Gaue,
Die ich mit Liebe stets beschaue;
Und ich, der wohlbestellte Sänger,
Durch Feld und Wald der rasche Gänger,
Wie sollt ich schweigen von den dreien,
Die sich dem Gau zum Schmucke reihen?

Das erst ist kaum ein Schloß zu nennen,
An wenig Trümmern zu erkennen,
Versunken dort am Waldeshange,
Sein Name selbst verschollen lange,
Denn seit nicht mehr die Türme ragen,
Verging nach ihm der Wandrer Fragen.
Doch schreckt dich nicht durch Waldes Dichte
Der Zweige Schlagen ins Gesichte:
Dort, wo des Beiles Schläge fallen,
Einsame Waldhornklänge hallen,
Dort kannst du Wundermär erfragen
Von Mauern, welche nicht mehr ragen.
Ja, setzest du im Mondenscheine
Dich aufs verfallene Gesteine,
So wird die Kund, auch unerbeten,
Dir vor die stille Seele treten.

Das zweite meines Dreivereines,
Es scheint ein Schloß, doch ist es keines.
Du siehst vom hohen Bergesrücken
Es stolz im Sonnenstrahle blicken,
Mit Türmen und mit Zinnen prangen,
Mit tiefem Graben rings umfangen,
Voll Heldenbilder allerorte,
Zween Marmorlöwen an der Pforte:
Doch drinnen ist es öd und stille,
Im Hofe hohes Gras in Fülle,
Im Graben quillt das Wasser nimmer,
Im Haus ist Treppe nicht noch Zimmer,
Ringsum die Efeuranken schleichen,
Zugvögel durch die Fenster streichen.
Dort saßen mit der goldnen Krone
Voreinst die Herrscher auf dem Throne;
Von dort aus zogen einst die Helden,
Von denen die Geschichten melden.
Die Herrscher ruhn in Gräberhallen,
Die Helden sind im Kampf gefallen;
Verhallet war der Burg Getümmel,
Da fuhr ein Feuerstrahl vom Himmel,
Der reiche Schatz verging in Flammen,
Gemach und Treppe fiel zusammen.
Inwendig war das Schloß verheeret,
Doch außen blieb es unversehret.
Sobald erlosch der Edeln Orden,
Ist auch ihr Haus verödet worden.
Doch wie noch die Geschichten melden
Der Herrscher Namen und der Helden,
So sieht man auch die Türm und Mauern
Mit ihren Heldenbildern dauern.
Auch wird noch ferner manch Jahrhundert
Das hohe Denkmal schaun verwundert
Und jenes Schloß auf Berges Rücken
Verklärt im Sonnenstrahl erblicken.
Dann zwischen beiden in der Mitte,
Ein lustig Schlößlein, steht das dritte;
Nicht stolz auf Berges Gipfel oben,
Doch auf dem Hügel, sanft gehoben;
Nicht in des Waldes finstern Räumen,
Doch unter frischen Blütenbäumen;
Mit blanken Mauern, roten Ziegeln,
Mit Fenstern, die wie Sonnen spiegeln.
Es ist zu klein für die Geschichte,
Zu jung für Sagen und Gedichte.
Doch ich, der wohlbestellte Sänger,
Durch Feld und Wald der rasche Gänger,
Ich sorge redlich, daß nicht länger
Das Schlößlein bleibe sonder Kunde.
Zur Morgen- und zur Abendstunde
Umwandl ich es mit meiner Laute,
Und wenn dann Klelia, die Traute,
Ans Fenster tritt mit holdem Grüßen,
So will in mir die Hoffnung sprießen,
Daß eine Kunde, drin Geschichte,
Sich schön verwoben mit Gedichte,
Daß solche Kunde bald beginne
Von Klelias und Sängers Minne.


Graf Eberhards Weißdorn

Graf Eberhard im Bart
Vom Württemberger Land,
Er kam auf frommer Fahrt
Zu Palästinas Strand.

Daselbst er einsmals ritt
Durch einen frischen Wald;
Ein grünes Reis er schnitt
Von einem Weißdorn bald.

Er steckt' es mit Bedacht
Auf seinen Eisenhut;
Er trug es in der Schlacht
Und über Meeres Flut.

Und als er war daheim,
Er's in die Erde steckt,
Wo bald manch neuen Keim
Der milde Frühling weckt.

Der Graf, getreu und gut,
Besucht' es jedes Jahr,
Erfreute dran den Mut,
Wie es gewachsen war.

Der Herr war alt und laß,
Das Reislein war ein Baum,
Darunter oftmals saß
Der Greis in tiefem Traum.

Die Wölbung, hoch und breit,
Mit sanftem Rauschen mahnt
Ihn an die alte Zeit
Und an das ferne Land.


   Die Ulme zu Hirsau

Zu Hirsau in den Trümmern,
Da wiegt ein Ulmenbaum
Frischgrünend seine Krone
Hoch überm Giebelsaum.

Er wurzelt tief im Grunde
Vom alten Klosterbau,
Er wölbt sich statt des Daches
Hinaus in Himmelsblau.

Weil des Gemäuers Enge
Ihm Luft und Sonne nahm,
So trieb's ihn hoch und höher,
Bis er zum Lichte kam.

Es ragen die vier Wände,
Als ob sie nur bestimmt,
Den kühnen Wuchs zu schirmen,
Der zu den Wolken klimmt.

Wenn dort im grünen Tale
Ich einsam mich erging,
Die Ulme war's, die hehre,
Woran mein Sinnen hing.

Wenn in dem dumpfen, stummen
Getrümmer ich gelauscht,
Da hat ihr reger Wipfel
Im Windesflug gerauscht.

Ich sah ihn oft erglühen
Im ersten Morgenstrahl;
Ich sah ihn noch erleuchtet,
Wann schattig rings das Tal.

Zu Wittenberg im Kloster
Wuchs auch ein solcher Strauß
Und brach mit Riesenästen
Zum Klausendach hinaus.

O Strahl des Lichts! du dringest
Hinab in jede Gruft.
O Geist der Welt! du ringest
Hinauf in Licht und Luft.


         Münstersage

Am Münsterturm, dem grauen,
Da sieht man, groß und klein,
Viel Namen eingehauen;
Geduldig trägt's der Stein.

Einst klomm die luft'gen Schnecken
Ein Musensohn heran,
Sah aus nach allen Ecken,
Hub dann zu meißeln an.

Von seinem Schlage knittern
Die hellen Funken auf;
Den Turm durchfährt ein Zittern
Vom Grundstein bis zum Knauf.

Da zuckt in seiner Grube
Erwins, des Meisters, Staub,
Da hallt die Glockenstube,
Da rauscht manch steinern Laub.

Im großen Bau ein Gären,
Als wollt er wunderbar
Aus seinem Stamm gebären,
Was unvollendet war! -

Der Name war geschrieben,
Von wenigen gekannt;
Doch ist er stehngeblieben
Und längst mit Preis genannt.

Wer ist noch, der sich wundert,
Daß ihm der Turm erdröhnt,
Dem nun ein halb Jahrhundert
Die Welt des Schönen tönt?


            Das Reh

Es jagt' ein Jäger früh am Tag
Ein Reh durch Wälder und Auen,
Da sah er aus dem Gartenhag
Ein rosig Mägdlein schauen.

Was ist geschehn dem guten Pferd?
Hat es den Fuß verletzet?
Was ist geschehn dem Jäger wert,
Daß er nicht mehr ruft und hetzet?

Das Rehlein rennet immer noch
Über Berg und Tal so bange.
Halt an, du seltsam Tierlein, doch!
Der Jäger vergaß dich lange.


            Der weiße Hirsch

Es gingen drei Jäger wohl auf die Birsch,
Sie wollten erjagen den weißen Hirsch.

Sie legten sich unter den Tannenbaum,
Da hatten die drei einen seltsamen Traum.

DER ERSTE:

Mir hat geträumt, ich klopf' auf den Busch,
Da rauschte der Hirsch heraus, husch husch!

DER ZWEITE:

Und als er sprang mit der Hunde Geklaff,
Da brannt ich ihn auf das Fell, piff paff!

DER DRITTE:

Und als ich den Hirsch an der Erde sah,
Da stieß ich lustig ins Horn, trara!

So lagen sie da und sprachen, die drei,
Da rannte der weiße Hirsch vorbei.

Und eh die drei Jäger ihn recht gesehn,
So war er davon über Tiefen und Höhn.

Husch husch! piff paff! trara!


       Die Jagd von Winchester

König Wilhelm hatt ein' schweren Traum,
Vom Lager sprang er auf,
Wollt jagen dort in Winchesters Wald,
Rief seine Herrn zuhaut.

Und als sie kamen vor den Wald,
Da hält der König still,
Gibt jedem einen guten Pfeil,
Wer jagen und birschen will.

Der König kommt zur hohen Eich,
Da springt ein Hirsch vorbei,
Der König spannt den Bogen schnell,
Doch die Sehne reißt entzwei.

Herr Titan besser treffen will,
Herr Titan drückt wohl ab,
Er schießt dem König mitten ins Herz
Den Pfeil, den der ihm gab.

Herr Titan fliehet durch den Wald,
Flieht über Land und Meer,
Er flieht wie ein gescheuchtes Wild,
Find't nirgends Ruhe mehr.

Prinz Heinrich ritt im Wald umher,
Viel Reh' und Hasen er fand:
"Wohl träf ich gern ein edler Wild
Mit dem Pfeil von Königs Hand."

Da reiten schon in ernstem Zug
Die hohen Lords heran,
Sie melden ihm des Königs Tod,
Sie tragen die Kron ihm an.

"Auf dieser trauervollen Jagd
Euch reiche Beute ward,
Ihr habt erjagt, gewalt'ger Herr!
Den edeln Leopard."


             Harald

Vor seinem Heergefolge ritt
Der kühne Held Harald.
Sie zogen in des Mondes Schein
Durch einen wilden Wald.

Sie tragen manch erkämpfte Fahn,
Die hoch im Winde wallt,
Sie singen manches Siegeslied,
Das durch die Berge hallt.

Was rauschet, lauschet im Gebüsch?
Was wiegt sich auf dem Baum?
Was senket aus den Wolken sich
Und taucht aus Stromes Schaum?

Was wirft mit Blumen um und um?
Was singt so wonniglich?
Was tanzet durch der Krieger Reihn,
Schwingt auf die Rosse sich?

Was kost so sanft und küßt so süß
Und hält so lind umfaßt?
Und nimmt das Schwert und zieht vom Roß
Und läßt nicht Ruh noch Rast?

Es ist der Elfen leichte Schar;
Hier hilft kein Widerstand.
Schon sind die Krieger all dahin,
Sind all im Feenland.

Nur er, der Beste, blieb zurück,
Der kühne Held Harald.
Er ist vom Wirbel bis zur Sohl
In harten Stahl geschnallt.

All seine Krieger sind entrückt,
Da liegen Schwert und Schild,
Die Rosse, ledig ihrer Herrn,
Sie gehn im Walde wild.

In großer Trauer ritt von dann
Der stolze Held Harald,
Er ritt allein im Mondenschein
Wohl durch den weiten Wald.

Vom Felsen rauscht es frisch und klar,
Er springt vom Rosse schnell,
Er schnallt vom Haupte sich den Helm
Und trinkt vom kühlen Quell.

Doch wie er kaum den Durst gestillt,
Versagt ihm Arm und Bein;
Er muß sich setzen auf den Fels,
Er nickt und schlummert ein.

Er schlummert auf demselben Stein
Schon manche hundert Jahr,
Das Haupt gesenket auf die Brust,
Mit grauem Bart und Haar.

Wann Blitze zucken, Donner rollt,
Wann Sturm erbraust im Wald,
Dann greift er träumend nach dem Schwert,
Der alte Held Harald.


                Die Elfen

ERSTE:

Kommt herbei, ihr luft'gen Schwestern!
Seht! ein holdes Erdenkind!
Sputet euch, bevor sie fliehet!
Solch ein Hexchen ist geschwind.

ALLE:

Mädchen, komm zum Elfentanze,
Komm im Mond- und Sternenglanze!

ZWEITE:

Traun! du bist ein leichtes Liebchen,
Wiegst nicht über fünfzig Pfund,
Hast ein kleines, flinkes Füßchen;
Tanze mit uns in die Rund!

DRITTE:

Kannst wohl frei in Lüften schweben,
Bis man eben drei gezählt,
Stampfst zuweilen kaum ein wenig,
Daß man nicht den Takt verfehlt.

ALLE:

Zürne nicht, du flinke Kleine,
Tanze frisch im Mondenscheine!

VIERTE:

Trautes Liebchen! kannst du lachen?
Weinst du gern im Mondenschein?
Weine nur! so wirst du schmelzen,
Bald ein leichtes Elfchen sein.

FÜNFTE:

Sprich! ist auch dein Fleiß zu loben?
Ist dir keine Arbeit fremd?
Ist dein Brautbett schon gewoben?
Spinnst du schon fürs Totenhemd?

SECHSTE

Kennst du auch die große Lehre
Von der Butter und dem Schmalz?
Spürst du in den Fingerspitzen:
Wieviel Pfeffer, wieviel Salz?

ALLE:

Liebchen, laß uns immer fragen!
Darfst uns keine Antwort sagen.

SIEBENTE:

Hast du nichts auf dem Gewissen,
Wie so manches arme Kind,
Von verstohlnen süßen Küssen,
Welches große Sünden sind?

ACHTE:

Oder bist du schon ein Bräutchen?
Hast 'nen Bräutigam so treu,
Der dich darf spazieren führen
Nachmittags von eins bis zwei?

NEUNTE:

Hast du einen Ring am Finger,
Schwer von Gold, mit Stein geschmückt?
Das ist echte Lieb und Treue,
Wenn es recht am Finger drückt.

ZEHNTE:

Liebchen! bist noch immer böse?
Hast du so ein hitzig Blut?
Mußt dir's Zürnen abgewöhnen,
Ist nicht für die Ehe gut.

ALLE:

Liebchen, frisch zum Elfentanze!
Auf im Mond- und Sternenglanze!


       Merlin der Wilde

          An Karl Mayer

Du sendest, Freund, mir Lieder
Voll frischer Waldeslust,
Du regtest gerne wieder
Auch mir die Dichterbrust.
Du zeigst an schatt'ger Halde
Mir den beschilften See,
Du lockest aus dem Walde
Zum Bad ein scheues Reh.

Ob einem alten Buche
Bring ich die Stunden hin,
Doch fürchte nicht, ich suche
Mir trockne Blüten drin!
Durch seine Zeilen windet
Ein grüner Pfad sich weit
Ins Feld hinaus und schwindet
In Waldeseinsamkeit.

Da sitzt Merlin der Wilde
Am See auf moos'gem Stein
Und starrt nach seinem Bilde
Im dunkeln Widerschein.
Er sieht, wie er gealtet
Im trüben Weltgewühl;
Hier in der Wildnis waltet
Ihm neuer Kraft Gefühl.

Vom Grün, das um ihn tauet,
Ist ihm der Blick gestärkt,
Daß er Vergangnes schauet
Und Künftiges ermerkt.
Der Wald in nächt'ger Stunde
Hat um sein Ohr gerauscht,
Daß es in seinem Grunde
Den Geist der Welt erlauscht.

Das Wild, das um ihn weilet,
Dem stillen Gaste zahm,
Es schrickt empor, enteilet,
Weil es ein Horn vernahm.
Von raschem Jägertrosse
Wird er hinweggeführt
Fern zu des Königs Schlosse,
Der längst nach ihm gespürt.

"Gesegnet sei der Morgen,
Der dich ins Haus mir bringt,
Den Mann, der, uns verborgen,
Den Tieren Weisheit singt!
Wohl möchten wir erfahren,
Was jene Sprüche wert,
Die dich seit manchen Jahren
Der Waldesschatten lehrt.

Nicht um den Lauf der Sterne
Heb ich zu fragen an,
Am Kleinen prüft ich gerne,
Wie es um dich getan.
Du kommst in dieser Frühe
Mir ein Gerufner her,
Du lösest ohne Mühe,
Wovon das Haupt mir schwer.

Dort, wo die Linden düstern,
Vernahm ich diese Nacht
Ein Plaudern und ein Flüstern,
Wie wenn die Liebe wacht.
Die Stimmen zu erkunden,
Lauscht ich hinab vom Wall,
Doch wähnt ich sie gefunden,
So schlug die Nachtigall.

Nun frag ich dich, o Meister,
Wer bei den Linden war?
Dir machen deine Geister
Geheimes offenbar,
Dir singt's der Vögel Kehle,
Die Blätter säuseln's dir;
Sprich ohne Scheu, verhehle
Nichts, was du schauest, mir!"

Der König steht umgeben
Von seinem Hofgesind,
Zu Morgen grüßt' ihn eben
Sein rosenblühend Kind.
Merlin, der unerschrocken
Den Kreis gemustert hat,
Nimmt aus der Jungfrau Locken
Ein zartes Lindenblatt.

"Laß mich dies Blatt dir reichen,
Lies, Herr, was es dir sagt!
Wem nicht an solchem Zeichen
Genug, der sei befragt,
Ob er in Königshallen
Je Blätter regnen sah?
Wo Lindenblätter fallen,
Da ist die Linde nah.

Du hast, o Herr, am Kleinen
Mein Wissen heut erprobt,
Mög es dir so erscheinen,
Daß man es billig lobt!
Löst ich aus einem Laube
Dein Rätsel dir so bald,
Viel größre löst, das glaube!
Der dichtbelaubte Wald."

Der König steht und schweiget,
Die Tochter glüht von Scham.
Der stolze Seher steiget
Hinab, von wo er kam.
Ein Hirsch, den wohl er kennet,
Harrt vor der Brücke sein
Und nimmt ihn auf und rennet
Durch Feld und Strom waldein. -

Versunken lag im Moose
Merlin, doch tönte lang
Aus einer Waldkluft Schoße
Noch seiner Stimme Klang.
Auch dort ist längst nun Friede;
Ich aber zweifle nicht,
Daß, Freund, aus deinem Liede
Merlin der Wilde spricht.


        Die Bildsäule des Bacchus


Kallisthenes, ein Jüngling zu Athen,
Kam einst, nach einer durchgeschwärmten Nacht,
Den welken Efeukranz ums wilde Haar,
Hintaumelnd in der Dämmerung, nach Haus,
Er selber, wie die Dämmrung, wüst und bleich.
Als nun der Diener nach dem Schlafgemach
Ihm leuchtet durch den hohen Säulengang,
Da tritt mit eins im vollen Fackelschein
Des Bacchus göttlich Marmorbild hervor,
Von schöpferischer Meisterhand geformt.
In Jugendfülle hebt sich die Gestalt,
Aus reichem, lang hinwallendem Gelock
Erglänzt das feingewölbte Schulternpaar,
Und unterm Schatten üppigen Geflechts
Von Rebenlaub und schwellender Traubenfrucht
Erscheint das runde, blühende Gesicht.
Erschrocken fährt Kallisthenes zurück
Vor der Erscheinung Herrlichkeit und Glanz;
Ihm ist, als hätte mit dem Thyrsusstab
Der Gott die Stirne strafend ihm berührt,
Als spräche zürnend der belebte Mund:
"Was spukst du hier, du wankendes Gespenst?
Ereb'scher Schatten, kraftlos, sinnbetäubt!
Du hast den heil'gen Efeu mir entweiht,
Du nennest frevelnd meinen Priester dich;
Hinweg von mir! ich kenne deiner nicht.
Ich bin die Fülle schaffender Natur,
Die sich besonders in dem edeln Blut
Der Rebe reich und göttlich offenbart.
Will euer wüstes Treiben einen Gott,
So sucht ihn nicht auf sonnigem Weingebirg,
Nein, sucht ihn drunten in des Hades Nacht!"
Der Gott verstummt, der Fackel Licht erlischt,
Der Jüngling schleicht beschämt in sein Gemach,
Er nimmt vom Haupt den welken Efeukranz,
Und still in des Gemütes Innerstem
Beschwöret er ein heiliges Gelübd.


Von den sieben Zechbrüdern

Ich kenne sieben lust'ge Brüder,
Sie sind die durstigsten im Ort,
Die schwuren höchlich, niemals wieder
Zu nennen ein gewisses Wort,
In keinerlei Weise,
Nicht laut und nicht leise.

Es ist das gute Wörtlein Wasser,
Darin doch sonst kein Arges steckt.
Wie kommt's nun, daß die wilden Prasser
Dies schlichte Wort so mächtig schreckt?
Merkt auf! ich berichte
Die Wundergeschichte.

Einst hörten jene durst'gen sieben
Von einem fremden Zechkumpan,
Es sei am Waldgebirge drüben
Ein neues Wirtshaus aufgetan,
Da fließen so reine,
So würzige Weine.

Um einer guten Predigt willen
Hätt keiner sich vom Platz bewegt;
Doch gilt es, Gläser gut zu füllen,
Dann sind die Bursche gleich erregt.
"Auf, lasset uns wandern!"
Ruft einer dem andern.

Sie wandern rüstig mit dem Frühen,
Bald steigt die Sonne drückend heiß;
Die Zunge lechzt, die Lippen glühen,
Und von der Stirne rinnt der Schweiß:
Da rieselt so helle
Vom Felsen die Quelle.

Wie trinken sie in vollen Zügen!
Doch als sie kaum den Durst gestillt,
Bezeigen sie ihr Mißvergnügen,
Daß hier nicht Wein, nur Wasser quillt:
"O fades Getränke!
O ärmliche Schwenke!"

In seine vielverwobnen Gänge
Nimmt jetzt der Wald die Pilger auf,
Da stehn sie plötzlich im Gedränge,
Verworrnes Dickicht hemmt den Lauf;
Sie irren, sie suchen,
Sie zanken und fluchen.

Derweil hat sich in finstre Wetter
Die schwüle Sonne tief verhüllt;
Schon rauscht der Regen durch die Blätter,
Es zuckt der Blitz, der Donner brüllt,
Dann kommt es geflossen,
Unendlich ergossen.

Bald wird der Forst zu tausend Inseln,
Zahllose Ströme brechen vor;
Hier hilft kein Toben, hilft kein Winseln,
Er muß hindurch, der edle Chor.
O gründliche Taufe!
O köstliche Traufe!

Vor Alters wurden Menschenkinder
Verwandelt oft in Quell und Fluß,
Auch unsre sieben arme Sünder
Bedroht ein gleicher Götterschluß.
Sie triefen, sie schwellen,
Als würden sie Quellen.

So, mehr geschwommen als gegangen,
Gelangen sie zum Wald hinaus;
Doch keine Schenke sehn sie prangen,
Sie sind auf gradem Weg nach Haus;
Schon rieselt so helle
Vom Felsen die Quelle.

Da ist's, als ob sie rauschend spreche:
"Willkommen, saubre Brüderschar!
Ihr habt geschmähet, töricht Freche,
Mein Wasser, das euch labend war.
Nun seid ihr getränket,
Daß ihr daran denket."

So kam es, daß die sieben Brüder
Das Wasser fürchteten hinfort,
Und daß sie schwuren, niemals wieder
Zu nennen das verwünschte Wort,
In keinerlei Weise,
Nicht laut und nicht leise.


          Die Geisterkelter

Zu Weinsberg, der gepriesnen Stadt,
Die von dem Wein den Namen hat,
Wo Lieder klingen, schön und neu,
Und wo die Burg heißt Weibertreu:
Bei Weib und Wein und bei Gesang
Wär Luthern dort die Zeit nicht lang,
Auch fänd er Herberg und Gelaß
Für Teufel und für Dintenfaß,
Denn alle Geister wandeln da;
Hört! was zu Weinsberg jüngst geschah.

Der Wächter, der die Stadt bewacht,
Ging seinen Gang in jener Nacht,
In der ein Jahr zu Grabe geht
Und gleich ein andres aufersteht.
Schon warnt die Uhr zur Geisterzeit,
Der Wächter steht zum Ruf bereit:
Da, zwischen Warnen, zwischen Schlag,
Am Scheideweg von Jahr und Tag,
Hört er ein Knarren, ein Gebraus,
Genüber öffnet sich das Haus,
Es sinkt die Wand, im hohlen Raum
Erhebt sich stolz ein Kelterbaum,
Und um ihn dreht in vollem Schwung
Sich jauchzend, glühend Alt und Jung,
Und aus den Röhren, purpurhell,
Vollblütig, springt des Mostes Quell;
Ein sausend Mühlrad, tobt der Reihn,
Die Schaufeln treibt der wilde Wein.
Der Wächter weiß nicht, wie er tu,
Er kehrt sich ab, den Bergen zu:
Doch ob der dunkeln Stadt herein
Erglänzen die in Mittagsschein,
Des Herbstes goldner Sonnenstaub
Umwebt der Reben üppig Laub,
Und aus dem Laube blinkt hervor
Der Winzerinnen bunter Chor;
Den Trägern in den Furchen all
Wächst übers Haupt der Trauben Schwall,
Die Treterknaben sieht man kaum,
So spritzt um sie der edle Schaum.
Gelächter und Gesang erschallt,
Die Pritsche klatscht, der Puffer knallt.
Wohl senkt die Sonne jetzt den Lauf,
Doch rauschen Feuergarben auf
Und werfen Sterne, groß und licht,
Dem Abendhimmel ins Gesicht.
Da dröhnt der Hammer dumpf und schwer
Zwölfmal vom grauen Kirchturm her.
Der Jubel schweigt, der Glanz erlischt,
Die Kelter ist hinweggewischt,
Und aus der stillen Kammer nur
Glimmt eines Lämpchens letzte Spur.
Der Wächter aber singet schon
Das neue Jahr im alten Ton,
Doch fließet ihm wie Honigseim
Zum alten Spruch manch neuer Reim.
Er kündet froh und preiset laut,
Was ihm die Wundernacht vertraut,
Denn wann die Geisterkelter schafft,
Ist guter Herbst unzweifelhaft.

Da klopft's ihm auf die Schulter sacht,
Es ist kein Geist der Mitternacht;
Ein Zechgesell, der keinen glaubt,
Begrüßt ihn, schüttelnd mit dem Haupt:
"Der Most in deiner Kelter war
Vom alten, nicht vom neuen Jahr."


          Junker Rechberger

Rechberger war ein Junker keck,
Der Kaufleut und der Wanderer Schreck.
In einer Kirche, verlassen,
Da tät er die Nacht verpassen.

Und als es war nach Mitternacht,
Da hat er sich auf den Fang gemacht.
Ein Kaufzug, hat er vernommen,
Wird frühe vorüberkommen.

Sie waren geritten ein kleines Stück,
Da sprach er: "Reitknecht, reite zurück!
Die Handschuh hab ich vergessen
Auf der Bahre, da ich gesessen."

Der Reitknecht kam zurück so bleich:
"Die Handschuh hole der Teufel Euch!
Es sitzt ein Geist auf der Bahre;
Es starren mir noch die Haare.

Er hat die Handschuh angetan
Und schaut sie mit feurigen Augen an,
Er streicht sie wohl auf und nieder;
Es beben mir noch die Glieder."

Da ritt der Junker zurück im Flug,
Er mit dem Geiste sich tapfer schlug,
Er hat den Geist bezwungen,
Seine Handschuh wieder errungen.

Da sprach der Geist mit wilder Gier:
"Und läßt du sie nicht zu eigen mir,
So leihe mir auf ein Jährlein
Das schmucke, schmeidige Pärlein!"

"Ein Jährlein ich sie dir gerne leih,
So kann ich erproben des Teufels Treu.
Sie werden wohl nicht zerplatzen
An deinen dürren Tatzen."

Rechberger sprengte von dannen stolz,
Er streifte mit seinem Knecht im Holz.
Der Hahn hat ferne gerufen,
Da hören sie Pferdehufen.

Dem Junker hoch das Herze schlug;
Des Weges kam ein schwarzer Zug
Vermummter Rittersleute;
Der Junker wich auf die Seite.

Und hinten trabt noch einer daher,
Ein ledig Räpplein führet er,
Mit Sattel und Zeug staffieret,
Mit schwarzer Decke gezieret.

Rechberger ritt heran und frug:
"Sag an! wer sind die Herren vom Zug?
Sag an, traut lieber Knappe!
Wem gehört der ledige Rappe?"

"Dem treuesten Diener meines Herrn,
Rechberger nennt man ihn nah und fern.
Ein Jährlein, so ist er erschlagen,
Dann wird das Räpplein ihn tragen."

Der Schwarze ritt den andern nach.
Der Junker zu seinem Knechte sprach:
"Weh mir! vom Roß ich steige,
Es geht mit mir zur Neige.

Ist dir mein Rößlein nicht zu wild
Und nicht zu schwer mein Degen und Schild:
Nimm's hin dir zum Gewinste
Und brauch es in Gottes Dienste!"

Rechberger in ein Kloster ging:
"Herr Abt! ich bin zum Mönche zu ring,
Doch möcht ich in tiefer Reue
Dem Kloster dienen als Laie."

"Du bist gewesen ein Reitersmann,
Ich seh es dir an den Sporen an,
So magst du der Pferde walten,
Die im Klosterstalle wir halten."

Am Tag, da selbiges Jahr sich schloß,
Da kaufte der Abt ein schwarz wild Roß,
Rechberger sollt es zäumen,
Doch es tät sich stellen und bäumen.

Es schlug den Junker mitten aufs Herz,
Daß er sank in bitterem Todesschmerz.
Es ist im Walde verschwunden,
Man hat's nicht wieder gefunden.

Um Mitternacht, an Junkers Grab,
Da stieg ein schwarzer Reitknecht ab,
Einem Rappen hält er die Stangen,
Reithandschuh am Sattel hangen.

Rechberger stieg aus dem Grab herauf,
Er nahm die Handschuh vom Sattelknauf,
Er schwang sich in Sattels Mitte,
Der Grabstein diente zum Tritte.

Dies Lied ist Junkern zur Lehr gemacht:
Daß sie geben auf ihre Handschuh acht,
Und daß sie fein bleiben lassen,
In der Nacht am Wege zu passen.