Voß

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Biografie

Seite 2

                      An Goethe

Auch du, der, sinnreich durch Athene's Schenkung,
Sein Flügelroß, wanns unfügsam sich bäumet,
Und Funken schnaubt, mit Kunst und Milde zäumet,
Zum Hemmen niemals, nur zu freyer Lenkung:

Du hast, nicht abhold künstelnder Beschränkung,
Zwey Vierling' und zwey Dreyling' uns gereimet?
Wiewohl man hier Kernholz verhaut, hier leimet,
Den geist mit Stümmlung lähmend, und Verrenkung?

Laß, Freund, die Unform alter Truvaduren,
Die einst vor Barbarn, halb galant, halb mystisch,
Ableierten ihr klingelndes Sonetto;

Und lächle mit, wo äffische Naturen
Mit rohem Sang' und Klingklang' afterchristisch,
Als Lumpenpilgrim, wallen nach Loretto.



                          An Graf Holmer

Wie der Sänger des Hains in dem Käficht, unter dem Maibusch,
    Welchen die Tochter des Herrn sorgsam im Topfe gepflegt,
Um mit früherem Laube des Lieblings Haus zu beschatten,
    Froher des Sonnenscheins, hüpft und melodischer singt:
Klösterlich schwermutsvoll im Ofendunst an dem Fenster,
    Welches von Nachtfrost blinkt', oder von Hagel und Sturm
Rasselte, saß er bisher mit strupfichter Schwinge, des Sommers
    Eingedenk, da er frei Wälder und Auen durchflog;
Aber nun hüpft er und singt vor dem offenen Fenster des Gartens,
    Froher des Sonnenscheins, unter dem schimmernden Grün,
Daß vor dem hellen Gesange die Jungfrau lächelnd am Nähpult
    Sich ihr gellendes Ohr schirmet, und Ruh ihm gebeut:
Also freut sich der Dichter, der, lange verscheucht, sein umgrüntes
    Einsames Gartenhaus endlich in Friede bewohnt,
Und aus traulicher Kammer, von Mond und Sonne beleuchtet,
    Garten und Insel und See, Hügel und Wälder umschaut.
Immer durchschwärmt sein Blick die Gegenden: oft wie die Biene,
    Welche Blumen umirrt, und bei den süßeren weilt;
Stürmend oft und entzückt, wie der Adler Zeus, da er Nektar
    Und Ambrosia einst aus der elysischen Flur
Brachte, dem Knaben zur Kost, der, ein künftiger Herrscher des Donners,
    Unter der Grott im Glanz seiner Unsterblichkeit schlief.
Heil mir! ich zittre vor Wonn! Ist es Wirklichkeit oder Erscheinung?
    Meine Stimme, wie hell! fließet von selbst in Gesang!
Welchen unsterblichen Namen verkündet der Welt und der Nachwelt
    Mein Gesang? Wer schuf diese Gefild um mich her?
Bin ich dem Markt entflohn, und dem ringsumrasselten Rathaus?
    Schreckt mich nicht mehr des Gerichts, oder der Gilden Tumult?
Nicht der Senatorschmaus, der, vom drängenden Pöbel bewundert,
    Laut in den Wiegengesang, über der Wöchnerin, tobt?
Nicht anwohnender Schergen Besuch, noch des Bürgergehorsams
    Nächtlicher Lärm? nicht mehr kreischender Buben Gewühl,
Zankender Kauf und Verkauf, und des Fuhrmanns Fluch, und der Räder
    Rollen, die knallende Peitsch, oder der Hunde Gebell?
Noch der Greuel des Marktes, der gotische Pranger, des Galgens
    Bruder! zum Schaugepräng hoch auf den Hügel gepflanzt?
Jetzo stört mich nur etwa die Nachtigall fern am bebüschten
    See, die Schwalb am Gesims, oder das purpurne Licht,
Welches durch wankende Rosen und Pfirsiche sanft in die Fenster
    Meines Kämmerleins schlüpft, und aus dem Traume mich weckt.
Oder, wandl' ich durch Blumen, von duftender Blüte beschattet,
    Denkend einher, dann umsumst etwa ein Bienchen mein Haupt;
Oder die Taube vom Dach umsäuselt mich; oder ein Sperling
    Schwirrt aus dem Kirschenbaum, schwirrt aus den Erbsen empor.
Oft auch, wann ich, beschirmt vor dem Mittag, unter dem Fruchtbaum
    Lieg, und starrend mein Blick Würmer im Grase verfolgt,
Schreckt mich ein fallender Apfel zur Seit, und der grünliche Laubfrosch,
    Der im Johannsbeerbusch quackend den Regen erseufzt.
Oder wenn ich am plätschernden See, in der Linden Umschattung,
    Sinnend die Wellen zähl, oder den östlichen Blitz
Und den farbigen Bogen bewundere, der in des Wassers
    Zitterndem Spiegel sich krümmt, und das zerstreute Gewölk;
Springt oft plötzlich ein Schwarm von Gründlingen hinter der Wolke
    Fliehendem Schatten empor, schimmernd im sonnigen Glanz;
Oder es rauscht unvermutet der Regen durchs Laub, daß ich triefend
    Heim zu dem Weiblein entflieh, welches am Fenster mich höhnt.
Freundliche liebte Natur, du lächelst Weisheit und Einfalt,
    Freien Sinn, und zur Tat Kraft und Entschluß in das Herz!
Wen dein lächelnder Blick zum vertrauteren Liebling geweiht hat,
    Eilet gern aus dem Dunst und dem Gerassel der Stadt,
Eilt in die grünen Gefild, und atmet auf, und empfindet
    Menschlicher, neben des Hains luftigem Bache gestreckt.
Aber wenn sein Schicksal in dumpfige Mauren ihn kerkert,
    Pflanzt er sich, wie er kann, irgend ein Gärtchen zum Trost;
Myrte, Zitron und Rose, die Balsamin und der Goldlack,
    Und süßduftendes Kraut, schmücken sein Fenstergesims;
Eine blühende Lind und Kastanie, nicht von des Gärtners
    Bildender Schere gestutzt; oder umrankender Wein,
Der, voll junger Trauben, sein schwebendes Laub an der Wohnung
    Sonnige Fenster geschmiegt, säuselt ihm Kühlung und Ruh.
Kränz, o Viol und Narzisse, mein Haar! Des Gefildes Bewohner
    Bin ich, und nicht der Stadt! Schauere Blüten herab,
Heiliger Baum, der oft mit Begeisterung meinen geliebten
    Stolberg einsam umrauscht'; oft uns vereinigte hier,
Ihn und Agnes und mich, beschattete: wann, von der Freundschaft
    Und der schönen Natur himmlischem Nektar entflammt,
Unsere Seelengespräche den Edelsten unter den Fürsten
    Segneten! Heiliger Baum, schauere Blüten herab!
Feiernd denk ich Sein, des Edelsten! der nach der Arbeit
    Hier zu ruhn mir vergönnt; feiernd, o Holmer, auch dein:
Denn du sahst das Getümmel um mich, und brachtest die Botschaft
    Unserm Vater, der uns gerne wie Kinder erfreut!



                            An meine Ernestine

Frage nicht, was mir fehle, du Schmeichlerin; atm' ich doch ringsum
    Düfte des sprossenden Laubs, höre die Nachtigall rings,
Und betracht im Abend die wolkigen Riesengestalten,
    Welche mit Purpur den Leib gürten, mit Golde das Haupt.
Siehe, mein Geist entschwebt zu den Heldenseelen der Vorwelt,
    Da man das Große noch groß achtete, Kleines noch klein;
Da sich der Mensch noch seiner erinnerte, daß er verständig
    Sei, ein empfindender Geist, nicht ein gefräßiger Bauch;
Und auch liebliche Blumen der Menschlichkeit emsig gewartet
    Blüheten, nicht allein Futter für Menschen und Vieh.
Lebt' ich in jener Zeit, da Homer den starken Achilleus,
    Und des duldenden Manns Tugend und Weisheit besang:
Mühsam wandert' ich fern aus den hyperborischen Wäldern,
    Wie zum krotonischen Greis Abaris, hin zu Homer.
Nicht unkundig des Liedes, denn hell in den Hainen Apollons
    Tönt' auch unser Gesang, würd ich sein Reisegenoß.
Singend zögen wir bald in Ionien, bald in den Inseln,
    Bald durch Hellas umher, und das arkadische Tal;
Sähn noch ungefälscht die Natur, und des Goldenen Alters
    Sitte, da gern ein Gott oder ein Engel erschien;
Unschuld, Treu und Taten der ungefesselten Menschheit
    Sähn wir, und streuten zur Tat edleren Samen umher.
Gleich willkommen im Hirtengeheg und Palaste des Königs,
    Beim nachbarlichen Schmaus oder bei Festen des Volks,
Wären wir überall wie daheim, und nähmen mit Hauskost,
    Milch und Früchten vorlieb, lieber mit rötlichem Wein.
Stattlich säßen wir beide mit Lorbeer gekränzt; und der Jungfraun
    Schönste, noch schöner vom Tanz, setzte sich traulich zu uns,
Rühmte hold den Gesang, und betastete klimpernd die Saiten,
    Füllte dann unser Gefäß nötigend wieder mit Wein.
So wie wir Täler und Höhn durchwanderten, hörten wir ringsum
    Unserer Lieder Klang: hier von dem Jäger im Forst,
Dort beim Pflug und der Sense, vom Fischer am See, und der Hirtin;
    Unter den Linden des Dorfs lallten die Kinder sie nach
Und Arbeiter am Weg und Wanderer zeigten mit Fingern,
    Nickten und grüßten uns zu, namentlich, und wie bekannt.
Aber kehrten wir müd am Mittag oder am Abend
    In ein friedsames Dorf; schnell, wie der Ruf sich ergeußt,
Wenn ein Mann mit Orgel und bildender Lampe daherkommt,
    Jubelt' es nah und fern: freut euch, die Sänger sind da!
Fröhlich käm aus der Türe die Tochter unseres Gastfreunds,
    Klatscht' in die Händ', und eilt' ihren Gespielinnen zu:
Seht doch, Vater Homer, und der hyperborische Fremdling!
    Mädchen, sein junger Gesell, welcher so angenehm küßt!
Auch nicht ganz zu verachten ist sein Gesang, wenn er anfängt;
    Bei Apollon-Homers Liede vergißt man ihn zwar!
Herzlich grüßt' uns der Wirt, und stellte die Stäb' in den Winkel,
    Macht' uns bequem, und trüg emsig Erfrischungen auf.
Wenn wir dann spät mit Gesang die horchende Menge belustigt,
    Und der ermüdete Greis oft auf die Harfe genickt,
Von mutwilligen Mädchen verhöhnt; dann führte die Jungfrau
    Leuchtend uns beide zur Ruh in das bekannte Gemach.
Also wanderten wir in den schönen Tagen des Sommers
    Singend von Stadt zu Stadt, singend von Dorfe zu Dorf.
Aber käme der Herbst, der die Weg' und grünenden Rasen
    Überschwemmt, und das Laub schattigen Bäumen entreißt;
Klüglich zögen wir beide, bevor der Stolpernden Antlitz
    Schnee und Hagel zerschlug, heim in das Winterquartier.
Wenn die Flur noch besponnen mit regenbogigem Schimmer
    Lachte, wenn gelb und rot streifte das falbe Gebüsch,
Und für den neuen Gesang der lesende Winzer uns Trauben
    Schenkte, der Bauer am Weg allerlei Früchte des Baums:
Ruhig kehrten wir dann von der Wallfahrt wieder gen Smyrna,
    Und bezögen vergnügt unser gemächliches Haus,
Wo wir den Winter hindurch schulmeisterten, so wie gewöhnlich;
    Spinnen hatten indes Bänk' und Katheder umwebt.
Aber sobald die Viol aus zerronnenem Schnee, an dem Abhang
    Blühete, fröhlich das Lamm blökte durchs grünende Tal,
Und holdselige Mädchen im Sonnenschein und im Mondschein
    Gern ausgingen aufs Feld: ach in der festlichen Zeit,
Wenn sich des Dorfs Schulmeister beklagt, daß die Jugend ihm wegbleibt,
    Und beim Balle vergißt, was sie so mühsam gelernt:
Siehe dann bliesen wir lustig den Winterstaub von den Harfen,
    Schüttelten uns, und hinaus ging' es, wie vorigen Lenz.
O wie bange geseufzt! Komm, küsse mich, Liebchen; ich bin ja
    Gerne geboren für dich, bleibe ja gerne bei dir.
Weg mit dem Traum! Dann wäre mein Liebchen allein in der Einöd
    Ohne mich; und den Mund, welcher so herzlich mich küßt,
Drückte mit plumpem Schmatz ein wirklicher Titeljustizrat,
    Oder ein pustender dickbäuchichter Dorfpredikant,
Der vom alten Homer im Vorbeigehn etwa gehört hat,
    Daß er als blinder Heid itzo beim Teufel sich wärmt.



    Beim Flachsbrechen

Plauderinnen, regt euch stracks!
Brecht den Flachs,
Daß die Schebe springe,
Und der Brechen Wechselklang
Mit Gesang
Fern das Dorf durchdringe!

Herbstlich rauscht im Fliederstrauch
Kalter Hauch,
Und der Nachttau feuchtet!
Dennoch brecht mit bloßem Arm,
Brecht euch warm,
Weil der Mond uns leuchtet!

Brich, du armer Flachs! Dir droht
Müh und Not,
Mehr denn je du träumtest,
Als du grün im Sonnenschein,
Junger Lein,
Blaue Blumen keimtest!

Ach, die harte Raufe hat
Gleich zur Saat
Dir die Boll entrissen,
Wochenlang dann auf der Au
Sonn und Tau
Röstend dich zerrissen!

Nun zerquetschen wir in Hast
Dir den Bast,
Den die Schwinge reinigt;
Von der bösen Hechel itzt,
Scharfgespitzt,
Wirst du durchgepeinigt!

Doch dann prangst du glatt und schön;
Und wir drehn
Dich in saubre Knocken:
Und getrillt mit flinkem Fuß,
Feucht vom Kuß,
Läufst du uns vom Rocken!

Schnell durch Spul und Haspel eilt,
Schön geknäult,
Drauf dein Garn zur Webe:
Daß die Leinwand, scharf gebeucht,
Und gebleicht,
Hemd und Laken gebe!

Brich, o brich, du armer Flachs!
Weiß wie Wachs,
Prangst du angeschmieget,
Wann beim Bräutigam die Braut,
Warm und traut,
Einst im Bette lieget!


                   Der Abendschmaus

Deipna moi ennepe, Mousa, polutroja kai mala polla.
                                                           Matron

Pächter
Führe den Schecken zu Stall, Hans Jürgen, und futtr' ihn mit Haber;
Laß ihn aber, beileib! abkühlen, eh du ihn tränkest.

Frau
Liebes Männchen, wo bleibst du so lang? Ich harre so sehnlich
Unter dem grünen Dach der Kastanie! Küsse mich, Lieber!
Wie der Junge nach dir die Hände streckt, und dich anlacht!
Nimm ihn! Ich säugt' ihn eben, und sieh, wie der Schelm mich benetzt hat!

Pächter
Fritz, ich kriege dich, piek! Rotbackichter Bube, versteckst dich?
Komm! Ich gebe dir auch was Schönes! Höre, wie niedlich
Dieses Leierchen klimpert, und oben tanzen die Lämmlein.

Frau
Fritzchen, bedanke dich hübsch, und streichel ihn: Eia, Papachen!

Pächter
Laß uns hineingehn, Frau; ich brenne vor Hitze. Der Himmel
Geb' uns die Nacht ein Gewitter, das liebe Korn zu erfrischen!
Linsen und Wicken stehn wie versengt. Doch mutig! mein Soldan
Fraß auf dem Wege Gras, auch schöpft die Sonne sich Wasser.

Frau
Hier ist die Mütze, mein Lieber, und dein alltäglicher Schlafrock;
Gestern wusch ich ihn rein, und flickte das Loch auf dem Ärmel.
Ilsabe, bringe den Stiefelknecht und die gelben Pantoffeln
Für den Herrn, auch den Meerschaumkopf und die bleierne Dose.
So, nun setze dich hier in den Lehnstuhl nieder, und schmauche
Ehrbar dein Pfeifchen Tobak, und erzähle mir etwas von Hamburg.
Ich will Fritzen indes einwindeln, er reibt sich die Augen.

Pächter
Ilsabe, Buttermilch! Du hast doch heute gebuttert?
Nun, mein liebes Dortchen, die Pferde sind glücklich verhandelt.
Isabelle bezahlt Herr Dolling mit achtzig Dukaten;
Und den Apfelschimmel und Schweißfuchs, jeden mit funfzig.
Lange prüft' er sie erst, dann schrie er, die Hände mir schüttelnd:

»Herr, das sind mir einmal Reitpferde, wie ich sie wünsche!
Solche Klepper, mit edlem Pirmonterwasser vereinbart,
Und ein bißchen Diät, versteht sich! müssen unfehlbar
Mich und mein kränkelndes Weibchen vom Hypochonder befreien!
Bleiben Sie doch heut abend; ich hab eine kleine Gesellschaft
Guter Freunde bei mir. Wir trinken alle den Brunnen,
Draußen auf unsern Gärten; doch heute, sehn Sie, ist Posttag.
Nur auf ein Butterbrot, Herr Pächter, und ein Gerichtlein
Gernegesehn! Ich bin so ein Freund von der ländlichen Mahlzeit!«

Ich erwiderte drauf mit weitausscharrendem Bückling:
»Wenn Sie befehlen, mein Herr; ich bin Ihr gehorsamer Diener.«

Hierauf ging ich zu Haus, und ließ die Haare mir kräuseln,
Putzte mit Wachs die Stiefeln, und rieb die silbernen Spornen,
Und ging endlich um acht zu Dollings Brunnengesellschaft.

Zwölf dickbäuchichte Herren und zwölf breithüftige Damen
Saßen, wie angenagelt, mit gierigen Augen am Spieltisch.
Als sie nach drittehalb Stunden die hohen Bete getilget,
Hieß mich der Wirt willkommen, und nötigt' uns alle zur Tafel.
Paarweis rauschten sie hin, und stellten sich rings um die Tafel,
Falteten blitzende Händ', und beteten, oder besahn sich,
Setzten dann, bückend und knicksend, in bunter Reihe sich nieder.

Längst der beladenen Tafel, von zwölf Wachskerzen erleuchtet,
Einer kristallenen Kron, und zwanzig spiegelnden Blakern,
Prangte das Wundergebäu des Zuckerbäckers, ein Aufsatz.
Wände von weißem Tragant, mit Spiegelsäulen gestützet,
Liefen an jeglicher Seit, und trugen grünende Reben
Von gesponnenem Glase, mit bräunlichen Trauben behangen;
Porzellanene Winzer mit Hippen schienen beschäftigt:
Einer gab von der Leiter die abgeschnittene Traube
Seiner Winzerin hin, die schmeichelnd ihr Körbchen emporhielt;
Mühsam trugen andre die Last zur schäumenden Kelter.
Oben stand in Gebüsch die alabasterne Trümmer
Einer gotischen Burg; inwendig, vom Flieder beschattet,
Schlief die zuckerne Hirtin auf Blumen; am spiegelnden Bache
Hütete Phylax die Ziegen und seidenflockigen Schäfchen;
Naschend kletterte fern am Traubengeländer ein Böcklein;
Aber die Winzerin faßt' ihm den Bart, und schlug ihn mit Ranken.
Unten schimmert' als See ein Spiegel, mit Binsen umkleistert
Und braunkolbigem Rohr; am Angeldrahte des Fischers
Zappelt' ein perlemutterner Barsch, und rings um die Hütte
Trockneten Reusen und Netze; die Fischerin unter der Pappel
Reichte dem nackten Kind ein Muschelgehäuse zum Spielen.
Mitten blühte der Garten voll künstlichgezeichneter Beete;
Rechts war die Geisblattlaub, und links ein japanisches Lusthaus;
Bäume standen umher voll Kirschen, Äpfel und Birnen,
Aus kandiertem Anis; ein porzellanener Walfisch
Schnob den kristallenen Spring, der bogenweis in des Beckens
Spiegel sich goß, und gefärbter Sand bedeckte die Gänge.

Sechs Gerichte standen an jeglichem Ende der Tafel
Zierlich gestellt, die kalt, und jene brätelnd auf heißen
Silbergefaßten Scheiben von Marmor; neben dem Aufsatz
Standen französische Frücht' und Salate, Trabanten des Bratens.
Schweigend atmeten wir; da neigte Madam sich, und sagte:

»Meine Herren und Damen, Sie sehn hier alles mit einmal.
Nehmen Sie gütig vorlieb mit meiner geringen Bewirtung.«

Sprach's, und zerschnitt den Fasan, mit indischen Vogelnestern,
Wie man erzählte, gewürzt und Azia. Hurtig verteilte
Diesen ein bunter Lakai rangmäßig den Damen und Herren.
Und ein anderer fragte, wer Pontak, sechziger Rheinwein,
Oder Burgunder beföhle, und brachte jedem sein Fläschchen.
Jetzo gab ein Lakai uns reine Teller, und reichte
Junge Kalkuten herum, mit scharfem batavischem Soja.
Hierauf reichte dieser die weingesottenen Schmerlen;
Jener den Kabliau, mit Austerbrühe bereitet.
Aber eine Mamsell, die keuchend den Fächer bewegte,
Traf dem Lakai mit der Feder des babilonischen Haarturms
Grad in das Aug, und ach! die Austern umschwammen ihr seidnes
Feuerfarbenes Kleid. Da entstand ein gewaltiger Aufruhr!
Doch bald stillte diesen ein fett Spanferkel in Gallert.
Froher beäugelt selbst kein Naturaliensammler
Durch die Brille den Wurm im künstlichgeschliffenen Bernstein,
Als wir Gäste das Ferkel im helldurchsichtigen Gallert.

Drauf hob ächzend der Diener ein rundes Gebäude vor Dolling,
Hohl wie ein Kirchturmknopf, es hieß Rebhühnerpastete.
Dolling versicherte hoch, sie sei vom berühmtesten Koche
Aus Bordeaux, und gestern mit Schiffer Markus gekommen.
Lüstern umschnüffelten oft die Matrosen des Schiffers Kajüte,
Aßen dann traurig ihr Pökelfleisch. Der schlafende Junge
Träumte von Ceilons Gerüchen, und schrie, als säß er im Mastkorb:
Land! Auch rochen Delphine mit offenem Maul aus dem Wasser,
Und der getäuschte Pilot weissagte von nahen Gewittern.
Solch ein balsamischer Duft durchdrang die bräunliche Rinde!
Dolling löste behende den Deckel, schöpfte das Fett ab,
Und verteilte lächelnd die köstlichen Eingeweide.

Gierig besah sie der Arzt in dicker Wolkenperücke,
Der sich hinter dem Tuch zahnstocherte, schmeckte mit Anstand,
Und nun mummelt' er dumpf aus vollen käuenden Backen:

»Meine Herren und Damen, das nenn ich vortreffliche Mischung!
Welch ein Geschmack in dem Fleische, den Nägelein, Schwämmen und Trüffeln,
Pfeffer, Oliven, Muskat, Pistazien, Morcheln und Knoblauch!
Freilich erhitzt das Gewürz die jungen Weiber ein wenig;
Aber der Herr Gemahl geb ihnen Salpeter und Weinstein.«

Also sprach er, da scholl ein überlautes Gelächter.
Hierauf kam das Gemüs: als Bohnen, junge Karotten,
Erbsen und Blumenkohl mit Artischocken und Krebsen;
Frische Heringe, Lachs und Hummer begleiteten diese.
Hierauf gingen die Rund' ein braun und ein weißes Gemengsel:
Rüssel und Ohren vom Schwein, Hahnkämme, Zungen von Lämmern,
Kälberbrissel und Ochsengaum, mit Pingeln und Kappern.
Hierauf kam der Rücken des Rehbocks, welchen ein Förster
Vom Blocksberge gesandt. Ein erzgebürgischer Berghahn
Ging dann herum, als Führer des Ortolanengeschwaders;
Sein rotkammiger Kopf lag abgeschnitten am Rande.
Auch die Trabanten rückten heran: Tolläpfel, Oliven,
Weißlicher Kopfsalat, Endivien, Beete, Sardellen,
Überzuckertes Obst, und Gurken mit barschem Orego.

Jetzo verschob der Arzt die hitzende Wolkenperücke,
Trocknete Finger und Maul, und tiefaufatmend begann er:

»Wahrlich! man kann doch viel der Gottesgaben genießen,
Wenn man sich Zeit läßt! Phh! Ich muß die Weste mir lösen!
Nun es lebe der Herr Wohltäter und seine Gemahlin!«

Also sprach er, da klangen die vollen Gläser zusammen.
Aber höre, da kommen die Kühe schon von der Weide.
Drum verspar ich dir die Beschreibung vom prächtigen Nachtisch:
Von den Torten, Makronen, von Quittenschnee und Meringeln;
Und von dem Himbeereise, woran mir Stümper die Zunge
Fast verfror; von den Pfirschen und Aprikosen aus Potsdam;
Von den Granaten, Melonen, des Ananas beißender Süße,
Und den levantischen Mandeln und zyprischen Traubenrosinen;
Auch von vergoldeten Gläsern mit alten bärtigen Köpfen;
Und von rotem Champagner, auf Sillerys Gute gekeltert,
Kaiserlichem Tokaier, und überköstlichem Kapwein;
Auch wie zuletzt die beiden Lakain an der Türe das Trinkgeld
Bettelten. Aber ich muß im Hof ein wenig herumgehn.
Singe den Kleinen in Schlaf, und dann laß Ilsabe wiegen,
Und bestelle für uns das Abendbrot in die Laube.

Frau
Nimm denn auch gütig vorlieb mit meiner geringen Bewirtung!
Zuckererbsen in Schoten und zwei gebratene Küchlein
Bring ich nur, und schickst du dich gut, Erdbeeren zum Nachtisch.
Auch will ich Tafelmusik bei den Grillen und Fröschen bestellen,
Und bei dem Rosengebüsch und den Nachtviolen Gerüche.

Pächter
Schön, mein Liebchen! Und dann, statt Kronenleuchter und Blaker,
Strahle der Abendstern und die wetterleuchtende Wolke.



             Der Herbsttag

Die Bäume stehn der Frucht entladen,
Und gelbes Laub verweht ins Tal;
Das Stoppelfeld in Schimmerfaden
Erglänzt am niedern Mittagsstrahl.
Es kreist der Vögel Schwarm, und ziehet;
Das Vieh verlangt zum Stall, und fliehet
Die magern Aun, vom Reife fahl.

O geh am sanften Scheidetage
Des Jahrs zu guter Letzt hinaus;
Und nenn ihn Sommertag und trage
Den letzten schwer gefundnen Strauß.
Bald steigt Gewölk, und schwarz dahinter
Der Sturm, und sein Genoß, der Winter,
Und hüllt in Flocken Feld und Haus.

Ein weiser Mann, ihr Lieben, haschet
Die Freuden im Vorüberfliehn,
Empfängt, was kommt, unüberraschet,
Und pflückt die Blumen, weil sie blühn.
Und sind die Blumen auch verschwunden;
So steht am Winterherd umwunden
Sein Festpokal mit Immergrün.

Noch trocken führt durch Tal und Hügel
Der längst vertraute Sommerpfad.
Nur rötlich hängt am Wasserspiegel
Der Baum, den grün ihr neulich saht.
Doch grünt der Kamp von Winterkorne;
Doch grünt, beim Rot der Hagedorne
Und Spillbeern, unsre Lagerstatt!

So still an warmer Sonne liegend,
Sehn wir das bunte Feld hinan,
Und dort, auf schwarzer Brache pflügend,
Mit Lustgepfeif, den Ackermann:
Die Krähn in frischer Furche schwärmen
Dem Pfluge nach, und schrein und lärmen;
Und dampfend zieht das Gaulgespann.

Natur, wie schön in jedem Kleide!
Auch noch im Sterbekleid wie schön!
Sie mischt in Wehmut sanfte Freude,
Und lächelt tränend noch im Gehn.
Du, welkes Laub, das niederschauert,
Du, Blümchen, lispelst: Nicht getrauert!
Wir werden schöner auferstehn!



          Der Kuß

Du Kleine, willst du gehen?
Du bist ein Kind!
Wie wolltest du verstehen,
Was Küsse sind?
Du warst vor wenig Wochen
Ein Knöspchen bloß;
Nun tut, kaum ausgebrochen,
Das Röslein groß!

Weil deine Wange röter
Als Apfel blüht,
Der Augen Blau wie Äther
Im Frühling glüht;
Weil deinen Schleier hebet,
Ich weiß nicht was,
Das auf und nieder bebet:
Das meinst du, das?

Weil kraus wie Rebenringel
Dein Haupthaar wallt,
Und hell wie eine Klingel
Dein Stimmchen schallt;
Weil leicht, und wie gewehet,
Ohn Unterlaß
Dein schlanker Wuchs sich drehet:
Das meinst du, das?

Ich sahe voll Gedanken
Durch junges Grün
In blauer Luft die blanken
Gewölkchen ziehn;
Da warfst du mich, du Bübin,
Mit feuchtem Strauß,
Und flohst wie eine Diebin
Ins Gartenhaus.

Nun sitz und schrei im Winkel,
Und ungeküßt,
Bis du den Mädchendünkel
Rein abgebüßt!
Ach gar zu rührend bittet
Dein Lächeln mich!
So komm, doch fein gesittet,
Und sträube dich!



          Der Maiabend

Umweht von Maiduft,
unter des Blütenbaums Helldunkel
sehn wir Abendgewölk' verglüh'n,
des vollen Mond's Aufgang erwartend
und Philomelengesäng' im Talbusch.

Lau war die Dämm'rung,
traulicher scherzten wir,
mit nachgeahmter Fröhlichkeit bald verstummt,
in holdem Tiefsinn saß das Mägdlein,
flüsterte wollen wir gehn, und ging nicht.



                   Der Rebensproß

Fruchtschwer an Lesbos' sonnigen Höhn erwuchs
Ein hehrer Weinstock, welcher Ambrosia,
    Voll Hochgefühls und Hochgesanges,
        Zeitigte, durch Dionysos Obhut,

Der rohen Tiersinn zähmte zu Menschlichkeit.
Anstaunenswürdig, mitten im Tempelhain,
    Dichtlaubig, schwer von reifem Purpur,
        Stand der ambrosische Lebensweinbaum.

Hier trank Arion schmelzenden Zauberhall,
Mit Nymph und Satyr schwärmend im Hain; es trank
    Sturmlauten Freiheitsschwung Alkäos,
        Brautmelodien die entzückte Sappho.

Zwar ach! verhallt sind ihre Gesäng in Nacht:
Doch weht in Flaccus lebende Harmonie
    Nachhall; und sanft um tote Rollen
        Tönt in den Schlacken Vesuvs ihr Lispel.

Mir trug Lyäos, mir der begeisternden
Weinrebe Sprößling; als, dem Verstürmten gleich
    Auf ödem Eiland, ich mit Sehnsucht
        Wandte den Blick zur Hellenenheimat.

Schamhaft erglühend, nahm ich den heiligen
Rebschoß, und hegt' ihn, nahe dem Nordgestirn,
    Abwehrend Luft und Ungeschlachtheit,
        Unter dem Glas in erkargter Sonne.

Vom Trieb der Gottheit, siehe, beschleuniget,
Stieg Rankenwaldung übergewölbt, mich bald
    Mit Blüte, bald mit grünem Herling,
        Bald mit geröteter Traub umschwebend.

Im süßen Anhauch träum ich, der Zeit entflohn,
Wettkampf mit altertümlichem Hochgesang.
    Wer lauter ist, der koste freundlich,
        Ob die Ambrosiafrucht gereift sei.


     Der Rosenkranz

An des Beetes Umbuschung
brach sie Rosen zum Kranz,
feurig prangte die Mischung
rings im tauigen Glanz.
Ros' auf Ros' in das Körbchen sank,
purpurrot und wie Silber blank.

Zwar den Grazien heilig,
sang sie, blühet ihr dort,
warum aber so eilig abgeblüht und verdorrt.
Die so eben geöffnet stehn,
werden bald in dem Winde wehn.

Du rotstreifiges Knöpfchen
zitternd schaust du dein Grab,
und ein perlendes Tröpfchen
hängt als Träne herab.
Bleib, du sollst in dem Sonnenschein
dich des flüchtigen Lebens freun.

Mit tiefsinniger Säumniß
flocht das Mädchen den Kranz,
in der Laube Geheimnis
Lieb' und Zärtlichkeit ganz.
Als auf's Haupt sie das Kränzchen nahm,
wohl mir Seligen,
wohl mir, daß ich kam.



                                                         Der Sklave

Das heischere Geschrei nach Freiheit ... macht auf alle Menschen, die ihren Kohl in Frieden bauen, und wenig auf die Regierung achtgeben, worunter sie ihn bauen, einen höchst widrigen Effekt.
                                                                                                      Wieland

Bei meinem lieben Topf voll Reis
Verschmaus ich, Sklav des großen Deys,
    Der Freiheit Last und Kummer.
Von Ketten lieblich eingeklirrt,
Schlaf ich, bis früh die Peitsche schwirrt,
    Der Arbeit süßen Schlummer.

Zwar schnaubt mein Dey: Du Christenhund!
Und geißelt mir den Rücken wund,
    Und sieht aus wie der Teufel:
Doch jeder hat so seinen Tick;
Und ich verwette mein Genick,
    Gut meint er's ohne Zweifel.

Wenn ihr nur seinen Tick nicht reizt,
Und ihm so vor der Nase kreuzt,
    Maltesische Verschwörer!
Der Christen Freiheit rächet ihr?
Bei Machmuds Bart! das fühlen wir!
    Ihr seid nur Friedensstörer!

Quecksilber hat der Narr im Kopf,
Der nicht mit Lust bei deinem Topf,
    Korsarenvater, bleibet!
Du bist ja Herr, und wir sind Knecht!
Das wollte Gott und Völkerrecht!
    Ein Meuter, wer sich sträubet!

Das Vaterland? Was Vaterland!
Der Topf, der Topf ist Vaterland!
    Das übrige sind Fratzen!
Da sollt' ich mich dem wilden Meer
Und Sturm vertraun, und hinterher
    Um Brot die Ohren kratzen!

Bei meinem lieben Topf voll Reis,
Genieß ich, Sklav des großen Deys,
    Hans Ohnesorgens Freuden!
Und wenn ich einst bei Laune bin,
So geh ich zu dem Mufti hin,
    Und lasse mich beschneiden!



               Der siebzigste Geburtstag

                          An Bodmer

Bei der Postille beschlich den alten christlichen Walter
Sanft der Mittagsschlummer in seinem geerbeten Lehnstuhl,
Mit braunnarbichtem Jucht voll schwellender Haare bepolstert.
Festlich prangte der Greis in gestreifter kalmankener Jacke:
Denn er feierte heute den siebzigsten frohen Geburtstag;
Und ihm hatte sein Sohn, der gelehrte Pastor in Marlitz,
Jüngst vier Flaschen gesandt voll alten balsamischen Rheinweins,
Und gelobt, wenn der Schnee in den hohlen Wegen es irgend
Zuließ', ihn zu besuchen mit seiner jungen Gemahlin.
Eine der Flaschen hatte der alte Mann bei der Mahlzeit
Ihres Siegels beraubt, und mit Mütterchen auf die Gesundheit
Ihres Sohnes geklingt, und seiner jungen Gemahlin,
Die er so gern noch sähe vor seinem seligen Ende!
Auf der Postille lag sein silberfarbenes Haupthaar,
Seine Brill und die Mütze von violettenem Sammet,
Mit Fuchspelze verbrämt, und geschmückt mit goldener Troddel.

Mütterchen hatte das Bett und die Fenster mit reinen Gardinen
Ausgeziert, die Stube gefegt und mit Sande gestreuet,
Über den Tisch die rotgeblümte Decke gebreitet,
Und die bestäubten Blätter des Feigenbaumes gereinigt.
Auf dem Gesimse blinkten die zinnernen Teller und Schüsseln;
Und an den Pflöcken hingen ein paar stettinische Krüge,
Eine zierliche Ell, ein Mangelholz und ein Desem.
Auch den eichenen Schrank mit Engelköpfen und Schnörkeln,
Schraubenförmigen Füßen und Schlüsselschilden von Messing,
(Ihre selige Mutter, die Küsterin, kauft' ihn zum Brautschatz:)
Hatte sie abgestaubt und mit glänzendem Wachse gebohnert,
Oben stand auf Stufen ein Hund und ein züngelnder Löwe,
Beide von Gips, Trinkgläser mit eingeschliffenen Bildern,
Zween Teetöpfe von Zinn, und irdene Tassen, und Äpfel.

Jetzo erhob sie sich vom binsenbeflochtenen Spinnstuhl
Langsam, trippelte leis auf knarrendem Sande zur Wanduhr
Hin, und knüpfte die Schnur des Schlaggewichts an den Nagel,
Daß den Greis nicht weckte das klingende Glas und der Kuckuck;
Sah dann hinaus, wie der Schnee in häufigen Flocken am Fenster
Rieselte, und wie der Sturm in den hohen Eschen des Hofes
Rauscht', und verwehte die Spuren der hüpfenden Krähn an der Scheune.

»Aber mein Sohn kommt doch, so wahr ich Elisabeth heiße!
(Flüsterte sie:) denn seht, wie die Katz auf dem Tritte des Tisches
Schnurrt und ihr Pfötchen leckt, und Bart und Nacken sich putzet!
Dies bedeutet ja Fremde, nach aller Vernünftigen Urteil!«

Sprach's, und setzte die Tassen mit zitternden Händen in Ordnung,
Füllte die Zuckerdos, und scheuchte die summenden Fliegen,
Die ihr Mann mit der Klappe verschont zur Wintergesellschaft;
Nahm zwo irdene Pfeifen, mit grünen Posen gezieret,
Von dem Gesims und legte Tobak auf den zinnernen Teller.

Jetzo ging sie und rief mit leiser heiserer Stimme
Aus der Gesindestube Marie vom tummelnden Spulrad:

»Scharre mir Kohlen, Marie, aus dem tiefen Ofen, und lege
Kien und Torf hinein, und dürres büchenes Stammholz;
Denn der alte Vater, du weißt es, klaget beständig
Über Frost, und sucht die Sonne sogar in der Ernte.«

Also sprach sie; da scharrte Marie aus dem Ofen die Kohlen,
Legte Feurung hinein, und weckte die Glut mit dem Blasbalg,
Hustend, und schimpfte den Rauch, und wischte die tränenden Augen.

Aber Mütterchen brannt' am Feuerherd in der Pfanne
Emsig die Kaffeebohnen, und rührte sie oft mit dem Löffel;
Knatternd bräunten sie sich, und schwitzten balsamisches Öl aus.
Und sie langte die Mühle herab vom Gesimse des Schornsteins,
Schüttete Bohnen darauf, und nahm sie zwischen die Kniee,
Hielt mit der Linken sie fest, und drehte den Knopf mit der Rechten;
Sammelte auch haushältrisch die hüpfenden Bohnen vom Schoße,
Und goß auf das Papier den grobgemahlenen Kaffee.
Aber nun hielt sie mitten im Lauf die rasselnde Mühl an:

»Eile, Marie, und sperre den wachsamen Hund in den Holzstall,
Steig auf den Taubenschlag, und sieh, ob der Schlitten nicht ankommt.«

Also sprach sie; da eilte die fleißige Magd aus der Küche,
Lockte mit schimmlichem Brote den treuen Monarch in den Holzstall,
Krampte die Türe zu, und ließ ihn kratzen und winseln;
Stieg auf den Taubenschlag, und pustete, rieb sich die Hände,
Steckte sie unter die Schürz und schlug sich über die Schultern.
Jetzo sah sie im Nebel des fliegenden Schnees, wie der Schlitten
Dicht vor dem Dorfe vom Berg herklingelte, stieg von der Leiter
Eilend herab und brachte der alten Mutter die Botschaft.

Aber mit bebenden Knieen enteilte die Mutter; ihr Herz schlug
Ängstlich, ihr Othem war kurz, und im Laufen entflog ihr Pantoffel.
Näher und näher kam das Klatschen der Peitsch und das Klingeln;
Und nun schwebte der Schlitten herein durch die Pforte des Hofes,
Hielt an der Tür; und es schnoben, beschneit und dampfend, die Pferde.
Mütterchen eilte hinzu, und rief: »Willkommen! Willkommen!«
Küßt' und umarmte den lieben Sohn, der zuerst aus dem Schlitten
Sprang, und half der Tochter aus ihrem zottigen Fußsack,
Löst' ihr die samtne Kapuz, und küßte sie; Tränen der Freude
Liefen von ihrem Gesicht auf die schönen Wangen der Tochter.

»Aber wo bleibt mein Vater? Er ist doch gesund am Geburtstag?«
Fragte der Sohn; da tuschte die Mutter mit winkenden Händen:

»Still! er schläft! Nun laßt die beschneiten Mäntel euch abziehn;
Und dann weck ihn mit Küssen, du liebe trauteste Tochter!
Armes Kind, das Gesicht ist dir recht rot von dem Ostwind!
Aber die Stub ist warm; und gleich soll der Kaffee bereit sein!«

Also sprach sie, und hängt' an gedrechselte Pflöcke die Mäntel,
Öffnete leise die Klink, und ließ die Kinder hineingehn.
Aber die junge Frau mit schönem lächelndem Antlitz
Hüpfte hinzu, und küßte des Greises Wange. Erschrocken
Sah er empor, und hing in seiner Kinder Umarmung.



      Der zufriedene Greis

Ein Nachbar von Gleims Hüttchen

Ich sitze gern im Kühlen
Auf meiner Knüppelbank,
Und seh im Winde wühlen
Das Rokkenfeld entlang.
Dann flecht ich Stühl' und Körbe,
Und sing, und denke wohl:
Bald sagt des Holzes Kerbe,
Die vierte Stieg ist voll.

Wie unvermerkt doch schlendert
Die liebe Zeit dahin!
Gar viel hat sich verändert,
Seit ich im Dorfe bin.
So manches Jugendspielers
Gedenk ich: Ach der war!
Der Sohn des Nebenschülers
Hat auch schon graues Haar.

Wer hören mag, der höret
Mich oft von alter Zeit:
Wer da und dort verkehret,
Wer dies und das verneut.
Ich weiß des Krams nicht minder,
Als unsers Kirchturms Knopf;
Das Neue nur, ihr Kinder,
Behalt ich nicht im Kopf.

Ich mag's auch nicht behalten,
Ob's abschreckt oder körnt;
Ich habe längst am Alten
Mein Sprüchlein ausgelernt:
Der Mensch im Anfang launet,
Und findet manches hart;
Er wird's gewohnt, und staunet,
Wie gut es endlich ward.

Du wirk ohn umzugaffen,
Und übe deine Pflicht.
Will Gott was Neues schaffen,
So widerstrebe nicht.
Wie seltsam er oft bessert,
Er übersieht uns weit:
Was klein war, wird vergrößert,
Das Große wird zerstreut.

Fürwahr im Himmel waltet,
Der wohl zu walten weiß;
Der Alte, der nie alter,
Der lenkt der Dinge Gleis.
Gewitter, Sturm und Regen
Erheitern Luft und Flur.
Bebt nicht vor Donnerschlägen;
Der Alte bessert nur.

Jetzt naht er manchem Volke
Mit Strafgericht und Graus,
Und donnert aus der Wolke;
Getrost! er bessert aus.
Drum laß ich ohne Kummer
Es gehen, wie es geht:
Als ob in halbem Schlummer
Um mich der Schatten weht.



                        Die Kirschenpflückerin

                                    An Gleim

Hedewig
Seht doch, wie sinnig sie geht, die freundliche schöne Rebecka;
Wie sie die nickenden Ähren durch ausgebreitete Finger
Laufen läßt, und selbst den Regenbogen nicht ansieht,
Der von dem Buchenwalde zum blauen Seee sich ausdehnt.
Über der Schulter die Hark, und auf dem Arme das Körbchen,
Voll von blauen Tremsen darin, und Feuerblumen und Schwertel,
Rade, Vergißmeinnicht und düftereichen Kamillen,
Wär ich ein Mann und jung, ich könnte mich wahrlich verlieben.
Aber der Wangen Röte, mein Engel, ist mit Erlaubnis
Wohl nur Widerschein von dem roten Futter des Strohhuts.

Rebecka
Spötterin, sage, wo bist du? Dort unter den lomberschen Nüssen?
Oder im Lindenbaum, in der hohen künstlichen Laube?
Piep eins, Hedewig.

Hedewig
Piep!

Rebecka
O Himmel, sie sitzt, wie ein Eichhorn,
Oben im Kirschenbaum! Nun wart, ich will dich bezahlen.

Hedewig
Gehe doch vorn durchs Haus, der Zaun ist zu hoch und zu dornicht.
Du zerdrückst mir den Hopfen, durchrankt mit blühender Winde.
Seht, wie die Katze klettert! Ha recht! da hängt ihr der Rock fest.
Nimm dich in acht, Rebecka, du brennst dir die Knie in den Nesseln.

Rebecka
Sei mir gegrüßt, mein Kind. Was vor herrliche spanische Kirschen
Hast du, so groß und so voll! Es glänzt recht gegen die Sonne.
Wirf mir ein Büschel herunter, den Durst zu löschen. Ich kehrte
Auf der Wiese mein Heu, und ein Regenschauer vertrieb mich.
Sonderbar! von der Brücke bis hier ist kein Tropfen gefallen.

Hedewig
Dirne, was hast du vor? Du Bösewicht, laß mir die Leiter!

Rebecka
Sitze mir nun, wie einst der Tod im bezauberten Birnbaum!
Bis du den Schabernack mir gebüßet, den du im Frühling
Auf der Bleiche des Nachts in der strohernen Hütte mir antatst.
Gegen den Morgen schlief ich, und nach der bösen Gewohnheit,
Die ich als Kind von meiner geschwätzigen Patin geerbet,
Sprach ich im Traum. Da fragtest du mich: Hat Adolf, dein Bruder,
Seine Hedewig lieb? – Von Herzen! – Ist sie denn wirklich
Schön? – Ein Gesicht wie ein Apfel, und blaue schelmische Augen! –
Aber ihr Haar ist borstig und fuchsrot, wie man erzählet? –
Fui! kastanienbraun und lang und weicher als Seide! –
Liebst du nicht auch, Rebecka? – Vielleicht. – Wie heißt dein Geliebter? –
Oh! das sagt man nicht gern! Matthias heißt mein Geliebter.
So betrogst du mich, Schelm; und wohl noch manches Geheimnis
Hätt' ich armes Ding dir erzählt: als Lustig mit einmal
Bellte. Da sprang ich hinaus, und suchte den Dieb bei der Leinwand.
Aber er schalt nur den Mond, der aus den Wolken hervorkam;
Und du lachtest, und sprachst: Matthias heißt mein Geliebter!
Siehst du? Ich weiß noch alles, und jetzo sollst du mir büßen.

Hedewig
Sage, was soll ich denn tun, mein Engel?

Rebecka
Singe das Lied mir...
Hu! wie erschrak ich! Da fiel ein Königsapfel vom Baume.
Ist er schon mürb? O weh! es sitzt eine Wespe darinnen!...
Singe das Lied, das Adolf vom grünen Sumpfe gedichtet!
Neulich belauscht' ich ihn; es klang ganz artig im Maibusch.

Hedewig
Nein wahrhaftig, Rebecka; ich werde mich selbst nicht besingen!
Lieber die ganze Nacht auf diesem Baume geharret!

Rebecka
Gut. Hier liegen ja Birnen und Äpfel im Grase.

Hedewig
Zum Kuckuck!
Dirne, du wirfst ja für toll! Heida! ein Puff auf den Rücken!
Au! noch einer am Fuß! Mir saust's um die Ohren wie Hagel!
Jammer, da purzelt der Korb mit allen Kirschen hinunter!
Friede! ich will ja singen, du unbarmherziger Wütrich!

Rebecka
Willst du? mich deucht, die Gegend ist recht einladend zum Singen:
Oben im grünen Baume, die Nachtigall wählt ihn nicht schöner!
In dem rötlichen Glanz der untergehenden Sonne;
Und rings zirpen die Grillen, die Bienen sumsen im Schauer,
Frösche röcheln im Sumpf, und im Weizen locket die Wachtel.
Sing!

Hedewig
Nun ja, wenn ich muß! Du sollst mich aber nicht ansehn,
Auch nicht lachen.

Rebecka
Ich sammle indes die Kirschen. Nur hurtig!
Langes Quälen ist bitterer Tod! Wozu das Geräusper?

Hedewig
Beschattet von der Pappelweide
    Am grünbeschilften Sumpf
Saß Hedewig im roten Kleide,
    Und strickt' am kleinen Strumpf;
Sie strickt', und sang mit süßem Ton
Ein Lied, ich weiß nicht mehr wovon.

Rebecka
Schön! Nur ein wenig lauter; denn hier belauscht uns ja niemand.
Recht herzbrechende Stellen erlaub ich dir leise zu singen.

Hedewig
Da ging ich an dem Bach zu fischen
    Mit meiner Angel hin,
Und hörte hinter Erlenbüschen
    Die schöne Nachbarin.
Ich ließ die Angel an dem Bach,
Und ging dem lieben Mädchen nach.

So einsam, Mädchen? Darf ich stören?
    Hier sitzt man kühl und frisch. –
»O gern! Ich suchte Heidelbeeren
    In dieses Tals Gebüsch.
Allein die Mittagssonne sticht,
Auch lohnet es die Mühe nicht.«

Ich setzte mich mit bangem Mute,
    Mir lief's durch Mark und Bein;
Und neben meinem Fuße ruhte
    Ihr Füßchen zart und klein,
Auf Gras und Blumen hingestreckt,
Und bis zum Zwickel nur bedeckt.

Wir zitterten wie Maienblätter,
    Und wußten nicht warum;
Wir stammelten von Saat und Wetter,
    Und saßen wieder stumm,
Und horchten auf die Melodien,
Die Kibitz und Rohrdommel schrien.

Jetzt kühner, stört' ich sie im Stricken,
    Und nahm ihr Knaul vom Schoß;
Doch herzhaft schlug sie mit dem Sticken
    Auf meine Finger los:
Und als sie hiermit nichts gewann,
Da setzte sie die Zähnchen an.

O sieh, wie durch das Laub, mein Liebchen,
    Die Sonne dich bestrahlt,
Und bald den Mund, bald Wang und Grübchen
    Mit glühndem Purpur malt!
Auf deinem Antlitz hüpft die Glut,
Wie Abendrot auf sanfter Flut.

Sie lächelte; ihr Busen strebte
    Mit Ungestüm empor,
Und aus den heißen Lippen bebte
    Ein leises Ach hervor.
Ich nahte mich, und Mund an Mund
Versiegelten wir unsern Bund.

Rebecka
Ist es nun aus?

Hedewig
Ja, Hexe!

Rebecka
Ich meint', es wäre noch länger.
Nun so komm herunter, und küsse mich.

Hedewig
Freilich, das fehlt noch!
Wie das Gesicht mir glüht! Ich geh, und klag es Matthias,
Daß er ebenso glühend die roten Wangen dir küsse!