Weber

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Biografie

          Am Amboß

Mir griff des Lebens harte Faust
schon in die krausen Kinderlocken;
den Knaben hat es derb gezaust,
hat ihn umsungen und umsaust,
und wahrlich nicht mit Blütenflocken.

Und »Schaffen!« rief's; »die Stunde flieht!«
und trieb mich aus der Mutter Kammer:
»Nur der hat recht, der recht sich müht;
du selbst bist deines Glückes Schmied.«
Ich weint' und faßte Zang' und Hammer.

Weit fuhr ich, wie die Sehnsucht fährt;
von Riesen lernt' ich und von Zwergen,
und braun und stark zurückgekehrt,
bestellt' ich frisch den eignen Herd
ich meiner Heimat grünen Bergen.

Da hub ich an, mit Mut und Fleiß
zu ernsten Schlägen auszuholen;
den spröden Stahl bezwang mein Schweiß,
und mancher Tropfen, herb und heiß,
fiel zischend in der Esse Kohlen.

Und ob im Lenz die Schwalbe sang,
ob draußen Ros' und Lilie sprossen,
ob fern vom stillen Waldeshang
der Herdenglocken Läuten klang:
ich stand am Feuer unverdrossen.

Und wenn im kalten Januar
die Winterstürme nimmer ruhten,
ob spiegelblank das Eis, ob klar
im Schnee des Gablers Fährte war:
ich schürte trotzig meine Gluten.

So Mond auf Mond, jahraus, jahrein,
so Tage lang und halbe Nächte!
Stets brannte meines Feuers Schein
wie Vestas Feuer hell und rein,
und hoch den Hammer schwang die Rechte.

Wohl träumten mir im Herzen tief
viel wunderbare Melodieen,
ein Zauberwald, der schlief und schlief,
den keine Frühlingssonne rief,
in Frühlingsschönheit aufzublühen.

Mir war ein andres Ziel gestellt,
mir blieb nicht Zeit zu süßen Weisen.
Oft war die Brust wohl hochgeschwellt,
doch »Schaffen, schaffen!« rief die Welt,
und rüstig griff ich nach dem Eisen.

Zuweilen nur erquoll mein Sang,
wenn feuriger die Pulse glühten:
zum ernsten Schlag der Kling und Klang,
nur Funken, die beim heißen Drang
der Arbeit mir vom Amboß sprühten;

der Arbeit, die da nützt und nährt
und vorwärts trägt der Menschheit Fahnen,
die Mut verleiht und Manneswert
und Adel, trotz des Kaisers Schwert
und langen Reih'n verschollner Ahnen! -

Ob mir's gelang, bei Tag und Nacht
mein Glück, mein eignes Glück zu schmieden? -
Oft hab' ich andre froh gemacht
und stets an mich zuletzt gedacht:
ich diente, - und mein Lohn ist Frieden. -

Nun mählich wird die Hand mir müd',
bald schlaf' ich in der stillen Kammer.
Zu Häupten legt dem toten Schmied
den Amboß und sein letztes Lied,
legt ihm zu Füßen Zang' und Hammer.



  Beim Tode meines Bruders

Nun danke Gott, die Fahrt ist aus!
Du kehrtest heim ins Vaterhaus,
froh bist du bei den Deinen, -
und ich muß weinen.

Du kehrtest heim, stell' hin den Stab,
die schwere Bürde, leg' sie ab,
zieh aus die Reiseschuhe,
nun hast du Ruhe.

Dir tat so unsanft diese Welt,
vergiß sie unterm Palmenzelt,
vergiß sie in der andern; -
ich muß noch wandern.

Und bring der Mutter Gruß auf Gruß
von Ihrem, der noch wandern muß,
und sag' ihr, daß sein Lieben
ihr treu geblieben.

Und sag', sein Kopf sei greis und alt,
wohl käm' er gern, wohl käm' er bald:
zwei Blumen hab' er im Garten,
der müss' er warten.



     Der Handschuh.

An einem Nachmittage war's,
recht in der Mitte des Januars.
Zu Pömbsen über den alten Turm
trieb graue Wolken der Wintersturm;
Schneeschanzen warf er an Rainen und Hecken,
sich vor dem Lenz dahinter zu decken.
Erfroren starrten Bach und Teich,
der Wald stand einem Bettler gleich
und klagte dem Winde Blöße und Not.
Die Felder lagen wüst und tot;
Gelbgänschen und Spatz, Markolf und Krähe,
sie zogen ins Dorf, in der Menschen Nähe:
wo Rauch aufsteigt, da wird gekocht,
und Körner gibt's, wo der Drescher pocht.

Da rennt ein Bote in schnellem Lauf
die steile Straße des Dorfs hinauf;
aus Tür und Fenster sieht man ihm nach
und fragt, was er wohl eilen mag?
Im Pfarrhof droben steht er nun
und stampft den Schnee von den Nagelschuhn.
Der Wigand ist es von Schönenberg;
ins Fenster lugt er überzwerch,
ob heute der alte Herr, wie immer,
liest oder betet im kleinen Zimmer.
Er will ihn rufen in Todesnot;
sein Vater aß das letzte Brot
und schmachtet nun nach der Himmelsspeise,
der Labekost für die schwere Reise. -

Der Pfarrer Gerhard Lödige sitzt,
das greise Haupt auf die Hand gestützt,
vertieft in einen schweren Quartanten,
beschlagen mit Messingspangen und Kanten.
Er hatte schon so manches Jahr
als treuer Hirt die Lämmerschar
bewacht und geweidet auf grüner Halde;
nun denkt er des Heimgangs, balde, balde,
und müde der Welt, der Nacht und Not,
gehn seine Gedanken ins Morgenrot.
Er hört des Boten geflügeltes Wort,
nach Nieheim schickt er zum Arzt ihn fort;
dann ruft er den Hausknecht sonder Säumen,
der soll ihm hurtig den Fuchsen zäumen.
Demütig war er jahrelang
zu Fuß gewandert so manchen Gang,
bis Gliederfahren und Zipperlein
ihm mählich lähmten Arm und Bein;
jetzt muß er, will er die Pflicht erfüllen,
ein Rößlein reiten, auch wider Willen.

Er küßt das heilige Sakrament
im Silberkreuz und birgt es behend
an seiner Brust; die Stelle ist rein,
wie in der Kirche der Heiligenschrein.
Und Hut und Mantel nimmt er dann;
zuletzt noch zieht er die Handschuh' an,
zwei langgeschonte und tugendreiche,
wildlederne, pelzgefütterte, weiche,
vielwerte Gabe vom Probst Finet,
der lange schlummert im kühlen Bett.
Schon harrt der Knecht mit dem Pferde sein,
er hinkt zur Türe mit Müh' und Pein,
halb steigt er auf, halb wird er gehoben,
und Bügel und Mantel zurechtgeschoben. -

Das Füchslein, das den Weg schon weiß,
führt man es nur ins richtige Gleis,
hebt seine Hufe mit Gemach,
es tritt bedächtig, ihm ist nicht jach.
Und als sie kommen hinaus auf die Höh',
da weht und wogt und wirbelt der Schnee,
es pfeift der Wind so eisigkalt
herüber gerade vom lippischen Wald.
Der Alte drückt sich den Hut ins Gesicht,
er zieht um die Schultern den Mantel dicht,
doch schützt er die Brust und den Halt ihm nicht,
und es will der beschuhten Hand nicht gelingen,
den störrigen Knopf durch das Knopfloch zu bringen.
Da zieht er den Handschuh aus und rückt
und tastet und schiebt und drängt und drückt,
bis endlich den lahmen Fingern es glückt;
und als er will nach dem Handschuh fassen,
o weh, da hat er ihn fallen lassen!

Das ist nun große Verlegenheit:
kein Mensch zu sehen weit und breit!
Absteigen könnt' er zur Not erträglich,
aufsteigen aber allein, unmöglich!
Was ist zu tun? Der alte Mann,
ein Weilchen sieht er den Flüchtling an;
dann streift er den linken ab sogleich, -
er sitzt so warm, er sitzt so weich! -
und wirft ihn sacht zum rechten nieder
und denkt: »Handschuhe sind Zwillingsbrüder:
der eine ohne den andern ist
ein wertlos Ding für Jud' und Christ;
barhändig will ich weiter traben,
der Finder muß sie beide haben.« -

Er läßt sein Rößlein fürbaß gehn
durch Schneegestöber und Windeswehn.
Im Dorfe wärmt er die starren Hände,
dem Bäuerlein reicht er die Liebesspende
und redet zu ihm manch tröstliches Wort,
von Streit und Frieden, von hier und dort.
Spät kehrt er heim in finstrer Nacht,
hat seiner Handschuh' nicht gedacht.

Der gute Alte, nun ist er tot,
er ging hinein ins Morgenrot;
ich kannt' ihn, als ich ein Knabe war,
den freundlichen Herrn im silbernen Haar.
Zu Pömbsen an der Kirchentür,
da schläft er vierzig Jahre schier
rechts unter dem blühenden Fliederbaum.
Gott mag ihm einen seligen Traum
und zum Ehrenkleide in jenem Leben
zwei warme weiche Handschuh' geben.



       Uhlands Tod

Zu Tübingen am Neckar,
da steht ein stilles Haus,
da trat beim Sternenlichte,
den Hut tief im Gesichte,
ein bleicher Mann heraus.

Wer weiß, daß du verstummtest?
Dies Haus und ich allein!
Doch morgen wird man trauern
von Memels alten Mauern
bis an den Wasichenstein.

Da schallte von der Brücke
der Burschen strammer Tritt;
sie huben an zu singen,
manch Fräulein von Tübingen
sang in Gedanken mit.

»Ich hatt' einen Kameraden!«
das klang so frisch und voll:
der Bleiche horchte lange,
bis brennend auf die Wange
ihm eine Träne quoll.

»Und ob im Todeskampfe
das deutsche Herz dir brach:
dein Geist wird um uns schweben,
denn deine Lieder leben
bis an den jüngsten Tag.«

Der Mond, der schien so helle,
der aus den Wolken trat,
im Neckar sang es leise,
und fern verklang die Weise:
»Mein guter Kamerad.«